LK: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie

koka

Karl Marx: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie
Lesekreis in Augsburg

Heute gibt es so gut wie keinen Staat mehr, der nicht zur Vernunft gekommen wäre, der sich nicht einer kapitalistischen Staatsräson bedienen würde (nicht einmal die Kommunistische Partei Chinas verschließt sich einer solchen!): Denn die vom Staat gewährte Freiheit privaten Eigentums — an Kapital! Das versteht sich, liest man Grundgesetz und Menschenrechtserklärung, offenbar von selber! — verspricht ihm die Erträge abzuwerfen, die er für seine Behauptung und den Aufstieg innerhalb einer weltweiten Konkurrenz von Nationalstaaten nötig hat. Dafür, daß ihm seine Wirtschaft die ökonomischen Machtmittel verschafft, setzt er sie als eine »freie« Wirtschaft ins Recht. In der Konkurrenz freier Kapitale obsiegen allenthalben die erfolgreichen, also die, welche am meisten Profit erwirtschaften; dieses Prinzip soll einem jeden Staat, einem »ideellen Gesamtkapitalisten«, wie Marx einen solchen diesbezüglich nennt, sehr zum Nutzen gereichen.

Doch woher rührt nun dieser Erfolg einer »freien Wirtschaft«? Worin liegt nun das Geheimnis jener wundersamen Geldvermehrung, die sich ein jedes Kapital als seine Berufung zur Aufgabe gemacht hat? Das hat Marx — ganz im Gegensatz zu denen, die sich heute als Wissenschaftler verstehen! — interessiert. Im Gegensatz zu jenen hat er darüber hinaus nicht den Stand der Forschung in dieser Sache ignoriert. Er hat die seinerzeitigen Wirtschaftstheoretiker, welche eben dieser Frage nachgegangen sind, auf die Richtigkeit und Falschheit ihrer Überlegungen untersucht. Darüber ist er der Sache auf den Grund gekommen.

Für ihn war eine allgemeine Krise des Kapitals sodann kein Geheimnis. Konsequenterweise hing er nicht der haltlosen Behauptung an, eine solche Krise ließe sich, träfe man nur entsprechende Vorkehrungen, verhindern. Als der Bankrott der Investmentbank Lehman Brothers eine neue weltweite Krise des Kapitals einläutete, entsannen sich einige Journalisten, daß Marx exemplarisch von Krisen geredet habe: Müssen denn Krisen so charakteristisch für die kapitalistische Wirtschaft sein, wie von Marx behauptet?, fragten sie im Handelsblatt, in der taz, in der FAZ und all den anderen so seriös sich gebenden Blättern, die obendrein stets mit der Erwähnung eines »großen Geistes« glänzen wollen.

Freilich, Marx hat das ja nicht bloß behauptet, er hat es bewiesen. Doch diesen Beweis wollten und wollen die Protagonisten des Kapitalismus nicht gelten lassen. So war der Rekurs auf Marx allein dem Ansinnen geschuldet, so weiterzumachen wie bisher; denn was von Staats und Kapital wegen nicht sein darf, kann auch nicht die Wahrheit sein! —

Allerdings geht dieses geile Programm nicht ohne Kosten ab. Deshalb empfiehlt es sich für diejenigen, die diese Kosten allenthalben aufgebürdet bekommen und zu tragen haben, sich über die herrschende Rechnungsweise klar zu werden. Dazu ist Marx‘ »Kapital« hilfreich, ja unentbehrlich. 

Marx war sich — schon damals! — darüber im klaren, daß sich die »kleinen Leute« am ehesten über die »ungeheure Warensammlung« täuschen. Als solche wird ihnen der Reichtum kapitalistischer Gesellschaften vorstellig. Heutzutage als shopping people unterwegs zu sein, gilt ihnen außerhalb der Zeit, in dem kapitalistische Betriebe sie in Dienst genommen haben, als das Allerhöchste!

Daher beginnt Marx seine Untersuchung so: »Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.« (MEW Band 23, S. 49)

Der neue Kapital-Lesekreis beginnt in Augsburg im Januar 2020. 
Leute mit Erkenntnisinteresse melden sich an über www.kapital-lesen.com 
oder direkt unter der e-mail-Adresse: info@koka-augsburg.com
Alle weiteren Informationen dann per e-mail.

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Der allseits mißverstandene Nationalismus der SPD

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Apropos deutsche Ideologie:
Der allseits mißverstandene Nationalismus der SPD

Mit ihrem Gothaer Programm (1875), das Marx einer ebenso wohlwollenden wie radikalen Kritik unterzog, begann die deutsche Sozialdemokratie ihr Bewußtsein für eine nationale »Verantwortung« zu entwickeln. »…Bismarcks Norddeutsche war vollständig im Recht, wenn sie zur Zufriedenheit ihres Meisters verkündete, die deutsche Arbeiterpartei habe in dem neuen Programm dem Internationalismus abgeschworen. …« (Marx, MEW 19, S. 24)

Die Zementierung des nationalen Kurses
Mit den zunehmenden Erfolgen an den Wahlurnen verfestigte die deutsche Arbeiterpartei ihren Willen und beschleunigte so ihren Weg zur Machtübernahme in Deutschland. Die handfeste Bestätigung dafür und die Absage an ihre revolutionären Ursprünge (unter Berufung auf Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie) schlechthin lieferte schließlich ihr uneingeschränktes Ja zum Krieg des deutschen Kaiserreichs, für dessen Empfinden Deutschland seinen ihm gebührenden Spitzenplatz in der Staatenhierarchie eben erst noch erobern mußte.
Und wer bis dato immer noch Zweifel daran hatte, ob die deutsche Sozialdemokratie die soziale Frage nicht zugunsten ihrer nationalen Gesinnung über Bord geworfen habe, dem lieferte sie gleich im Anschluß an den mißglückten Krieg ein neues, im wahrsten Sinne des Wortes schlagendes Argument. Kaum die Staatsmacht ergriffen ließ sie im Verbund mit allen bislang schon rein deutsch denkenden Kräften die nach Kriegsende revoltierenden Soldaten und Arbeiter massakrieren. Ihr Reichswehrminister Noske warf sich stolz in die schwarz-rot-goldene Brust, indem er sich wörtlich dazu bekannte, einer müsse ja den »Bluthund« spielen.
Mit dieser vor Selbstbewußtsein strotzenden Haltung ging die Partei — ohne freilich das »sozial« aus Namen und Programm zu streichen — beim Volk, insbesondere dem Proletariat, das ihr als höchsteigenes Stimmvieh galt, hausieren. Jene Klasse, die nichts zu verlieren hatte außer ihren Ketten, bedurfte einer nationalen Erziehung, am besten eben gleich durch eine eigens dafür prädestinierte Partei. Um ihre Wahlerfolge zu neuen Höhen zu führen, versprach die Partei zudem dem weiblichen Geschlecht die Erlaubnis zu wählen. Wie sich nach Einführung des Frauenwahlrechts schnell herausstellte, bedurfte jedoch das schwache Geschlecht einer verstärkten Agitation, denn dessen Dankbarkeit an der Urne blieb erheblich hinter den Erwartungen zurück. Für eine nationale Vereinnahmung fehlte weitgehend noch die staatliche Inpflichtnahme durch die Notwendigkeit weiblicher Berufsausübung, insbesondere mangels für Frau und proletarischen Nachwuchs ausreichender Zahlungsfähigkeit des Ehemanns. Eine solche Verpflichtung erst konnte den Frauen dann als Chance, als Gleichberechtigung, gar als Emanzipation verkauft werden, womit sie reif werden sollten, die sozialdemokratische Fortschrittspartei zu favorisieren.
Die Agitation im allgemeinen war freilich viel weniger weltanschaulicher — die Weltanschauung, der Nationalismus, war die vorausgesetzte, nicht zur Diskussion stehende Grundlage und Ausgangsposition —, als hauptsächlich praktischer Art. Das zeigte sich in der brutalen Bekämpfung kommunistischer Umtriebe: Vor den volksschädlichen Kommunisten konnte die SPD nicht genug warnen und deren arbeiterfreundliche Proklamationen verkehrte sie parlamentarisch ins Gegenteil: So etwa die Etablierung von kapitalfreundlichen Betriebsräten anstelle von Arbeiter- und Soldatenräten. Zudem stellte die Partei mit der gewaltsamen Bekämpfung Aufständischer auf der Straße die Speerspitze des deutschen, republikanisch-demokratisch verfaßten Staates. (So wurde zum Beispiel von Reichspräsident Ebert, SPD, umgehend das Militär beauftragt, gegen revoltierende Kommunisten im Jahre 1923 zuzuschlagen.) Die Partei agierte dabei so, als wolle sie allen Konservativen, Liberalen, Monarchisten und überhaupt allen nationalen Sorgenträgern ein Vorbild und damit ein unschlagbares und unausschlagbares Angebot sein.

Ein nationaler Rückschlag 
Kurzum, die Partei ließ es an nichts, was die deutsche Staatsräson angeht, fehlen und gerade darob verwunderte sie sich: Andere Parteien nörgelten an ihr herum, ja stellten ihre extragut gemeinten nationalen Absichten großenteils oder überhaupt infrage.
Als dann die deutschen Faschisten 1933 die Macht ergriffen hatten, jammerte jenen einer ihrer »Bluthunde«, ein gewisser Otto Wels, was vor. Am 23.03.1933 spielte der, der schon 1918 als Berliner Stadtkommandant gegen die Linken, die damals Spartakisten hießen, losschlagen ließ, angesichts Hitlers Ermächtigungsgesetz den enttäuschten Liebhaber:
»Wir Sozialdemokraten haben in schwerster Zeit Mitverantwortung getragen und sind dafür mit Steinen beworfen worden.«
Der Umgang mit ihnen seitens der Radikaldeutschen hat der SPD schon damals nicht eingeleuchtet. Allzu gerne hätten sie doch mit ihnen in einer Regierung zusammengearbeitet, wenn diese sie nur gelassen hätten! Derselbe Wels daher weiter:
»Der außenpolitischen Forderung deutscher Gleichberechtigung, die der Herr Reichskanzler [Hitler] erhoben hat, stimmen wir Sozialdemokraten um so nachdrücklicher zu, als wir sie bereits von jeher grundsätzlich verfochten haben.
Ich darf mir wohl in diesem Zusammenhang die persönliche Bemerkung gestatten, daß ich als erster Deutscher vor einem internationalen Forum, auf der Bremer Konferenz am 3. Februar des Jahres 1919, der Unwahrheit von der Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges entgegengetreten bin.«
Auf historische Lügen verstehen sich die Sozialdemokraten offenbar bestens, geht es ihnen ja ums Allerheiligste, um Deutschland! Und die Gemeinsamkeiten mit den Faschisten waren keineswegs einfach nur Erfindung ihr böswillig gesinnter Kommunisten:
»Nie hat uns irgendein Grundsatz unserer Partei daran hindern können oder gehindert, die gerechten Forderungen der deutschen Nation gegenüber den anderen Völkern der Welt zu vertreten. Der Herr Reichskanzler hat auch vorgestern in Potsdam einen Satz gesprochen, den wir unterschreiben. Er lautet: „Aus dem Aberwitz der Theorie von ewigen Siegern und Besiegten kam der Wahnwitz der Reparationen und in der Folge die Katastrofe der Weltwirtschaft.“ Dieser Satz gilt für die Außenpolitik; für die Innenpolitik gilt er nicht minder. Auch hier ist die Theorie von ewigen Siegern und Besiegten, wie der Herr Reichskanzler sagte, ein Aberwitz.«
Freilich, in ihrer ideologischen Ignoranz verfangen — sie hielten die SPD nach wie vor für marxistisch —, ließen die sich »Nationalsozialisten« Nennenden — eine ideelle Vereinnahmung von Sozialisten — das nicht gelten. Und deren Berechnung ging auf: In Kürze waren SPD-Mitglieder und -Wähler bis auf wenige Ausnahmen besonders strammer Parteisoldaten von den Erfolgen der NSDAP überzeugt und zogen unter deutsch-nationaler Flagge in einen neuen Krieg, einen, der die deutschen Weltmachtansprüche konsequent wie nie zuvor durchzusetzen versprach.

Wiederauferstehung ihres nationalen Programms
Nach dem erneut — desaströs wie nie zuvor — verloren gegangenen Krieg erstand die als solche aufgelöste Partei von neuem: Sie wäre ja nicht dabei gewesen und somit nicht verantwortlich zu machen! Ein paar von den Faschisten — im ideologischen Sinne zu Unrecht [siehe die Wels-Rede] — eingekerkerte Mitglieder dienten ihr als Kronzeugen. Und wie nach dem vorherigen Weltkrieg hielt es die SPD für schier unmöglich, daß ihre so überaus konstruktive Haltung zum deutschen Staat übergangen werden könnte. Nichtsdestotrotz bedurfte es einiger Zeit, bis sie neben unteren Staatsabteilungen mit der Führung der Nation selbst mitsamt ihren Regierungsgeschäften vom dafür geschätzten und ansonsten verachteten Stimmvieh beauftragt wurde. Zum einen entbehrte sie zunächst einer der politischen Konkurrenz gegenüber überlegene Lichtgestalt. Zum anderen blieben die Zweifel daran, sich von der sozialen Frage endgültig gelöst zu haben, bei nicht Wenigen schier unerschütterlich: Dagegen half weder ihr neues, nochmals aufgefrischtes, vor nationaler Verantwortungsbereitschaft strotzendes Bad-Godesberger Programm (1959) noch eine Koalition mit der CDU und dann später eine mit der FDP, Parteien, die Ex-Nationalsozialisten eine neue politische Heimat boten. Die, welche eine solche suchten, zogen offiziell rechts eingeordnete Parteien vor, wenngleich auch manch NSDAPler weitsichtig genug war, unter die Decke der SPD zu schlüpfen (und »drüben« ins Bett der SED), um so schnell Karriere zu machen oder sonstige Vorteile zu genießen. Wer wollte, konnte ja unschwer den in dieser Partei verkörperten, neu aufgelegten deutschen Weltmachtanspruch entdecken, einen zutiefst moralisch geläuterten zumal, ganz ohne KZs und Judenvergasungen.
 
Eine gewisse Schwierigkeit hat sich dabei erhalten und zwar die, die staatliche Heuchelei mit der öffentlichen Moral nicht als solche zu nehmen, obschon sie nach und nach immer offenkundiger wurde — man denke etwa an die Debatte um die Wiederbewaffnung der BRD, an das rabiate Vorgehen gegen die 68er-Bewegung, an die angebliche Notwendigkeit einer »Nachrüstung« bis hin zur Rechtfertigung eines Angriffskriegs mit dem Totschläger-Argument »Nie wieder Auschwitz«!

Haltlose Vorwürfe von Seiten der nationalen Opposition
Freilich, viele wollten weiterhin nicht so ohne weiteres mitziehen, wollten nicht auf den zukunftsorientierten Kurs der SPD abfahren: In der neuen Ostpolitik, welche die nationale »Wiedervereinigung« voranbringen sollte, witterte die Opposition nicht weniger als einen Landesverrat. Ein mit allen Wassern gewaschener Politiker hingegen erkannte alsbald die neuen Chancen dieser »Öffnungs«-Politik: CSU-Chef Strauß begann mit der DDR handfesten Handel, ein Geschäft, das einen ganzen Staat dem deutschen Kapital — ziemlich exklusiv übrigens — zur Ausbeutung erschloß. Diese Trittbrettfahrerei mußte ein die SPD begünstigendes, zutiefst national gesonnenes — sich immerzu als das Durchblickerblatt für Besserverdienende schlechthin verstehendes — Magazin wie der Spiegel natürlich mißbilligen.

Die Selbstaufgabe der durch ihren Westhandel stark geschwächten DDR — noch dazu unter dem immensen Eindruck von Gorbatschows Perestrojka — schließlich rechtfertigte alle SPD-Bemühungen; Ex-Kanzler Brandt wurde stracks in den Götterhimmel des demokratischen deutschen Staates aufgenommen, der dem Personenkult keineswegs abhold ist, ganz im Gegenteil. Einmal mehr hatte sich die Partei um dieses Deutschland und seinen Erfolg in Europa und der Welt verdient gemacht. Die irrsinnige Leistung bestand nicht zuletzt darin, jeden Zweifel am Glauben an die große »unteilbare« deutsche Nation ausgeräumt und dabei — was angesichts dessen galant unter den Tisch fallen konnte — die Kosten rigoros auf die »kleinen Leute« abgewälzt zu haben. 
Schwer zu verschmerzen war nur, daß gerade andere Parteien unter einem großen Führer namens Kohl an den Schalthebeln der Macht waren und eben gerade sich ob des nationalen Erfolgs feiern lassen konnten. Doch ein tiefgläubiger Sozialdemokrat gibt nicht so ohne weiteres auf, der ringt verbissen weiter, weil er glaubt — das entnimmt er mühelos der Geschichte seiner Partei —, ohne diese komme Deutschland nicht wirklich voran. Und ihm half nach geraumer Zeit das Glück des Tüchtigen: Für den neuen wiedervereinigten gesamtdeutschen Staat brauchte es schon bald ein Aufbruchprogramm, eine Standortzurichtung besonderer Güte. SPD-Kandidat Schröder versprach das und diese neue Führerpersönlichkeit wurde dazu mitsamt seiner Partei auch prompt ermächtigt. 
Möglich war das mithilfe der Grünen, die mit der Eliminierung ihrer Gründungsikone Petra Kelly endgültig zu einer Partei nationaler Verantwortung geworden waren. Dem Schwarz-Rot-Gold fügten sie die Farbe grün hinzu, womit die nationalen Interessen schlagartig umweltkompatibel waren, inklusive der im Interesse einer national gesicherten Energieversorgung unverzichtbaren Atomkraftwerke. Auf die damit verbundene Machtoption sprang die SPD an. Kaum an der Macht wurde rücksichtslos daran gearbeitet, Deutschland voranzubringen:

Nationale Flurbereinigung für den Aufstieg zur Weltmacht
Im Inneren wurde mit der »sozialen Hängematte« aufgeräumt. »Hartz IV« hieß die Krönung der von der SPD aufgelegten »Agenda 2010«: Sie beinhaltete die Zwangsverarmung dauerhaft nicht oder kaum mehr verwertbarer Arbeitskräfte. Später dann wurde mit dem Mindestlohn dem Kapital eine Richtlinie gegeben, auf welches Niveau die allenthalben für zu hoch erachteten Löhne noch absenkbar sind, ohne die Verwertbarkeit der Arbeitskräfte unter das auf den Groschen genau berechnete Existenzminimum zu drücken. Darüber hinaus wurden die Arbeitszeiten zugunsten einer optimalen Verwertung der Arbeitskräfte flexibilisiert und das Renteneintrittsalter erhöht, was keineswegs ausschließen sollte, daß die Ware Arbeitskraft sich nicht noch mangels Rentenhöhe jenseits von 67 Jahren zu Markte tragen können sollte. (Eine Rechnung wie die, käme der technologische Fortschritt tatsächlich allen — und nicht allein den Verwertungsbedürfnissen der Wirtschaft — zugute, jeder Arbeitende spielend mit 50 Jahren in den Ruhestand treten könnte, ist für eine Partei völlig undenkbar, dem der nationale Standortgedanke in Fleisch und Blut übergegangen ist.) All diese Maßnahmen zur Stärkung der Nation wurden als reine Wohltat und feine, weil unausweichliche Zukunftsperspektive eben jener Manövrier- und Verwertungsmasse, die dafür herhalten sollte, so verkauft, als ob die Stärkung der Nation unmittelbar ihr zugute käme. Wiewohl die Partei ihrem nationalen Anerkennungsbedürfnis nach Sachlage entsprochen hat, so hat sie zugleich denen eine Vorlage geliefert, die darauf bestehen, daß die Stärkung der Nation eben auch »unten ankommen« müsse. Die also darauf bestehen, daß zwischen »Oben« und »Unten« wirklich ein Gleichheitszeichen gesetzt werden kann, also eine wahre Volksgemeinschaft, ein einhelliges deutsches Wir und eben keine Spaltung der Nation Resultat der nationalen Bestrebungen ist. 

Im Äußeren war ein Restposten des Realsozialismus, Jugoslawien, zwar schon zerschlagen, doch die SPD trieb mit dem Krieg gegen Serbien — mit dem der deutsche Staat aus zwei Weltkriegen sowieso noch Rechnungen offen hatte — ihr Bestreben voran, deutschen Erfolg in strategische Gewinne umzusetzen: Man entdeckte, das Kosovo harre noch seiner Befreiung! Niemand sollte sagen, Deutschland unter einer SPD geführten Regierung scheue seine Zuständigkeit für eine ihm nützliche Ordnung jenseits seiner Landesgrenzen. Ganz im Gegenteil: Deutschland übernahm die Führungsrolle, die sie insbesondere in Europa nicht länger den USA überlassen wollte. Dem Erpressungsversuch mit dem »Vertrag von Rambouillet« — der die im Vertrag von Dayton garantierten Grenzen aushebeln sollte und damit für Belgrad völlig unannehmbar war — folgte der NATO-Aggressionskrieg gegen Rest-Jugoslawien. — Kaum hatten dann die USA ihrerseits gehörigst um Unterstützung in einem ihrer Kriege, in Afghanistan, nachgefragt, schon war das SPD-geführte Deutschland auch dort militärisch zugange, und zwar nicht bloß als Hilfstruppe der USA, sondern eben nicht minder als deren weltpolitischer Konkurrent. Daß deutsche Truppen mal bis zum Hindukusch gelangen, davon haben die deutschen Faschisten nur träumen können. Mit der SPD jedoch wurden wirklich Einflußzonen  zu schaffen in Angriff genommen, die wegweisend für die weltpolitische Rolle Deutschlands geworden sind: Kein Fleckchen Erde, wo dieser Staat nicht seine Mitsprache und Zuständigkeit anmeldet, mit seinem ganzen, erpresserischen Gewicht dahinter (insbesondere SPD-Außenminister wie Steinmeier, Gabriel und Maas taten bzw. tun sich da in der heldenhaften Tradition von Genscher und Fischer hervor)!

Daß die Verdolmetschung der neuen deutschen Erfolge allen geheuchelten Rechtfertigungen zum Trotz bei den eigenen Bürgern nicht recht verfing, war der amtierenden Staatspartei sehr ärgerlich. Viele von ihnen, die sich vom sozialdemokratisch-deutschen Mobilisierungsprogramm nicht recht mitgenommen sahen, wandten sich wieder (2005) der Opposition zu, die sich ihrerzeit zwar kaum seltener an solch radikale innen- und außenpolitische Aufbrüche gewagt hatte — die demokratische Staatsform ist ja ein Wettbewerb um die effektivste, also radikalste Stärkung der Staatsgewalt —, ihnen aber — wenngleich nicht selber gemacht — Respekt zollte, weil sie deren staatszuträgliche Notwendigkeit schlechterdings nicht bestreiten konnte. Nicht von ungefähr ergab sich so für die SPD schon bald die Option, mit ihren bisherigen Konkurrenten, den Unionsparteien zu paktieren. Mit dezidiert rechten Parteien paktiert sie umso lieber, als sie sich, gemeinhin als links gebrandmarkt, damit von eben jenen als nationaler Verantwortungsträger Anerkennung verspricht: Sie möchte es ein für allemal unterlassen haben, in welchem Zusammenhang auch immer als antinational angepinkelt zu werden.

Undankbare Neonationalisten profitieren vom SPD-Kurs und die Gegenoffensive der SPD
Doch wie das politische Leben so spielt: Kaum erweckt die sozialdemokratische Führungselite gemeinsam mit ihrem Koalitionspartner durch die nonchalante Abarbeitung der staatlichen »Herausforderungen« den Schein, es in ihrer nationalen Verantwortung an Konsequenz, an Radikalität fehlen zu lassen — ein Schein, welcher im wesentlichen in der Frage des Umgangs mit nichtdeutschen Flüchtlingen aufkam —, schon erblüht nationale Kritik, die an der Politik das Nationale, die konsequente Durchsetzung des nationalen Interesses nach Innen wie nach Außen, überhaupt vermißt. Eine solche Haltung ist attraktiv für eine schier unfaßbar devote Masse, die ihrerseits ihre Anerkennung als braves, unabdingbar zur Nation gehörendes und somit zu bevorzugendes Volk zu verlieren glaubt, nach der es zwecks Kompensation all der ihr aufgebürdeten Zumutungen umso mehr lechzt. Insbesondere wildert solch Volk mit seiner Allzweckwaffe, dem Stimmzettel, bei den bislang mit an der Spitze nationaler Radikalität stehenden Sozialdemokraten. Einzelne aus dieser Masse heraus werden gar zu Mördern.

Die Konkurrenz mit einer neuen nationalen Bewegung gedenkt die SPD wie vor 1933 erneut auszufechten und nun eben zu gewinnen. Diesmal nämlich findet sie sich in einer durchdringender denn je staatstragenden Position, welche sie nicht einfach aus der Hand zu geben gedenkt.
»Es geht darum, ob sich große internationale Firmen, die Arbeitsplätze schaffen, noch in den Bundesländern ansiedeln, in denen die AfD stark ist. … Die Politik der AfD vernichtet Arbeitsplätze.« (SPD-Funktionär Klingbeil, AZ, 13.08.2019) Den Vorwurf der neuen Opposition, eine die Nation spaltende Politik zu betreiben, weist die SPD entschieden zurück und wirft den Neonationalisten vor, in ihrer Konsequenz selber Spalter zu sein, indem sie Arbeitsplätze vernichten. Welch exquisite Debatte unter Nationalisten: Sie bezichtigen sich gegenseitig einer völlig untragbaren Spaltung der Nation! Doch nichts lächerlicher, als Anhänger einer neonationalistischen Partei mit einem Programm zur Rettung alter und Schaffung neuer Arbeitsplätze ködern zu wollen: Jene nationalistischen Schreihälse haben längst von jedem Schein einer sozialen Frage — den die geheuchelte Rücksicht auf die Belange der Arbeitskräfte als Arbeitskräfte ausstrahlt — Abstand genommen! Sie haben diese Frage in eine für nötig befundene viel radikalere nationale Antwort übersetzt: Sie leugnen jeden Gegensatz von Staat und Manövriermasse respektive Verwertungsmasse, an welchen solch ein Programm erinnert! »Wir (= das Volk) sind der Staat« und an den Staat gerichtet: »Wir sind das Volk!« und nicht internationale Konzerne! — das ist ihr »antikapitalistisches« Glaubensbekenntnis, welches umstandslos auf die einstige Maxime »Ein Volk, Ein Reich, Ein Führer« rückführbar ist und — nicht minder! — an der entschieden harschen Zurückweisung des zitierten Vorwurfs anknüpft, mit der der SPD vermeintlich ein Stich gegen diese ihre Gegner gelingt.

Wer die deutschen Weltmachtansprüche verinnerlicht hat, der zieht daraus selbstredend auch außenpolitisch Konsequenzen. Er sieht Deutschland an Seite der USA nicht länger wirklich gut aufgehoben. Auch dafür leistete und leistet die SPD allen anderen Nationalisten Vorschub. Sie hat den mit dem zweiten Weltkrieg keineswegs abhanden gekommenen Antiamerikanismus stets zu pflegen getrachtet. Immer wieder gab es Vorbehalte wie bei der »Nachrüstung« (»die BRD als Schlachtfeld der USA kommt nicht so ohne weiteres infrage!«) oder beim Irakkrieg (»nicht vorher konsultiert«) oder bei den Sanktionen gegen den Iran etc.; ganz zu schweigen von der US-Politik unter Trump. »Wo immer die Zusammenarbeit [mit den USA] auf Augenhöhe möglich ist, stehen wir [SPD = stellvertretend für Deutschland] bereit. Wo bloße Gefolgschaft gefordert ist, nicht. … Souveränität heißt, daß wir selbst in der Lage sind, frei zu entscheiden, wo und wie wir mit den USA zusammenarbeiten. Davon aber sind wir [leider] ziemlich weit entfernt.« (Ex-Außenminister Gabriel, SPD; AZ, 04.06.2019) Deutlicher als eben so kann man das Thema »Souveränität« den neuen Nationalisten nicht präsentieren: Die SPD gibt dem Einwand jener Nationalisten im Prinzip Recht, nach dem Deutschland unter nichts so sehr leide wie unter us-amerikanischer Herablassung und Bevormundung, also »fehlender Souveränität«. Allein die zugehörige Heuchelei macht einen in der Sache gegen Null gehenden Unterschied klar: Wir, die SPD, machen die realitätsnahe, seriöse Politik von Deutschland für Deutschland, während die anderen »Populisten« sind, politikunfähig allenthalben, einzig gewollt, auf einen fahrenden Zug schwarzfahrend aufzuspringen oder, anders ausgedrückt, die nationalen Aufgaben allein zu ihrer parteipolitischen Profilierung zu mißbrauchen, anstatt eben die SPD als befugten und erprobten Obwalter nationaler Belange dankend anzuerkennen.
Hinter das apodiktisch antiamerikanischen Projekt EU und dessen Anti-Dollar Währung Euro warf die SPD all ihre Kraft und läßt auf dieses Unterpfand deutscher Weltgeltung nichts kommen. Schließlich ist ja nicht von der Hand zu weisen, daß Deutschland der Hauptnutznießer dieses Projekts war und ist. Es war ja gerade diese »Einsicht« aus dem zweiten Weltkrieg, daß die deutsche Staatsgewalt zwar gegen die USA ankommen will, aber das nicht allein kann, gerade weil und solange dafür ihm die ökonomische Grundlage fehlt. Daher sollen so viele Staaten wie möglich für die Etablierung und Erstarkung deutscher Weltmacht in die Pflicht genommen werden. Ausgerechnet dies wird die SPD nicht müde, den neuen Nationalisten vorzurechnen: Ihnen ermangele es ganz entschieden an »Realismus«, weshalb diese Nationalisten ihrer nationalen Verantwortung in internationalen Fragen nie und nimmer gerecht werden können. 
Nichtsdestotrotz versuchen jene Neuen ihrerseits, dieses supranationale deutsche Projekt als Verrat an der Nation darzustellen: Kontrafaktisch vermissen sie die deutsche Dominanz in Europa: Ein deutscher Nationalismus, der sich Europa buchstabiert, ein deutsches Wir, das in einem europäischen Wir aufgeht, ginge das denn überhaupt? Ja sicher, kontert die SPD und zwar wie folgt: Seinerzeit wurde der SPD-Bundeskanzler Willy Brandt von der italienischen Journalistin Oriana Fallaci, die noch wußte, wie man jemand auf den Zahn fühlt, befragt: »I keep wondering, Chancellor Brandt, if deep in your heart or rather your mind, you‘ve not more European than German.« Und Brandt gab sich auch einer Ausländerin gegenüber keine Blöße, indem er antwortete: »Well… It would be too much to expect a German chancellor who‘s almost sixty years old to admit to that. Especially knowing that Europe hasn‘t moved as far as it should have. No, you can‘t ask me to feel and behave more like a European than a German. One shouldn‘t even ask me to give that impression. So let‘s say I try to be a good European when I assume the responsibilities of a German. To answer your question: no, I‘m German.« (zitiert nach O. Fallaci, Interview with History, Boston, 1976, S. 217f)
 
Wer nun die Neonationalisten wieder heim ins Reich der SPD holen möchte, der wird ihnen nichts wirklich Grobes vorwerfen wollen, der tut im Gegenteil alles dafür, ihnen gewissermaßen in allem, was ein deutsch-nationales Herz bewegt, mit dem Hinweis zu entsprechen, daß Anliegen, die von einer wirklich seriösen Sorge um die Nation getragen sind, allein bei ihr ihre politische Heimstatt finden. Etwa so:
Deutschen Autofirmen möchte die SPD keineswegs zu nahe treten, obschon diese deutsche Gesetze vorsätzlich hintergangen haben. Hingegen möchte die Partei gerne us-amerikanische internetbasierte Firmen zur Kasse bitten — hierfür warb sie bei den letzten Europawahlen. Der Scheidung des internationalen vom nationalen Kapital, des raffenden vom schaffenden Kapital, des schlechten vom guten Kapital — ein Bestandteil faschistischer Ideologie — ist mit den SPD-Vorstellungen der Boden bereitet, wenngleich die Partei ganz im Gegenteil meint, entzogen.
Die Neonationalisten können voll auf die alte SPD aufbauen, wenngleich sie diese gründlich, ignorant wie ihr Nationalismus es nun mal erfordert, einfach nicht verstehen wollen.

Auch »links« gibt es nationale Abweichler
Die Linkspartei interpretiert die SPD nicht weniger in ihrem Interesse, dem nationalen Vorankommens Deutschlands in Europa und in der Welt, nur eben ein wenig anders. Die Linkspartei pflegt unbeirrt ein altes Vorurteil hinsichtlich der SPD weiter. Während die SPD in ihrer Karriere alles tat, zu widerlegen, daß sie in irgendeiner Weise ernstzunehmend sozialistisch sei, hält die Linkspartei, die es offenkundig scheut, Geschichtsbücher aufzuschlagen und logische Schlüsse aus Fakten zu ziehen, weiterhin felsenfest daran fest, daß eine sozialdemokratische Partei doch irgendwie einen sozial-moralischen Kern haben müßte. Dies wiederum fußt auf der Vorstellung, ein kapitalistischer Staat wäre doch irgendwie sozial oder zumindest sozial gestaltbar, und zwar anders und besser als der Staat als ideeller Gesamtkapitalist, als ein über den Klassen stehender Klassenstaat, es gerade (noch) für ökonomisch nötig hält. Die SPD steht auf dem Standpunkt, daß zuviel Sozialstaat die Wirtschaftsproduktivität lähmt: Der Staat leide unter den Soziallasten, von denen er entlastet werden muß! Sie fordert, Arbeitslose wieder in den Verwertungsprozeß der Wirtschaft zu bringen und kreiert jede Menge Anreize fürs Kapital zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Verhinderung von deren Abschaffung. Auch die Ausweitung der Lebensarbeitszeit möglichst bis ins Grab ist mit ihr locker zu machen. Usw. usf. Nur als verwertete Arbeitskräfte nämlich kann der Staat von ihnen profitieren: Man denke nur an den dicken Brocken Lohnsteuer — ein unmittelbarer Abzug vom Wert der Arbeitskraft —, der direkt in die Staatskasse fließt und gar nicht genug fließen kann. Und dieser Abzug ist der staatlichen Schröpfung nicht genug, wie jeder weiß.
Auf der anderen Seite möchte die SPD — ebenfalls ihrem fundamentalistischen Deutsch-Nationalismus gemäß — brach liegendes nicht benutztes Geld für jene Anreize und sonstige, höhere Staatsaufgaben wie den immerzu aufzustockenden Militäretat flüssig machen. »Seit ich Bundesfinanzminister bin, hat sich der Verteidigungsetat so stark erhöht wie lange nicht.« (SPD-Friedenspolitiker Scholz, AZ, 20.04.2019) »Ich bin nicht gegen eine Erhöhung des Wehretats, aber ich befürchte, daß die Erhöhung der Verteidigungsausgaben solange nichts bringt, solange die Bundeswehr im Zustand organisierter Unverantwortlichkeit bleibt.« (Gabriel, AZ, 02.08.219). Da braucht es halt die SPD: Die CDU kriegt es einfach nicht gebacken und die neonationalistische Konkurrenz findet ein Einfallstor! 

Und so soll brachliegendes Kapital auch für viele andere Bereiche nutzbar gemacht werden: Für die Grundlagenforschung, einer Gratishilfe für das deutsche Kapital; für noch mehr Autobahnen und sonstige Infrastruktur natürlich direkt wie indirekt für das deutsche Kapital; Hilfen zwecks Energiewende, natürlich allein für das deutsche Kapital etc. Deshalb fordert der regierungsamtliche SPD-Nationalismus u.a. die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Bei den »kleinen Leuten« ist leider nicht mehr allzuviel herauszuholen: »40 % der Haushalte in Deutschland können von ihrem Einkommen nichts zur Seite legen und Vermögen [!] aufbauen, zum Beispiel für die Ausbildung der Kinder [von wegen eine Staatsaufgabe!], Wohneigentum [für das Geschäft derer, die darauf spekulieren!] oder die eigene Altersvorsorge [daß das keine Staatsaufgabe ist, sondern als Kapitalanlage zusätzlichen Lohnabzug bedeutet, auf diesen famosen Gedanken kam nicht zufällig ebenso ein SPD-Kopf namens Riester wie bei der Kostenminimierung von Sozialhilfeempfängern einer namens Hartz]. Sie fragen sich: Können wir uns die Pflege unserer Eltern leisten? Was heißt Klimaschutz für mich? Wie teuer wird Autofahren für mich als Pendler? Was bedeutet die Digitalisierung für meinen Beruf…?« (Ein abgrundtiefes Verständnis heuchelnder SPD-Funktionär namens Pistorius, AZ, 04.09.2019) Damit die mündigen Untertanen nicht auf einen abwegigen Gedanken kommen, nämlich den, nicht der SPD anzuhängen, ist die Funktionalität des Klassenstaates reibungsloser als bisher zu gewährleisten. Das ist der höhere Zweck des Hörens auf die Sorgen der kleinen Leute! Die Frage, wodurch und durch wen Reibungen überhaupt verursacht worden sind, ist nicht am Platze.
Ebenso selbstverständlich findet in der SPD jeder Gedanke eine politische Heimat, der einen staatsfernen Gebrauch von Kapital aufspießt. Das deutsche Kapital habe zum deutsch-nationalen Welterfolg beizutragen und nicht, diesem abträglich zu sein, den Standort Deutschland vielleicht gar noch in ein schiefes Licht zu rücken. So sah sich ein deutscher Autokonzern kürzlich mit einer Verstaatlichungsdrohung durch einen ambitionierten SPD-Jungfunktionär konfrontiert. So wenig diese Äußerung in praktischer Hinsicht ernst gemeint war oder gar irgendetwas mit Sozialismus zu tun hat, so hat sie einzig mit dem von der Partei vertretenen Nationalismus zu tun: Ein deutscher Konzern hat nicht allein an den Profit zu denken, sondern darüber hinaus an seinen nationalen Standort! Während demokratische Medien natürlich sofort einen, wenn auch noch so matten, verbalen Anschlag auf die Freiheit — die des Kapitals, versteht sich — witterten und sich darüber ereiferten, schöpften (utopische) Linke sofort wieder Hoffnung: Die SPD bzw. zumindest einer ihrer Flügel, besinne sich auf ihre uranfänglichen, sozialistischen Wurzeln…. Auf solche Weise bestätigen solche Interpreten noch den Vorwurf an die SPD von der anderen Seite, die von einem »Griff in die sozialistische Mottenkiste« quakt, so oft es ihr in den Kram paßt, die SPD schlecht zu machen.
 
Das nur ein Beispiel. Ein weiteres wäre die Thematisierung eines Geldwäschegesetzes und in diesem Zusammenhang eines Umbaus der Grunderwerbssteuer. Illegale (d.h. nicht be- und versteuerte) Gelder fließen Erhebungen zufolge vorzugsweise in »Betongold«. Für die SPD ein nicht länger hinzunehmendes Vergehen des im Immobiliensektor angelegten Kapitals: Der Staat werde umgangen, das sei staatsschädlich und damit per se kontraproduktiv. Und mit den Mieten geht es weiter. Es kann ja der SPD zufolge nicht sein, daß das im Immobiliensektor angelegte Kapital die Lohntüten der Beschäftigten quasi monopolisiert auffresse, nichts mehr für die anderen Abteilungen des Geschäftemachens übrig bleibe, die ihren Profit aus den Revenuen der lohnabhängiger Mieter ziehen. Gar nicht zu reden von den staatlichen Lohnabzügen, die so unantastbar sie sind, nicht mehr bei Bedarf nach oben flexibel wären. Nach SPD-Ansicht sind für die Mieten nicht etwa die Löhne viel zu niedrig, vielmehr störe die Mietpreisspekulation den nationalen Zusammenhalt: Denn so könnte ein Klassengegensatz zur Sprache kommen, oh weh! Eine nationale Volksgemeinschaft liegt der SPD offenkundig nicht weniger am Herzen als den Faschisten. Ein ums anderemal beklagt diese Partei — und mit ihr ihre Nebenorganisationen, die im DGB vereinigten deutschen Gewerkschaften — eine »Spaltung der Nation«. Ganz so, als läge die nicht schon mit eben diesem Staat und seiner Wirtschaftsform in vollendeter Ausführung vor. Der Übergang von einer institutionalisiert funktionellen Klassengesellschaft (SPD) zu einer offensiv als solche existierend dementierten (Faschismus) besteht allein in der Dosis der angewandten staatlichen Gewalt, die divergierenden Interessen dieser von Staats wegen frei gesetzten Gesellschaft zusammenzuhalten.
In all den Punkten, die die SPD aufwirft, wird der fundamentalistische (Standort-)Nationalismus, dem sich diese Partei verschrieben hat, deutlich: Die Wirtschaft ist, so sehr sie auf der staatlichen Garantie des Eigentums ausgehend kapitalistisch eingerichtet ist, so nichts anderes als die Wirtschaft des Staates. Über den Bilanzen der einzelnen Kapitale steht die Gesamtbilanz eines Staates, hier eben des deutschen Staates. Dessen hervorragendster Anwalt zu sein, ist die raison d‘être dieser Partei. Von den alternativen Nationalisten möchte sie sich keinesfalls ein weiteres Mal die Butter vom Brot nehmen lassen. Und linke Abweichler möchte sie auf ihren staatsaffirmativen Standpunkt festnageln, dem — so ihr gebetsmühlenhaft wiederholtes Dogma — niemand ausweichen könne. 

Die Verwechselung des Nationalismus mit Sozialismus
Daß unter wie auch immer links orientierten Leuten und Parteien die Verwechslung von Staatsaffirmation mit Sozialismus Tradition hat — durch die etwa 70 Jahre dauernde Existenz eines »Realsozialismus« erst recht in die Hirne eingefleischt — macht die Kritik des Staates und der ihm verpflichteten demokratischen Parteien inklusive der SPD, keineswegs überflüssig, ja verlangt, diesen fatalen Irrtum endlich aus der Welt zu schaffen. Die Verwechselung besteht in der Gleichsetzung des propagierten, parteiamtlichen Nationalismus mit — einer somit gelösten — sozialen Frage, mit Sozialismus. Faktisch war in den realsozialistischen Staaten lediglich die Manövriermasse des Staates einer kapitalistischen Verwertung entzogen (sieht man vom ideologisch inspiriertem Westhandel einmal ab — er sollte Frieden stiften). Im Realsozialismus war die Wirtschaft unmittelbar staatlich betrieben, also dem nationalen Interesse unmittelbar — und nicht mittelbar wie in den demokratischen Staaten — unterworfen. Wenn beispielsweise eine Sahra Wagenknecht heutzutage den Staat als den Ordnungsfaktor gegen das unverfrorene Auftreten der Kapitalfraktion einfordert, dann gibt sie sich als Anhängerin eines fundamentalen Nationalismus zu erkennen, einem mit Prädikat sozialistisch. Es versteht sich von selber, daß solch Nationalismus nichts mit der Kritik staatlicher Verhältnisse an sich, mit einer Kritik des real existierenden, demokratischen Nationalismus zu tun hat; er ist ja lediglich der Vorwurf, ein Faktor, eine die Klassen zusammenhaltende Klammer, die nämlich, welche die sozial Schwachen an den Gesellschaft bindet, sei vernachlässigt worden. Einerseits soll auf diese Weise die Gemeinsamkeit mit der SPD beschworen werden. Andrerseits kann an dieser Stelle ein allenthalben national gesonnener Staatsbürger ebenso gut und schnell von einer Linkspartei zu einer Partei wandern, die verspricht, konsequenter durchzugreifen, den Zusammenhalt der Gesellschaft per Gewalt herzustellen.
»Links« eingestufte Personen und Parteien liefern somit sehr gute Grundlagen für immer wieder aufkeimenden Faschismus. Sie halten nämlich eine der Nation verantwortliche Gesinnung ebenso für das Allerverständlichste wie das immerzu noch Vervollkommnungswürdige: Aus einem tiefen Sich-Heineindenken in die Belange der Nation ersprieße, so reimen sie sich das zusammen, ihr sozialer Charakter. Sie düngen so den Boden, auf dem die Front der Ge-täuschten als eben von der Nation überhaupt nicht wirklich Ent-täuschten aller politischen Couleur wachsen kann. Niemand will sich den Vorwurf zuziehen, er verkenne die Interessen der Nation. Die Unzufriedenheit über den eigenen Stand in der Nation mündet denn auch regelmäßig in eine Unzufriedenheit mit der nationalen Führungselite: Diese mache nicht richtig Staat, komme also ihrer Aufgabe nicht oder nur unzureichend nach. Positiv ausgedrückt: Die Kritik verlangt nach richtig durchgreifenden Führern. Niemand findet das faschistisch. Das — und nichts anderes — ist nämlich die gängige und durchaus erwünschte, zumindest aber erlaubte — bekanntlich wurde von den nationalen Verantwortungsträgern (u.a. vom SPD-Chefideologen Gabriel: »Es gibt ein demokratisches Recht darauf, rechts zu sein oder deutschnational.« zu PEGIDA in stern, 04.02.2015) und von besonders kritischen Talkshow-Moderatoren immer wieder mal eine Lanze für faschistische Meinungsäußerungen gebrochen! — Sorte demokratischer Kritik, die als politisches Barometer erachtet regelmäßig in Meinungsumfragen abgefragt wird. Die Konkurrenz von Nationalisten gehört zum demokratischen Staat und Staatsleben. Solch politischer Wettstreit, solch erwünschte Lebendigkeit des Politikwesens soll ja quasi automatisch die Interessen der Nation voranbringen. Die Konkurrenz von Nationalisten ist allerdings, wie beschrieben, eine ebenso erlesene wie erbitterte! Dabei hat sich die SPD eine Meinungsführerschaft erobert, was sich bezeichnenderweise in der Verortung der Bundeskanzlerin ausdrückt: Sie sei aufgrund des SPD-Einflusses mit ihrer CDU nach links gerückt! Daß gerade die SPD der Sache nach ganz schön weit rechts steht und stehen möchte, will ja wirklich niemand wahrhaben! Objektiv betrachtet müßte man feststellen, daß die SPD die Bundesrepublik ganz schön weit nach rechts gerückt hat! Ja, geradezu den Neonationalisten in die offenen Arme.

Die chronische Beschwörung der Unverbrüchlichkeit ihres nationalen Kurses
Wie hieß doch mal ein charakteristischer Wahlspruch der SPD? 
»Weiter arbeiten am Modell Deutschland.« (1976 – 101 Jahre nach »Gotha«!)
Zu ihrem Leidwesen ist sie dabei nie konkurrenzlos: Allen anderen fehlt einfach das Verständnis für ihr so überaus geniales nationales Wir! (Flenn‘ doch, SPD, wie einst Dein Otto Wels, vielleicht hilft‘s diesmal!)

(26.10.2019)

bluete

augsburg-ankerzentrum-2018

koka

Ankerzentrum

Meine Damen und Herren, hier entsteht für Sie ein Ankerzentrum für 1500 Eindringlinge! Die Unterbringung so vieler illegaler Einwanderer auf engstem Raum ist eine Meisterleistung effektiver Planung und Verwaltung der bayerischen Regierung und ein Modell für Deutschland. Bis zu zwei Jahren können wir hier Sozialschmarotzer von der Bevölkerung isolieren, bis die Abschiebung erfolgen kann. Leider dauert das manchmal sehr lang, weil Papiere fehlen oder Länder, auch Transitländer wie Italien oder Griechenland die Rücknahme verweigern. Sorgen, daß nun große Gruppen von Fremden jeder Farbe unser Stadtbild dominieren könnten, sind vollkommen unbegründet. Erstens erhalten sie hauptsächlich Sachleistungen und nur sehr wenig Geld und haben daher eigentlich keine Veranlassung das Lager zum Einkaufen oder zu sonstigen Aktivitäten wie Sport oder Fitneß zu verlassen. Zweitens werden hier untergebrachte Kinder und Jugendliche im Lager selbst mit einem Minimalprogramm unterrichtet und werden infolgedessen nicht durch unsere Straßen streunen und die Stadt unsicher machen. Das entlastet gleichzeitig unsere Schulen enorm, die nun keine Fremden mehr aufnehmen und ihnen mühsam Deutsch beibringen müssen. Praktischerweise unterbleiben so auch Kontakte zwischen deutschen und fremden Schulkindern, wodurch sich gegenseitige Besuche ebenfalls komplett erübrigen. Drittens haben wir alles, was wir erzwungenermaßen diesen Unerwünschten gewähren müssen, weil wir die UN-Konvention für Flüchtlinge nicht vollständig ignorieren können, im Lager selbst, also Abwicklung des Asylverfahrens und medizinische Notversorgung. Das hat gleichzeitig den enormen Vorteil, daß wir unerwünschte Angebote effektiv ausschließen können, wenn wir auch der Opposition in puncto unabhängige Asylberatung und Integrationsleistungen gewisse Zugeständnisse machen mußten. Leider. Im Idealfall wird also kein suspektes Subjekt mehr außerhalb des Lagers angetroffen, da wir alle Anlässe dazu konsequent beseitigt haben. Nicht zuletzt durch völligen Ausschluß von unserem Arbeitsmarkt. Aufgrund EU- und völkerrechtlichen Beschränkungen können wir völlig anlaßloses Verlassen des Lagers wie Spazierengehen oder Aufsuchen eines Rechtsanwaltes zwar nicht ganz unterbinden, wir haben aber effektive Vorsorge getroffen, dieses auf ein absolutes Minimum zu beschränken: Zum einen ist über die Jahre hin mit einem erheblichen Zermürbungseffekt bei den Insassen, zu rechnen, so daß unerwünschte Ansammlungen dieser Spezies in unserem Stadtbild schon durch zunehmende Apathie unterbleiben werden. Zum anderen wird jedes Verlassen und Betreten mittels Chipkarte kontrolliert.

Die Gewerkschaft der Bundespolizei hat die Übernahme des Sicherheitsmanagements in den Ankerzentren mit Hinweis auf angeblich schlechte Erfahrungen mit Großlagern und mit so absurden Argumenten abgelehnt, Ankerzentren widersprächen einem humanen Umgang mit Schutzsuchenden. Es drängt sich der Eindruck auf, daß die Bundespolizisten den Anschluß an den politischen Zeitgeist komplett verpaßt haben. Wir können die Sicherheit um und im Ankerzentrum jetzt aber noch viel besser gewährleisten, denn es konnten eine Reihe privater Sicherheitsdienste engagiert werden, mit denen wir nicht nur finanziell günstiger fahren, sondern unser Isolations- und Abschreckungskonzept genauso effektiv umsetzen können.

Meine Damen und Herren, freuen sie sich auf flüchtlingsfreie Straßen, Plätze, Läden, Schulen, Sportvereine, Arztpraxen, Schwimmbäder, Spielplätze und Parks durch massenhafte Abschiebungen und Wegsperren der übrigen.
Nehmen Sie an der feierlichen Eröffnung des ersten regelrechten Ankerzentrums in Augsburg teil! Feiern Sie mit uns eine neue Epoche des christlichen Abendlandes!

bluete

Nationalismus 2018

koka

Um die Nation, für die Nation:
Demokraten und Faschisten im Wettstreit

So langweilig war die Demokratie in der BRD bislang: Ein paar Parteien rangelten um Posten für ihr Personal. Jenseits dessen standen die Staatsinteressen, stand die Staatsräson für alle fest. Eine lebendige Demokratie, wie sie stets postuliert wurde, gab es nur zeitweilig: Solange sich die GRÜNEN noch nicht von ihren prinzipiellen, wenngleich idealistischen Standpunkten verabschiedet hatten. Eine irgendwie linke Kritik – ökologisch, sozial, basisdemokratisch, gewaltfrei -, das sahen sie ein, verträgt sich nicht mit einem Staat, der Weltmachtansprüche hat und der es auf diesem seinem Weg – einmal mehr – weit gebracht hatte. (Dieser Übergang ging freilich nicht ohne die spektakuläre Leiche ihrer Hauptvorkämpferin ab, mit der sich ein anderer Grüner den Weg bis ins deutsche Außenministerium bahnte. Was die Demokratie seinerzeit ungeheuer belebte!)

Jetzt, im Jahre 2018, ist die Demokratie erst richtig lebendig geworden. Ausgerechnet durch diejenigen, die die Zeit für reif hielten, unter dem Deckmantel der demokratischen Parteien sich bislang verdrückend (das gilt für die großen Volksparteien im Westen ebenso wie für die SED im Osten), sich hervorzuwagen: Nationalisten besonderer Sorte, welche, die einem halbwegs bis völlig geschlossenem faschistischem Weltbild anhängen. Wie das?

Es ist ja nicht nur so, daß sich faschistisches Gedankengut in und unter den etablierten Parteien erhalten hat, wo es nie einer angemessen-fundamentalen Kritik* anheimgefallen war. Wie auch? Als Nationalist, also einer, der den Staat als den seinen dermaßen distanzlos auffaßt, daß er sich dessen Sorgen und Ambitionen als die eigenen zu eigen macht, war man allenthalben wohl gelitten und ist es nach wie vor. Nun freilich verhält es sich so, daß einige neu entdeckt zu haben glauben, der Staat und seine Räson würde dem Anspruch seiner national gesonnenen Bürger, also seinen eigenen nicht länger gerecht. Wie bloß kommen sie denn da drauf?

Das ist insofern bemerkenswert, als der Staat saumäßig erfolgreich ist, ökonomisch Exportweltmeister, politisch Mit- und Einmischer bis in den hintersten Weltwinkel. Er hat sich mit seinem Erfolg als herausragendes Staatsmodell und so als Vorbild für andere Staaten etabliert. Er hat sich mit EU und Euro veritable Projekte vorgenommen, die darauf berechnet sind, die USA mitsamt ihrem Dollar herauszufordern. Wie kommen jetzt also jene Leute darauf, dem deutschen Staat Versäumnisse, oder, personalisiert ausgedrückt, seinem amtierenden Personal ein Vergehen an Staatsinteressen vorzuwerfen? Kurzum, sie entdecken einen Widerspruch zwischen Staatsinteresse und Staatsräson. Wie das?

Das hat einzig damit zu tun, daß sie bemerken, wie verdammt abhängig sie vom Staat sind – als dessen Manövriermasse und als Verwertungsmasse seiner vermittels Privateigentum freigesetzten Ökonomie. Diese Abhängigkeit, die an sich ja etwas völlig Negatives ist, wollen sie partout positiv sehen. Entschieden halten sie daran fest, diese weiterhin positiv sehen zu wollen, obschon die Zumutungen des Staates an sie gehörig sind und weiterhin wachsen. Sie tun so, als ob ausgerechnet sie, die in ihrer Abhängigkeit ausgenutzt werden, vor allem darin, ihre Arbeitskraft unter Wert zum Profit anderer zu Markte tragen müssen, als ob ausgerechnet sie ein Anrecht haben, eben auf diesen Verkauf und die Vernutzung ihrer Ware, ihrer Arbeitskraft. Dieser Verkauf soll für sie lukrativ sein! Und zwar so, daß sie mit geschwellter Brust sich Wunder was einbilden können auf ihre Zugehörigkeit nicht nur zu einer mehr (etwa einem deutschen "global player") oder weniger bedeutenden Firma, sondern vor allem und ganz umstandslos zum deutschen Staat. Verächtlich schauen sie so auf andere Nationen und deren Staatsangehörige herab. Sie, die bemerken, wie wenig wert sie "ihrem" Staat sind, beteuern gleichwohl felsenfest, viel wert zu sein, weil deutsch! Diese Selbsttäuschung blasen nun Neonationalisten täglich in den Wind, in den sie ihr opportunistisches Mäntelchen hängen. Gemeinhin nennt sich das "Populismus".

Und was fällt ihnen ein, womit reichern sie die demokratische Debatte an? Mit dem Geschimpfe auf die, die dem Staat als nicht verwertbare Personen ohnehin eine ziemliche Last sind, auf Ausländer, insbesondere asylsuchende. Damit rennen sie offene Türen ein: Der Staat gibt ihnen vermittels amtierenden Personal recht und behandelt die Flüchtlinge immer übler, doch nach Ansicht der nationalen Opposition nie dreckig genug.
Wiewohl der deutsche Staat sich seiner humanitären Legitimation, die er sich einst infolge seiner Niederlage in die Verfassung geschrieben hatte, in der Praxis gründlich entledigt hat – "Die Menschenwürde ist unantastbar." (Grundgesetz Art.1: Wem sagt er das?) – geht er nicht dazu über, sich auch formell von dieser Legitimation zu trennen. Genau das aber fordern die superdeutschen Nationalisten und erbosen sich darob: Weniger Heuchelei in Sachen Ausländerfeindschaft!

Kurz und gut, die Debatte belebt sich ungemein, sie wird hitzig. Wenn demokratische und faschistische Nationalisten sich streiten, ist ja auch keine Sachlichkeit gefragt. Schließlich geht es ja um nicht weniger als um einen Glauben, einen zivilen, um den Glauben an die Nation. An dem halten sie beide unverdrossen fest, werden an ihm gar irre. Sie streiten darüber, wer denn nun der Rechtgläubige sei. Den Hinweis der Demokraten auf den Erfolg ihres Staats und seiner weltmachtambitioierten Projekte lassen die anderen nicht gelten. Sie sind der Meinung, von einem nationalen Erfolg könne nicht gesprochen werden, wenn der nicht "unten", bei der nationalen Manövriermasse, ankomme. Auch in dieser Hinsicht rennen sie offene Türen ein. Demokraten liegt es nämlich nur allzu fern, einen Gegensatz (nicht nur gewisse, vielleicht sogar als lediglich vorübergehend deklarierte Unterschiede) in ihrer nationalen Gemeinde festzustellen. Von einem Klassenstaat, von einer Klassengesellschaft wollen sie nicht reden. Deshalb wollen sie eine solche, aus ihrer Sicht künstliche, rein ideologische "Spaltung" ebenso wenig zulassen wie die wirklich ideologische in gute und bessere Nationalisten. Deshalb sind sie so arrogant und wünschen die Neonationalisten "auf den Müllhaufen der Geschichte" (so der nationale Vordenker Schulz, SPD). Eine Spaltung der Nation kommt für Demokraten gerade in der ihnen eröffneten nationalen Frage eben nicht in Frage. Sollte solche Ansprache nichts nützen, drohen Demokraten mit dem staatlichen Gewaltapparat, zunächst mit der Überwachung durch ihre Staatssicherheitsdienste.

Für Nationalisten – das haben Demokraten und Faschisten gemeinsam – gehört es sich schlichtweg nicht, die zugrundeliegende soziale Frage, die die als marktwirtschaftlich verharmloste Klassengesellschaft gebiert, als solche aufzuwerfen. Die Nation verlangt Opfer. Die Kosten ihrer äußerst anspruchsvollen Projekte haben die zu tragen, auf denen sie beruhen, die dafür in die Pflicht genommen werden. Daraus geht hervor, wie wenig zuträglich der Nation soziale "Leistungen" erscheinen müssen. Das Faß läuft dann über, wenn andere in diese Pflicht genommen werden und dafür "Leistungen" erhalten. Dagegen gibt es dann übereinstimmend erhebliche Bedenken. Andere? Das sind ganze Staaten samt Bevölkerungsinventar. Vorreiter in dieser Hinsicht sind nicht nur die, welche als Rechtsradikale apostrofiert werden: Man denke beispielsweise an die antigriechischen Hetzkampagnen der seriösen demokratischen Qualitätspresse. Und mittlerweile steht Italien auf der Abschußliste. Usw. usf.

Bei den Asylsuchenden scheiden sich allerdings die nationalen Geister: Sie wetteifern über jene auf die denkbar zynischste Art: Während die einen sie nach nationaler Nützlichkeit – zum Beispiel gelten Islamisten aus der chinesischen Provinz Xinjiang als Vorzugsasylanten, sie stehen für einen grundsätzlichen Vorbehalt der Gernegroß-Weltmacht Deutschland gegen China – und ökonomischer Verwertbarkeit beurteilt sehen wollen, sehen die anderen ihre bloße Existenz als eine an, welche die Existenz der deutschen Nation selber untergrabe, also bedrohe.

So wie es dem deutschen Staat und seinen Protagonisten recht und billig ist, seine menschliche Verfügungsmasse (heutzutage spricht man gerne amerikanisch von "human resources") unter dem stummen Zwang einer privat abgewickelten Ökonomie gegeneinander auszuspielen, so bestehen Faschisten auf einer gründlichen Korrektur: In- und Ausländer gehören viel grundsätzlicher auseinandersortiert, allein so könne eine nationale Verläßlichkeit sichergestellt werden, eine Verläßlichkeit, die für höhere nationale Ziele nötig, also dem deutschen Staat angemessen sei. Somit ist klar, warum sie die amtierenden Politiker nicht leiden können: Jene ließen es selber an nationaler Zuverlässigkeit fehlen, so sie diese Sortierung mißachteten. Klar, ökonomisches Denken im Umgang mit verfügbarem Material sind einem ziemlich fremd, der seine eigene Existenz ganz unvermittelt aus der staatlichen Gewalt ableitet. So fest inkarniert hat solcher seinen Nationalismus, daß ihn nicht einmal der Hinweis auf den grandiosen Untergang des "Dritten Reiches"  inklusive dessen Gründe demokratischer Interpretation berühren kann. Die Millionen Opfer des NS-Staats sind ihm sowieso egal, sie seien ja für eine gute Sache gestorben, für Deutschland, für das – ideologisch unterschiedslos zwar nicht, aber praktisch natürlich schon – jede Leiche in Ordnung gehe. (06.10.18)  

*  Wie eine fundamentale Kritik faschistischer Ideologie aussieht? Siehe das Buch "Der Faschismus und seine demokratische Bewältigung" 
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Sammeln und Bewegen, Bewegen und Sammeln – ein Sturm im nationalen Fahrwasser

Wen will Sahra Wagenknecht denn sammeln? Wen bewegen? All jene, die sich ihrer Meinung nach versehentlich verirrt haben: Deren eigentliche Heimat irgendwie doch "links" ist. Was haben jene also nicht verstanden? Sie haben nicht kapiert, daß es "Linke"  sind, die soziale Fragen zu einer Staatsangelegenheit machen. Die schon immer gesagt haben, der Staat müsse sozialer gestaltet werden, insbesondere dessen kapitalistische Wirtschaftsordnung. Solange das nicht angegangen werden würde, seien die Ausfälligkeiten gegen Ausländer, insbesondere Asylanten gewissermaßen verständlich. Richtig verstanden seien solche ja nichts anderes als ein Aufschrei für eine andere, nämlich linke, d.h. soziale(re) Politik, mithin eben ein veritabler Staatsauftrag.

Daß Politik eine Frage der Gewaltausübung ist, man also das Kommando übernehmen, also ermächtigt, d.h. gewählt werden muß, ist für Wagenknecht & Co. keinerlei fragwürdige Angelegenheit: Unmittelbar Gewalt auszuüben, davon möchten die Sammler und Beweger eben so die vehement national bewegten Leute abhalten; und zwar mit dem Versprechen all den Anliegen, die jene haben, wirklich gerecht zu werden, ihnen Genüge zu tun. Dazu gehört selbstredend die Ausländerfrage, also der privilegierten Stellung der deutschen Staatsbürger das Gewicht zu verleihen, das ihr gebührt.
Nicht die Spaltung in In- und Ausländer ist der Sammlungsbewegung (SB) eine zu überwindende Spaltung, vielmehr die Spaltung der Nation selber! So brutal manifestiert sich der nationale Standpunkt der SB, die man nicht nationalistisch nennen soll. Jedenfalls steht sie der Notwendigkeit der Vereinigung aller Proletarier diametral entgegen.

Daß es sich beim Staat, ökonomisch betrachtet, um einen Klassenstaat handelt, also einen, der aus der klassengerechten Spaltung seiner Gesellschaft Profit für die Mehrung seiner Gewalt zieht, ist für diese "Linken" ein Buch mit sieben Siegeln. Darüber soll ja gerade das nationale Band einigend hinwegtäuschen: Gegen die erklärten Feinde und Schädiger des Bundes, gegen andere Staaten und deren Angehörige, versucht die SB das Band fester zu zurren. Die soziale Frage wird so notwendigerweise allenthalben in eine nationale überführt, ihr untergeordnet.

Ob diese SB der deutschen Nation gerade noch gefehlt hat? Jedenfalls ist sie ein geistiger Zusatz, ein verklärender Überbau, den sich die Nation angesichts fortgeschrittener geistiger Verwahrlosung seiner Untertanen, pardon: seiner "mündigen Bürger" leisten kann, der also nicht weiter ins Gewicht fällt.

Noch was:
Ein besonderer Witz ist dabei gerade, daß die SB in der Ostzone auf eine Bevölkerung trifft, die seinerzeit der damaligen Staatspartei und deren ihr erfolglos erscheinenden Politik eine Absage erteilt hat. Mit der nationalistischen Parole "Wir sind das Volk!" wollten diese mündigen Bürger sich schon damals von sozialen "Reglementierungen" befreien. Sie waren es, die die Freiheit einer starken Währung dank eines starken Staates genießen wollten. Das haben sie verabreicht bekommen und jetzt sind sie einmal mehr unzufrieden. Zu logischen Schlußfolgerungen wurden sie in der DDR genauso wenig erzogen wie in der BRD, im heutigen Großdeutschland. Und sie werden das ebenso wenig durch jene Wagenknechtsche SB, die die Leute "dort abholen will, wo sie stehen" (eine moderne klischeehafte Frase von Leuten, deren Sache Kritik nicht ist, ja die einem gar Einwände gegen die bestehenden Verhältnissen ausreden will).

Und noch was:
Leute wie Wagenknecht müssen nicht gekauft werden, ihnen ist der nationale Ausgangspunkt ihres Standpunkts so selbstverständlich, daß sie umstandslos kompatibel sind mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Sie verbrämen auch keineswegs ihre nationale Gesinnung so wie manch kommunistische oder sozialistische Partei, die lieber die Zugehörigkeit ihres Staats zu EU und NATO in Frage stellt, als dem Nationalismus zu nahe zu treten, die also lieber auf einen alternativen Nationalismus spekuliert (beispielsweise die KP Griechenlands in der Makedonien-Frage). Dem Nationalismus eine alternative Richtung zu geben, ist eben das Gegenteil zu einer Kritik des Nationalismus. Es ist eine Frage, welche nationale Ausrichtung der Nation "wirklich" opportun ist. Nationaler Erfolg gehört eben endlich verbrieft!

(07.10.18)

bluete

http://koka-augsburg.net/literatur-max-von-der-gruen/

koka

Max von der Grün

"…
Als er im Jahre 1964 in einer sich christlich gebenden Wochen­zeitung eine Rezension über seinen Roman »Irrlicht und Feuer« las, wo es hieß, daß dieses Buch doch ein eminent marxistischer Roman sei, und er einige Wochen später in einer kommunisti­schen Wochenzeitung eine Rezension las, daß eben besagter Ro­man ein eminent christliches Buch sei, da verlor er das letzte Quentchen Naivität, mit der er in das, was wir Literatur nennen, hineingeschlittert war.
Und er schlitterte weiter.
Als ihm zwei Jahre später im Verlauf einer Diskussion ein ewig Gestriger sagte, daß er doch im Grunde genommen ein fieser Kommunist sei, und ihn Wochen später ein SDS-Mitglied Reak­tionär schimpfte, begann er wieder darüber nachzudenken, ob es überhaupt Zweck hatte, Bücher oder sonstiges Zeug, das mit Li­teratur zu tun hatte oder unter dieser Firmierung lief, zu produ­zieren.
Aber er produzierte weiter.

Da er selbst 17 Jahre Arbeiter war, davon 13 Jahre 800 Meter unter Tage schwere und schwerste Arbeit verrichtete, um sein Geld zu verdienen, glaubte er, die Situation der Arbeiterschaft an­nähernd zu kennen, und er war der Überzeugung, daß es nicht damit genug sein kann, Bücher oder Fernsehspiele oder Stücke zu schreiben, sondern vielmehr mit den Leuten selbst zu sprechen; so las er vor Arbeitern, diskutierte mit ihnen über ihre soziale Situation, und auch darüber, daß sich an ihrer Lage, trotz Auto und Kühlschrank, seit hundert Jahren nichts geändert hat, sie nach wie vor die Ausgebeuteten sind, weil er glaubte, nur so könne er beitragen, daß sie ihre Lage erkennen, ihren Standort fixieren, und damit vielleicht ihre Abhängigkeiten abbauen könn­ten. Aber er erlebte immer stärker, daß er nicht nur auf Unver­ständnis stieß, daß er auch ausgepfiffen wurde, oft sogar verjagt wurde und sie Spottverse hinter ihm hersangen.
Aber er versuchte es weiter.

Und weil er selbst, als er noch arbeitete, erfahren mußte, daß die Gewerkschaften nicht daran dachten, die bestehenden kapita­listischen Herrschaftsverhältnisse abzuschaffen und die Selbstbe­stimmung der Arbeitenden herbeizuführen, daß sie lediglich dar­auf aus sind, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse nur zu ra­tionalisieren, begann er, die Gewerkschaften zu attackieren als die eigentlich Schuldigen an der Situation der Lohnabhängigen. Was er erreichte, war, daß ihm die Funktionäre bescheinigten, er habe ein gestörtes Verhältnis zu den Gewerkschaften, sei ein Ge­werkschaftsfresser, und er sei doch unglaubwürdig, denn er habe doch nicht 13 Jahre unter Tage gearbeitet, sondern nur 121/2, und die Prozesse, die wegen »Irrlicht und Feuer« geführt werden mußten, hätte er doch selbst initiiert, um Reklame für sich zu machen.
Aber er beschuldigte die Gewerkschaften weiter.
…."

Diese Abschnitte stammen aus dem Buch »Vorletzte Worte — Schriftsteller schreiben ihren eigenen Nachruf« (S.82/83).
Weder treffender noch sympathischer läßt sich Max von der Grün beschreiben.

(07.07.2018)

bluete

Brechtfestival 2018

koka

Ich »versus« Wir

Theater von der Theatralik zu trennen, geht wohl nicht. Brecht war offenkundig der Meinung, daß das Theater mit seiner Theatralik als Stilmittel zur Vermittlung wichtiger gesellschaftlicher Anliegen taugt, ja nötig wäre. Das ist nicht der Fall. Und dafür steht exemplarisch der »Fatzer«. Hin- und hergerissen zeigt das Stück Individuen zwischen dem »Ich« und dem »Wir« und zwar ausgerechnet in der extremen Situation der Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg. Dies brachten die vier Amateur-Akteure des theter ensembles im maroden, also passenden Ambiente des City Clubs am 1. März im Rahmen des Brechtfestivals auf die Bühne. Einmal abgesehen von der wirklich exzellenten schauspielerischen Leistung spielte die Theatralik den Inhalt des Stückes geradezu an die Wand. 

Nun ist es ja so, daß im Krieg der Spielraum zwischen dem, was das unmittelbare materielle Interesse des Individuums ist, das eigene (Über)leben, und dem, was man so im allgemeinen Kollegialität nennt, sehr gering ist, denn im Krieg geht es bekanntlich nach Befehl und Gehorsam. Ja noch nicht einmal in Friedenszeiten ist der Spielraum sonderlich groß. Erst einmal muß jeder ja selbst für sein Aus- in und sein Zurechtkommen mit den kapitalistischen Verhältnissen sorgen, bevor er anderen gute Taten erweisen kann. Ja, im Kapitalismus ist es auch so, daß es durchaus erwünscht ist, sein Eigeninteresse nach vorne zu stellen: Wer keinen Unternehmergeist zeigt, muß sich immerzu einreden lassen, daß jeder seines Glückes Schmied sei… Der Faschismus hat diesen Standpunkt einer radikalen Kritik unterzogen: Der Einzelne gilt nichts, der Staat, die »Volksgemeinschaft« alles — die Klassengesellschaft wird offensiv geleugnet. Wer sein eigenes materielles Interesse in den Vordergrund stellte, wurde des Egoismus geziehen und zum Dienst an der Volksgemeinschaft oft genug nicht nur ermahnt, sondern dazu gewaltsam verpflichtet. Kurzum: Insofern hat sich Brecht mit den Begriffen »Egoismus« und »Solidarität« ziemlich vertan. Es scheint ja überhaupt eher Brechts ureigenes Problem gewesen zu sein, materielles Interesse und Moralität unter einen Hut zu bringen. Zum Ausdruck kommt das in der seiner sprichwörtlich gewordenen Sentenz »Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral«. Woraus erklärt sich dies? Eben daraus, daß er den Staat, das Gewaltmonopol, welches er ist und das so gut wie alles bestimmt, als eben das Subjekt der gesellschaftlichen Dinge gar nicht näher in Betracht zieht. Gerade in des Staates höchster Verantwortung, dem Krieg, ein unverzeihlicher Fehler! Einer freilich, der gerade bei den Kommunisten der Weimarer Zeit (und auch später noch) hoch im Kurs stand: Die Vorstellung, daß der Staat nichts anderes wäre als ein Ausschuß der Kapitalistenklasse [Ganz im Gegensatz übrigens zu Marx, der den Staat, der Klassenstaat und nicht der Staat einer Klasse ist, in ökonomischer Hinsicht als den ideellen Gesamtkapitalisten auf den Punkt brachte, also als einen, der sich um die Verwertungsbedingungen des Kapitals sorgt, weil er seinerseits vom Gang der Geschäfte profitieren möchte!], und, sobald von ihr befreit, auch nicht mehr als solcher zu kritisieren sei, vielmehr dann auf die richtige moralische Haltung des Individuums geachtet werden möge. Ganz so, als ob die Moral nicht die Kehrseite der Gewalt wäre, die sie verordnet (was bekanntlich auch in der Sowjetunion unter und seit Stalin so war). Brecht hatte wohl einen Schimmer davon, daß er gar nicht gründlich genug an die Sache herangegangen war, weshalb er den »Fatzer« ein ums andere Mal auch verworfen hat.

Ja, Brecht war ein Suchender; eines war ihm dabei freilich sonnenklar, es ging und es geht nach wie vor um die Scheidung von Wahrheit und Ideologie. Soviel hatte er von Marx immerhin begriffen. Das einzig Peinliche der Brechttage — die im Gegensatz zu früheren diesmal angenehmerweise nicht so großkotzig daherkamen; dafür hatte Leiter Patrick Wengenroth ersichtlich auf mehr Substanz Wert gelegt —- war wohl das, einen alten Dummkopf einzuladen und auf ein Podium zu setzen, einen der nicht einmal weiß, was der Begriff Wahrheit bedeutet. Wahrheit ist das Verhältnis zwischen einer Sache, einem Gegenstand, der gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihrer Erklärung, sofern sie richtig ist. Und insofern sie eben zutreffend ist, hält sie jeder Kritik stand. Dieser Typ meinte stattdesssen: "Meine zentrale These lautet, daß wir heute nicht mehr wie in Brechts Zeiten die Wahrheit gegen Ideologien zu verteidigen haben, sondern die Wahrheit in ihren grausamen Konsequenzen kritisieren müssen. Wer die medizinische Wahrheit einer Krankheitserregung erkannt hat, geht zum Arzt, um sich gerade nicht der Wahrheit des Geschehens zu unterwerfen, sondern gegen sie vorzugehen. Das nennt man »Kritik der Wahrheit«." (Interview mit einem Herrn Brock in: daz-augsburg.de, 02.03.) Und was sollen die grausamen Konsequenzen sein? Als die erkannte Wirklichkeit können die daraus gezogenen Konsequenzen grausam gar nicht sein: Also wenn der Krieg als im Interesse einer für eigene Machtansprüche »zu kurz gekommenen« Nation erkannt ist, die über Leichen geht, dann muß man die Nation doch wohl abschaffen. [Jener Durchblicker hingegen meint offenbar, auf diesem Schluß käme es bei der Wahrheitsfindung nicht an, vielmehr müsse man die Wirklichkeit, gerade dann aushalten, wenn sie als Wahrheit begriffen ist, da gerade das Begreifen der Wahrheit dazu führe, die Gründe für das Übel nicht abzuschaffen! Selten dumm gedacht! (Könnte Filosof von großen Koalitionen sein!)] Und wenn sich das mit allen Staatsgewalten so verhält, dann müssen eben alle Staaten liquidiert werden, um das Leben der zum Schlachtvieh Bestimmten zu erhalten. Dazu bedarf es lediglich der Einsicht eben jener, die als die staatlichen Manövriermassen vorgesehen sind. Und insofern sie das einsehen, werden sie untereinander auch entsprechend — also wenn man es so ausdrücken will: »solidarisch« — handeln. 

All das kann man aus den Kriegen schließen und es wurde gerade aus dem 1. Weltkrieg eben dieser Schluß abgeleitet. Schließlich gab es aus seinem Grund beispielsweise in Deutschland die Novemberrevolution, der sich all die widersetzt haben, die selbst im Krieg partout nicht die Wahrheit der Politik erkennen wollten, wozu auch die national besoffene SPD gehörte (und national besoffen ist jene Partei bis heute geblieben). Literarisch wurde das Thema nicht nur von Brecht in Angriff genommen. Im Gegensatz zu Brecht allerdings, das ist einzuräumen, besser: Bekannt geworden ist hierzulande der — auch verfilmte [»All quiet on the western front«] — Roman von Erich Maria Remarque »Im Westen nichts Neues«. Weitgehend unbekannt geblieben sind die mindestens ebenso guten Romane von Stratis Myrivilis »Das Leben im Grabe« [Η ζωή εν τάφω] und von Gabriel Chevallier »Heldenangst« [La peur]. Wäre vielleicht eine gute Idee, im Anschluß an die Brechttage diese Bücher mal zu lesen. Schließlich ist nach wie vor auch heute noch Feuer auf dem Dach — der aktuelle Bezug, den die vier jungen Leute des theter ensembles mit ihrem Outfit, mit »Midnight Oil« wie mit der Einblendung von Titelblättern neuerer Zeitschriften herstellten, war sehr gelungen! 

(02.03.18)

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„Die Menschen sagten immer seltener »Futures« und immer häufiger »Scheiße«.“ (S. 207)
 

NAHE NULL von Natan Dubowizki

Wenn ein Autor pseudonym einen Roman schreibt, dann doch wohl deshalb, weil sein Name nichts zur Sache tun soll, die er dem geneigten Leser mitteilen möchte. Dieser schlichte Umstand ist für einen gemeinen bürgerlichen Kopf einfach nicht begreiflich, erst recht, wenn es sich um einen Russen handelt, dem man allerhand zu unterstellen bereit ist, weil ja Rußland als Feindbild keineswegs deswegen beim deutsch denkenden Ideologen aus der Mode gekommen ist, weil es seine Art sonderbaren Sozialismus hinter sich gelassen hat. Im Gegenteil, einem solchen Opportunismus ist ebenso zu mißtrauen wie jeder abweichenden Äußerung aus dem Reich des Bösen, sofern sie nicht aus dem Munde von Leuten kommt, die dem Westen so in den Arsch kriechen wie es der gerne hätte.

Da der im Juli 2009 erschienene Roman – im Original: Околоноля – jedoch nichts an Aufgeschlossenheit zu wünschen übrig läßt, reibt sich die westliche Besprechung denn auch an dem Pseudonym des Autors (siehe z.B. the independent vom 14.08.09 und taz vom 23.03.10). Und die Beurteilung des Romans selber wird auf die angeblich als bescheuert beurteilten Innenansichten Rußlands verkürzt, die – so der demokratische Durchblicker – einzig dafür bebildert zu betrachten sind, wie wenig demokratisch und aufgeklärt es dort drüben zugeht. Also im Grunde nichts Neues, was uns der Russe mitzuteilen hat, sieht man einmal davon ab, daß ein hochrangiger Russe jetzt den Eindruck höchstselbst bestätigt, den man von Land und Leuten im slawischen Osten eh schon gehabt hat.

Die Offenheit des Romans setzt eine Offenheit des Lesers voraus, denn er besteht nicht nur in einer Wiederspiegelung russischer Verhältnisse, wie sie – selbst das ignoriert ja ein westlich-ideologisierter Beobachter – ab 1991 dort unter der ursprünglichen Akkumulation von Kapital entstanden sind und für deren Etablierung – in ihrem Umfang keineswegs geringe – Gewalt allenthalben erforderlich war.
Man ist gut beraten, einmal zur Kenntnis zu nehmen, woran – und nichts weniger ist das Verdienst dieses Romans – sich die neuen russischen Verhältnisse orientieren: Am Westen, vornehmlich am großen Gegenspieler, den USA, von der Literatur angefangen über religiöse Spinnereien bis hin zur Wild-West-Manier der locker sitzenden Pistole und dem Harakiri in Abu Graib [Abu Ghuraib]. 

Der Zusammenschluß der Wirklichkeit mit seiner Fiktion, der im freien Westen immer getrennt erscheint und gemeinhin als zusammenhanglos eingeordnet wird, gelingt dem Autor, indem er das »Business« Film einfach auf seinen Topos der Exzessivität zurückführt und sie auf eine Ebene mit der Exzessivität der Realität stellt, so daß Realität und Fiktion nicht mehr zu unterscheiden sind. Sie sind einzig zwei Seiten derselben Medaille. Und wenn er schon beim Erwähnen us-amerikanischer Autoren nicht geizt, so hat er doch einen vergessen, den, der das »Genre« begründet hat – und der nicht zuletzt deshalb in die science fiction-Ecke gestellt wird – Edgar A. Poe – man denke etwa an den »Doppelmord in der Rue Morgue«. „Es existiert ein Klub von Leuten, die gern zuschauen, wenn andere krepieren. Wie sie sich winden und um Gnade bitten, wie sie ihr menschliches Antlitz verlieren. Und sie möchten nicht nur heimlich dabei zuschauen, sie möchten es offen tun, zusammen mit einem Haufen anderer Leute. Denen allerdings weisgemacht wird, das Ganze sei nur gespielt, Kino, Avantgarde natürlich, Ultra-Avantgarde. Der Naturalismus ist schöpferisch begründet, als Suche nach einer neuen Ästhetik. Und womöglich nach einer neuen Ethik. Im Saal sitzen hundert, zweihundert Leute, und nur zehn, zwölf von ihnen wissen, daß der Film reale Szenen enthält, echter Folterungen und Hinrichtungen. Sozusagen dokumentarische Szenen, Live-Videos. Live-Tod.“ (S.191)

Um mit der geschilderten unerträglichen Wirklichkeit, einer kapitalistischen Wirklichkeit, fertig zu werden, bedarf es freilich einer Suche nach Wahrheit, einer Kritik der politischen Ökonomie – wohingegen sich die Menschen lieber im dunklen Schlamm an den verschmutzten Ufern im Seichten aufhalten (S.46). Daß Rußland nicht einfach solipsistisch für sich steht, wie die imperialistische Sichtweise es nahelegt, wird in dem Buch an vielen Stellen deutlich: In der Hauptsache, im Film, an dem mit ihm einhergehenden Fantasien, die hervorgerufen werden in totalem Kontrast zur Langweiligkeit bürgerlichen (Spießer-)Daseins, was mitunter als Flucht aus der Wirklichkeit kritisiert wird, dann nämlich, wenn dadurch Brauchbarkeit und Funktionalität bürgerlicher Individuen in Frage stehen, ansonsten freilich sehr in Ordnung geht, weil und insofern es die Leute bei Lust & Laune hält. Die Fantasien erreichen ein bislang kaum gekanntes Ausmaß an Perversität – Sex, Drogen (inklusive der Religion), Gewalt und die dazugehörigen Zünder: „Frieden, Freundschaft und den Menschen ein Wohlgevögel! Toleranz und Multikulturalität“ (S. 100) -, wobei deutlich wird, woran man sich in Rußland orientiert und worin man mittlerweile der USA schon gleichwertig, wenn nicht gar einen Schritt voraus ist: realisierte Fantasien, die geradezu eine russische Geheimwaffe im Kampf ums Geschäft die Gesellschaftsidee schlechthin darstellen. Man denke nur an Sarah, die das us-amerikanische Ideal an Klischeehaftigkeit wie Brauchbarkeit [„Bei der Liebesausübung funktionierte sie tadellos, war noch kein einziges Mal weggetreten oder ausgefallen. Nach dem Sex kehrte sie automatisch in den Stand-By-Betrieb zurück,… Kurz – made in USA, Preis-Leistungs-Verhältnis auf höchstem Niveau.“ S.64f] verkörpert, doch sich zuletzt als russischer Prototyp entpuppt – ein eben nicht bloß literarischer Kunstgriff erster Sahne. Der »positiven Dynamik von Krebserkrankungen« (S. 28) wird der Roman so auch im übertragenen Sinne gerecht. Das Resultat drückt diese Dynamik so aus: „User gibt es wenige, Loser haufenweise.“ (S. 144) Aber damit sich aufzuhalten, würde den gesellschaftlichen Diskurs erheblich stören: „Zu hören waren auch die weit positiveren Reaktionen auf das gestern im Restaurant Nachtasyl verzehrte Austerndinner zur Unterstützung der Kleinunternehmer, der Demokratie, getöteter Journalisten, verprügelter Anwälte, verbotener Schriftsteller, eingesperrter Geschäftsleute, der Neuordnung der russisch-amerikanischen Beziehungen und so weiter und so fort. Gesprochen wurde auch über den kollektiven Besuch einer nonkonformistischen Ausstellung von tausend zerschlagenen Gläsern als Zeichen des Protests gegen….“ (S. 121)

Und wer immer noch Tomaten auf den Augen hat, dem sagt es der Roman auch unverblümt: „…Korruption und organisierte Kriminalität sind ebenso tragende Elemente der sozialen Ordnung wie Schule, Polizei und Moral.“ (S. 152) Hier wie dort. Wie sich daneben China, die Chasaren, Afghanistan, Adolf Aloisowitsch und Jossif Wissarionowitsch in die heutige Welt einordnen, hier erfährt man es plastisch und drastisch. Nicht zu vergessen ist die Kirche – wer hätte vermutet, daß selbst das unscheinbare und hochfromme Kloster auf dem Inselchen Trikeri bei Volos (S.75) von der Neuordnung der postsowjetischen Welt sich eine Scheibe abschneidet? 

(07.11.10)

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Rou Shi
Rou Shi

war ein revolutionärer chinesischer Schriftsteller. Er wurde 1901 in Shimentou (Kreis Ninghai, Provinz Zhejiang) geboren, hieß ursprünglich Pingfu Zhao und widmete sich sein ganzes Leben lang der Bewegung für eine neue Literatur. Im Januar 1931 wurde er mit 4 anderen Schriftstellern aus der Liga der linken Schriftsteller von den reaktionären Behörden verhaftet und am 7. Februar heimlich ermordet.

Sein erster Erzählband trug den Titel Der Verrückte. 1928 wurde er Redakteur der Wochenzeitschrift Yu Si, dann gründete er den Morgenblütenverlag. Er brachte 20 Ausgaben der Morgenblütenzeitschrift, 12 der Zeitschrift Dekade und 5 der Morgenblüten im Kunstgarten heraus. Da ihm die Zeitschriftenhändler kein Geld zahlten, mußte er die weitere Herausgabe einstellen.
Seine literarischen Erfolge umfassen Komödie auf Erden (ein Versdrama); Tod des alten Zeitalters; Drei Schwestern; Februar und Hoffnung. Ferner übersetzte er Werke von Lunatscharskij und Gorki sowie einen Sammelband dänischer Kurzgeschichten.

Februar erschien 1982 in deutscher Sprache (Verlag für fremdsprachige Literatur Beijing), der Band enthält auch die beiden kurzen Abhandlungen: Zerstörung und Ein gedungenes Eheweib.

 

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Zola Gemälde von Manet
Zola, 1868, Gemälde v. Edouard Manet

Zola,  geboren 1840 in Paris und 1902 ebendort gestorben,  ist hierzulande weitgehend nur dem Namen nach bekannt. Seine Werke gehören nicht zum an den Schulen gelesenen Standard. Das hat sicherlich seinen ebenso guten wie schlechten Grund. Sein Werk ist nämlich ziemlich materialistisch. Seine Beschreibungen der gesellschaftlichen Zustände lassen an Plastizität nichts zu wünschen übrig. Gerade sein wichtigstes Werk, die zwanzigbändige Romanreihe Les Rougon-Macquart, eine Familiengeschichte – jeder Roman ist einzeln verschlingbar, die vorlaufenden familiären Zusammenhänge sind nicht wichtig -, hält der kapitalistischen Gesellschaft den Spiegel vor Augen, reißt ihren schönen Schein in den Abgrund.

Zola war sogleich in Frankreich damals ein Renner. So konnte es nicht unterbleiben, daß schon bald seine Werke ins Deutsche übertragen wurden. Bloß wie!! So wurden als gesellschaftskritisch empfundene Stellen gestrichen, offene Erotik bis hin zum tabulos geschildertem Geschlechtsverkehr zumindest geglättet. Man wollte das deutsche Publikum nicht den Glauben an Ordnung & Moral verlieren lassen. Und so erschienen die ersten Übersetzungen Zolas in verstümmelter Form. So haben z.B. die Übersetzer Carlowitz und Dr. H. Rosé alle Abschnitte über die soziale Lage, die verheerenden Folgen des modernen Handels und die Wirkungen kapitalistischer Wirtschaft herausgekürzt und den Roman Das Paradies der Damen zu einem süßlich-kitschigen Liebesroman entstellt. Die Kapital IV und XIII sind so auf wenige Seiten geschrumpft. Dann haben sie die eigentliche "Liebesgeschichte" verzuckert und "ausgebaut".

In den 1960er Jahren machte sich das Romanische Institut der Humboldt-Universität in (Ost-)Berlin unter Leitung von Rita Schober an eine Neuübersetzung, die sich ungeschönt am Original orientiert. Diese wurde im Verlag Rütten & Loening veröffentlicht und von den westdeutschen Verlagen (Winkler und Goldmann) dann übernommen.

Leider wird Zola, wenn schon einmal von ihm hierzulande die Rede ist, nicht mit seinen fantastisch-realistischen Werken erwähnt. Vielmehr in Sachen Dreyfus-Affäre. Deshalb ein Wort hierzu. Der jüdische Hauptmann Dreyfus – Zola kannte ihn nicht persönlich – war wegen angeblichen Hochverrats zum Tode verurteilt und wurde schließlich zu lebenslanger Haft "begnadigt". Zola machte sich für dessen Freispruch stark, weil er offensichtlich unschuldig angeklagt war, und richtete am 13. Januar 1898 einen diesbezüglichen Brief an den Staatspräsidenten, der mit den Worten j'accuse (ich klage an) begann. 1901 schrieb er zu dessen Verteidigung La vérité en marche (Die Wahrheit auf dem Wege) und zog sich damit endgültig den Haß aller Reaktionäre zu.  Zola kam deswegen selbst vor Gericht, wurde zu einem Jahr Gefängnis und 3000 Francs Geldstrafe verurteilt. Er ging dann in die Verbannung nach England. Sein Tod 1902 – nach seiner Rückkehr – durch eine Kohlenmonoxidvergiftung ist nie wirklich geklärt worden, Freunde vermuteten jedoch einen Anschlag seiner staatlichen Gegner. 
Und  noch ein Wort zu der literarischen Schubladeneinstufung "Naturalismus". Wie schon oben angedeutet, wäre das Wort "Materialismus" besser. Zweifellos finden sich wunderbare Naturbeschreibungen in alle Romane eingeflochten, das Wesentliche sind sie nicht. Auch scheint über diese Einstufung seine kritische Betrachtung der Natur in Folge der gesellschaftlichen, d.h. eben kapitalistischen Einwirkungen auf sie getilgt. Daß Flüsse zweckmäßig begradigt werden und vieles andere mehr, findet sich schon bei Zola en detail. Das Wesentliche freilich ist Zolas Blick auf die Individuen, wie sie unter dem Diktat der Ökonomie und der Politik allenthalben zuschanden werden und ihre Menschlichkeit – mal mehr mal weniger – verlieren bzw.  selber aufgeben oder auch – selten genug – erhalten bzw. wiedergewinnen. 

Übersicht über die spannenden, non-fiction Romane der Rougon-Macquart (Thematik kurz angerissen), allesamt ein empfohlener Genuß zum Schmökern:

Nana greek01  Das Glück der Familie Rougon (Thema: Die bürgerliche Familie in einem kleinen Ort) 
02  Die Beute (Thema: Börsenspekulation)
03  Der Bauch von Paris 
(Thema: Nahrungsmittelversorgung und Essens"gewohnheiten")
04  Die Eroberung von Plassans (Thema:  Der politische Kampf in der Provinz)
05  Die Sünde des Abbé Mouret (Thema: Der Kampf eines Pfaffen mit seinen materiellen Bedürfnissen)
06  Seine Exzellenz Eugène Rougon (Thema: Korruption in der Politik)
07  Der Totschläger (Thema: Arbeiterklasse & Alkoholismus)
08  Ein Blatt Liebe (Thema: Die Zauberkraft der Liebe)
09  Nana (Thema: Prostitution)
10  Ein feines Haus (Thema: Ein Mietshaus und seine Mieter)
11  Paradies der Damen (Thema: Ein modernes Warenhaus und die Verdrängung kleiner Läden)
12  Die Freude am Leben (Thema: Leid)
13  Germinal (Thema: Die Welt der Bergarbeiter)
14  Das Werk (Thema: Der bildende Künstler und seine Ambitionen)
15  Die Erde (Thema: Die Welt der Landarbeiter)
16  Der Traum (Thema: Das Jenseits in der Realität)
17  Das Tier im Menschen (Thema: Die Eisenbahn)
18  Das Geld (Thema: Die Welt der Finanzen)
19  Der Zusammenbruch (Thema: Der Krieg)
20 Doktor Pascal (Thema: Zwischen Glauben und Wissenschaft)
Anmerkung: Frühere Übersetzungen ins Deutsche haben zum Teil anders übersetzte Titel:  So heißt der Roman Die Beute: Die Jagdbeute, Der Totschläger:  Die Schnapsbude,  Ein feines Haus: Am häuslichen Herd, Die Erde:  Mutter Erde, Das Tier im Menschen: Die Bestie im Menschen.

Darüber hinaus hat Zolas weitere Romane und Kurzgeschichten sonder Zahl sowie Literaturkritiken verfaßt. Zum Beispiel die religionskritischen Romane der drei Städte (Lourdes, Paris, Rom) sowie die nach Wegen aus der unwirtlichen Realität suchenden Romane der vier Evangelien (Fruchtbarkeit, Arbeit, Wahrheit – der 4. "Gerechtigkeit" blieb unvollendet), die deutlich machen, daß die schöngeistige Literatur keinen Ausweg finden kann, da eine Beschreibung der Realität keine Erklärung derselben ist. Ein erstes kaum noch bewußtes Wahrnehmen der Realität erheischt deren wirkliche Erklärung, nach der Zola gesucht hat, die er aber an und in der Oberfläche der Wirklichkeit gar nicht finden konnte.

[16 biblifile Bände der Rougon-Marquart sind im  Goldmann-Verlag als Taschenbücher erschienen.]

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bluete

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koka

Charles Bukowski schrieb angesichts des Vietnamkriegs 1969 dieses Gedicht:

Kommunisten

Wir trieben die Frauen in einer
langen Reihe hinunter zum Fluß,
verkrampft von der Angst in ihren
stupiden Reisbauern-Schädeln,
die Kinder krampfhaft an sich gedrückt,
Säuglinge, klein wie Mäuse,
die nach Luft schnappten,
ihre Chancen standen 1:1000;
die Männer mußten in einem Kreis
niederknien, dann erschossen wir sie,
und ihr Tod hatte kaum etwas
von einem Tod, es war eher
wie irgendwas in einem Film,
Männer mit Armen und Beinen wie Spinnen
mit einem Fetzen Tuch über den Genitalien,
Männer, die kaum geboren waren,
konnte man eigentlich kaum töten,
aber da lagen sie nun auf der Erde
und waren tot, und in der grellen Sonne
hatten sie so einen eigenartigen
Ausdruck im Gesicht, als wär ihnen
alles ein Rätsel.

Von den Frauen konnten einige mit
Gewehren umgehen. Wir ließen
eine kleine Abteilung zurück,
die sich mit ihnen befassen sollte.
Dann steckten wir die restlichen
Hütten in Brand und zogen weiter
zum nächsten Dorf.

(aus: Der größte Verlierer der Welt · Gedichte 1968-1972)

bluete