Politik

deutscher Imperialismus am Beispiel Marokko

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Der deutsche Imperialismus am Beispiel Marokko
unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Sozialdemokratie auf ihrem Weg zu seiner Speerspitze

 

Im Januar diesen Jahres besuchte Entwicklungsministerin Svenja Schulze von der SPD Marokko. In der längst eingerissenen Art, mit als minderwertig eingestuften Staaten umzugehen, verlangte Sie, Marokko möchte Fachkräfte nach Deutschland kommen lassen. Im Gegenzug solle es bereit sein, die für nichtsnutzig erachteten, Hunger leidenden Flüchtlinge zurückzunehmen. Menschenrechtliche Vorhaltungen waren bei dieser befreundeten Diktatur selbstverständlich nicht angebracht. Der Rassismus der Bundesministerin steht übrigens in der schönen Tradition eines früheren SPD-Parteiführers namens Bebel, doch dazu, zu dessen Rede weiter unten.

Wer sich erinnert: Im Rahmen des ›Arabischen Frühlings‹ im Jahre 2011 – exakt 100 Jahre nach der 2. Marokkokrise, auf hier gleich eingegangen werden soll – gab es auch in Marokko einen Aufstand gegen das Regime, der freilich weder vom ›Freien Westen‹ inszeniert noch unterstützt wurde und daher auch rasch niedergeschlagen werden konnte, sehr zum Wohlgefallen unter anderem auch der mit dem Regime solidarischen deutschen Regierung und ihrer kongenialen Öffentlichkeit.
Nun hat es ja sein Gutes, daß ein ambitionierter Staat wie die Bundesrepublik in Rabat wie in anderen afrikanischen Staaten einen autokratisch regierenden Vasallen (samt einer ihm verpflichteten formellen Regierung) sitzen hat, der deutsche Anträge versteht und wohlwollend, das heißt auf Kosten seiner eigenen Bevölkerung und der der Entwicklung des Landes – wie sollte es sich entwickeln, wenn man die Fachkräfte abwandern läßt? Oder soll mit dem Entwicklungsministerium gar Deutschland entwickelt werden? — das umzusetzen verspricht, was von ihm gefordert wird.

Das war nicht immer so. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war Marokko sehr umstritten. Zwar gab es auch damals einen Sultan, aber um den hatten sich die imperialistischen Staaten nicht groß geschert, wie sie sich ja überhaupt über die Köpfe der Afrikaner hinwegsetzen zu können glaubten. Kurzum, Afrika war damals aufgeteilt, hauptsächlich unter die beiden Großkolonialisten Großbritannien und Frankreich. Deutschland hatte ebenso große Ansprüche, wähnte sich aber gegenüber den anderen bei der Aufteilung jenes Kontinents zu kurz gekommen zu sein. Jedenfalls erachtete dies das deutsche Kaiserreich damals für einen nicht länger hinnehmbaren Zustand. Marokko, auf das Frankreich nächstliegende Ansprüche erhob – es hatte Westafrika ja größtenteils unter seiner Kontrolle, sollte, so Deutschland den Franzosen keineswegs überlassen werden. Es war Krieg zwischen Deutschland und Frankreich zu befürchten, da keine Seite nachgeben wollte. Am 3. April 1906 einigten sich schließlich die Parteien – neben Frankreich und Deutschland waren auch Spanien, Großbritannien, die USA, Österreich-Ungarn, Italien, Rußland, die Niederlande sowie Marokko selber vertreten –, den Krieg dann doch scheuend im Vertrag von Algeciras nach langwierigen Verhandlungen. Rein formell wurde Marokko Souveränität zugebilligt, die dort verfügten Reformen wurden unter internationale Aufsicht gestellt, die organisierende Polizei wurde an Frankreich und Spanien übertragen. Internationale Handelsfreiheit wurde sichergestellt und zwar ›gleichmäßig‹, was heißen soll: auf alle Staaten entsprechend verteilt. Die Aufsicht darüber wurde einem diplomatischen Korps in Tanger übertragen. Dieses Ergebnis war für die deutschen Ansprüche selbstredend ziemlich erbärmlich.

Und so dauerte es nicht allzu lange, bis es zur 2. Marokkokrise kam. Im April 1911 kam es ob der Eintreibungen von Tributen zu Unruhen durch Einheimische. Deshalb nahm Frankreich eine Expedition in die damalige marokkanische Hauptstadt Fez [auch geschrieben: Fès] vor (Einmarsch am 21.05.), gleichzeitig beschwichtigend, es handele sich nicht um eine Verletzung des 1906 geschlossenen Vertrags. Das sah man in Deutschland anders, zumal Frankreich zunächst keinen Rückzugstermin bekannt geben wollte und später Ausbilder für die marokkanischen Streitkräfte im Lande behalten wollte. Daraufhin wurde der Panzerkreuzer ›Panther‹ vor den besten Atlantikhafen Marokkos, Agadir, geschickt (später abgelöst durch einen namens ›Berlin‹). Nach langwierigem internationalen Gezerre wurde letztendlich noch einmal ein Krieg verhindert. Deutschland erkannte Marokko am 04.11.2011 als Protektorat Frankreichs an und erhielt im Gegenzug ein beträchtliches Gebiet des französischen Kongos – welches die deutsche Kolonie Kamerun, die daran anschloß, fast verdoppelte –, wenngleich der wirtschaftliche Nutzen wenig vielversprechend erschien. Außerdem erhielt es ein Vorkaufsrecht auf das spanische Guinea (heute: Äquatorial-Guinea). Es war einmal mehr klar, daß, wiewohl Deutschland nicht leer ausgegangen war, das für mager angesehene Resultat die Empörung deutscher Nationalisten hervorrief. 

Und damit wären wir bei der innenpolitischen Auseinandersetzung in Deutschland. Der Schriftsteller Arthur Zapp, ein aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens, hat gerade angesichts der immensen Kriegsgefahr anläßlich der Marokko-Krise einen aufschreienden Roman verfaßt. Der war so antinationalistisch und antimilitaristisch, daß er nur unter einem Pseudonym (V. E. Teranus) veröffentlicht werden konnte (Verlag Continent G.m.b.H. Berlin W 50). Die Schrift trägt den Titel ›Der letzte Krieg‹: Damals nahm Zapp an, daß die Menschheit mit dem anstehenden Krieg noch zur Einsicht kommen könnte. Dies hatte er dann nach dem Weltkrieg revidiert, er hielt noch zwei weitere Weltkriege für nötig, wie er in seinem der Zukunft gewidmeten Roman ›Revanche für Versailles! – Eine Zukunftsvision (1924)‹ kundgab. ›Der letzte Krieg – ein Zukunftsbild‹ wurde während Beendigung der 2. Marokkokrise geschrieben, vielleicht auch schon vor der sich zusammenbrauenden Krise (im Buch selber ist keine Jahreszahl enthalten). Das Werk stellt einen eindringlichen Aufschrei gegen die Kriegshetze in Deutschland dar. Gerade deshalb verdient es noch heute angesichts von Aufrüstung und Kriegshetze, der Waffenlieferungen in Kriegsgebiete und an Diktatoren, ja selbst der Kanonenbootpolitik (jüngst im Roten Meer) der deutschen, sozialdemokratisch geführten Regierung höchste Relevanz!

Hier seien zwei Kapital des heute nicht mehr erhältlichen Romans dokumentiert, und zwar der 1. Abschnitt des 2. Kapitels mit der Rede des Reichskanzlers (Theobald von Bethmann Hollweg) und der Gegenrede von August Bebel, dem Partei- und Fraktionsvorsitzenden der Sozialdemokraten sowie das 3. Kapitel mit der sozialdemokratischen Parteiversammlung, in der der Referent den Opportunismus Bebels zerlegt.
Bei dem Kritiker sei angemerkt, daß, wiewohl er an Schärfe nichts zu wünschen übrig läßt, doch einige schwache Stellen erkennbar werden: So verteidigt er den Rechtsstaat in seinem Verständnis als einen Gegensatz zum Militarismus – ein solches Mißverständnis kann heutzutage sicher nicht mehr aufkommen. Zum anderen spricht er immer vom ›Volk‹, wiewohl er die Arbeiterklasse meint. Damit bestätigt er den Wunsch nach einer dezidiert proletarischen Führung, anstatt – er zitiert immerhin das ›Kommunistische Manifest‹ – der Emanzipation der Arbeiterklasse das Wort zu reden.
Nichtsdestotrotz ist die Auseinandersetzung mit den damaligen Gegebenheiten aufschlußreich. Am Opportunismus der SPD hat sich jedenfalls nichts geändert. Als Führungskraft des Staates ist der Kriegswille der SPD heute allerdings nicht mehr wie damals bloß unzufriedene Opposition.

Doch nun zu den Ausschnitten des Romans, bei dem allein das in eckige [ ] Klammern Gesetzte eingefügt ist.
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Die Nachrichten, die die Zeitungen am Morgen des sechsten Juli [1911] brachten, waren nichts weniger als beruhigend. Im Gegenteil, die Meldung von dem kriegerischen Einbruch französischer Truppen in Marokko wurde bestätigt und dann die Mitteilung geknüpft, daß im Auswärtigen Amt zu Berlin die ganze Nacht über gearbeitet worden und daß Depeschen hin- und hergeflogen seien. Auch die Nachrichten aus England lauteten alarmierend genug. Ein englisches Geschwader war von Helgoland aus gesichtet. Zu gleicher Zeit berichteten Telegramme von englischen Waffenlieferungen nach dem Balkan und von sonstiger englischer Minierarbeit. Augenscheinlich wollte das perfide »Albion« Bosnien gegen Österreich aufwiegeln und Serbien und Bulgarien mit in die Bewegung verwickeln. Daß zwischen England und Frankreich geheime Abmachungen getroffen waren, konnte als sicher gelten, denn niemals würde Frankreich den entscheidenden Schritt in Marokko, den Abmachungen von Algeciras zum Trotz, getan haben, wüßte es den Bundesgenossen nicht an seiner Seite.
Wie Rußland und wie Italien sich in dem drohenden Konflikt verhalten würden, war die große Frage, deren Lösung alle Welt mit Spannung entgegensah.
Überall, in den öffentlichen Bureaus, in den Comptoirs, in den geschäftslokalen aller Branchen, in den Werkstätten der Handwerker, auf den Arbeitsplätzen, ja sogar in den Schulen wurde lebhaft über die Frage: Krieg oder Frieden diskutiert.
Die Abendblätter brachten die Nachricht, daß die deutsche Regierung in sehr entschiedenem Ton ein Ultimatum an Frankreich gerichtet und unter Berufung auf die Abmachungen von Algeciras die sofortige Zurückziehung der französischen truppen aus Marokko gefordert habe. Im Reichtstag habe große Begeisterung geherrscht; von fast allen Seiten des Hauses sei die energische Erklärung des Reichskanzlers mit jubelndem Beifall aufgenommen worden.
Der Antrag Bebel und Genossen: der Reichtstag möge die Erwartung aussprechen, daß sich die Regierung auf keinen Fall auf kriegerische Abenteuer einlassen werde, selbst wenn sich das Gerücht von der Okkupierung Marokkos durch die Franzosen bestätigen sollte, sei mit stürmischen »Pfuis« abgelehnt worden.
Schließlich war die Diskussion vertagt und dem Reichskanzler mit allen Stimmen gegen die der Sozialdemokraten das volle Vertrauen ausgesprochen worden.
Am 10. Juli herrschte »Unter den Linden« und in den Straßen der Friedrichsstadt vom frühen Morgen an ein lebhaftes Leben und Treiben. Die Morgenblätter hatten ausführlich über eine im französischen Parlament stattgefundene Sitzung berichtet, in der der leitende Minister unter dem begeisterten Beifall fast aller Abgeordneten eine sehr kriegerisch gestimmte Rede gehalten und Deutschland sehr verächtlich ein geknechtetes, selbstherrlich regiertes Land genannt hatte, das den Heeren der freien Republik nicht würde standhalten können.
Nur die Sozialisten hatten einen Mißklang in den einhelligen Enthusiasmus, in den hochaufschäumenden Patriotismus der anderen gebracht.
Jaurès hatte in einer großen Rede seinen und seiner Genossen Standpunkt dargelegt.»… Der ökonomische Konkurrenzkampf zwischen dem Kapitalismus hüben und drüben, die Gewinnsucht, das Bedürfnis, um jeden Preis, auch mit Kanonenkugeln, der überfüllten und in ihrer eigenen Unordnung erstickenden kapitalistischen Produktion immer wieder neue Absatzquellen zu eröffnen, ist es, was den Krieg entfesselt. Der Krieg ist nur der sichtbare Ausbruch des in allen Gängen und Adern unsrer Erdrinde fortschwelenden Feuers, des chronischen und schweren Fiebers, das unser gesellschaftliches Leben fortwährend untergräbt. … Wir, das arbeitende, friedliebende Volk protestieren gegen den Krieg, wir fühlen uns eins mit unseren arbeitenden Brüdern jenseits unsrer Landesgrenzen. Uns eint ein Wille, der Gedanke an die Solidarität alles dessen, was Menschanantlitz trägt. …«
Guesde und Vaillant hatten ihrem Genossen sekundiert; ihre flammenden, gegen den Krieg eifernden und den Bürgerkrieg in Aussicht stellenden Worte waren aber schließlich in dem zornigen Widerspruch, in dem wütenden Tumulte der überwältigenden Mehrheit des Hauses erstickt.
Zum Schluß der Sitzung war dem Ministerium mit allen gegen zwanzig Stimmen das volle Vertrauen des Parlaments votiert und die Erwartung ausgesprochen worden, daß die Regierung sich durch das drohende Ultimatum der deutschen Regierung nicht einschüchtern, sondern die Interessen Frankreichs in Marokko unbeirrt weiter verfolgen werde. …'

Der Krieg war nunmehr unvermeidlich. Das war die allgemeine Ansicht, der die dichten Menschenmassen, die auf beiden Seiten der Prachtstraße »Unter den Linden« und auf der Mittelpromenade hin- und herwogten, eifrig schwatzenden und gestikulierend, Ausdruck gaben. Vor dem Schlosse hatte sich eine große Menge angestaut, die sich nicht rückte und rührte und stundenlang mit bewundernswerter Ausdauer aushielt und neugierig, erwartungsvoll nach dem unzähligen Fenstern des Riesengebäudes starrte, als müsse sich dort irgend etwas Wunderbares ereignen.
Ausrufe, hastige Mitteilungen, Meinungsäußerungen, die mit großer Wichtigkeit abgegeben wurden, schwirrten hin und her. Die Gerüchte, die von klugen Leuten, die das Gras wachsen hörten, eifrig kommentiert wurden, wuchsen ins Ungeheuerliche. Eine große englische Flotte habe Cuxhaven beschossen, ja eine englische Truppenmacht sie im Begriff, an deutscher Küste zu landen. Eine französische Armeeabteilung sei bereits in Lothringen eingerückt und marschiere auf Metz los. Auch ein russisches Armeekorps habe schon die Grenze überschritten und sei in Westpreußen eingebrochen. Italien habe sich ebenfalls dem Feinde angeschlossen und eine italienische Flotte blockiere Triest und Pola [=Pula]…
Trotz aller Lebhaftigkeit herrschte eine gedrückte, bange Stimmung. Das war nicht die siegesgewisse Begeisterung von 1870, wo man wußte, daß man nur die schlecht gerüstete Armee des desorganisierten französischen Kaiserreichs gegen sich hatte, während es jetzt hieß: Feinde ringsum! Außerdem war seit Jahren bekannt, daß die französische Armee sich in vortrefflichstem Zustand befand und vollständig kriegsbereit war.
Deutschland aber hatte allein auf die Österreicher als Bundesgenossen zu rechnen. Dazu kam, daß man keine populären bewährten Heerführer besaß, wie 1870, daß noch keiner der Generäle im Ernstfalle Proben seiner Tüchtigkeit hatte geben können. Der allgemein vorherrschende Pessimismus machte sich nach Berliner Weise in allerlei schnoddrigen Bemerkungen Luft: »Schlummerköppe! Immer langsam voran, daß die österreichische Landwehr nachkommen kann!«
»Der Reichskanzler hat die Zeit verschlafen. Ja, wenn wir Bismarck‘n noch hätten, der wär‘ längst mit‘n Donnerwetter dreingefahren!« »Jawohl, der stand früh auf.«
»Und Moltke‘n! Und Roon‘n Und Prinz Friedrich Karl‘n! Und den Kronprinzen! Unsern Fritz! Und Werder! Und Alvensleben! Ei weih!«
»Wen haben wir denn nu? Nich mal `n Walderfee haben wir mehr!« »Jawohl, die scheenste Keile kriegen wir nu – paßt mal uff!« ……
Die Tribünen im Reichstag, der von einer vieltausendköpfigen Menge umlagert war, waren längst vor Eröffnung der Sitzung überfüllt. Als um 11 Uhr der Wagen des Reichskanzlers vorfuhr, reckte alles die Hälse. Ein paar Hochs wurden rasch durch laute Äußerungen des Unwillens erstickt.
Im Sitzungssaal trat beim Erscheinen des obersten Reichsbeamten plötzlich erwartungsvolle Stille ein.

Der Reichskanzler nahm sofort das Wort: »Meine Herren, wichtige Ereignisse sind seit gestern geschehen. Die Feindseligkeiten sind, wie wir nicht anders erwartet haben, von seiten der Engländer begonnen worden. Zahlreiche bei uns eingelaufene Meldungen besagen, daß eine ganze Anzahl von deutschen Dampfern und Segelschiffen auf der Nordsee und im Kanal von englischen Kreuzern gekapert worden –«
Stürmische Entrüstungsrufe unterbrachen den Redner. Man sah einander mit zornrotem Gesicht, mit sprühenden Augen an.
Nach kurzer Pause fuhr der Reichskanzler fort: »Der große herrliche Palast-Dampfer ›Deutschland‹ der Hamburg-Amerika-Linie und der nicht minder prächtige Schnelldampfer ›Kaiser Wilhelm der Große‹ des Norddeutschen Lloyd sind auf der Höhe von Southampton von den Engländern angehalten und gewaltsam in den Hafen geschleppt worden –«
Neue zornige Unterbrechungen, Wut- und Entrüstungsschreie.
»Kurz, meine Herren,« nahm der Reichskanzler seine Rede mit erhöhter Stimme wieder auf, »der Krieg ist von unseren Gegnern begonnen, frivol vom Zaun gebrochen worden und uns bleibt nichts übrig, als der Gewalt die Gewalt entgegenzusetzen und unsrer verletzten nationalen Ehre mit allem Nachdruck, mit aller Energie, mit aller Rücksichtslosigkeit Genugtuung zu verschaffen –«
Tosendes Bravorufen erscholl, das sich immer wieder erneute und minutenlang anhielt. Endlich vermochte sich der Reichskanzler, von der Präsidentenklingel unterstützt, wieder Gehör zu verschaffen. Er teilte unter lautloser Aufmerksamkeit, die allerdings von Zeit zu Zeit durch Kundgebungen des Beifalls und begeisterte Zustimmung, bzw. durch Äußerungen der Empörung unterbrochen wurde, mit, daß die französischen Ostkorps zwar gerüstet an der Grenze stünden, sonstige feindselige Handlungen aber noch nicht begonnen hätten. Auch die deutsche Heeresleitung sei nicht müßig gewesen. Die westlichen Grenzkorps seien bereits mobil gemacht und ständen in klirrender Rüstung bereit, einen Angriff zurückzuschlagen oder erforderlichenfalls selbst offensiv vorzugehen. Von Rußland seien Feindseligkeiten wenigstens vorläufig nicht zu erwarten. Das große östliche Nachbarreich werde seine definitive Haltung wohl einerseits von der Stimmung und den Zuständen im Lande und andrerseits von den Ereignissen auf dem Kriegsschauplatz abhängig machen. Italiens Verhalten sei zweifelhaft; irredentistische Putsche in Triest, die Äußerungen der Presse und enthusiastische Kundgebungen von Volksmengen vor dem Gebäude der französischen Gesandschaft in Rom und der französischen Konsulate in Mailand und Venedig bewiesen, daß die Volksstimmung den deutschen Bundesgenossen feindlich und den Franzosen freundliche gesinnt wäre. Man schien zu glauben, die Zeit sei gekommen, die italienischen Stammesbrüder vom österreichischen Joch zu befreien.
Weitere am Morgen eingegangene Nachrichten besagten, daß die französische Regierung wahrscheinlich in der heutigen Kammersitzung sich das Kriegsbudget votieren lassen werde. Außerdem habe er — der Reichskanzler – kurz vor der Abfahrt nach dem Reichstag ein Telegramm aus Paris erhalten, das besage, daß die Führer der französischen Sozialisten: Jaurès, Guesde, Vaillant und andere in aller Frühe verhaftet worden seien, wahrscheinlich um sie an weiteren Agitationen gegen den Krieg zu verhindern und wohl auch weil man hoffte, dem angedrohten Generalstreik entgegenzuarbeiten.
Diese Nachricht erregte allgemeine Sensation. Konservative und nationalliberale Volksvertreter riefen ein beifälliges: »Bravo! Sehr gut!« Aller Augen richteten sich nach der linken Seite des Hauses, wo die sozialistischen Abgeordneten sich um ihren Anführer Bebel geschart hatten und sich, sichtlich ernst und verstört, miteinander besprachen. Ein paar Heißsporne riefen sogar: »Auch so machen! Einsperren die Vaterlandsverräter!« dem Reichskanzler zu. Dieser aber schüttelte lächelnd den Kopf und, als wieder einigermaßen Ruhe eingetreten war, erwiderte er: »Nein, meine Herren, zu einer so gewaltsamen Maßregel haben wir uns nicht entschlossen und wir haben ja auch gar keinen Anlaß dazu. Herr von Vollmar und auch Herr Bebel und seine Freunde sind viel zu vernünftige Leute und sie empfinden trotz alledem viel zu patriotisch, als daß sie der Regierung bei der Erfüllung ihrer Pflicht, das Vaterland gegen die Angriffe der Feinde zu verteidigen, in den Rücken fallen würden –«
»Aber die Franzosen haben uns ja noch gar nicht angegriffen,« rief der greise Führer der Sozialisten mit der ihm eigenen jugendlichen Lebhaftigkeit dazwischen.
»Allerdings angegriffen haben sie uns noch nicht, Herr Bebel,« replizierte der Reichskanzler mit erhobener Stimme, sich mit ernstem Gesicht, das eine lebhafte innere Bewegung widerstrahlte, nach der linken Seite des Hauses wendend. »Aber sie haben unser Ultimatum, das wir wegen ihres eigenmächtigen Vorgehens gegen Marokko an sie richteten, in — ich kann wohl sagen in einem unerhört herausfordernden Ton beantwortet, der einer Kriegserklärung gleichkommt.«
Der Reichskanzler hob ein vor ihm liegendes Blatt empor und las mit weithin schallender Stimme den Wortlaut der von der französischen Regierung eingegangenen Depesche vor. Ein ohrenbetäubender Lärm brach los; wie ein Sturm brauste es durch das ganze Haus; auch überall von den Tribünen stimmte man in die lauten Zornesrufe, in die wilden Schreie ein: »Infam! Frechheit! Hauen müssen wir sie, wie 1870. Krieg! Krieg!«
Alle Abgeordneten waren von ihren Sitzenaufgesprungen und gestikulierten lebhaft nach dem Bundesratstisch hinauf, an dem der Reichskanzler abwartend stand und mir freudig erregtem Gesicht in den Tumult starrte.
Von den Tribünen wehten Damen enthusiastisch mit den Taschentüchern.
Da rief plötzlich eine Stimme von der Linken in den Lärm: »Was geht uns Marokko an!« Wütende Pfuirufe beantworteten von der rechten Seite des Hauses den Zwischenruf. Der Reichskanzler aber winkte abwehrend mit der Hand und erwiderte, als sich endlich die Aufregung etwas gelegt hatte mit dem Pathos sittlicher Entrüstung:

»Dem Herrn, der den eben gehörten Zwischenruf ausgestoßen, erwidere ich: die Zeit, wo sich Deutschland überall im Auslande zurückdrängen ließ, ist vorbei. Wir haben Interessen in Marokko und wir werden sie mit aller Energie verteidigen – (»Bravo! Bravo!«) Überdies wird jeder, der Augen hat zu sehen und sie nicht geflissentlich vor den Tatsachen verschließt, die Überzeugung gewonnen haben, daß der Krieg gegen uns eine zwischen England und Frankreich längst abgekartete Entschließung ist.
Sollen wir uns wehrlos überfallen lassen? Sollen wir warten, bis das feindliche Heer bei uns eingerückt ist? Nein, meine Herren, das kann niemand, das können nicht einmal die Herren Sozialisten vom Kaiser und von der Regierung verlangen!«
Des Reichskanzlers Gesicht nahm einen tiefernsten Ausdruck und zugleich eine dunklere Färbung an, seine Augen blitzten, und mit lauter, vor innerer Bewegung bebender Stimme rief er in die Versammlung: »Die Mobilmachung ist angeordnet. Der Telegraf hat den kaiserlichen Befehl bereits in alle Gaue des Reiches hinausgetragen. Der Krieg ist erklärt!«

Im ersten Augenblick herrschte eine Totenstille in dem weiten Raum. Vor der Gewißheit des furchtbaren Ereignisses, das alle Welt seit Jahren gefürchtet, das mehr als einmal in den letzten Jahrzehnten gedroht, schienen alle zu erstarren. Das Ungeheuerliche, dessen herankommen seit langem auf allen wie ein Alb gelastete, das viele abenteuerlustig, ehrgeizig oder aus niedrigen Motiven ersehnt, das den meisten aber doch Furcht und Entsetzen eingeflößt hatte, war da: der Weltkrieg! Aller Herzschlag schien für einen kurzen Moment auszusetzen und allen schien die Ahnung entsetzlicher Geschehnisse, riesenhafter Katastrofen sekundenlang den Atem geraubt zu haben. Dann aber brach von neuem betäubender Lärm los und donnernde Hurrarufe erschallten auf allen Seiten des Hauses und schienen immer neues Echo zu wecken. Als sich die allgemeine Erregung genug getan, richteten sich wieder alle Augen erwartungsvoll auf den Kanzler.

»Meine Herren,« nahm dieser von neuem das Wort: »Ich habe ihnen nur noch den Antrag der Verbündeten Regierungen vorzulegen, einen Kredit von 1200 Millionen Mark für das Heer und von 100 Millionen für die Flotte zu bewilligen und Sie zu bitten, unsre notgedrungene Forderung einstimmig zu bewilligen, um damit überzeugend vor aller Welt zu bekunden, daß Kaiser und Volk, ebenso wie vor dem glorreichen Feldzug von 1879, so auch diesmal und immer in schweren Tagen einig und treu zusammenstehen –«
Wieder wurde der Redner von allen Seiten des hauses durch stürmischen Beifall unterbrochen, der auch auf den Tribünen ein jubelndes Echo fand.
Endlich verschaffte die Glocke des Präsidenten dem Kanzler die Möglichkeit, seine Rede zum Abschluß zu bringen.
»Ja, meine Herren, ich habe die feste Zuversicht, daß ihr Votum einstimmig erfolgt und daß auch die Herren der äußersten Linken in Konsequenz früherer Erklärungen ihrer Wortführer« – auf die letzten Worte legte der Redende einen besonderen Nachdruck, der in den Reihen der konservativen und liberalen Abgeordneten ein vielstimmiges: »Hört! Hört!« hervorrief – »sich diesmal von der Einigkeit des Hauses nicht ausschließen werden. Wiederholt haben die beiden anerkannten Vertreter der Sozialdemokratie, der norddeutsche Herr Bebel und der süddeutsche Herr von Vollmar Gelegenheit genommen zu erklären, daß die Vaterlandsliebe für sie kein leerer Begriff ist und daß sie gewisse Fragen nicht vom Standpunkt internationaler Solidarität, sondern von dem nationaler Unabhängigkeit beurteilen werden. Wiederholt haben sie erklärt, daß die Sozialisten im Heere ebensogut und ebenso begeistert wie alle übrigen Soldaten ihre Pflicht tun würden, wenn es sich darum handelte, die nationale Selbständigkeit gegen Angriffe von außen zu verteidigen. (»Hört! Hört!« und »Bravo!« rechts und in der Mitte.) So hat einmal Herr von Vollmar im bayrischen Landtag – es war im Sommer 1906 – eine ganze Rede über Patriotismus und Sozialdemokratie gehalten und sich und seine partei aufs allerschärfste und nachdrücklichste gegen den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit und Animosität gegen das Heer verteidigt. Er hat bei dieser gelegenheit unter anderem wörtlich gesagt –« der Redner hob ein vor ihm auf dem Tisch liegendes Blatt zu seinen Augen empor, während die um die Stufen zum Bundesratstisch gescharten Abgeordneten und die weiter hinten Stehenden die Köpfe vorstreckten und mit angespanntester Aufmerksamkeit lauschten, um sich kein Wort entgehen zu lassen – ›Wer also,‹ so hat der sozialistische Abgeordnete gesagt, ›wer also ein gegner des jetzigen Militärsystems ist, der ist deshalb noch lange kein Feind des Heeres selbst, desjenigen Heeres, das ja Blut von unsrem Blut und das die eigentliche Manneskraft unsres Volkes darstellt‹ – (»Bravo, bravo!«) Und weiter,« fuhr der Kanzler fort, »hat Herr von Vollmar den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit mit besonderer Entrüstung, mit wuchtigen, kraftvollen Worten abgelehnt: ›und ich möchte auch denjenigen sehen, der z. B. mir die infame Beschimpfung der Vaterlandslosigkeit persönlich ins Angesichts schleudern wollte, er würde eine Antwort bekommen, die er niemals vergißt, das gebe ich schriftlich.‹ Nun meine Herren« – der Redner ließ das Blatt sinken und kehrte seinlächelndes Gesicht dem Hause zu: »energischer, schärfer, empörter könnte auch ich mich nicht gegen den Vorwurf kein Patriot zu sein verteidigen.«
Schallendes Bravo von allen Seiten, Gelächter und Händeklatschen.
»Herr von Vollmar,« fuhr der Kanzler schmunzelnd fort, »wird nun wissen, was er seiner Ehre und Pflicht als Patriot schuldet.«
Wiederholtes Lachen und Händeklatschen.
»Schließlich hat Herr von Vollmar bei dieser Gelegenheit vorwurfsvoll seinen Angreifern im bayrischen Landtag noch gesagt: ›Erklären dagegen unsre Redner im Reichstag, in diesem Hause oder sonstwo ihre Liebe zum Vaterland (»Hört! Hört!«) und ihre Bereitwilligkeit zu dessen Verteidigung (stürmisches »Hört! Hört! Bravo!«), so hat es gehießen: O das glauben wir nicht –‹ Nun, Herr von Vollmar, ich glaube Ihnen, ich zweifle nicht an Ihrer Vaterlandsliebe, ebensowenig wie an der Ihres Freundes Bebel, der ja ebenfalls wiederholt, zuletzt im Frühjahr 1906 bei Gelegenheit der Debatten zum Militäretat im Reichstag erklärt hat, daß auch die sozialistische Jugend freudig dem Rufe zu den Waffen folgen würde, wenn es gälte, das Vaterland zu verteidigen und daß er – Bebel – selbst in einem solchen Falle die Muskete auf seine alte Schultern nehmen würde.«
Stürmisches Bravorufen folgte den letzten mit erhobener Stimme in den Saal gerufenen Worten.
»Und bei einer anderen Gelegenheit,« schloß der Kanzler, »im Januar desselben jahres äußerte Bebel zu einem Vertreter des ›Peuple‹, des führenden sozialistischen Parteiorgans in Belgien, sich gegen den internationalen Generalstreik als Abwehrmittel eines Krieges aussprechend: ›Hier werden Fragen berührt‹, sagte Bebel, ›die Ihr Belgier, weil Ihr eine patriotische Tradition im eigentlichen Sinne nicht habt, auch nicht einmal ahnungsweise beurteilen könnt. Ein Krieg brächte die Eventualität eines Verlustes Elsaß-Lothringens und des linken Rheinufers (»Sehr wahr! Sehr richtig!«) Es handelt sich hierbei um eine Frage nationaler Unabhängigkeit, die auf alle anderen Fragen ihre Wirkung übt, die unwiderstehlich das Proletariat an die Grenzen treibt, um die nationale Integrität oder einfacher gesagt: um seine eigne Haut zu verteidigen!‹ (»Sehr wahr! Sehr richtig!«) Nun ja« – der Redner legte wieder das Blatt aus der Hand und sah lächelnd zu der Linken hinüber – »nun ja, Herr Bebel, ganz meine Ansicht: jetzt handelt es sich in der Tat um unsre nationale Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Rufen Sie darum Ihren Genossen überall im Reiche zu: An die Grenzen zur Verteidigung des Vaterlandes! Und Sie selbst, Herr Bebel, beweisen Sie den Mut Ihrer Überzeugung, bewilligen Sie uns in logischer Konsequenz ihrer eigenen Worte die Mittel, unsre Integrität zu bewahren und uns unserer Haut zu wehren!«
Der Reichskanzler setzte sich, während stürmisches Bravo- und Beifallsrufen sich mit schallendem Gelächter mischte. Aller Augen richteten sich erwartungsoll, herausfordernd nach der linken Seite, wo die sozialistischen Abgeordneten sich schon während der Rede des Reichskanzlers um Bebel und v. Vollmar geschart hatten, um eifrig miteinander zu beraten. Den erhitzten Gesichtern und den heftigen Gestikulationen war anzusehen, daß in der sozialdemokratischen Fraktion diesmal die gewohnte Einmütigkeit nicht herrschte. Bebel redete dringlich auf seine Genossen ein, die sich endlich seinem Willen zu beugen schienen.

Jetzt wandte sich Bebel zur Präsidentenbühne und bat um das Wort. Und während ihm das Wort erteilt wurde und er mit jugendlicher Raschheit zur Rednertribüne emporeilte, ging eine lebhafte Bewegung durch das ganze Haus und eine dichte Korona von Abgeordneten aller Parteien drängte sich um die Tribüne. In allen Mienen spiegelte sich die gespannteste Erwartung, das stärkste Interesse. Der anerkannte langjährige Führer der deutschen Sozialdemokratie legte ein paar Blätter, die er in der Hand gehalten hatte, vor sich auf das Rednerpult und begann: »Wir, mein Freund von Vollmar und ich, sind weit entfernt, das, was wir gesagt haben, verleugnen zu wollen. Jawohl, wir haben mehr als einmal betont, hier im Hause und anderswo, daß wir Sozialisten unser Vaterland ebensogut lieben, wie irgendwelche Angehörige andrer Parteien und daß wir nicht anstehen werden, erforderlichen Falles unsre Pflicht zu erfüllen und den letzten Blutstropfen für unsre nationale Existenz einzusetzen, beziehungsweise unsre wehrfähigen Genossen zu ermahen, mit den Waffen in der Hand jeden Angriff auf unser Vaterland abzuwehren –«
»Bravo, bravo!« erschallte es von allen Seiten des Hauses und von den Tribünen.

»Aber, meine Herren,« fuhr der Redner mit nervösem Zucken des Gesichts fort, offenbar nicht gerade sehr angenehm berührt von dem ihm zuteil werdenden ungewohnten einhelligen Beifall des Hauses, »aber, meine Herren, liegt denn hier ein solcher Fall vor?« (Gelächter. Stürmische Rufe: »Jawohl! Haben die Engländer nicht unsre Schiffe genommen?«)
»Wenn die Engländer deutsche Schiffe gekapert haben, so haben sie damit allerdings den Krieg zur See begonnen – (»Na also«) den Krieg zur See, meine Herren! Aber sprechen wir zunächst einmal von der viel wichtigeren Frage des Landkrieges, mit dem uns Frankreich angeblich bedroht! (Gelächter.) Frankreich schickt sich an, Marokko zu okkupieren. Nehmen wir an, das sei richtig! Ja, meine Herren, haben wir uns denn von dem ganz brutalen, frivolen Einfall der Engländer in Transvaal zu einem Kriege gegen England, ja nur zu einem Protest bewegen lassen? Warum denn nun auf einmal Zeter und Mordio, wo es sich um ein viel unkultivierteres Land, um ein in der Kultur viel weiter zurückgebliebenes Volk handelt?« (Unruhe, Lachen, Rufen: »Das war etwas ganz anderes. Heute stehen wir auf einem andern Standpunkt.«) Sie stehen heute auf einem anderen Standpunkt. Wir aber nicht, meine Herren, wir sind noch immer der Meinung, daß ein Krieg nur erlaubt ist, wenn es sich um den Kampf für die Existenz handelt. Meine Herren, wenn ihre Nationalheros, den sie ja allezeit wie einen irrenden Gott verehrt haben, wenn Bismarck noch lebte, so würde ihm ein Konflikt mit Frankreich gerade so unsympathisch sein, wie er es uns ist.« (Gelächter. »Unsinn«)
»Nein, meine Herren, das ist kein Unsinn, sondern ich kann es Ihnen mit Bismarcks eigenen Worten belegen. In den Ihnen wohl allen bekannten Denkwürdigkeiten der Fürsten Hohenlohe – (Lachen) berichtet der Memoirenschreiber über verschiedene sehr charakteristische Äußerungen des ersten deutschen Reichskanzlers in dieser Hinsicht. So erzählt Fürst Hohenlohe im zweiten Band seiner Denkwürdigkeiten« – der Redner hob eins der vor ihm liegenden Blätter zu seinem Gesicht empor – »von einem Gespräch während eines Besuches bei Bismarck im Badeort Gastein am 6. November 1883. Fürst Hohenlohe schreibt: ›Er – Bismarck – war entrüstet über die Times-Artikel, die Frankreich gegen uns hetzen. Er will, daß dagegen in der Zeitung vorgegangen werde. Wir wollen, sagte er, von Frankreich nichts. Ein Krieg könnte uns nichts bringen. Geld wohl, aber deswegen führe man keinen Krieg. Franzosen hätten wir schon zu viel.‹ Soweit Bismarck. Sie aber, meine Herren, scheint‘s wollen noch mehr französisches Geld und noch mehr Franzosen – (Stürmische Unterbrechung: »Wollen wir nicht!«)
Nicht? Desto besser! Doch hören wir weiter! Im Jahre 1883 äußerte Bismarck in Friedrichsruh unter anderem: ›Wir haben gute Beziehungen zu Frankreich, die chauvinistischen Provokationen lassen wir unbeachtet und –‹ der Redner sah triumfierend zu der Zuhörerschaft zu seinen Füßen hinunter – ›und in der Kolonialpolitik fördern wir die Wünsche Frankreichs –‹« (Unruhe. Heftige Rufe: »Das hat er nicht gesagt.«) Der Redner hob sein Blatt und schwenkte es in der Luft: »Doch, meine Herren, das hat Ihr Abgott Bismarck gesagt! Und er hat sich noch viel klarer und schärfer in einem früheren Gespräch – es war am 7. November 1882 in Barzin – dem Fürsten Hohenlohe gegenüber über unser Verhältnis zu Frankreich ausgesprochen. Da sagte er: ›Wenn die Franzosen von den Engländern freie Hand in Syrien verlagen, so ist uns das gleichgültig. Überall sollen die Franzosen tun, was sie wollen, wenn sie nur vom Rhein fernbleiben.‹« (Stürmische Unterbrechungen: »Den wollen sie ja eben!«) »Hören Sie doch weiter, meine Herren,« fuhr der sozialistische Redner mit triumfierendem Lächeln fort. »Es kommt noch viel schöner. ›Abends lange Unterredung bei der Pfeife. Bismarck trug mir auf, St. Vallier seine Grüße auszurichten und ihm zu sagen, que nous le regrettons [daß wir es bereuen].‹ Hören Sie wohl, meine Herren« – der sozialdemokratische Parteiführer sah wieder auf sein Blatt: »›Im übrigen bleiben wir bei unsrer wohlwollenden Haltung … und erklären den Franzosen, daß wir sie nie bedrohen werden, auch wenn sie in Kalamitäten geraten sollten, solange sie vom Rhein fern bleiben.‹« Der Redner erhob wieder seine Stimme: »›Sie können in der Welt tun, was sie wollen.‹ So, meine Herren, hat Bismarck sich geäußert, der doch immer für sie maßgebend gewesen ist. Warum handeln Sie nun nicht nach seinem Rat, warum lassen Sie die Franzosen in Marokko nicht ruhig gewähren? Sie aber wollen des lumpigen Marokko wegen alle Schrecken eines europäischen Krieges entfesseln!« (Zwischenrufe: »Es handelt sich ja gar nicht um Marokko! Abgekartete Geschichte mit England.«)

»Ja, meine Herren,« fuhr der Redner fort, »hier kommen wir zu einem dunklen Punkt, zu dem System der Geheimniskrämerei, mit der bei uns Fragen der auswärtigen Politik behandelt werden. Nicht vom Volk, obgleich dasselbe doch alle eventuellen Folgen zu tragen hat, nicht von den Vertretern des Volkes werden diese Fragen gelöst, sondern von einem halben Dutzend von Diplomaten. Wir andern aber tappen hier wie im Nebel herum und sind gar nicht in der Lage, uns ein klares Urteil bezüglich Schuld und Nichtschuld zu bilden. Wir wissen nicht und werden es vielleicht nie erfahren, wer für den drohenden Krieg verantwortlich ist, die Engländer, die Franzosen oder unsere Herren Staatsmänner. Wir haben ja alle staunend aus den Hohenloheschen Memoiren gesehen, wie leichtherzig, ja, wie frivol in den Hof- und Regierungskreisen mit dem Gedanken des Krieges gespielt wird und zwar nicht aus sachlichen Gründen, sondern oft haben Ursachen persönlicher Eifersüchtelei und persönlichen Interesses unsere leitenden Männer veranlaßt, in unsern Beziehungen zu auswärtigen Mächten eine schärfere Tonart anzuschlagen und Konflikte förmlich an den Haaren herbeizuziehen.
Wenn Bismarck selbst seinerzeit nicht vor der Eventualität des Krieges zurückschreckte, wie Hohenlohe an einigen Stellen seiner Denkwürdigkeiten berichtet, nur um sich und seinen Sohn um jeden Preis, auch um den des Krieges, im Amt zu erhalten, haben wir da nicht alle Veranlassung, auch die jetzigen Schwierigkeiten auf ähnliche persönliche Einflüsse, auf eigensüchtige Machinationen zurückzuführen?
Und in diesem Zweifel können wir auch nicht, wie der Herr Reichskanzler verlangt, für das Kriegsbudget stimmen.«
(Stürmische Unterbrechung: »Pfui! Eine Schmach! Pfui! Vaterlandsverräter!«)
Der Redner ließ den Unwillen, der sich auch auf den Tribünen fortpflanzte, austoben, dann fuhr er fort: »Ihre Schmähungen treffen uns nicht, wir sind ja daran gewöhnt, von Ihnen als vaterlandslos erklärt zu werden. Wenn der Krieg, den Sie unter keinen Umständen vermeiden zu wollen scheinen, vorüber sein wird, werden wir ja sehen, wer mehr auf das Wohl des Vaterlandes bedacht gewesen, wir, die wir den Krieg gern vermieden gesehen hätten, oder Sie. (Gelächter.) Wir sind grundsätzlich gegen jeden Krieg, dennoch würden wir, wenn wir klar erkennen würden, daß es sich darum handelt, unberechtigte Angriffe gegen uns abzuwehren, nicht anstehen, den von den Regierungen verlangten Kredit in vollem Umfange zu bewilligen. Andrerseits aber, weil wir eben nicht klar sehen, ob der Krieg von deutscher Seite unnötigerweise heraufbeschworen oder ob er uns aufgezwungen ist und weil ja die letztere Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, so wollen wir auch nicht gegen die Regierungsvorlage stimmen, sondern wir wollen in folgerichtiger Konsequenz unseres Zweifels aus der Abstimmung enthalten –.«
Im ersten Augenblick waren die Zuhörer offenbar überrascht und verdutzt infolge dieser unerwarteten Erklärung, dann aber brach ein betäubender Lärm los. Stürmisches Gelächter mischte sich mit Ausrufen der Entrüstung, Enttäuschung und Verachtung.
Endlich gelang es dem Redner, sich wieder Gehör zu verschaffen.

»Sie selbst haben uns gezwungen zu dieser Haltung,« schrie er in die noch immer unruhige Versammlung hinein. Und sich dann gegen den Bundesratstisch wendend: »Wir haben zu dieser Regierung, die die Nation gerade da, wo es sich um ihre höchsten Interessen handelt, wie unmündige Kinder behandelt, kein Vertrauen. Wir ziehen nur die ganz logischen Konsequenzen Ihres Systems, nach welchem die ungeheure, verantwortungsvolle Entscheidung über Krieg und Frieden nicht, wie es sein sollte und wie es in anderen Kulturstaaten der Fall ist, bei dem Volke ruht, sondern an einer einzigen Stelle im Reich« – (»Schluß, Schluß«)

»Ja ich komme zum Schluß. Ihre Vorwürfe weisen wir zurück: wir haben kein Interesse, das Reich wehrlos zu machen, im Gegenteil, wir geben ebenso bereitwillig wie Sie Gut und Blut für das Vaterland her, wenn wir die Überzeugung haben, daß man unsere nationale Existenz bedroht. Wir werden deshalb, da England ja die Feindseligkeiten zur See willkürlich, brutal, gewalttätig begonen hat, die für die Marine verlangten hundert Millionen bewilligen.«
Diese Erklärung, die der Majorität noch unerwarteter überraschender kam wie die frühere, wurde mit allgemeiner Verblüffung aufgenommen, die sich jedoch rasch in ein stürmisches Gelächter und in ein ironisches Bravorufen auflöste. Damit hatten sich die Hauptereignisse der denkwürdigen Sitzung vollzogen.
[…]
[Kapitel 3]
In den Riesensaal der ›Neuen Welt‹ in Berlin strömten ungeheure Menschenmengen. Ein starkes Aufgebot von Schutzleuten zu Fuß und zu Pferde hielt draußen mit üblicher schneidiger Geschäftigkeit die Ordnung aufrecht. Es mochten wohl an achtausend Arbeiter sein, die erwartungsvoll, lebhaft miteinander ihre Ansichten austauschend, der Ereignisse harrten. Die Tagesordnung der Versammlung, die von dem Aktionsausschuß der Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereinen von Groß-Berlin einberufen worden war, hatte starke Sensation in den Kreisen der Genossen hervorgerufen.
»Die Haltung unsrer Reichstagsfraktion in der Sitzung vom zehnten Juli.«
Daß die aufgrund dieser Tagesordnung einberufene Versammlung Notwendigkeit war, daß sie dem allgemeinen Wunsche der Genossen entsprach, darüber war nur eine Stimme. In der radikalen Arbeiterschaft Berlins hatte die Rede Bebels und das Verhalten der Fraktion bei der Abstimmung über den von der Regierung geforderten Kriegskredit viel böses Blut gemacht. Die allgemeine Empörung und Erbitterung war durch die Lokalisten und Anarcho-Sozialisten, die seit lange Bebels Verhalten in der Frage des Generalstreiks und des Kampfes gegen den Militarismus inkonsequent, schwächlich und opportunistisch nannten, nach Kräften geschürt worden. Der Umstand, daß inzwischen ein großer Teil der Arbeiter einberufen worden war, hatte natürlich nicht dazu beigetragen, die Gärung zu beschwichtigen.
Der Aktionsausschuß hatte sich deshalb dem allgemeinen immer stürmischer an ihn herantretenden Begehren nach einer Abrechnung mit den Abgeordneten der Partei, nach einer öffentlichen Kundgebung der allgemeinen Unzufriedenheit nicht länger verschließen können.
»Wird er kommen? Wird Bebel kommen?« raunte einer dem anderen ins Ohr. Ja, er kam! Durch eine Tür, die auf das Podium am Ende des Saales mündete, trat er ein, um auf einem der hier für die Eingeladenen, die Mitglieder der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion aufgestellten Stühle Platz zu nehmen.
Als man ihn erkannte, den schmächtigen, kaum halb großen Mann mit der noch immer dichten, weißgewordenen Haarmähne, ging eine lebhafte Bewegung durch die Menge und so groß war der Zauber seiner Persönlichkeit, so ungeheuer die Verehrung, die man dem großen Redner, dem greisen Volkstribunen entgegenbrachte, der so viele Jahrzehnte bereits für die Volksfreiheit gekämpft, der so viele glänzende Triumfe auf der Rednertribüne davongetragen hatte, daß die Tausende ihm auch jetzt noch zujubelten.
Ein stolzes Lächeln der Befriedigung, der Siegesgewißheit ging über das schmale blasse Gesicht, während er dankend zu der Menge hinabwinkte, die er in seinem Bann wußte, die sich noch immer gläubig, trotz aller Angriffe seiner Gegner, seiner Autorität gefügt hatte, gerade so unbedingt ergeben und widerspruchslos, wie nur je ein Selbstherrscher von seiner Gefolgschaft gehuldigt worden war.
Die Versammlung wurde eröffnet, das Bureau gewählt. Der Vorsitzende erteilte dem Referenten das Wort. Die ersten Sätze des Redners wurden in abwartender Haltung, mit stiller Aufmerksamkeit angehört, die weiteren Ausführungen aber erregten eine immer stärker werdende Bewegung. Stürmische Unterbrachungen, lebhafte Zurufe, tosende Bravo- und Beifallsrufe hinderten den Redner minutenlang am Reden.

»Wir alle wissen,« sagte er, »was wir unsrem Bebel zu danken haben, wir wissen, daß er immer in der vordersten Reihe der Kämpfer für Volksrecht und Volksfreiheit gestanden, wir wissen, daß ihn der Kampf gegen Unfreiheit, gegen Entrechtung und Unterdrückung des arbeitenden Volkes mehr als einmal ins Gefängnis gebracht hat, wir wissen endlich, daß es auch zum großen Teil seiner Unerschrockenheit, seiner immerwährenden Treue, seinem Fleiße und seiner Begabung zu verdanken ist, wenn wir uns heute stolz die Dreimillionen-Partei nennen können. Aber höher als die Person steht die Sache. Unsre Verehrung des großen Führers darf nicht in kritiklose, sklavische Anbetung ausarten. Für Personenkultus und Götzendienst ist in der Partei kein Raum. Niemals werden wir uns überzeugen lassen, daß blinder Autoritätsglauben und Kadavergehorsam unsre Pflicht sei. Selbst auf die Gefahr hin, aus der Partei zu fliegen, werden wir uns nicht den Mund verbinden, die Freiheit der Diskussion schmälern lassen. Wehe der Partei, in der es keinen Widerstreit der Ideen mehr gibt! Wir zetern über die eiserne Disziplin und den Kadavergehorsam beim Militär und sollten uns selbst eine ähnliche freiheitsfeindliche Diktatur errichten, die zum widerspruchslosen Gehorsam verpflichtet und die Kommandogewalt in die Hände der Führer legt? Nein! Wir sind eine demokratische Partei, eine sozialdemokratische, wir wollen denken und handeln nach unsern Anschauungen und Überzeugungen, nicht nach denen einiger weniger Führer. Sozialismus ist Erziehung zur Selbständigkeit, Wir sind weder Kinder noch Soldaten, die auf Befehl des Unteroffiziers einschwenken. Und so sind wir auch heute zusammengekommen, um Kritik zu üben an dem Verhalten unsrer Reichstagsabgeordneten, frei von der Leber weg wollen wir ihnen erklären, daß sie die Prinzipien der partei Preisgegeben, daß sie sozialdemokratische Logik und Konsequenz mit Füßen getreten, daß sie nicht in unsrem Sinne gehandelt haben, als sie für den Kriegskredit für die Marine stimmten und sich bei dem für die Landarmee geforderten Kredit der Abstimmung enthielten, anstatt laut, nachdrücklichst vor ganz Europa gegen den Krieg zu protestieren –.«
Laute Zurufe aus den Reihen der mit Bebel auf der Tribüne sitzenden Abgeordneten unterbrechen den Redner. Dieser lächelt sarkastisch, sein Gesicht den Bänken der Abgeordneten zukehrend.
»Wir können uns nicht wehrlos machen, rufen Sie mir zu,« fährt er fort, »es handelt sich für uns um Notwehr, um einen Verteidigungskrieg. Und auf diesen alten Trick fallen Sie herein, Sie, die Sie doch alle erfahrene Politiker sind? Mit diesem allen Ammenmärchen wollen Sie Ihre schwächliche, inkonsequente, opportunistische Haltung entschuldigen? Mit dieser Formel, mit dieser Frase stellen Sie sich Ihren konservativen Kollegen im Reichstag an die Seite. Auch diese sind nicht so frivol und schamlos zu erklären: wir wollen den Krieg, wir wollen erobern und uns an dem Besitz der Gegner bereichern, auch diese begründen ihr Eintreten für den Militarismus immer damit, daß sie sagen, wir wollen den Krieg nicht, wir wollen nicht angreifen, aber wir müssen uns doch verteidigen, wenn wir vom Feinde angegriffen werden. Genau dasselbe sagen die Kriegsschwärmer jenseits der Grenzen. Auch diese erklären immer mit vielem Pathos und sittlicher Entrüstung: wir wünschen keinen Krieg und deshalb müssen wir gerüstet sein, um uns verteidigen zu können. Und selbst, wenn sie den Krieg beginnen und den ersten feindlichen Schritt unternehmen, sagen sie noch: wir konnten nicht anders, wir wurden gezwungen, wir wollten uns nur nicht überrumpeln lassen von den kriegslustigen Gegnern. Die beste Deckung ist der Hieb – (Stürmisches Gelächter)
Und so sehen wir denn das erbauliche Schauspiel, daß jeder den Frieden will und daß keiner das Karnickel gewesen sein will, das angefangen hat. Mit dieser kindischen Ausrede, mit dieser erbärmlichen Heuchelei soll man uns nicht kommen, wir lassen uns nicht dumm machen mit diesem Argument, dieser Mär vom Verteidigungskrieg. Die Vertretung der sozialdemokratischen Partei im Reichstag hätte die Pflicht gehabt, mit aller Entschiedenheit zu erklären: Im Namen des Volkes, des arbeitenden Volkes: Wir wollen keinen Krieg und nicht einen Pfennig bewilligen wir für den Krieg! (Stürmisches Bravo)
Daß Sie (zu den Abgeordneten gewandt) das nicht getan haben, war eine Schmach, war ein Verrat an der Sache des Volkes – (Stürmische Zustimmung.) Sie haben uns, die deutsche sozialdemokratische Partei vor Deutschland, vor ganz Europa blamiert, speziell aber vor unsern französischen Genossen. Haben Sie nicht gelesen, was Jaurès im französischen Parlament gesagt hat? Das klang wesentlich anders als das schwächliche opportunistische Gefasel Bebels im Reichstag. Die Scham hätte Ihnen ins Gesicht steigen müssen, als Ihnen der Reichskanzler mit sehr berechtigtem Hohn und Spott Ihre patriotischen Frasen vorhielt, die Sie und Ihr Gesinnungsgenosse Vollmar – Pardon: von Vollmar im Reichstag und sonst geäußert haben –. (Zwischenruf Bebels: »Haben wir nicht immer den Militäretat abgelehnt?«)
Jawohl, das haben Sie inkonsequenterweise –. (»Oho!«) Jawohl, wenn Sie konsequent sein wollte, Genosse Bebel, dann hätten Sie ebensogut wie Herr von Kardoff für den Militäretat stimmen müssen, denn Sie haben ja doch immer erklärt: ›Wenn es sich einmal darum handeln sollte, das Vaterland zu verteidigen, dann werden wir Sozialdemokraten nicht fehlen, dann werde ich selbst noch die Flinte auf meine alte Schulter nehmen.‹ Haben Sie damit nicht die Möglichkeit, die Berechtigung des Krieges anerkannt? Und wenn Sie diese taten, dann mußten Sie auch die Mittel zur Vorbereitung des Krieges, Ihres Verteidigungskrieges bewilligen, falls Sie den Mut der Konsequenz besaßen. (Brausendes Gelächter.)
Für einen Sozialdemokraten aber gibt es keinen Krieg, wir verdammen den Krieg in jeder Form, das Abschlachten von Menschen, die uns nichts zu leide getan haben, durch Flinte und Säbel. Es ist ein Verrat unsrer heiligsten Grundsätze und Anschauungen, den Krieg so gewissermaßen zu verherrlichen und als etwas Großes, als etwas Notwendiges und Pflichtmäßiges hinzustellen. Es ist eine Schmach, denen zu Hilfe zu kommen, die im servilen Dienste egoistischer Gewalthaber auf die Fantasie unsrer Jugend irreführend, verrohend, bestialisierend einwirken. – (Orkanartiger Beifallsausbruch; achttausend Menschen jubeln dem Redner zu. Minutenlange Unterbrechung, da die begeisterte Zustimmung sich immer wieder in stürmischen Beifallskundgebungen Luft macht.)

Sie, Genosse Bebel, und alle, die dem Krieg als etwas Unabänderliches, als eine ewige menschliche Institution anzusehen scheinen, berufen sich immer auf den Verteidigungskrieg. Bei den Herren von Zedlitz, von Oldenburg, Paasche und den andern hochkonservativen und nationalliberalen Herren verstehe ich, wie sie zu diesem Argument kommen. Aber bei Ihnen, Genosse Bebel, der Sie doch das Proletariat vertreten, verstehe ich das nicht. Ist Ihnen, Genosse Bebel, denn nicht bekannt, daß wir, daß das Proletariat überhaupt nichts zu verteidigen hat, aus dem einfachen Grunde, weil es nichts besitzt?
(Gelächter. Stürmische Zustimmung.)
Wozu sollen wir denn in den Verteidigungskrieg ziehen, wozu uns nach allen Regeln der modernen Menschenvertilgungskunst en masse aus der Welt befördern lassen? Wir, der überwiegend größte Teil des Volkes, ja fast das gesamte Volk, wir haben nichts zu verteidigen. 65 von hundert Steuerzahlern der preußischen Bevölkerung sind auf ein unversteuerbares Jahreseinkommen von höchstens 900 Mark eingeschätzt. Was haben diese 65 Prozent zu verteidigen, Herr Bebel? Ihnen, diesen zwei Dritteln des Volkes, kann der Ausgang eines Krieges ganz gleichgültig sein; von der Kriegsbeute bekommt das Volk bestimmt nichts ab. Unser Leben ist Arbeit und Not, Unterdrückung und Knechtschaft. Haben wir Proletarier, wir Enterbten des Glücks, Grund auf unser Vaterland stolz zu sein, uns zu echauffieren für das Bewußtsein, preußische Heloten zu sein, die nicht mitreden, nicht mitzuraten haben, die still zusehen müssen, wie ihnen das Fell über die Ohren gezogen wird? (Stürmisches, zorniges: »Nein, nein!«)
Jawohl, wir Proletarier, wir Besitzlosen können kein nationales Gefühl haben, unsre Ausbeuter, unsre Unterdrücker sind selbst schuld daran. Wie sagten doch unsre Großmeister Marx und Engels im kommunistischen Manifest? ›Die moderne industrielle Arbeit, die moderne Unterjochung unter das Kapital, dieselbe in England wie in Frankreich, in Amerika wie in Deutschland hat ihm – dem Proletarier – allen nationalen Charakter abgestreift.‹ Jawohl, so ist es, Genossen, wir haben kein nationales, wir haben internationales Gefühl. Mit den Zedlitz, den Heyl von Hernsheim, den Stinnes und Thyssen haben wir nichts gemein, mit denen fühlen wir uns nicht eins. Wir fühlen uns eins mit unsern proletarischen Brüdern, die wie wir in Unfreiheit und hartem Frondienst schmachten, wir fühlen uns eins mit den Armen und Unterdrückten in der ganzen Welt! (Begeisterte Zustimmung.)
Die 2,99 Prozent der Steuerzahler, hört wohl, Genossen, die noch nicht ganz 3 Prozent, die ein Jahreseinkommen von 3000 bis 6000 Mark versteuern, die haben wenigstens etwas zu verlieren, etwas zu verteidigen. Und die kleine Schar von 3⁄4 Prozent der Gesamtbevölkerung, die über 9500 Mark Jahreseinkommen bis in die Millionen hinein besitzen, die Großkapitalisten, die Feudalherren, die sich den Klassenstaat als Zwingburg ihrer bevorrechteten Klasse halten, diese 2/3 prozentige Macht mag für ihr Besitztum zittern. Diese 2/3 Prozent sind die Interessenten der Flinte und des Säbels, für die das Blut im Kriege wieder einmal den Erdball färben wird. Im Interesse dieser 2/3 Prozent der Bevölkerung wird uns der sogenannte Patriotismus als Tugend gepriesen und unsern Kindern in der Schule eingebläut.
Und wenn sich auch unter unsern Brüdern und Genossen noch eine große Anzahl solcher befinden, denen immer noch nicht die Augen aufgegangen sind, die noch immer nicht wissen, wessen Geschäfte sie eigentlich besorgen, wenn sie in den Krieg ziehen, wenn es immer noch viele, viele in der Partei gibt, die sich den Patriotismus suggerieren lassen, die mit Begeisterung die Mordmaschinen bedienen und die wirklich glauben, einer heiligen Pflicht zu genügen, die sich als Helden dünken, so ist das Ihre Schuld mit, Genosse Bebel, Ihre und Ihrer Gesinnungsgenossen in der Partei und aller derer, die Ihnen zujubeln. Jawohl, Sie sind es, Genosse Bebel, der sich immer allen Bestrebungen in der Partei, die darauf hinzielten, eine zielbewußte, energische, antimilitaristische Propaganda zu machen, entgegenstellte. Sind sie nicht dem Genossen Karl Liebknecht, als er in Bremen und darauf wieder in Mannheim einen Antrag in dieser Richtung stellte, über den Mund gefahren wie einem dummen Jungen? Haben Sie sich nicht mit dem Gewicht Ihrer ganzen Persönlichkeit, Ihres Ansehens in der Partei gegen Antrag 114 des Wahlvereins Potsdam-Osthavelland gestemmt, der bezweckte, einen ständigen Ausschuß einzusetzen mit dem besonderen Auftrage, gegen den Militarismus, dieses stärkste Bollwerk des Kapitalismus, der unser Volk brutalisiert und barbarisiert, in jeder zulässigen Weise zu agitieren? Haben Sie nicht dagegen mit allem Aufgebot sittlicher Entrüstung gedonnert, als wäre die Partei in Gefahr? Unter den Gründen, mit denen Sie damals Ihren schroffen, erbitterten Widerstand gegen diesen Antrag bemäntelten, der die Aufklärung der Menge in einer der wichtigsten, nein, der wichtigsten Frage des öffentlichen Lebens überhaupt bezweckte, befand sich unter anderem dieses Argument: Ein besonderer Kampf gegen den Militarismus ist überflüssig. Auch mit unsern bisherigen Agitationen erreichen wir das, was erreicht werden muß. ›Allmählich, auf dem Wege der natürlichen Entwicklung‹, so sagten Sie einmal ungefähr, ›wachsen wir in den sozialen Staat hinein und dann gibt es keinen Militarismus mehr.‹
O, Genosse Bebel, sind Sie so kindlich anzunehmen, daß der Kapitalismus ruhig zusehen wird, wie wir in den sozialen Staat hineinwachsen? Und wie sollten wir den Kapitalismus überwinden und besiegen, solange er sich auf den Militarismus stützen kann? Nein, Genosse Bebel, solange wir nach Ihrem Wunsch den Militarismus ängstlich als ein Pflanze ›Rühr‘ mich nicht an‹ betrachten und behandeln, solange diese schneidige Waffe dem Kapitalismus zur Verfügung steht, solange ist auch dieser unbesieglich. Daß Sie das nicht erkannt hatten, Genosse Bebel, daß die Agitation gegen den Militarismus die brennendste Notwendigkeit für den endlichen Sieg des Sozialismus ist, unsre erste, höchste Aufgabe, das wiegt alle Ihre Verdienste um den Sozialismus auf. Soll ich Ihnen die Riesenentwicklung des Militarismus mit Zahlen beweisen? Sie kennen sie so gut, wie wir alle. Wohin soll es führen, wenn der Militarismus ungehindert fortfährt, die Produkte zu überwuchern und zu verdrängen, wenn alles, was der Fleiß des Volkes erwirbt, dazu dienen muß, den Militärmoloch zu füttern, wenn dem zerstörten Markte die zerstörte Justiz, das niedergetretene Recht als Begleiterscheinung der im Militarismus erdrückten Kultur folgen? Der Militarismus bringt schließlich alle Hände zur Strecke, er verschlingt zuletzt die letzte Frucht der Produktion, bis die Leiber der ausgemergelten, geknechteten, getretenen Proletarier das Massengrab unsrer zeitigen Kultur füllen. Mit Ihrer ängstlichen, opportunistischen Taktik, Genosse Bebel, wachsen wir nicht in die erstrebte Kultur hinein, wir sinken immer tiefer in das Völkergrab, das der Militarismus der Menschheit gräbt. Die Produktion, Recht und Kultur können nur im Rechtsstaatgedeihen. Ein bewaffneter Rechtsstaat ist ein Unding, eine Utopie; es hat in historischer Zeit noch nie einen Militärstaat gegeben, der zugleich Rechtsstaat war. Deshalb muß jeder, der den Rechtsstaat vertritt, zu allererst den Militarismus beseitigen. …..

Nun sehen Sie ja, Genosse Bebel, die Folge Ihrer Taktik, Ihrer zarten Rücksichtnahme auf die Gefühle unserer politischen Gegner, Ihrer ängstlichen Scheu, dem Militarismus zuleibe zu gehen, nun haben wir den Krieg. Sie, Genosse Bebel, Sie und alle, die sich in blindem Götzendienst Ihrer Autorität gefügt haben, sind Mitschuldige an diesem Kriege, an dem ungeheuren Blutvergießen, an dem namenlosen Elend und Jammer, an Verwüstung und Greuel allerart, die die Welt bald sehen wird, Sie sind mitschuldig an dem Tod der Hunderttausende, die bald in der gräßlichen Waffenschlächterei, die man Krieg nennt, zugrunde gehen werden.«
Starke anhaltende Bewegung. Bebel und die anderen anwesenden Abgeordneten springen entrüstet auf und protestieren durch Gebärden und Rufe, die in dem ungeheuren Tumulte niemand hört. Viele der Arbeiter unten im Saal stürzen in wildester Erregung gegen die Tribüne vor mit heftigen, wütenden Gebärden gegen die auf der Tribüne stehenden Abgeordneten. Der anwesende Polizeileutnant greift nach seinem Helm. Der Vorsitzende schwingt aus Leibeskräften die Klingel und macht durch eine bezeichnete Geste die Versammlung auf die Gebärde des Polizeibeamten, der mit der Auflösung der Versammlung droht, aufmerksam. Die Aufregung legt sich rasch und der Redner fährt fort.
»Jedenfalls, Genosse Bebel, haben Sie und Ihre Fraktionskollegen sich einer groben Pflichtversäumnis schuldig gemacht, ja, Sie haben Ihre Pflicht als Vertreter der Partei, als Vertreter des überwiegend größten Teiles des deutschen Volkes mit Füßen getreten. Wir haben von Ihnen nicht erwartet, daß Sie offnen Widerstand gegen Staatsgesetze proklamieren. Wir halten niemand ab, seiner gesetzlichen Dienstpflicht zu folgen. Aber, was Sie hätten tun können, ja, tun müssen, das wäre gewesen, der Regierung zu erklären, daß wir, daß unsere Genossen nur gezwungen in den Krieg gehen, nicht aus eigenem Verlangen, aus eigenem Empfinden, sondern nur weil sie müssen, weil sie nicht anders können. Mit aller Kraft und Entschiedenheit hätten Sie gegen den Krieg protestieren, hätten Sie die verlangten Mittel zur Kriegsführung ablehnen müssen, anstatt sich inkonsequent, in nichtsnutzigem Opportunismus der Abstimmung zu entziehen. Sie hätten der Regierung sagen müssen: Gut, wir gehen in den Krieg, wenn es sein muß, aber unlustig, widerwillig gehen wir. Das Volk verabscheut den Krieg, das Volk will keinen Krieg mehr. Und die Regierung, die sehr wohl weiß, daß sichmit einem Heer, das nicht mit Begeisterung, aus innerster Überzeugung in den Krieg zieht, keine siegreichen Schlachten schlagen lassen, wäre vielelicht wankend geworden und wäre im letzten Augenblick doch noch vielleicht vor dem Kriege zurückgeschreckt. Sie aber haben nicht nur gegen uns, das Volk, pflichtvergessen gehandelt, Sie haben auch die Regierung getäuscht, Sie haben sie getäuscht durch Ihr Verhalten, durch Ihre lahmen, lauen Erklärungen, Sie haben sie nicht aufgeklärt über die wahren Empfindungen des Volkes, Sie haben der Regierung nicht gezeigt wie tief in unseren Seelen der Abscheu vor dem Kriege ist, davon haben Sie die Regierung nicht überzeugt, weder im Reichstage, noch durch Ihr Verhalten auf den Parteitagen in Bremen und in Mannheim. Das ist Ihre Schuld, die Sie nicht mehr sühnen können, nie – nie! (Tosender, langanhaltender Beifall, der die Proteste der anwesenden Abgeordneten immer wieder erstickt.)
Und nun zuletzt muß ich Ihnen, Genosse Bebel, auch noch den Vorwurf machen, daß Sie sich gegen die Parteidisziplin, die Sie doch gegen Andersdenkende immer so streng gewahrt wissen wollen, schwer vergangen haben. Auf dem internationalen Sozialistenkongreß zu Paris im Jahre 1900 ist von den Legaten einstimmig, die deutschen Vertreter eingeschlossen, erklärt worden: 1. daß es nötig ist, daß die Arbeiterpartei in jedem Lande mit verdoppelter Macht und Energie gegen Militarismus und Kolonialpolitik auftrete; 2. daß es vor allem unbedingt notwendig ist, die weltpolitische Alliance der Bourgeoisie und Regierungen zur Verewigung des Krieges durch eine Alliance der Proletarier aller Länder zur Verewigung des Friedens zu beantworte. – Sie, Genosse Bebel, haben sich immer gegen die Ausführungen dieser Erklärungen gestemmt, indem Sie wiederholt behaupteten, daß in der Frage des Militarismus nicht in Übereinstimmung mit dem Proletariat andrer Nationen vorgegangen werden könne, daß sie vielmehr national in jedem Lande für sich gelöst werden müsse.
Der internationale Kongreß in Paris 1900 hat ferner einstimmig beschlossen: 1. daß die sozialistischen Parteien überall die Erziehung und Organisierung der Jugend zum Zweck der Bekämpfung des Militarismus in Angriff zu nehmen und mit größtem Eifer zu betreiben haben. Wie leidenschaftlich, ja, wie mit förmlich wütendem Eifer Sie, Genosse Bebel, jeden Versuch bekämpft haben, den Beschluß des internationalen sozialistischen Kongresses von 1900 in Deutschland zur Ausführung zu bringen, das habe ich schon vorhin dargelegt. Im Gegenteil, Sie, Genosse Bebel, Sie schwärmen ja für die allgemeine Volksbewaffnung, für eine Volkswehr und wollen, daß schon die Jugend in den Schulen militärisch gedrillt wird. (Brausendes Gelächter. Zuruf: »Das fehlte uns gerade noch!«)
Auf dem internationalen Kongreß in Paris wurde ferner beschlossen, daß die sozialistischen Vertreter in allen Parlamenten unbedingt gegen jede Ausgabe des Militarismus, Marinismus oder de Kolonialexpeditionen zu stimmen verpflichtet sind. Auch gegen diesen Beschluß haben Sie, Genosse Bebel, und Ihre Fraktionskollegen wiederholt, bei den Herero-Krediten und jetzt wieder, gehandelt. Und wegen dieser doppelten, schweren Verfehlung, in erster Linie wegen des schmachvollen, unentschuldbaren Versagens im Kampfe gegen den Militarismus beantrage ich, daß wir dem Genossen Bebel und den andern Mitgliedern unsrer Reichstagsfraktion unsre schärfste Mißbilligung aussprechen, daß wir ihnen ein Mißtrauensvotum erteilen.«
Ein ungeheurer Tumult entstand. Bebel sprang voll Entrüstung und Zorn auf. Noch nie, solange er in der Partei war, hatte man gewagt, ihm in dieser Wiese gegenüberzutreten, durch lange Jahre hindurch hatte er sich gewöhnt, sich gewissermaßen als Diktator der Partei zu fühlen, jedenfalls hatte er wieder und wieder den Beweis erhalten, daß ihn das Gros der Genossen geradezu vergötterte, daß er sicher sein konnte, bejubelt zu werden, sobald er nur den Mund auftat. Ja, er hatte wiederholt erlebt, daß, wenn auch gelegentlich einem seiner Widersacher unter den jüngeren radikaleren Elementen oder auch aus revisionistischen Kreisen von der Versammlung Beifall gespendet wurde, er nur persönlich aufzutreten brauchte, um allen Widerspruch zum Schweigen zu bringen. Noch immer war jeder Angriff gegen ihn aus Parteikreisen von ihm abgeschlagen worden, noch immer hatte zuletzt die Majorität der Genossen ihm zugejubelt und sich seiner Ansicht, seiner Autorität gefügt. Und so würde es auch diesmal sein. Wenn er nur erst zum Sprechen kam, er würde die Törichten, Irregeleiteten, Wankelmütigen durch die Macht seiner Rede, durch den nie versagenden Zauber seiner Persönlichkeit zu sich zurückzwingen.
Er winkte dem Vorsitzenden, daß er reden wollte. Der Genosse schwang auch aus Leibeskräften die Klingel, aber in dem Lärm der wild durcheinanderschreienden Genossen war es unmöglich, sich Gehör zu verschaffen.
Da trat der greise Volkstribun, der schon so manche wilde Aufregung durch seine bloße Erscheinung beschworen hatte, ganz dicht an die Rampe der Tribüne, beugte sich vor und blickte scharf, tadelnd zur Menge hinab und winkte mit beiden Armen, ihm das Wort zu erteilen.
Aber wunder, diesmal wirkte seine Popularität nicht, der Zauber schien gebrochen; die tobende Menge wollte seine Autorität, das gottähnliche Ansehen, das er immer genossen, nicht mehr anerkennen. Die Erbitterung, die sich im Laufe der Jahre doch bei vielen radikalen Elementen über seine schroffe Ablehnung der antimilitaristischen Anträge angesammelt hatte, der Unwille über die Abgötterei, die mit dem Führer in der Partei getrieben worden war, der ärger über den Autoritätsdünkel, den er manchmal in verletzender Weise hervorgekehrt hatte, brach mit elementarer Gewalt durch. Das Johlen und Schreien nahm kein Ende.

Da machte der überraschte, bitter enttäuschte greise Volkstribun eine heftige, zornige, verachtungsvolle Gebärde gegen die zu ihm Hinaufschreienden. Der Sturm der Entrüstung, zu der die scharfen Angriffe des Referenten die versammlung angestachelt hatten, wuchs zum Orkan. »Nieder mit Bebel! Volksverräter! Feigling!« und andere wilde Schreie flammender Empörung drangen zu dem entthronten Diktator hinauf.
Und mit wütender Gebärde drang man gegen die Tribüne, gegen den erbleicht Zurückwankenden vor.
Da griff der Polizeileutnant nach seinem Helm und stülpte ihn auf sein Haupt.
»Die Versammlung ist aufgelöst!« schnarrte er in dem üblichen Kommandoton. […]

[soweit der faszinierende Roman bis hierher auf Seite 104; er endet dann auf Seite 275]

13.05.2024 [Abbildungen: koka-augsburg: Archiv]
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bluete

Kampf gegen Umweltzerstörung

koka

 

Wie bekämpft man das Umweltdesaster?

 

„Manche sagen, ich solle lieber in die Schule gehen. Manche sagen, ich solle lernen und Klimaforscherin werden, damit ich »die Klimakrise lösen« kann. Aber die Klimakrise ist bereits gelöst. Alles, was wir tun müssen, ist, aufzuwachen und etwas zu ändern.“ (Greta Thunberg, 31.10.2018 in London)

Marx war zwar nicht der erste*, der die Natur unter gesellschaftwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet hat, allenfalls der erste für das Zeitalter des Kapitalismus. Wie selbstverständlich hat er die natürliche Umgebung des Menschen und ihn selber dargestellt als von ihm selber gestaltet: Er, der Mensch, also nicht Spielball der Naturgewalten ist, sondern deren Beherrscher. Und es ist klar, daß heute bzw. eben auch schon zu Marx‘ Zeiten längst nicht der Mensch als solcher Beherrscher der Natur ist, sondern er selber ein Spielball, nämlich der von ihm ins Leben gerufenen »Sachzwänge«. Am Anfang der Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften war es noch so wie Marx als Notwendigkeit eben solcher feststellt: »Nicht das tropische Klima mit seiner überwuchernden Vegetation, sondern die gemäßigte Zone ist das Mutterland des Kapitals.«**
Und Marx hat in seiner Analyse des Kapitals eine weitere Notwendigkeit des Interesses an Verwertung von Kapital herausgefunden: »Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.«***  Die Sorge bezüglich der Untergrabung der Natur einschließlich des Klimas hat als solche etwas Ideologisches an sich, dann nämlich, wenn sie nicht auf die kapitalistische Produktionsweise zurückgeführt wird. Wenn es heißt »der Mensch — das Schwein«, der Mensch, der so rein biologisch ja gar nicht tätig ist. Er betätigt sich allenthalben als Charaktermaske (Marx) gesellschaftlich etablierter und institutionalisierter Interessen. Der Mensch ist eben Staatsmann (Politiker), Kapitalist, Lohnarbeiter oder in anderer Form Funktionsträger der Gesellschaft. Als solche dürfen und sollen »die Menschen« sich betätigen, ihre Dienste (am Sachzwang, versteht sich!) einbringen. Gegen den gesellschaftlich sachzwanghaften Zusammenhang — der einer der monopolisierten Gewalt, eben eines Staates, ist, — Einspruch zu erheben, ist weder vorgesehen noch erwünscht noch gar zugelassen.
Klimasorgen zu ventilieren muß, soll und kann kein Einspruch gegen die herrschenden Verhältnisse sein, sondern umgekehrt, Sorgen eben dieser Verhältnisse zur Aufrechterhaltung ihrer selbst ernst zu nehmen: Als ob es sich nicht von selber verstünde, daß die Verhinderung der Zerstörung nicht den Verursacher retten kann. Oder anders ausgedrückt: Wem es um die Rettung des Kapitalismus geht, der nimmt die Zerstörung unweigerlich in Kauf. Die Zerstörung der Natur ist dann nichts anderes als eine geheuchelte Sorge. Diese Sorge paßt zu den maßgebenden Charaktermasken kapitalistischer Dogmata allen voran dem der Freiheit des Kapitals. An Zynismus ist diese Heuchelei nicht zu überbieten. Ja, es ist wirklich geradezu unangenehm, feststellen zu müssen, daß Kritiker der Klimaveränderung und der sonstigen Umweltzerstörung so naiv sind, daß sie sich an solche dem kapitalistischen Zwang verpflichteten Figuren wenden und mitunter von jenen gar einladen lassen. Und man merkt, wie sie sich so gar nicht wohlfühlen, gar nicht wohlfühlen können in deren unheimlichen Gesellschaft, in dieser Gesellschaft von scheißfreundlich sich gebenden Funktionärstypen.

Und es ist nicht so, daß das kapitalistische Empire nicht »Mißvertändnisse« zu kreieren weiß, 1. Beispiel:
Unverdrossen wird daran festgehalten, daß das kapitalistische Management, die Resultate ihrer Wirtschaft in den Griff bekommen kann: So lobt Jason Clay vom World Wildlife Fund for Nature einen Konzern: »Mars hat sich in Sachen Nachhaltigkeit verpflichtet, im Bereich Meeresfrüchte nur zertifizierte Produkte zu kaufen. Erstaunlicherweise kauft Mars mehr Meeresfrüchte als Walmart, weil sie Tiernahrung herstellen. Und sie machen wirklich interessante Sachen im Bereich Schokolade. Und all das kommt daher, daß Mars auch in Zukunft im Geschäft bleiben will. Sie verstehen, daß sie die Schokoladenproduktion verbessern müssen. Deshalb sequenzieren sie das Genom der Kakaopflanze, zusammen mit IBM und dem US-amerikanischen Landwirtschaftsministerium. Sie wollen, daß man ihnen hilft, nachhaltig zu werden. Jetzt ist ihnen klar geworden, daß sie 320 Prozent mehr Kakao auf 40 Prozent weniger Land erzeugen können, wenn sie die genetischen Merkmale für Wachstum und Dürretoleranz identifizieren können. Das übrige Land kann dann für etwas anderes benutzt werden. Das heißt: mehr mit weniger oder noch mal weniger. So muß die Zukunft aussehen!« Und Rob Wallace bemerkt dazu: »Keine Hilfe bei seinem Streben nach Nachhaltigkeit will Mars allerdings von den Tausenden von Kindern, die für seine Zulieferer in Ghana und der Elfenbeinküste unter sklavenartigen Bedingungen Monokultur-Kakao anbauen. Beziehungsweise von den Tausenden Vertragsbauern dort, die in bitterer Armut leben und von dem Unternehmen keine Fairtrade-Preise erhalten. Jason Clay verteidigt Cargill und Mars mit dem Argument, die Agrarindustrie sei am besten in der Lage, Effizienzgewinne in der landwirtschaftlichen Produktion zu erreichen, um den Ressourcenverbrauch zu senken. Diese Annahme ist das zentrale Glaubensbekenntnis des grünen Kapitalismus. Aber sie ist bestenfalls ahistorisch und läßt die umfassende Zerstörung außer acht, die die Monokulturen der Agrarindustrie hervorgebracht haben. Ihre Effizienzgewinne werden häufig mit Einbußen an anderer Stelle erkauft, darunter so sentimentale 'Fixkosten' wie Menschenrechte, Gesundheit, Löhne und, um einen reduktionistischen Begriff zu verwenden, Ökosystemdienstleistungen.«****
2. Beispiel:
Die in der G7 versammelten imperialistischen Staaten wissen, daß die Aufrechterhaltung zum einen auf (frei)willigen Mitmachern beruht, zum anderen dies durch einen einsatzbereiten Gewaltapparat abgesichert werden muß. Deshalb versuchen diese Staaten mit ihren Geheimdiensten und mit ihnen verpflichteten Nichtregierungsorganisationen (NGO) in den Staaten Einfluß zu nehmen, wo es ihnen gerade nötig erscheint. Da keinen sie kein Tabu. Sozial- und Ökoorganisationen werden unterstützt und gegen unerwünschte Regierungen aufgehetzt. In Nicaragua beispielsweise führte die Bewegung insbesondere
gegen das neue Kanalprojekt 2017 (finanziert von einem chinesischen Konsortium) zu Antiregierungsdemonstrationen, die dann 2018 anläßlich einer Rentenreform neu aufflammten. Die Demonstranten hatten sich dabei den falschen Adressat auserkoren: Jene anschließend zurückgenommene Reform war nämlich einem der berühmten IWF-Diktate geschuldet, womit die Vasallen des Imperialismus auf Kurs gehalten werden sollen. All diese Proteste führten dann zwar nicht zum Sturz der bei nachfolgenden Wahlen mit überwältigender Mehrheit bestätigten sandinistischen Regierung, wohl aber zu ihrer Diffamierung und Dämonisierung dieser durch die medialen Agenturen der Weltaufsichtsbehörden. Die FSLN weiß jedoch aus bitterer Erfahrung um die Verlogenheit der Behauptungen insbesondere aus den USA, die Umwelt und Mensch — gerade den nicht oder nicht länger ausbeutungsfähigen — als lästiges Vehikel ihrer Verwertungsmaschinerien betrachten. Für die Ortega-Regierung ergab sich freilich ein praktisches Problem beim Umgang mit den Demonstranten: Rädelsführer und naive Mitläufer mußten erst sortiert werden; letztere wurden freigelassen, erstere blieben inhaftiert und wurden später in ihr gelobtes Land ausgeflogen. Konsequenterweise wurden 2022 eine ganze Anzahl von NGOs verboten, Organisationen, die so »selbstständig« sind, daß sie vom imperialistischen Ausland finanziert werden.
3. Wie das imperialistische Vorgehen System hat, zeigt ein weiteres Beispiel:
In Tansania und Uganda soll eine neue Ölpipeline gebaut werden, um die Energieversorgung in küstenfernen Gebieten zu verbessern, ein Projekt, das von China mitfinanziert und -gebaut werden soll. Nun hat die Klimaorganisation »Letzte Generation« sich gegen dieses Projekt ausgesprochen*****, also ganz im Sinne der tonangebenden Staaten, die ihren Einfluß auf dem afrikanischen Kontinent schwinden sehen. Man muß nicht soweit gehen, um zu glauben, daß jene Organisation schon von staatlichen Stellen unterwandert ist. Doch umso schlimmer ist die schier unglaubliche Naivität, ihr offenbar völlig fehlendes poltisches Bewußtsein! Vom Zynismus, daß afrikanische Staaten das nicht haben sollen, was hierzulande selbstverständlich schon lange vorhanden ist, mal ganz abgesehen.
Und schließlich 4.
»Seit dem Beginn des Jahrhundert ist die Durchschnittstemperatur in meinem Land, dem Tschad, um mehr als 1,5° C angestiegen. Für die meisten Länder Afrikas gilt das gleiche. Unsere Bäume brennen. Unsere Wasservorkommen versiegen. Unsere fruchtbaren Äcker verwandeln sich in Wüste. Als indigene Frau lebte und arbeitete ich mit meiner Gemeinschaft stets im Einklang mit der Natur. Die Jahreszeiten, die Sonne, Wind und Wolken waren immer unsere Verbündeten. Inzwischen sind sie zu Feinden geworden,«******
Es liegt auf der Hand, daß die zerstörte Natur, die zerstörten Lebensbedingungen des Menschen selber zu den Fluchtursachen gehört, von denen die imperialistischen Staaten am liebsten nichts wissen wollen: So werden auch die restriktiven Maßnahmen begreifbar: Sie sind ihrer Ignoranz gegenüber den Ergebnissen ihrer eigenen Politik geschuldet. Der Rassismus, der mit den Flüchtlingen gefüttert wird, ist somit ein unabtrennbarer Teil der kapitalistischen Weltordnung und damit der Umweltzerstörung.  

Und wenn man dann folgendes liest,
»Wissenschaftler aller Disziplinen sind sich einig, daß die Menschheit vor einem Abgrund steht. Der Klimawandel, die Versauerung der Ozeane, die Wasser- und Luftverschmutzung, Nitrat- und Fosfatbelastung, Störungen der Ozeanströmungen, all diese Elemente des Erdsystems haben entweder Kippunkte bereits überschritten oder nahem sich ihnen rasch an. Die drängendsten ökologischen und sozioökologischen Probleme sind die Zerstörung der Habitate, der Verlust biologischer Vielfalt, kollabierende Ökosysteme, neue Krankheiten, die Erschöpfung von Ressourcen, Peak Oil und zunehmende Schwierigkeiten bei der Energiegewinnung insgesamt, die Eutrofierung. der Gewässer, der Kollaps der Ozeane, die Verschlechterung der Bodenqualität, die Anreicherung von Giftstoffen in der Umwelt und natürlich die Klimaveränderungen. All das bedroht viele Pflanzen und Tierpopulationen, ohne die unsere Gattung nicht überleben kann. Die Umweltschäden sind nicht auf einzelne Biome beschränkt, sie haben globale Ausmaße….«
fragt man sich dann etwa nicht: Weshalb? Wollen jene Wissenschaftler dem Kapitalismus partout kein Haar krümmen? Sind für sie die westlichen Industriestaaten nach wie vor die richtige Adresse, an die sie ihren Aufschrei richten? Hat die Feststellung eines Mißstandes auch schon irgendetwas mit Kritik zu tun? Oder ist es nicht viel mehr eine Bestätigung der Politik, die mit nicht enden wollenden der Umwelt geschuldeten Konferenzen den status quo perpetuiert? Wird in Afrika beispielsweise der Hunger nicht schon seit der Entkolonisierung um 1960 bekämpft, ohne daß er beendet wurde? Ist das Umweltdesaster nicht schon in den 1970er Jahren breit bekannt geworden, ohne das sich daran etwas geändert hätte? Zeigt sich jetzt etwa nicht, daß Marx mit der Analyse des Kapitals nicht schon einen ganzen Schritt weiter war, die Katastrofe und ihr Ausmaß in eben dieser seiner Schrift als notwendig antizipierend?

02.05.2024,
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__________
* »Er [(Karl Nikolaus) Fraas, 1847] behauptet, daß mit der Kultur – entsprechend ihrem Grad – die von den Bauern so sehr geliebte Feuchtigkeit verlorengeht (daher auch die Pflanzen von Süden nach Norden wandern) und endlich Steppenbildung eintritt. Die erste Wirkung der Kultur nützlich, schließlich verödend durch Entholzung etc. Dieser Mann ist ebensosehr grundgelehrter Filolog (er hat griechische Bücher geschrieben) als Chemiker, Agronom etc. Das Fazit ist, daß die Kultur – wenn naturwüchsig vorschreitend und nicht bewußt beherrscht (dazu kommt er natürlich als Bürger nicht) – Wüsten hinter sich zurückläßt. Persien, Mesopotamien etc., Griechenland.« [Marx an Engels, MEW 32, S. 52]
** Kapital, Band 1, MEW 23, S. 536
*** Kapital, Band 1, MEW 23, S. 529. Das Wörtchen »daher« verweist auf Marx' ausführliche Begründung dieser Notwendigkeit!
**** in: Rob Wallace, Was Covid-19 mit der ökologischen Krise , dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat, 2021 (2. A.), S. 125
***** (Pressemitteilung vom 18.03.24)
****** Hindou Oumarou Ibrahim, in: Carola Rackete, Handeln statt Hoffen, 2019, S. 10

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journalismus heute

koka

 

Journalismus heute eine Säule des Staates:
Der Erfolg der Nation ist unser Anliegen und unser Maßstab!

 

Die deutschen Massenmedien zeichnen sich durch eine perfekte Mischung von Fakten mit den Grundlagen der deutschen Staatsinteressen und der daran geknüpften Staatsräson aus. Und zwar so: Einerseits besteht ja ihre Hauptfunktion darin, die Staatsräson mit Fakten anzureichern. Das erklärt die entsprechende Auswahl dieser.
Andererseits werden, so man an unpäßlichen Fakten nicht vorbeikommt, diese entsprechend klassifiziert: Entweder werden sie als nicht »unabhängig« überprüfbar eingeordnet, oder sie werden dis- und abqualifiziert, als Feindpropaganda, als Verschwörungstheorie, als Absurdität; kurz, sie werden keiner weiteren Befassung oder gar Prüfung für wert erachtet.

Verschwörungstheorien, faschistische Tendenzen kein brisantes Thema, das nicht angesprochen wird: Doch wie? Der Grund interessiert überhaupt nicht! Wenn Klage darüber geführt wird, dann allein über etwaige Folgen und ansonsten hat es sein Bewenden. Es entsteht ein Schein völliger Grundlosigkeit, welcher aufgrund der Voreingenommenheit zwangsläufig zutage treten muß. Folgen sollen und dürfen solcherlei unerwünschte Tendenzen natürlich nicht zeitigen. Wobei ein Vorteil der Demokratie zum Tragen kommt: Solche sind in der Opposition und sind dazu verdammt, dort und unter Kontrolle zu bleiben. Und als eben solche beweisen sie die Toleranz der machthabenden Elite: Sie droht Widersachern einerseits Maßnahmen an, so jene es mit ihren Praktiken für den Geschmack der politischen Elite zu weit treiben, andrerseits lobt sie sich selber für die Lebendigkeit und unvergleichlichen Offenheit ihrer Demokratie, die solches erlaubt. Eine Wahlbeteiligung von Faschisten ist zugelassen, vorausgesetzt, daß sie dann brav die ihnen zugewiesenen Oppositionsbänke einnehmen und auf diese Weise Staatsform und herrschende Staatsräson bestätigen.

Das Wunderbare am etablierten Journalismus ist, daß er sich als »objektiv« geben kann, indem er die herrschende Staatsräson und die von ihr geschaffenen Verhältnisse als unumstößlich zu propagieren beliebt und gerade auf dieser Grundlage gleichzeitig total kritisch mit der Staatsräson und Unternehmungen anderer Staaten sowie mit anders gearteten Vorstellungen im eigenen Land umzugehen pflegt. Es liegt somit eine gezielte Verwechselung von Parteinahme mit Objektivität vor.

Innerstaatliche Kritik beschränkt sich seitens des Journalismus hauptsächlich auf die Personen, denen die Staatsräson und damit die Staatsgeschäfte obliegen: Erfüllen jene diese anspruchs- und verantwortungsvolle Aufgabe, den Staat in der Hierarchie der Staaten aufsteigen zu lassen oder versagen sie darin. In dieser Hinsicht werden regelmäßig Wahlen und Wahlkämpfe zu einem Tages- und Titelthema, dem sich niemand verschließen können soll, so wenig einer auch ansonsten mit Politik befaßt ist.

Wie man sieht, ist Journalismus nur in einer Hinsicht schwer, nämlich das immer gleiche Thema erneut breit auszuwälzen und mit »Hintergrundberichten« aus dem alltäglichen Leben sowie mit Bonmots aus der Westentasche zu würzen. Unabdingbare Voraussetzung ist allerdings, die Staatsräson wie Muttermilch eingesogen zu haben, so daß es unmöglich ist, auch nur einen Augenblick an ihr irre zu werden. Der Blödsinn kann zum Himmel stinken, wenn er nur ins Weltbild so verantwortungsvoller Journalisten paßt.

Mittlerweile sind Zeiten angebrochen, in denen dem »freien Wort« das »agenda setting« etwas abhanden gekommen ist: Die feinen Propagandaagenturen sehen sich gezwungen, auf Fakten zu re-agieren, die vor allem andere Staaten setzen. Eine etwas ungewohnte Position sicherlich, aber kein Grund zum Zweifel oder gar zum Verzweifeln. Im Gegenteil: Jetzt ist Härte gefragt, standhalten, die politischen Instanzen zu eben dieser Unnachgiebigkeit aufzufordern, deren Inkarnation sie selber als 4. Macht im Staate sind. Die Affronts insbesondere gegenüber Rußland, China und dem Iran zeugen davon. Im Falle Rußland ließ nach jahrelanger Vorarbeit endlich ein Stellvertreterkrieg als unumgänglich lancieren, so als hätten Politik und Journaille aus dem 3. Reich gelernt, daß man nicht alles selber machen muß, was andere für einen erledigen können. Was ja auch den Vorteil hat, daß das eigene Land als quasi unbeteiligt nicht bombardiert wird. Natürlich verlangt eine solche Aktion jede Menge Propagandaarbeit. Hat der damalige Minister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, in seiner geschichtsträchtigen Rede vom 18.02.1943, in der er die Zustimmung des Volkes zum totalen Krieg einforderte, hat eben dieser damals vom »Angriffskrieg der Bolschewisten« gesprochen — und damit (soweit bekannt) erstmals den Begriff Angriffskrieg in die Welt gesetzt —, so spricht man auch heute wieder von einem Angriffskrieg, dem der Russen selbstredend. Diese Sprachregelung wurde landesweit ganz freiwillig zur Rechtfertigung eines Krieges durchgesetzt. Wie hätten Hitler, Heß, Himmler und ihre Horden sich gefreut, könnten sie sehen, wie ihr antirussisches Feindbild nach wie vor so tief in den deutschen Eliten verankert ist – noch dazu ganz ohne sozialistische Verschleierung des »slawischen Untermenschentums«!

Der Dreh der Propganda dabei hat System: Man abstrahiert ein Ereignis eines Zeitpunkts von all seiner Vorgeschichte und seinen zugrundeliegenden Interessen. Anders sind moralische, rechtfertigende Urteile, Verurteilungen ja schwerlich zu haben. Das gilt für den 7. Oktober 2023 wie für den 24. Februar 2022 wie viele frühere.

Der demokratische Journalismus kann also ganz unbekümmert den staatlichen Ansprüchen Genüge tun. Die Einteilung der Welt in Gut & Böse ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Wobei »Wir« natürlich immer die Guten sind und das Gute wollen, während die anderen »uns« aufgrund ihrer Natur oft nichts als Schwierigkeiten machen, wenn sie nicht kapieren wollen, was »wir« von ihnen wollen und welchen Platz in »unserer« Welt »wir« ihnen zugewiesen haben. So werden die anderen Staaten eingeteilt: Einerseits in mehr oder weniger nützliche Vasallenstaaten, bei denen es erwiesenermaßen unerheblich ist, ob sie eine demokratische Staatsform aufweisen oder nicht. Auf der anderen Seite Staaten, die sich mit eigenen Interessen uns widersetzen, wobei sie noch so demokratisch sein können, wie sie wollen, es nützt ihnen gar nichts, sie gelten von vorneherein als Diktatur. In jenen Staaten wird dann nach »unseren« Leuten gesucht, Führerpersönlichkeiten, denen man zutraut, eine »Revolution« zu vollbringen. Eine wahrlich anspruchsvolle Aufgabe, wie man an den wenigen Typen sieht, die dann »investigativ« gefunden werden: ein Nawalny, ein Guaidó und ähnliche, die man, kennt man deren Äußerungen, bestenfalls als Wirrköpfe bezeichnen kann. Bisweilen gelingt es den USA und ihrem Anhang, einen solchen als Staatschef auch zu etablieren wie zum Beispiel den Fernsehkomiker in Kiew.

Nunmehr stellt sich die Frage, für wen diese Sorte »Aufklärung« gedacht ist. Unterschiedslos für alle Klassen der Bevölkerung, wenngleich dosiert nach Verträglichkeit, da gibt es eben kurz gehaltene Nachrichten für die einfachen Massen und ausführlichere, mit »Hintergründen« beleuchtete für die besseren Schichten; mittlerweile werden Zeitungen gar in die Schulen getragen, damit die gewünschte Art Bildung vorankommt.
Unterschiedliche Formate von Zeitungen, Magazinen und Sendungen ergeben dann das, was nach allgemeiner Ansicht als »Meinungspluralismus« in hohen Ehren steht. Schwarz-rot-golden sind sie, so bunt sie sich geben, hierzulande alle. In dieser Hinsicht radikal trachten sie danach, sich gegenseitig in ihren Vorurteilen, Verurteilungen wie hoffnungsvollen Vorhersagen zu überbieten.

Der sich allenthalben ergebende interessierte Ausblick auf die zukünftige Entwicklung des umsorgten Staates inklusive seiner Wirtschaft ist so erfolgsorientiert wie daher auch radikal: Was für den Erfolg von Staat und seiner Wirtschaft getan werden muß, duldet weder Aufschub noch Widerrede, erfordert vielmehr eine total konstruktive Diskussion: Deshalb die schier endlosen Interviews und Talkshows mit Politikern und anderen Größen der Gesellschaft: Das ist sich die Meinungsbildner einfach schuldig.

Völlig klar dabei ist, wer die Kosten des anspruchsvollen Staatsprogramms zu tragen hat. Die arbeitende Klasse kommt daher nur sehr am Rande zu Wort und auch nur dann werden Leserbriefe abgedruckt, wenn sie einen konstruktiven Beitrag für die Debatte der maßgebenden Elite vorstellig machen, was selbstredend im Ermessen der Redaktionen liegt.

Die ständigen Anspruchssteller sind nicht die »kleinen Leute«, sondern stets die Vertreter des Kapitals. Die müssen keine Leserbriefe schreiben, um zu Wort zu kommen. Die werden in großen Artikeln und Interviews regelmäßig präsentiert als die, auf die es ankommt. Wenn es freilich um die nationalen Belange schlechthin geht, wenn die in ein Desaster zu geraten drohen (wie etwa im Falle des Vietnam-Krieges), dann muß auf das viel umworbene Investorengeschmeiß auch mal geschissen sein, wie es der Film von Steven Spielberg »Die Verlegerin« (2017) so schön vorführte. Allerdings ist die Washington Post seit 2013 in Besitz des Börsenlieblings Bezos, womit sie sicherlich nicht in ein solches Dilemma geraten wird. [Jener jeden national begeisterrten Demokraten schier zu Tränen rührende Film wurde übrigens völlig kritiklos von der staatsaffinen deutschen Presse — Springer, Spiegel, FAZ, WAZ, taz, Süddeutsche etc. — einhellig beklatscht.] Julian Assange und Edward Snowden hingegen wird eine staatsdienliche Rolle abgesprochen.

Die »kleinen Leute«, die Arbeiterklasse ist daran gewöhnt worden, alles zu schlucken, was ihr an Belastungen aufgebürdet wird. Die Medien werden in dieser Hinsicht ihrer Vermittlungsaufgabe gerecht. Bei allen für dringend notwendig erachteten Belastungen, sollen sie an die Nöte des Staates denken und die eigenen hintanstellen. Darüber hinaus sorgen die Meinungsmacher für die gute Stimmung und den Optimismus, der die Leute, die notgedrungen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen — und sei es auch als »Selbständige« ausgelagert an sich selber —, in der Tretmühle der Arbeit hält.

Noch was: Was hat den Staat getrieben, als er die »Pressefreiheit« in seiner Verfassung verankert hat? Vom heutigen Standpunkt aus, hätte er das sicher nicht tun müssen, wirft man einen Blick auf die Säule der Republik, die sich selber tagaus tagein gerade deshalb als »Qualitätspresse« lobt. Der Staat hätte noch nicht einmal zusätzlich staatliche Verlautbarungskanäle, sogenannte öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten einrichten müssen. Damals freilich, wenige Jahre nach Ende der faschistischen Herrschaft war eine solch positive Entwicklung nicht abzusehen. Im Gegenteil wurde nicht ohne Grund befürchtet, daß es einen Rückfall in ein erfolgloses Staatsprogramm geben könnte, denn zweifellos spukte Diesbezügliches noch in allzu vielen deutschen Köpfen herum. Heute entsprechen sich Pressefreiheit und Journalismus so, daß sie sich wechselseitig aufeinander berufen können. 

27.01.2024
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herbert marcuse interview

koka
 

Interview mit Herbert Marcuse 1968

aus: Pardon, 12/1968
 

PARDON: Herr Marcuse, Sie sind durch Ihre Bücher und Stellungnahmen einer der geistigen Väter der »Neuen Linken« geworden, für viele sogar der profilierteste, um nicht zu sagen der Profet. Fühlen Sie sich in Ihren Prognosen und Analysen durch die Mai-Unruhen dieses Jahres in Frankreich bestätigt?

MARCUSE: Ich habe seit 1964 auf die Bedeutung der Studentenbewegung hingewiesen und gesagt, daß nach meiner Meinung da viel mehr und ganz anderes vorliegt als ein Generationskonflikt, wie er aus der Tradition ja nur zu gut bekannt ist; daß hier wirklich politische Momente aktiviert werden, die gerade deswegen, weil sie in keiner anderen gesellschaftlichen Gruppe oder Klasse aktiviert sind, gerade deswegen, weil eine wirklich organisierte Opposition auf der Linken fehlt, in der Studentenbewegung konzentriert sind. Ich habe außerdem darauf verwiesen, daß die Integration der Arbeiterklasse in den Vereinigten Staaten am meisten fortgeschritten ist, während sie in Frankreich und Italien immer noch zu einem großen Teil aussteht. In dieser Beziehung also war ich nicht überrascht, daß gerade in Frankreich diese Studentenbewegung nun wirklich zu einer großen politischen Bewegung geführt hat. Vorausgesehen habe ich sie natürlich nicht, und ich glaube, es hat sie niemand vorausgesehen. Nicht einmal die Führer der Studentenbewegung konnten oder haben vorausgesehen, daß nach einer Woche 10 Millionen Arbeiter sich im Streik befinden würden.

PARDON: Welche Folgerung ziehen Sie aus der schließlichen Niederlage oder sagen wir Abwürgung dieser Bewegung, wie sie spätestens mit den Wahlen eintrat?

MARCUSE: Ich würde es nicht als Niederlage bezeichnen, und zwar deswegen nicht, weil der Stellenwert dieser Bewegung ungeheuer groß ist. Und ich möchte sogar behaupten, daß die Mai- und Juni-Tage einen Wendepunkt in der politischen Entwicklung der Opposition im Kapitalismus darstellen. Weil sie gezeigt haben, daß eine potentiell revolutionäre Bewegung auch außerhalb der Arbeiterschaft anfangen kann und die Arbeiterschaft, oder sagen wir mal sehr vorsichtig, einen Teil der Arbeiterschaft, dann mit sich zu ziehen vermag. Sie haben außerdem gezeigt, daß ganz neue Formen der Demonstration einen solchen weitgehenden Erfolg haben können.

Es war eine Niederlage in dem Sinne, daß sich diese Studentenbewegung nicht geradlinig fortgesetzt hat in eine Opposition der Arbeiterklasse: aber wir wissen ja, warum das nicht geschehen ist.

PARDON: Ja, wissen wir es wirklich? Hier in Korčula gab es ja gerade darüber einen Streit.

MARCUSE: Die Antwort, die natürlich immer gegeben wird, ist: die Kommunistische Partei und die kommunistischen Gewerkschaften hätten die Bewegung eben abgefangen, sobald sie sahen, daß sie sie nicht mehr kontrollieren konnten und sie wirklich zu großen politischen Veränderungen führen könnte; d. h. in dem Augenblick, wo wirklich nicht die ökonomischen, sondern die politischen Forderungen der Arbeiter im Vordergrund standen, nicht nur Fabrikbesetzung, sondern auch Selbstverwaltung, ökonomisch wie politisch. Das ist zweifellos richtig. Aber wir müssen uns doch fragen, ob die Kommunistische Partei nicht als Entschuldigung oder Rechtfertigung anführen kann, daß die Arbeiterschaft eben nicht reif und nicht willens war, die Bewegung weiterzutreiben bis zum Umsturz der Regierung. Weiter wäre sie sowieso nicht gegangen, wenn wir uns die Politik der kommunistischen Partei und der Gewerkschaft ansehen.

PARDON: Also der Vorwurf gegen die KPF (Kommunistische Partei Frankreichs) bleibt durchaus bestehen. Aber Sie würden nicht soweit gehen wie gewisse französische Teilnehmer, daß die objektive revolutionäre Situation verfälscht worden wäre durch die Partei, die sich statt als Avantgarde als Notbremse der Reaktion bestätigte …?

MARCUSE: Das würde zu weit führen. Andererseits müssen wir uns den Begriff der objektiven revolutionären Situation sehr genau ansehen. Was ist das eigentlich? Ich glaube, es macht guten Sinn zu behaupten, daß in der heutigen Periode überall und jederzeit eine objektive (d. h. den gesellschaftlichen Gegensätzen nach) revolutionäre Situation vorliegt, das Problem ist gerade, daß sie subjektiv (d. h. bewußtheitsmäßig) nicht vorliegt.

PARDON: Würden Sie sagen, daß man gewisse Verallgemeinerungen aus diesem »Auffangen« der revolutionären Aktion ziehen könnte? Gibt es so etwas wie ein Wiedereinsetzen eines Machtmechanismus? Läßt sich ein Gesetz behaupten, daß bei nachlassendem Erfolg der revolutionären Bewegung die Unentschlossenen unabänderlich wieder auf die Seite einer noch so schwachen Legalität gezogen werden, aus Angst vor der Anarchie?

MARCUSE: Sie meinen, man sollte solche »Niederlagen« vermeiden, weil sie zum Defätismus führen. Ich glaube, man kann Niederlagen solcher Art nicht vermeiden. Die Idee, daß ein zu einer entscheidenden Veränderung führender Prozeß eine Kette von Erfolgen ist, ist ganz unsinnig. Gerade in einer Situation, in der die Gesellschaft gegen eine radikale Veränderung so bewaffnet ist wie nie zuvor, sind Niederlagen natürlich unvermeidlich. Wichtig ist nur einzuschätzen, wann man solche Niederlagen riskieren kann und wann nicht.

PARDON: Hätte eine stärkere Beachtung der Leninschen Idee der Doppelherrschaft — ich würde nach heutigen Begebenheiten lieber Zweitgewalt sagen —, also etwa der Versuch, sich außerhalb der bestehenden Organe wie CGT-Gewerkschaft und kommunistischer Partei zu organisieren, Ihrer Meinung nach eine wesentliche Veränderung des Ausgangs bedeuten können?

MARCUSE: Sie meinen z. B. die Einsetzung irgendeines Komitees, Rats, bestehend aus Studenten und Arbeitern …?

PARDON: Ja, nur eben ohne die vorgesetztenten Kader der KP, die nicht mitspielten. Also im Grunde eine ad hoc-Organisation schaffen aus der Situation, die dann evtl. ein Verhandlungspartner oder Motor zum Weitertreiben des Generalstreiks hätte sein können …

MARCUSE: Ja, ohne eine solche, wie Sie sagen, Zweitgewalt geht es nicht. Aber auch hier die Frage, warum ist es nicht dazu gekommen? Wir können nicht einfach sagen, man hätte sie einsetzen sollen. Jedenfalls aber sollte die Arbeit dahin gehen, daß, wenn sich eine solche Situation wiederholt, auf anderer Stufenleiter, für eine solche Zweitgewalt wenigstens Vorsorge, Aufklärungsarbeit getroffen wird.

PARDON: Die Arbeitswoche hier in Korčula, Herr Marcuse, zum Thema »Marx und die Revolution« war die vorläufig letzte Veranstaltung einer ganzen Reihe von Konferenzen und Tagungen aus Anlaß von Karl Marx‘ 150. Geburtstag. Man darf die Analysen sowohl der liberalen wie der marxistischen Theoretiker wohl dahin zusammenfassen, daß Revolution wünschenswert, ja notwendig erscheint, ihre Durchführbarkeit jedoch mehr und mehr fragwürdig. Alle Einwände bedenkend, die Sie hier und vorher zu dieser Frage gehört und gelesen haben, würden Sie trotzdem darauf beharren, daß es künftig Revolutionen geben wird?

MARCUSE: Ich glaube, ich müßte ein geradezu miserabler Marxist und nicht nur ein miserabler Marxist, auch ein miserabler Intellektueller sein, wenn ich annehmen würde, daß in Zukunft Revolutionen nicht mehr möglich sind. Im Gegenteil, ich habe gesagt und geschrieben, daß in der gegenwärtigen Periode die Widersprüche des Kapitalismus vielleicht größer sind als je zuvor, daß sie zwar suspendiert und verwaltet werden, daß dieser Suspendierung und Verwaltung aber wesentliche Grenzen gezogen sind. So glaube ich, daß unsere Periode in der Tat eine objektiv revolutionäre Periode ist. Und ich wiederhole: gerade deswegen sind die bestehenden Systeme bis an die Zähne gegen eine solche Möglichkeit bewaffnet.

PARDON: Nun kamen hier auf dieser Tagung verschiedene Einwände, andere sind vorher schon formuliert worden: Ist z. B. in der hochzivilisierten kapitalistischen Gesellschaft, die einerseits arbeitsteilig zergliedert, andererseits durch Kommunikationsmittel systematisch entpolitisiert wird, der Unterschied zwischen Reform und Revolution nicht überhaupt hinfällig geworden? Setzt der von Ihnen dargestellte Mangel an revolutionärem Bewußtsein gerade bei den notwendigen Trägern dieser Revolution, den Arbeitern, nicht in jedem Falle Reformarbeit voraus? Vor allem Arbeit an Bildung und Erziehung?

MARCUSE: Aufklärung allein vermag jenes Bewußtsein zu schaffen, das den Umsturz betreiben könnte. Der Unterschied zwischen Reform und Revolution ist keineswegs veraltet. Es gibt Reformen, von denen kein Mensch behaupten würde, daß sie Revolutionen einleiten. Nehmen wir‘ wieder Frankreich: die Reformen, die das gaullistische Regime jetzt einführen wird als Reaktion auf die Mai-Juni-Ereignisse, sind weiß Gott keine revolutionären Reformen. Selbst angenommen, daß sie durchführbar wären, sind sie wahrscheinlich technokratische Reformen. Es gibt Reformen — der politische Prozeß kann ohne solche nicht auskommen — die in der Tat zu einer zunehmenden Radikalisierung führen können, selbst innerhalb des ökonomischen Bereichs.

PARDON: Wie aber können die Machthaber, die diesen Trend der Integration natürlich weiterhin manipulieren, vermutlich sogar voll bewußt herbeigeführt haben — wie können sie bewegt werden, anti-autoritär zu erziehen, d. h. ihren eigenen Untergang einzuleiten?

MARCUSE: Sie können die Machthaber niemals dazu überreden, Selbstmord zu verüben oder vorzubereiten.

PARDON: Überreden haben S i e jetzt eingeschoben!

MARCUSE: Was hatten Sie gesagt?

PARDON: Dazu bewegen…

MARCUSE: Dazu bewegen, d. h. auch mit Gewalt?

PARDON: Gegebenenfalls ja.

MARCUSE: Ich würde sagen, daß solche Erziehung zur radikalen Veränderung heute im Wesentlichen eben die Aufgabe der Studenten ist. Und die Aufgabe aller Intellektuellen, die sich mit der Bewegung solidarisieren. Es geht um Erziehung in einem ganz anderen, neuen Sinn. Eine Erziehung, die nicht im Klassenraum bleibt, nicht in den Mauern der Universität, sondern die spontan übergreift auf die Straße, in Aktionen, in Praxis und sich gleichzeitig ausdehnt auf die Gemeinschaft sozialer Gruppen außerhalb der Universität.

PARDON: Vorerst also ganz allgemein außerhalb bestehender Organisationen.

MARCUSE: Ja, aber keineswegs nur außerhalb. In den Universitäten z. B. kann eine strukturelle Reform weitgehend durchgeführt werden, so daß diesem technokratischen Erziehungssystem, das einfach zur Ausbildung und nicht zur Bildung führt, weitgehend entgegengearbeitet wird. Das kann im Rahmen der bereits bestehenden Universitäten geschehen, bei zunehmendem Druck der Studentenopposition. Ich sehe keinen anderen Weg, die Herrschaft eines falschen Bewußtseins zu brechen.

Sofort kommt natürlich die Anklage, man sei undemokratisch, wolle eine intellektuelle Elite aufbauen, eine Art platonischer Erziehungsdiktatur oder dergleichen. Nun, da muß ich Ihnen ganz offen gestehen, daß ich nichts Falsches in intellektueller Führerschaft sehe. Ich glaube sogar, daß die weit verbreiteten Ressentiments gegen Intellektuelle in breiten Teilen der Arbeiterbewegung einer der Gründe sind, warum wir uns in den traurigen Bedingungen befinden, in denen wir jetzt eben stehen.

PARDON: Hat für Ihre Prognosen die Marxsche Krisentheorie noch eine Bedeutung? Offenbar hat sich ja der Pionierkapitalismus heutzutage in einen salonfähigen aufgeklärten Neokapitalismus verwandelt und dabei selbst eine Fülle von Regulativinstrumenten entwickelt, welche die Mechanik des Marxschen Modells eingrenzen, zumindestens zu überspielen trachten.

MARCUSE: Solche Regulierungen und Mechanismen sind da, aber wenn damit gemeint sein soll, daß der gegenwärtige Kapitalismus krisenfest ist — das würde ich natürlich verneinen. Ein krisenfester Kapitalismus ist kein Kapitalismus mehr. Die Gegensätze sind heute da. Anzeichen für eine Krise haben Sie bereits in dem letzten Jahr gesehen. Ich erinnere nur an die internationale monetary crisis (Währungskrise), die keineswegs behoben ist. Devaluation, wie heißt das?, Abwertung, wird wahrscheinlich in absehbarer Zukunft erfolgen. Das ist ein Krisenfaktor. Der andere ist: falls in Vietnam wirklich Frieden geschlossen werden sollte, falls die amerikanische Kolonie sich wirklich auf Frieden umstellen sollte, würde das in der Tat zu schweren Unterbrechungen, vielleicht sogar nicht nur zu Rezession und Depression, sondern zu einer Krise in der amerikanischen Ökonomie führen. Der dritte Faktor sind die Entwicklungen in der Dritten Welt, die auch eine schwere Belastung des Systems darstellen. Gerade die jetzigen Ereignisse in der Tschechoslowakei, die äußerst gefährliche Koexistenz der beiden Supermächte und die Einwirkung Chinas, alle diese Dinge deuten meiner Meinung darauf hin, daß der Kapitalismus durchaus nicht krisenfest geworden ist.

Ein Wort zu Kollege Habermas, der davon sprach, daß der Kapitalismus nicht länger an den traditionellen Schwierigkeiten der Kapitalverwertung leidet. Ich kann ihm nicht zustimmen. Ich meine, daß wir gerade in den letzten Jahren Zeuge der wachsenden Schwierigkeit der Kapitalverwertung und der Profiterhöhung wurden, besonders in den USA. Es gibt schließlich gute Gründe, warum die Vereinigten Staaten die Hälfte der französischen Wirtschaft aufkaufen, warum sie sich schnell in alle Aras und Gebiete der Welt ausdehnen: weil nämlich Gewinne, die aus auswärtigen Unternehmungen einkommen, beträchtlich höher liegen als in den USA selbst.

Dieser Imperialismus ist nach meiner Ansicht der mächtigste, den die Welt je erlebt hat. Er kann nicht allein durch die Entwicklung der Dritten Welt gebrochen werden. Aber diese ist ein entscheidender Faktor im Zusammenhang mit der inneren Schwächung der imperialistischen Mächte, die meiner Überzeugung nach die Vorbedingung für eine globale Revolution bleibt.

PARDON: Kann eigentlich für erwiesen gelten, daß »ein kausaler Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Stabilität der entwickelten kapitalistischen Länder und der katastrofalen wirtschaftlichen Situation in den Ländern der Dritten Welt besteht«? In Deutschland hat u. a. Jürgen Habermas gerade diese Setzung, auf der die studentische Strategie ja überhaupt fußt, in Zweifel gezogen.

MARCUSE: Daß ein geradezu fürchterlicher Kausalzusammenhang besteht zwischen dem, was heute im Kongo vorgeht und dem, was in Nigerien vorgeht und in Bolivien und in vielen anderen südamerikanischen, afrikanischen und asiatischen Ländern vorgeht, daran kann ja wohl kaum ein Zweifel sein. Das ist eins der größten Verbrechen der Ersten Welt, des alten und des neuen Imperialismus, und ich sehe nicht ein, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, daß dieser Zusammenhang nicht besteht.

PARDON: Die Kernfrage dabei lautet wohl: hat der Imperialismus es rein wirtschaftlich gesehen, nötig, Verschleißpraktiken durch Kriege einzuführen? Könnte er sich nicht auch friedlich so organisieren, daß ihm ähnliche Vernichtungsmöglichkeiten geboten wären, die er ja braucht, um seine Dynamik aufrecht zu erhalten?

MARCUSE: Den Ausdruck »rein wirtschaftlich« halte ich heute für untragbar: wenn meine Tante Räder hätte, wäre sie ein Autobus. Ich meine: wenn der Imperialismus nicht Imperialismus wäre, wäre eben alles anders. Es ist natürlich eine Friedensökonomie heute möglich und besser als je zuvor. Aber das verlangt eben eine radikale Veränderung und — vielleicht — sogar eine Revolution in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Rein wirtschaftlich hat der Imperialismus heute in der Tat in Vietnam nichts zu suchen. Nur, rein wirtschaftlich gibt es nicht mehr. Es gibt so etwas wie eine vorbeugende Sicherung von Wirtschaftsräumen, Rohstoffquellen, auch politische Sicherung. Einfach das vitale Interesse des Kapitalismus, daß potentiell reiche Rohstoffländer — und nicht nur Rohstoffländer — dem Kommunismus nicht in die Hände fallen. Das will man unter allen Umständen verhindern. Hier gehen also militärische, politische und wirtschaftliche Momente so eng zusammen, daß der Ausdruck ,rein wirtschaftlich‘ nicht mehr anwendbar ist.

PARDON: Jürgen Habermas hatte in seinem Referat hier in Korčula die Aufhebung der Leistungsideologie in der zukünftigen Gesellschaft gefordert. Deckt sich das mit Ihren Zielvorstellungen? Ist das nur ein Wunschtraum, der sich jedoch mit der gegenwärtigen Lage in den Entwicklungsländern, aber auch den hochzivilisierten Ländern nicht übereinbringen läßt? Selbst Che Guevara hält ja Disziplin und (Arbeits-)Moral für die unerläßlichen Grundzüge revolutionären Bewußtseins.

MARCUSE: Die Forderung nach Aufhebung des Leistungsprinzips ist allerdings ein Desiderat, soweit sie mit dem Leistungsprinzip meint, die Aufrechterhaltung des Konkurrenzkampfes als Existenzkampf unter Bedingungen, unter denen das Leistungsprinzip nicht mehr nötig ist und nur der Aufrechterhaltung eines repressiven Systems dient. Das ist allerdings einer der wesentlichen Unterschiede einer wirklich sozialistischen Gesellschaft von allen Klassengesellschaften. Daß diese Forderung heute nicht durchgeführt ist, erklärt sich größtenteils wiederum aus der Tatsache der Ko-Existenz der beiden Supermächte, die eben eine dauernde Aufrüstung in beiden Lagern erfordert und jede Transformation der sozialistischen Gesellschaft in freie Gesellschaften unmöglich zu machen scheint. Ich betone: unmöglich zu machen scheint. Daß es auch anders geht, jedenfalls der Versuch, es anders zu machen, durchführbar ist, hat meiner Meinung nach die kubanische Revolution gezeigt und wahrscheinlich sogar die Kultur-Revolution in China. Sogar sollte man nicht sagen; ich sage wahrscheinlich sogar, weil wir in Amerika eben sehr wenig unterrichtet sind über das, was in China eigentlich vorgeht.

PARDON: Der autoritäre, repressive Charakter der Wirtschaft führt selbst also zur Militarisierung des Budget? Den berühmten dreißig bis vierzig Prozent …?

MARCUSE: Nicht nur zur Militarisierung des Budget, zur Disziplinierung der Bevölkerung, die dieser internationale Konkurrenzkampf mit sich bringt, ja.

PARDON: Herr Marcuse, läßt sich beim derzeitigen zur ‚Unterhaltung` der Gesellschaft notwendigen Stand der Technik verhindern, daß der Abbau autoritärer Strukturen auch einen Verlust an Rationalität und Effektivität zur Folge hat?

MARCUSE: Rationalität und Effektivität, das wissen wir heute, sind keine absoluten Begriffe, sondern bedeuten zunächst einmal Rationalität und Effektivität im Rahmen des bestehenden Systems. Jede radikale Veränderung würde natürlich diese Rationalität und Effektivität verletzen. Es fragt sich nur, und für mich ist das keine Frage, ob solche Verletzung dieser repressiven Rationalität und Effektivität nicht wirklicher Fortschritt ist.

PARDON: Gerade in den sozialistischen Ländern, einschließlich Kuba, hat allerdings die Sozialisierung nach einer kurzen Zeit des revolutionären Impulses bisher immer einen wirtschaftlichen Rückschlag bedeutet. In der DDR etwa hat das zu dem großen Neuansatz mit der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) geführt, dem Versuch, das Element »individueller Interessiertheit« wieder ins Spiel zu bringen. Halten Sie das noch für Übergangserscheinungen?

MARCUSE: Das Moment »individueller Interessiertheit« ist mir wiederum zu abstrakt. Individuelle Interessiertheit kann hervorgerufen werden durch das Prämiensystem, durch die sog. »incentifs«, wie sie in der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern eingeführt worden sind; sie kann aber auch die Folge einer wirklichen Solidarität sein, die Zusammenarbeit freier Menschen, von denen jeder ein Interesse hat, das zum Interesse des andern eben nicht antagonistisch steht. Eine solche Solidarität, glaube ich, ist immer noch in der Entwicklung in Kuba heute zu sehen.
PARDON: Herr Marcuse, die Studentenbewegung hatte sich weitgehend an den Problemen der Dritten Welt entzündet, der Kettenreaktion von Gewalt und Gegengewalt in China, Indochina, Algerien, Kuba, Vietnam, Angola, Biafra und Lateinamerika. Unterstützt Ihrer Meinung nach die Dritte Welt die heutige internationale Protestbewegung in optimaler Weise?

MARCUSE: Ich finde, daß die Dritte Welt so unmittelbar mit dem brutalen Problem, einfach das Leben, wenn nicht die Unabhängigkeit zu behalten, beschäftigt ist, daß wir nicht fragen sollten, ob sie genug tut, um die Protestbewegung in der Ersten Welt zu unterstützen. Wir sollten vielmehr alles tun, was wir können, um die Opposition in der Dritten Welt zu unterstützen.

PARDON: Aber es ist natürlich bitter, teilweise ansehen zu müssen, wie die Dritte Welt Investitionskapital verschleißt, wo wir darum kämpfen, daß sie überhaupt erst einmal das Lebensminimum im Zuge der Entwicklungspolitik zugestanden bekommt.

MARCUSE: Gewiß, aber alle diese Dinge sind eine Folge der konkurrierenden Ko-Existenz der beiden Supermächte. Daher: bevor nicht etwas in diesen Mächten geschieht, wird es auch in der Dritten Welt nicht anders aussehen. In diesem Sinn hat der Marx auch wieder recht, auf einem ganz anderen Wege: daß die entscheidende Veränderung nämlich in den entwickelten Ländern zum Ausbruch und Ausdruck kommen muß. Nur dann ist eine wirkliche dauernde und erfolgreiche Unabhängigkeit der Dritten Welt vorstellbar. Ich meine: so lange die großen Mächte Waffen und finanzielle und technische Mittel scheinbar ohne Grenze in die Dritte Welt zu Ausrüstungszwecken hineinpumpen können, so lange sind allerdings die Chancen der Dritten Welt außerordentlich gering.

PARDON: Damit schränken Sie die Auswirkung und den Schock des Rückschlages, den die Revolutionsbewegung als Guerilla in Lateinamerika, anscheinend selbst im Krieg in Vietnam gegenwärtig erleidet, ein und setzen den Akzent hier nach Europa und USA. Sie sind also nicht bedrückt, daß es nach Guevaras Ermordung fast keine Guerilla in Lateinamerika mehr gibt?

MARCUSE: Nein, das ist wiederum eine der Niederlagen, die, ich möchte beinahe sagen, selbstverständlich sind, und die eben zu einer Neubesinnung und zu einer besseren Vorbereitung führen werden. Es handelt sich nicht so sehr um Akzentverschiebung, als darum, einzusehen, daß nur aus einem Zusammenwirken der in der Dritten Welt bestehenden Oppositionskräfte mit denen der Ersten Welt etwas herauskommen kann.

PARDON: Herr Marcuse, nach dieser »tour d‘horizont« eine ganz persönliche, uns sehr betreffende Frage: In der Außerparlamentarischen Opposition hält sich das Gerücht, Sie hätten Ihre Einladung an Rudi Dutschke, bei Ihnen in Kalifornien seine Dissertation jetzt in Ruhe fertigzustellen, aufgrund von Presseattacken und Drohbriefen zurückgezogen?

MARCUSE: Das ist nicht richtig. Das Gerücht, daß ich mich in irgendeiner Weise nicht mehr mit Rudi Dutschke solidarisch erkläre, ist meiner Meinung nach ein gemeiner journalistischer Trick. Die Tatsachen sind, daß sobald in Kalifornien die Nachricht auftauchte, daß Rudi Dutschke vielleicht nach San Diego kommen könnte, um dort eine Dissertation fertigzumachen, eine systematische Hetze eingesetzt hat, Drohbriefe, Todesdrohungen, Abschneiden des Telefons usw., mit anderen Worten eine Stimmung geschaffen worden ist, in der dem Rudi das Leben in Kalifornien zur Hölle gemacht werden konnte. Ich habe damals — ich war nicht in Kalifornien, sondern in Boston —, der Zeitung erklärt, daß ich nach wie vor sehr glücklich wäre, wenn Rudi Dutschke mit mir studieren und seine Dissertation fertigmachen würde, daß ich es aber nicht verantworten könne, sein Leben noch einmal zu riskieren und ihm zuzureden, nach Kalifornien zu kommen. Er hätte in Kalifornien keine ruhige Minute. Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um nochmal ausdrücklich zu erklären, daß alle Versuche, zwischen Rudi Dutschke und mir irgendwelche Differenzen oder Entfremdungen oder was es auch sein möge von meiner Seite zu konstruieren, reine Unwahrheiten sind.

PARDON: Daran anschließend: Wie beurteilen Sie nach den Vorkommnissen bei der Belagerung der für Springer arbeitenden Druckhäuser und der Pariser Barrikadenschlachten die Notwendigkeit und den Erfolg von Gegengewalt?

MARCUSE: Ich glaube, ich kann mich hier auf den alten Satz zurückziehen — ich weiß nicht genau, ob er von Marx oder Engels stammt: daß Revolutionen immer genauso gewalttätig sind, wie die Gewalt, der sie begegnen.

Die Gewalt ist heute zu einer ganz gefährlichen semantischen Ideologie geworden. Man nennt nicht Gewalt, was in Vietnam geschieht; man nennt nicht Gewalt, was von der Polizei ausgeübt wird, man nennt nicht Gewalt die Verheerungen, die Folterungen, die Erniedrigungen, die Vergiftungen, die täglich im bereich des Kapitalismus vorkommen; man nennt Gewalt, beschränkt den Ausdruck Gewalt auf die Opposition. Für mich ist es jedenfalls eines der heuchlerischsten, hypokritischsten Sprachwendungen, zu beklagen, daß in Paris ein paar Automobile verbrannten, während z. B. auf den Straßen der entwickelten Industrieländer Tausende von Automobilen im Verkehr vernichtet werden; daß man die Gewalt der Verteidigung mit der Gewalt der Aggression in einem Atem nennt. Die beiden sind völlig verschieden.

PARDON: Es bleibt also bei der Beurteilung, die Sie in Ihrer Schrift oder Ihrem Beitrag zur »Kritik der reinen Toleranz« gegeben haben? Daran hat sich nichts geändert?

MARCUSE: Ich stehe dazu, was ich in diesem Essay geschrieben habe, ja.

PARDON: Eine abschließende Frage noch, Herr Marcuse: Wie kann die revolutionäre Bewegung dem wirtschaftlichen Trend vom Arbeiter zum Angestellten Rechnung tragen? Sind die Angestellten, trotz ihrer immer wieder analysierten stärkeren Integrierung, ein denkbares revolutionäres Potential oder stirbt die Revolution mit dem letzten Arbeiter?

MARCUSE: Ich glaube nicht, daß die Revolution stirbt, solange es noch eine Klassengesellschaft gibt. Und ich glaube bestimmt nicht, daß sie mit dem letzten Arbeiter stirbt. Ich glaube noch nicht einmal, daß der letzte Arbeiter stirbt. Ich habe schon im Lauf dieser Unterhaltung gesagt, eigentlich ist a 11 e s heute potentiell ein revolutionärer Faktor. Die Angestellten — vielleicht — am wenigsten. Die Techniker, Wissenschaftler, Ingenieure, hochqualifizierte Arbeiter, die im Produktionsprozeß gebraucht werden, ja — doch muß ich gerade mit Bezug auf den gefährlichen Begriff der »neuen Arbeiterklasse« betonen, daß in der heutigen Situation diese technische Intelligenzia aktiv sicher keine revolutionäre Gruppe darstellt. In den Vereinigten Staaten jedenfalls gehört sie zu den sehr gut bezahlten gesellschaftlichen Gruppen, die ihre Dienste sehr gerne dem bestehenden System zur Verfügung stellen.

PARDON: Welches Leitwort würden Sie der außerparlamentarischen Bewegung für die nächste Fase des Auf- und Widerstandes mitgeben?
MARCUSE: Ich würde überhaupt kein Leitwort geben. Es ist eines der schönsten und der versprechendsten Anzeichen dieser neuen Bewegung, daß sie nicht auf andere angewiesen ist, nicht auf Autoritäten, die ihr »mots d‘ordre« geben, sondern daß sie ihre »mots d‘ordre« selbst und im Kampf allein herausfindet. Ich finde, diese ausgezeichnete Konstellation sollte man bewahren. Diese »organisierte Spontanität« erscheint mir der beste Ausweg.

PARDON: Herr Marcuse, wir danken Ihnen für dieses Gespräch — in dem der Vorläufer sich sogar überflüssig zu machen versuchte.PARDON: Herr Marcuse, Sie sind durch Ihre Bücher und Stellungnahmen einer der geistigen Väter der »Neuen Linken« geworden, für viele sogar der profilierteste, um nicht zu sagen der Profet. Fühlen Sie sich in Ihren Prognosen und Analysen durch die Mai-Unruhen dieses Jahres in Frankreich bestätigt?

MARCUSE: Ich habe seit 1964 auf die Bedeutung der Studentenbewegung hingewiesen und gesagt, daß nach meiner Meinung da viel mehr und ganz anderes vorliegt als ein Generationskonflikt, wie er aus der Tradition ja nur zu gut bekannt ist; daß hier wirklich politische Momente aktiviert werden, die gerade deswegen, weil sie in keiner anderen gesellschaftlichen Gruppe oder Klasse aktiviert sind, gerade deswegen, weil eine wirklich organisierte Opposition auf der Linken fehlt, in der Studentenbewegung konzentriert sind. Ich habe außerdem darauf verwiesen, daß die Integration der Arbeiterklasse in den Vereinigten Staaten am meisten fortgeschritten ist, während sie in Frankreich und Italien immer noch zu einem großen Teil aussteht. In dieser Beziehung also war ich nicht überrascht, daß gerade in Frankreich diese Studentenbewegung nun wirklich zu einer großen politischen Bewegung geführt hat. Vorausgesehen habe ich sie natürlich nicht, und ich glaube, es hat sie niemand vorausgesehen. Nicht einmal die Führer der Studentenbewegung konnten oder haben vorausgesehen, daß nach einer Woche 10 Millionen Arbeiter sich im Streik befinden würden.

PARDON: Welche Folgerung ziehen Sie aus der schließlichen Niederlage oder sagen wir Abwürgung dieser Bewegung, wie sie spätestens mit den Wahlen eintrat?

MARCUSE: Ich würde es nicht als Niederlage bezeichnen, und zwar deswegen nicht, weil der Stellenwert dieser Bewegung ungeheuer groß ist. Und ich möchte sogar behaupten, daß die Mai- und Juni-Tage einen Wendepunkt in der politischen Entwicklung der Opposition im Kapitalismus darstellen. Weil sie gezeigt haben, daß eine potentiell revolutionäre Bewegung auch außerhalb der Arbeiterschaft anfangen kann und die Arbeiterschaft, oder sagen wir mal sehr vorsichtig, einen Teil der Arbeiterschaft, dann mit sich zu ziehen vermag. Sie haben außerdem gezeigt, daß ganz neue Formen der Demonstration einen solchen weitgehenden Erfolg haben können.

Es war eine Niederlage in dem Sinne, daß sich diese Studentenbewegung nicht geradlinig fortgesetzt hat in eine Opposition der Arbeiterklasse: aber wir wissen ja, warum das nicht geschehen ist.

PARDON: Ja, wissen wir es wirklich? Hier in Korčula gab es ja gerade darüber einen Streit.

MARCUSE: Die Antwort, die natürlich immer gegeben wird, ist: die Kommunistische Partei und die kommunistischen Gewerkschaften hätten die Bewegung eben abgefangen, sobald sie sahen, daß sie sie nicht mehr kontrollieren konnten und sie wirklich zu großen politischen Veränderungen führen könnte; d. h. in dem Augenblick, wo wirklich nicht die ökonomischen, sondern die politischen Forderungen der Arbeiter im Vordergrund standen, nicht nur Fabrikbesetzung, sondern auch Selbstverwaltung, ökonomisch wie politisch. Das ist zweifellos richtig. Aber wir müssen uns doch fragen, ob die Kommunistische Partei nicht als Entschuldigung oder Rechtfertigung anführen kann, daß die Arbeiterschaft eben nicht reif und nicht willens war, die Bewegung weiterzutreiben bis zum Umsturz der Regierung. Weiter wäre sie sowieso nicht gegangen, wenn wir uns die Politik der kommunistischen Partei und der Gewerkschaft ansehen.

PARDON: Also der Vorwurf gegen die KPF (Kommunistische Partei Frankreichs) bleibt durchaus bestehen. Aber Sie würden nicht soweit gehen wie gewisse französische Teilnehmer, daß die objektive revolutionäre Situation verfälscht worden wäre durch die Partei, die sich statt als Avantgarde als Notbremse der Reaktion bestätigte …?

MARCUSE: Das würde zu weit führen. Andererseits müssen wir uns den Begriff der objektiven revolutionären Situation sehr genau ansehen. Was ist das eigentlich? Ich glaube, es macht guten Sinn zu behaupten, daß in der heutigen Periode überall und jederzeit eine objektive (d. h. den gesellschaftlichen Gegensätzen nach) revolutionäre Situation vorliegt, das Problem ist gerade, daß sie subjektiv (d. h. bewußtheitsmäßig) nicht vorliegt.

PARDON: Würden Sie sagen, daß man gewisse Verallgemeinerungen aus diesem »Auffangen« der revolutionären Aktion ziehen könnte? Gibt es so etwas wie ein Wiedereinsetzen eines Machtmechanismus? Läßt sich ein Gesetz behaupten, daß bei nachlassendem Erfolg der revolutionären Bewegung die Unentschlossenen unabänderlich wieder auf die Seite einer noch so schwachen Legalität gezogen werden, aus Angst vor der Anarchie?

MARCUSE: Sie meinen, man sollte solche »Niederlagen« vermeiden, weil sie zum Defätismus führen. Ich glaube, man kann Niederlagen solcher Art nicht vermeiden. Die Idee, daß ein zu einer entscheidenden Veränderung führender Prozeß eine Kette von Erfolgen ist, ist ganz unsinnig. Gerade in einer Situation, in der die Gesellschaft gegen eine radikale Veränderung so bewaffnet ist wie nie zuvor, sind Niederlagen natürlich unvermeidlich. Wichtig ist nur einzuschätzen, wann man solche Niederlagen riskieren kann und wann nicht.

PARDON: Hätte eine stärkere Beachtung der Leninschen Idee der Doppelherrschaft — ich würde nach heutigen Begebenheiten lieber Zweitgewalt sagen —, also etwa der Versuch, sich außerhalb der bestehenden Organe wie CGT-Gewerkschaft und kommunistischer Partei zu organisieren, Ihrer Meinung nach eine wesentliche Veränderung des Ausgangs bedeuten können?

MARCUSE: Sie meinen z. B. die Einsetzung irgendeines Komitees, Rats, bestehend aus Studenten und Arbeitern …?

PARDON: Ja, nur eben ohne die vorgesetztenten Kader der KP, die nicht mitspielten. Also im Grunde eine ad hoc-Organisation schaffen aus der Situation, die dann evtl. ein Verhandlungspartner oder Motor zum Weitertreiben des Generalstreiks hätte sein können …

MARCUSE: Ja, ohne eine solche, wie Sie sagen, Zweitgewalt geht es nicht. Aber auch hier die Frage, warum ist es nicht dazu gekommen? Wir können nicht einfach sagen, man hätte sie einsetzen sollen. Jedenfalls aber sollte die Arbeit dahin gehen, daß, wenn sich eine solche Situation wiederholt, auf anderer Stufenleiter, für eine solche Zweitgewalt wenigstens Vorsorge, Aufklärungsarbeit getroffen wird.

PARDON: Die Arbeitswoche hier in Korčula, Herr Marcuse, zum Thema »Marx und die Revolution« war die vorläufig letzte Veranstaltung einer ganzen Reihe von Konferenzen und Tagungen aus Anlaß von Karl Marx‘ 150. Geburtstag. Man darf die Analysen sowohl der liberalen wie der marxistischen Theoretiker wohl dahin zusammenfassen, daß Revolution wünschenswert, ja notwendig erscheint, ihre Durchführbarkeit jedoch mehr und mehr fragwürdig. Alle Einwände bedenkend, die Sie hier und vorher zu dieser Frage gehört und gelesen haben, würden Sie trotzdem darauf beharren, daß es künftig Revolutionen geben wird?

MARCUSE: Ich glaube, ich müßte ein geradezu miserabler Marxist und nicht nur ein miserabler Marxist, auch ein miserabler Intellektueller sein, wenn ich annehmen würde, daß in Zukunft Revolutionen nicht mehr möglich sind. Im Gegenteil, ich habe gesagt und geschrieben, daß in der gegenwärtigen Periode die Widersprüche des Kapitalismus vielleicht größer sind als je zuvor, daß sie zwar suspendiert und verwaltet werden, daß dieser Suspendierung und Verwaltung aber wesentliche Grenzen gezogen sind. So glaube ich, daß unsere Periode in der Tat eine objektiv revolutionäre Periode ist. Und ich wiederhole: gerade deswegen sind die bestehenden Systeme bis an die Zähne gegen eine solche Möglichkeit bewaffnet.

PARDON: Nun kamen hier auf dieser Tagung verschiedene Einwände, andere sind vorher schon formuliert worden: Ist z. B. in der hochzivilisierten kapitalistischen Gesellschaft, die einerseits arbeitsteilig zergliedert, andererseits durch Kommunikationsmittel systematisch entpolitisiert wird, der Unterschied zwischen Reform und Revolution nicht überhaupt hinfällig geworden? Setzt der von Ihnen dargestellte Mangel an revolutionärem Bewußtsein gerade bei den notwendigen Trägern dieser Revolution, den Arbeitern, nicht in jedem Falle Reformarbeit voraus? Vor allem Arbeit an Bildung und Erziehung?

MARCUSE: Aufklärung allein vermag jenes Bewußtsein zu schaffen, das den Umsturz betreiben könnte. Der Unterschied zwischen Reform und Revolution ist keineswegs veraltet. Es gibt Reformen, von denen kein Mensch behaupten würde, daß sie Revolutionen einleiten. Nehmen wir‘ wieder Frankreich: die Reformen, die das gaullistische Regime jetzt einführen wird als Reaktion auf die Mai-Juni-Ereignisse, sind weiß Gott keine revolutionären Reformen. Selbst angenommen, daß sie durchführbar wären, sind sie wahrscheinlich technokratische Reformen. Es gibt Reformen — der politische Prozeß kann ohne solche nicht auskommen — die in der Tat zu einer zunehmenden Radikalisierung führen können, selbst innerhalb des ökonomischen Bereichs.

PARDON: Wie aber können die Machthaber, die diesen Trend der Integration natürlich weiterhin manipulieren, vermutlich sogar voll bewußt herbeigeführt haben — wie können sie bewegt werden, anti-autoritär zu erziehen, d. h. ihren eigenen Untergang einzuleiten?

MARCUSE: Sie können die Machthaber niemals dazu überreden, Selbstmord zu verüben oder vorzubereiten.

PARDON: Überreden haben S i e jetzt eingeschoben!

MARCUSE: Was hatten Sie gesagt?

PARDON: Dazu bewegen…

MARCUSE: Dazu bewegen, d. h. auch mit Gewalt?

PARDON: Gegebenenfalls ja.

MARCUSE: Ich würde sagen, daß solche Erziehung zur radikalen Veränderung heute im Wesentlichen eben die Aufgabe der Studenten ist. Und die Aufgabe aller Intellektuellen, die sich mit der Bewegung solidarisieren. Es geht um Erziehung in einem ganz anderen, neuen Sinn. Eine Erziehung, die nicht im Klassenraum bleibt, nicht in den Mauern der Universität, sondern die spontan übergreift auf die Straße, in Aktionen, in Praxis und sich gleichzeitig ausdehnt auf die Gemeinschaft sozialer Gruppen außerhalb der Universität.

PARDON: Vorerst also ganz allgemein außerhalb bestehender Organisationen.

MARCUSE: Ja, aber keineswegs nur außerhalb. In den Universitäten z. B. kann eine strukturelle Reform weitgehend durchgeführt werden, so daß diesem technokratischen Erziehungssystem, das einfach zur Ausbildung und nicht zur Bildung führt, weitgehend entgegengearbeitet wird. Das kann im Rahmen der bereits bestehenden Universitäten geschehen, bei zunehmendem Druck der Studentenopposition. Ich sehe keinen anderen Weg, die Herrschaft eines falschen Bewußtseins zu brechen.

Sofort kommt natürlich die Anklage, man sei undemokratisch, wolle eine intellektuelle Elite aufbauen, eine Art platonischer Erziehungsdiktatur oder dergleichen. Nun, da muß ich Ihnen ganz offen gestehen, daß ich nichts Falsches in intellektueller Führerschaft sehe. Ich glaube sogar, daß die weit verbreiteten Ressentiments gegen Intellektuelle in breiten Teilen der Arbeiterbewegung einer der Gründe sind, warum wir uns in den traurigen Bedingungen befinden, in denen wir jetzt eben stehen.

PARDON: Hat für Ihre Prognosen die Marxsche Krisentheorie noch eine Bedeutung? Offenbar hat sich ja der Pionierkapitalismus heutzutage in einen salonfähigen aufgeklärten Neokapitalismus verwandelt und dabei selbst eine Fülle von Regulativinstrumenten entwickelt, welche die Mechanik des Marxschen Modells eingrenzen, zumindestens zu überspielen trachten.

MARCUSE: Solche Regulierungen und Mechanismen sind da, aber wenn damit gemeint sein soll, daß der gegenwärtige Kapitalismus krisenfest ist — das würde ich natürlich verneinen. Ein krisenfester Kapitalismus ist kein Kapitalismus mehr. Die Gegensätze sind heute da. Anzeichen für eine Krise haben Sie bereits in dem letzten Jahr gesehen. Ich erinnere nur an die internationale monetary crisis (Währungskrise), die keineswegs behoben ist. Devaluation, wie heißt das?, Abwertung, wird wahrscheinlich in absehbarer Zukunft erfolgen. Das ist ein Krisenfaktor. Der andere ist: falls in Vietnam wirklich Frieden geschlossen werden sollte, falls die amerikanische Kolonie sich wirklich auf Frieden umstellen sollte, würde das in der Tat zu schweren Unterbrechungen, vielleicht sogar nicht nur zu Rezession und Depression, sondern zu einer Krise in der amerikanischen Ökonomie führen. Der dritte Faktor sind die Entwicklungen in der Dritten Welt, die auch eine schwere Belastung des Systems darstellen. Gerade die jetzigen Ereignisse in der Tschechoslowakei, die äußerst gefährliche Koexistenz der beiden Supermächte und die Einwirkung Chinas, alle diese Dinge deuten meiner Meinung darauf hin, daß der Kapitalismus durchaus nicht krisenfest geworden ist.

Ein Wort zu Kollege Habermas, der davon sprach, daß der Kapitalismus nicht länger an den traditionellen Schwierigkeiten der Kapitalverwertung leidet. Ich kann ihm nicht zustimmen. Ich meine, daß wir gerade in den letzten Jahren Zeuge der wachsenden Schwierigkeit der Kapitalverwertung und der Profiterhöhung wurden, besonders in den USA. Es gibt schließlich gute Gründe, warum die Vereinigten Staaten die Hälfte der französischen Wirtschaft aufkaufen, warum sie sich schnell in alle Aras und Gebiete der Welt ausdehnen: weil nämlich Gewinne, die aus auswärtigen Unternehmungen einkommen, beträchtlich höher liegen als in den USA selbst.

Dieser Imperialismus ist nach meiner Ansicht der mächtigste, den die Welt je erlebt hat. Er kann nicht allein durch die Entwicklung der Dritten Welt gebrochen werden. Aber diese ist ein entscheidender Faktor im Zusammenhang mit der inneren Schwächung der imperialistischen Mächte, die meiner Überzeugung nach die Vorbedingung für eine globale Revolution bleibt.

PARDON: Kann eigentlich für erwiesen gelten, daß »ein kausaler Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Stabilität der entwickelten kapitalistischen Länder und der katastrofalen wirtschaftlichen Situation in den Ländern der Dritten Welt besteht«? In Deutschland hat u. a. Jürgen Habermas gerade diese Setzung, auf der die studentische Strategie ja überhaupt fußt, in Zweifel gezogen.

MARCUSE: Daß ein geradezu fürchterlicher Kausalzusammenhang besteht zwischen dem, was heute im Kongo vorgeht und dem, was in Nigerien vorgeht und in Bolivien und in vielen anderen südamerikanischen, afrikanischen und asiatischen Ländern vorgeht, daran kann ja wohl kaum ein Zweifel sein. Das ist eins der größten Verbrechen der Ersten Welt, des alten und des neuen Imperialismus, und ich sehe nicht ein, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, daß dieser Zusammenhang nicht besteht.

PARDON: Die Kernfrage dabei lautet wohl: hat der Imperialismus es rein wirtschaftlich gesehen, nötig, Verschleißpraktiken durch Kriege einzuführen? Könnte er sich nicht auch friedlich so organisieren, daß ihm ähnliche Vernichtungsmöglichkeiten geboten wären, die er ja braucht, um seine Dynamik aufrecht zu erhalten?

MARCUSE: Den Ausdruck »rein wirtschaftlich« halte ich heute für untragbar: wenn meine Tante Räder hätte, wäre sie ein Autobus. Ich meine: wenn der Imperialismus nicht Imperialismus wäre, wäre eben alles anders. Es ist natürlich eine Friedensökonomie heute möglich und besser als je zuvor. Aber das verlangt eben eine radikale Veränderung und — vielleicht — sogar eine Revolution in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Rein wirtschaftlich hat der Imperialismus heute in der Tat in Vietnam nichts zu suchen. Nur, rein wirtschaftlich gibt es nicht mehr. Es gibt so etwas wie eine vorbeugende Sicherung von Wirtschaftsräumen, Rohstoffquellen, auch politische Sicherung. Einfach das vitale Interesse des Kapitalismus, daß potentiell reiche Rohstoffländer — und nicht nur Rohstoffländer — dem Kommunismus nicht in die Hände fallen. Das will man unter allen Umständen verhindern. Hier gehen also militärische, politische und wirtschaftliche Momente so eng zusammen, daß der Ausdruck ,rein wirtschaftlich‘ nicht mehr anwendbar ist.

PARDON: Jürgen Habermas hatte in seinem Referat hier in Korčula die Aufhebung der Leistungsideologie in der zukünftigen Gesellschaft gefordert. Deckt sich das mit Ihren Zielvorstellungen? Ist das nur ein Wunschtraum, der sich jedoch mit der gegenwärtigen Lage in den Entwicklungsländern, aber auch den hochzivilisierten Ländern nicht übereinbringen läßt? Selbst Che Guevara hält ja Disziplin und (Arbeits-)Moral für die unerläßlichen Grundzüge revolutionären Bewußtseins.

MARCUSE: Die Forderung nach Aufhebung des Leistungsprinzips ist allerdings ein Desiderat, soweit sie mit dem Leistungsprinzip meint, die Aufrechterhaltung des Konkurrenzkampfes als Existenzkampf unter Bedingungen, unter denen das Leistungsprinzip nicht mehr nötig ist und nur der Aufrechterhaltung eines repressiven Systems dient. Das ist allerdings einer der wesentlichen Unterschiede einer wirklich sozialistischen Gesellschaft von allen Klassengesellschaften. Daß diese Forderung heute nicht durchgeführt ist, erklärt sich größtenteils wiederum aus der Tatsache der Ko-Existenz der beiden Supermächte, die eben eine dauernde Aufrüstung in beiden Lagern erfordert und jede Transformation der sozialistischen Gesellschaft in freie Gesellschaften unmöglich zu machen scheint. Ich betone: unmöglich zu machen scheint. Daß es auch anders geht, jedenfalls der Versuch, es anders zu machen, durchführbar ist, hat meiner Meinung nach die kubanische Revolution gezeigt und wahrscheinlich sogar die Kultur-Revolution in China. Sogar sollte man nicht sagen; ich sage wahrscheinlich sogar, weil wir in Amerika eben sehr wenig unterrichtet sind über das, was in China eigentlich vorgeht.

PARDON: Der autoritäre, repressive Charakter der Wirtschaft führt selbst also zur Militarisierung des Budget? Den berühmten dreißig bis vierzig Prozent …?

MARCUSE: Nicht nur zur Militarisierung des Budget, zur Disziplinierung der Bevölkerung, die dieser internationale Konkurrenzkampf mit sich bringt, ja.

PARDON: Herr Marcuse, läßt sich beim derzeitigen zur ‚Unterhaltung` der Gesellschaft notwendigen Stand der Technik verhindern, daß der Abbau autoritärer Strukturen auch einen Verlust an Rationalität und Effektivität zur Folge hat?

MARCUSE: Rationalität und Effektivität, das wissen wir heute, sind keine absoluten Begriffe, sondern bedeuten zunächst einmal Rationalität und Effektivität im Rahmen des bestehenden Systems. Jede radikale Veränderung würde natürlich diese Rationalität und Effektivität verletzen. Es fragt sich nur, und für mich ist das keine Frage, ob solche Verletzung dieser repressiven Rationalität und Effektivität nicht wirklicher Fortschritt ist.

PARDON: Gerade in den sozialistischen Ländern, einschließlich Kuba, hat allerdings die Sozialisierung nach einer kurzen Zeit des revolutionären Impulses bisher immer einen wirtschaftlichen Rückschlag bedeutet. In der DDR etwa hat das zu dem großen Neuansatz mit der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) geführt, dem Versuch, das Element »individueller Interessiertheit« wieder ins Spiel zu bringen. Halten Sie das noch für Übergangserscheinungen?

MARCUSE: Das Moment »individueller Interessiertheit« ist mir wiederum zu abstrakt. Individuelle Interessiertheit kann hervorgerufen werden durch das Prämiensystem, durch die sog. »incentifs«, wie sie in der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern eingeführt worden sind; sie kann aber auch die Folge einer wirklichen Solidarität sein, die Zusammenarbeit freier Menschen, von denen jeder ein Interesse hat, das zum Interesse des andern eben nicht antagonistisch steht. Eine solche Solidarität, glaube ich, ist immer noch in der Entwicklung in Kuba heute zu sehen.
PARDON: Herr Marcuse, die Studentenbewegung hatte sich weitgehend an den Problemen der Dritten Welt entzündet, der Kettenreaktion von Gewalt und Gegengewalt in China, Indochina, Algerien, Kuba, Vietnam, Angola, Biafra und Lateinamerika. Unterstützt Ihrer Meinung nach die Dritte Welt die heutige internationale Protestbewegung in optimaler Weise?

MARCUSE: Ich finde, daß die Dritte Welt so unmittelbar mit dem brutalen Problem, einfach das Leben, wenn nicht die Unabhängigkeit zu behalten, beschäftigt ist, daß wir nicht fragen sollten, ob sie genug tut, um die Protestbewegung in der Ersten Welt zu unterstützen. Wir sollten vielmehr alles tun, was wir können, um die Opposition in der Dritten Welt zu unterstützen.

PARDON: Aber es ist natürlich bitter, teilweise ansehen zu müssen, wie die Dritte Welt Investitionskapital verschleißt, wo wir darum kämpfen, daß sie überhaupt erst einmal das Lebensminimum im Zuge der Entwicklungspolitik zugestanden bekommt.

MARCUSE: Gewiß, aber alle diese Dinge sind eine Folge der konkurrierenden Ko-Existenz der beiden Supermächte. Daher: bevor nicht etwas in diesen Mächten geschieht, wird es auch in der Dritten Welt nicht anders aussehen. In diesem Sinn hat der Marx auch wieder recht, auf einem ganz anderen Wege: daß die entscheidende Veränderung nämlich in den entwickelten Ländern zum Ausbruch und Ausdruck kommen muß. Nur dann ist eine wirkliche dauernde und erfolgreiche Unabhängigkeit der Dritten Welt vorstellbar. Ich meine: so lange die großen Mächte Waffen und finanzielle und technische Mittel scheinbar ohne Grenze in die Dritte Welt zu Ausrüstungszwecken hineinpumpen können, so lange sind allerdings die Chancen der Dritten Welt außerordentlich gering.

PARDON: Damit schränken Sie die Auswirkung und den Schock des Rückschlages, den die Revolutionsbewegung als Guerilla in Lateinamerika, anscheinend selbst im Krieg in Vietnam gegenwärtig erleidet, ein und setzen den Akzent hier nach Europa und USA. Sie sind also nicht bedrückt, daß es nach Guevaras Ermordung fast keine Guerilla in Lateinamerika mehr gibt?

MARCUSE: Nein, das ist wiederum eine der Niederlagen, die, ich möchte beinahe sagen, selbstverständlich sind, und die eben zu einer Neubesinnung und zu einer besseren Vorbereitung führen werden. Es handelt sich nicht so sehr um Akzentverschiebung, als darum, einzusehen, daß nur aus einem Zusammenwirken der in der Dritten Welt bestehenden Oppositionskräfte mit denen der Ersten Welt etwas herauskommen kann.

PARDON: Herr Marcuse, nach dieser »tour d‘horizont« eine ganz persönliche, uns sehr betreffende Frage: In der Außerparlamentarischen Opposition hält sich das Gerücht, Sie hätten Ihre Einladung an Rudi Dutschke, bei Ihnen in Kalifornien seine Dissertation jetzt in Ruhe fertigzustellen, aufgrund von Presseattacken und Drohbriefen zurückgezogen?

MARCUSE: Das ist nicht richtig. Das Gerücht, daß ich mich in irgendeiner Weise nicht mehr mit Rudi Dutschke solidarisch erkläre, ist meiner Meinung nach ein gemeiner journalistischer Trick. Die Tatsachen sind, daß sobald in Kalifornien die Nachricht auftauchte, daß Rudi Dutschke vielleicht nach San Diego kommen könnte, um dort eine Dissertation fertigzumachen, eine systematische Hetze eingesetzt hat, Drohbriefe, Todesdrohungen, Abschneiden des Telefons usw., mit anderen Worten eine Stimmung geschaffen worden ist, in der dem Rudi das Leben in Kalifornien zur Hölle gemacht werden konnte. Ich habe damals — ich war nicht in Kalifornien, sondern in Boston —, der Zeitung erklärt, daß ich nach wie vor sehr glücklich wäre, wenn Rudi Dutschke mit mir studieren und seine Dissertation fertigmachen würde, daß ich es aber nicht verantworten könne, sein Leben noch einmal zu riskieren und ihm zuzureden, nach Kalifornien zu kommen. Er hätte in Kalifornien keine ruhige Minute. Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um nochmal ausdrücklich zu erklären, daß alle Versuche, zwischen Rudi Dutschke und mir irgendwelche Differenzen oder Entfremdungen oder was es auch sein möge von meiner Seite zu konstruieren, reine Unwahrheiten sind.

PARDON: Daran anschließend: Wie beurteilen Sie nach den Vorkommnissen bei der Belagerung der für Springer arbeitenden Druckhäuser und der Pariser Barrikadenschlachten die Notwendigkeit und den Erfolg von Gegengewalt?

MARCUSE: Ich glaube, ich kann mich hier auf den alten Satz zurückziehen — ich weiß nicht genau, ob er von Marx oder Engels stammt: daß Revolutionen immer genauso gewalttätig sind, wie die Gewalt, der sie begegnen.

Die Gewalt ist heute zu einer ganz gefährlichen semantischen Ideologie geworden. Man nennt nicht Gewalt, was in Vietnam geschieht; man nennt nicht Gewalt, was von der Polizei ausgeübt wird, man nennt nicht Gewalt die Verheerungen, die Folterungen, die Erniedrigungen, die Vergiftungen, die täglich im bereich des Kapitalismus vorkommen; man nennt Gewalt, beschränkt den Ausdruck Gewalt auf die Opposition. Für mich ist es jedenfalls eines der heuchlerischsten, hypokritischsten Sprachwendungen, zu beklagen, daß in Paris ein paar Automobile verbrannten, während z. B. auf den Straßen der entwickelten Industrieländer Tausende von Automobilen im Verkehr vernichtet werden; daß man die Gewalt der Verteidigung mit der Gewalt der Aggression in einem Atem nennt. Die beiden sind völlig verschieden.

PARDON: Es bleibt also bei der Beurteilung, die Sie in Ihrer Schrift oder Ihrem Beitrag zur »Kritik der reinen Toleranz« gegeben haben? Daran hat sich nichts geändert?

MARCUSE: Ich stehe dazu, was ich in diesem Essay geschrieben habe, ja.

PARDON: Eine abschließende Frage noch, Herr Marcuse: Wie kann die revolutionäre Bewegung dem wirtschaftlichen Trend vom Arbeiter zum Angestellten Rechnung tragen? Sind die Angestellten, trotz ihrer immer wieder analysierten stärkeren Integrierung, ein denkbares revolutionäres Potential oder stirbt die Revolution mit dem letzten Arbeiter?

MARCUSE: Ich glaube nicht, daß die Revolution stirbt, solange es noch eine Klassengesellschaft gibt. Und ich glaube bestimmt nicht, daß sie mit dem letzten Arbeiter stirbt. Ich glaube noch nicht einmal, daß der letzte Arbeiter stirbt. Ich habe schon im Lauf dieser Unterhaltung gesagt, eigentlich ist a 11 e s heute potentiell ein revolutionärer Faktor. Die Angestellten — vielleicht — am wenigsten. Die Techniker, Wissenschaftler, Ingenieure, hochqualifizierte Arbeiter, die im Produktionsprozeß gebraucht werden, ja — doch muß ich gerade mit Bezug auf den gefährlichen Begriff der »neuen Arbeiterklasse« betonen, daß in der heutigen Situation diese technische Intelligenzia aktiv sicher keine revolutionäre Gruppe darstellt. In den Vereinigten Staaten jedenfalls gehört sie zu den sehr gut bezahlten gesellschaftlichen Gruppen, die ihre Dienste sehr gerne dem bestehenden System zur Verfügung stellen.

PARDON: Welches Leitwort würden Sie der außerparlamentarischen Bewegung für die nächste Fase des Auf- und Widerstandes mitgeben?
MARCUSE: Ich würde überhaupt kein Leitwort geben. Es ist eines der schönsten und der versprechendsten Anzeichen dieser neuen Bewegung, daß sie nicht auf andere angewiesen ist, nicht auf Autoritäten, die ihr »mots d‘ordre« geben, sondern daß sie ihre »mots d‘ordre« selbst und im Kampf allein herausfindet. Ich finde, diese ausgezeichnete Konstellation sollte man bewahren. Diese »organisierte Spontanität« erscheint mir der beste Ausweg.

PARDON: Herr Marcuse, wir danken Ihnen für dieses Gespräch — in dem der Vorläufer sich sogar überflüssig zu machen versuchten.

bluete

corona-virus

koka

 

Die Arbeiterklasse in den Zeiten eines Corona-Virus
Zurechtgespritzt auf eigene Kosten!
 

Die Sachlage wurde und wird von den ihr zugrundeliegenden Interessen bestimmt. Da ist zum einen der Staat mit seiner kapitalistischen Staatsräson, der sich um Gesundheit und Wohlbefinden, d. h. Arbeitsfähigkeit seiner Bevölkerung sorgt, denn sie ist die Masse, mit der er manövriert und kalkuliert. Da ist zum anderen die Wirtschaft, die der Staat als private freigesetzt hat, weil sie so für den Reichtum sorgt, der seine ökonomische Grundlage ist.

Nun tauchte ein Virus auf, das mehr noch dem Staat als seiner Wirtschaft Sorge bereitete. Die Zahlen positiv auf ein neuartiges Coronavirus getesteter Personen sowie der angeblich durch dieses Virus getöteten Personen wurde täglich von der Johns Hopkins Universität in Baltimore veröffentlicht und sie stiegen, nach Staaten sortiert, allüberall von Tag zu Tag rasant in die Höhe. Kurzum, jeder oberflächliche Betrachter, der zudem einer Universität vertraut, konnte nicht nur, sondern mußte in Panik geraten.

So deklarierte die Weltgesundheitsorganisation die durch jenen Virus namens SARS-CoV-2 hervorgerufene Erkrankung Covid-19 alsbald zur Pandemie. Die staatlichen Stellen waren also zur Tat veranlaßt, ja verurteilt. So auch die deutsche Bundesregierung.

Doch die Wirtschaftsordnung wäre keine kapitalistische, wenn sich aus der staatlichen Notlage nicht ein Geschäft machen ließe. Die Farmafirmen trafen eine um Hilfe ringende Politik an und sie machten ihr ein Angebot. Der fiel dieses Angebot wie Manna vom Himmel.

Da die Farmafirmen allerdings um die Gefährlichkeit ihrer gänzlich neuartigen Präparate — RNA- und Vektorimpfstoffe — wußten — sie waren ja weder in Langzeitstudien getestet noch auf diverse unerwünschte Wirkungen untersucht worden (Verantwortliche der Firma Pfizer mußten das unlängst in einer Anhörung vor dem australischen Senat einräumen!) —, verlangten die Firmen, bei staatlicher Zulassung aus der Haftung genommen zu werden. In seiner Notlage kam der Staat diesem Wunsch nach und zwar mit einer Vereinbarung zum beiderseitigen Nutzen. Für die Gesundheit seiner Bevölkerung wollte er jenseits aller Risiken wirklich nichts unversucht lassen.
Ganz obendrein konnte er auch dem Farmakapital einen Dienst erweisen, es nämlich für Innovationen in die vielversprechende Biotechnologie fördern. Und der deutsche Nationalismus wurde mit der Start-Up-Firma BioNTech auch noch bedient, einer Firma übrigens die ohne die Zusammenarbeit mit und die Unterstützung durch den US-Konzern Pfizer das nicht erreicht hätte. Und übrigens jubelte auch die türkische Gemeinde hierzulande, weil die beiden Firmengründer Türken (mit deutschem Paß) sind.

Daß Pfizer jetzt daran geht, aus den selber mit seinen RNA-Impfstoffen verursachten Schäden mit der Entwicklung von Medikamenten dagegen wiederum ein Geschäft zu machen, unterstreicht die ganz normale profitintensive Perversität kapitalistischen Wirtschaftens.

Unabdingbar dazu gehört eine gehörige staatliche Ignoranz, einer solchen Firma einen Blankoscheck auszustellen, wie das (nicht als einziger) der deutsche Staat getan hat: Das kam seinen Insassen, die geimpft wurden, hauptsächlich gesundheitlich teuer zu stehen. Nebensächlich haben sie auch noch die finanziellen Kosten des Staates, der die seinen auf sie umlegt, zu tragen.

Und bis heute hält der deutsche Staat an einmal gefällten Beschlüssen dogmatisch, resistent gegen jeden Einwand fest. Ganz so, als wolle er beweisen, wie totalitär seine viel gelobte Staatsform — Wahlen hin, Wahlen her — einfach sein muß, um als die einzig wahre zu gelten. Die nachpandemischen Impfstoff-Ausstiegsvereinbarungen mit der Farmaindustrie bestätigen im übrigen, daß das Vertrauensverhältnis nicht gestört und von jener weiterhin als lukrativ betrachtet werden kann.

Worüber kann man anhand dieser kurzen Darstellung der Begebenheiten zum Nachdenken veranlaßt werden? Es ist so manches schlicht unterstellt, was, obwohl prüfungsbedürftig, weder überprüft noch aufgearbeitet wurde:

Die Art von Tests, welche die Krankheit Covid-19 diagnostizieren soll. Sie diskreditieren sich schon dadurch, daß jeder, eben auch derjenige, der keinerlei Krankheitssymptome hat, getestet wird — und dann ohne Berücksichtigung klinischer Symptome als krank gilt, so der Test aufgrund eines beabsichtigt großzügig festgelegten Schwellwerts positiv ausfällt.

Die Art von Therapien (Intubation, Remdesivir), die nicht selten zum Tode von positiv getesteten Personen geführt hat oder aber zumindest zu zusätzlichen Schädigungen (Molnupiravir), allesamt Therapien, die zu Anfang noch nicht auf Impfstoffe zurückgeführt werden konnten, weil jene bis dato noch nicht zugelassen waren.

Die Art von Wirkungen der dann zugelassenen Impfstoffe, die profylaktisch anschlagen sollten, also eine Therapie überflüssig machen sollten und allenthalben grundsätzlich positiv eingestuft wurden: Die Herstellerfirmen verwiesen auf — von ihren eigenen Wissenschaftlern vorgelegte — Studienergebnisse. Unerwünschte Wirkungen, sogenannte »Neben«-Wirkungen würden nicht ins Gewicht fallen.

Der Staat vertraute nicht nur diesen Firmen, auch seinen von ihm selber bezahlten Behörden, insbesondere dem Robert-Koch-Institut sowie beauftragten Einrichtungen wie der Ständigen Impfkommission (STIKO), die sich fast gar nicht mit den Impfstoffen, dafür umso mehr mit dem speziellen Corona-Virus als solchen befaßten und diesen für so wahnsinnig gefährlich einstuften, als verfügte ein Mensch nicht über ein über Generationen geschultes hervorragendes Immunsystem — das solange es in Takt bleibt — mit allerhand Viren und Bakterien fertig wird.

Daneben durfte auch noch der »Deutsche Ethikrat« seinen Senf dazugeben: Er plädiert für eine »moralische Impfpflicht«; da er den staatlichen Druck offenbar für weitgehend ausreichend hält, ist er für Zwangsmaßnahmen allein im Gesundheits- und Bildungsbereich.

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Zu den naturwissenschaftlichen Punkten einige Ausführungen von dem Mikrobiologen Dr. rer. nat. Gerhard Mittenhuber (er war an diversen in- und ausländischen Universitäten tätig):

 

1. Das Immunsystem(0)

Immunität nach einer überstandenen Infektionskrankheit schützt den Körper vor einem erneuten Ausbruch der Krankheit. Aber auch nicht infektiöse, körperfremde Substanzen können eine Immunreaktion auslösen (siehe Allergien). Das Wort »immunis« bedeutet hier »frei von Infektionen«, Immunität steht für »Unverletzlichkeit« oder »Unantastbarkeit«.

Das Immunsystem dient der Abwehr potenziell schädlicher Moleküle und Zellen und stellt ein komplexes Netzwerk interagierender Organe, Zelltypen und Botensubstanzen dar. Es entfernt Krankheitserreger aus dem Organismus und zerstört befallene oder krankhaft entartete Körperzellen.

Dieses System besteht aus zwei Hauptbestandteilen, dem unspezifischen Immunsystem und dem spezifischen Immunsystem. Das unspezifische Immunsystem wird auch angeborenes Immunsystem genannt, das spezifische auch adaptives oder erworbenes Immunsystem.

Nicht zum Immunsystem gehören Körperoberflächen, die jedoch eine erste mechanische und biochemische Barriere gegenüber eindringenden Mikroorganismen bilden. Dazu gehören die Haut, sowie die Schleimhäute des Atmungs- und Verdauungstrakts. Talg, Schweiß und Schleim sowie die Normalflora von Haut und Darm dienen als Wachstumsbremse für pathogene Bakterien, das Lysozym in der Tränenflüssigkeit und im Speichel löst die Zellwände von Bakterien auf. Schleim und Körpersekrete spülen Bakterien und Viren von Körperoberflächen ab.

Das unspezifische Immunsystem besteht aus einer Reihe unterschiedlicher Leukozytentypen (weiße Blutkörperchen, z. B. Makrophagen [Freßzellen], Mastzellen, dendritische Zellen etc.), dem Komplementsystem (etwa 30 Proteine im Blutplasma, die kaskadenartig aktiviert werden, als Resultat dieser Aktivierung Poren in Zellmembranen bilden und die angegriffenen Zellen dadurch zerstören) und Zytokinen (Botenstoffen), die der Kommunikation zwischen den Leukozyten dienen.

Das spezifische Immunsystem beruht auf der Erkennung körperfremder Strukturen und deren Bekämpfung. Diese Strukturen werden Antigene genannt. Das spezifische Immunsystem besteht aus zwei Leukozytentypen, den T-Zellen (T steht für Thymus, ein Organ in der Nähe des Herzens, in dem die T-Zellen reifen) und den B-Zellen (B steht für Bursa fabricii, ein Organ, in dem bei Hühnern die B-Zellen entstehen, bei Säugern und beim Menschen findet die Bildung von B-Zellen im Knochenmark statt).

Antigene, die von B-Zellrezeptoren erkannt werden, sind meistens Proteine, oder Proteinfragmente (Peptide), können aber auch Polysaccharide, Lipide, Nukleinsäuren oder andere Substanzen sein. T-Zellrezeptoren binden meistens Peptide.

Ausgereifte T-Zellen vermitteln zellbasierte spezifische Immunität, während ausgereifte B-Zellen für die Synthese von Antikörpern zuständig sind. Bei dem Reifungsprozeß ist es extrem wichtig, daß die T- und B-Zellen, die körpereigene Strukturen erkennen, abgetötet werden. Im Thymus findet diese negative klonale Selektion der T-Zellen statt, während die B-Zellen eine Reihe von Kontrollstationen im Zuge ihrer Entwicklung durchlaufen. Nur diejenigen T- und B-Zellen, die körperfremde Antigene erkennen, überstehen diesen strengen Selektionsprozeß.

Bei einer Erstkontaktinfektion durch einen Krankheitserreger steht das unspezifischeImmunsystem sofort zur Verfügung, während das spezifische Immunsystem bis zu 14 Tagen zur vollständigen Ausprägung der Immunantwort benötigt. Der Kontakt mit einem Antigen bewirkt eine positive klonale Selektion von T- und B-Zellen, das heißt, diese Zellen beginnen sich zu teilen, die klonalen T-Zellen erfüllen ihre spezifischen Funktionen: Sie differenzieren sich in zytotoxische T-Zellen, welche die infizierten oder entarteten (Krebs-)Zellen abtöten, T-Helferzellen, die B-Zellen aktivieren, T-Gedächtniszellen und regulatorische T-Zellen. Die B-Zellen beginnen nach Stimulation durch T-Helferzellen, Antikörper zu bilden. B-Zellen bilden auch Gedächtniszellen aus. Dank T- und B-Gedächtniszellen verringert sich die Zeitspanne bis zur vollständigen Ausprägung der spezischen Immunantwort bei einer wiederholten Infektion mit demselben Erreger erheblich.

Die von den B-Zellen produzierten Antikörper werden auch Immunglobuline (Ig) genannt, unterscheiden sich in ihrer molekularen Struktur und lassen sich in verschiedene Klassen einteilen. Zu Beginn einer Infektion werden sogenannte IgM-Antikörper gebildet, die nach ein paar Tagen oder Wochen verschwinden. Danach findet ein Klassenwechsel statt und der B-Zellklon produziert langlebigere — d. h. Monate — IgG-Antikörper. Bei Atemwegsinfektionen werden auch IgA-Antikörper produziert, die auf die Schleimhaut der Atemwege transportiert werden und durch ihre Anwesenheit die mechanische Barriere um eine immunologische ergänzen. IgA-Antikörper sind charakteristisch für externe Körperflüssigkeiten.

2. SARS-CoV-2

SARS-CoV-2 wird zusammen mit dem MERS-Virus, SARS-CoV, dem Erreger der SARS-Epidemie von 2003 und den beiden humanpathogenen, Erkältungen auslösenden Viren OC43 und HKU1 zu den Betacoronaviren gerechnet. Zwei weitere humanpathogene Erkältungsviren, NL63 und 229E gehören zu den Alphacoronaviren(1).
Das Genom von SARS-CoV-2 besteht aus einzelsträngiger RNA, die etwa 30000 Nukleotide lang ist(1). Es codiert insgesamt elf Proteine(1), ein 7096 Aminosäuren (AS) langes Polyprotein, das prozessiert (in kleinere Proteine gespalten wird und den RNA-Polymerase-Komplex bildet), das 1273 AS lange Spikeprotein, ein 75 AS langes Hüllprotein (E für Envelope), ein 222 AS langes Membran-Glycoprotein (M), ein 419 AS langes Nukleokapsid-Protein (N) sowie weiter sechs Proteine, die verschiedene enzymatische Funktionen bei der Herstellung und Reifung der Viruspartikel erfüllen (sogenannte nSPs: nicht Struktur-Proteine).

Einzigartig für SARS-CoV-2 ist das Vorkommen einer sogenannte Furin-Spaltstelle (ein vier AS langes Insert mit der Sequenz PRRA [Prolin-Arginin-Arginin-Alanin]) im Spikeprotein. Diese Sequenz kommt nicht in den Genomen der anderen humanpathogenen Coronaviren vor. Eine Protease der Wirtszelle, das Furin, spaltet das Spikeprotein an dieser Stelle, wodurch das Eindringen des Virus in Lungenzellen ermöglicht wird(2).

3. SARS-CoV-2-Infektion

Was nun passiert bei der Infektion einer Zelle mit SARS-CoV-2, einem Atemwegsvirus: Das Virus benötigt eine Andockstelle. Bei SARS-CoV-2 ist dieser Rezeptor ein Protein auf der Zelloberfläche namens ACE2. Das Spike Protein des Virus erkennt mit seiner Rezeptorbindestelle (RBD: receptor binding domain) das ACE2-Protein, das in der Zellmembran vieler menschlicher Gewebe lokalisiert ist(3). Nach der Bindung der Spike-RBD an ACE2 verschmilzt die Membran von SARS-CoV-2 mit der Zellmembran, wobei das Virus einen Zugang zum Zytoplasma der Wirtszelle erhält. Die Erbinformation des Virus (bei SARS-CoV-2 ist dies einzelsträngige RNA) wird in das Zytoplasma der Wirtszelle geschleust.Nun nutzt das Virus den Syntheseapparat und die Ressourcen der Wirtszelle, um Kopien seiner selbst anzufertigen. Dazu wird die einzelsträngige RNA kopiert, die dazu notwendige RNA Polymerase wird vom Virusgenom codiert. Ebenso wird die Erbinformation des Virus abgelesen und die entsprechenden Virusproteine hergestellt. Aus den neu kopierten RNA-Molekülen und den neu produzierten Proteinen werden neue Viruspartikel hergestellt. Bei starkem Befall kann die Wirtszelle zugrunde gehen.

Bei der Replikation der SARS-CoV-2 RNA entsteht als Intermediat doppelsträngige RNA (dsRNA); dsRNA kommt in der normalen Zellphysiologie nicht vor. Das Auftreten von dsRNA ist ein Warnsignal. Die Körperzellen haben Rezeptoren für dsRNA, wodurch sowohl das unspezifische als auch das spezifische Immunsystem alarmiert und in Gang gesetzt wird. Auch werden Fragmente der neu synthetisierten Virusproteine an einen Proteinkomplex an der Zelloberfläche der infizierten Zelle gebracht. Dieser Komplex heißt MHC (major histocompatibility complex, Haupthistokompatibilitätskomplex). Der MHC sitzt auf der Oberfläche jeder Körperzelle und bildet eine Art Bilderrahmen, in dem von der Zelle produzierten Peptide zur Inspektion durch das Immunsystem präsentiert werden. Wenn im MHC unbekannte Peptide präsentiert werden — sei es durch Mutationen in der DNA der Körperzelle oder durch Pathogenbefall wird das spezifische Immunsystem aktiv. Die passenden T- und B-Zellen erkennen das Peptid als körperfremd, beginnen sich zu teilen und verwirklichen die spezifische Immunantwort.

T- und B-Zellen werden zusammen mit den NK(natural killer)-Zellen, einer Untergruppe der Leukozyten des angeborenen Immunsystems zu den Lymphozyten gerechnet. Lymphozyten patrouillieren über Lymphbahnen und das Blutgefäßsystem permanent durch den Körper und können auch durch Organe und Gewebe wandern, wobei die B- und T-Zellen die im MHC präsentierten Peptide kontrollieren.

Zusammengefaßt versucht das Immunsystem also, infizierte Zellen mitsamt der Viruspartikel schnell und vollständig zu eliminieren, bevor die neu synthetisierten Viren die Wirtszelle zerstören und sich so weiter ausbreiten können — ein Wettlauf mit der Zeit. Dennoch freigesetzte Viren werden durch Antikörper bekämpft. Für die Aufklärung des Mechanismus der T-zellbasierten Erkennung virusinfizierter Zellen erhielten Peter Doherty und Rolf Zinkernagel 1996 den Nobelpreis für Medizin. Vor ihrer Entdeckung war der MHC hauptsächlich Transplantationsforschern ein Begriff, die in ihm einen ärgerlichen Faktor sahen, der erfolgreiche Organtransplantationen durch Abstoßung der transplantierten Organe verhinderte. Letztendlich induziert die mRNA-Impfung eine Abstoßungsreaktion des spikeproteinproduzierenden Gewebes. 

Weitere Untersuchungen zeigten, daß drei verschiedene Untergruppen des MHC existieren, MHC-I aktiviert zytotoxische T-Zellen, MHC-II aktiviert T-Helferzellen und in der Folge B-Zellen, MHC-III umfaßt Teile des Komplementsystems. Dank MHC-I und MHC-II kann das spezifische Immunsystem intrazelluläre (MHC-I: Bekämpfung durch zytotoxische T-Zellen) von extrazellulären Pathogenen (MHC-II: Bekämpfung durch Antikörper) unterscheiden. Im Gegensatz zu MHC-I, der praktisch auf jeder Körperzel le vorhanden ist, ist MHC-II auf wenige spezialisierte Zellen des Immunsystems, den »professionellen antigenpräsentierenden Zellen« (APC) beschränkt MHC-II erkennt extrazelluläre Proteine. Diese werden von den APC aufgenommen, fragmentiert und im MHC-II »Bilderrahmen« präsentiert.

4. Kreuzimmunität

Seit den Tagen von Edward Jenner, der 1796 die Kuhpockenimpfung gegen Pocken erfand, ist das Fänomen bekannt: Ein Kontakt mit einem harmlosen Krankheitserre-ger schützt vor einer Infektion mit einem nah verwandten, tödlichen Pathogen. Bei Covid-19 existiert eine ähnliche Situation. Vier humanpathogene Coronavirenstämme (229E, NL63, HKU1, OC43), die harmlose Erkältungserkrankungen verursachen, sind bekannt. Das menschliche Immunsystem hat gelernt, mit diesen Viren umzugehen.
Zwei Studien zeigten, daß insbesondere eine vorherige Infektion mit OC43 vor einem schweren Covid-19-Verlauf schützt(4). Bis Oktober 2021 erschienen über 160 Veröffentlichungen, die sich mit natürlich erworbener SARS-CoV-2-Immunität beschäftigen(5). Diese ist in der Bevölkerung weit verbreitet. In einer Studie aus Tübingen wurde bei vorher nicht mit SARS-CoV-2 in Berührung gekommenen Personen zu 81% Kreuzreaktionen aufgrund vorheriger Infektionen mit Erkältungscoronaviren festgestellt(6).

5. Konventionelle Impfung

Der Impfzweck besteht darin, gegen einen Krankheitserreger eine sterile Immunität hervorzurufen. Sterile Immunität resultiert im Schutz vor Infektion und verhindert die Weitergabe (Transmission) des Erregers an Dritte durch die geimpfte Person. Sie ist damit neben der Impfquote und der Basisreproduktionszahl einer der Faktoren, die über das Erreichen einer Herdenimmunität entscheidend sind. Auch spielt das Verhalten der Bevölkerung eine Rolle (etwa Mobilität, Art und Dichte der Kontakte).

Generell unterscheidet man aktive und passive Impfung. Bei der passiven Impfung werden lediglich Antikörper verabreicht. So werden etwa bei einer frischen, verunreinigten Wunde bei unzureichendem Schutz gegen Wundstarrkrampf Tetanus-Antikörper zusätzlich zum eigentlichen Antigen verabreicht, um die Reaktionszeit des Immunsystems zu überbrücken.

Die aktive Immunisierung soll das spezifische Immunsystem zur Bildung von B-Gedächtniszellen anregen, sodaß bei einer Infektion keine oder nur eine schwache Erkrankung entsteht. Dabei kommen Lebend- und Totimpfstoffe zum Einsatz. Lebendimpfstoffe bestehen aus attenuierten (abgeschwächten) Erregern, die auch eine T-Zellantwort auslösen, Totimpfstoffe bestehen aus abgetöteten Erregern oder deren Bestandteilen (meist Proteine oder Polysaccharide), die eine gute Antigenizität aufweisen. Bei Totimpfstoffen wird keine T-Zellantwort induziert.

Impfstoffe werden meistens in einen Oberarmmuskel injiziert. Beim Impfstoffdesign und bei der Verabreichung der Impfstoffe wird manchmal der natürliche Infektionsweg nachgeahmt. So wurde bei Lebendimpfstoffen gegen Polio (Polioviren gehören zu den Enteroviren, die sich im Darm vermehren) eine Schluckimpfung entwickelt, damit sich auf der Darmschleimhaut eine T-Zell- und IgA-vermittelte Immunität einstellen kann. Da sich manchmal nach der Impfung eine impfstoffinduzierte Poliomyelitis entwickelte, wurde ein aus abgetöteten Viren bestehender Totimpfstoff zur intramuskulären Injektion entwickelt. Nur der orale Impfstoff resultierte in steriler Immunität.

Bei Impfungen gegen Atemwegsviren durch intramuskuläre Impfstoffinjektion kann weder Schutz vor Infektion und Virusweitergabe noch Herdenimmunität erzeugt werden, da keine Immunität an der Eintrittspforte, der Schleimhaut von Nase und Rachen induziert wird. Diese Ziele können höchstens durch einen Lebendimpfstoff, der in einem Nasenspray appliziert wird, erreicht werden.

6. mRNA-Impfung

Die Idee hinter einer mRNA-Impfung ist bestechend; die Wunschvorstellung der Hersteller lautet: Durch Verabreichung einer mRNA soll der Körper angeregt werden,selbst ein Protein-Antigen zu produzieren, gegen das dann eine Immunantwort ausgelöst wird. Dazu wird in vitro (im Reagenzglas) synthetisierte mRNA, die für ein Antigen codiert, in eine Lipidhülle verpackt und die resultierenden Nanopartikel in den Oberarm injiziert. Die Nanopartikel verbleiben an der Einstichstelle und werden von Muskelzellen in der Nähe der Einstichstelle aufgenommen. Diese synthetisieren das Antigen, das freigesetzt wird und von den APC via MHC-II erkannt wird. Die B-Zellantwort wird angeworfen und die Antikörperproduktion kommt in Gang. Ferner werden die Nanopartikel auch zu den nächstgelegenen Lymphknoten transportiert und von dort über das Lymph- und Blutgefäßsystem im ganzen Körper verteilt, wodurch spezifische Immunität im ganzen Körper entsteht(7).

7. mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2

Erstmals kam eine mRNA-Impfung flächendeckend zum Einsatz. Die Realität sieht so aus:
Die Nanopartikel, die für das Spikeprotein codierende mRNA als Antigen enthalten, werden über den Blutkreislauf im ganzen Körper verteilt und können auch die Blut-Hirn Schranke sowie die Plazentaschranke passieren. Beliebige Zellen nehmen die Nanopartikel auf, das Spikeprotein wird von den Ribosomen der Empfängerzelle synthetisiert. Wie vorher skizziert, kommt die Antikörperproduktion in Gang.

Aber auch die zytotoxische T-Zellantwort via MHC-I, die letztendlich die Empfängerzelle zerstört, wird aktiviert(8)(9): Die Nanopartikel werden bevorzugt in kleinen Kapillaren, in denen das Blut langsam fließt, von den Endothelzellen der Gefäßwände aufgenommen. Wenn diese Zellen infolge der T-Zellantwort geschädigt werden, kommt es zu kleinen Blutungen, die Blutgerinnung setzt ein, was in Blutgerinnselbildung und Thrombosen (Schlaganfall!) resultieren kann. Bei größeren Schäden an den Endothelzellen können die Nanopartikel auch in das umliegende Gewebe gelangen und von den dortigen Zellen aufgenommen werden. Je nachdem, in welchem Organ sich die geschädigten Kapillaren befinden, kommt es nach der jeweiligen Abwehrreaktion zu den unterschiedlichsten Symptomen. Aber auch größere Gefäße und auch das Herz (Myokarditis, Perikarditis) können durch derartige Autoimmunreaktionen beschädigt werden.

Außerdem werden Nanopartikel zu den Lymphknoten transportiert und durch die Lymphozyten aufgenommen. Diese werden ebenfalls von den zytotoxischen T-Zellen angegriffen und vernichtet. Durch die Reduktion der Lymphozyten erhöht sich die Infek-tanfälligkeit und das Risiko für Krebserkrankungen. Auch können aufgrund des somit geschwächten Immunsystems latente Viren aktiviert werden(10) und schon stabilisierte Krebserkrankungen wiederaufflammen(11).

Diese Schäden treten nach jeder Gabe von mRNA-Impfstoffen auf. Da manche Körperzellen nicht ersetzt werden können, akkumulieren sich diese Verletzungen.

Neben den Autoimmunreaktionen gibt es noch sechs weitere Kritikpunkte:

(1) Die Verpackung der Impfstoffe enthält kationische (positiv geladene) Lipide. Sie dienen dazu, die Ladung der negativ geladenen mRNA zu neutralisieren. Diese Lipide kommen nicht natürlich vor, sind potenzielle Karzinogene und können nicht vom Körper abgebaut werden. Bekannt ist, daß sie sich in der Leber anreichern(12, dort Abb. 1).

(2) Die eingeschleuste mRNA wird von Rezeptoren des angeborenen Immunsystems (toll-like receptors, TLR) als fremd erkannt und durch RNasen abgebaut. Die TLRsprechen weniger stark an, wenn eine der vier Basen der mRNA, das Uridin, durch eine modifizierte Base, das 1-Methylpseudouridin ersetzt wird(13). Durch die geringere Aktivierung der TLR wird das angeborene Immunsystem heruntergefahren, was sich in erhöhter Infektanfälligkeit und Anfälligkeit für Krebserkrankungen äußert(14)Die modifizierte mRNA wird modRNA genannt und kommt in den Impfstoffen zum Einsatz.

(3) Das verwendete Antigen, das Spikeprotein von SARS-CoV-2, ist beileibe kein harmloses Protein, sondern ein hoch toxisches. Eine Arbeit aus dem Paul-Ehrlich-Institut zeigt, daß geringste Mengen des Spikeproteins zu Zellfusionen und damit zum Zelltod führen(15). Es ist gleichzeitig ein Neurotoxin. Es kann Endothelzellen in Hirnkapillaren schädigen und dadurch die Blut-Hirnschranke zerstören(16). Ferner ist das Spikeprotein toxisch für die Leber(17). Es kann auch in Zellkerne eindringen, dort dieDNA-Reparatur stören und in B-Zellen die Bildung von Antikörpern verhindern(18).

(4) Es gibt keinen »Aus«-Schalter für die Spikeproteinproduktion. Es ist unbekannt, wie lange die modRNA im Körper verbleibt und abgelesen werden kann. Eine erste Studie zeigt, daß die modRNA in Lymphknoten bis zu 60 Tage stabil ist — längere Zeiträume wurden nicht untersucht —(19), während die Hersteller und Behörden behaupten, modRNA würde wie mRNA rasch abgebaut. Mittlerweile zeigt eine aktuelle Publikation sogar, daß das Spikeprotein bis zu 187 Tagen nach modRNA-Injektion nachweisbar ist(20). Das hier verwendete Detektionsverfahren (Massenspektrometrie) erlaubt es, Impfstoff-Spikeproteine von SARS-CoV-2 Spikeproteinen zu unterschieden; das nachgewiesene Spikeprotein kann also nicht durch eine SARS-CoV-2 Infektion hervorgerufen worden sein.

(5) Bei der Herstellung der modRNA wird eine DNA-Matrize als Vorlage benötigt. Diese liegt als ringförmiges DNA-Molekül (in der Fachsprache »Plasmid« genannt) vor, das sich in Bakterienzellen replizieren kann. Um genügend DNA-Vorlage für die anschließende modRNA-Synthese werden plasmidhaltige Bakterienzellen in großen Mengen kultiviert und die Plasmid-DNA isoliert. Nach der modRNA-Synthese muß die Plasmid DNA vollständig von der modRNA getrennt und zerstört werden. In einzelnen Impfstoffchargen wurden jedoch intakte Plasmid-DNA in Mengen gefunden, die das Limit der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) um den Faktor 1000 übersteigen(21). Die Auswirkungen des Vorhandenseins dieser DNA ist unbekannt.

(6) Sofern die modRNA abgebaut wird und die entsprechende Zelle Attacken durch zytotoxische T-Zellen überlebt hat, verfügt sie über unphysiologisch hohe Mengen an 1-Methylpseudouridin. Da Zellen gerne ihre Bestandteile recyceln und 1-Methylpseudouridin ein Uridinanalogon darstellt, kann es sein, daß das Analogon anstelle von Uridin in RNAs eingebaut wird – mit unbekannten Konsequenzen. 1-Methylpseudouridin ist ein natürlicher Bestandteil von ribosomaler 18S-RNA(22). Es könnte zu bisher unbekannten Ribosomopathien(23), seltenen Krankheiten, die auf Fehlfunktionen der Ribosomen beruhen, kommen.

Diese sechs Eigenschaften der modRNA-Impfstoffe können zu mehr oder weniger starken unerwünschten Wirkungen (»Nebenwirkungen«) führen, die oft auch in permanenten Verletzungen oder sogar im Tod der Geimpften resultieren. Den Herstellern ist dies bekannt: Der Anhang einer Pfizer-Postmarketing-Studie, listet die Nebenwirkungen [die in den drei Monaten nach der Notfallzulassung in den USA (01.12.2020 bis 28.02.2021) aufgetreten sind] in neun eng bedruckten Seiten — alphabetisch geordnet nach Diagnose — auf(24). Eine kuratierte Liste von wissenschaftlichen Veröffentlichungen über die Gefahren der modRNA-Impfstoffe, die im Jahr 2021 und in denersten drei Monaten des Jahres 2022 erschienen ist, umfaßt mehr als 750 Studien(25).
 

Die folgenden drei Punkte befassen sich mit mehr oder weniger starken Auswirkungen der modRNA-Impfungen auf das Immunsystem und deren Folgen in Bezug auf SARS-CoV-2 Reinfektionen. Fazit: Die modRNA-Impfungen bewirken keine sterile Immunität, sie sind allenfalls formschön, aber zweckfrei.

(1) Eine Studie zeigt, daß die dritte Gabe (»Boosterung«) der modRNA die Produktion von IgG4-Antikörpern bewirkt(26). IgG4, eine Unterklasse der IgG-Antikörper, ist eine Art Etikett für Fremdproteine, die Allergien auslösen können. Dieses Etikett signalisiert dem Körper: Das ist ein lästiges Protein, es lohnt sich nicht, es weiter zu beachten. Diese Immuntoleranz kann verhindern, daß bei einer echten Covid-19-Erkrankung geeignete Immunantworten stattfinden. Tatsächlich zeigte eine Studie, daß das Risiko einer Corona-Infektion mit jeder weiteren Impfung steigt(27).

(2) Beim ADE-Fänomen (antibody dependent enhancement: infektionsverstärkende Antikörper) werden mehr bindende als neutralisierende Antikörper produziert: Im Idealfall sind Antikörper neutralisierend, das heißt die Antikörper binden fest an die Antigene der Virusoberfläche und die Freßzellen des Immunsystems können gefahrlos die Antikörper-Viren-Komplexe vertilgen. Binden die Antikörper jedoch bei einem minimal verändertem Antigen — wie es bei Virenvarianten durchaus der Fall sein kann — dieses weniger fest, können die Viren nach der Aufnahme in die Freßzelle freigesetzt werden und diese Zelle unter Freisetzung von Viren zerstören. Die Infektion verstärkt sich also.
Monoklonale Antikörper, die Covid-Patienten zur passiven Immunisierung verabreicht werden, sowie polyklonale Antikörper, die nach modRNA-Impfung aus Probandenseren gewonnen wurden, wiesen das ADE-Fänomen in Zellkulturen auf(28). Nach Impfung gegen den Wuhan-Hu-1 (= Urvariante des SARS-CoV-2) Stamm zeigten die untersuchten Seren keine neutralisierende Wirkung gegen eine Omikron-Infektion, sondern eine Verstärkung der Virusproduktion. Die Autoren spekulieren sogar, daß die infektionsverstärkenden Antikörper zur raschen Verbreitung der Omikron-Variante beigetragen haben.

(3) Das OAS-Fänomen (original antigenic sin: Antigenerbsünde oder Immunprägung) beschreibt einen Einfluß des Erstkontakts mit einem Virus auf die Immunantwort bei einer Reinfektion: Selbst wenn beim Zweitkontakt ein besser geeignetes Antigen vorhanden ist, konzentriert und beschränkt sich die B-Zell-Immunantwort auf das beim Erstkontakt erkannte Antigen. B-Zellen, die für diese neuen Antigene spezifisch sind, werden unterdrückt. Diese Limitation führt zu einer Beschleunigung der B-Zell-Immunantwort zu Lasten ihrer Breite und Flexibilität.
Röltgen et al(19) stellten auch Immunprägung fest: »Die Infektion mit einer Virusvariante ruft variantenspezifische Antikörper hervor, aber eine vorherige mRNA-Impfung ruft serologische Reaktionen auf Wuhan-Hu-1 und nicht auf die Antigene der Variantehervor.« Auch aus diesem Grund werden die doppelt und dreifach Geimpften immer wieder infiziert.

8. Unterschiede zwischen Impfung mit abgeschwächten Viren und modRNA-Impfung

Befürworter der modRNA-Impfung könnten einwerfen, die Immunreaktionen (zytotoxische T-Tellen und das Komplementsystem greifen fremdproteinsynthetisierende Körperzellen an), die bei der modRNA-Impfung auftreten, treten auch bei der Impfung mit attenuierten Viren auf. Dies trifft sicherlich zu, aber die attenuierten Impfviren können nicht in demselben Maß Gewebeschäden hervorrufen wie die modRNA-Impfung(29). Dafür gibt es zwei Hauptgründe:
(1) Impfviren benötigen einen bestimmten Rezeptor auf der Zelloberfläche, um in die Zelle einzudringen, sie können nur in diejenigen Zellen eindringen, die diesen Rezeptor besitzen. Die LNP hingegen benötigen keinen Rezeptor, sie können über Membranfusion in jede Körperzelle eindringen. Mit wenigen Ausnahmen (Gelbfieber- und Dengueimpfstoffe) sind die Impfviren so beschaffen, daß sie eben nicht in die Endothelzellen des Blutgefäßsystems eindringen können, so wie es die LNP tun(29).
(2) Die Dauer der Antigenexposition variiert beträchtlich. Das Immunsystem ist in der Lage, Impfviren innerhalb weniger Tage zu eliminieren. Beispielsweise wurden attenuierte West-Nil-Viren nach sieben Tagen aus dem Blut und nach vierzehn Tagen aus den Geweben entfernt(30). Das von der modRNA codierte Spikeprotein ist jedoch bis zu sechs Monaten nach der Injektion nachweisbar(20). Der Körper wird folglich monatelang den toxischen Spikeproteinen ausgesetzt.

Der nächste Unterschied macht sich vor allem bei Zweit- und weiteren Impfungen mit demselben Impfstoff bemerkbar(29):

(3) Die Impfviren besitzen Proteinantigene auf ihrer Oberfläche, die LNP nicht. Gegen die Proteinantigene der Impfviren hat das Immunsystem beim Erstkontakt bereits Immunantworten ausgeprägt; das Immunsystem ist in der Lage, die Impfviren effektiv zu bekämpfen. Da die LNP keine Proteinantigene besitzen, verbreiten sie sich unter dem Radar des Immunsystems und dieses wird erst aktiv, wenn die Körperzellen die modRNA aufgenommen haben und das Antigen synthetisieren. Diese Immunreaktionen laufen sehr viel heftiger ab.

9. Epilog

Viele der angesprochenen Tatsachen werden in der offiziellen Reaktion auf das Auftreten von SARS-CoV-2 nicht berücksichtigt. Wie konnten Berater, medizinische Fachgesellschaften [Gesellschaft für Virologie (GfV), Deutsche Gesellschaft für Immunologie (DGfI). Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM)] und Wissenschaftsjournalisten den Nobelpreis für Doherty & Zinkernagel vergessen und übersehen, daß eine Zelle, die ein Fremdprotein herstellt, vom Immunsystem sicher und effektiv zerstört wird? Die Prinzipien der Kreuzimmunität und der natürlichen Immunität, die nach einer überstandenen SARS-CoV-2 Infektion entstanden ist(31), werden weithin totgeschwiegen, obwohl keineswegs unbekannt.

Diese und viele andere »Ungereimtheiten« aufzuarbeiten, liegt offenbar nicht im Interesse des Staates, von seiner kapitalistischen Wirtschaft gar nicht zu reden. Das zeigt auch die herrschende Ideologie, nach der der Mensch, wenn er stirbt, dann so gut wie nie wegen der Impfung und ihren Folgen, vielmehr trotz der Impfung stirbt: Um diese Sichtweise macht sich insbesondere das Paul-Ehrlich-Institut verdient, welches damit befaßt, Impfschäden zu erfassen, diese zugleich relativiert, weil es dadurch seine Existenzberechtigung hat.

Und im übrigen ist die Bevölkerung der »Dritten Welt«, der eine coronabedingte Bevölkerungsreduzierung prognostiziert wurde, bezüglich SARS-CoV-2 heil davongekommen, »obwohl« ihr aufgrund des Patentschutzes die imperialistische Wunderwaffe ein RNA-Impfstoff — versagt bleiben mußte.
 

Referenzen

(0) Die Ausführungen zum Immunsystem sind stark vereinfacht. Ausführlichere Informationen können in jedem einführenden Lehrbuch der Immunologie nachgelesen werden, etwa: Rink L et al. 2018 Immunologie für Einsteiger. 2. Auflage. Springer Spektrum
oder Bröker B et al. 2019 Grundwissen Immunologie, 4. Auflage, Springer Spektrum

(1) Ravi V et al. 2022 Basic virology of SARS-CoV 2 Indian J Med Microbiol 40: 182–186.
https://doi.
org/10.1016/j.ijmmb.2022.02.005

(2) Hofmann M et al. 2020 A Multibasic Cleavage Site in the Spike Protein of SARS-CoV-2 Is Essential for Infection of Human Lung Cells Mol Cell 78: 779–784.e5. 
https/doi.org/10.1016/
j.molcel.2020.04.022

(3) Anonym ACE2 protein expression summary.
https://web.archive.org/web/20230603072547/htt
ps://www.proteinatlas.org/ENSG00000130234-ACE2

(4) Podbregar N 2021 Infektion mit Erkältungs-Coronavirus OC43 schützt oft vor schwerem Covid-Verlauf Focus Online
https://www.focus.de/gesundheit/news/corona-antiko-erper-verraet-risiko-fuer-schweren-verlauf_id_13235149.html

(5) Alexander PE. 2021 160 Plus Research Studies Affirm Naturally Acquired Immunity to Covid-19: Documented, Linked, and Quoted Brownstone Institute. 
https://web.archive.org/web/20230201095956/https://brownstone.org/articles/research-studies-affirm-naturally-acquired-immunity/

(6) Nelde A et al 2020 SARS-CoV-2-derived peptides define heterologous and COVID-19-induced T cell recognition Nat Immunol 22:74-85.
https://doi.org/10.1038/s41590-020-00808-x

(7)Anonym 2022 Der Wirkort von mRNA-Impfstoffen BioNTech Infowebsite:
https://web.archive.org/web/20230528131029/https://mrnaverstehen.biontech.de/de/startseite/der-wirkort-von-mrna-impfstoffen.html

Diese Infowebsite von BioNTech enthält auch allgemeine Informationen zum Immunsystem. Sie erwähnt auch die Rolle von cytotoxischen T-Zellen bei der Abwehr von Viren,
https://web.archive.org/web/20230528140133/https://mrnaverstehen.biontech.de/de/startseite/die-antwort-des-immunsystems-auf-sars-cov-2.html

blendet aber deren Aktivierung durch die Synthese des Spikeproteins in Körperzellen vollkommen aus!
https://web.archive.org/web/20230325075857/https://mrnaverstehen.biontech.de/de/startseite/mrna-impfung-fuehrt-zu-einer-immunantwort.html

(8) Rijkers GT et al 2021 Antigen Presentation of mRNA-Based and Virus-Vectored SARS-CoV-2 Vaccines Vaccines 9:848.
https://doi.org/10.3390/vaccines9080848

(9) Polykretis P. 2022 Role of the antigen presentation process in the immunization mechanism of the genetic vaccines against COVID-19 and the need for biodistribution evaluations. Scand J Immunol. 96::e13160.
https://doi.org/10.1111/sji.13160

(10) Herzum A et al. 2022 Epstein-Barr virus reactivation after COVID-19 vaccination in a young immunocompetent man: a case report. Clin Exp Vaccine 11:222-225.
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cevr.2022.11.2.222

(11) Krüger U 2022 COVID vaccination and turbo cancer: pathological evidence.
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https://ar
chive.org/details/pfizer-confidential-translated

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https://doi.org/10.1016/j.immuni.2005.06.008

(14) Föhse KF et al. 201 The BNT162b2 mRNA vaccine against SARS-CoV-2 reprograms both adaptive and innate immune responses. medrXiv.
https://doi.org/10.1101/2021.05.03.21256520

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(25) Anonym 2022 750+ Studies About the Dangers of the COVID-19 Injections
https://web.archive.org/web/20230620082728/https://doctors4covidethics.org/750-studies-about-the-dangers-of-the-covid-19-injections/

(26) Irrgang P et al Class switch toward noninflammatory, spike-specific IgG4 antibodies after repeated SARS-CoV-2 mRNA vaccination Sci Immunol. 2023 Jan 27;8(79)
https://doi.org/10.1126/sciimmunol.ade2798

(27) Shrestha NK et al 2022 Effectiveness of the Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Bivalent Vaccine medrXiv
https://doi.org/10.1101/2022.12.17.22283625

(28) Shimidzu J et al 2022 Reevaluation of antibody-dependent enhancement of infection in anti-SARS-CoV-2 therapeutic antibodies and mRNA-vaccine antisera using FcR- and ACE2-positive cells. Sci Rep 12:15612
https://doi.org/10.1038/s41598-022-19993-w

(29) Palmer M. 2023 mRNA: A dangerous Technology?: FLCCC Weekly Update (Aug. 23, 2023)
https://odysee.com/@FrontlineCovid19CriticalCareAlliance:c/Weekly_Webinar_Aug23_2023:c

(30) Monath TP et al 2006 A live, attenuated recombinant West Nile virus vaccine. PNAS 103: 6694-6699
https://doi.org/10.1073/pnas.0601932103

(31) Goldberg Y et al 2022 Protection and Waning of Natural and Hybrid Immunity to SARS-CoV-2 N Engl J Med 386:2201-2212 https://doi.org/10.1056/NEJMoa2118946

bluete

frauenbewegung – quo vadis?

koka

 

Im deutschen Frauenstaat:
Frauenbewegung quo vadis?

 

Die Lage der Frauen ist ja heute alles andere als berauschend, für die vom Lohn abhängigen sowieso und selbst von denen, welche bessere Berufe erstrebt haben, sind landauf landab Klagen zu hören. Zur sozialen Lage der Frau in der bundesdeutschen Vorzeigerepublik gibt es bereits einen Artikel. [1]
Auch die extremen Außenseiterinnen der Frauenbewegung Rosa Luxemburg und Clara Zetkin sollen an dieser Stelle nicht Thema sein ebensowenig wie Lilly Prem, die sich in Augsburg 1918/19 mit an die Spitze der Revolution stellte.

Hier solle es um die Hauptströmung der Frauenbewegung, der Frauenrechtsbewegung, des Feminismus gehen, die sich zweifellos durch gewisse Erfolge auszeichnet. Die Bewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts sowie in den Jahrzehnten danach kam im wesentlichen aus dem Proletariat. Es waren Frauen, Ehefrauen von ausgebeuteten Männern und Frauen, die sich selbst verdingen mußten — jedenfalls solange sie nicht ihr Ziel einer Versorgungsehe erreicht hatten, wobei das Heiraten, so es sich immer zwangloser gestaltete, zunehmend problematischer wurde und eben darob auch die Zahl der — moralisch immer weniger verpönten — Scheidungen anstieg.
All diese Frauen fanden Ansprechpartner insbesondere in der Sozialdemokratischen Partei, in der sie Beisitzerposten angeboten bekamen und von der ihnen unter dem Schein völliger Selbstlosigkeit versprochen wurde, sich um ihre Belange zu kümmern. Nun hat diese Partei die Lage der Frauen ebensowenig zum Positiven verändert wie die des Proletariats überhaupt. Erstmal durften sich die Frauen, agitiert von der SPD, in einem Weltkrieg für die Nation seelisch wie körperlich zerreißen. Und dafür erhielten sie dann durch die Niederlage Deutschlands weniger erkämpft als zwangsläufig das Wahlrecht — schließlich galt es für den Staat, einen neuen Erfolgsweg zu suchen und einzuschlagen, der dann in der demokratischen Form von Herrschaft blutig durchgesetzt wurde. Das galt der Frauenbewegung damals — ungeachtet dieses Entstehungshintergrundes — als ein Meilenstein schlechthin: Denn damit erhielten sie, wie sie meinten, immerhin den Hauch einer Chance, auch an ihrer materiellen Abhängigkeit etwas zu ändern.

Wie sehr die Frauen damals ihr Schicksal mit dem ihrer Nation verbunden hatten, ist sicherlich eine der großartigsten Agitationsleistungen der SPD gewesen. Angereichert wurde diese Agitation durch universitätsgebildete Frauen. Dies sei hier in einem Gedicht von Anita Augspurg [2], einer Juristin, dokumentiert, auf die sich übrigens erst kürzlich die Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer bezog:

»Nationalhymne der Frauen

Deutschland, Deutschland über alles,
Wenn es auch die Frau befreit,

Ihr die Bürgerkrone bietet,
Folgend einer neuen Zeit.

Weil die Frau in Heim und Werkstatt
An des Volkes Reichtum schafft,

Weil ihr Wesen und ihr Walten
Mehrt und hebt des Reiches Kraft.

Einigkeit und Recht und Freiheit
Heischt die Frau gleichwie der Mann.

Weil für ihre gleiche Leistung
Gleiches Recht sie fordern kann.

Frei, wer für die Volksgemeinschaft
Mühsal trägt und strebt und denkt,

Frei vor allem auch die Mutter,
Die dem Reich die Bürger schenkt!

Deutschland, Deutschland über alles,
Wenn es wie in alter Zeit

Seinen Frau‘n im Volksrate
Sitz und Recht und Gleichheit beut.

Nur ein Land, das seine Frauen
Frei und gleich und würdig stellt,
Nur ein solches Land strebt aufwärts,
Steht voran in aller Welt!«

Dieses Gedicht übrigens wurde nicht von KoKa-Augsburg aus der Versenkung geholt, sondern von den Initiatorinnen der kürzlich gezeigten Ausstellung »Die modernen Frauen des [Foto]Ateliers Elvira in München und Augsburg 1887 – 1908« [3] Diese Verse wurden ganz offensichtlich deshalb hervorgezaubert, weil ihr Gehalt den heutigen modernen Frauen eben auch aktuell absolut zeitgemäß erscheint.

Nun war die Beteiligung der Frauen an der Männerdomäne Politik richtungsweisend und gab schon Anfang der 1920 Jahre Visionen frei, die mit dem mittlerweile erreichten Stand der Frauenbewegung verglichen werden können. Arthur Zapp hat die Entwicklung in seinem Roman »Im Frauenstaat« zu antizipieren versucht.[4] Ausgehend von den sich damals ändernden Verhältnissen, in denen sich junge Frauen bei allen Vorbehalten ihrer Eltern in ihren Ansprüchen nicht länger bremsen lassen wollten einerseits und einer nach wie vor — sich auf die Natur berufenden! — frauenfeindlichen Gerichtsbarkeit andrerseits, stellt er das heraus, wohin das Staatswesen heute so ziemlich gelangt ist: Frauen zur Genüge in den Parlamenten, in Spitzenpositionen der Regierung.

An dieser Stelle ein Zitat aus dem Roman, die Alterspräsidentin des Parlaments bei der Sitzungseröffnung:
»"Deutschland habe sich mit einem Ruck an die Spitze aller Kulturstaaten gestellt, es habe eine große Kulturtat zu verzeichnen, eine der größten in der Geschichte der Menschheit. Ein Riesenunrecht habe das deutsche Volk gutgemacht, eine große Schuld abgetragen. Zum erstenmal, seit es Weltgeschichte gab, sei die Vorherrschaft der Männer im Staat gebrochen. Bisher sei den Frauen nur ein bescheidener Anteil an der Erledigung der regierungsgeschäfte gegönnt gewesen. Jetzt zum erstenmal würden sie das Steuer eines Staates in die Hand nehmen. Unter der männlichen Herrschaft seien Krieg und Gewalttätigkeiten aller Art die Regel gewesen, hätten die Ungerechtigkeiten der sozialen Verhältnisse, der krasse Gegensatz zwischen reich und arm — von den sozialen Errungenschaften der letzten Jahre abgesehen — Unheil über Unheil über die Welt gebracht, die übergroße Mehrheit der Menschen zu Armut und Not, zu Elend und Niedrigkeit verdammt und nie zu sorglosen, frohem Lebensgenuß gelangen lassen. …
Die Schmach, die uns einst zugefügt wurde, mit den Worten: ‚Die Frau gehört ins Haus‘ und ‚mulier taceat in ecclesia‘ [ein Weib hat in der Kirche zu schweigen] ist glänzend gesühnt. …
Man sagt immer, …, daß die Politik eine rein verstandesmäßige Angelegenheit sei. Wie soll man dann den Verstand der Männer einschätzen, die die Politik, die sie bis zur großen Revolution ausschließlich beherrschten, so herrlich ausgeübt haben, daß Deutschland 1918 einem Trümmerhaufen glich? Haß, Gewinnsucht, Unterdrückung und Ausbeutung des Schwächeren durch den Stärkeren, das waren die treibenden Kräfte der männlichen Politik im Verhältnis zum Ausland und in den Beziehungen der Bürger untereinander. Dann begann das große Aufbauwerk, die große Mehrzahl der Probleme war rein wirtschaftlicher Natur. Erst als wir Frauen nach und nach mehr Terrain im öffentlichen Leben gewannen, wurden die Kulturprobleme, soziale und Sittlichkeitsfragen aller Art energisch in Angriff genommen. Das warme Herz der Frauen holte nach und machte gut, was der kalte Verstand, die sogenannte Realpolitik der Männer, versäumt und verschuldet hatte. …
Friedensverträge, in denen man die im Krieg besiegten Völker zu Heloten, zu wirtschaftlichen Sklaven gemacht, aufs unerhörteste ausgesogen hatte, fielen unter der sittlichen Empörung der zur Besinnung kommenden breiten Massen der uns ehemals feindlich gesonnenen Völker. Deutschland gelangte zu neuer Blüte, nicht nur zur Blüte kleinerer Teile der Nation, wie vor 1914, sondern zu einem Wohlstand aller Schichten des Volkes. Der Sozialismus war in Deutschland immer breiter und tiefer begründet gewesen, als sonstwo in der Welt. Er ist es, der Deutschland an die Spitze der Welt stellt. Wir waren es, die zuerst den entscheidenden Schritt auf dem Wege zur Vollendung der großen sozialen Reform taten, zur Aufhebung des unseligen Gegensatzes zwischen reich und arm, zwischen Überfluß und bitterstem Mangel, diesem Fluch der Menschheit, ohne dessen Beseitigung Ruhe und Frieden, Einigkeit und Glück unter den Menschen unmöglich ist. Das ist der große Ruhmestitel unsres Volkes, womit die deutsche Republik alles gesühnt hat, was die Monarchie verbrochen hatte. …
Aber noch anderer Fortschritte in Kultur und Gesittung können wir uns rühmen. Zwei der wichtigsten Faktoren im Kulturleben, die Rechtsprechung und die ärztliche Hilfe sind sozialisiert. Das Gericht ist verpflichtet jedem Bürger ohne Kosten zu seinem Recht zu verhelfen, und nicht mehr hat der Reiche vor dem Armen den Vorteil voraus, sich den gewiegtesten, aber auch teuersten Anwalt kraft seines größeren Geldbeutels zu sichern, sondern die Behörde weist je nach der Art der Fälle den Parteien einen Anwalt zu. Ähnlich wird bei den Erkrankungen verfahren. Nicht der Reichste erhält den tüchtigsten Arzt, sondern der am schwersten Leidende.
Wir haben …, unsre Dichter und Künstler in ihrem Schaffen von den Rücksichten auf den materiellen Ertrag ihrer Tätigkeit unabhängig gemacht. …
Wissenschaft und Kunst ersetzen unserm Volk einen Aberglauben, der sich nur auf Legenden und Märchen aus der Kindheit der Menschheit stützte. Unser Volk hat es nicht mehr nötig, in den Gotteshäusern Erhebung seiner Seelen zu suchen, denn alle Kunstdarbietungen sind frei. …"« (S. 86-92)

Der Text des Romans zeigt klar die Illusion, mit moralischer Kritik die bisherigen Zustände aufheben und beseitigen zu können. Denn welcher hier im Roman vorweggenommene Erfolg hat sich denn in rund 100 Jahren deutscher Republik wirklich eingestellt? Und wollen denn die heutzutage zahlreich in den Parlamenten vertretenen Staatsdienerinnen überhaupt etwas wissen davon, was die romanhafte Alterspräsidentin als Erfolge der Frauen herausgestellt hat? Davon ist nun wahrlich nichts, aber auch überhaupt nichts zu sehen:
Von einer Auflösung des Militärs — auch die wurde in dem 1922 erschienen Roman begrüßt — schon gleich nicht: Frauen an der Spitze des Kriegsministeriums, das konnte sich selbst der Frauenbewegteste seinerzeit  beim besten Willen kaum vorstellen! Ebenso die weitgehende Beschränkung der Polizei auf eine einzig angemessene Aufgabe, die Verkehrsregelung. Von einer wirklichen und nicht bloß formellen Beseitigung der Benachteiligung der zwecks notwendigen Gelderwerbs arbeitenden Klasse in Rechtsstreitigkeiten, bei Erkrankung etc. ist nun wirklich nichts zu sehen.

Doch selbst wenn dies alles erreicht wäre, hat Zapp die Wunde schlechthin nicht übergangen:
»… Üppigkeit und Prasserei, die unter den veränderten sozialen Verhältnissen schon in der Abnahme begriffen gewesen, nahmen wieder zu. Das Geld wurde wieder zum Gegenstand des heißesten Begehrens, und der soziale Frieden, der angefangen hatte, den früheren Kampf aller gegen alle abzulösen, wurde wieder erschüttert. Die Rücksichtslosigkeit der noch im Besitz kaufmännischer und industrieller Betriebe befindlichen Geschäftsleiter gegen Angestellte und Käufer kehrte wieder. …

Wo war die Wurzel des Übels? War die Welt doch nicht reif gewesen für die Umleitung des kapitalistischen Systems in den sozialen Staat? Sollte man die Abschaffung des Erbrechts, die in absehbarer Zeit das soziale Programm restlos zur Ausführung bringen würde, wieder rückgängig machen? Oder war man zu zögernd gewesen, sollte man die Konfiskation aller Vermögen mit einem Ruck gesetzlich bewirken? Sollte man das Geld, das doch schließlich die Ursache aller Unzufriedenheit, aller Gehässigkeit unter den Menschen und aller Verbrechen war, und das auch in weiterer Folge die Genußsucht und die Unsittlichkeit unterstützte und förderte, abschaffen und so letzten Endes den vollen Kommunismus herbeiführen?. …« (S. 148-149)
 

Wie sehr die heutigen Verhältsnisse den unerreichten Zielen weiblicher Politikbeteiligung als Erstrebenswerte recht geben — abgesehen davon, inwieweit sie nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt noch verfolgt wurden —, das war im Detail damals noch kaum erkennbar: Frauen erhalten für gleiche Tätigkeiten mittlerweile weitgehend den gleichen Lohn. Aber die Ausdifferenzierung der Tätigkeiten nach minder- und höherwertiger Arbeit, die insbesondere die deutschen Gewerkschaften als ambitionierte Manager des Kapitals vorangetrieben haben, führt ja dazu, daß Frauen sich hauptsächlich in Billiglohntätigkeiten wiederfinden. Das gilt im übrigen nicht allein für Arbeiter im engeren Sinne, auch für Angestellte und Staatsbüttel.
Nun gibt es ja nicht wenige Frauen, die etwas Besseres werden wollen, weil sie kapiert haben, daß in dieser Gesellschaftsordnung ihre Freiheit mit dem Verfügen über Geld zusammenfällt. Also werden sie als Universitätsabsolventinnen dem Staat und seiner Wirtschaft nützlich und hausen sich so in den damit einhergehenden neuen Sachzwängen ein. Eine Ärztin zum Beispiel muß sich mit der von Staats wegen eingeleiteten knallharten Profitausrichtung des Gesundheitswesens herumschlagen, die den gleichzeitigen Staatsauftrag, die Verwertungsfähigkeit der Bürger wiederherzustellen und zu erhalten, torpediert. Eine Juristin muß sich sowieso spezialisiert haben, um den immer neuen und umfangreicheren Gesetzen und Rechtsprechungen überhaupt folgen zu können und sich eine zahlungskräftige Kundschaft zu sichern. Eine Pädagogin oder Lehrerin darf sich mit den gesellschaftlich zugerichteten Kreaturen eben dieses modernen Staates herumschlagen. Eine Wirtschaftswissenschaftlerin darf sich für die Sachzwänge der Geldverwertung eines Betriebes oder gleich über die Bilanzen des ganzen Staates den Kopf zerbrechen. Eine Journalistin darf dem Publikum die Politik verdolmetschen und beißende Kommentare darüber schreiben, wie sehr die sich an ihren Idealen, der Durchsetzung ihrer »Werte« gemessen blamiert [5]. Usw. usf. Indem gerade solche Frauen in ihrem Beruf aufgehen, betätigen sie sich völlig unemanzipiert als die Charaktermaske Staatsbürger, pardon: Staatsbürgerin. Zweifellos ist das 3. »K« des Trios KKK (Kinder-Küche-Kirche) durch »Karriere« ersetzt worden. Die bewegten Frauen bedauern nur noch ihren nach wie vor viel zu geringen Anteil in den Vorständen der Aktiengesellschaften und sonstigen Konzerne. Wenn die Geschäftemacherei erst in weiblichen Händen ist, gibt es dann noch irgendeine Lohnfrage? Dann ist doch wohl endgültig bewiesen, daß jede/r seines Glückes Schmied höchstselbst ist!

Aber egal, ob Proletarierin oder besser gestellte Frau: Es bleibt immer noch ihr biologisches Spezialproblem: Der Nachwuchs. Der stellt sich ein, mal mehr gewollt, mal weniger. In jedem Fall jedoch erfordert er zusätzliche Substanz. Neben dem beruflichen Dasein, sprechen alle deshalb von einer Doppelbelastung. Und der Staat möchte diese den Frauen nicht abnehmen, sondern ermöglichen. Die Frauenbewegung hat dagegen keine Einwände. Und zwar deshalb nicht, weil sie die Wirtschaftsordnung apodiktisch für an sich total in Ordnung hält. Diese Haltung ist dem Staat äußerst willkommen, weil er sich nicht nur in seinem Verwertungswahn — er betrachtet seine Manövriermasse als potenzielle ökonomische Verwertungsmasse — bestätigt fühlt, sondern weil er es ebenso für höchst gerechtfertigt hält, den Frauen das zuzumuten, was sie selber in ihrer vermeintlichen Emanzipiertheit als Herausforderung begreifen.

Die Frauen, die sich entschlossen haben, in die Politik zu gehen, sich dort — emanzipiert wie sie glauben, daß sie gerade dadurch sind — für die Nation stark machen, wollen nichts zu wünschen übrig lassen und so werfen sie sich dann an die nationale Front. [6] Was zeichnet diese Regierungsfrauen vor allem und vor allen aus? Nicht die Sache die vor, nach und neben ihnen die männlichen Politiker nicht weniger ordentlich erledigen und die jedem national Gesonnenen ganz abstrakt als »Verantwortung für Deutschland« geläufig ist. Auffallend ist eine gewisse Radikalität, in der die Frauen diese »Verantwortung« vortragen. Im Gegensatz dazu, daß Frauen im allgemeinen von weicherer Natur sind, treten sie in der Politik bemerkenswerterweise oftmals als das glatte Gegenteil auf. Sie werfen sich doppelt massiv für die staatlichen Belange in die Brust, allen voran beispielhaft die deutsche EU-Kommissionspräsidentin. So vermitteln sie gegenüber ihrer Natur einen geradezu schrägen Eindruck: Sie gelten als unschöne Abart des weiblichen Geschlechts und sogar mancher gar nicht frauenfeindliche Betrachter wünscht sie sich an Heim & Herd zurück: Hat jene keine Kinder?

Eben so wird allerdings wieder wie überhaupt mit der gesamten Personalisierung der Politik das Wesentliche übersehen: Es ist nämlich völlig egal, welchen Geschlechts die Person ist und wie stark sie in den Saal brüllt, um die von der Politik erheischten Notwendigkeiten — all die Zumutungen des »Gürtel-enger-Schnallens« samt ihren Trostpflästerchen — den Staatsbürgern herunterzubeten und aufzuherrschen. Oder schmecken einem deutschen Staatsbürger Ausbeutung, Verarmung und Kriegsvorbereitungen besser, wenn sie ihm von einer aparten Zuckerpuppe — die dann vielleicht sogar ausländische Wurzeln haben darf — mit warmen Worten eingesäuselt würde?

An dieser Stelle noch einmal der Roman:
»Er [Robert Wussow, Hauptfigur des Romans] gab ihr [Dr. Susanne Ruland, seine Angebetete] einen kurzen historischen Abriß der Frauenbewegung, ihrer Ursachen und ihrer Irrwege. Der Mann war von Natur ein politisches Wesen, die Organisation des öffentlichen Lebens betrachtete er, seit er in die Kultur eingetreten war, als seine höchste Aufgabe. Er gründete die Familie, die Gemeinde, die Kirche und den Staat. Die Frau aber gehörte lediglich der Familie an, der Staat war ein abstraktes Gebilde, dem sie verständnislos, gleichgültig, feindlich gegenüberstand. Die Neigung des Mannes zur Entpersönlichung, zum Aufgehen in der Gemeinschaft war ihr etwas Fremdartiges. Sie lebte nicht abhängig von einem abstrakten sozialen Zustand, sondern von der konkreten Einzelperson des Mannes, auf dessen Schutz sie, die körperlich Schwache, angewiesen war. Dadurch blieb ihr Blick viele Generationen hindurch auf das Persönliche gerichtet, und sie ergab sich und ordnete sich dem unter, der sie mit seiner stärkeren körperlichen Kraft und seiner sozialen Überlegenheit in seine Obhut nahm. Erst viel später, als die Familie immer mehr beeinflußt wurde von dem öffentlichen Leben, als alles: Beruf, Wirtschaft, Wohnungswesen, Kinder- und Jugendpflege und Bildungsfragen zu politischen Problemen wurden, entstand die Frauenbewegung. Die Frau, vom männlichen Denken abseits geleitet, entfremdete sich immer mehr ihrem eigentlichen Wesen und heischte ihren Anteil an der Politik. Sie vergaß, daß ihrer größeren Naturgebundenheit das Interesse am Persönlichen weit mehr entsprach, als die Abstraktion, zu der der Mannesgeist nach der Geschichte seines Werdens neigte.

Damit begann die Loslösung des Weibes von ihrer Natur, ihr quälerisches Bestreben, immer mehr in die männliche Sfäre einzudringen. Es kam wie ein Rausch über die Frauen. … ‚Hat aber der Eintritt der Frau in die Politik an den Parteiverhältnissen und an der öffentlichen Meinung etwas geändert? Haben die Frauen etwas Besonderes, Neues, Originelles im Staat geschaffen? Nur die Zahl der Mitglieder der einzelnen politischen Parteien ist gewachsen. Gibt es eine einheitliche Frauenpolitik? Sind die Frauen nun glücklicher geworden? Die wenigen verständigen Frauen, die sich ihre Menschlichkeit durch die Politisierung der Frau nicht haben verderben lassen, verneinen diese Frage. Freilich, als die Frauen in die Politik handelnd eintraten, war die Politik und die Kultur krank, schwer krank. Der Weltkrieg, dieser Rückfall in die Bestialität, in die Zerstörungs- und Vernichtungswut der Urzeit, und danach die Revolution, bewies wie ungesund das Verhältnis der Bürger eines Landes untereinander und die gegenseitigen Beziehungen der Völker gewesen waren.‘
Nun‘, unterbrach Susanne die Ausführungen des Geliebten, ‚ist das nicht ein Beweis, daß die Männer der Aufgabe der Politik, das Menschentum zu erhöhen, nicht gewachsen waren? Führte die Männerpolitik nicht zum Imperialismus und Nationalismus, fast zum Untergang? War deshalb die Mitwirkung des Weibes nicht notwendig, um ein neues Staatswesen, um eine neue Kultur aufzubauen?‘
Ich antworte die mit einer Gegenfrage: Wohin sind wir mit dem Eintritt der Frau in den Staats- und Kommunaldienst, in Parlament und Verwaltung gekommen? Meinst Du nicht, daß wir aufs neue dem Untergang zusteuern?‘ …‘…Das politische Weib ist nichts als eine Karikatur des Mannes, ganz gewiß ist ihr der Logos, der Geist, nicht in höherem Maße verliehen als dem Mann, ganz gewiß ist sie kein besserer Organisator, kein besserer Staatsbaumeister, als der Mann. In allem Geistigen ahmt sie doch nur dem Manne nach. …‘ …« (S. 206-208)

Eine Bekämpfung des Patriarchats — das wird an dieser Stelle deutlich — neben der bestehenden Gesellschaftsordnung ist eine Schimäre. Entweder denken manche Frauen (eine Minderheit) sich ganz einfach mal Staat & Kapital weg, sodann bleibe immer noch das Patriarchat übrig, mit dem sie sich dann ganz vornehmlich zu beschäftigen gedenken. Oder sie (die Mehrheit) denken sich das Patriarchat weg und dann geht mit einem Schlag — so die aktuelle Lage — der Kapitalismus samt seinen Krisen & Kriegen doch vollauf in Ordnung. Die einzige Kritik, die dann noch aufkommt ist die, daß, obzwar in der Politik frauenmäßig im Prinzip alles in bester Ordnung ist, in den Vorstandsetagen der deutschen Aktiengesellschaften und sonstigen Konzerne der Frauenanteil nach wie vor sehr zu wünschen übrig läßt.

»„Meine Regierung“, sagt der Politiker, „wird vor allem sagen, wie schon der große englische General Waterfoot: ‚Ladies to the front!‘“ Er will Damen stark mit der Verantwortung bedenken, weil allein die Tatsache, daß sie welche sind, ein politisches Programm abgibt.« [7] Das ist exakt der Stand im Jahre 2023.

(07.03.2023)
Feedback gerne unter: info@koka-augsburg.com

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 [1] siehe GegenStandpunkt 4-2019

[2] in der ersten Ausgabe der in München erscheinenden Zeitschrift Frauenstimmrecht — Monatshefte des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht, erste Ausgabe, 1912, erschienen

[3] umfangreich in dem von Ingvild Richardsen herausgegebenen, im Verlag Volk, München, 2022, erschienenen gleichnamigen Band dokumentiert und illustriert; Anita Augspurg war zur Juristin ausgebildet und an diesem Fotoatelier beteiligt.

[4] Arthur Zapp, Im Frauenstaat, Verlag Gebrüder Enoch, Hamburg, 1922.

Arthur Zapp (1856-1925, Abb. KoKa-Archiv) verstand wie kaum ein Zweiter seiner Zeit das Ticken des weiblichen Geschlechts und war sich nicht weniger der gesellschaftlichen Lage desselben ebenso bewußt. Dies beweist eine ganze Anzahl seiner Bücher u. a. »Bürgerliche und natürliche Liebe«, »Die freie Frau«, »Vom Stamm der Helena«, »Moderne Frauen«, »Moderne Ehen«, »Versorgungsehe«, »Eine wilde Ehe«, »Die Lüge der Ehe«, »Sünde wider das Weib« etc..
Nicht nur dieses Buch des Autors ist empfehlenswerte und größtenteils eben nicht bloß Unterhaltungslektüre. Leider sind seine Bücher rar geworden, zumal sie der bürgerlichen Moral unter den Nationalsozialisten zum Opfer fielen und verbrannt wurden.
Hinter Zapp stand seine, offenkundig emanziperte Frau, Hedwig Scharfenort (1862-?). Bekannt ist auch, daß er zumindest zwei Kinder hatte, eine Tochter und einen Sohn, die er in seiner Schrift gegen die Religion nachfragend zu Wort kommen läßt. Diese Schrift wurde ein Jahr nach seinem Tod als Agitationsschrift unter dem Titel »Wir brauchen keinen Gott« neu aufgelegt: »Kleine Agitations-Bibliothek« Nr. 38, Freidenker-Verlag, Leipzig, 1926.

[5] Eine der unverschämtesten imperialistischen Einpeitscherinnen ist übrigens Kristin Helberg.

[6] Sicher, ein paar Frauenfeinde von Rechtsaußen haben immer an der Bundeskanzlerin herumgemäkelt, auch an der jetzigen Außenministerin, aber nicht, weil solche Persönlichkeiten ihren Aufgaben nicht gewissenhaft nachkämen, sondern weil sie jene als Mitglieder nicht genehmer Parteien wahrnehmen: Parteien, denen sie anlasten, Deutschland nicht (genug) voranzubringen, ja gar es zu verraten. Und es sei ja kein Wunder, daß solche Parteien zunehmend von »Weiberwirtschaft« geprägt seien.

[7] Benno Plabst, »Im sozialen Netz hängt mancher Karpfen« in: »Leute, laßt uns endlich leben«, 1985, S. 53

 

bluete