Augsburg

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Fritz Koelle – Abbildungen

 

 

Abbildung 1: Walzmeister, 1928 – 
Abbildung 2: Bergmann vor der Einfahrt, 1927 (Bild von einer Postkarte, Standort unbekannt)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Abbildung 3: Hüttenarbeiter, 1929, Standort: Augsburg-Siebentisch, Frischstraße

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

Abbildung 4: Bergmann vor Ort, 1928

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 5: zum Vergleich: Helgo Pahle, Kohlenhauer beim Kohleschrämen, 1937

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abb. 6: Der Blockwalzer, 1929

                         

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abbildung 7: Betender Bergmann, 1934, Standort: Augsburg-Herrenbach, Fritz-Koelle-Straße

        
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abbildung 9: Der Hammermeister, 1932 – Abbildung 10: Der Hochofenarbeiter, 1935

                             

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abbildung 11: Bergmann, sich die Hemdsärmel aufstülpend, 1936, Standort Castrop-Rauxel (Fotos von Karl Glowsky)
Abbildung 11a: zum Vergleich: 
Lysippos: Apoxyomenos, 4. Jhd. v. Chr.

   
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abbildung 12: Hochofenarbeiter, 1938 – Abbildung 13: Blockwalzer, 1931

                           

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abb. 14: Saarbergmann, 1937, Standort: Augsburg-Oberhausen, Heinrich-von-Buz-Realschule, Eschenhofstr. 5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abb. 15: Der Isarflößer, 1938, Standort: Augsburg-Lechhausen, Neuburger Straße, Ecke Quellenstraße

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abbildung 16: Der Zellwollspinner, 1941, Standort: Schwabmünchen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abbildung 17: Der Steinbrecher (Ausschnitt), 1942 – Abbildung 18: Der Schachthauer, 1941

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abbildung 19: Bergarbeiter, 1929, Standort: Augsburg-Herrenbach, Fritz-Koelle-Straße

     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abbildung 20: Saar-Medaille, 1934/35

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


nicht im Text erwähnt: Abbildung 21: Schreitender Arbeiter, 1942, Standort: Bobingen bei Augsburg

         

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


so nicht anders angegeben:
© 
für die schwarz-weiß Bilder: JONAS Verlag, Marburg,
© für die farbigen Bilder (2007/2008): KoKa Augsburg

Fritz Koelle Werkverzeichnis
(
201 Skulpturen zum geringeren Teil mit Abbildungen)

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Fritz Koelle

 

_____________________________________________________________________
KoKa Augsburg dankt Dr. Peter Schirmbeck und dem Jonas Verlag in Marburg für die Rechte der Veröffentlichung seines Werkes über den Bildhauer Fritz Koelle (1895-1953). Die wissenschaftliche Abhandlung erschien im Buch "Adel der Arbeit — Der Arbeiter in der Kunst der NS-Zeit", 1984, und ist im Buchhandel erhältlich. Die Abbildungen wurden der leichteren Übersicht halber neu nummeriert und unter einem eigenen Link versammelt. Es handelt sich bei den schwarz-weiß Abbildungen um Übernahmen aus dem Buch, bei den farbigen um Ersetzungen bzw. Ergänzungen, vor Ort in Augsburg, seiner Umgebung und anderswo aufgenommen, etliche Abbildungen werden anläßlich der Koelle-Ausstellung in Augsburg 2020 noch hinzugefügt.

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Peter Schirmbeck

Von der Anklage zur Heroik 
Das Beispiel Fritz Koelle: Seine Arbeiter-Plastiken vor und nach 1933
Œuvre und Rezeption des auf Arbeiterdarstellungen spezialisierten Künstlers Fritz Koelle
vor und nach 1933 
 ein exemplarisches Beispiel

1. Vorbemerkung

Nachfolgend wird das Werk und dessen Rezeption eines auf Arbeiterdarstellung spezialisierten Künstlers im Zeitraum 1927 – 1944 vorgestellt.
Aus dem Sachverhalt, daß dieser Künstler, der sich vor 1933 in kritisch-realistischer Weise mit dem Thema "Arbeiter" auseinandergesetzt hatte, 1933 seitens der NSDAP diffamiert und in seiner bisherigen Arbeitsweise gebrochen wurde, jedoch nicht – wie viele andere Künstler dieses Themenkreises – sein Schaffen einstellte bzw. einstellen mußte, sondern unter veränderten Bedingungen in veränderter künstlerischer Ausdrucksweise weiterarbeitete, aus diesem Sachverhalt ergibt sich für die wissenschaftliche Forschung die außerordentlich aufschlußreiche Möglichkeit, durch Gegenüberstellung zweier Schaffensperioden eines Künstlers feststellen zu können, welche Motive und ikonografischen Inhalte in der Darstellung des Arbeiters nach 1933 nicht mehr erwünscht waren und vom Künstler Koelle entsprechend getilgt wurden, welche neuen Motive und ikonografischen Inhalte die Arbeiterdarstellungen nach 1933 kennzeichneten, in welchen Fällen auf Bildtraditionen kritischer Arbeiterdarstellungen aus der Zeit vor 1933 zurückgegriffen wurde und in welchem verschiedenen medialen Zusammenhängen Arbeiterdarstellungen aus der Zeit nach 1933 vermittelt bzw. funktional eingesetzt wurden.

2. Die Arbeiterplastiken Fritz Koelles vor 1933

Fritz Koelle (geboren 1895 in Augsburg) hatte von 1918 bis 1924 an der Münchener Akademie der Bildenden Künste bei Hermann Hahn studiert; den in Frühwerken noch sichtbaren Einfluß der neoklassizistischen Richtung seines Lehrers führte Koelle nicht weiter. Die Plastiken seiner ersten – thematisch abgeschlossenen – Schaffensfase waren vielmehr dem Werk von Meunier verpflichtet.
Auf Reisen in die Industriegebiete des Saarlandes war Koelle mit Bergwerks- und Industriearbeitern in Kontakt gekommen, deren Darstellung seit 1927 sein ausschließliches Themengebiet wurde. Koelle begann seine Arbeiterdarstellungen 1927 mit einer Serie von Büsten (Abb. 1) und einer ganzfigurigen, etwa lebensgroßen Plastik "Bergmann vor der Einfahrt" (Abb. 2). Auffallend ist die Schilderung der von fysischer uns psychischer Belastung geprägten Gesichtszüge; im "Bildnis eines Wettersteigers", 1927, und im "Bildnis eines Walzmeisters", 1927, traten insbesondere die durchfurchten Gesichtszüge, Tränensäcke, eingefallenen Schläfen und Backenpartien sowie ein skeptischer, bedrückter Augenausdruck hervor. Koelles Anliegen, Härte, Gefahr und Beschwernis der Arbeit zum Ausdruck zu bringen, wurde besonders deutlich in den zwei Portraits mit der Bezeichnung "Verunglückter Hüttenarbeiter". Zur Wirkung der abgearbeiteten Gesichtszüge trat hier noch der Eindruck direkter Deformation durch Arbeitsunfälle. Den hohen Grad an Zeichnung durch die Arbeit entsprach jeweils ein entsprechend entleerter, hoffnungsloser Augenausdruck. Die ganzfigurige Plastik "Bergmann vor der Einfahrt" (Abb. 2) stand in der Tradition jenes von Meunier geprägten Typs der Arbeiterplastik[69], der sowohl Anstrengung und Belastung wie auch Ungebrochenheit, Stolz und Widerstandswillen beinhaltet. Eingefallene Wangenpartien, herbe Züge um Mund und Kinn, tiefliegende Augenhöhlen wiesen ebenso auf den Arbeitsalltag hin wie die einfache Berufskleidung — Hemd, Hose, ausgetretenes Schuhwerk und die Grubenlampe am Gürtel. Gelassene Ruhe einerseits und Dynamik andererseits vermittelte die kontrapostische Stand- und Spielbeinhaltung. Zusammen mit der aufrechten Körperhaltung und dem erhobenen Kopf entstand das Bild eines zwar von der Arbeit gezeichneten, jedoch ungebrochenen, selbstbewußten Arbeiters. Die ganzfigurige Darstellung eines Hochofenarbeiters mit hochgekrempelten Ärmeln und offenstehendem, über die Hose herunterhängendem Hemd stellte mit der Schärfe einer Momentaufname die noch völlig dem Arbeitsablauf verhafteten Gesichtszüge — einer Mischung von Anspannung und Erschöpfung — heraus.[70] Die ganzfigurige Darstellung eines Hüttenarbeiters, 1929
 (Abb. 3), kennzeichnete vor allem der Ausdruck von Schwäche, vermittelt durch die geöffnete, in den Knien eingeknickte Beinhaltung, die Dürrheit der Glieder, die tiefen Augenhöhlen und die Züge von Überanstrengung im Gesicht. Eine unruhige Landschaft, gebildet von tiefen Furchen, Falten, Augenhöhlen, Tränensäcken, tiefeingefallenen Schulter- und Halspartien war die Büste eines Walzmeisters von 1928 (Abb. 1).
Die bisher vorgestellten Arbeiterdarstellungen Koelles zeichneten sich in der künstlerischen Technik durch eine naturalistische, sehr ins Detail gehende Wiedergabe der einzelnen Gesichts- und Körperpartien sowie der Arbeitskleidung aus. Ab 1928 entwickelte Koelle eine weitere Form künstlerischen Ausdrucks, die die für Koelles Darstellungsweise des Arbeiters charakteristischen Merkmale von Anstrengung und Ausgelaugtheit in mehr expressiver Weise herausarbeitete.
Das 1928 entstandene Relief 'Bergmann vor Ort' (Abb. 4) zeigt einen Bergmann, der im engen Stollenende ausgestreckt liegend mit einem Preßlufthammer Gestein oder Kohle abbaut. Drei Hauptfaktoren kennzeichnen seine Arbeitssituation: Das Eingeschlossensein in der Enge des Stollens, der Preßlufthammer in unmittelbarer Nähe des Kopfes und die Kraftaufwendung, den Preßlufthammer in liegender Position ins Gestein zu treiben. Künstlerischen Ausdruck finden diese Belastungsfaktoren in den expressiv gestalteten Gesichtszügen; die durch Krach, Staub, Enge und Anstrengung fast unerträgliche Situation spiegelt sich in verdichteter Weise in dem fast maskenhaft gestalteten Gesichtspartien wider.[71]
Koelle selber hat das Thema des im Stollen arbeitenden Bergmanns nach 1933 nicht wieder aufgegriffen, sondern nur "aufrechte" Arbeiter gestaltet; es gibt aber Arbeiten anderer Künstler, exakt zu diesem Thema, auf die an dieser Stelle kurz zu verweisen sich anbietet, um einen vorausschauenden Blick auf die Wandlung der Arbeiterdarstellung nach 1933 zu werfen.
Helgo Pohles Zeichnung 'Kohlenhauer beim Kohleschrämen', 1937, gezeigt auf der Ausstellung "Die Arbeit in der Kunst", München, 1937, stellt ebenfalls einen Bergmann in liegender Haltung mit dem Preßlufthammer arbeitend dar (Abb. 5). Dem Künstler kam es nicht darauf an, den Stollen in seiner Enge herauszuarbeiten, der Raum um die Arbeitsszene herum wurde weitgehend freigelassen. Der Bergmann liegt in entspannter, am Rücken angelehnter Haltung auf dem Stollenboden und hält mit nahezu ausgestreckten Armen, vom Körper entfernt, den Preßlufthammer. Die Gesichtszüge sind glatt, ohne Zeichen der Anstrengung. Die fast spielerische Leichtigkeit, mit der der Preßlufthammer emporgehalten und ins Gestein geführt wird, wirkt posenhaft und — bezogen auf die Arbeitsverhältnisse im Bergwerk — wenig überzeugend.
Auf Ria Picco-Rückerts Gemälde eines Hauers, 1938, blickt man durch einen dunklen, relativ engen Stollengang in eine weite, hallenartige, helle Schachterweiterung, in der in gerader, aufrechter Haltung ein Bergarbeiter steht. Der Preßlufthammer in seinen Händen scheint zu schweben, da in Körper-, Arm- und Handhaltung keine Aktivität angedeutet ist, wodurch die Szene insgesamt gestellt, posenhaft und unglaubwürdig bezogen auf den Anspruch, wirkliche Arbeitsverhältnisse wiederzugeben, wirkt; dieser Anspruch wird lediglich durch die Wiedergabe der Arbeitskleidung und des technischen Arbeitsgerätes eingelöst, deren genaue, detailreiche Schilderung in Diskrepanz zum Gesamteindruck steht.
Die beiden vorgestellten Arbeiterdarstellungen aus der Zeit nach 1933 zeigen die Tendenz, Beschwernis, Anstrengung und widrige Arbeitsumstände nicht in Erscheinung treten zu lassen und stehen im Gegensatz zu der dargestellten Intention des Bildhauers Koelle, die harten Arbeitsumstände durch eine expressive Formensprache besonders hervorzuheben. Koelle entwickelte diese Darstellungsweise in einigen ganzfigurigen Plastiken weiter, von denen der "Blockwalzer", 1929, – der 1933 durch die NSDAP von seinem Aufstellungsort in einer Münchener Siedlung entfernt wurde, — der "Blockwalzer" aus dem Jahre 1931 (Abb. 13) und der "Hammermeister", 1932 (Abb. 9), hier vorgestellt werden sollen.
Die 1,90 Meter hohe Figur des "Blockwalzers", die auf dem Melusinenplatz in München aufgestellt wurde (Abb. 6), war einerseits geprägt von der kräftigen, muskulösen Statur des alten Walzwerkarbeiters, andererseits von den expressiv — insbesondere im Gesicht — herausgearbeiteten Zügen der Müdigkeit, Schlaffheit und Bedrücktheit durch die langjährige Arbeit im Eisenwalzwerk.
Den Eindruck der Beschwernis und Härte der Arbeit vermittelte Koelle zudem dadurch, daß er den "Blockwalzer" in einer Haltung darstellte, in der dieser sich — trotz seines muskulösen Körpers — nur mühsam, fast taumelnd vor Erschöpfung, mit Hilfe einer hohen eisernen Gabel abstützte und dadurch aufrecht hielt.
Die Darstellung dieses Erschöpfungszustandes nahm die NSDAP 1933 zum Vorwand, von einer "Verhöhnung deutschen Arbeitertums" [72] zu sprechen: „Die Gestalt auf dem Sockel scheint betrunken zu sein und trägt geradezu ein idiotisches Antlitz.“[73]
Die zwei Jahre später entstandene 2 Meter hohe Plastik eines weiteren 'Blockwalzers' (Abb. 13) zeigte diesen ebenfalls im Zustand der Erschöpfung. Um sich aufrecht halten zu können, hat der Walzwerkarbeiter die Beine zur Gewinnung einer sicheren Standposition weit auseinandergestellt, die Hüfte ist stark eingeknickt, Hals und Kopf sind nach vorn geneigt. Der Ausdruck von Erschöpfung – in den Figuren vor 1929 vor allem im Gesicht konzentriert – wurde hier durch alle Partien des Körpers evoziert. Seine Gesamterscheinung wirkte zerklüftet, geknickt, labil; insgesamt vermittelte die Figur den Eindruck extremer fysischer Entäußerung, eine Weiterführung des künstlerischen Ausdrucks, wie ihn Meunier in der Plastik 'Bergmann mit Grubenlampe', 1901, geschaffen hatte.
Den Höhepunkt dieser expressiven Gestaltungsweise erreichte Koelle in der 1932 entstandenen Plastik des 'Hammermeisters' (Abb. 9). Hier bildete er die einzelnen Gesichtspartien zu symbolhaften Motiven der harten äußeren Arbeitsbedingungen und der inneren Reaktion des Arbeiters auf diese aus. Hitzeeinwirkung und greller Feuerschein spiegeln sich in den aus tiefen Höhlen angestrengt herausblickenden Augen, eingebettet in übergroße, tellerartige Ringe um die Augenpartien. Den Ausdruck von Atemlosigkeit erreichte Koelle insbesondere durch die Art der Gestaltung des Mundes und der Nasenflügel. Sie wurden im Zustande vitaler Bewegung als weit geöffnete ausgearbeitet. Alle Gesichtspartien zusammen bildeten eine unruhig flackernd bewegte Oberfläche, die man als sensible Membrane umschreiben kann, in die sowohl die Arbeitsbedingungen von außen her wie die Reaktionen und Empfindungen des Arbeiters von innen heraus ihre Spuren eingegraben haben. Hierdurch entstand der Ausdruck eines von der Arbeit ganz erfaßten, durchdrungenen Menschen, die diesen – trotz der steuernden Geste seiner Hand – ihrerseits mehr bestimmte als umgekehrt.
Gemeinsam war den Arbeiterdarstellungen Fritz Koelles zwischen 1927 und 1932 – mit Ausnahme der Plastik "Bergmann vor der Einfahrt" ein bestimmtes Verhältnis zwischen Arbeiter und Arbeitsumständen.
Der Arbeiter erschien als durch die Arbeitsverhältnisse überforderter, deformierter, als ein durch die Härte und permanente Anstrengung der Arbeit Gezeichneter. Den Arbeitsverhältnissen gegenüber erschien er nicht als diese bestimmendes Subjekt, sondern eher als ihnen Unterworfener, als Objekt der Verhältnisse. Rückschlüsse von den dargestellten Figuren auf die Art der Verhältnisse waren nur insoweit möglich, daß sie als dem Arbeiter gegenüber widrig charakterisiert waren. Mit dieser Offenheit war die Möglichkeit gegeben, den Ausdruck des Leids, der Überforderung, der Entäußerung sowohl auf die unmittelbaren Verhältnisse am Arbeitsplatz wie auf die allgemeinen Arbeits- und Lebensverhältnisse zu beziehen.
Im ersten Fall bezog sich der anklagende Ausdruck auf spezielle Arbeitsbedingungen, im zweiten Fall auf gesamtgesellschaftliche Zustände, in dem sich der aus der unmittelbaren Situation am Arbeitsplatz gewonnene Ausdruck im Kunstwerk zu einer Aussage über die Lage der Arbeiter im umfassenden Sinne verallgemeinerte, worin eine allgemeine Anklage und damit Kritik an der Beschaffenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse impliziert war.

3. Die Rezeption des Werkes von Fritz Koelle vor 1933

"Seit dem Beginn der dreißiger Jahre gehörte Fritz Koelle anerkanntermaßen in die erste Reihe der deutschen Bildhauer."[74]
Innerhalb der knappen Zeitspanne zwischen 1927 und 1933 gelang es Koelle, mit seinen Werk in die vorderste Reihe der Künstler de ausgehenden Weimarer Republik zu gelangen. Der Durchbruch erfolgte 1927 anläßlich der Herbstausstellung der "Preußischen Akademie der Künste Berlin", auf der Käthe Kollwitz, Fritz Koelle und Alfred Kubin eine Sonderausstellung gewidmet war. In den diverser Besprechungen wurde die gleichzeitige Präsentation des Werkes von Kollwitz und Koelle – die sich beide, in unterschiedlichen Gattungen, hauptsächlich mit dem Thema "Arbeiter" beschäftigten – positiv beurteilt, wodurch der relativ junge Koelle sich einer der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten an die Seite gestellt sah.
"Der Zufall – wenn es einen Zufall gibt – hat gefügt, daß die zweite größere Kollektion der Ausstellung zu diesem Hauptstück merkwürdig paßt: Die Arbeiten des Münchner Bildhauers Fritz Koelle. Wir kennen ihn schon vor früher her und wußten, daß Liebermann ihn schätzt. Nun stellt er in den ersten großer Saal, wie eine ernste Leibwache für die Kollwitz, eine Anzahl seiner Bronzebüsten vor Bergarbeitern, die mit so breiter Kraft Form und Wesen dieser Proletarierköpfe aufdecken."[75]
"Die große Entdeckung ist der Münchner Fritz Koelle. … Ein ernster Realismus, der von fern an Meuniers Art erinnert, zeichnet seine Arbeiten aus, die das Starre und Ungefügte der Leute des schwerarbeitenden Volkes überzeugend trifft. Dazu kommt eine bildnerische Vereinfachung und Verdichtung der Einzelheiten…"[76]
Die Nationalgalerie Berlin erwarb die lebensgroße Plastik "Bergmann vor der Einfahrt"; Presseberichte zwischen 1927 und 1932 betonten die Repräsentanz Koellescher Plastiken in zahlreichen öffentlichen Galerien und auf zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland. War zunächst die Anerkennung seines Werkes von der nördlichen Metropole – Berlin – ausgegangen, so wurde 1932 auch in der südlichen Metropole München, wo Koelle sein Atelier hatte, anläßlich der Münchener Kunstausstellung in den "Münchener Neuesten Nachrichten" Koelle als der einzige über dem Durchschnitt stehende Künstler bezeichnet:
"Der Gesamteindruck ist der, daß mit verschwindend wenig Ausnahmen alle Werke ebenso gut vor ein oder zwei Jahren, ein größerer Teil sogar schon vor längerer Zeit geschaffen sein könnte, … Nicht als ob die Ausstellung geringwertig wäre oder schlechte Arbeiten zeigte: Man kann im Gegenteil mit Befriedigung feststellen, daß Anfängerwerke oder Kitsch … ausgeschlossen sind. … Wenn wir aber auch vom Durchschnittskünstler nicht mehr verlangen, als daß er das Gesicht unserer Zeit getreu wiedergeben kann, so wünschen wir doch von dem über dem Durchschnitt stehenden Genie, daß es uns mit einer seherischen Gabe den Geist des Kommenden, den das Volk zwar fühlt, aber nicht klar zu sehen versteht, durch seine Kunst sichtbar macht. Mit einer einzigen Ausnahme, der überlebensgroßen Bronzefigur von Fritz Koelle, 'Der Hüttenarbeiter', konnten wir in der ganzen Ausstellung keinen Hauch dieses seherischen Geistes verspüren. Was Koelle bescheiden den 'Hüttenarbeiter' nennt, das ist der deutsche Mensch der Zukunft, von Kraft und Geist durchdrungen in der ganzen Körperhaltung, das Gesicht zerfurcht von Arbeit und Sorgen, aber ein inneres Leuchten ausstrahlend, das in eine bessere Zukunft zu weisen scheint. Man möchte dies herrliche Werk auf einem öffentlichen Platze täglich vor Augen haben!"
[77]
Bezugspunkt für alle Beurteilungen des Koelleschen Werkes war der harte Realismus in der Gestaltung der Arbeiterfiguren; verschieden — im Sinne der bereits angesprochenen Offenheit des Bezugsfeldes der Ausdrucksmerkmale — war dessen Interpretation.
"Der Münchener Bildhauer Fritz Koelle erweist sich als ein Realist von starken Graden. … Seine Köpfe (Bergarbeiter, Selbstbildnis) sind von packender Wahrheitsliebe und auch plastisch überzeugend."
[78]
"Koelles Gestaltenwelt ist nicht die der Reiterdenkmäler und idealisierten Frauengestalten, er ist der Formdeuter einer sehr realen 'Welt der Arbeit'. Sowohl seine 'Arbeiterköpfe' wie die großen Figuren seiner 'Bergarbeiter'— die zu den beachtlichsten Ergebnissen heutiger bildhauerischer Bemühungen gehören — sind von einem plastischen Realismus und einer verfeinerten Naturalistik. Das Schöne ist ihm das selbstverständliche Ergebnis des Wahren. …. "[79]
Koelle wurde das Kriterium "realistisch" nicht nur auf die Art der Darstellung, sondern auch auf das Thema "Arbeiter" bezogen. Relativ viele Besprechungen betonten, die Arbeitsweise Koelles sei frei von sozialkritischen und politischen Absichten; man kann diese Position als Ausdruck zweier Argumentationsweisen verstehen, deren eine den geschätzten Künstler Koelle vor dem Verdikt der Tendenzkunst retten wollte, während die andere auf eine verbale Abschwächung der tatsächlich sehr stark anklagenden Motive zielte. Überzeugend wirken beide Argumentationsweisen nicht, da die als realistisch gewürdigte Arbeitsweise eben darin bestand, das Leid, die übermäßige Belastung, den Zustand am Rande der Erschöpfung auszudrücken. Daß hiermit — gegenüber inhärenten Normen der Menschlichkeit— unmenschlich harte Lebens-und Arbeitsbedingungen der damaligen Zeit künstlerisch zum Ausdruck kamen und darin die Aufforderung zur Herstellung humanerer Verhältnisse, die Veränderung der sozialen Umstände impliziert war, wurde denn auch in anderen Stellungnahmen offen ausgesprochen.
Die Süddeutsche Zeitung stellte anläßlich einer Koelle-Ausstellung in der Akademie der Künste Berlin diesen als einen Künstler vor, "der in äußerst charakteristischer Form überlebensgroße Arbeitergestalten und -köpfe in Bronze ausstellt, in denen nicht die Absicht, sondern das plastisch lebendige und mit Leidenschaft gestaltete Wesen der Motive fesselt."
[80]
"Einen Mann aber lernen wir hier kennen, dessen Namen man sich merken muß: den Münchner Fritz Koelle. … Die stumme Anklage des 'Bergarbeiterkindes' oder der 'Bergmannsfrau', der 'Verunglückte Hüttenarbeiter', 'Der Wettersteiger', das sind Werke, die man so leicht nicht vergißt und die reine Kunst bleiben konnten, weil sie sich trotz allem frei halten von aller Politisiererei. Hier findet die Kollwitzsche Sammlung ein gutes Gegengewicht."[81]
"Koelle sucht seine Modelle unter den Bergarbeitern. Er sieht sie nicht mehr romantisch und schön wie Meunier. Er sieht sie stark und derb und sieht vor allem diese Köpfe, in die ein hartes Leben seine Zeichen geschrieben hat. Hier führt nicht soziales Mitleid die Hand, sondern Freude am Charakter."[82]
In einer umfangreichen Darstellung der Arbeiten von Koelle in der Zeitschrift Die Kunst im Jahre 1928 hieß es unter anderem:
"Koelles Figuren aus der Arbeitswelt sind kein Stein gewordener sozialer Aufruf, der mit irgendeiner schon fertigen, dekorativen Geste ausgesprochen wird; er ist ein im besten Sinne sachlicher Gestalter, denn er sagt von der Sache alles – über die Sache nichts aus. Dieser 'neue Realismus* ergibt, vor allem in seiner jüngsten Schaffensperiode erstaunlich reife Stücke. Für die Tendenzlosigkeit seiner plastischen Absicht ist die Portraitbüste des 'Verunglückten Arbeiters' bezeichnend. Die Deformation der breitgeschlagenen Nase ist nur gegeben, um das Gesamtinhaltliche des Kopfes organisch wiederherzustellen. … Die großen Bronzen des 'Hüttenarbeiters' und des 'Bergarbeiters vor der Einfahrt' sind – ganz von der berühmten Wucht ihres großen Stils abgesehen – weiter nichts mehr als Bild gewordener Ausdruck einer harten Lebensform."
[83]
Eine Stellungnahme der Münchener Neuesten Nachrichten konstatierte dagegen den Zusammenhang zwischen künstlerischem Ausdruck und sozial-aufrüttelnder Wirkung:
"Die harte Prägung, die der schwere und von Gefahr nicht freie Beruf in Gesicht und Gestalt hervorruft, wird von Koelle als plastisch dankbare Form hingenommen, nicht aber zum Vorwand menschenfreundlicher Temperamentsentladungen gewählt. Die einfache Übermittlung der Formtatsachen des Lebens genügt, Mitgefühl und Entschluß zu sozialer Fürsorge reifen zu lassen."
[84]

4. Die Arbeiterdarstellungen Fritz Koelles nach 1933

In der Darstellung des Arbeiters im Werk von Fritz Koelle vollzog sich nach 1933 ein Wandel, der als exemplarisch für die Veränderung in der Behandlung des Themas 'Arbeiter' in der Kunst ab 1933 gelten kann; in der nachfolgenden Darstellung der ab 1934 entstandenen Arbeiterplastiken Koelles werden ikonografische Inhalte und strukturelle Kennzeichen vorgestellt, die zum Wesen der Arbeiterdarstellung zwischen 1933 und 1945 gehören. In welch starkem Maße die Änderung in der Darstellung des Arbeiters durch die Veränderung der politischen Machtverhältnisse bedingt war, ist im Fall Koelle durch eine Fülle von Dokumenten belegbar. Diese Vorgänge werden in der nachfolgenden Vorstellung der Plastiken zunächst ausgeklammert, um die anhand der einzelnen Plastiken sukzessivverfolgbare Veränderung im Erscheinungsbild des Arbeiters besonders deutlich werden zu lassen; im Anschluß daran werden die Hintergründe, die diesen Wandel bedingten, vorgestellt.
Mit dem 'Betenden Bergmann', 1934 (Abb. 7), setzte im Werk Koelles der Umschlag zu einer veränderten Darstellungsweise ein. Die 2 Meter hohe Bronzeplastik zeigt einen mit Arbeitshose, Jacke, Hemd und Schal bekleideten Bergmann, den Kopf gesenkt, beide Hände auf sein Arbeitswerkzeug aufgestützt. Entscheidend ist, daß der Ausdruck der Bedrücktheit, der Niedergeschlagenheit, der Arbeiterfiguren Koelles vor 1933 kennzeichnete, hier zwar noch vorhanden ist, jedoch nicht als das Resultat, als der Ausdruck harter, bedrückender Arbeitsverhältnisse, sondern als vom Arbeiter subjektiv bewußt eingenommene Haltung. Damit war das Motiv der Bedrücktheit nicht mehr Ausdruck äußerlicher, den Arbeiter bestimmender objektiver Verhältnisse, denen der Arbeiter unterworfen war, sondern Ausdruck einer innerlichen Haltung. Zugleich wurde damit die Gültigkeit des Ausdrucks der Bedrückung, des Leids als einem Symbol für die allgemeine gesellschaftliche Lage des Arbeiters aufgegeben — damit auch die in diesem Ausdruck implizierte Kritik — der Ausdruck der Bedrücktheit war nunmehr eingebunden in den Vorgang des Betens, bezog sich damit auf eine vorübergehende Situation, die zudem am Rande des eigentlichen Arbeitsprozesses lag.
Die im Anschluß an den 'Betenden Bergmann' zwischen 1934 und 1944 entstandenen Arbeiterfiguren enthielten keinerlei Züge mehr von Belastung, Anstrengung, Bedrückung oder gar Deformiertheit, vielmehr glätteten sich die Gesichtszüge, straffte sich die Körperhaltung, richtete sich der Kopf auf; die Arbeiterfiguren strahlten Kraft, Energie, Überlegenheit, schließlich Aggressivität und Heroik aus.
1935 entstand die Plastik 'Der Hochofenarbeiter' (Abb. 10). Die 2 Meter hohe ganzfigurige Darstellung zeigt einen Hochofenarbeiter in — bis auf die stilisierte Bewegung der Arme — starrer und streng symmetrischer Körperhaltung. Das Standmotiv ist ruhig und fest, die Füße in breiten Schutzschuhen stehen annähernd parallel. Knie, Unterschenkel, Hüfte treten plastisch und bewegungsmäßig nicht in Erscheinung, sie sind von einer schweren Schürze umhüllt, die symmetrisch ohne jegliche Falte, einer Glocke vergleichbar, den Körper umkleidet. Die starre Haltung des Oberkörpers wird insbesondere durch die Gestaltung des Hemdes vermittelt; dessen V-förmiger Ausschnitt ist streng auf die Körpermittelachse ausgerichtet, unterhalb der Schulterpartien fällt es jeweils in einer Reihe senkrechter, paralleler, stilisierter Falten auf den streng waagrechten Schürzenbund. Der hierdurch erreichte Ausdruck archaischer Bewegungslosigkeit steht in keiner Beziehung zur weltausgreifenden Arm- und Handbewegung. Die stilisierte Haltung der Arme entspricht insgesamt weniger einer Arbeitssituation, mehr einer feierlich-zeremoniellen Handlung. Über der horizontal verlaufenden Schulterpartie erheben sich streng rechtwinklig dazu Hals und Kopf. Die Gesichtszüge sind feierlich, ernst, gefaßt und energisch.
Sowohl im Gesamtausdruck wie in einzelnen Details der Gewandgestaltung wies der 'Hochofenarbeiter' starke Ähnlichkeiten mit der Bronzestatue des 'Wagenlenkers' (um 470 v. Chr.) aus Delfi auf. Mit dieser Nobilitierung und Enthistorisierung des Arbeiters durch formale Rückbezüge zur antiken Plastik ging die Verwandlung der auf einen Arbeitsvorgang am Hochofen bezogenen Bewegung des rechten Armes in eine feierliche Geste einher, verstärkt durch die stilisierte, streng rechtwinklige Haltung des linken Armes. In einer Besprechung zur "Münchener Kunstausstellung", 1936, auf der die Plastik ausgestellt war, hieß es:
"Die Bildhauerei ist in der Ausstellung wesentlich auf das Bildnis in Ton, Holz und Bronze beschränkt, wenn auch einige größere Freifiguren von Otto Hohlt, eine Sitzende von Lothar Otto und der archaisch durchstilisierte, strenge 'Hochofenarbeiter' von Fritz Koelle nicht fehlen."
[85]
Eine verwandte Nobilitierung des Arbeiters durch formale Rückgriffe auf die Antike hatte der bekannte Bildhauer Ulfert Janssen auf der "Großen Münchener Kunstausstellung" 1934 in der Büste eines 'Gipsgießers', die tormale Parallelen zu römischen Büsten der Kaiserzeit aufwies, vorgestellt. Während letztere Art der Arbeiterdarstellung in der Ausstellungsbesprechung der Zeitschrift Die Kunst 1934 positiv hervorgehoben worden war, wurde einer ebenfalls ausgestellten Arbeiterplastik Koelles aus seiner Schaffensfase vor 1933 – 'Der Hammermeister', 1932 (Abb. 9) – wegen ihres krassen Realismus nur geteiltes Lob zuteil:
"Viele andere wären anzureihen. Insbesondere das Meisterwerk von B. Bleeker – die marmorne Hindenburgbüste im Rottmann-Saal, das Bildnis eines Gipsgießers von Ulfert Janssen, Stuttgart – hat dies Bildnis nicht etwas von der Größe der alten Römerköpfe – … In einem Saal der Neuen Münchner Sezession steht der 'Hammermeister' von F. Koelle, eine lebensgroße Figur in Bronze, die ihres krassen Realismus wegen vielfach Ablehnung erfährt, ihrer formalen Leistung willen aber unbedingte Anerkennung abnötigt."
[86]
Der Grad der Veränderung in der Arbeitsweise Koelles, der mit der 1935 entstandenen Plastik des 'Hochofenarbeiters' (Abb. 10) erreicht war, sei nachfolgend durch die Gegenüberstellung dieser Figur mit der thematisch verwandten des 'Hammermeisters' (Abb. 9) von 1932 veröffentlicht. Der 'Hammermeister' von 1932 war insgesamt charakterisiert durch den Ausdruck des "Inanspruchgenommenseins" durch die in jeder Regung des Körpers spürbare Arbeit, die den Arbeiter trotz seiner steuernden Geste ihrerseits mehr bestimmte als er sie.
Der 'Hochofenarbeiter' von 1935 war charakterisiert durch den Ausdruck der Souveränität. Aus der Position von Überlegenheit und kühler Distanz lenkt und beherrscht er den Arbeitsprozeß, der in beiden Darstellungen direkt nicht sichtbar wird, jedoch in der Plastik von 1935 auch nicht indirekt in seiner Auswirkung spürbar ist.
1936 stellt Koelle die ganzfigurige Plastik 'Bergmann, sich die Hemdsärmel aufstülpend' (Abb. 11) fertig. Die Geste des Hemdsärmel-Hochstülpens – als Metafer für Aktivität und Bereitschaft zur Inangriffnahme von Arbeiten – war möglicherweise durch Richard Scheibes überlebensgroße Arbeiterplastik aus dem Jahre 1922 für ein Ehrenmal der Farbwerke Hoechst inspiriert.
Ein Exemplar der Koelleschen Plastik war im Besitz der DAF
[Deutsche Arbeits-Front][87], ein weiteres Exemplar im Besitz eines Industriellen, der Koelle förderte. 1937 wurde die Plastik auf der Eröffnungsausstellung des Hauses der Deutschen Kunst gezeigt. Körperhaltung, Gesichtsausdruck, Bewegung der Arme waren ebenso streng stilisiert wie im 'Hochofenarbeiter'; die Haltung der Arme zueinander und zum Körper, die Handbewegungen wiesen formale Parallelen zur antiken Statue des Apoxyomenos [Αποξυόμενος] des Lysipp [Λύσιππος της Σικυώνος] auf (Abb. 11a).
War im 'Hochofenarbeiter' die Stilisierung im Ausdruck noch vermittelbar zur überwachenden, Konzentration verlangenden Arbeit am Hochofen, so steht in der Bergmannsfigur von 1936 die starre Stilisierung völlig im Gegensatz zum spontanen Vorgang des Aufkrempelns der Hemdsärmel. Der Bruch zwischen diesem spontanen Bewegungsmotiv, das durch den emporgehobenen, ausgestreckten rechten Arm betont wird und dem ernsten, feierlichen Ausdruck in Gesicht und Körperhaltung prägt die Figur. Der Bruch ist der Ausdruck eines Konfliktes, in dem sich der Künstler befand: Versteht man das Motiv des ausgestreckten, erhobenen Armes als Hitlergruß, so ergibt sich eine stimmige Beziehung zum übrigen, feierlich ernsten Ausdruck der Figur; da Koelle offensichtlich nicht bereit war, eine Arbeiterfigur mit dieser eindeutigen Geste herzustellen, kombinierte er das Motiv des ausgestreckten, emporgehobenen Armes mit dem Vorgang des Ärmelaufkrempelns und machte es dadurch mehrdeutig.
Diese Interpretation wird unterstützt durch eine Fotografie (im Besitz des oben genannten Industriellen), die die Plastik vor einem Fabrikgebäude aufgestellt zeigt. Auf dem Foto ist viel Mühe darauf verwendet worden, die zweideutige Armbewegung nachträglich durch Retuschen zu entfernen
[88], der Retuscheur übersah aber das Spiegelbild der Plastik in einem Wasserbassin, hier blieb der halbherzige Hitlergruß deutlich sichtbar.
In der Wandlung des bildhauerischen Werkes von Koelle setzte 1937 eine neue Fase ein; die innerhalb der folgenden Jahre bis 1944 geschaffenen, meist weit überlebensgroßen Arbeiterdarstellungen 'Saarbergmann', 1937 (Abb. 14), 'Der erste Mann am Hochofen', 1937, 'Der Hochofenarbeiter', 1938 (Abb. 12), 'Der Isarflößer', 1938 (Abb. 15), 'Der Zellwollspinner' 
(Abb. 16), 1941, 'Der Schachthauer', 1941 (Abb. 18), 'Der Steinbrecher', 1942 (Abb. 17), und 'Der erste Mann am Hochofen', 1944, lassen sich aufgrund ihrer gestalterischen Merkmale zu einer Gruppe zusammenfassen. Beginnend mit dem 'Saarbergmann', 1937, verlieh Koelle nun seinen Plastiken den Ausdruck von Monumentalität, Heroik, teilweise auch Züge feindseliger, aggressiver Überlegenheit.
Im Gegensatz zum 'antikisierten' Ausdruck feierlich-stilisierter Haltung der Figuren der vorhergehenden Jahre erhielten die Arbeiterfiguren in Kleidung und Körperhaltung Elemente spontaner Bewegung zurück, jedoch waren diese Bewegungsmotive in einen von der Arbeit abgelösten Ausdruck von Dynamik und Heroik eingebunden. Indem Koelle bei der Gestaltung der Arbeitskleidung und der manchmal vorhandenen Arbeitsgeräte zudem wieder naturalistischer verfuhr, war allen Figuren ein Bruch gemeinsam, der aus dem unvermittelten Nebeneinander von Motiven, die auf Alltäglichkeit des Arbeitsprozesses hinwiesen und jenen, die auf Monumentalität zielten, resultierte. Während die ausgebeulten Arbeitshosen und breiten Schuhe im 'Saarbergmann', im 'Schachthauer', im 'Steinbrecher' des Bezugsfeld 'Arbeit unter harten Bedingungen' evozierten, waren erwartungsvoll gespannte Körperhaltung und vergeistigter Gesichtsausdruck dem Bereich Arbeit enthoben, waren die Blicke bedeutungsvoll-seherisch in die Ferne gerichtet.
Innerhalb des Aufsatzes zum Thema "Denkmale der Arbeit" in der Zeitschrift Die Kunst im Dritten Reich 1938
[89] wurde die Gleichzeitigkeit von naturalistisch-realistischen und heroisierenden Gestaltungselementen im Werk von Fritz Koelle aufgegriffen:
"Fritz Koelles Arbeiterfiguren sind aus dem Leben gegriffen. Sie erzählen von der Schwere des Berufs der Hütten- und Bergarbeiter der Saarpfalz. Bis in die Einzelheiten ihrerberuflichen Ausrüstung hinein sind sie nach der Wirklichkeit studiert. Trotzdem aber bedeuten die besten von ihnen mehr als bloße realistische Gestaltung ihrer Art. Ihr Maßstab – sie erreichen Größen bis zu 3 Meter – und die Kraft des künstlerischen Zugriffs, die sich vor allem in einer ungewöhnlichen Formgabe der Muskelbildung erweist, erheben auch sie zu Sinnbildern der Arbeit und Arbeitsbereitschaft. Der straffe, schlanke Bergmann mit der aufrechten Kopfhaltung und den langen, sehnigen Armen, die in zangengleichen Händen enden, ist ganz ein Bild gespannter Bereitschaft. Der 'Betende Bergmann', der sich im Besitz des Führers befindet, erinnert an die Gefahren des Bergmannsberufes. Ein Thema anderer Art zeigt der 'Isarflößer' mit seinem kraftvollen Stand."
[90]
Der 'Saarbergmann', 1937 (Abb. 14), eine überlebensgroße 3 Meter hohe Plastik, stellte die schlanke, steil aufragende, ungebrochene Kraft ausstrahlende Gestalt eines Bergmannes vor. Der Körper zeigte keinerlei Spuren der Anstrengung, im Gesicht drückten markante Züge und konzentrierter Augenausdruck innerliche Gespanntheit aus, verschlossener Mund, vorstehendes Kinn vermittelten eine trutzige Abwehrhaltung.
Die nachfolgende Gegenüberstellung der Plastik 'Saarbergmann', 1937, mit dem 'Blockwalzer' von 1931 (Abb. 13), markiert die Kluft, die Koelle mittlerweile von seiner Arbeitsweise aus der Zeit vor 1933 trennte.
Die Plastik 'Saarbergmann' wurde 1937 vor dem Neubau des Redener Zechenhauses aufgestellt und zusammen mit dessen feierlicher Einweihung als "Ehrenmal" für die 3500 im 1. Weltkrieg gefallenen Saarbergarbeiter feierlich enthüllt.
Ein Jahr später, 1938, wurde im Werk der MAN Augsburg, die Koellesche Bronzeplastik eines 'Hochofenarbeiters' (Abb. 12) als Bestandteil eines Ehrenmals für die zweihundert im 1. Weltkrieg gefallenen Werksangehörigen enthüllt. Am Ende eines neu gestalteten Aufmarschplatzes erhob sich ein 10,5 Meter hoher Obelisk; vor ihm, auf einem Sockel, die 4,2 Meter hohe Plastik eines 'Hochofenarbeiters', der auch als "Schmied" bezeichnet wurde. Die monumentale Figur stellte einen jungen, stämmigen, kraftvollen Arbeiter dar, der – den Leib in eine derbe Schürze gehüllt, die Hände auf das Arbeitsgerät gestützt – ruhig, gelassen, mit trutzigem, leicht erhobenem Blick ins Weite schaute. (Zur Einbindung der beiden letztgenannten Arbeiterdarstellungen in Zusammenhänge des Krieges und der Opferbereitschaft vgl. Kapitel 2.6.3 [siehe Buch!]). 1938 und 1939 entstand die 3,60 Meter hohe Plastik 'Der Isarflößer' (Abb. 15), 1940 wurde ein Bronzeguß auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" in München gezeigt. Die Plastik war im Besitz der Stadt München und für die Aufstellung auf dem Gelände des Münchener Floßhafens vorgesehen. Die Gesichtszüge, aus denen abschätzige, feindselige Überlegenheit sprach, wiesen deutliche Parallelen zu Plastiken Arno Brekers auf. Das einstmalige Interesse Koelles, in einer feinfühligen Durchbildung aller Körperpartien die Spuren der Arbeit deutlich werden zu lassen, war zu diesem Zeitpunkt kaum noch spürbar. Im 'lsarflößer' verdeckte ein langes, ebenmäßig fallendes Gewand die einzelnen Partien des Körpers; in der riesigen Figur des 'Zellwollspinners', 1941
 (Abb. 16), – als "Ehrenmal" für die Thüringische Zellwolle A. G. in Schwarza geschaffen – erfüllte eine lange Arbeitsschürze den gleichen Zweck.
In der 1941 entstandenen Figur 'Schachthauer' (Abb. 18) war – betrachtet man das Œuvre Koelles zwischen 1933 und 1945 – der beschriebene Bruch zwischen auf Arbeit verweisenden Motiven einerseits und auf Heroik zielenden Merkmalen andererseits am stärksten. Die Gestalt des breitbeinig mit Arbeitshose und freiem Oberkörper dastehenden Bergarbeiters wies zwar keine Spuren der Anstrengung auf, doch war durch Züge der Derbheit in Kleidung und Körpergestaltung eine gewisse Nähe zum Arbeitsbereich hergestellt. Die Diskrepanz zu den seherisch gläubigen, ins Weite gerichteten Blicken des 'Schachthauers' war hier so stark, daß der Eindruck naiver Gläubigkeit und Einsatzbereitschaft dem Ausdruck von geistiger Stumpfheit und Beschränktheit sehr nahe kam.
Von lässiger Überlegenheit geprägt waren Körperhaltung, Gestik und Gesichtsausdruck des 'Steinbrechers', 1942 (Abb. 17), einer für das Haus der DAF bestimmten Plastik; soldatische Haltung, trutzige Standhaftigkeit kennzeichnete den sehr jungen 'Ersten Mann vom Hochofen', 1944.
Der Wandel der künstlerischen Arbeitsweise von Fritz Koelle und die Entstehung eines von Souveränität geprägten Arbeitertypus nach 1933 lassen sich folgendermaßen charakterisieren: Zunächst wurde der Ausdruck der Niedergeschlagenheit und Bedrücktheit von einem Resultat äußerer Umstände in eine subjektiv eingenommene Haltung überführt; in den folgenden Jahren verloren die Arbeiterplastiken Koelles – mit 2 Ausnahmen – alle Spuren von Überanstrengung und Ausgelaugtheit und wandelten sich von den Arbeitsverhältnissen Unterworfenen zu überlegenen 'Lenkern' im Arbeitsbereich. Schließlich verlieh Koelle den Arbeitern den Ausdruck wehrhafter Trutzigkeit, Abschätzigkeit, feindseliger Aggressivität und Heroik; da diese Züge in keiner nachvollziehbaren Verbindung mehr zum Arbeitsbereich standen, der durch Kleidung und Werkzeuge jedoch präsent blieb, trat in der NS-Zeit an die Stelle der Stimmigkeit aller Ausdrucksmerkmale in den Plastiken vor 1933 der Bruch, die Unstimmigkeit verschiedener Ausdrucksmerkmale zueinander.
Das Bild des souveränen Arbeiters wurde insbesondere dadurch erreicht, daß Motive aus der Meisterung des unmittelbaren Arbeitsvorgangs seitens des Arbeiters herausgelöst und zum Ausdruck einer politisch-gesellschaftlichen Situation verallgemeinert wurden. Die lenkende Arm- und Handbewegung des 'Hochofenarbeiters' (Abb. 10) beispielsweise, dessen von Überlegenheit geprägter Gesichtsausdruck, war zunächst beziehbar auf die verantwortungsvolle, Erfahrung und Können voraussetzende Tätigkeit eines Arbeiters im Hochofenwerk; ebenso konnte der ins Weite gerichtete Blick des 'Isarflößers' auf dessen Tätigkeit, die Steuerung der Flöße, sinnvoll bezogen werden. Im Kunstwerk der Arbeiterplastik wurden die Motive der Beherrschung des unmittelbaren Arbeitsvorganges im Sinne von beruflichem Können, des Stolzes und der Zufriedenheit des Arbeiters mit seiner Leistung, die für den unmittelbaren Arbeitsbereich Gültigkeit haben mochten, aus diesem eingeschränkten Bereich ihrer Gültigkeit herausgelöst und auf eine andere, wesentlich breitere Bedeutungsebene transportiert. Im einleitenden Text des Kataloges der Kunstausstellung "Lob der Arbeit"[91] wurde dies angesprochen:
"Mut und Tatbereitschaft waren seit jeher die Triebkräfte der nationalsozialistischen Bewegung, daher setzen wir unentwegt den einmal beschrittenen Weg fort, indem wir durch inhaltlich geeinte, dem Volksleben entnommene Kunstausstellungen Volk und Kunst im Sinne der Volksgemeinschaft zusammenführen. Diesem Streben dient auch die Ausstellung 'Lob der Arbeit'. Sie zeigt den schaffenden deutschen Menschen, den Kopfarbeiter neben dem Handarbeiter, geeint und gestaltet durch den volksverbundenen deutschen Künstler. Diese Ausstellung soll im Gegensatz zur 'Arme-Leute-Malerei' der Vergangenheit und den proletarischen Zerrbildern der Nachkriegszeit den Wert der Arbeit, die Schönheit ihrer Kraft, den Stolz auf ihre Leistung und die Zufriedenheit bei ihrer Verrichtung zum Ausdruck bringen."[92] [Hervorheb. d. Verf.] Motive im Ausdruck der Koelleschen Arbeitergestalten wurden in Besprechungen entsprechend allgemein interpretiert. Aus einer Besprechung der Koelle-Ausstellung im Augsburger Kunstverein 1936:
"Nicht tendenziös gesehene Vertreter eines internationalen Proletariats sehen uns an, sondern deutsche Arbeiter, vollwertige, selbstbewußte Mitglieder der Volksgemeinschaft mit freiem Blick und erhobenem Haupt."
[93]
Aus einem Bericht über das Schaffen von Koelle "Berg- und Hüttenmann in plastischer Gestaltung, Neues von Fritz Koelle" in der Saarbrücker Landeszeitung 1936:
"Als Frucht dieser Studien entstand der 2 Meter große 'Bergarbeiter' [Abb. 19] in Bronze. Mehr noch wie das erwähnte Gegenstück von der 'Nationalgalerie' vergegenwärtigt dieses Werk den hartschaffenden Kumpel. Der bloße Oberkörper ist realistisch klar modelliert, die vom Gürtel gehaltene Hose, wie vom Wasser der Berieselung oder vom strömenden Schweiß durchnäßt, schmiegt sich eng den arbeitsmüden Gliedern an. Aber der aufrechte, in seinen von Arbeit und Kampf geprägten Zügen scharf herausgearbeitete Kopf kündet gleichwohl mit dem wissend in die Ferne gerichteten Blick von Selbstbewußtsein und Entschlossenheit zur Meisterung des Schicksals."
[94]
Ob mit der 'Meisterung des Schicksals' die tägliche Arbeitsleistung oder allgemeinere gesellschaftlich-politische Aufgaben gemeint waren, blieb bewußt im Bereich des Ambivalenten.
Zwei Arbeiterdarstellungen Koelles aus dem Zeitraum zwischen 1933 und 1944 fallen aus der geschilderten Veränderung der Arbeitsweise Koelles heraus, da sie starke Bezüge zur geschilderten Schaffensperiode Koelles zwischen 1927 und 1932 aufwiesen. Die Bergmannsgestalt auf der von Koelle entworfenen Saar-Gedenkprägung der Bayrischen Staats-Münze, 1934/1935 (Abb. 20), zeigt einen unheroischen, gedrungenen, derben Arbeitertyp mit derben, abgearbeiteten Gesichtszügen, wulstigen Lippen, kräftiger Nase, fliehender Stirn. Die Plastik 'Der erste Mann vom Blockwalzwerk', 1939, trug in ihrer hoch aufgeschossenen, athletischen Gestalt dem neuen Stil Koelles Rechnung, jedoch enthielt sie insbesondere im Gesicht wieder deutliche Züge der Anstrengung (tiefliegende Augen, stark hervortretende Falten auf der Stirn, Tränensäcke); zudem trug dieser Arbeiter eine flache Arbeitsmütze, die nach der Jahrhundertwende zur typischen Kopfbedeckung des Arbeiters, des 'Proletariers', geworden war. Beide Arbeiten können zunächst einmal als künstlerische Belege dafür gelten, daß Koelle den Bruch in seiner Arbeitsweise nicht freiwillig und problemlos vollzog. Dokumente zu diesem Sachverhalt werden im anschließenden Kapitel zur Rezeption des Werks von Koelle nach dem Machtantritt der NSDAP vorgestellt. Dies erklärt aber noch nicht, wieso diese realistischen Züge offiziell gebilligt wurden.
Insbesondere die Arbeitergestalt auf der Saar-Medaille verkörpert das von der NS-Kunstpolitik ansonsten als 'entartet' bekämpfte Bild des 'Proletariers' derartig kraß, daß ein Übersehen dieses Sachverhaltes nicht möglich war. Vielmehr stand im Saar-Abstimmungs-Kampf auch die Entscheidung der Saar-Arbeiter für oder gegen den NS-Staat zur Abstimmung, und hier hielt es das NS-Regime offensichtlich für opportun, sich der Bildtradition der "Linken" zu bedienen. (Vgl. die ausführliche Darstellung zur Koelleschen Saar-Medaille im folgenden Kapitel.)
Das Wiederauftreten realistischer Züge in der 1939 entstandenen Plastik 'Der erste Mann vom Blockwalzwerk' kann mit dem Kriegsbeginn in Verbindung gebracht werden. Der Gesichtsausdruck des Arbeiters, die Bedrücktheit kann als Besorgnis verstanden werden; zusammen mit der Geste des rechten Arms und der Hand, die auch als warnende, einhaltgebietende verstanden werden kann, könnte Koelle hier in verschleierter Form eine Warnung ausgesprochen haben, zumal der Künstler die Schrecken des Krieges in schweren Kämpfen an der Westfront im 1. Weltkrieg selbst erfahren hatte.
In der Ausstellung der Plastik auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" 1940 kann ein Eingehen von offizieller Seite auf realistische Traditionen der Arbeiterdarstellung aus der Zeit vor 1933 gesehen werden, ein Zugeständnis, das aus der Krisensituation des verstärkten Loyalitätsverlustes des NS-Regimes bei der Arbeiterschaft in den Jahren 1938/39 verständlich wird. "Der Zerfall der Arbeitsmoral stellte aber wesentlich mehr dar, als sich aus der Summe seiner einzelnen Erscheinungsformen entnehmen läßt. Das dichte Quellenmaterial vermittelt den Eindruck einer umfassenden und hartnäckigen, wenn auch unterschwelligen Verweigerung der Kooperation auf der ganzen Linie. Im Sommer 1939 sprach der Wehrwirtschaftsinspektor für Berlin vom 'passiven Widerstand' der Arbeiterklasse.
Einige Rüstungsfirmen berichteten, ihre Arbeiter brächten ihr Ressentiment dadurch zum Ausdruck, daß sie die termingerechte Abfertigung von Aufträgen hintertrieben. Über absinkende Produktivität wurde überall in der Wirtschaft Klage geführt.
[95]
"Für die Herrschenden gab es in diesem Verhältnis im Grunde nur noch zwei gegensätzliche Handlungsmöglichkeiten: Gewalt und Rücksicht —, zwischen denen die Regierunspolitik unschlüssig hin und her irrte. Jede andere mögliche Basis der Zusammenarbeit zwischen Regime und Arbeiterklasse hatte die nationalsozialistische Herrschaft selbst zunichte gemacht, …"[96]
Das Fehlen heroischen Pathos' in dieser Arbeiterplastik zugunsten von mehr Realität hatte eine Parallele in der für die Regierung sicher enttäuschenden Erfahrung dieser Jahre, daß eine ideologische Umerziehung der Arbeiterschaft zu mehr 'Idealismus' im Sinne des NS-Staates, zu heroischer Bereitschaft, sich aufzuopfern, nicht gelungen war.

5. Rezeption des Werkes von Fritz Koelle und die Situation des Künstlers nach 1933

"1933 wurde mein Schaffen wiederholt durch Rundfunk und Presse als bolschewistische Kunst bezeichnet. Verschiedene Großplastiken wurden eingeschmolzen, demoliert und verboten, in der Öffentlichkeit zu zeigen.
1934 wurde ich angeblich als Kommunist verhaftet von der Gestapo und im Wittelsbacher Palais verwahrt aufgrund von Denunziationen von Kollegen. Ich stand unter der Aufsicht der Gestapo bis 1945.
1936 ging ich nach London, um mir dort eine neue Existenz zu gründen. Die heimatliche Industrie rief mich zurück und ich fand ihre Unterstützung.
1937 – 1945 arbeitete ich in freiem Schaffen auf den Gruben und Hütten an der Saar sowie in München. … Ich möchte noch erwähnen, daß ich vom Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus vom 5.3.1946 nicht betroffen bin, sondern beim Staatskommissariat für rassisch, religiös und politisch Verfolgte geführt werde."
[97]
Mit diesen knappen Sätzen beschrieb Koelle den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 in seinem am 21.3.1949 verfaßten Lebenslauf. Die nachfolgende chronologisch geordnete Zusammenstellung der Rezeption des Werkes und der Lage des Künstlers zwischen 1933 und 1945 gibt sowohl einen Überblick über die den Künstler vom NS-Regime distanzierenden Sachverhalte wie über die vielfältige und vielschichtige Integration seiner Arbeit und seiner Person in die NS-Kunstpolitik.
1933 wurde die in der Münchner Siedlung Neu-Ramersdorf aufgestellte Plastik 'Der Blockwalzer', 1929, durch die NSDAP entfernt. Der Völkische Beobachter vom 4.9.1933 schrieb:
"Gegen ein Denkmal bolschewistischer Kunstauffassung. Dem Stadtrat liegt folgender Antrag der Fraktion der NSDAP vor: Der Stadtrat beschließt: Das Denkmal auf dem Melusinen-Platz in der Siedlung Neu-Ramersdorf wird unverzüglich von diesem Platz entfernt; ein geeigneter Ersatz für die Figur kann aus dem Fond Künstlerhilfe nach einem dem Stadtrat vorzulegenden Entwurf beschafft werden. Die Figur ist im Hofe des Stadtmuseums aufzustellen miteiner ausdrücklichen Beschriftung, aus der zu erkennen ist, daß es sich hier um ein abschreckendes Beispiel bolschewistischer Kunstauffassung handelt, die die neue Stadtverwaltung auf das entschiedenste ablehnt. Begründung: Das Denkmal stellt in seiner Auffassung eine Verhöhnung deutschen Arbeitertums dar. Die Gestalt auf dem Sockel scheint betrunken zu sein und trägt ein geradezu idiotisches Antlitz. Der Hersteller ist ein Bildhauer F. Koelle; die Figur stammt aus dem Jahre 1926."
[98]
Ein weiterer Zeitungsartikel[99] zeigte eine Abbildung des 'Blockwalzers' mit der Überschrift "Die 'neue' Kunst des alten Systems" und der Bildunterschrift "Dieses sonderbare 'Denkmal' der Arbeit auf dem Melusinenplatz in München, das durch den Gesichtsausdruck des dargestellten Arbeiters eine grobe Verunglimpfung der deutschen Arbeiterschaft ist und schon viel Ärgernis erregte, wird beseitigt und als Zeuge marxistischer Kunstverirrung in einem Museum aufbewahrt."[100]
In beiden Meldungen wurde die Entfernung der Plastik als eine Maßnahme im Interesse der deutschen Arbeiterschaft dargestellt; entsprechend lautete auch die Passage eines Briefes des Stadtrats Hans Flüggen vom 8.2.1934 an Fritz Koelle:
"Sie wissen so gut wie alle Welt, daß ich Sie als Künstler schätze und das Denkmal auf Drängen der nationalsozialistischen Arbeiterbevölkerung entfernt wurde. …"[101]
Von der angekündigten demonstrativen Aufstellung der Plastik als abschreckendem Beispiel bolschewistischer Kunstauffassung "wurde auf Wunsch des Staatsministeriums für Kultus Abstand genommen".[102] Die beschlagnahmte Figur stand nach Angaben von Fritz Koelle jr. auf dem Gelände des städtischen Bauhofs und wurde in den vierziger Jahren eingeschmolzen.
Der Bericht eines Arbeiters der Gießerei Brandstätter, in der Koelle arbeiten ließ, an die Sektion Nord der Ortsgruppe 7, Herrn PG. Karl Baumann, datiert vom 23.11.1933, bezeichnete Koelle als kommunistisch und antinationalsozialistisch eingestellt.
"Bericht über Herrn Koelle: Nach meiner Beurteilung aus Gesprächen mit Herrn Koelle in dessen Atelier oder Werkstätte ist dieser kommunistisch eingestellt. Koelle hoffte, durch einen Sieg der Kommunisten Aufträge zu erhalten, da er auf den Proletariertyp eingearbeitet sei und auch nur in diesen Kreisen Geschäfte machen könne. In Berlin und im Saargebiet war er in den roten Kreisen bekannt. Er konnte es nicht verstehen, daß ein Arbeiter Nationalsozialist sein könne und hatte gegen den Nationalsozialismus einen Haß. … Nach dem großen Sieg der NSDAP im März 1933 war Koelle durch einen Nervenzusammenbruch erschöpft."
[103]
Prof. Wilhelm Pinder, Ordinarius der Kunstgeschichte an der Universität München, verteidigte in einem Gutachten vom 25.1.1933 Koelle und dessen Werk gegen den Vorwurf bolschewistischer Gesinnung.
"Die Arbeiten des Bildhauers Koelle sind mir schon lange teils im Original, teils in Abbildungen bekannt. Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, daß die Kunst dieses Plastikers auch nur an irgendeiner einzigen Stelle sich mit bolschewistischer Gesinnung berühren könnte. Sie ist von einem starken Gefühl für den deutschen Arbeiter inspiriert. Eine nationalsozialistische Arbeiterpartei kann in der mitfühlenden Darstellung selbst des leidenden Arbeiters, so jedenfalls wie sie bei Koelle auftritt, höchstens die positive Seite dieses Mitgefühls bewerten. Ich habe zu meinem Erstaunen gehört, daß die am Melusinen-Platz in München aufgestellte Bergarbeiter-Figur wegen angeblich bolschewistischer Gesinnung entfernt ist. Ich habe als Frontoffizier Bergarbeiter geführt und als Kameraden geliebt, ich habe mich mehrere Jahrzehnte lang mit Kunst beschäftigt, ich habe eben so lange deutsche Kunst als das wesentlichste Element meines Lebens gesucht und untersucht, ich habe mein Leben lang eine völkische Gesinnung bewahrt und kann nur sagen: aus allen diesen Eigenschaften heraus kann ich eine Verwerfung der Koelleschen Kunst als bolschewistisch nicht verstehen und also nicht anerkennen.
München, den 25. November 1933
gez. Prof. Dr. Wilhelm Pinder, Ord. der Kunstgeschichte a. d. Universität München."
[104]
Bemerkenswert an Pinders Gutachten ist u. a., daß es den propagandistischen Anspruch, den der Name NSDAP enthielt, aufgriff und der Praxis der NSDAP im Fall Koelle entgegenhielt.
Ein Gutachten des Haupt-Konservators des Museums für Abgüsse verteidigte Thema und künstlerische Qualität des Werkes von Koelle und wandte sich gegen "tendenziös verfälschte Kunst, sei es nun Bolschewismus, der im letzten Grund antikünstlerisch ist oder sei es verlogener Idealismus".
[105]
"Dem Bildhauer Fritz Koelle wird vorgeworfen, das seine Werke bolschewistische Kunst seien. Ich versichere, daß dieser Vorwurf unser keinen Umständen berechtigt ist. Koelle hat seine Stoffe meist aus den Schwerarbeitern gewählt, aus einem Stand, dem er, selbst einst Arbeiter, nahesteht. Seine Werke zeugen von tiefem Ernst der Auffassung und von hohem plastischen Können. Koelle idealisiert freilich seine Arbeiter nicht, sondern läßt sie als Helden eines schweren und harten Kampfes erscheinen so, wie sie wirklich Tag für Tag in den Hütten- und Hammerwerken stehen. Ist es eine Herabwürdigung der Arbeit und des Arbeiters, wenn im Kunstwerk die Schwere der Arbeit gezeigt wird, wenn sich im Körper und Antlitz ihre Wirkung ausprägt? Jedoch ist Koelles Arbeit nicht etwa eine naturalistische Abschrift der Natur, vielmehr treten seine Menschen durch sein starkes künstlerisches Talent gestaltet wie Symbole der Arbeit mit ins Ungeheure gesteigerter Wirkungskraft vor unser Auge und doch bleiben sie so einfach und selbstverständlich wie Geschöpfe der Natur. Koelles Werk ist deutsche Kunst im besten Sinne des Wortes. Es unterdrücken heißt, die deutsche Kunst schädigen. Ich habe als Archäologe gelernt, mit Werken der griechischen Kunst umzugehen. Eine Schulung an ihr macht den Blick empfindlich gegen tendenziös verfälschte Kunst, sei es nun Bolschewismus, der im letzten Grund antikünstlerisch ist oder sei es verlogener Idealismus. Von beiden weiß Koelles Kunst nichts. Weiter ist griechische Kunst die beste Schulung zum plastischen Sehen, denn es gibt keine plastischere Kunst als sie. Und von ihr kommend muß gesagt werden, daß Koelle in der vordersten Reihe unserer deutschen Bildhauer steht. Gute Maler haben wir Deutsche viele, gute Bildhauer wenige. Es gilt, sie zu erkennen und ihr Werk zu fördern."[106]
Vom Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns ließ sich Koelle in einem vom 26.1.1934 datierten Schriftstück seine vaterländische Gesinnung bestätigen. "Herr Bildhauer Fritz Koelle ersuchte mich, ihm eine Bestätigung über unsere Beobachtungen hinsichtlich seiner vaterländischen Gesinnung auszustellen. Herrn Koelle ist seit 1929 vom Staatsministerium für Unterricht und Kultus ein Atelierbau überlassen worden, der zum neuen Beständehaus Schadhalle beim Haupt-Staatsarchiv gehört. Von meinem Beamtenkörper befragte ich die beiden mit der Ordnung im neuen Archiv Beständerhaus beschäftigten Beamten. Sie erklären mir unter Berufung auf ihren Diensteid, daß Herr Bildhauer Fritz Koelle bei gelegentlichen Gesprächen sich immer als durchaus verlässiger nationaler Mann von treudeutscher Gesinnung bekannte und wiederholt in echt vaterländischer Weise von seinen Front- und Felderlebnissen erzählte. Die soziale Einstellung bei Koelle, der sich selbst emporarbeitete, steht außer jedem Zweifel. München, den 26. Januar 1934
Der Generaldirektor der Staatl. Archive Bayerns"
[107]
Unter dem Datum vom 31.3.1934 richtete der Münchner Stadtrat Flüggen einen zusammenfassenden Bericht zum Fall Koelle an die Adjutantur des Staatsministeriums des Innern. Aus dem Tenor des Schreibens, das die Aktion gegen die Arbeiterplastik von Koelle auf verschiedene Weise zu rechtfertigen sucht, zugleich aber die öffentliche Verbreitung der Aktion im Rundfunk bedauert, ist zu schließen, daß das Vorgehen gegen Koelle im Innenministerium nicht durchweg positiv aufgenommen worden war. Möglichkeiten einer Rehabilitierung des Künstlers wurden entsprechend vorgeschlagen.
"Aus Kreisen der nationalsozialistischen Bevölkerung und der SA in den Vorstädten Haidhausen, Au und Giesing übermittelte Herr Stadtrat Grimminger den Wunsch an die Stadtrats-Fraktion, das Denkmal am Melusinen-Platz wegen Verletzung des nationalsozialistischen Empfindens entfernen zu lassen. Dem Stadtrat wurde das Denkmal im guten Fotomaterial zur Ansicht vorgelegt. Der gesamte nationalsozialistische Stadtrat war sich einig, daß die Auffassung der Arbeiterfigur typisch bolschewistische Kennzeichen habe, der Arbeiterkopf und die Haltung jeden Adel der Arbeit entbehren, im Gegenteil einer Herausforderung gleichkommen — der Aufpeitschung zum Klassenhaß. Mir als Künstler waren Arbeiten Koelles, welche in der Tat ernst zu werten sind, wohl bekannt, konnte mich aber angesichts des vorliegenden Falles nicht von dem berechtigten Empfinden meiner Stadtratskollegen und der Bevölkerung loslösen, besonders aber, da dieses Denkmal auch bildhauerisch als verunglückt angesehen werden kann. Das ist auch die Beurteilung von Akademie-Prof. Wackerle und Prof. Ernst Liebermann. Die Verbreitung durch den Rundfunk ist bedauerlich und war von der Fraktion nicht gewollt, es müßte festgestellt werden, wer den Rundfunk zur Verbreitung berechtigte. Von der Aufstellung im Historischen Museum wurde auf Wunsch des Staatsministeriums für Kultus Abstand genommen. Es wurde Herrn Bildhauer Koelle in einer privaten Besprechung von mir, Herren Stadträte Zöberlein und Zanket eine langsame Rehabilitierung in Form eines Ankaufs oder Auftrages in Aussicht gestellt, da man nicht beabsichtige, wegen einer einmaligen Entgleisung eine Künstlerexistenz zu ruinieren. … Zu den Begutachtungen der Koelleschen Künstlerpersönlichkeit möchte ich noch erwähnt haben, daß dieselbe nur zum Teil eine richtige ist, daß Koelle zwar eine ursprüngliche Volksbegabung ist, aber ja nicht überschätzt werden darf. Es ist richtig, daß Koelle Gelegenheit gegeben werden muß, sich in unseren Reihen wieder aufrichten zu können, aber dies darf unter keinen Umständen auf Kosten des Stadtrates geschehen, wie es durchsichtig von Koelle und Mithelfern ausgedacht wurde. Heil Hitler! (gez.) Hans Flüggen, Stadtrat"[108]
Eine zweite Arbeiterplastik Koelles, der vorgestellte 'Hammermeister' von 1932 (Abb. 9), geriet anläßlich einer Ausstellung in die Schußlinie der Kritik. Das künstlerisch außerordentlich gut gelungene Verfahren Koelles, äußere Arbeitsbedingungen durch das Portrait des Arbeiters hindurch herauszuarbeiten (vgl. die Beschreibung der Plastik Kapitel 2.1 [siehe Buch]), wurde im Völkischen Beobachter als "Pathetik des Häßlichen, eine haßvolle Häßlichkeit" bezeichnet und verworfen:
"Der Hammermeister von Fritz Koelle im Saal 7 kann als das Schmerzenskind der Plastiken der Ausstellung bezeichnet werden. Sehen wir uns doch diese Figur einmal näher an. Entspricht eine solche Arbeiterdarstellung dem Geiste des Arbeiters im Dritten Reich, der für seinen Führer durchs Feuer geht, wenn es darauf ankommt? Nein! und nochmals: Nein! Die Figur gibt vor, recht naturalistisch zu sein und ihre Verteidiger werden sie mit dem Einwand des Naturalismus zu verteidigen suchen. Sie fallen einem Irrtum zum Opfer. Was hier vorgesetzt wird, ist kein Naturalismus mehr, sondern eine weit über Natürliches hinausgehende Pathetik des Häßlichen, eine haßvolle Häßlichkeit, die raffiniert vorgetragene Idealismus-Feindschaft bedeutet. Ist solche Feindschaft gegen das Ideale deutsch?"[109]
Nach Mitteilungen von Fritz Koelle jr. wurde 1934 für sechs Plastiken Koelles durch den Gauleiter ein Ausstellungsverbot angeordnet. Ebenfalls in das Jahr 1934 fällt die Beteiligung des Künstlers am Wettbewerb zu einem "Befreiungsdenkmal" in München-Ramersdorf
[110], das zur Erinnerung an die militärische Niederwerfung der in der Folge der November-Revolution gebildeten Bayrischen Räte-Republik durch Reichswehrtruppen und Freikorps am 3. Mai 1919 errichtet werden sollte. Koelles – nicht ausgeführter – Entwurf erhielt den zweiten Preis. Die Bedeutung dieses Entwurfs lag weniger in seiner Gestaltung, die relativ einfallslos war, mehr darin, daß Koelle innerhalb eines Vorhabens mitwirkte, das zur Verherrlichung der Konterrevolution dienen und zugleich Ausdruck der veränderten politischen Verhältnisse sein sollte. "Der im neuen Deutschland stark gewordene Gedanke der Freiheit und Wehrhaftigkeit beherrscht den Entwurf zu einem Befreiungsdenkmal in München-Ramersdorf: 'Befreiungskämpfer 1934'."[111]
Die Auswirkungen der Mitarbeit Koelles an dem Denkmals-Projekt sind in dreierlei Richtungen zu sehen. Erstens dürften die Repressionen gegen den Künstler nachgelassen haben (Rehabilitierung), zweitens konnte Koelles Mitwirkung als Bekenntnis zur NSDAP ausgelegt werden, drittens konnten sich Verteidiger Koelles auf Mitwirkung und Preisvergabe zum "Befreiungsdenkmal" beziehen, um Koelles sonstiges Werk vor Angriffen zu schützen. Im Beiblatt der Münchner-Augsburger Abendzeitung vom 26. September 1934 erschien unter der Überschrift "Aus der Welt von Kohle und Eisen, Gestalten der Arbeit" ein halbseitiger Bericht über das Werk Koelles. Im Text hieß es u. a.: "Den Entwurf zum Denkmal der Befreiung Münchens 1919 von der Spartakisten-Herrschaft hat der Völkische Beobachter (28.4.) um seiner 'großen Einfachheit und Kühnheit des Gedankens' willen besonders hervorgehoben."[112]
Insgesamt wurde in diesem Bericht der Versuch gemacht, Koelle als einen Künstler im Range von Meunier und Rodin zu würdigen, seine realistische Arbeitsweise zu verteidigen. Wie auch anhand späterer Veröffentlichungen zum Werk von Koelle deutlich werden wird, bedurfte die Parteinahme für Koelles Arbeitsweise der Absicherung durch Verknüpfungselemente zur Politik und Ideologie des NS-Regimes; als solche fungierten im vorliegenden Artikel der bereits erwähnte Hinweis auf den Denkmalentwurf oder der Verweis auf Koelles Kriegsbeteiligung: "Hat er doch als Kriegsfreiwilliger einst den ganzen Weltkrieg an der Westfront mitgemacht und dort an sich selbst erfahren, wie der Geist der Volksgemeinschaft wirkt und Neues sehen lehrt."[113]
Weitere Wendungen aus dem genannten Zeitungsartikel lauteten: "Das hohe Lied der Arbeit"
[114], "Adel der Arbeit"[115], "Geist der Arbeit".[116]
"Man muß in den Kreisen der Arbeiterschaft selbst bekannt sein, um zu sehen, mit welcher instinktiven Sicherheit er das Typische und Charakteristische herausholt und künstlerisch nachempfindet. Das hohe Lied von Arbeit und Leiden, von Kraft und Qual klingt durch seine Arbeiten hindurch, …"[117] "Der 'Adel der Arbeit' wird nur in der Wirklichkeit geschaut. Aber das Vorrecht dieses Künstlers ist, daß er die Wirklichkeit künstlerisch erschaut und so ein Ganzes in all seinen Bildwerken zeigt: den Geist der Arbeit!"[118]
Im Zusammenhang mit der Abstimmung im Saargebiet über die Angliederung des Saarlandes an Deutschland oder Frankreich oder die Beibehaltung der Völkerbundsverwaltung (Status quo) am 13.1.1935 erhielt Koelle den Auftrag zur Gestaltung einer "Saar-Gedenkprägung" der Bayrischen Staatsmünze (Abb. 20). Die Medaille (Durchmesser 3,5 cm) in Bronze- oder Silber-Ausführung zeigte auf der Vorderseite reliefmäßig herausgearbeitet die ganzfigurige Darstellung eines Bergarbeiters. Während Ober- und Unterkörper frontal gegeben waren, erschien der Kopf im Profil, wodurch die markanten Gesichtszüge besonders stark in Erscheinung traten. Vorbild zu dieser Figur war Koelles eigene Plastik "Bergmann vor der Einfahrt" aus dem Jahre 1927. Stand- und Spielbeinpose, Grubenlampe, Halstuch, Hemd und Hose wurden im Relief entsprechend der Plastik gestaltet. Verändert wurden Kopfform, Kopfbedeckung und Gesichtszüge. Während der 'Bergmann vor der Einfahrt', 1927, barhäuptig dasteht, trägt er auf der Medaille eine eng anliegende Bergmannskappe. In der Gestaltung des Kopfes fällt im Gegensatz zur Plastik die fliehende Stirn, die stärker betonte Nase und Unterkieferpartie auf; Koelle orientierte sich hier – entgegen der im 'Betenden Bergmann', 1934, eingeschlagenen Richtung und entgegen der Heroisierung in den Plastiken der kommenden Jahre – am ansonsten in der NS-Kunst verfemten und verfolgten 'Proletarier-Typ' wie er im sozialkritischen Naturalismus, im Expressionismus und Verismus von Künstlern wie Steinleu, Käthe Kollwitz, Baluschek, Felixmüller, Grosz, Griebel und Lea Grundig geprägt worden war. Verstärkt in Erscheinung traten die Züge von Opposition und Kampfbereitschaft in der Standpose und Körperhaltung; in fast identischer (seitenverkehrter) Weise waren sie in der Gestalt eines agitierenden Metallarbeiters auf der Titelseite der Metallarbeiter-Zeitung mit einer Massenagitationsszene aus dem Jahre 1911 verkörpert. Oppositionelle und kämpferische Haltung bezogen sich hier auf die Durchsetzung sozialer Interessen durch die Arbeiterbewegung; die Gestaltung der Saar-Medaille legte für den Fall des Anschlusses des Saarlandes an den NS-Staat die Durchsetzung ähnlicher Interessen nahe. Das Bezugsfeld des kämpferischen Arbeiters auf der Medaille war allerdings nicht mehr eine Massenagitationsszene – aus dieser war die Figur herausisoliert – sondern ein umlaufender Schriftzug "Deutsch die Saar immerdar". Auf der Rückseite der Medaille war das Saargebiet in der Art eines Ausschnittes aus einer Landkarte zu sehen, umzogen von dem Text "Volksabstimmung im Saargebiet 13.1.1935". Die Medaille trug seitlich die Umschrift "Bayr. Hauptmünzamt", auf der Vorderseite der Medaille waren die Initialen F. K. (Fritz Koelle) unterhalb der Standplatte der Arbeitergestalt eingeprägt.
Äußerst erstaunlich ist angesichts der in Kapitel 2.1 [siehe Buch] geschilderten Diskriminierung und Verfolgung bestimmter ikonografischer Inhalte das extrem 'proletarische' und oppositionell-kämpferische Aussehen der Arbeitergestalt. Zur Verdeutlichung sei vergleichsweise auf eine Plakette zum Abstimmungskampf über den Verbleib Oberschlesiens aus dem Jahre 1921 verwiesen; die Gesichtszüge des Arbeiters sind hier zurückhaltend gestaltet, Profil und Stirn ragen hoch auf.
Im Zusammenhang des Abstimmungskampfes wurde "im Einvernehmen mit dem Saarbevollmächtigten"
[119] – also von offizieller Seite – eine Medaille mit einer Arbeiterdarstellung verbreitet, die geradezu herausforderte, die Darstellung und ihren Urheber als 'entartet' oder 'bolschewistisch' zu diffamieren. Hier lag eine Irritation mit ästhetischen Mitteln vor: von der lkonografie der Arbeitergestalt her gesehen, waren bei den Urhebern der Medaille politische, soziale und kulturelle Zielsetzungen zu erwarten, die der Arbeiterbewegung und der sozialkritischen Kultur der Weimarer Republik nahestanden; die mittlerweile zwei Jahre an der Regierung befindliche NSDAP war diesen Zielen gegenüber rücksichtslos vorgegangen. Auch das Saarland war durch diese Politik der NSDAP zum Emigrantenland für Verfolgte des NS-Regimes – gerade auch aus der Arbeiterbewegung! – geworden. Namhafte Künstler und Publizisten – unter ihnen Heinrich und Klaus Mann, Alfred Kerr, Oskar Maria Graf, Theodor Plivier, Erwin Piscator, John Heartfield – warnten in einem Aufruf in der "Volksstimme, Organ der Sozialdemokratischen Partei für das Saargebiet" am 21.9.1934 vor einem Anschluß des Saarlandes an das "Hitler-Deutschland", für den die Koellesche Saar-Medaille warb! "Deutsche sprechen zu Euch! Saarländer! Wollt Ihr Teil sein der faschistischen Barbarei? Wollt Ihr den Tod der Geistesfreiheit? Wollt Ihr Euer Leben verbringen hinter dem Stacheldrahtzaun des riesigen Konzentrationslagers, das sich Hitler-Deutschland nennt?… Wollt Ihr Euer Leben verbringen hinter dem Stacheldrahtzaun des riesigen Konzentrationslagers, das sich Hitler-Deutschland nennt?… Wollt Ihr einen neuen furchtbaren Krieg, schlimmer noch als das letzte Weltgemetzel, das Millionen Tote gekostet hat? Nein, deutsche Saarländer, das wollt Ihr nicht! …. Darum gegen die Auslieferung der Saar an Hitler-Deutschland! Stimmt für den Status Quo!"[120]
In der Verwendung des beschriebenen Arbeitertyps stand die Medaille in Bildtraditionen des oppositionellen, kämpferischen, klassenbewußten Arbeiters; zugleich warb sie für eine politische Richtung, die am 2. Mai 1933 die Gewerkschaften verboten, deren Vermögen beschlagnahmt und deren Führer verhaftet hatte, die mit dem "Gesetz der Ordnung der nationalen Arbeit" am 20.1.1934 die in der Weimarer Verfassung verankerten Betriebsräte abgeschafft hatte – um nur zwei einschneidende Sachverhalte der Entmündigung der Arbeiter durch das NS-Regime zu benennen. In ihrer Gestaltung unterlief die Medaille die antifaschistische Agitation aus Kreisen der Arbeiterbewegung im Saarland, strafte in ihrer den 'klassenkämpferischen Arbeiter' propagierenden Erscheinung deren Aussagen über den NS-Staat Lügen. 'Plaketten-Schwindel' im ureigensten Sinn des Begriffs wurde praktiziert.
Gestaltung und Verbreitung der Koelleschen Saar-Medaille sind ein treffendes Beispiel für die skrupellose Umfunktionierung, den bewußten Mißbrauch von Motiven zum Zweck der Irritation mit Mitteln der Ästhetik.
Der Beitrag der Koelleschen Saar-Medaille zugunsten der Angliederung des Saarlandes an Deutschland wurde publizistisch gewürdigt und ausgewertet. In der zweiten Ausgabe, Januar 1935, bildete die Zeitschrift Kunst der Nation Vorder- und Rückseite der Medaille zusammen mit folgendem Text ab:
"Saar-Gedenkprägung der Bayerischen Staatsmünze. Aus Anlaß der Abstimmung im Saargebiet hat die Bayr. Staatsmünze im Einvernehmen mit dem Saar-Bevollmächtigten des Reichskanzlers nach Entwürfen des saarländischen Bildhauers Fritz Koelle, St. Ingbert/München, eine künstlerisch ausgeführte Saar-Gedenkprägung aufgelegt, die mit besonderer Genehmigung durch den Reichs- und Preußischen Minister des Innern zugunsten des Saar-Hilfswerks dem öffentlichen Verkauf übergeben worden ist. Die Vorderseite dieser historischen Sonderprägung zeigt einen typischen deutschen Saar-Bergarbeiter und trägt die Umschrift: 'Deutsch die Saar immerdar.' Die Prägung ist in alter Fünfmarkstückgröße, in Feinsilber und in Bronze ausgeführt und zum Originalpreis von 6 bzw. 3 Rm bei allen Banken, Bankgeschäften und Sparkassen erhältlich; … Der Reinertrag dieser Ausgabe wird ungeschmälert für die mannigfachen Aufgaben des Saar-Hilfswerks vor und nach der Abstimmung verwendet. Möge deshalb jeder Deutsche dieses charakteristische Gedenkstück saarländischer Kunst erwerben; er hilft damit unseren Brüdern an der Saar."
[121]
Anläßlich einer Ausstellung von Fritz Koelle im Augsburger Kunstverein, Ende 1935, wurde — sicher auch um Koelles Realismus abzusichern — auf die Rolle der Medaille im Abstimmungskampf verwiesen:
"Zusammen mit der NS-Kulturgemeinde bringt der Kunstverein eine Ausstellung von Bronze-Plastiken, welche das Schaffen des aus Augsburg stammenden Bildhauers Fritz Koelle darstellen. Koelle, der viele Jahre im Saargebiet tätig war, hat bekanntlich besonders den Bergmann in schweren, prächtigen Bronze-Figuren als Helden der Arbeit hingestellt. Die realistische Durchbildung seiner Gestalten ist durch heroisches Pathos ins Ideale gehoben und durch breite Modellierung der Oberfläche zu großer Form gebracht. Koelles Saar-Plakette wurde im Abstimmungskampf überall als Werbemittel vertrieben."
[122]
Aus dem Zeitungsartikel einer Saarbrücker Zeitung vom 7.6.1936: "In Berlin vor der Nationalgalerie steht und stand schon in den Jahren, da hier an der Saar noch der Kampf um die Wiedervereiniung mit dem deutschen Mutterlande tobte, sein 'Saarbergmann', eine eindrucksvolle Verkörperung eines fest auf eigenem Boden stehenden Arbeiters, die Züge wohl von schwerem Schaffen gefurcht und gekantet, aber dennoch ungebeugt, frei und aufrecht, die Grubenlampe am Gürtel. Dieses selbe Bild in Flachmodellierung trägt auch die Saar-Gedenkprägung, die mit der Umschrift 'Deutsch ist die Saar immerdar' im Schicksalsjahr 1935 als Abstimmungs-Gedenkplakette im Einvernehmen mit dem Saar-Bevollmächtigten des Führers und Reichskanzlers von der Bayrischen Staatsmünze geschlagen und in Silber- und Bronze-Ausführung mit besonderer Genehmigung durch den Reichs- und Preußischen Minister des Innern zugunsten des Saar-Hilfswerkes vertrieben wurde. Durch dieses Werk wurde Fritz Koelle …. recht eigentlich zum Herold und plastischen Vorkämpfer der Saar-Befreiung."[123]
Verwandt im politischen Anlaß und im Sachverhalt der 'Entwendung aus der Kommune' war der Koelleschen Saar-Medaille die Verwendung des Motivs 'gesprengte Ketten' in der Plastik "Die Saar" von Richard Scheibe; die senkrecht-gestreckte Haltung der beiden Arme der energisch-kämpferisch blickenden Frauengestalt fand in den von den Handgelenken herabhängenden Enden einer gesprengten Kette eine wirkungsvolle Fortsetzung.
1936 erschien in der Januar-Nummer der Zeitschrift Die Kunst ein sechs Seiten umfassender Bericht über die Arbeit Fritz Koelles unter dem Titel: "Kunst der Bronze, der Bildhauer Fritz Koelle".
[124]
Zu Beginn seines Aufsatzes stellte der Autor, Ernst Kammerer, dem "Platzregen von bronzenen Denkmälern … in der letzten Fase des 19. Jahrhunderts"[125] ohne kunstgeschichtliche Relevanz Rodin, Maillol, Meunier, Hildebrand, Kolbe als "erste Weckrufer eine(r) neue(n) künstlerische(n) Durchdringung"[126] der Bronze-Plastik gegenüber und setzte Koelle mit letzteren in Beziehung: "Fritz Koelle, der gebürtige Augsburger, durch Neigung und Verdienst dem Saarland als einer zweiten Heimat zugehörig, ist von der Erbmasse der neuen Bronze-Künstler angereichert und getragen, so daß er in hohem Maß für die deutsche Entwicklung der Bronze einzustehen ermächtigt ist."[127]
Bevor sich der Autor dem Werk Koelles im einzelnen zuwendet, stellt er zunächst sachliche Kenntnis und persönliche Verbindung des Künstlers zum Themengebiet heraus: "Er verbringt einen Teil des Jahres im Saarland, dessen Arbeiter er darstellt, er hält Freundschaft mit den Arbeitern, fährt mit dem Bergmann in den Schacht ein und beobachtet über Tag die Arbeit im Walzwerk, vor dem Hochofen und dem Dampfhammer."[128]
Anschließend stellt der Autor fest, daß Koelle mit seinem Werk insgesamt ein Denkmal der Arbeit errichte: "Indem Koelles Werk die bezeichnenden Stellungen und die bezeichnenden Menschen des Saarlandes überliefert, errichtet es ein Denkmal der Arbeit."[129]
Als erster Figur wendet sich der Autor der Plastik 'Hockender Bergarbeiter', 1929, zu, allerdings nicht deren Vorderseite, sondern deren Rückenansicht, die im Aufsatz auf der vorhergehenden Seite ganzseitig abgebildet war. "Zu diesem Denkmal der Arbeit gehört der 'Hockende Bergarbeiter', der zusammengekauert seine Lampe reguliert. Durch Arbeit ist er zu einem Reichtum an Kraft gediehen, der auch hier in der hockenden Ruhestellung aus den Muskeln, den Spannungen des Körpers und den plastisch als wahrer Grat des Rückens heraustretenden, mächtigen Wirbeln spricht."[130]
Die Vorderansicht dieser Plastik, die den Bergarbeiter als zusammengesunkenen, mit erschöpften Gesichtszügen und klobig-verarbeiteten Händen zeigt, wurde weder abgebildet noch im Text angesprochen.
Dieses Herangehen an Koelles Werk von einem — zumindest für dessen Schaffen vor 1933 — untypischen Motiv der "Kraft" her erweist sich zusammen mit der bereits geschilderten hohen Einschätzung des Werks sowie der Würdigung der persönlichen Einstellung Koelles zu Arbeitern als eine dem Autor offensichtlich notwendige taktische Absicherung, die er der nun folgenden Würdigung und Verteidigung der anklagend-realistischen Arbeitsweise Koelles vorausgestellt hat. Diese Würdigung drückt sich auch in den als Abbildungen gewählten Plastiken 'Der Bergarbeiter', 1929 
(Abb. 19), 'Hockender Bergmann', 1929, 'Das Bergarbeiterkind', 1931, 'Der Hammermeister', 1932 (Abb. 9), 'Betender Bergmann', 1934 (Abb. 7), 'Der Bergmann', 1930, aus.
"Aus dem Jahr 1932 stammt der 'Hammermeister' in der Gebärde seiner Tätigkeit dastehend. … Um den Hammermeister herum dröhnt das Gebrüll der Erze, die sich der Bändigung durch menschliche Werkzeuge und Maschinen widersetzen. Er ist beinahe ertaubt, der Gesichtsausdruck verrät es…. Zum Denkmal der Werktätigen gehört auch das 'Bergmannskind' aus dem Jahre 1931 mit stangendünnen Armen, dünnen Beinen, dünnem Leib und dem in früher Nachdenklichkeit gesenkten Haupt. … Was Koelle erzählt, erzählt er immer nach der Wahrheit, oder, um das Stilwort zu sagen: er ist Realist. Ein solches Stilwort ist noch kein Urteil. Von Fall zu Fall ist zu fragen, was der Stil leistet. Hier eignet dem Stil eine Leistung schon in dem, was er vermeidet. Der Realismus kennt nicht die Frase, nicht die schmeichelnde Fälschung, nicht das schale Denkmal. Er wagt die glühende Wirklichkeit, scheut vor dem Ausgemergelten, vor dem Einfachen und vor der menschlichen Aufopferung nicht zurück, weil das Ausgemergelte, das Einfache und vor der menschlichen Aufopferung nicht zurück, weil das Ausgemergelte, das Einfache und die menschliche Aufopferung ihre Erhabenheit und ihre Verklärung in sich selbst haben. Die Figuren 'Bergmannskind', 'Urahn' und 'Betender Bergmann' sagen es unzweideutig, daß der Realismus Koelles als ein ernsthafter Realismus anzuschauen ist, dem das Ergreifende innewohnt."
[131]
Die Konstruiertheit in der Argumentation, die es dem Autor ermöglicht, Begriffe wie "Erhabenheit" und "Verklärung" auf die von ihm beschriebenen Arbeiter-Plastiken anzuwenden, offenbart, daß sich der Autor mit seiner Bejahung des Koelleschen Realismus seiner, der offiziellen Kunstauffassung entgegenstehenden, Positionen bewußt war. Die Würdigung der realistischen Arbeitsweise ist im Bericht auch nicht konsequent durchgehalten: Zur zitierten adäquaten Beschreibung des 'Hammermeisters' ist die Plastik so abgebildet — in Seitenansicht —, daß die beschriebenen anklagenden Gesichtszüge[132] unsichtbar bleiben. Das in den Gesichtern sowohl der Büsten als auch der ganzfigurigen Darstellungen Koelles vor 1933 zum Ausdruck kommende Anliegen, der Belastung, Erschöpftheit und Niedergeschlagenheit Ausdruck zu geben, muß vom Autor des Aufsatzes verleugnet bzw. uminterpretiert werden: "Das Wissen um die Arbeit verleiht auch den Köpfen des tätigen Mannesalters, die Koelle aufbewahrt hat, Glanz und Würde. Sie sind nicht stumpf, auch wenn sie unbeweglich scheinen. Wenn sie in den wenigen Bronze-Reliefs, die Koelle geschaffen hat, einander anschauen und miteinander ans Werk gehen, dann nehmen sie sich aus wie ein Geschlecht von großartigen, gutmütigen, zähen Riesen. In der Stunde der Besinnung bedenken sie wie der 'Betende Bergmann' die Aufgabe ihres Werks, haben das Haupt gesenkt, so daß die Augen tief im Schatten ihrer Höhlen verschwinden und horchen nach innen auf die Stimme ihres Schicksals."[133]
Die vom Autor hier vorgenommene Uminterpretation des Motivs der in tiefen Höhlen eingebetteten Augen zur Verinnerlichung ist eine Verfälschung, da hier dieser Augenausdruck keineswegs ein innerlich eingenommener, sondern ein von den äußeren Bedingungen der Arbeit auferlegter ist. Der Autor vollzieht argumentativ in verfälschender Weise nachträglich an den vor 1933 entstandenen Plastiken Koelles das, was Koelle selbst dann tatsächlich 1934 in der Plastik 'Betender Bergmann' vornahm: hier gestaltete Koelle den Ausdruck der Bedrücktheit nicht mehr als Ergebnis äußerer Umstände, sondern als individuell eingenommene verinnerlichte Haltung. Die Interpretation der Koelleschen Arbeiterfiguren als "gutmütige, zähe Riesen" geht am – vom Autor selbst eingehend beschriebenen – Charakter der Plastiken Koelles vorbei, sie ist aber aus folgendem Zusammenhang heraus erklärbar: Dem Autor war daran gelegen, auch den vor 1933 entstandenen Arbeiterplastiken Koelles Geltung zu verschaffen. Wie beschrieben, war in diesem Teil des Koelleschen Werkes die Situation der Arbeiter als eine diese bis an die Grenze des Erträglichen belastende gestaltet. Immanent ist solchem Ausdruck die Forderung nach seiner Aufhebung durch die Veränderung der Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen. Da es sich bei den Dargestellten nicht um eine kleine soziale Randgruppe handelte, sondern Arbeiter thematisiert waren, war damit eine Veränderung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, der sozialen Verhältnisse im breitesten Ausmaß, d. h. indirekt eine gesellschaftliche Veränderung gefordert.
Der Brisanz, die in der Verteidigung einer solchen künstlerischen Arbeitsweise angesichts der Politik der NSDAP seit 1933 lag, war sich der Autor offensichtlich bewußt; er nahm interpretatorisch eine Entschärfung des Koelleschen Werkes vor. Die Unterstellung, die Arbeiter seien "gutmütige, zähe Riesen", pazifiziert die soziale Situation; zum einen wird damit auf ein angeblich riesiges, nicht zu erschöpfendes Potential an fysischer Kraft verwiesen, als weitere Absicherung – der Unglaubwürdigkeit der ersten Unterstellung Rechnung tragend – werden die Arbeiter als "gutmütig" geschildert, womit die Möglichkeit bzw. die Gefahr sozialer Konflikte, Auseinandersetzungen verdrängt wird. Entsprechend wird im Text unterstellt, daß die Arbeiter ihre Lage als "Schicksal", d. h. als im Grunde unveränderlich auffassen.
Der Autor des Aufsatzes sicherte seine den Realismus und das Werk von Koelle stützende Position weiterhin auch dadurch gegen Angriffe ab, daß er die Werke Koelles in unmittelbare Nähe zu nationalen Interessen und zum "Führer" brachte. Im Kampf um die Saar wurden die Figuren Koelles berufen, den deutschen Charakter der Saar-Arbeiter darzutun, und zur Erinnerung an den Sieg der deutschen Sache an der Saar ist der 'Betende Bergmann' in der Reichskanzlei vor dem Arbeitszimmer des Führers aufgestellt.
[134]
Der im vorausgegangenen Zitat berichtete Sachverhalt, der 'Betende Bergmann', 1934, sei im Besitz Hitlers bzw. in der Reichskanzlei aufgestellt, wurde seit 1936 wiederholt in Zeitungen, Zeitschriften und anderen Publikationen verbreitet. (In den im Nachlaß F. Koelles befindlichen Zeitungsartikeln zum Werk Koelles aus der NS-Zeit ist häufig die entsprechende Textzeile nach der Erwähnung des 'Betenden Bergmanns' herausgeschnitten worden.)
In einem halbseitigen Artikel der Saarbrücker Landes-Zeitung mit dem Thema "Berg-und Hüttenmann in plastischer Gestaltung, Neues von Fritz Koelle", der zum Text Abbildungen des 'Bergmanns' von 1930 (ohne Angabe des Entstehungsdatums) mit stark anklagenden abgearbeiteten Zügen, das Selbstportrait Koelles von 1932 (mit Datierung) und den Entwurf des Denkmals 'Befreiungskämpfer 1934' enthielt, hieß es u. a.: "Von Meister Koelle wurde übrigens auch jene, das tiefste Wesen des Bergmanns erfassende, ergreifende Plastik des 'betenden Saarbergmanns' geschaffen, die den besonderen Beifall Adolf Hitlers fand und in den Besitz des Führers überging."
[135]
Zur "Ersten Hauptversammlung des Vereins deutsche Bergleute Saarbrücken und Trier, 1936"[136] wurde eine Postkarte mit der Abbildung des 'Betenden Bergmanns' auf der Vorderseite und der Aufschrift "Die Bronze-Plastik (2 m hoch) ist im Besitz des Führers" auf der Rückseite gedruckt.
In der Mai(!)-Ausgabe der Zeitschrift Die Kunst im Dritten Reich, 1938, hieß es innerhalb des Aufsatzes "Denkmale der Arbeit": "Der 'Betende Bergmann', der sich im Besitz des Führers befindet, erinnert an die Gefahren des Bergmannsberufes."
[137]
Im 1939 erschienenen Buch über Koelle[138] lautete die entsprechende Passage: "Zur Erinnerung an den Sieg der deutschen Sache im Saargebiet ist der 'Betende Bergmann' in den Besitz des Führers übergegangen."[139]
Mit den Hinweisen auf die Aufstellung des 'Betenden Bergmanns' in der Reichskanzlei entstand neben der rehabilitierenden und absichernden Wirkung für das Werk von Koelle der Eindruck einer Nähe, eines – nicht näher bestimmten – Interesses der offiziellen Spitze des NS-Regimes am 'Arbeiter'.
Fritz Koelle jr. äußerte zu diesem Sachverhalt
[140]: "Da der vorerwähnte Industrielle Dr. Schwarz bereits zwei Groß-Plastiken meines Vaters erworben hatte und diese in seinem Fabrikgelände und Park aufstellte, war es für meinen Vater erfreulich, als Dr. Schwarz ihm den 'Betenden Bergmann' abkaufte. … Dr. Schwarz hat diese Plastik nicht, wie mein Vater annahm, für sich behalten, sondern wahrscheinlich – wie viele Industrielle der damaligen Zeit, die versuchten, sich bei der neuen Regierung einzuführen -, Hitler zum Geburtstag geschenkt."[141]
Auf der "Großen Münchner Kunstausstellung" 1936 war Koelle mit den Bronze-Plastiken 'Der Hochofen-Arbeiter' und 'Bildnis Dr. Haus' vertreten.[142] Eine Besprechung der Plastiken der Ausstellung in den Münchner Neuesten Nachrichten nahm Bezug auf das überwundene "Stadium plastischen Wollens …, in welchem man eine absolute Form außerhalb der geschichtlichen wie menschlichen Erfahrung und unabhängig vom Ebenbildhaften suchte."[143] Oberflächliches Pathos wurde kritisiert, "geduldige plastische Innewerdung"[144] gefordert; positiv herausgestellt wurden Bildnisse von Bernhard Bleeker und der 'Hochofenarbeiter' von Fritz Koelle.
"Bleeker kommt vom fysiognomischen als dem Zeugnis und Ausdruck eines Inneren zum Bildleib. In diesem Sinne sind seine Bildnisköpfe des Führers und des Generals von Reichenau Verkörperungen, die wie von einem vorausgesetzten Willen getragen werden, der das Innerkörperliche des Antlitzes mitformt. Auf diese Weise entstehen Zeugnisse eines verantwortlichen Bildners und Künstlers, in denen das Gesicht als ein Willensausdruck erscheint, über dem eine ungeheure, ja schier übermenschliche Aufgabe steht…. Diese Augen sind erfüllt vom Schicksal der Nation. Ja, dieses Schicksal wird spürbar in den Bildungen von Backenmuskeln, in der Wölbung einer Hirnschale und im Widerstand einer Stirn. …. Der 'Hochofenarbeiter' von Fritz Koelle im Eingangssaal ist für die Gestaltung einer Verantwortung charakteristisch, die über eine ästhetische Form hinausgeht. Neben einem Trachten nach ornamentaler Wirkung ist hier eine mutige Wahrheit am Werk, die das Sein des Industriearbeiters nicht beschönigt. Eine wehrhafte und irgendwie auch abwehrende Stämmigkeit steht mit kräftig umschriebenem Kubus auf der Erde. Das Material der dunklen Bronze ist sehr sprechend und läßt weithin die vormodellierte Gestalt vergessen. Ansätze zu einer wirklichen innerlich erkräftigten Plastik liegen hier in der sozialen Verantwortung, der das Schaffen Fritz Koelles dienen will. Koelle modelliert den Ausdruck eines schweren beruflichen Schicksals und versucht damit in einer wirklichen Lebenssituation anzusetzen, aus der heraus die Gestalten von einem größeren tragfähigen Glauben und Vertrauen gekräftigt und froh werden wollen."
[145]
Der letzte Satz dieses Zitats erwies sich angesichts der weiteren Entwicklung des Werks von Koelle als seherische Vorausschau und — allgemein gesehen — als Anleitung zur Herausbildung eines Arbeitertyps in der Plastik, der von naiver Gläubigkeit, Vertrauen und Kraft gekennzeichnet war. Die Hinweise auf "mutige Wahrheit", "abwehrende Stämmigkeit" und "soziale Verantwortung" sind nicht nur auf die besprochene ausgestellte Plastik zu beziehen, sondern auch als Absicherung des Werks von Koelle zu verstehen, das — wie dargestellt — gerade in München nach 1933 besonders scharf angegriffen worden war.
Die Integration Koellescher Arbeiterfiguren in die Selbstdarstellung des neuen Regimes in innenpolitischen Zusammenhängen wurde 1936 erweitert durch die Indienstnahme einer seiner Arbeiterplastiken zur Selbstdarstellung dem Ausland gegenüber: "Der Bildhauer Fritz Koelle wurde vom Reich mit einer seiner bekannten überlebensgroßen Bergarbeiterfiguren für eine Wander-Ausstellung nach Konstantinopel, Athen und Jugoslawien eingeladen. Die Ausstellung wird etwa 20 Bildwerke deutscher Künstler umfassen."
[146]
Diese Meldung findet sich im Nachlaß Koelles in den Münchner Neuesten Nachrichten, Januar 1936, in der Augsburger Zeitung, Januar 1936 und der Düsseldorfer Zeitung, Februar 1936; in den Münchner Neuesten Nachrichten wurde zusätzlich gemeldet: "Ferner ist der Künstler vom Museum in Rostock eingeladen worden, im Monat Februar eine Kollektiv-Ausstellung zu veranstalten. Fast alle vom Augsburger Kunstverein kürzlich gezeigten Werke Koelles werden dort zu sehen sein."[147]
Parallel zur Indienstnahme des Werks Koelles durch Staat und NS-Organisation (ein Exemplar der 1936 entstandenen Plastik 'Bergarbeiter, sich die Hemdsärmel aufstülpend' befand sich im Besitz der DAF) und zur dargestellten Änderung der künstlerischen Ausdrucksweise im Werk Koelles ist der Versuch des Künstlers zu sehen, 1936 nach England zu emigrieren.
In seinem Lebenslauf schreibt Fritz Koelle: "1936 ging ich nach London, um mir dort eine neue Existenz zu gründen. Die heimatliche Industrie rief mich zurück und ich fand ihre Unterstützung."
[148]
Aus der "Eidesstattlichen Erklärung" eines Mitarbeiters der Lloyd-Reisebüro GmbH vom 27.5.1946: "Im Jahre 1936 besuchte mich Herr Koelle in dem genannten Büro, um Ratschläge für eine Reise nach England einzuholen. Herr Koelle klagte hierbei bitter über seine Verfolgung durch die Nazi, welche ihn in der Presse und durch den Rundfunk als bolschewistischen Künstler verschrien und damit seine künstlerische Existenz untergruben. Durch diese Maßnahme sähe er für ein freies künstlerisches Schaffen im Dritten Reich keine Zukunft mehr, aus welchem Grunde er seine schon lange gefaßte Absicht, auszuwandern, aufrecht erhalte."[149]
Zum Plan der Emigration mögen auch schlechte finanzielle Verhältnisse des Künstlers beigetragen haben; aus einem Brief des Sohnes des Künstlers vom 21.2.1975 an den Verfasser: "1936 versuchte er, nach England auszuwandern, da er glaubte, mit seinen Bergarbeitern bei der englischen Kohlenindustrie Fuß zu fassen. Wie mittellos er damals war, zeigt, daß er die Fahrkarte nach England nicht bezahlen konnte und dem Deutschen Lloyd in München für die Fahrkarte eine Tierplastik anbot.
Ich habe Briefe gefunden, wo meine Mutter meinen Vater um die Erlaubnis bat, sich für eine Ausstellungseröffnung ein Paar Handschuhe für DM 5,– kaufen zu dürfen. Aus anderen Briefen geht hervor, daß das Kind, ich also, schon zweimal aus dem Stubenwagen gefallen ist, aber einfach kein Geld da ist, für das größer gewordene Kind ein Kinderbett zu kaufen."
[150]
Das Jahr 1937 markiert im künstlerischen Werk Koelles offenes Einschwenken auf heroisierende und monumentalisierende Ausdrucksmerkmale (vgl. Abb. 14 'Der Saarbergmann', 'lsarflößer', Abb. 15); parallel dazu verläuft der – nicht widerspruchsfreie – Prozeß der weiteren Integration des Künstlers in die NS-Kultur- und Kunst-Politik. Am 23.2.1937 meldete der Münchner Merkur die Beauftragung Koelles mit der Plastik eines Reichsadlers: "Der Bildhauer Koelle hat vom Reichspost-Ministerium den Auftrag erhalten, einen riesigen Adler für das Portal der Großbriefabfertigung am Anhalter Bahnhof in Berlin zu schaffen. Wir hatten Gelegenheit, das Gipsmodell des Kunstwerks im Atelier des Künstlers zu fotografieren."[151]
Seine Distanz zum NS-Regime brachte Koelle in die – unsichtbare – technische Konstruktion ein, nicht in die sichtbare künstlerische Gestaltung des Adlers, der den üblichen aggressiven, raublustigen Ausdruck besitzt. Aus dem Schreiben des Sohnes von Fritz Koelle an den Verfasser vom 21.2.1975:
"Anläßlich einer Reise nach Berlin traf er mit dem ihm aus Augsburg bekannten Stadtbaudirektor Prof. Werner zusammen, der ihm zunächst den Auftrag über eine große Pferdestatuette zukommen lassen wollte. Dazu kam es aber nicht, und er erhielt den Auftrag, den Adler für das Reichspostministerium zu schaffen. Da beide, Werner und mein Vater keine Freunde des Regimes waren und sich auch darüber einig waren, daß dieses Regime über kurz oder lang zu Ende ging, hat mein Vater das in den Adlerklauen angebrachte Hakenkreuz-Symbol auswechselbar gemacht, d. h. es wurde mit der Plastik nicht verbunden, sondern nur eingehängt. Dieser Umstand hat damals bei der Abnahme der Plastik einige Unannehmlichkeiten hervorgerufen."
[152]
Am 1. März 1937 erhielt Koelle im Rahmen der Vergabe des "Westmark-Preises", der seit 1935 jährlich zur Erinnerung an die Saar-Rückgliederung vergeben werden sollte, den "Albert-Weißgerber-Preis" als Teil-Preis für Bildende Kunst, des ursprünglich als Literatur-Preis gestifteten Preises.
"Er [der Verleiher des Preises, d. Verf.] kann diesen Preis nicht leichtfertig irgendeinem besseren Erfolg zuerkennen, sondern nur solchen Künstlern, die mit ihrem Werk hervorragend in dem verantwortungsvollen Dienst gestanden haben, der dieser deutschen Grenzmark im Westen aufgetragen ist,… . In diesem Bewußtsein grenz- und gesamtdeutscher Verpflichtung geschah auch die diesjährige Westmark-Preisverleihung, die in einprägsamer Feierstunde am Sonntag im Stadt-Theater Saarbrücken stattfand unter Anteilnahme der verantwortlichen politischen und kulturellen Führer des Gaues Saar-Pfalz. Da im Sinne der mählich wachsenden Gemeinschaft aller bisherigen und zukünftigen Preisträger die Feier jeweils von den Trägern des Vorjahres gestaltet werden soll, so brachte das Programm diesmal zur Einleitung das 'Musikalische Opfer', Johann Sebastian Bach in der Nachgestaltung durch die Saarbrücker Vereinigung für Alte Musik unter Leitung von Fritz Neumeyer, von dem man anschließend noch ansprechende und stilsichere Variationen für Streichquartett über das Lied 'Volk ans Gewehr' hörte….
Die Ansprache hielt Reichsamtsleiter Claus Selzner. In klarer Schau stellte er dem verderblichen Prinzip materialistisch-parasitärer Lebensbetrachtung den Glauben einer schöpferisch-idealen Weltanschauung gegenüber, wie sie dem deutschen Wesen eignet. … Den 'Albert-Weißgerber-Preis' (Teil-Preis für Bildende Kunst) erhielt der in München schaffende Bildhauer Fritz Koelle, der mit seinen reifen Plastiken aus der Welt des Saar-Bergmanns einen eigenen Platz in der deutschen Bildenden Kunst gefunden hat."
[153]
Damit war Koelle öffentlich rehabilitiert, sein Schaffen wieder ein Stück mehr in die öffentliche Kulturpolitik integriert worden. Dies war möglich, da Koelle in seinem veränderten künstlerischen Werk Anknüpfungspunkte bot. Der 1937 geschaffene 'Saar-Bergmann' (3 m), von monumentalen, aggressiven, aber auch von Zügen der Arbeit geprägt, wurde als Denkmal für die im 1. Weltkrieg gefallenen Arbeiter des Saargebietes vor dem Neubau des Zechen-Hauses der Grube Reden aufgestellt (vgl. Kapitel 2.6.3[siehe Buch]). Zudem paßte die öffentliche Preisverleihung an einen "Arbeiter-Künstler" zu einer auf die Zustimmung der Bevölkerung bedachten Politik des saarländischen Gauleiters, der 1936 Lohnerhöhungen gegen das Primat der Aufrüstung und der damit verbundenen Politik der Konsumeinschränkung durchsetzte: "Mitte 1936 verfügte er eigenmächtig eine generelle Lohnerhöhung in dieser noch notleidenden Gegend. Bürckel gehörte zu den entschlossensten Verfechtern der populistischen Richtung im Nationalsozialismus und scheute in diesem Fall eine offene Auseinandersetzung mit Schacht und Seldte nicht."[154]
Dem zwiespältigen Wesen des 1927 bis 1937 geschaffenen Werks Koelles entsprechend, hätte der Künstler 1937 gleichzeitig auf den beiden wegweisenden Ausstellungen "Große Deutsche Kunstausstellung" im "Haus der Deutschen Kunst" einerseits mit seinen Plastiken ab 1934, auf der Ausstellung "Entartete Kunst" im Galerie-Gebäude der Hofgarten-Arkaden andererseits mit seinen Werken vor 1933 ausgestellt sein müssen. Tatsächlich war Koelle nur auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" ausgestellt, und zwar mit den Arbeiterplastiken "Bergarbeiter, die Ärmel aufgekrempelnd", 1936, "Der Hochofen-Arbeiter", 1935, sowie einem Bronze-Kopf "Bildnis Prof. Boehe", 1936. Daß Koelle sich in der Eröffnungsausstellung des "Hauses der Deutschen Kunst" und nicht bei den "Entarteten" wiederfand, hat vielschichtige Gründe. Stilwandel, Mitarbeit an offiziellen Aufträgen, Kunstpreis-Annahme, Unterstützung durch Industrielle machten seine Integration möglich; sein verändertes Schaffen zu integrieren, erschien der NS-Kunstpolitik offensichtlich opportuner, als den Vorwurf der "Entartung" von 1933 durch Hinzuziehung weiterer Plastiken aus der Zeit vor 1933 zu erneuern, zumal dadurch explizit — anhand vorhandener Arbeiter-Plastiken — deutlich geworden wäre, daß ein realistischer, die Härte und Mühe der Arbeit herausstellender künstlerischer Ausdruck vom NS-Staat nicht erwünscht war.
Auf die 1937 in Saarbrücken und 1938 in Augsburg erfolgte Aufstellung zweier monumentaler Arbeiter-Plastiken Koelles als "Gefallenen-Denkmäler" sei an dieser Stelle nicht weiter eingegangen, da diese Vorgänge im Kapitel 2.6.3 
[siehe Buch] dargestellt werden; nur so viel sei gesagt, daß hier die Arbeiter-Plastik unter anderem dazu diente, Bezüge zwischen Arbeiterschaft einerseits, Opferbereitschaft, Militarismus, Krieg und Kriegsvorbereitung andererseits, herzustellen.
Auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" 1938 war von Koelle die Plastik 'Der Bergmann' ausgestellt; im Vorbericht einer Berliner Zeitung zur "Großen Deutschen Kunstausstellung" 1938 wurde sie hervorgehoben.
"Das Herzstück des Ganzen ist diesmal wohl der große Saal der Plastik. Man hat ihn absichtlich von Gemälden freigehalten, um die Figuren ganz für sich wirken zu lassen, und sie erweisen sich dieser Ehre würdig. … Zwei Figuren mögen hier sogleich den Grundton andeuten: der bronzene Bergmann von Fritz Koelle und Georg Kolbes erst in diesem Jahr geschaffene Frauengestalt, die frische Anmut neben der Kühnheit und Zähigkeit des Mannes, das Gewand harter Arbeit neben dem Wohlklang locker-gelassener Glieder, die keine Hülle beengt. Kraftvoll und schön – ebenso spiegelt sich hier das Leben, und so ergibt sich ohne Zwang gleichsam der General-Nenner der gesamten Schau. Es ist das Leben, das voll Mühe und Kampf ist, aber auch voll Schönheit und Stolz. Der Adel der Faust und die freie Stirn, die zu allem Hohen bereit ist: diese beiden Figuren finden hier auch rein motivisch manches Verwandte. Im gleichen Saal steht die überlebensgroße Arbeiterfigur von Fritz Behn, … die bronzene 'Olympia' von Fritz Klimsch, dazu das mächtige Haupt Mussolinis von Adam Antes, der 'Denker' Richard Scheibes, der Leib und Geist wahrhaft hellenisch vereint."
[155]
Innerhalb einer Ausstellung "neuzeitlicher und zeitgenössischer Maler und Bildhauer"[156] des 19. und 20. Jahrhunderts in der Kölner Galerie Abels im Jahr 1938 war neben Meunier als Darsteller der Arbeit Koelle mit vier Werken vertreten:
"Streng in der Form und anmutig im tänzelnden Gang der Bewegung gibt sich, innerlich einem Neu-Klassizismus verpflichtet, dervom Geist der Spätantike sich bestimmen ließ und ihm moderne Formen nicht ohne akademischen Beiklang ließ, 'Der Rosselenker' von Louis Tuaillon. Wuchtig und kraftvoll im Ausdruck, großzügig im Rhythmus der Massen, hebt sich dagegen ab 'Der Schnitter' von Constantin Meunier, ein Denkmal der Arbeit, mit dem Zug ins Große und ins Typische. … Hervorragend ist die Reihe von Arbeiten, die von dem Münchner Fritz Koelle gezeigt werden. Man sieht den 'Bergmann', den 'Hochofen-Arbeiter', den 'Flößer', schließlich den 'Betenden Bergmann', (hier wurde ein Teil des Textes entfernt, d. Verf.) … Berlin erworben wurde. Ist in Meuniers Arbeiterfiguren ein trotziges, leidenschaftliches, dramatisch-erregendes Moment, das seinerzeit erschreckt und beunruhigt hatte, so sind auch Koelles Schöpfungen, freilich in einem anderen Sinne, Denkmäler der Arbeit. Es sind Bekenntnisse zur Arbeit aus einem gläubigen Optimismus heraus. Die Haltung ist selbstsicher und schlicht. Der Arbeitswille ist geadelt und hat innere Größe, lebt in einer ständigen Bereitschaft, sich den Glauben an die Arbeit und an das Werk immer neu zu erkämpfen."
[157]
1939 erschien in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift Die Kunst im Dritten Reich ein Aufsatz zum Thema "Münchner Plastik", dessen visuellen Auftakt die Gegenüberstellung (über zwei Seiten) des Bildnisses 'Geheimrat Kirdorf' (verstorben 1938) von Hans Wimmer und des 'Hochofenarbeiters', 1935, von Fritz Koelle bildete [Abb. siehe Buch]. Unterhalb eines schmalen Textstreifens, ca. dreiviertel der Seite umfassend, erschien (links) das Portrait des Industriellen Kirdorf, gegenüber (rechts) – die gesamte Seite umfassend – der Kopf des 'Hochofenarbeiters' von Fritz Koelle. Emil Kirdorf (1847-1938) gehörte einer Industriellenfamilie an, die seit der Jahrhundertwende – im Zusammenhang mit der Vertrustung der deutschen Wirtschaft – zusammen mit Stinnes, Thyssen, Krupp, Stumm, Haniel, Gloeckner, Roechling zu den wichtigsten Unternehmerfamilien zählte und vor dem 1. Weltkrieg den "Wehrverein" und den konservativen und militaristischen "Alldeutschen Verein" unterstützte. 1927 nahm Emil Kirdorf als Präsident des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats am NSDAP-Parteitag teil und trat anschließend in die Partei ein.
"Durch Vortragsreisen bemühte sich Hitler seit 1926 in engeren Kontakt zu führenden Vertretern der Groß-Industrie zu kommen. Nach einer Rede vor dem Hamburger National-Club von 1919 im Februar 1926 und nach einigen Vorträgen im Ruhrgebiet im Sommer und Herbst 1926, die von Emil Kirdorf und Fritz Thyssen besucht wurden, kam es im Juli 1927 zu einer ersten persönlichen Zusammenkunft von Hitler und Kirdorf. Die viereinhalbstündige Unterredung, in der Hitler Kirdorf seine politischen Vorstellungen und Ziele unterbreitete, begeisterte Kirdorf dermaßen, daß er Hitler bat, den Vortrag in einer Broschüre zusammenzufassen, die er gezielt im Kreise seiner industriellen Bekannten verteilte. Nach der Teilnahme an mehreren Parteikundgebungen wurde Kirdorf noch 1927 Mitglied der NSDAP, trat allerdings 1928 wieder aus der Partei aus und unterstützte die DNVP, ohne allerdings den engen Kontakt zu Hitler aufzugeben. Kirdorf selbst spendete noch im gleichen Jahr RM 100000 für die NSDAP, die er wahrscheinlich dem Fond des Bergbaulichen Vereins und der Gruppe Eisen Nord-West entnahm. Als Verwalter dieses politischen Fonds überwies er von 1930 bis 1933 ferner weiterhin RM 600000 an die NSDAP."
[158]
Das von Hans Wimmer geschaffene Bronze-Bildnis des bedeutenden Industriellen Kirdorf zeichnete sich durch eine sehr sensible, detailreiche Gestaltung des von Falten, Furchen und Adern durchzogenen Gesichts des alten Mannes aus, das insgesamt einen Ausdruck extremer Schwäche und Brüchigkeit vermittelte. Ausgeprägte, von Falten durchzogene Stirn, Augenausdruck, feine Gesichtszüge stellten Kirdorf zugleich als durchgeistigten Menschen dar. Entsprechend lautete die Charakteristik im Text des Aufsatzes: "Man betrachte daraufhin nur einmal das faszinierende Bildnis des Geheimrats Kirdorf von Hans Wimmer, einen von einem langen, arbeitsreichen Leben ausgeformten Charakterkopf. Hier ist es im besonderen die vom tiefen Verständnis für die Naturform eingegebene Modellierung, die in ganz großen Flächen und Linienzügen dieses typische Greisenbild in Bronze festhält. Ein Bronzebild von stark akzentuierten Formen, Höhen und Tiefen, ist der Kopf eines Bergmanns von Fritz Koelle, zugleich wohl auch das charakteristische Bild eines Saar-Arbeiters."[159]
Die Gesichtszüge des Arbeiters waren im Gegensatz zum Portrait Kirdorfs durch jugendliche Kraft, Energie und Konzentration geprägt; die beiden Plastiken waren einander so gegenübergestellt, daß der Blick des jugendlichen Arbeiters über das greise Haupt des Industriellen hinwegführte. Versteht man die Gegenüberstellung der beiden Plastiken als gleichnishaften, visualisierten Ausdruck des Verhältnisses von Unternehmer und Arbeiter, so ergeben sich drei signifikante Zusammenhänge. Erstens waren "Arbeiter der Stirn" und "Arbeiter der Faust" in Gegenüberstellung vereint. Der NS-Propaganda von der angeblichen Aufhebung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit in der 'Volksgemeinschaft' entsprechend lautete ein Zitat Kirdorfs, das ganzseitig auf der ersten Innenseite der Zeitschrift Das Werk (Monatszeitschrift der Vereinigten Stahlwerke Aktiengesellschaft) anläßlich seines Todes 1938 veröffentlicht wurde:
"Vermächtnis an Deutschland. 'Meine größte Freude beim Rückblick auf 64 Jahre Kampf um den Ruhrbergbau ist mir das Erlebnis, daß am Ende dieser Jahre Unternehmer und Arbeiter sich zum gemeinsamen Schaffen am gemeinsamen Werk gefunden haben. Der Klassengegensatz drohte Deutschlands Leistungskraft hoffnungslos zu vernichten. Der sieghafte Durchbruch der Volks- und Betriebsgemeinschaft, für die ich ein ganzes Leben mit Leidenschaft gekämpft habe, ist Rettung für Volk und Vaterland geworden. Mein Vermächtnis soll dereinst die Mahnung sein, nie wieder im deutschen Volke die fruchtbringende Kraft der Volksgemeinschaft preiszugeben.'"
[160]
Zweitens herrschten in der beschriebenen bildlichen Gegenüberstellung von Kapital und Arbeit in der Zeitschrift Die Kunst im Dritten Reich auf der Seite des Unternehmers Schwäche, Alter, geistige Tätigkeit, Sensibilität vor, auf der Seite des Arbeiters fysische Kraft, Jugend, Energie. Insgesamt erschien die Position des Arbeiters der des Kapitals gegenüber als dominant; der Kopf des Arbeiters überragte den des Unternehmers, sein Blick ging über diesen hinweg. Drittens traten Kapital und Arbeit in der Form des Gegensatzes zweier Generationen — des Alters und der Jugend — auf, d. h. der ökonomische Unterschied war in Form eines natürlichen Gegensatzes dargestellt, wobei sich die jugendliche Natur dem Alter gegenüber als überlegen zeigte. Im Rembrandt-Verlag Berlin erschien 1939 als Band 11 der "Kunstbücher des Volkes, Kleine Reihe" ein Buch über das Werk Fritz Koelles. Den Text verfaßte Ernst Kammeter, derselbe Autor, der den Künstler 1936 in der Zeitschrift Die Kunst vorgestellt hatte. 56 Abbildungen zum plastischen Werk, 8 zum zeichnerischen gaben einen Überblick über das bis 1939 entstandene Werk. Koelles Schaffensfase vor 1933 war mit den hierfür typischen Arbeiterplastiken dokumentiert, lediglich Plastiken, die eine extreme Belastung zum Ausdruck brachten, wurden ausgespart – z. B. 'Bergmann vor Ort', 1928 (Abb. 4), 'Verunglückter Hüttenarbeiter' (ohne Kappe), 1927, – oder so abgebildet, daß die anklagenden Züge unsichtbar bzw. gemildert wurden. Der Kopf 'Verunglückter Hüttenarbeiter' (mit Kappe) wurde im Profil so abgebildet, daß die durch die Lähmung deformierte Gesichtshälfte verborgen blieb; der 'Erste Mann vom Hochofen', 1932, wurde ebenfalls in Seitenansicht gegeben, so daß die zerklüfteten Gesichtszüge zwar einsehbar, aber nicht in voller Härte erkennbar waren. Ausgespart blieb auch die Figur des 1933 durch die NSDAP entfernten 'Blockwalzers' von 1929.
Insgesamt gesehen ist jedoch festzuhalten, daß von der gewaltsamen Zensur, die 1933 zur Entfernung des 'Blockwalzers' führte, im Abbildungsteil des Buches wenig zu spüren ist; die realistisch-kritische Arbeitsweise in ihrer anklagenden Tendenz war offen – in repräsentativer Aufmachung – dokumentiert und als Gegensatz zu der ebenfalls durch viele Abbildungen vertretenen Arbeitsweise Koelles nach 1933 deutlich erkennbar. Besonders hervorgehoben wurde hier – durch vier verschiedene ganzseitige Abbildungen – der 'Saar-Bergmann' von 1937; insbesondere dessen von verhaltener Aggressivität geprägte Gesamthaltung und seine markanten, abschätzigen Züge wurden durch entsprechend gewählte Abbildungen betont.
Aus dem Text des Buches seien hier zunächst jene Passagen angesprochen, die sich mit dem Bruch in Koelles Werk beschäftigen, da die Interpretation dieser Bruchstelle von besonderem Interesse sein dürfte.
"Die Sprache der Formen, die früher wühlend und bewegt war, wird ruhiger, gefaßter, strenger…. Man würde es sich zu leicht machen, wenn man Partei nehmen würde, entweder für die früheren Arbeiten oder für die späteren. In der Kunst ist es nicht so wie in der Moral, wo man davon reden kann, daß jemand besser oder schlechter wird. In der Kunst werden die Werke anders, weil sich das Leben des Künstlers bewegt, weil es eine Welt und ein Programm durchmessen hat und nun eine neue Welt aufstößt und ein neues Programm zu erfüllen beginnt. Deswegen gibt es aber die alte Welt auch noch…. Das Werk mußte erst einmal den Boden der Tatsachen unter sich haben. Das war die vorderste Bedingung für das Leben und die Entwicklung. Aus der Kenntnis und der Mühe der Jahre hat sich jetzt das Monumentale erheben dürfen, so daß es als die großartige Summe der Arbeit dasteht."
[161]
Während wir in den vorausgegangenen Darstellungen den Wandel im Schaffen Koelles als einen – von außen gewaltsam erzwungenen – Bruch darlegen konnten, wurde er hier als Ergebnis einer fortschreitenden inneren Entwicklung des Künstlers angegeben. Der Text verrät etwas vom Ausmaß an Verleugnung, das hier offensichtlich erforderlich war, um der NS-Kulturpolitik gegenüber zumindest loyal zu erscheinen: der brutale Einriff von außen wurde in den Künstler hineinverlegt und erhielt somit nachträglich die Verbrämung eines inner-künstlerischen Vorgangs. Verfälschend verfährt der Text auch dort, wo er geradezu schwelgerisch die Spuren der harten Arbeit, von der die Gestalten Koelles gezeichnet sind, beschreibt, dabei aber die angeblich dargestellte Bewältigung der Arbeit durch den Menschen betont, wo in Wahrheit die Figuren in ihrer Erschöpfung Ausdruck der Überwältigung des Menschen durch die Arbeit sind. "Wieder ist die Kunst des Porträtierens leidenschaftlich eingedrungen in die Schluchten des Gesichts, hat feste Ufer mit den Stirnen, Jochbögen und Nasenrücken gebaut, sie schwillt mit dem Fleisch der Lippen, und sie verliert sich im Dunkel der Augenhöhlen und Halsgruben. Wieder ist jedes Gesicht ein unverwechselbares, ein einmaliges, und wieder kommt in jedem Gesicht ein allgemeines Schicksal zur Sprache. Es ist das Schicksal der Arbeit und die Macht des Menschen, der die Arbeit bewältigt."[162]
Wie bereits im Aufsatz des gleichen Autors über Koelle in der Zeitschrift Die Kunst, verteidigt der Autor in engagierter Weise den — immer noch spürbaren — Realismus Koelles; auf die zum Teil identischen Textpassagen braucht hier nicht eingegangen zu werden. Im Buch wird die Verteidigung zu einer Kritik an leerem künstlerischem Pathos verlängert. "Daß die Kunst vom Individuellen zum Typischen, vom besonderen Fall zum Allgemeinen fortschreitet, ist von je her ihre Berufung und ihr Amt. Doch verhält es sich damit so, daß es eine Grenze des Typischen gibt, über die hinaus das Typische nicht weitergetrieben werden kann, weil es seine Kraft entleeren würde, weil es zur Dekoration oder zum Schema würde. Das Typische darf aus dem Individuellen hervorleuchten, aber es darf sich nicht vom Individuellen lossagen."[163]
An verschiedenen Punkten des Textes wurde das Werk Koelles — im Sinne einer Absicherung gegen Kritik — eng mit der Politik des NS-Regimes verknüpft, z. B. mit Militarismus und Führer-Kult. "So wie es den unbekannten Soldaten gibt, gibt es den unbekannten Arbeiter. Der Bildhauer Fritz Koelle hat sein Leben daran gewandt, den unbekannten Arbeiter zu ehren."[164] "Zur Erinnerung an den Sieg der deutschen Sache im Saar-Gebiet ist der 'Betende Bergmann' in den Besitz des Führers übergegangen."[165]
Für das Jahr 1939 ist neben der besprochenen Veröffentlichung für die Rezeption Koelles weiterhin festzuhalten, daß auf Veranlassung des Städtischen Kulturamtes in München die 3,60 Meter hohe Plastik "Isar-Flößer" auf dem Gelände des Münchner Floßhafens aufgestellt wurde.
Auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" 1939 war Koelle mit den Plastiken 'Architekt Thomas Wechs' und 'Der erste Mann vom Hochofen' vertreten. 1940 mit insgesamt acht Werken: 'Knabenportrait' (Bronze), 'Der Bergmann' (Bronze), 'Der Isar-Flößer' (Bronze), 'Der Schachthauer' (Bronze), 'Bildnis Horst Wessels' (Bronze), 'Der Walzmeister"' (Bronze), 'Selbstbildnis' (Bronze), 'Der erste Mann vom Blockwalzwerk' (Gips).
Im Ausstellungs-Katalog "Große Deutsche Kunstausstellung" 1940 war der Walzmeister aus dem Jahre 1930 — ohne Angabe des Entstehungsdatums — abgebildet; hier lag offensichtlich ein Interesse vor, in den Abbildungsteil des Katalogs auch sozialkritische Kunstwerke aufzunehmen, was auch die Auswahl einer formal wenig ausgereiften Zeichnung "Der illegale Kämpfer" [Abb. siehe Buch] für den Abbildungsteil belegt. Diese farbige Zeichnung von Albert Janesch stand deutlich in der Bildtradition der Massenagitationsszene, in deren Mittelpunkt hier ein umjubelter SA-Mann mit proletarischen Zügen und Hakenkreuzfahne stand. Die Abbildung der Koelleschen Plastik von 1930 verweist zudem erneut auf Skrupellosigkeit und Widersprüchlichkeit innerhalb der NS-Kunstpolitik. Generell hatte die NS-Kunstpolitik künstlerische Intentionen, wie sie beispielsweise die genannte Plastik zutage treten ließ, vernichtet, die künstlerisch-aktive Basis für die Entstehung solcher Kunstwerke war damit nicht mehr vorhanden; ein von oben her kontrollierter, sicher auch mit sozialpolitischem Kalkül verbundener Einsatz von Kunstwerken der angesprochenen Tendenz wurde dennoch wiederholt vorgenommen (vgl. dazu Kapitel 2.2.[siehe Buch]).
Den Koelleschen Arbeiterfiguren war trotz aller Monumentalität ein gewisser Realismus — insbesondere in der Arbeitskleidung — geblieben, eine Diskrepanz, auf die in Besprechungen zur "Großen Deutschen Kunstausstellung" in der Zeitschrift Die Kunst im Dritten Reich wiederholt hingewiesen wurde. "Diese sportlichen Darstellungen leiten schon zu den mehr naturalistischen Darstellungen über, zu den Plastiken von Wilhelm Otto und Paul Eschert, zu dem ausgezeichnet geschnitzten 'Minenstecher' von Bernd Hartmann-Wiedenbrück, zu den Arbeiterplastiken von Ernst Kunst und Fritz Koelle, der immer weiter in eine monumentale Realistik vorstößt."
[166]
Anläßlich der "Großen Deutschen Kunstausstellung" 1941, auf der Koelle mit den Arbeiten "Der Hammermeister", "Der erste Mann vom Hochofen", "Der hockende Bergmann" (1929), "Stier", "Kalb", "Lamm", "Bildnis Ministerialrat Sterner", "Selbstbildnis" vertreten war, schrieb Werner Rittich:
"Neben den figürlichen Aktgestaltungen, die sich in Auffassung und Stil einer klassischen Formgebung nähern, stehen in diesem Jahr auch wieder einige Plastiken, die in Thema und Gewand direkt auf die Gegenwart bezugnehmen, die auf den Akt verzichten und bewußt realistisch gestaltet sind, diese Realistik aber ins Monumentale steigern. Hierher gehören einige bereits bekannte Arbeiterplastiken von Fritz Koelle und — als große Überraschung — die großen Werke 'Der Bergmann' und 'Der Eisenhüttenmann' des jungen Hans Breker, die inhaltlich durch die energische aktive Haltung und stilistisch durch den Zusammenschluß großer Flächen zu plastischer Wirkung von Bedeutung sind."
[167]
Es folgen Zitate des gleichen Autors in der gleichen Kunstzeitschrift aus den Jahren 1942 und 1943. "Wieder sieht man in dieser Ausstellung einige Werke, die Gewandfiguren sind und trotz des näheren realen Eindrucks eine Steigerung ins Monumentale geben, wie sie besonders bei den Arbeiter-Plastiken von Koelle, Enseling und den Soldatengestalten von Guido Martini in Erscheinung tritt."[168]
"Zwar finden sich in dieser Ausstellung auch einige Werke, die dem Realen näherstehen. Die Arbeitergestalten von Fritz Koelle, der 'Hufstürmende Grenadier' von Schmid-Ehmen, der 'Schwertschleifer' von Ernst Kunst und der 'Wurfleinenwerfer‘'von Otto Placzek haben durch Gewand und Werkzeug, das ihnen beigegeben wurde, Züge, die direkt auf Zeit und Leben bezugnehmen. Aber auch bei den besten dieser Werke ist durch Zusammenfassung der Einzelheiten zu großer Form eine Steigerung ins Monumentale angestrebt, die diese Plastiken aus der bloßen plastischen Schilderung heraushebt, sie in die Sfäre des Sinnbildlichen drängt und so in das gesamte Bild der deutschen Plastik der Gegenwart einbezieht."[169]
Koelle war 1940/41 auf der "Großen Berliner Kunstausstellung" (7.12.1940 – 31.1.1941, Leitung: Prof. Schweitzer-Mjölnir) mit der Großfigur 'Der erste Mann am Hochofen' vertreten, ferner auf der am 11 .1.1941 eröffneten, ebenfalls von Prof. Schweitzer-Miölnir geleiteten "Ausstellung des Hilfswerks für deutsche bildende Kunst", einer Verkaufs-Ausstellung, veranstaltet von der NS-Volkswohlfahrt.
Der beschriebene und auch in den soeben zitierten Besprechungen angeklungene — mit zunehmender Monumentalisierung deutlicher werdende — Bruch im Ausdruck der nach 1933 geschaffenen Arbeiter-Plastiken Koelles mag der Grund für eine — vom Sohn Koelles berichtete — Mißfallensäußerung Hitlers gegenüber der Koelleschen Arbeiter-Plastiken anläßlich einer Eröffnung der "Großen Deutschen Kunstausstellung" gewesen sein:
"Bei der Ausstellungseröffnung, ich glaube es war 1940, äußerte Hitler zu seiner Begleitung, er wolle nun im nächsten Jahr von Koelle keine Arbeiter mehr sehen, sondern ein nacktes Mädchen. Darauf kamen Gauleiter Giesler und Robert Ley ins Atelier, um den Wunsch des Führers zu übermitteln. Mein Vater, der jahrelang keine Frauen mehr gestaltet hatte, versuchte sich von diesem Auftrag zu befreien, was ihm aber nicht gelang, da man ihn massiv unter Druck setzte. Er schuf dann die 'Spitzentänzerin'. Dieses Mädchen war bekleidet und damit der Wunsch des Führers nicht erfüllt.
Er machte eine zweite Plastik, wieder bekleidet. Der Ärger des Gauleiters war maßlos. Da entstand die dritte Tänzerin. Wieder nicht nackt, sondern mit einem Hemdchen bekleidet, das gerade die Stelle bedeckte, auf die es offenbar ankam. Jetzt sagte mein Vater, kann er nicht mehr arbeiten. Er hat nichts zu essen und kann das Atelier nicht mehr heizen und hoffte, dadurch frei zu werden. Es half nichts. Er bekam zusätzlich Lebensmittelkarten und Bezugsscheine für Kohle. Der Wunsch des Führers mußte erfüllt werden. Er schuf dann als Ersatz eine nackte Turmspringerin. … Bei diesem letzten Auftrag, es muß sich um das Jahr 1942 oder 1943 handeln, fanden Gestapo-Kontrollen statt, die sich von dem Fortgang der Arbeiten zu überzeugen hatten und außerdem ganz nebenbei das Atelier, Schreibtisch und Schränke untersuchten und Schriftstücke mitnahmen. Wer nicht in der damaligen Zeit gelebt hat, kann es sich heute schwer vorstellen, was damals auf einen freischaffenden Künstler zukam. Natürlich mag es für Käthe Kollwitz leicht gewesen sein, nicht mehr zu arbeiten, da sie doch wirtschaftlich unabhängig war, was auf meinen Vater keinesfalls zutraf. Er mußte seine Familie ernähren und überleben."
[170]
In den Jahren 1942 – 1944 war Koelle auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" mit folgenden Arbeiten vertreten:
1942 "Kopf eines Walzmeisters", "Der Bergmann", "Elefant", "Selbstbildnis", "Die Spitzentänzerin".
1943 "Prof. E. Boehe", "Bildnis Bergmann", "Der Bauarbeiter", "Der Büchsenmachermeister".
1944 "Träger des Ritterkreuzes mit Eichenlaub und Schwertern, Major Baumbach" (Zink), "Spitzentänzerin I", "Deutscher Boxer I", "Deutscher Boxer II", "Bildnis Elias Holl".
Bedenkt man noch einmal den geschilderten Vorgang um die Herstellung einer nackten Frauengestalt — ob er sich nun im Detail so abgespielt hat, wie ihn Koelles Sohn schildert, oder nicht, sei dahingestellt —, so mag er zunächst skurril anmuten; dennoch ist er symptomatisch für Verfall und Zerstörung der künstlerischen Entwicklung eines außerordentlich befähigten Plastikers, der sich vor 1933 in kritisch-realistischer Weise mit dem Thema 'Arbeiter' auseinandergesetzt hatte. Sein Schaffen wurde 1933 diffamiert, in seinem Wesen gebrochen, durch das NS-Regime in eine entgegengesetzte Richtung gezwungen und in vielfältiger, widerspruchsvoller Weise im politischen und kunstpolitischen Bereich eingesetzt und mißbraucht. Schließlich wurde der Künstler mehr und mehr zur Aufgabe seines ihm eigenen Themas 'Arbeiter' gezwungen. (Vgl. dazu "Turmspringerin" und "Der Büchsenmachermeister", 1943.)
Als "1933 getroffene, dann umgelenkte und überforderte, schließlich im Krieg gelähmte"
[171] Kunst charakterisierte auch Norbert Lieb die Zeitspanne zwischen 1933 und 1945 im Werk Koelles anläßlich der Ausstellung "Fritz Koelle, Arbeiter in Hütten und Gruben" im Museum der Stadt Homburg (Saar). ¤
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Die Quellenangaben sind dem gedruckten Buch zu entnehmen,
ebenso die im Text auf andere Kapitel verweisenden Stellen.
Die Kapitel im Original 2.3.1, 
2.3.2 ff wurden hier einfachkeitshalber als 1., 2. ff wiedergegeben
Fußnoten (die fortlaufende Nummerierung der Buchausgabe wurde beibehalten):

  69 Die Darstellungsweise ist in typischer Form in folgenden Werken Meuniers ausgeprägt: "Der Dockarbeiter", 1893 (Plastik); "Rückkehr von der Grube" (Relief zum Denkmal der Arbeit); "Heimkehr der Bergleute", 1905 (Öl auf Leinwand)
  70 Nach Aussage von Fritz Koelle jr. wurde diese Plastik nach 1933 mit der Bezeichnung "Zuchthäusler" diffamiert.
  71 Die Idee, die Arbeit des Bergmannes unter Tage dadurch sichtbar, zu machen, daß die Stollen querschnitthaft geöffnet dargestellt wurden, ist schon in Dastellungen des Mittelalters greifbar; unmittelbares Vorbild für Koelles Relief dürfte Meuniers Relief "Bergwerk", 1901, für das Denkmal der Arbeit gewesen sein, das eben falls einen geöffneten Stollenraum zeigt. Die Bergleute in Meuniers Relief haben allerdings einen bedeutend weiteren Raum um sich, ledig lieh der vorderste Bergarbeiter ist in halb liegender Position dargestellt.
  72 Völkischer Beobachter, 4.9.1933
  73 Ebd.
  74 Katalog der Ausstellung "Fritz Koelle", Museum der Stadt Homburg, 1957, S.30
  75 Vossische Zeitung, Berlin, 5.11.1927
  76 Düsseldorfer Nachrichten, 22.1.1927
  77 Nachlaß Fritz Koelle, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Zeitungsartikel überschrieben "Ausstellung in München, Kunstausstellung 1932 im Deutschen Museum", mit handschriftlicher Aufschrift: "Münchner Neueste Nachrichten, 1932, Große Sommer-ausstel."
  78 Deutsche Tageszeitung, Berlin, 5.11.1927
  79 Stolze, G., "Der Bildhauer Fritz Koelle", Zeitungsausschnitt Nachlaß Koelle mit handschriftlicher Aufschrift: Augsburger Nachrichten, 1927
  80 Süddeutsche Zeitung, 12.11.1927
  81 Tägliche Rundschau, Berlin, 5.11.1927
  82 Berliner Tageblatt, 5.11.1927
  83 Die Kunst, 29. Jg., Nr. 9, 1928, S. 273 ff.
  84 Münchner Neueste Nachrichten, 28.11.1927
  85 Die Kunst, Heft 11, August 1936, S. 331
  86 Die Kunst, Heft 11, August 1934, S. 335-336
  87 Vgl. Kammerer, Ernst, "Fritz Koelle", Die Kunstbücher des Volkes, kleine Reihe, Band 2, hrsg. von Konrad Lemmer, Berlin 1939
  88 Ein im Besitz des Industriellen Dr. Schwarz befindlicher Abzug des retuschierten Fotos zeigt bei Betrachtung mit der Lupe seitens des Verfassers deutlich die nachträglich ergänzten Backsteine der Fabrikwand, vor der die Plastik fotografiert wurde.
  89 KIDR [Kunst im Dritten Reich], Jg. 2, 1938, S. 132 ff.
  90 Ebd., S. 138-139
  91 Katalog "Lob der Arbeit, Kunst-Ausstellungveranstaltet von der Nationalsozialistischen Kulturgemeinde", Berlin, 25.11. – 20.12.1936, o.O.
  92 Ebd., S. 4-5
  93 Zeitungsausschnitt, Nachlaß Koelle, a.a.O., mit handschriftlicher Aufschrift: "Neue Augsburger 1936"
  94 Saarbrücker Landeszeitung, 7.6.1936
  95 Moson, "Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft", a.a.O., S. 169
  96 Ebd., S. 154
  97 Handschriftlicher Lebenslauf, verfaßt von Fritz Koelle am 21.3.1949; Nachlaß F. Koelle, a.a.O.
  98 Völkischer Beobachter, 4.9.1933
  99 Zeitungsausschnitt ohne nähere Angaben im Besitz von F. Koelle jr.
100 Die beschlagnahmte Plastik stand nach Angaben von Fritz Koelle jr. auf dem Gelände des Städtischen Bauhofs und wurde in den vierziger Jahren eingeschmolzen.
101 Schreiben des Stadtrates Hans Flüggen (Abschrift) an Fritz Koelle vom 8.2.1934; Abschrift Nachlaß F. Koelle, a.a.O.
102 Schreiben des Stadtrates Hans Flüggen an die Adjutantur des Staatsministeriums des Innern vom 31.1.1934; Abschrift Nachlaß F. Koelle, a.a.O.
103 Schreiben des Johann Fischer (Abschrift) an Herrn Pg. Karl Baumann vom 23.11.1933; Abschrift Nachlaß F. Koelle, a.a.O.
104 Maschinenschriftlicher Text (Abschrift) überschrieben: "Urteil des Prof. Dr. Pinder", Nachlaß F. Koelle, a.a.O.
105 Maschinenschriftlicher Text, überschrieben: "Bestätigung des Dr. C. Weickert", Nachlaß F. Koelle, a.a.O.
106 Ebd.
107 Maschinenschriftlicher Text (Abschrift) überschrieben: "Bestätigung" vom 26.1.1934, Nachlaß F. Koelle, a.a.O.
108 Schreiben des Stadtrats Hans Flüggen an die Adjutantur des Staatsministeriums des Innern vom 31.1.1934, a.a.O.
109 Zeitungsausschnitt im Besitz von F. Koelle jr. mit handschriftlicher Aufschrift: "Völkischer Beobachter" am 22.6.1934
110 Der 1933 entfernte "Blockwalzer" Koelles stand in der Münchner Siedlung Neu-Ramersdorf
111 Saarbrücker Landeszeitung vom 7.6.1936
112 München-Augsburger Abendzeitung, 1. Beiblatt, 26.9.1934, "Aus der Welt von Kohle und Eisen, Gestalten der Arbeit"
113 Ebd.
114 Ebd.
115 Ebd.
116 Ebd.
117 Ebd.
118 Ebd.
119 Saarbrücker Landeszeitung vom 7.6.1936
120 Zeitschrift Volksstimme, Organ der sozialdemokratischen Partei für das Saargebiet, Saarbrücken 21.9.1934
121 Kunst der Nation, 2. Januar-Ausgabe 1935, S. 6
122 Zeitungsausschnitt Nachlaß F. Koelle, a.a.O., mit handschriftlicher Aufschrift: Völkischer Beobachter vom 8. Oktr. 1935"
123 Saarbrücker Landeszeitung vom 7.6.1936
124 Die Kunst, Januar 1936, H. 4, S. 110-115
125 Ebd., S. 110
126 Ebd., S. 112
127 Ebd., S. 112
128 Ebd., S. 112
129 Ebd., S. 112
130 Ebd., S. 112
131 Ebd., S. 112-115
132 Vgl. dazu die Beschreibung der Plastik S. 6 [siehe Buch]
133 Die Kunst, Januar 1936, H. 4, S. 114
134 Ebd., S. 114
135 Saarbrücker Landeszeitung vom 7.6.1936
136 Gedruckter Text auf der Rückseite der Postkarte zu dieser Veranstaltung
137 KIDR, Jg. 2, 1938, F. 5, S. 139
138 Kammerer, Ernst, "Fritz Koelle", a.a.O.
139 Ebd., S. 30
140 Nachfolgend geschilderter Sachverhalt zur Schenkung der Plastik an Hitler wurde dem Verfasser in einem Gespräch mit Dr. Schwarz 1975 bestätigt.
141 Schreiben Fritz Koelle jr. an den Verfasservom 21.2.1975, S. 2
142 Abgebildet im Katalog war allerdings nur "Bildnis Dr. Haus"
143 Münchner Neueste Nachrichten vom 20.6.1936
144 Ebd.
145 Ebd.
146 Zeitungsausschnitte im Nachlaß F. Koelle, a.a.O., mit handschriftlicher Aufschrift: "Münchner Neueste Nachrichten", Jan. 1936; "Düsseldorfer Zeitung", Febr. 1936; "Augsburger Zeitung", Jan. 1936
147 Ebd.
148 Handschriftlicher Lebenslauf Fritz Koelle, a.a.O.
149 Maschinenschriftlicher Text (Abschrift), überschrieben "Eidesstattliche Erklärung" vom 27.5.1946, Nachlaß F. Koelle, a.a.O.
150 Schreiben Fritz Koelle jr. an den Verfasser, a.a.O., S. 4
151 Münchner Merkur, 23.2.1937
152 Schreiben Fritz Koelle jr. an den Verfasser, a.a.O., S. 2
153 Zeitungsausschnitt Nachlaß F. Koelle, a.a.O., mit gedrucktem Datum "2. März 1937" und handschriftlicher Aufschrift: "Saarbrücker-Zeit., 1937"
154 Mason, "Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft", a.a.O., S. 97
155 Berliner Lokalanzeiger, 9.7.1938, 2. Beiblatt, Nr. 164
156 Kölner Volkszeitung, 31.8.1938
157 Ebd.
158 Kühnl, Reinhard; Hardach, Gerd, "Die Zerstörung der Weimarer Republik", Köln 1977, S. 57/8
159 KIDR, Jg. 3, 1939, F. 7, S. 211
160 Das Werk, 1938, H. 7, S. 261
161 Kammerer, Ernst, "Fritz Koelle", a.a.O., S. 28
162 Ebd., S. 22
163 Ebd., S. 13/14
164 Ebd., S. 5
165 Ebd., S. 30
166 KIDR, Jg. 4, 1940, F. 8/9, S. 275
167 KIDR, Jg. 5, 1941, F. 8/9, S. 271
168 KIDR, Jg. 6, 1942, F. 8/9, S. 231
169 KIDR, Jg. 7, 1943, F. 7/8, S. 175
170 Schreiben Fritz Koelle jr. an den Verfasser, a.a.O., S. 4/5
171 Katalog der Ausstellung "Fritz Koelle", a.a.O., S. 33

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augsburg-ankerzentrum-2018

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Ankerzentrum

Meine Damen und Herren, hier entsteht für Sie ein Ankerzentrum für 1500 Eindringlinge! Die Unterbringung so vieler illegaler Einwanderer auf engstem Raum ist eine Meisterleistung effektiver Planung und Verwaltung der bayerischen Regierung und ein Modell für Deutschland. Bis zu zwei Jahren können wir hier Sozialschmarotzer von der Bevölkerung isolieren, bis die Abschiebung erfolgen kann. Leider dauert das manchmal sehr lang, weil Papiere fehlen oder Länder, auch Transitländer wie Italien oder Griechenland die Rücknahme verweigern. Sorgen, daß nun große Gruppen von Fremden jeder Farbe unser Stadtbild dominieren könnten, sind vollkommen unbegründet. Erstens erhalten sie hauptsächlich Sachleistungen und nur sehr wenig Geld und haben daher eigentlich keine Veranlassung das Lager zum Einkaufen oder zu sonstigen Aktivitäten wie Sport oder Fitneß zu verlassen. Zweitens werden hier untergebrachte Kinder und Jugendliche im Lager selbst mit einem Minimalprogramm unterrichtet und werden infolgedessen nicht durch unsere Straßen streunen und die Stadt unsicher machen. Das entlastet gleichzeitig unsere Schulen enorm, die nun keine Fremden mehr aufnehmen und ihnen mühsam Deutsch beibringen müssen. Praktischerweise unterbleiben so auch Kontakte zwischen deutschen und fremden Schulkindern, wodurch sich gegenseitige Besuche ebenfalls komplett erübrigen. Drittens haben wir alles, was wir erzwungenermaßen diesen Unerwünschten gewähren müssen, weil wir die UN-Konvention für Flüchtlinge nicht vollständig ignorieren können, im Lager selbst, also Abwicklung des Asylverfahrens und medizinische Notversorgung. Das hat gleichzeitig den enormen Vorteil, daß wir unerwünschte Angebote effektiv ausschließen können, wenn wir auch der Opposition in puncto unabhängige Asylberatung und Integrationsleistungen gewisse Zugeständnisse machen mußten. Leider. Im Idealfall wird also kein suspektes Subjekt mehr außerhalb des Lagers angetroffen, da wir alle Anlässe dazu konsequent beseitigt haben. Nicht zuletzt durch völligen Ausschluß von unserem Arbeitsmarkt. Aufgrund EU- und völkerrechtlichen Beschränkungen können wir völlig anlaßloses Verlassen des Lagers wie Spazierengehen oder Aufsuchen eines Rechtsanwaltes zwar nicht ganz unterbinden, wir haben aber effektive Vorsorge getroffen, dieses auf ein absolutes Minimum zu beschränken: Zum einen ist über die Jahre hin mit einem erheblichen Zermürbungseffekt bei den Insassen, zu rechnen, so daß unerwünschte Ansammlungen dieser Spezies in unserem Stadtbild schon durch zunehmende Apathie unterbleiben werden. Zum anderen wird jedes Verlassen und Betreten mittels Chipkarte kontrolliert.

Die Gewerkschaft der Bundespolizei hat die Übernahme des Sicherheitsmanagements in den Ankerzentren mit Hinweis auf angeblich schlechte Erfahrungen mit Großlagern und mit so absurden Argumenten abgelehnt, Ankerzentren widersprächen einem humanen Umgang mit Schutzsuchenden. Es drängt sich der Eindruck auf, daß die Bundespolizisten den Anschluß an den politischen Zeitgeist komplett verpaßt haben. Wir können die Sicherheit um und im Ankerzentrum jetzt aber noch viel besser gewährleisten, denn es konnten eine Reihe privater Sicherheitsdienste engagiert werden, mit denen wir nicht nur finanziell günstiger fahren, sondern unser Isolations- und Abschreckungskonzept genauso effektiv umsetzen können.

Meine Damen und Herren, freuen sie sich auf flüchtlingsfreie Straßen, Plätze, Läden, Schulen, Sportvereine, Arztpraxen, Schwimmbäder, Spielplätze und Parks durch massenhafte Abschiebungen und Wegsperren der übrigen.
Nehmen Sie an der feierlichen Eröffnung des ersten regelrechten Ankerzentrums in Augsburg teil! Feiern Sie mit uns eine neue Epoche des christlichen Abendlandes!

bluete

Brechtfestival 2018

koka

Ich »versus« Wir

Theater von der Theatralik zu trennen, geht wohl nicht. Brecht war offenkundig der Meinung, daß das Theater mit seiner Theatralik als Stilmittel zur Vermittlung wichtiger gesellschaftlicher Anliegen taugt, ja nötig wäre. Das ist nicht der Fall. Und dafür steht exemplarisch der »Fatzer«. Hin- und hergerissen zeigt das Stück Individuen zwischen dem »Ich« und dem »Wir« und zwar ausgerechnet in der extremen Situation der Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg. Dies brachten die vier Amateur-Akteure des theter ensembles im maroden, also passenden Ambiente des City Clubs am 1. März im Rahmen des Brechtfestivals auf die Bühne. Einmal abgesehen von der wirklich exzellenten schauspielerischen Leistung spielte die Theatralik den Inhalt des Stückes geradezu an die Wand. 

Nun ist es ja so, daß im Krieg der Spielraum zwischen dem, was das unmittelbare materielle Interesse des Individuums ist, das eigene (Über)leben, und dem, was man so im allgemeinen Kollegialität nennt, sehr gering ist, denn im Krieg geht es bekanntlich nach Befehl und Gehorsam. Ja noch nicht einmal in Friedenszeiten ist der Spielraum sonderlich groß. Erst einmal muß jeder ja selbst für sein Aus- in und sein Zurechtkommen mit den kapitalistischen Verhältnissen sorgen, bevor er anderen gute Taten erweisen kann. Ja, im Kapitalismus ist es auch so, daß es durchaus erwünscht ist, sein Eigeninteresse nach vorne zu stellen: Wer keinen Unternehmergeist zeigt, muß sich immerzu einreden lassen, daß jeder seines Glückes Schmied sei… Der Faschismus hat diesen Standpunkt einer radikalen Kritik unterzogen: Der Einzelne gilt nichts, der Staat, die »Volksgemeinschaft« alles — die Klassengesellschaft wird offensiv geleugnet. Wer sein eigenes materielles Interesse in den Vordergrund stellte, wurde des Egoismus geziehen und zum Dienst an der Volksgemeinschaft oft genug nicht nur ermahnt, sondern dazu gewaltsam verpflichtet. Kurzum: Insofern hat sich Brecht mit den Begriffen »Egoismus« und »Solidarität« ziemlich vertan. Es scheint ja überhaupt eher Brechts ureigenes Problem gewesen zu sein, materielles Interesse und Moralität unter einen Hut zu bringen. Zum Ausdruck kommt das in der seiner sprichwörtlich gewordenen Sentenz »Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral«. Woraus erklärt sich dies? Eben daraus, daß er den Staat, das Gewaltmonopol, welches er ist und das so gut wie alles bestimmt, als eben das Subjekt der gesellschaftlichen Dinge gar nicht näher in Betracht zieht. Gerade in des Staates höchster Verantwortung, dem Krieg, ein unverzeihlicher Fehler! Einer freilich, der gerade bei den Kommunisten der Weimarer Zeit (und auch später noch) hoch im Kurs stand: Die Vorstellung, daß der Staat nichts anderes wäre als ein Ausschuß der Kapitalistenklasse [Ganz im Gegensatz übrigens zu Marx, der den Staat, der Klassenstaat und nicht der Staat einer Klasse ist, in ökonomischer Hinsicht als den ideellen Gesamtkapitalisten auf den Punkt brachte, also als einen, der sich um die Verwertungsbedingungen des Kapitals sorgt, weil er seinerseits vom Gang der Geschäfte profitieren möchte!], und, sobald von ihr befreit, auch nicht mehr als solcher zu kritisieren sei, vielmehr dann auf die richtige moralische Haltung des Individuums geachtet werden möge. Ganz so, als ob die Moral nicht die Kehrseite der Gewalt wäre, die sie verordnet (was bekanntlich auch in der Sowjetunion unter und seit Stalin so war). Brecht hatte wohl einen Schimmer davon, daß er gar nicht gründlich genug an die Sache herangegangen war, weshalb er den »Fatzer« ein ums andere Mal auch verworfen hat.

Ja, Brecht war ein Suchender; eines war ihm dabei freilich sonnenklar, es ging und es geht nach wie vor um die Scheidung von Wahrheit und Ideologie. Soviel hatte er von Marx immerhin begriffen. Das einzig Peinliche der Brechttage — die im Gegensatz zu früheren diesmal angenehmerweise nicht so großkotzig daherkamen; dafür hatte Leiter Patrick Wengenroth ersichtlich auf mehr Substanz Wert gelegt —- war wohl das, einen alten Dummkopf einzuladen und auf ein Podium zu setzen, einen der nicht einmal weiß, was der Begriff Wahrheit bedeutet. Wahrheit ist das Verhältnis zwischen einer Sache, einem Gegenstand, der gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihrer Erklärung, sofern sie richtig ist. Und insofern sie eben zutreffend ist, hält sie jeder Kritik stand. Dieser Typ meinte stattdesssen: "Meine zentrale These lautet, daß wir heute nicht mehr wie in Brechts Zeiten die Wahrheit gegen Ideologien zu verteidigen haben, sondern die Wahrheit in ihren grausamen Konsequenzen kritisieren müssen. Wer die medizinische Wahrheit einer Krankheitserregung erkannt hat, geht zum Arzt, um sich gerade nicht der Wahrheit des Geschehens zu unterwerfen, sondern gegen sie vorzugehen. Das nennt man »Kritik der Wahrheit«." (Interview mit einem Herrn Brock in: daz-augsburg.de, 02.03.) Und was sollen die grausamen Konsequenzen sein? Als die erkannte Wirklichkeit können die daraus gezogenen Konsequenzen grausam gar nicht sein: Also wenn der Krieg als im Interesse einer für eigene Machtansprüche »zu kurz gekommenen« Nation erkannt ist, die über Leichen geht, dann muß man die Nation doch wohl abschaffen. [Jener Durchblicker hingegen meint offenbar, auf diesem Schluß käme es bei der Wahrheitsfindung nicht an, vielmehr müsse man die Wirklichkeit, gerade dann aushalten, wenn sie als Wahrheit begriffen ist, da gerade das Begreifen der Wahrheit dazu führe, die Gründe für das Übel nicht abzuschaffen! Selten dumm gedacht! (Könnte Filosof von großen Koalitionen sein!)] Und wenn sich das mit allen Staatsgewalten so verhält, dann müssen eben alle Staaten liquidiert werden, um das Leben der zum Schlachtvieh Bestimmten zu erhalten. Dazu bedarf es lediglich der Einsicht eben jener, die als die staatlichen Manövriermassen vorgesehen sind. Und insofern sie das einsehen, werden sie untereinander auch entsprechend — also wenn man es so ausdrücken will: »solidarisch« — handeln. 

All das kann man aus den Kriegen schließen und es wurde gerade aus dem 1. Weltkrieg eben dieser Schluß abgeleitet. Schließlich gab es aus seinem Grund beispielsweise in Deutschland die Novemberrevolution, der sich all die widersetzt haben, die selbst im Krieg partout nicht die Wahrheit der Politik erkennen wollten, wozu auch die national besoffene SPD gehörte (und national besoffen ist jene Partei bis heute geblieben). Literarisch wurde das Thema nicht nur von Brecht in Angriff genommen. Im Gegensatz zu Brecht allerdings, das ist einzuräumen, besser: Bekannt geworden ist hierzulande der — auch verfilmte [»All quiet on the western front«] — Roman von Erich Maria Remarque »Im Westen nichts Neues«. Weitgehend unbekannt geblieben sind die mindestens ebenso guten Romane von Stratis Myrivilis »Das Leben im Grabe« [Η ζωή εν τάφω] und von Gabriel Chevallier »Heldenangst« [La peur]. Wäre vielleicht eine gute Idee, im Anschluß an die Brechttage diese Bücher mal zu lesen. Schließlich ist nach wie vor auch heute noch Feuer auf dem Dach — der aktuelle Bezug, den die vier jungen Leute des theter ensembles mit ihrem Outfit, mit »Midnight Oil« wie mit der Einblendung von Titelblättern neuerer Zeitschriften herstellten, war sehr gelungen! 

(02.03.18)

bluete

Augsburg Mobilitätsdrehscheibe

koka

Staatliche Rechnungen im Zeitalter des fortgeschrittenen Kapitalismus

Die Ansprüche des Kapitals auf Vermehrung sowie der staatliche Anspruch auf die Erträge des Kapitals haben es mit sich gebracht, daß auch ursprünglich dem Staat unterworfene Bereiche entweder privatisiert worden oder aber, sofern dem Staat verblieben, eben einer Bilanzierung unterworfen worden sind, einer Bilanzierung analog der Gewinnrechnung privaten Eigentums. Letzterer Fall findet sich hauptsächlich auf der unteren staatlichen Ebene, also bei den Kommunen, die zwecks Standortpflege sich genötigt sehen, den »Investoren« Leistungen zur Verfügung zu stellen, für die sich privates Investment kaum lohnt. Dazu gehört der öffentliche Personennahverkehr.

Es hat lange gedauert, bis beispielsweise der städtische Betrieb »Stadtwerke Augsburg« aufgeteilt in GmbHs überführt wurde und überführt werden konnte. Was es dazu brauchte, war ein Konzept zur zügigen Kostenbefreiung chronisch defizitärer Geschäftsbereiche.
Und eine diesbezügliche Entdeckung ließ dann nicht lange auf sich warten: Ganz ohne es bei Marx nachzulesen, kamen die Verantwortlichen darauf, daß der Personalbestand »zu aufgebläht«, d.h. zu leistungsschwach, also die Lohnkosten unerträglich hoch waren, so unerträglich, daß ein als vernünftig zu betrachtender Gewinn nicht herausschauen konnte, ja nicht einmal eine ausgeglichene Bilanz. Die Aufgabenstellung lautete also: Wie beim Personal sparen, ohne die Infrastrukturleistungen infrage zu stellen?

Dazu gab es dann einige Ideen, die nur eines bedurften, nämlich einiger Investitionen.
So verfiel man auf die Idee, neue Straßenbahnen zu kaufen, lange Straßenbahnwürmer, deren Fahrer doppelt und dreifach soviel Fahrgäste befördern können sollten als bisher. Dabei sollten nicht etwa weniger Straßenbahnen durch die Stadt rollen, nein, das Verhältnis von zahlenden Fahrgästen zum Kostenfaktor Fahrer sollte verändert, „produktiver“ werden. Dafür daß die nun viel längeren Bahnen problemlos benutzbar werden konnten, mußten freilich die Gleise in so mancher Kurve neu gebaut werden, was sich über einige Jahre hinzog. Letztes großes Problem war der Königsplatz, der bei seinem letzten Umbau vor 40 Jahren natürlich noch auf die damaligen, kürzeren Bahnen zugeschnitten war. Von ihnen paßten locker zwei hintereinander auf die Länge eines Bahnsteigs, von den neuen natürlich nicht. Der Umbau von Kö (und Hauptbahnhof samt Straßenbahnuntertunnelung!) zur »Mobilitätsdrehscheibe« ist also nicht einem Bedürfnis nach Stadtverschönerung geschuldet, vielmehr einer rein ökonomischen Rechnungsweise.

Hinzu kommt der Ausbau des Straßenbahnnetzes insgesamt: Busse, die in ihrer Fahrgastkapazität nie an die einer dieser neuen Trambahnen heranreichen können, werden von ihnen auf Hauptstrecken ersetzt. Wurden in der Nachkriegszeit Schienen abgebaut, so werden sie nun neu verlegt. Alte Straßenbahnlinien — die Linien 3, 5 und 6 — entstanden bzw. entstehen neu, bestehende — 1, 2, 4 — wurden verlängert.
Ob je das Ideal führerloser, ferngesteuerter Straßenbahnen erreicht wird, steht technisch noch in den Sternen. Ein ortsansässiger Roboterfabrikant würde die Herausforderung sicherlich gerne annehmen. In Nürnberg beispielsweise wurde aus den gleichen Gründen ein U-Bahnnetz geschaffen, auf dem bereits führerlose U-Bahnen verkehren.

Daß die Innovationen nicht dem Kunden als solchem geschuldet sind, ist angesichts nach wie vor anhaltender regelmäßiger Fahrpreiserhöhungen offensichtlich. Die Stadtwerke bedienen sich an den Löhnen der Arbeiterklasse, die in die Firma und von dort wieder nach Hause fahren bzw. auch mal sonstwohin, um Besorgungen zu machen, und an den von ihnen finanzierten Kindern, die zur Schule müssen, um später mal das nötige Geld selber zu verdienen, um dann ebenso geschröpft werden zu können.
Der öffentliche Nahverkehr steht somit in Konkurrenz zur Alternative »Auto«, dessen Vor- und Nachteile für den Nutzer an dieser Stelle nicht durchdekliniert werden sollen: Die privaten »Gewinnrechnungen« der Arbeiterklasse entbehren sowieso nicht selbstbetrügerischer Lügen.

Übrigens: Die Stadtväter haben festgestellt, daß Döner- und ähnliche Imbißbuden nicht zur neuen Mobilitätsdrehscheibe passen, dafür also keine Erlaubnis erteilt wird. Wie man sieht, ist in einer modernen Stadt eine Terrorbande wie die NSU schlichtweg überflüssig: Die CSU regelt alles ohne offensichtliche Leichen. Leben, das auch nur den Anschein erweckt, außerhalb der ökonomisch erwünschten gesamtgesellschaftlichen Gewinnrechnung stattzufinden, zählt nicht (mehr). Dies nachdrücklich klarzustellen, ist der Zweck einer breit angelegten Propaganda für die neue Mobilitätsdrehscheibe.

Kurzum: Ein starkes Stück Kapitalismus: Er soll umso mehr geliebt werden, je mehr er einen ankotzt.
(18.10.12)

bluete

Marx_Augsburger-Allgemeine-Zeitung

koka

Karl Marx
Der Kommunismus und die Augsburger »Allgemeine Zeitung«

»Rheinische Zeitung« Nr. 289 vom 16. Oktober 1842; siehe MEW 1, Seite 105-108

|105| *** Köln, 15. Oktober. Die Nr. 284 der Augsburger Zeitung ist so ungeschickt, in der »Rheinischen Zeitung« eine preußische Kommunistin zu entdecken, zwar keine wirkliche Kommunistin, aber doch immer eine Person, die mit dem Kommunismus phantastisch kokettiert und platonisch liebäugelt.

Ob diese unartige Phantasterei der Augsburgerin uneigennützig, ob diese müßige Gaukelei ihrer aufgeregten Einbildungskraft mit Spekulationen und diplomatischen Geschäften zusammenhängt, mag der Leser entscheiden – nachdem wir das angebliche corpus delicti vorgeführt haben.

Die »Rheinische Zeitung«, erzählt man, habe einen kommunistischen Aufsatz über die Berliner Familienhäuser in ihr Feuilleton aufgenommen und mit folgender Bemerkung begleitet: Diese Mitteilungen »dürften für die Geschichte dieser wichtigen Zeitfrage nicht ohne Interesse sein«; folgt daher nach der Augsburger Logik, daß die »Rheinische Zeitung« »dergleichen ungewaschenes Zeug empfehlend aufgetischt«. Also wenn ich z.B. sage: »folgende Mitteilungen des ›Mefistofeles‹ über den innern Haushalt der Augsburger Zeitung dürften nicht ohne Interesse für die Geschichte dieser wichtigtuenden Dame sein«, so empfehle ich die schmutzigen »Zeuge«, aus denen die Augsburgerin ihre bunte Garderobe zusammenschneidet? Oder sollten wir den Kommunismus schon deshalb für keine wichtige Zeitfrage halten, weil er keine courfähige Zeitfrage ist, weil er schmutzige Wäsche trägt und nicht nach Rosenwasser duftet?

Allein mit Recht grollt die Augsburgerin unserm Mißverstand. Die Wichtigkeit des Kommunismus besteht nicht darin, daß er eine Zeitfrage von höchstem Ernst für Frankreich und England bildet. Der Kommunismus besitzt die europäische Wichtigkeit, von der Augsburger Zeitung zu einer Phrase |106| benutzt worden zu sein. Einer ihrer Pariser Korrespondenten, ein Konvertit, der die Geschichte behandelt wie ein Konditor die Botanik, hat jüngst einmal den Einfall gehabt: die Monarchie müsse die sozialistisch-kommunistischen Ideen in ihrer Weise sich anzueignen suchen. Versteht ihr nun den Unmut der Augsburgerin, die uns nie verzeihen wird, daß wir den Kommunismus in seiner ungewaschenen Nacktheit dem Publikum bloßgestellt; versteht ihr die verbissene Ironie, die uns zuruft: so empfehlt ihr den Kommunismus, der schon einmal die glückliche Eleganz besaß, eine Phrase der Augsburger Zeitung zu bilden!

Der zweite Vorwurf, der die »Rheinische Zeitung« trifft, ist der Schluß eines Referats aus Straßburg über die bei dem dortigen Kongreß gehaltenen kommunistischen Reden, denn die beiden Stiefschwestern hatten sich in die Beute so geteilt, daß der Rheinländerin die Verhandlungen und der Bayerin die Mahlzeiten der Straßburger Gelehrten zufielen. Die inkriminierte Stelle lautet wörtlich also:

»Es ist heute mit dem Mittelstande so wie mit dem Adel im Jahre 1789; damals nahm der Mittelstand die Privilegien des Adels in Anspruch und erhielt sie, heute verlangt der Stand, der nichts besitzt, teilzunehmen am Reichtume der Mittelklassen, die jetzt am Ruder sind. Der Mittelstand hat sich nun heute gegen eine Überrumpelung besser vorgesehen als der Adel im Jahre 89, und es steht zu erwarten, daß das Problem auf friedlichem Wege wird gelöst werden.«

Daß Sieyès' Prophezeiung eingetroffen und daß der tiers état |dritte Stand| alles geworden ist und alles sein will – Bülow-Cummerow, das ehemalige »Berliner politische Wochenblatt«, Dr. Kosegarten, sämtliche feudalistische Schriftsteller bekennen es mit wehmütigster Entrüstung. Daß der Stand, der heute nichts besitzt, am Reichtum der Mittelklassen teilzunehmen verlangt, das ist ein Faktum, welches ohne das Straßburger Reden und trotz dem Augsburger Schweigen in Manchester, Paris und Lyon auf den Straßen jedem sichtbar umherläuft. Glaubt etwa die Augsburgerin, ihr Unwillen und ihr Schweigen widerlegten die Tatsachen der Zeit? Die Augsburgerin ist impertinent im Fliehen. Sie reißt aus vor verfänglichen Zeiterscheinungen und glaubt, der Staub, den sie beim Ausreißen hinter sich aufwirbelt, sowie die ängstlichen Schmähworte, welche sie auf der Flucht zwischen den Zähnen hinmurmelt, blendeten und verwirrten die unbequeme Zeiterscheinung wie den bequemen Leser,

Oder grollt die Augsburgerin der Erwartung unseres Korrespondenten, die unleugbare Kollision werde sich »auf friedlichem Wege« lösen? Oder wirft sie uns vor, daß wir nicht sofort ein probates Rezept verschrieben und |107| einen sonnenklaren Bericht über die unmaßgebliche Lösung des Problems dem überraschten Leser, in die Tasche spielten? Wir besitzen nicht die Kunst, mit einer Phrase Probleme zu bändigen, an deren Bezwingung zwei Völker arbeiten.

Aber liebste, beste Augsburgerin, Sie geben uns bei Gelegenheit des Kommunismus zu verstehen, daß Deutschland jetzt arm ist an unabhängigen Existenzen, daß neun Zehntel der gebildeteren Jugend den Staat anbetteln um Brot für ihre Zukunft, daß unsere Ströme vernachlässigt, daß die Schiffahrt darniederliegt, daß unsern ehemals blühenden Handelsstädten der alte Flor fehlt, daß die freien Institutionen erst auf langsamem Wege in Preußen erstrebt werden, daß der Überfluß unserer Bevölkerung hilflos umherirrt, um in fremden Nationalitäten als Deutsche unterzugehen, und für alle diese Probleme kein einziges Rezept, kein Versuch, »klarer über die Mittel zur Ausführung« der großen Tat zu werden, die uns von all diesen Sünden erlösen soll! Oder erwarten Sie keine friedliche Lösung? Fast scheint ein anderer Artikel derselben Nummer, von Karlsruhe datiert, dahin zu deuten, wo selbst in bezug auf den Zollverein die verfängliche Frage an Preußen gerichtet wird: »Glaubt man, eine solche Krisis würde vorübergehen wie eine Rauferei um das Tabakrauchen im Tiergarten?« Der Grund, den Sie für Ihren Unglauben debütieren, ist ein kommunistischer. »Nun lasse man eine Krisis über die Industrie losbrechen, lasse Millionen an Kapital verlorengehen, Tausende von Arbeitern brotlos werden.« Wie ungelegen kam unsere »friedliche Erwartung«, da Sie einmal beschlossen hatten, eine blutige Krisis losbrechen zu lassen, weshalb wohl in Ihrem Artikel Großbritannien auf den demagogischen Arzt Dr. M'Douall, der nach Amerika ausgewandert, weil »mit diesem königschen Geschlecht doch nichts anzufangen sei«, nach Ihrer eigenen Logik empfehlend nachgewiesen wird.

Eh' wir uns von Ihnen trennen, möchten wir Sie noch vorübergehend auf Ihre eigene Weisheit aufmerksam machen, da es bei Ihrer Methode der Phrasen nicht wohl zu umgehen ist, harmloserweise hie und da einen Gedanken zwar nicht zu haben, aber eben deshalb auszusprechen. Sie finden, daß die Polemik des Herrn Hennequin aus Paris gegen die Parzellierung des Grundbesitzes denselben mit den Autonomen in eine überraschende Harmonie bringt! Die Überraschung, sagt Aristoteles, ist der Anfang des Philosophierens. Sie haben beim Anfang geendet. Würde Ihnen sonst die überraschende Tatsache entgangen sein, daß kommunistische Grundsätze in Deutschland nicht von den Liberalen, sondern von Ihren reaktionären Freunden verbreitet werden?

Wer spricht von Handwerkerkorporationen? Die Reaktionäre. Der Handwerkerstand soll einen Staat im Staat bilden. Finden Sie es auffallend, daß |108| solche Gedanken, modern ausgedrückt, also lauten: »Der Staat soll sich in den Handwerkerstand verwandeln«? Wenn dem Handwerker sein Stand der Staat sein soll, wenn aber der moderne Handwerker, wie jeder moderne Mensch, den Staat nur als die all seinen Mitbürgern gemeinsame Sphäre versteht und verstehen kann, wie wollen Sie anders beide Gedanken synthesieren als in einen Handwerkerstaat?

Wer polemisiert gegen die Parzellierung des Grundbesitzes? Die Reaktionäre. Man ist in einer ganz kurz erschienenen feudalistischen Schrift (Kosegarten über Parzellierung) so weit gegangen, das Privateigentum ein Vorrecht zu nennen. Das ist Fouriers Grundsatz. Sobald man über die Grundsätze einig ist, läßt sich nicht über die Konsequenzen und die Anwendung streiten?

Die »Rheinische Zeitung«, die den kommunistischen Ideen in ihrer jetzigen Gestalt nicht einmal theoretische Wirklichkeit zugestehen, also noch weniger ihre praktische Verwirklichung wünschen oder auch nur für möglich halten kann, wird diese Ideen einer gründlichen Kritik unterwerfen. Daß aber Schriften, wie die von Leroux, Considérant und vor allen das scharfsinnige Werk Proudhons, nicht durch oberflächliche Einfälle des Augenblicks, sondern nur nach lang anhaltendem und tief eingehendem Studium kritisiert werden können, würde die Augsburgerin einsehen, wenn sie mehr verlangte und mehr vermöchte als Glacéphrasen. Um so ernster haben wir solche theoretischen Arbeiten zu nehmen, als wir nicht mit der Augsburger übereinstimmen, welche die » Wirklichkeit« der kommunistischen Gedanken nicht bei Plato, sondern bei ihrem obskuren Bekannten findet, der nicht ohne Verdienst in einigen Richtungen wissenschaftlicher Forschung sein ganzes ihm damals zur Verfügung stehendes Vermögen hingab und seinen Verbündeten Teller und Stiefel nach dem Willen des Vaters Enfantin putzte. Wir haben die feste Überzeugung, daß nicht der praktische Versuch, sondern die theoretische Ausführung der kommunistischen Ideen die eigentliche Gefahr bildet, denn auf praktische Versuche, und seien es Versuche in Masse, kann man durch Kanonen antworten, sobald sie gefährlich werden, aber Ideen, die unsere Intelligenz besiegt, die unsere Gesinnung erobert, an die der Verstand unser Gewissen geschmiedet hat, das sind Ketten, denen man sich nicht entreißt, ohne sein Herz zu zerreißen, das sind Dämonen, welche der Mensch nur besiegen kann, indem er sich ihnen unterwirft. Doch die Augsburger Zeitung hat die Gewissensangst, welche eine Rebellion der subjektiven Wünsche des Menschen gegen die objektiven Einsichten seines eigenen Verstandes hervorruft, wohl nie kennengelernt, da sie weder eigenen Verstand noch eigene Einsichten noch auch ein eigenes Gewissen besitzt.

bluete

Augsburg Geschichte in Daten

koka

Kurze Geschichte Augsburgs in Daten:

0015 v. Chr., 28. September: Gegründet von den römischen Feldherren Drusus und Tiberius, die an Stelle germanischer Siedlung, ein Militärlager errichten, das sich schon bald zur Stadt entwickelt, die zu Ehren des Kaisers Augustus "Augusta Vindelicum" (Vindo=Wertach, Licus=Lech) genannt wird; die an dieser Stelle gelegene vorhistorische Stadt soll den Namen Cisaria (nach einer Göttin) getragen haben
0080 n. Chr. Die erste Straße, die Via Claudia Augusta, deren Bau unter Kaiser Claudius (41-54) begann (46/47), wird fertiggestellt: Sie verband Augsburg mit Venedig
0098 Tacitus nennt die Stadt in seiner "Germania" splendidissima Raetiae provinciae colonia"
0122 Kaiser Älius Hadrianus (117-130) verleiht der Stadt das römische Stadtrecht, seine Schwägerin Medicia siedelt sich hier an; Augsburg wird Hadrian zu Ehren auch Aelia Augusta genannt
0150 (ca.) Der griechische Geograf Ptolemäos führt sie als Αυγούστα Ουινδελικών an
0260 Sieg der Römer gegen die Juthungen
0271 Nach wiederholten Vorstoßen der Alamannen und anderer Stämme Belagerung der Stadt und Entsetzung durch Kaiser Aurelian
0294 Teilung der römischen Provinz Raetia in Raetia Prima (Hauptstadt Chur) und Raetia Secunda (Hauptstadt Augsburg), der Dux (Militärbefehlshaber) für beide Bezirke bleibt offenbar in Augsburg
0304 Die Prostituierte Afra, von Bischof Narcissus zum christlichen Glauben bekehrt, wird auf einer Lechinsel verbrannt – ihr zu Ehren entsteht ca. 565 ein christlicher Märtyrer-Kult
0352/53 sowie 365 und 370 Einfälle der Alamannen und 383/4 mit den Juthungen
0356/57 Einfälle der Sueben und Juthungen
0400 Letztes römisches Zeugnis von Augsburg im römischen Staatshandbuch
0430 (ca.) Der "letzte Römer" Aetius, Statthalter in Augsburg, kann ein letztes Mal den Alamannen standhalten
0450 (ca.) Die Alamannen erobern Augsburg
0506 Unter Ostgotenherrschaft (König Theoderich)
0536/7 (nach anderen Angaben 558) Die Franken übernehmen die Herrschaft
0561 Teilung des Frankenreiches, Augsburg wieder alamannisch
0630 Pactus Alamannorum, alamannisches Volksrecht, weist dem Christentum seinen gesellschaftlichen Platz zu
0730 Lex Alamannorum unter Herzog Lantfried: Überarbeitung des Stammesrechtes unter Berücksichtigung der Satzungen der Frankenkönige
0738 Bischof Wikterp (auch Wicpert und Uiggo genannt, gest. 772?), erster verbriefter Bischof von Augsburg
0742 Schlacht am Lech eines alamannisch-baierischen Heeres gegen die Frankenherrschaft endet mit völligem Siege der Franken
0743 Erstmalige Erwähnung des Lechs auf alamannisch (Likos keltisch und Licus lateinisch)
0807 erster gesicherter Kirchenbau (Vorläufer des Doms, geweiht am St. Michaelistag 29. September – auf die Weihe geht die Tradition des Turamicheles zurück) und einer Kirche über dem Grab der Hl. Afra (Vorläufer von St .Ulrich & Afra) unter Bischof Simpert (auch: Sintpert, Bischof von 778-807)
0832 Erstmalige deutschsprachige Erwähnung des Stadtnamens als Augustburg super Lech in den westfränkischen Klosterbüchern von St. Bertin in St. Omer
0874 Bischof Witgar beurkundet Augsburg als Augusburc
0913 Einnahme Augsburgs durch die Ungarn, 916 Rückeroberung durch die Alamannen unter Marktgraf Burchard
0955 Schlacht auf dem Lechfeld, der Augsburger Bischof Ulrich (geb. 890, Bischof von 923-973) zieht an der Seite Kaiser Ottos mit ins Feld und die Ungarn werden zurückgeschlagen
0969 Damenstiftsgründung St. Stephan
0989 Perlachturm (1615 von Elias Holl noch um 7,5 m erhöht und zu einem Ensemble mit dem Rathaus gefügt)
0993 Bischof Ulrich wird heiliggesprochen, schon bald überlagert der Kult um den Hl. Ulrich den Kult um die Hl. Afra
0994 Baubeginn des neuen Domes (romanisch)

1000 Erste Wasserableitung vom Lech (Hochablaß)
1019 Bau einer weiteren Kirche zwischen Dom und St. Afra, St. Mauritius (Vorläuferkirche von St. Moritz)
1026 Graf Welf II. von Altdorf-Weingarten raubt die bischöfliche Schatzkammer aus, Archiv und Bibliothek gehen großenteils verloren
1030 Bischof erlangt Marktrecht für Kaufleute (ihre Zulassung an der Bischofsresidenz gegen Marktzoll)
1033 Kaiserliche Urkunde erwähnt das Stift St. Afra, das 1012 nach den Ungarnstürmen wieder wiederhergestellt worden ist
1040 Der Reichstag unter Kaiser Heinrich in Augsburg stellt die Stadt unter besonderen kaiserlichen Schutz (gegen die Bischöfe gerichtet)
1047 Feldzug des Kaisers von Augsburg aus gegen Rom, um ein dortiges Schisma zu unterbinden
1051 Das St. Gallus-Kirchlein (in der Nähe einer frühchristlichen Basilika) wird vom deutschen Papst Leo IX. eingeweiht
1061 Bestätigung des (bischöflichen) Münzrechts (von Kaiser Otto seinerzeit dem Bischof Ulrich eingeräumt)
1064 bis 1071 Neubau von St. Ulrich und Afra
1065 Einweihung des neuen, vergrößerten Doms nach langer Bauzeit (die Türme werden erst später vollendet)
1104 Stadtrecht: Im wesentlichen übt der Bischof mithilfe seines Burggrafen die Gewalt aus, die Bürgerschaft muß ihre Pflichten dem Kaiser gegenüber erfüllen. Dieses Zusammenspiel von Kaiser und Stadt wird als "städtische Reichsunmittelbarkeit" bezeichnet
1132 Bürgeraufstand gegen König Lothar, Zerstörung der Stadt
1143 Stadtrat erläßt Reinheitsgebot für Bier (nur Wasser, Malz, Hopfen)
1156 Erstes Augsburger Stadtrecht durch Kaiser Friedrich I., im wesentlichen Bestätigung des Rechts von 1104, Abgrenzung der Befugnisse
1158 Legaten des Papstes verhindern, nach Augsburg geschickt, einen erneuten Zug Barbarossas nach Rom, indem sie die Oberhoheit des deutschen Kaisers über Rom und Italien bestätigen; "Augsburger Schiedsspruch" bezüglich der Isarbrücke bei Föhring – Ursprung Münchens
1183 Einweihung der neuen St. Ulrichkirche mit Kloster, größer als die alte niedergebrannte
1214 Großfeuer zerstört ca. 200 Häuser; 1220 Pest
1221 Ursprung der Barfüßerkirche (zur Lebzeit des Franz von Assisi), nach Zerstörung 1407/11 wiedererbaut: 1524 findet hier die erste evangelische Predigt statt
1235 Ein Stadtsiegel existiert (seit ?)
1237 Erste Feststellung des Augsburger Stadtwappens. Sie zeigt ein zweitürmiges Stadttor mit Zinnenmauer und darüber einen Stern. Im Torbogen steht ein Lebensbaum, ab 1260 eine Traube auf Fuß, dazu der Name „Augster“ anspielt (eine nach der Stadt benannte Traubensorte), -> 1467 geändert; Stadtfahne: rot-grün-weiß gestreift (die Augsburger Reitertruppen tragen diese Uniformfarben)
1239 Gründung des Katharinenklosters
, 1251 aus dem Gries in die Katharinengasse verlegt
1241 Beginn der Ausnahmestellung der Juden, eigene Wohngegend (Judengasse, heute.: Karlstraße), eigenes Badhaus, besonderer Gerichtsstand, gelbe Ringe auf Kleidern, Vorenthaltung des Bank- und Wechselgeschäfts, welches Privileg des bischöflichen Münzmeisters ist
1251 Bürgeraufstand gegen Bischof Hartmann, Bischof muß kapitulieren und im Friedensvertrag die Gewährung von Bürgerfreiheiten zugestehen (Friedensschluß erfolgt auf dem Thingplatz)
1258 Gründung des Klosters Maria Stern
1260 Erstmalige Erwähnung des Rathauses
1265 Gründung des franziskanischen Barfüßerklosters (dieses Männerkloster war durch einen unterirdischen Gang mit dem Nonnenkloster Maria Stern verbunden, wie auch die beiden Dominikanerklöster – vor einigen Jahren entdeckte man einen in der Antonspfründe einen zugemauerten Raum, in dem offenbar die unstatthaften Säuglinge dominikanischer Herkunft entsorgt wurden)
1276 Die Münze geht vom Bischof in städtische Hände über
1276 König Rudolf I. genehmigt die Niederschrift des Augsburger Stadtrechts (Freie Stadt Augsburg)
1283 Erlaß einer Bäckerordnung durch den Stadtrat (erste Qualitätsnormen für Lebensmittel 1156); auch für Metzger und Fischer gibt es klare Richtlinien
1321 Erstmalige Dokumentation von Folter
1321 bis 1347 Umwandlung des Domes im gotischen Stil, Erbauung von St. Anna (im 15. Jhd. nach Brand neu errichtet)
1324 Ratsmitglieder werden auf Unabhängigkeit verpflichtet
1339 Kampf zwischen "Kaiser und Papst": Der Bischof wird kurzzeitig aus der Stadt verjagt; daraufhin Abriegelung der Bischofsstadt gegen die Frauenvorstadt, Jakobervorstadt wird in die Stadtbefestigung einbezogen;
1340 Handwerkeraufruhr wird abgewendet durch Vereinbarung über die Stadtverfassung; große Wehr- und Dammbauten am Lech
1345 Bau des Jakobertores

1346 Gründung der "Goldenen Gans", älteste bis in die heutige Zeit existierende Brauerei Augsburgs, 1999? stillgelegt
1348 Beulenpest, Beschuldigung der Juden für das allgemeine Unglück: Übergriffe gegen sie und Ausrottung; Kaiser Karl IV. bestätigt die Rechte der Stadt
1358 Stadtrat trifft Anstrengungen seine Macht gegen den durch den Kaiser beschützten Bischof zu erhalten: Ausbau der städtischen Wehr
1368 Bewaffneter Handwerkeraufstand mit dem Ergebnis von Mitspracherechten im Rat der Staat und von Zunftverfassungen
1374 Kaiserliche Bestätigung der Stadtverfassung
1379 Augsburg schließt sich dem schwäbischen Städtebund an
1388 Truppen der Reichsstädte versammeln sich in Augsburg zu Verheerungszügen gegen Bayern
1390 Bau des Weberhauses, erstes Zunfthaus in Augsburg (Neubau 1517, 1605-07 von Matthias Kager -1575-1646 -bemalt mit Szenen aus der Lechfeldschlacht von 955; 1915 Neubau unter Beibehaltung der äußeren Form, Nebemlaung 1935/6 und wieder 1959/61)
1402 Die Pest fordert rund 4.600 Tote
1407 bis 1411 Bau der Barfüßerkirche
1409 Beginn der Ritterturniere auf dem Weinmarkt (als erster fällt der bayerische Edelmann Dietrich Hechsenacker tot vom Roß)
1415 Beginn der Pflasterung der Straßen und Gassen
1416 Beginn der Trinkwasserversorgung, Bau von Wassertürmen und -leitungen (Anschluß von Privathäusern ca. 100 Jahre später)
1432 Prinz Albrecht von Bayern entführt die hübsche Augsburgerin Agnes Bernauer (17) und traut sie, was seinen Vater Ernst so erzürnt (da nicht standesgemäß), daß er Agnes 1435 wegen Zauberei zum Tode verurteilen und in der Donau ertränken läßt
1434 Die Juden, die seit 1241 gelbe Stoffringe tragen und eine Sonderstellung innehaben, werden zunehmend diskriminiert, 1435 wird das Judengericht abgeschafft und 1439 werden sie aus der Stadt ausgewiesen
1436 Meutingsche Gesellschaft: Erstes Handelshaus etabliert sich rasch
1440 Verbot bei Fastnachtsumtrieben Waffen zu tragen
1446 Strenge Auflagen gegen die Spielsucht in den Gastwirtschaften
1454 Errichtung des Fünfgratturms
1463 Die Pest fordert rund 11.000 Todesopfer (etwa die Hälfte der Einwohnerschaft); die Fugger treten aus der Weber- zur Kaufleutezunft über
1464 Gründung Hasenbräu-Vorläufer (Gaststättenbrauerei "Zu den drey Glass")
1465 bis 1542 Hans Holbein der Ältere, Kunstmaler

1467 Änderung des Augsburger Stadtwappens, erstmalige Verwendung des Pyrs, der Zirbelnuß, einem aus der Römerzeit stammenden Symbol der alten römischen Stadt
1468 bis 1477 Günther Zainer übt als erster Druckermeister die Druckerkunst aus, erster Nutzer ist Kaiser Maximilian, der "Bürgermeister von Augsburg", der das Volk durch Flugblätter mit seiner Staatskunst agitiert
1470 Zweiter Buchdrucker ist Johann Schüßler, dessen Druckerei 1472 das Kloster St. Ulrich & Afra aufkauft
1473 Die 4 Gebrüder Welser gründen eine Handelsgesellschaft; Ulrich Fugger bekommt vom Kaiser Friedrich III. ein Wappen als Anerkennung für dessen Lieferung prunkvoller Ausstattung
1473/4 Kaiser Friedrich weilt zum Reichstag in Augsburg, kann die Reichsstädte jedoch nicht für den Krieg gegen die Türken gewinnen und kann überdies seinen Aufwand für den Aufenthalt nicht bezahlen, so daß er samt Troß zunächst festgehalten und mit Kot beworfen wird – erst nach Aufnahme eines Darlehens der Kölner bei Augsburg und anderen Städten wird er entlassen
1475 Erbauung der Ulrichskirche (gotisch, umgebaut 1710)
1478 Niederlage der Zünfte: Der Kaiser macht der "Zunftdiktatur" ein Ende – die Bahn ist frei für das Kaufmannskapital
1480 Die Fugger werden nach und nach Bergwerksbesitzer, vor allem in den österreichischen Landen, 1488 in Tirol (Silberbergwerk)

1486 Der Augsburger Rat bezeichnet die Fuggerfirma erstmals als Bank
1487 Fugger verlegt sich hauptsächlich auf Wechsel- und Bergwerkgeschäfte
1488 Augsburg tritt dem Schwäbischen Bund bei; Augusta Bräu gegründet
1491 Beginn der Großanleihen für Kaiser Maximilian aus dem Handelshause Fugger
1497 Geburt Hans Holbeins des Jüngeren, Kunstmaler, verläßt 1526 Augsburg und stirbt in großer Armut (1543)

1498 Erstmalige Erwähnung des Augsburger Christkindlesmarktes (weltältester)
1500 Fugger nun Bankiers der Päpste
1505 Fugger schickt eigene Schiffe nach Ostindien, verlegt seinen Schwerpunkt allerdings vom Handel auf die Bergwerksgeschäfte (Kupfer hauptsächlich) und die Wechselgeschäfte
1508 Copia der Newen Zeytung auß Presillg Land (=Brasilien) erscheint, mit Bericht von Vespucci über die Entdeckungsfahrt an Brasiliens Küste
1512 Augsburg zählt 22.000 Einwohner, Beginn des Baus der Fuggerhäuser (bis 1515) in der Maximilianstraße
1516 (bis 1521) Erbauung der ältesten Sozialsiedlung der Welt von Ulrich, Georg und Jakob Fugger, der Fuggerei – Jahresmiete seit damals gleichgeblieben (1 Gulden = 0,88 Euro); 64 Häuser, 147 Wohnungen
1518 Auf einem der im Laufe der Jahrhunderte zahlreichen Reichstage wird unter Kaiser Maximilian I. und dem päpstischen Legaten Cajetanus Martin Luther wegen seiner 95 Thesen verhört. Der will sie nicht widerrufen und macht sich heimlich von dannen.
1519 Die Wahl Kaiser Karls V. wird von den Fuggern mit 543.585 Gulden und von den Welsern mit 143.333 Gulden finanziert.

1521 Das Münzrecht geht aus der Hand des Bischofs durch Karl V. an die Stadt Augsburg über.
1522 Karl V. konzessioniert die Errichtung einer Faktorei in Santo Domingo (heute: Dominikanische Republik) durch die Welser (Rohrzuckerhandel, ab 1528 Kupferbergbau – dafür Einfuhr von 4000 Negersklaven), 1.Niederlassung eines deutschen Handelshauses in Amerika (durch solche Verträge sucht der Staat sein Gebiet zu erweitern, während es den Handelshäusern um das Geschäft geht – auch der frühe Kapitalismus zeigt so schon die imperialistische Stoßrichtung)
1524 Slowakischer Bergarbeiteraufstand gegen die skrupellose Ausbeutung durch die Fugger, die Bergwerke haben sie zusammen mit dem polnischen König Georg Thurzó gepachtet
1525/6 Tiroler Aufstandspläne tangieren Fuggersche Bergwerke
1526 Erstmals erscheint das Turamichele am Perlachturm, seitdem jedes Jahr
1527 Tod von Jörg Seld, dem größten Meister Augsburger Goldschmiedekunst (geb. 1454)
1528 bis 1530 Götz von Berlichingen, der Ritter mit der eisernen Hand, sitzt im Heilig-Kreuz-Tor ein
1528 bis 1544 Die Welser erhalten die Konzessionen für den Handel mit der Nordküste Südamerikas von der Halbinsel Carupano im Osten bis zum Cabo de la Vela im Westen (heutiges Venezuela = "Klein-Venedig")
1530 Der Augsburger Reichstag erläßt Karl V. die "Confessio Augustana", einen Burgfrieden zwischen Zwinglianern, Lutheranern und Altgläubigen; die Monopolklage des Reichstags gegen die großen Handelshäuser wird mit Vorschlägen zur Drosselung und Überwachung der Handelshäuser erneuert. Der Augsburger Gelehrte Conrad Peutinger rechtfertigt in einer Denkschrift über das "neue ökonomische Denken" eben das und der Kaiser schlägt die Klage diesmal endgültig nieder.
1531 Anton Fugger schließt Vertrag mit der spanischen Regierung über den Besitz von Chile und Süd-Peru, der aber an der Durchführung scheitert und die Fugger geben ihr Südamerika-Projekt daraufhin auf. Seit 1530 treiben die Fugger Handel mit Westafrika (Goldküste, Benin).
Gründung einer Gelehrtenschule bei St. Anna, Vorläufer des Gymnasiums, das 1635 gegründet wurde
1534/5 Expedition von Sebastian Neidhart mit dem Nürnberger Welserhaus-Ableger an die Rio de la Plata-Mündung, erste Gründung von Buenos Aires (1535), verläuft enttäuschend, weil ökonomisch uninteressant, und wird nicht weiter verfolgt
1537 Einführung der Reformation und Abschaffung des katholischen Gottesdienstes, der "papistischen Abgötterei", durch den Augsburger Stadtrat (7/8tel Mehrheit), indem die reichen Handelsmagnaten den Ton angeben, es kommt zur Zerstörung sakraler Kunstobjekte; Gründung der Stadtbibliothek (1892/3 Neubau an der Schaezlerstraße)
1538/46 Beginn des Ausbaus und der Verstärkung der Stadtbefestigung und Aufrüstung mit Geschützen
1540 Augsburg zählt etwa 45.000 Einwohner und ist auch damit eine Metropole dieser Zeit
1546 Das Warenlager der Fugger hat einen Wert von unvorstellbaren 1.250.000 Gulden (hauptsächlich in Kupfer), Kaiser Karl V. steht bei ihnen mit 2.000.000 Gulden in der Kreide, König Ferdinand mit rund 600.000;
Der Schmalkaldische Krieg geht zuungunsten der Protestanten aus, die kaiserlich-katholische Macht, von den Fuggern unterstützt, zieht in Augsburg ein
1547 Der Humanist, Gelehrte und Stadtschreiber Conrad Peutinger (geb. 1465) verstirbt in Augsburg, seine Weltkarte findet sich u.a. im Römischen Museum und im antiken Museum der französischen Stadt Vienne/Rhone
1548 "Geharnischter Reichtstag": Vorläufige Ausgestaltung der Confessio Augustana ( sog. "Augsburger Interim" hauptsächlich katholisch bestimmt, läßt aber den Protestanten u.a. die Heiratserlaubnis für Pfaffen); Aufhebung der Zünfte und Wiedereinsetzung des patrizischen Regiments
1549 Arztsohn Adolph Occo III. führt Tabaksamen aus Indien ein, um sie medizinisch(!) zu nutzen
1550 bis 1558 erhaltene Maklerbücher geben Einblick in die Wechsel- und Darlehens- und Edelmetallgeschäfte der damaligen Zeit
1555, 25. September: im "Augsburger Religionsfrieden" wurde das evangelisch-lutherische Bekenntnis zugelassen und erstmals die Koexistenz zweier unterschiedlicher Glaubensrichtungen im Heiligen Römischen Reich anerkannt. Den Fürsten und Territorialherren wurde das Recht zugebilligt, für sich und ihre Untertanen über die Konfessionen zu entscheiden (cuius regio, eius religio). In den freien Reichsstädten gelten die Konfessionen gleich.
Die Fugger beuten die Silbererzgruben in Spanien (Maestrazgos und Almaden) aus.
1556 Die Welser verlieren Venezuela
1557 Eheschließung von König Ferdinand mit der Augsburger Patrizierin Philippine Welser, heimlich, da sie eine Bürgerliche; Philippine (1527–1580) wird durch ihr Kochbuch berühmt
1560 bis 1584 Ernsthafte Wirtschaftskrise, der Warenhandel stockt, die Fugger überschuldet (Bankrott des von ihnen kreditierten Hauses Habsburg, 1557); der Glanz der Welser verblaßt, ebenfalls schwer verschuldet; Jacob Herbrot geht bankrott (1562) und reißt das Haus Baumgartner mit, der Bankrott des Hauses Manlich reißt die Brüder Herwart mit, nicht besser ergeht es den Erben des Hauses Neidhart, der Firma Rot (Konkurs 1580): Insgesamt machen in diesen Jahren nicht weniger als 70 bedeutende, international bekannte Augsburger Firmen bankrott. Fugger und Welser können jedoch überleben
1568 (bis 1605) Fugger ist der erste, der den Begriff Zeitung verwendet, die "Fugger-Zeytungen" bringen Nachrichten allgemeinen Interesses für Fürstenhäuser und Geschäftspartner (durchschnittliche Auflage 150 bis 350 Exemplare)
1573 Geburt des Augsburger Stadtbaumeisters Elias Holl (gest. 1646), der mit seinen monumentalen Renaissancebauten, deren bedeutendste das Augsburger Rathaus (1615-1620) ist, das Gesicht der Stadt bis in die heutige Zeit prägt
1580 Der französische Schriftsteller Michel de Montaigne schreibt: "Im allgemeinen sind hier die Häuser schöner, größer und höher als in irgendeiner französischen Stadt."
1582 Gründung Thor Bräu-Vorläufer, "Zum Thorwirt", einer Gaststättenbrauerei am Wertachbruckertor, Eröffnung des protestantischen Kollegiums St. Anna
1584 Aufstand protestantischer Handwerker gegen die Absetzung des Pfaffen von St. Anna, Anlaß ist der Kalenderstreit, letztlich wird der neue Kalender angenommen
1586 (Wieder-)Einstieg der Fugger und jetzt auch der Welser in den ostindischen Gewürzhandel mit Hilfe Spaniens mißlingt (1588)

1591 Erstes Todesurteil in einem Hexenprozeß (Magdalena Hofherr starb nach Folterungen im Gefängnis)
1594 Vollendung des Augustus-Brunnens mit Plastiken des Niederländers Hubert Gerhard
1596 Der niederländische Bildhauer Adriaen de Vries (1545–1629), Schüler des italienischen Meisters Giovanni da Bologna, wird nach Augsburg berufen und schafft die Plastiken für die Monumentalbrunnen des Herkules und des Merkur
1601 2922 Webermeister mit 3500 Gesellen und 3677 Webstühlen machen Augsburg zur größten Textilstadt; es erscheint die Zeitung Itinerarium, d. i. historische Beschreibung
1604/6 Erbauung des Siegelhauses am Weinmarkt (Holl), Abbruch 1806, der bronzene Adler – Zeichen der Reichsfreiheit – findet sich heute im Maximilian-Museum, dem interessanten Museum der Augsburger Stadtgeschichte
1606 bis 1609 Bau der Unteren Stadtmetzg, die die Obere Stadtmetzg ersetzt, welche 1612/14 abgerissen wird und durch den "Neuen Bau" (ebenfalls von Holl) ersetzt wird; bis 1930 von Metzgern genutzt
1607 Spanischer Staatsbankrott zieht Fugger mit 3 1/4 Millionen Dukaten in Mitleidenschaft, darüber Schwierigkeiten mit Bergwerksausbeutungen, dafür aber im Barchenthandel erfolgreich
1608 Bau eines Tanzhauses unter Elias Holl am Weinmarkt, welches das alte dort ersetzte [von welchem es keine Datierung gibt, früheste Erwähnung 1426], aber schon 1632 unter Gustav Adolf wieder abgebrochen
1613 Gründung der wöchentlich erscheinenden Ordinari-Zeitung (später: Augspurgische Ordinari-Post-Zeitung, zweitäglich) erscheint nachweisbar bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts
1614 Zusammenbruch des Hauses Welser
1618 Der Kunsthändler Marcus Zaech stirbt, seinen Grabstein schmückt eine einzigartige Plastik von Giovanni da Bologna (Barfüßerkirche);
Augsburg zählt ca. 50.000 Einwohner
1619 Belagerung Augsburgs durch Kurfürst Moritz von Sachsen
1622 Ausbau der Stadtbefestigung, zunächst das Rote Tor (unter Elias Holl)

1625 Zweites Todesurteil in einem Hexenprozeß (Dorothea Braun, enthauptet)
1627 Die Fugger vor dem Zusammenbruch
1628 Die Pest wütet in Augsburg ; der katholische Pfaffe Petrus Canisius hetzt in seinem Buch gegen die Hexen
1629 Rekatholisierung Augsburgs unter Ferdinand II. – Rückgabe evangelischer Kirchen und Besitzes an die römisch-katholische Kirche
1632, April (bis 1635) König Gustav Adolf von Schweden besetzt die Stadt im 30-jährigen Krieg, Relutherisierung
1635, März Übergabevertrag von Leonberg mit dem kaiserlichen Befehlshaber, bestätigt die Gegen-Reformation von 1629, freier Abzug der schwedischen Garnison; Augsburg zählt nur noch 16.432 Bewohner (12.017 Protestanten und 4415 Katholiken)
1645 Bevölkerung ist auf 13.790 Bewohner geschrumpft
1646 Belagerung des kaiserlich gehaltenen Augsburgs durch französisch-schwedisches Heer
1647 Waffenstillstand, allseitige Räumung Augsburgs, der bayerische Kurfürst verstärkt die Stadtbefestigung
1648 Westfälischer Frieden bringt die Parität – Gleichstellung der Konfessionen
1650 Am 8. August wird zum ersten Male das Hohe Augsburger Friedensfest begangen, das bis heute alljährlich gefeiert wird (einziger kommunaler Feiertag in der BRD); Barbara Fischer als Hexe verurteilt und enthauptet, bis 1699 weitere 14 Hexen zum Tode verurteilt und hingerichtet, darunter ein Mann
1675 Gründung der Augsburger Abendzeitung (fortschritllich-national, bis 1932 bzw. zusammen mit den Augsburger Neuesten Nachrichten bis 1934)
1682 Gründung der Augsburger Postzeitung (konservativ, existierte bis 1935)
1686 "Verteidigungsbündnis für das Reich zu Augsburg"richtet sich gegen Frankreich

1687 Der protestantische Pfaffe Gottlieb Spizel äußert sich in seinem Buch "Die gebrochene Macht der Finsterniß" anerkennend über die Hinrichtung dreier Hexen in Augsburg zur Ehre Gottes
1689 Gründung der Sieberschen Papierfabrik, die ca. 1850 in den Besitz der Georg Haindlschen Papierfabriken übergeht
1693 Die 'Interduction de la Fortification' läßt darauf schließen, daß eine neue Festungsanlage, weitgehend außerhalb der bestehenden, geplant ist, welcher das Stadtgebiet erheblich vergrößern würde (geht auf den Plan von Kilian 1626 zurück)

1699 Letzter Hexenprozeß mit Todesurteil in Augsburg (Elisabeth Memminger)
1703/4 Belagerung der Stadt durch die französisch-bayerische Armee, nach Übernahme der Stadt betreibt der Kurfürst Max Emanuel die Schleifung der Stadtbefestigung
1715/6 In Augsburg erscheint die Zeitung Grapilleur Historique oder Nachleser u.a. mit Beschreibungen ferner Länder, darunter "Japanien"
1716 Augsburger Wechselordnung, 1778 revidiert – bis zur Herstellung der allgemeinen deutschen Wechselordnung 1851 in Kraft
1720 bis 1752 Bau der fürstbischöflichen Residenz (unter Einbeziehung des mittelalterlicher Turms)
1723 Gasthof zu den 3 Mohren, später Hotel 3 Mohren (1878 pleite), heute: Steigenberger Hotel 3 Mohren
1723 bis 1731 erscheint die Zeitung Ein europäisches Postilion mit sich bringend allerhand curieuse Begebenheiten, so sich in Europa hin und wieder zu Wasser und zu Land zugetragen (Berichte u.a. über Japan und die Religion der Perser)
1728 bis 1731 erscheint die Zeitung Das Allermerkmürdigste in Europa mit Nachrichten aus den europäischen Fürstenhöfen (Vorläufer 1725)
1731/2 6.000 Salzburger Emigranten lagern vor der Stadt und werden nur zum Gottesdienst hereingelassen; die Stadt hat ca. 25.000 Einwohner
1735 erscheint das Blatt Der europäische Gazetter (mit innenpolit. Berichten aus verschiedenen europ. Staaten und einem Artikel "Russen baden gern")
1739/40 Anlegung des Hofgartens, ab 1963 mit 5 Calottofiguren (nach den grotesken Zeichnungen von Jacques Callot von 1616, die 1707 erstmals in Augsburg publiziert worden sind, 1716 dann in Amsterdam) geschmückt, die bis dahin im Stadtgarten gewesen sind (Callot wird v. a. wegen seiner Darstellung der Greueltaten im 30-jährigen Krieg bekannt)
1760/2 Die Gesandten der europäischen Staaten tagen in Augsburg, um eine Beendigung des Krieges zwischen Maria-Theresia (Österreich) und Friedrich dem Großen (Preußen) herbeizuführen
1764/5 Errichtung des Gignoux-Hauses, das Wohnhaus und (Kattun)Manufaktur noch unter einem Haus vereint, in dem aber praktisch schon industriell gearbeitet wird (heute Komödie)
1768 Die Wechselhandlung Benedikt Adam von Liebert, Carli & Co. sowie Christian und Georg Jakob Köpf erhalten ein Monopol für die Herstellung von Maria-Theresia-Talern
1770 Fertigstellung des Schaezler-Palais mit Rokokosaal (Schaezler sind eine reiche Bankiersfamilie), heute findet sich die deutsche Barockgalerie im Hause
1770/2 Johann Heinrich Schüle erbaut die erste Kattunfabrik auf dem europäischen Kontinent; Aufstand der Weber (»Wir dulden keine Ware in Augsburg, die nicht auch hier gefertigt wurde«) gegen Einfuhr von Stoffen für diese Fabrik
1774 Christian Friedrich Daniel Schubart gibt in Augsburg seine Deutsche Chronik heraus, in der "Sachen laut sagt, die man in Deutschland kaum denken darf", er flieht im selben Jahr nach Ulm, wird aber 1777 zu 10 Jahren verurteilt und eingebuchtet
1776 Eröffnung des Theaters am Lauterlech, an dessen Stelle 1877 das heutige Stadttheater tritt
1782 Papst Pius VI. läßt sich bejubeln
1784 Erster geglückter Heißluftballon-Aufstieg (unbemannt)
1785 Webergesellen besetzen das Reichsstift St. Ulrich und verlangen die Rückgabe ihrer (vermeintlichen) Privilegien
1794 Weberunruhen, da einem Einfuhrverbot auswärtiger Waren nicht entsprochen wird
1796 Im 1. Koalitionskrieg rücken die Franzosen in die Stadt ein und bedienen sich aus der Stadtkasse, die außerdem noch Anleihen aufnehmen muß
1799/1801 Im 2. Koalitionskrieg folgen 40.000 russische und französische Soldaten, die die Stadt brandschatzen, so daß der Rat der Stadt die 5fache Steuer beschließen muß
1802/3 Säkularisation: Besitzungen des Hochstifts Augsburg und des Reichsstifts St. Ulrich & Afra gehen in den Besitz der Stadt Augsburg über
1805 Im 3. Koalitionskrieg besetzen 30.000 Franzosen die Stadt
1806 Napoleon läßt die freie Stadt Augsburg dem Königreich Bayern angliedern aus Dank für deren Kriegshilfe gegen Österreich
1810 Die Allgemeine Zeitungsiedelt von Ulm nach Augsburg über, zuerst als Wochenblatt, später als Tageszeitung und existiert bis 1882 in Augsburg, später als Wochenblatt in München – als überregionale Augsburger Zeitung nicht unbedeutend, ja eine der europaweit beachtesten Gazetten, sogar Karl Marx hat ein paar Zeilen über sie verloren
1811 Erste bemannte d.h. besser gesagt: beweibte Ballonfahrt: Constanze Bittorf aus Würzburg steigt vor dem "rothen Thor" mit einer Art Montgolfiere für 17 Minuten in die Luft und ist die erste Aeronautin der Weltgeschichte
1813 Aufhebung der »Kontinentalsperre«: Englische Textilwaren drängen auf den Markt und erschüttern von da an Augsburgs Textilindustrie zutiefst
1817 Augsburg wird Regierungssitz des bayerischen Oberdonaukreises, des späteren (1838) Regierungsbezirks Schwaben und Neuburg
1824 Druck-Revolution: 2 Schnellpressen werden erstmals in Augsburg aufgestellt und lösen die hölzernen Handpressen ab (1845 Bau der Doppelschnellpresse durch MAN, 1870 die 4fache Schnellpresse, 1877 die erste Einrollen-Rotations-Druckmaschine, 1882 erste Mehrfarben-Rollendruck-Maschine
1832 Heinrich Heine wird Pariser Korrespondent der Allgemeinen Zeitung
1834 Gründung des deutschen Zollvereins sorgt für wirtschaftlichen Aufschwung; Gründung des Historischen Vereins
1836 Gründung der Augsburger Kammgarn-Spinnerei (AKS)
1837 Gründung der Spinnerei und Weberei Augsburg (SWA)
1840 Bau der Eisenbahnlinie Augsburg – München unter Bürgermeister Carron-du-Val (Fahrzeit damals etwa 2,5 Stunden), 1. Bahnhof vor dem Roten Tor (später Straßenbahndepot); 2. Bahnhof Oberhausen 1844 für die Nord und Westverbindungen
1840 Gründung einer Maschinenfabrik durch Ludwig Sander, die ab 1844 "C.Reichenbach'sche Maschinenfabrik" und ab 1908 "Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG" (MAN) heißt
1841 Nationalökonom Friedrich List (1789-1846) verfaßt in Augsburg sein "Nationales System der Ökonomie", das für die Herstellung eines gesamtdeutschen Staates unter Wegfall aller Zollschranken wegweisend wird, in den Jahren 1845/6 gibt er sein Zollvereinsblatt heraus
1846 Bierkrieg: Wegen Erhöhung der Bierpreise kommt es zu ziemlichen Ausschreitungen; Bau des neuen Bahnhofs (Hauptbahnhof), 1870 ausgestaltet
1846 Geburt von Johann (John) Most (gest. 1906 während einer Agitationsreise in Cincinnati), Reichstagsabgeordneter 1874-78 des radikalrevolutionären SAPD-Flügels, 1880 Parteiausschluß, nachdem sich die Opportunisten durchgesetzt hatten; Most wendet sich entschieden vom Parlamentarismus ab, einer der ersten Kommunisten, der die Kritik des Staates als eine essentielle Notwendigkeit kommunistischer Kritik erkennt
1847 Gründung des Augsburger Sportklubs TSV 1847 Schwaben Augsburg (zunächst unter dem Namen TV Augsburg) durch national-freiheitlich bewegte junge Menschen, 1849 verboten, nach Satzungsänderung wieder zugelassen
1848, 4. März Versammlung der Bürger aller Klassen, Adresse an den König; die königliche Bewilligung der Bürgerwünsche erfolgt umgehend; Beginn der Gasvorsorgung (aus Steinkohle)
1849 Bildung eines radikalen Märzvereins, Protestkundgebungen gegen die Ablehnung der Reichsverfassung durch Bayern bleiben wirkungslos; Eisenbahnlinie nach Nürnberg vollendet
1852 Industrie- und Gewerbeausstellung (erste überregionale Großausstellung), die nächste findet erst 1886 statt
1855 Gründung der Ackermann Nähgarne (1872 Zwirnerei und Nähfadenfabrik Göggingen AG)
1857 Gründung der Neuen Augsburger Zeitung (reaktionär, existiert bis 1944, Wiedergründung 1950 schon 1951 gescheitert), nicht zu verwechseln jedoch mit der Augsburger Nationalzeitung des NSDAP (1931-1945)
1860 Aufhebung des Festungscharakters der Stadt: Bis dahin hatten sich nur Fabriken, Gärtnereien, Zollhäuser und Lusthäuser der Vornehmen mit parkartigen Anlagen außerhalb des Mauergürtels angesiedelt.
1861 Augsburg zählt 45.400 Einwohner
1862 Gründung der Augsburger Neuesten Nachrichten (liberal-national, weltblattmäßig, – saugt nach und nach das das Augsburger Anzeigblatt (1842-1883), das Augsburger Tagblatt (1830-1886) und den Augsburger Kurier (1877-1898) auf, eliminiert die Allgemeine Zeitung als bedeutenstes Presseorgan, 1932 Fusion mit der Augsburger Abendzeitung im Zeichen des Niedergangs liberaler Blätter (Ende 1934)

1864, 29. März: Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Augsburg durch Friedrich Dürr
1866 Der deutsche Bundestag tagt in Augsburg
1867 Gründung des Allgemeinen Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiter Partei (SDAP)
1868 Geburtsstunde der Gewerkschaften, gleichzeitig 1868 Streik bei Riedinger und 1869 in der Maschinenfabrik Augsburg
1868 Max Anton Kleiter in Augsburg geboren, der Jugendstilkünstler (gest. 1913) geißelt in seinen gesellschaftskritischen Karikaturen um die Jahrhundertwende u.a. den grassierenden deutschen wie bayerischen Nationalismus
1869, 17. Juli Kundgebung der SDAP-Augsburg gegen die drohende Kriegsgefahr
1870, Nov. SDAP-Augsburg stimmt Ablehnung der Kriegsanleihe durch Parteiführung zu und befürwortet einen Frieden mit Frankreich ohne Annexionen
1871 Bayern wird Teil des Deutschen Reiches; Augsburg hat 51.200 Einwohner
1873 Gründung der Zahnräderfabrik Renk, in der Hauptsache Produzent von Rüstungsteilen (später z.B. Panzergetriebe für den 2.Weltkrieg, danach starker Geschäftspartner des südafrikanischen Apartheidregimes, heute Teil des MAN-Konzerns)

1876 Eröffnung der Kahnfahrt am Oblatter Wall
1878 Gründung des Augsburger Eislauf Vereins (AEV), der 3. Eislaufklub in Deutschland und älteste noch bestehende; erster Plärrer, hervorgegangen aus der Michaeli-Dult (seit 967) und der Osterdult (seit 1276)
1878/9 Erbauung des Wasserwerks am Hochablaß; Einführung der Pferdebahn
1880 Gründung der »Augsburger Trambahn AG«;
Localbahn nimmt den Betrieb auf (lokale Fabrikversorgung)
1881 Erste Augsburger Straßenbahn in Betrieb als Pferdebahn, ab 1898 elektrisch
1886 Eröffnung des prunkvollen Kurhaustheaters (»Palmenhaus«) in Göggingen, als Ergänzung zur Hessingschen Klinik (1868) gedacht
1891 Gründung der SPD-Tageszeitung Schwäbisches Volksblatt (bis 1933), es propagiert einen nationalen Standpunkt von unten

1893 Die Stadtbibliothek zieht in das neue Gebäude in der Schäzlerstraße, wo sie sich bis heute befindet, wenngleich sie längst nicht mehr alle Bücher aufzunehmen vermag
1896 Erste Kinematografische Vorfühurng im Kaffeehaus Mercur am Judenberg (später Capitol Lichtspiele), ältestes Kino ist das Thalia mit einer erstmaligen Erähnung 1909 (zuvor seit 1906 dort Varieté-Vorführungen)
1897 Rudolf Diesel (1858-1913) stellt seinen Motor in der MAN vor, erste Aufträge vom französischen Flottenamt; Gründung der Riedinger Ballonfabrik (produziert auch Ballone im 1. Weltkrieg für die deutsche Armee)
1898 Bertolt Friedrich Brecht (gest. 1956 in Ostberlin) wird in Augsburg geboren. Der größte Augsburger Dichter zeigt in seinen Werken eine kritische – bisweilen moralische, bisweilen kommunistische – Haltung, was ihn für eine Vereinnahmung bürgerlicher wie realsozialistischer Seite zugänglich macht. Sein Geburtshaus (Auf dem Rain 7) ist als Gedenkstätte museumsmäßig eingerichtet und der Öffentlichkeit zugänglich.
1898 Errichtung des neuen Schlacht- und Viehhofs (bis 1900); Gründung der Dieselmotorenfabrik durch Rudolf Diesel, pleite 1911
1899 Maurerstreik – die folgenden "Augsburger Krawall-Prozesse" (Nov. 1899 und Jan. 1900) sind gegen die gerichtet, die auswärts angeheuerte Streikbrecher von der Arbeit abhalten wollen; Augsburg zählt 51 Brauereien
1901 Gründung der Augsburger Luftschiffahrtsgesellschaft: August von Parseval konstruiert ein Pralluftschiff
1901/3 Erbauung des Stadtbades im Jugendstil
1904/5 Erbauung der Kirche Herz-Jesu in Pfersee im Jugendstil
1906 Erstes Parseval-Luftlenkschiff P1 aus der Riedinger Ballonfabrik (vorgeführt in Berlin), die P3 landet dann 1909 erstmals in Augsburg
1907 Projektierung der Schwemmkanalisation, 1910 genehmigt (Abwasserentsorgungsleitungen), erstes Klärwerk 1956, 1975 erweitert;
Geschwindigkeitsrekord einer Dampflok auf der Strecke Augsburg-München 154,5 km/h
1910 Eingemeindung von Siebenbrunn; Augsburg hat 102.500 Einwohner
1911 Eingemeindung von Pfersee, Oberhausen – Großstadtfeier 20./21. Mai
1911/12 Errichtung eines neuen Wehres am Hochablaß nach dem verheerenden Lech-Hochwasser von 1910
1913 Eingemeindung von Lechhausen und Hochzoll; Erbauung der Synagoge im Jugendstil
1914 Auch Augsburgs SPD steht zur nationalen Pflicht und will den Krieg; Augsburg wird Zentrum der Rüstungsindustrie (u.a. MAN, die U-Bootmotoren jetzt der deutschen Flotte liefert – Frankreichs U-Bootflotte ist längst mit MAN-Motoren ausgerüstet!)
1916 Das Berliner Flugunternehmen Rumpler gründet eine Zweigniederlassung in Augsburg, wo ab 1917 die berühmten Doppeldecker-Kampfflugzeuge hergestellt werden (Liquidation durch Alliierte 1919); Eingemeindung von Kriegshaber; nunmehr 146.200 Einwohner
1918 Kriegsende und Novemberrevolution: Unruhen auch in Augsburg: Am 9. November wird am Augsburger Rathaus die rote Fahne aufgezogen, ein Arbeiter- und Soldatenrat konstituiert sich, jedoch keine radikalen Maßnahmen gegen die bestehende Staats- und Eigentumsordnung.
Die Siedlungen Hochfeld und Spickel entstehen
1919, 12. Jan.: Landtagswahl (in Augsburg: MSPD 45,8, USPD 2,1, BVP 31,0, DDP 19,4); 19. Januar Nationalversammlungswahlen (MSPD 46,8, USPD 3,1, BVP 31,4, DDP 17,8); Augsburg zählt 154.600 Einwohner
1919, 24. Feb.: Massendemonstration gegen die Mörder von Kurt Eisner und Erhard Auer, nachdem sich schon am 21.2. spontane Proteste insbesondere gegen das Augsburger Justizgebäude richten
1919, 3. April: Ausrufung der Räterepublik bei Massenkundgebung im Ludwigsbau nach bolschewistischem Vorbild. Am 9.4. erscheint ein flammender Aufruf der revolutionären Frauen Augsburgs, gezeichnet von Lilly Prem, an die Augsburgerinnen: "…Frauen des Proletariats! Wollen wir wieder unter die Geißel des Kapitalismus kommen, sollen unsere Kinder Sklaven desselben werden? Niemals! (…)" Die Räterepublik wird jedoch von interessierten Kreisen abzuschwächen und zu beeinflussen versucht, was gelingt und was nichts daran ändert, daß die bayerische Regierung unter einem der SPD-Bluthunde namens Hoffmann mithilfe bayerischer & württembergischer Freikorps es für nötig erachtet, sie endgültig zu beseitigen; bis zum 23. April kommt es zu Straßenkämpfen (München fällt 8 Tage später), in denen u.a. SPDler und USPDler (KPD damals noch nicht existent) die Räterepublik gegen SPD-Hoffmann verteidigen. Nach der Niederschlagung der Räterepublik äußert sich die SPD in äußert zynischer Weise, derart, die Augsburger wären doch selber schuld gewesen…und die Partei denke nicht daran, den Arbeitern die Früchte der Revolution zu rauben. Um den Sozialismus zu erreichen schien es ihr notwendig, zunächst die Räterepublik zu zerschlagen. (ANN, 23.04.19)
Beginn des planmäßigen Personen-Luftverkehrs Augsburg-München-Fürth/Nürnberg-Leipzig-Berlin mit der umgebauten Kriegsmaschine BayRu C 4 (Unternehmer ist Lloyd/Bremen; die dt. Lufthansa wird erst 1926 gegründet)
1920 Wilhelm Olschewsky wird zu 7 Jahren, Georg Prem, Köpfe der Räterepublik in Augsburg, wird zu 2 Jahren Festungshaft verurteilt, der Arbeitslosenführer Karl Marx zu 4 Jahren, der Monteur Blößl zu 10 Jahren, Karl Max Berk, Automobilschlosser, zu 3 Jahren, Joseph Volkart, Postler, zu 1 Jahr 3 Monaten, Ludwig Matheis zu 2 Jahren, Karl Hörath, Damenschneider, zu 6 Jahren, alle Festungshaft, Philipp Böhrer 12 Jahre Zuchthaus usw. – insgesamt werden in Bayern 2209 Räterepublikaner verurteilt; Gründung der KPD in Augsburg
1921 Siedlung Firnhaberau entsteht, 1933 die Siedlung Hammerschmiede 

1922 Der Berliner Lampenhersteller OSRAM gründet eine Augsburger Tochterfima die Wolfram-Lampen AG
1923 Durch Inflation bedingt Einführung des Augsburger Stadtnotgeldes
1927 Ansiedlung der Messerschmitt-Flugzeugwerke, die die maroden Bay. Flugzeugwerke Augsburg und die Schwäbisch-Bay. Fluggesellschaft übernehmen – Flugzeugbau ist schon damals eine staatliche Subventionsangelegenheit -, führt zur forcierten Entwicklung des Flugzeugbaus, trotzdem Zwangsvergleich 1931, 1933 Wiederaufnahme der Produktion, von den Faschisten zunächst wegen der zahlreichen Auslandsgeschäfte nicht, dann aber wegen der Entwicklung der Me 109 forciert gefördert, es kommt zu Höchstleistungen: das Jagdflugzeug Me 109 (36.000 Stück), der erste Düsenjäger Me 262, der erste Raketenjäger Me 163, der von Japan noch zum Kriegseinsatz gebracht wird, der "Komet": die Me 110, die erstmalig die 1000 km/h-Barriere überschreitet, der nicht mehr zum Kriegseinsatz gekommene Kampfbomber Me 264 – Reichweite 16.000 km! – und ein Prototyp des Strahljägers P 1101 – 1938 zu Messerschmitt A.G. umbenannt
1929 Eröffnung der Freilichtbühne am Roten Tor
1930 Gründung einer Ortsgruppe der KPD-O oder KPO (O = Opposition), die antistalinistisch ist, aber nichtsdestotrotz theoretische Defizite aufweist (z.B. eine Einheitsfront ausgerechnet mit der SPD gegen den drohenden Faschismus fordert)
1931 Ballon-Rekordflug in die Stratosfäre (15.781 m) durch Auguste Piccard, 1934 verbessert: 17.672 m
1932, 6. November letzte freie Reichstagswahlen, Ergebnisse in Augsburg: SPD 25,0% (-1,4), KPD 14,6% (+1,7), BVP 28,3% (-2,0), NSDAP 23,0%(-0,1), DNVP 6,3%(+2,1); Arbeitslosigkeit steigt auf 22% (über 20.000)
1933, 30. Januar Machtübernahme der NSDAP, Aufruf der KPD zum Generalstreik, zu dem die SPD auf Distanz geht; April: Der 1929 gewählte Stadtrat – BVP 17 Sitze, SPD 14, KPD 4, DNVP 3, NSDAP 3, sonstige 9 – wird aufgelöst und gleichgeschaltet; Im Laufe des Jahres werden 579 Personen von der NSDAP verhaftet, 350 bis 400 sind KPD- und RFB-Mitglieder, die anderen andere Linksoppositionelle sowie Funktionäre von Gewerkschaften und SPD; Augsburg zählt 168.150 Einwohner
Hans Beimler, EX-KPD-Stadtrat, kann aus dem KZ Dachau fliehen und kämpft gegen die Faschisten in Spanien, wo er 1936 fällt
1935 Letzte linke Widerstandsaktionen in Augsburg
1935 Augsburger Börse (als solche gegründet 1816, hervorgegangen aus dem partrizischen "Herrenhaus") fusioniert mit der Münchner Börse, das Börsengebäude in Augsburg fällt dann dem Krieg zum Opfer
1938, 10. November: NS-Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte und die Synagoge
1942 Gezielter britischer Tiefflieger-Angriff auf U-Boot-Motorenhersteller MAN
1944 Starke Luftangriffe der Alliierten gegen das Rüstungszentrum Augsburg (im Gau Schwaben steigt die Beschäftigtenzahl im Rüstungssektor von 25.000 im Jahre 1939 auf 74.000 Ende 1944 – von Arbeitslosigkeit keine Rede mehr), insgesamt 20 Angriffe von Juli 1940 bis zum 22.04.1945, der schwerste 25./26.02.44 mit rund 800 US- und GB-Flugzeugen und 753 Toten; von 70 bedeutenden Industriebetrieben bleiben nur 11 unversehrt
1945, 28. April: Kampflose Befreiung vom Faschismus durch in die Stadt einrückende US-Truppen; Einwohnerzahl 106.000;

1945 Gründung der Schwäbischen Landeszeitung, die sich ab 1959 Augsburger Allgemeine nennt
1947 bis 1951, Klaus Barbie, der Nazi-Schlächter von Lyon, weilt unter Deckung der US-Armee und als CIC-Agent (als sich die CIA etabliert auch für diese!) in Augsburg, er spioniert bei kommunistischen Veranstaltungen herum; mit der Entnazifizierung ist es in der US-Zone nicht weit her, sie wird zugunsten der neuen Antibolschewismus-Doktrin schon bald auch formell eingestellt. Eine Auswechselung von Staatsbeamten findet nicht statt. Viele Nazis treten einfach in die SPD oder in die neu gegründete CSU ein und setzen dort auf einen neuen Nationalismus.
1947 Aus den Messerschmitt-Flugzeugwerken bedienen sich die USA und entwickeln das Knowhow weiter (die Sowjets schnappen sich einige Messerschmitt-Flugzeuge in der Ostzone), Professor Messerschmitt bekommt seinen Persilschein
1948 Gründung der Augsburger Puppenkiste
1950 Augsburg zählt 208.500 Einwohner
1951 Eröffnung des Rosenaustadions, aus Kriegsschutt gebaut, damals eines der größten Stadien der BRD, verhilft in von bis zu 60.000 Zuschauern besuchten Fußball-Länderspielen und Leichtathletik-Länderkämpfen der 50er Jahre dem deutschen Nationalismus zu neuem Auftrieb
1953 Fritz Koelle, Bildhauer, geboren 1895 in Augsburg, stirbt: "bolschewistische Kunstauffassung" (so die Nazis über seine Werke), die ihn dann für sich arbeiten ließen
1955 Die ersten sogenannten »Gastarbeiter« treffen ein
1957 Neustart der Flugzeugindustrie, aus Messerschmitt wird 1969 der Gigant MBB, die 1989/90 zur DASA (dt. Aerospace, Tochter von Daimler-Benz) wird
1959 Die japanischen Städte Amagasaki und Nagahama werden Partnerstädte, nachdem die dortige Firma Yamaoka für die Herstellung von MAN-Dieselmotoren die Lizenz erhalten hat
1961 Rainer Werner Fassbinder verläßt als 16-jähriger vorzeitig das humanistische Gymnasium bei St. Annna; ihm schwebt anderes und sinnvolleres vor, als zu einem Rädchen im kapitalistischen System sich abrichten zu lassen

1962 Umstellung der Gasversorgung auf Erdgas (bis 1978, zuvor Gas aus Steinkohle)
1963 Eröffnung des Curt-Frenzel-Stadions, seit 1971 überdacht: legendäre Eishockey-Kampfbahn des AEV
1964 Die US-Stadt Dayton wird Partnerstadt, nachdem die dort beheimatete Firma NCR in Augsburg eine Niederlassung gegründet hat
1965 Fertigstellung der Sporthalle
1967 Die französische Stadt Bourges wird Partnerstadt, nachdem die Staatsräson die Aussöhnung im deutsch-französischen Freundschaftsvertrag von 1963 festgeschrieben hat
1968 Eröffnung des neuen Flughafens Augsburg-Mühlhausen, auf dem Alten Flugplatz entwickelt sich seit 1971 das Univiertel; Fusion von Messerschmitt A.G. mit Bölkow KG zu Messerschmitt-Bölkow-GmbH, 1969 mit Blohm GmbH zu MBB

1969 Fusion der Fußballabteilung des TSV 1847 Schwaben Augsburg mit dem BC Augsburg zum FC Augsburg
1970 Gründung der Universität Augsburg; das 1937 erbaute und Ende 1946 erneuerte Kunsteis-Stadion am Schleifgraben erhält ein Dach
1971 Eingemeindung von Haunstetten, Göggingen, Inningen und Bergheim: 257.000 Einwohner; Entstehung der Fußgängerzonen (bis 1979: Annastr., Philippine-Welser-Str., Bgm.-Fischer-Str.); MAN-Technologie produziert Teile für die europäische Ariane-Rakete
1972 2. März, Thomas Weißbecker (23 J.), dem aufgrund ähnlicher Zielsetzung Verbindungen zur der anarchistischen Bader-Meinhof-Clique nachgesagt werden, wird auf offener Straße von der Polizei erschossen;
Fertigstellung des Hotelturms ("Maiskolben": Vorbild: Marina City in Chicago, 115m hoch, mit Antenne 158m) und der Kongreßhalle; Olympiastadt: Die Kanuslalom-Wettbewerbe der Olympischen Spiele in München werden hier ausgetragen
1975 Charles Bukowski läßt seine Rechte für 100 Dollar in Deutschland und wird vom Augsburger Maro-Verlag veröffentlicht

1977 Königsplatz-Umbau mit Haltestellendreieck, Abriß des »Pilzes«
1981 Hausbesetzungen in Augsburg gegen Wohnungsspekulantion; Demonstration gegen die NATO-"Nach"rüstung
1982 Gewerkschaften fordern 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich
1983 Arbeitsbrigaden für Nicaragua, Gründung des Freundschaftskomitees Augsburg-Condega; der sozialistische Künstler Jörg Scherkamp, geb. 1935, stirbt
1985 2000-Jahrfeier Augsburg; seit diesem Jahr finden die "Tage des unabhängigen Films" statt, die internationale Filmschätze außerhalb des Mainstreamkinos auf die Leinwand bringen
1986 Interot Airways (ab 1995: Augsburg Airways) nimmt den regelmäßigen Passagierverkehr auf
1989 MBB geht in der Deutschen Aerospace AG (DASA) auf
1996 Wiedereröffnung Kurhaustheater in Göggingen
1998 Die US-Soldaten werden aus ihren 3 Kasernen in Augsburg abgezogen

2000 DASA wird zur EADS AG (European Aeronautic Defence and Space Company) ab 2009: EADS Real Estate Premium AEROTEC Augsburg GmbH & Co. KG
2001 Liberec in Tschechien wird zwecks »Versöhnung« Partnerstadt – die Ausweisung der deutschen Nationalisten nach 1945 aus der Tschechoslowakei soll somit als Unrecht Tschechiens auch tschechischerseits anerkannt werden: Diese revisionistische Unverschämtheit ist erst nach Auflösung der CSSR möglich geworden
2004 Zwecks Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen mit dem boomenden China wird Jinan Partnerstadt

2008 (31.12.) Augsburg zählt 266.976 Einwohner

Wird im Laufe der Zeit ergänzt. Beiträge erwünscht. Letzte Aktualisierung 2011
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standort_augsburg_2015

koka
Stichwort »Fusion«: Entwicklung lukrativer Infrastruktur für den Standort:
Wie die Stadt Augsburg und ihre Stadtwerke die Bürger zu verarschen versuchen

Der heutige Staat mit seiner kapitalistischen Staatsräson möchte seine Wirtschaft, soweit sie in seiner unmittelbaren Hand liegt, eben so wirtschaftlich abwickeln wie die freie Wirtschaft mit ihrer Gewinnrechnung das zu tun pflegt. Und das gerade auch auf seiner untersten, der kommunalen Ebene.

Als nicht bloß formelles Zeichen dieses Ansinnens wurden die kommunalen Dienstleister in GmbHs umgewandelt. So wurden die Stadtwerke Augsburg, welche die Versorgung mit Energie, Wasser und öffentlichem Nahverkehr sicherstellen — notwendige infrastrukturelle Leistungen, die einem Standort kommunalerseits zu erbringen sind, einem, der das global vagabundierende Kapital anziehen soll — in ebensolche GmbHs umgewandelt (Stadtwerke Augsburg Holding GmbH, Stadtwerke Augsburg Energie GmbH, Netze Augsburg GmbH, Stadtwerke Augsburg Wasser GmbH, Stadtwerke Augsburg Verkehrs-GmbH, AVG Augsburger Verkehrsgesellschaft mbH, ASG Augsburger Verkehrs-Servicegesellschaft mbH, Stadtwerke Augsburg Projektgesellschaft mbH sowie Stadtwerke Augsburg Carsharing-GmbH).

Wie es sich für solche Gesellschaften gehört, wird eine Bilanz erstellt, die schrittweise ökonomisch verbessert werden soll und zwar so rasch wie möglich. Die Stadtwerke (StaWA) selber drücken das schönfärberisch so aus: "Im Interesse ihrer Kunden, der heimischen Wirtschaft sowie der Arbeitsplätze setzen die Stadtwerke Augsburg bei all ihrem Handeln auf ein ausgewogenes Verhältnis von Umweltfreundlichkeit, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit." (auf ihrer Website)

Es ist klar, daß die Versorgungssicherheit nichts damit zu tun hat, ob ihre käuflichen Angebote wirklich für jeden Geldbeutel erschwinglich sind. Der Standort hat als solcher vor allem die Versorgungssicherheit der Großabnehmer im Auge, also derer, die ihr Kapital auch ihrerseits zugunsten des Standorts einbringen können, weil es groß genug ist, daß von ihm auch ein paar Krümel für ihn, wenn schon nicht abfallen — »Investoren« verstehen es, sich  arm zu rechnen —, so doch abfallen sollten. Für diese potenziellen Kapitaleigner werden die Energiepreise nicht nur erschwinglich, sondern durch hohe Energiepreise für die kleinen Leute subventioniert — eine Selbstverständlichkeit im Kapitalismus, an der sich niemand groß stört.

Die Umweltverträglichkeit im Energiewesen drückt sich in einem entsprechend angemessenen, vergleichsweise höheren Preis aus, der sich allein mit dem Hinweis darauf prima erzielen läßt.
Die Umweltfreundlichkeit im Nahverkehr versteht sich ja  sowieso von selber und schlägt sich selbstredend ebensowenig in einem besonders günstigen Fahrpreis nieder. Daraus, den Autoverkehr durch öffentlichen Nahverkehr weitgehend zu ersetzen, ist deshalb noch nie etwas geworden.

Kurz & gut: Das, was den Stadtwerken als einzig wirkliche Herausforderung bleibt und an der sie sich mit Vehemenz zu schaffen machen, ist die Wirtschaftlichkeit:

Dies sei in Kürze skizziert:
Der Nahverkehr wurde schon vor vielen Jahren als riesiger Kostenfaktor ausgemacht, der sich nicht richtig rechne. Gerade dieser Befund führte zu einem grandiosen Ideenreichtum, diesem Unglück für den Standort zu Leibe zu rücken. War aber gar nicht so einfach! Schließlich sollte ja die Versorgungssicherheit gewährleistet sein: Jeder Lohnbezieher soll ja termingerecht an die Verwertungsstätte seiner Arbeitskraft, jeder Schüler und Student an die Zurichtungsstätte für die spätere Verwertung eben jener kommen und in ihrer zu ihrer Reproduktion verfügbaren, freien Zeit sollen alle gleichermaßen zu den Kaufhäusern gelangen können, um ihren Lohn rasch wieder loszuwerden und zwar vorzugsweise an all die, an welche der Standort bekanntlich seine eigene Bedeutung knüpft.

Der bahnbrechende erste Einfall [1] bestand nun darin, den Aufwand an Lohnkosten in einen Vergleich zur erbrachten Leistung zu bringen: Mit dem Ergebnis, daß ein Bus- oder Straßenbahnfahrer, für das, was er kostet, viel zu wenig zahlende Leute transportiert, also auch oft genug (in Stoßzeiten etwa) mehr Fahrer eingesetzt werden müssen, als notwendig wären, könnte man entsprechend größere Wagenkapazitäten anbieten. Was bei den Omnibussen jedoch, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt möglich ist, ist bei den Straßenbahnen vergleichsweise einfach: Man brauchte bloß längere Wägen sich anzuschaffen, schließlich gibt die das Geschäftsinteresse der Hersteller längst her. Dafür fielen dann millionenschwere Beschaffungskosten an. Außerdem mußten Gleise in Kurven den neuen Wägen angepaßt, d.h. neu verlegt werden. Zusätzlich wurden etliche Buslinien durch neu gebaute Straßenbahnlinien und andere durch verlängerte ersetzt. Das waren die nötigen Kosten, die man erst einmal — so zumindest der äußere Schein — locker zu tragen wußte, zumal sie sich ja stetig auf die Fahrpreise umlegen ließen.

Problematisch wurde es dann allerdings beim Königsplatz, dessen Bahnsteige nicht so lang waren wie zwei hintereinander haltende Langbahnen. Irgendwie kam zwar jeder damit zurecht, aber den Stadtwerken und ihrer politischen Obrigkeit (der Stadt Augsburg als bislang alleiniger Gesellschafter) dünkte der Zustand nicht attraktiv für Augsburg als Standort für das Kapital, dessen Arbeiterschaft und die übrige Bevölkerung. So wurde denn die Idee einer »Mobilitätsdrehscheibe« geboren, über die sämtliche Straßenbahnlinien nebst einigen Buslinien laufen sollten. Diese wurde denn auch nach mehrjähriger Bauzeit 2014 fertiggestellt. (Sein klobiger Dreieckbau sieht übrigens genau so, wie er ist, standortgerecht aus — er spiegelt den schlechten Geschmack kaltblütiger Kapitalverwerter wider.) Die Kosten jedoch sprengten die vorgesehenen freilich bei weitem.

Und — die Idee, den Kö einmal mehr umzubauen, kam nicht so ganz ohne Sahnehäubchen daher. Mit dem regionalen Verkehr sollte der überregionale besser bedient werden, Augsburg als Schnittstelle zwischen West und Ost, Paris und Wien, Nord und Süd, Norddeutschland und Italien. Also sollte der Hauptbahnhof an Standort-Attraktivität gewinnen. Dadurch nämlich, daß dort Eisen- und Straßenbahn besser verzahnt werden: Einer neuer Tunnel mitten unterm Bahnhof hindurch soll dies gewährleisten. Damit wird der alte Pferseer Tunnel für die Straßenbahn obsolet und ebenso das an sich vergleichsweise vernünftige Projekt, eine den Königsplatz entlastende Straßenbahn von Lechhausen über die Grottenau und dieses alte Tunnel nach Pfersee zu führen.
Allerdings hat der Plan der Untertunnelung des Hauptbahnhofs einen gravierenden Nachteil: Mit der Unterquerung durch nur eine einzige Straßenbahnlinie läßt er sich schlechterdings nicht rechtfertigen — schließlich muß man die Dringlichkeit des Projekts auch dem global player Deutsche Bahn klarmachen. Gar nicht faul deshalb die emsig planenden Stadtwerkeökonomen: Diese erfanden flugs eine Linie 5, die, die Buslinie 32 ersetzend, die Mobilitätsdrehscheibe und den Hauptbahnhof mit dem Zentralklinikum verbinden soll, dabei die neuen Centerville-Wohnviertel erschließend.[2]
Nun steckt das Projekt HBf weit in den roten Zahlen: Die Kostenberechnungen wurden schon jetzt — er ist noch nicht einmal zu einem Viertel fertig — erheblich gesprengt. Und für die Linie 5 besteht nach wie vor kein annähernd haltbarer Finanzierungsplan; hinten und vorne ist weder bei den Stadtwerken noch bei der Stadt Geld dafür da.

Geldnot ist aber kein Argument für einen Standort, der auf sich hält. Also werden auch keine Projekte unterlassen [3]! Es wird einfach versucht, dafür Geld zu beschaffen. 
Als erstes fiel den Schlaumeiern ein, im Energiebereich mit Erdgas-Schwaben zu fusionieren. Damit will man im Energiebereich effizienter werden und Gelder gewinnen, die man im Nahverkehrsbereich dringend nötig hat. Das verhehlen die Verantwortlichen keineswegs, sie werben damit.
Wie für Erdgas-Schwaben die Gewinnrechnung aufgeht, soll sie auch für die Stadtwerke aufgehen.
Gemeinsam kann man den Kunden (dabei ist insbesondere an die für den Standort attraktiven Großkunden) ein günstigeres Angebot machen, Wettbewerber aus dem Feld schlagen usw. Das ist unbestritten. Die Anzahl der Mitarbeiter und die Höhe ihrer Löhne werden gleichfalls tangiert, bloß ganz sicher nicht in einer den Mitarbeitern genehmen Weise. Je mehr Mitarbeiter ein Betrieb hat, desto mehr kann er sich bekanntlich an ihnen schadlos halten. Er tut es auch. Nicht bloß, wenn er in eine Krise gerät, sondern schon vorausschauend. »Synergien freisetzen« ist ja bekanntlich ein erklärtes Ziel jeder Fusion. Umso mehr sind deshalb Stadt und Stadtwerke bemüht, diesen Zusammenhang zu dementieren! So sehr, daß es geradezu peinlich wird: Die Mitarbeiter werden für dumm verkauft, indem so getan wird, als würden sie genau diesen Zusammenhang nicht kennen, also aus glücklicherweise vorhandener Unkenntnis der Fusion zustimmen! Manche haben sich gar dazu überreden lassen, unbezahlt Wahlwerbung für die Fusion machen.

Diese Fusion allein reicht den Stadtwerken aber keineswegs. Und das ist angesichts der nicht absehbaren Kostendimensionen bei Hauptbahnhof und Linie 5 nur allzu verständlich. Und: Ist etwa die Mobilitätsdrehscheibe Kö schon (ab)bezahlt?[4]

Als Geldbeschaffungsinstrument dient eine Aktiengesellschaft: Ein solche sammelt anlagesuchendes Kapital ein. Die Einstieg der Thüga AG — sie hat sich bereits in etliche kommunale Betriebe als Gesellschafter eingekauft — ist also naheliegend und mit der Fusion der StaWA-Erdgas-Schwaben kapitalattraktiv. Die Thüga verschafft den Stadtwerken ein gewisses Sicherheitsgefühl angesichts des Geldmangelns, der keiner wäre, verpflichtete man sich nicht durch großkotzige Verkehrsprojekte dem Standort. 

Kurz & gut, die Thüga steigt ein, aber, das sehen sich die Stadtwerke genötigt zu betonen, nicht als Mehrheitseigner. Doch was heißt das schon? Als Geldbeschaffer kann man auch so den Ton angeben. Zudem erhält Thüga eine Sperrminorität, mit der sie alles unterbinden kann, was nicht in ihrem Geschäftsinteresse ist [5]. Und im »schlimmsten« Fall kann sich die Thüga gar als »Nothelfer« beweisen und weitere Teile der StaWA übernehmen, ja sie eventuell ganz. Ein wichtiges Indiz hin in diese Richtung ist, daß die Thüga der Einstieg mit einer Gewinngarantie schmackhaft gemacht wird. Da weiß der Gebührenzahler jedenfalls, wofür er bluten muß!

Fazit: Die Fortschritte kapitalistischer Ökonomie werden durch die Stadtwerke weder aufgehalten noch wollen sie jene auch nur aufhalten.

Wer auch immer der (Haupt-)Nutznießer ist, eines steht dabei allenthalben fest: Die, welche einen Lohn von diesen Unternehmen beziehen, sind es nicht, es sei denn, man hängt die Anspruchslatte so tief, daß man froh ist, daß es überhaupt noch Arbeitsplätze und zwar mehr schlecht als recht bezahlte gibt. Das kann man dann sicher als gewisse »Sicherheit« bezeichnen.  Die Arbeitsplatzbesitzer sie sind natürlich nicht natürlich die einzigen Profiteure, alle anderen, sehr verehrten Kunden werden mittels Fahr- und Energiepreise tüchtig geschröpft.

Der neue Chef der Stadtwerke hat in einem KoKa bekannt gewordenen privaten Gespräch geäußert, daß, würden die Stadtwerke nicht wie geplant vorgehen, sie so enden würden wie Griechenland. Dabei ist gerade Griechenland mit der gleichen Rechnungsweise, zu denen eine Vielzahl von (Infrastruktur-)Großprojekten gehörte (Olympiade 2004, neuer Flughafen Athen, U-Bahn-Ausbau Athen, Straßenbau wie Attika- und Egnatia-Autobahnen, Brücke über den Golf von Korinth, Meeresuntertunnelung südlich von Preveza usw. usf.), in die Krise geraten. Wie dumm muß man also sein, um sich für das gut bezahlte Amt eines Stadtwerke-Chefs zu qualifizieren?

(27.06.2015)
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[1] Neben den großartigen Ideen wurde nicht vergessen, an kleinartige Verbesserungen zu denken: So werden beispielsweise verrentete Busfahrer als Springer eingesetzt. So sollen die Fahrgäste gefälligst vorne einsteigen, womit die Fahrkartenkontrolle dem Fahrer auferlegt wird, um Kontrollpersonal einzusparen.
[2] Die Idee einer Unterquerung des HBfs ließ sich nicht dadurch beeindrucken, daß man an seiner Westseite auf ein Wohnviertel stieß, dessen Durchquerung oder Umfahrung ganz schön Kopfzerbrechen bereitet hat. Nun hat sich der Stadtrat für die Teilung des Doppelgleises bis zur Brücke über die Wertach entschieden — eine einspurige Streckenführung mit abwechselnder Belegung in beiden Richtungen war von vorneherein ausgeschlossen.
Die Linie 5 mußte offenbar unbedingt über die bereits tramgerecht ausgebaute Brücke der Linie 3 erfolgen. Mit der Konsequenz, sie im Anschluß an die Brücke über die Hessenbachstraße zu leiten. Hier gibt es zwar schon ein Localbahngleis, das allerdings nicht die gleiche Spurbreite hat und auch nur einspurig verläuft. Das heißt, hier muß gerodet werden auf Teufel-komm-raus. Im Bäumefällen ist die Stadt Augsburg unter ihrem famosen Baustadtrat Merkle bekanntlich Weltmeister, bzw. zumindest Vizeweltmeister hinter der Stadt Stuttgart mit ihrem Projekt Stuttgart 21. In der Ackermann-Allee dann wird lässig und ganz ohne Not der Grünstreifen geopfert — die Straßenbahn könnte auch auf jeweils einer der in beiden Richtungen zweispurigen Fahrbahn geführt werden.
[3] OB Gribl hat sich in einem Interview mit der neuen Szene (Juni 2015) darüber »entsetzt« gezeigt, daß mit der Verhinderung der Stadtwerke-Pläne die Gigantoprojekte der Stadtwerke seitens der Gegner des Bahnhofsumbaus gestoppt werden sollten.
[4] Nebenbei bemerkt: Die Stadtsparkasse Augsburg als städtischer Kreditgeber verdient überall kulant mit und schröpft die kleinen Sparer — neue Tarife ab August: 1,50 Euro für die sicherste Überweisungsmöglichkeit, die eigenhändige Überweisung an hauseigenen Geldautomaten!
[5] Vgl. Süddeutsche Zeitung, 17.09.14:  "…Doch ausgerechnet in Musterstadt wird das nun vielen unheimlich. Die Thüga, eigentlich gedacht als Hilfsmittel der Kommunen, entwickelt sich selbst zunehmend zum machtbewußten Akteur und versucht über ihre Kontakte zu den Städtechefs ihrerseits auf die Stadtwerke Einfluß zu nehmen. »Das löst immer mehr Ärger aus«, sagt ein Insider: »Viele Stadtwerke, die den Riesen geschaffen haben, würden ihn nun gerne in Ketten legen. …«"
 

bluete

Augsburg_2014

koka
Augsburg vor und nach den Kommunalwahlen

Die Wahlberechtigten hielten der CSU die unter deren Standortpflege ins Rollen gebrachte Projekte zugute… das war jedenfalls die tiefe Überzeugung der Lokalredaktion der Augsburger Allgemeinen (AZ), die zugunsten der Partei noch zwei Tage vor der Wahl eine dazu passende Umfrage präsentierten. So etwas ist sich eine »Qualitätszeitung« einfach schuldig.

Die verehrten Wahlberechtigten — die AZ-Chefredakteur Walter Roller noch mit dem Bonmot an die Urne zu locken gedachte, ausgerechnet dort, bei den vergleichsweise unbedeutenden Kommunalwahlen, könnten sie doch mal ihrem Protest Ausdruck geben —, halten Kommunalwahlen allerdings schon für ebenso notwendig wie selbstverständlich, so daß sie die nun mehrheitlich als das betrachtet haben, was sie sind: für eine Akklamation der Befugten. Dieses sichere Gefühl, es könne mit Wahlen eh nichts schiefgehen, hat das Abstimmen für viele dann logischerweise erübrigt. Und so stellt auch die Minorität, die sich an der Wahl beteiligt hat (41,2 %) eine nicht in Frage zu stellende Legitimation dar. Schließlich sind wir ja nicht in Havanna, wo der Akklamation unsachlich große Bedeutung zugemessen wird…

CSU und bisherige Koalition
gribl_keuner-abend_16-06-12Die CSU konnte die relative Mehrheit der Kreuzchenmacher für sich gewinnen (23 von 60 Sitzen). Das mag an den wunderbaren Windungen und Wendungen des Oberbürgermeisters Kurt Gribl liegen [Das KoKa-Bild zeigt ihm beim Vortrag seiner Brechtschen Lieblingssentenz beim Keuner-Abend in der Toskanischen Säulenhalle, 2012]. Das liegt nicht weniger an der Opposition, die es als solche in der vergangenen Wahlperiode nicht gegeben hat.

So gut wie nicht, jedenfalls, denn der ziemlich einzige der sich wirklich Gedanken um Alternativen zum ziemlich großkotzig ausfallenden Standortprojekt Mobilitätsdrehscheibe und HBf-Unterkellerung (nebst anderem) gemacht hat (siehe Interview in der Neuen Szene, 08-2013), der Architekt Volker Schafitel, saß nicht im Stadtrat und konnte nun mit seinen ansonsten ja ziemlich biederen Freien Wählern nur 2 Sitze erreichen. Nun ja, wer auf den Wirtschaftsstandort hält — und wer tut das nicht? —, bei dem können Projekte gar nicht imposant genug ausfallen!
OB Gribl und seiner ihm subsumierten CSU jedenfalls gelang es großartig ihre in der CSM zusammengeschlossenen Abtrünnigen — die innerparteilichen Intrigen und Grabenkämpfe gehören einfach zu einer Partei, in der so mancher mit Ellbogen um seine Karriere zu kämpfen versteht — um den Mr. Superwichtig Hermann Weber ebenso an die Wand zu drücken (3 Sitze) wie den einst von Millionär Seinsch ins Leben gerufenen reinen Mehrheitsbeschafferverein Pro Augsburg (3 Sitze): Was hatten die denn schon zum Gelingen der Standortfragen beizutragen? Ist es nicht so, daß die CSU ihre vielfältigen Seilschaften auch ohne Herrn Weber & Co. zu pflegen weiß? Daß die zwielichtigen Machenschaften ihres Baureferenten Merkle, die im Falle der Eisstadionfehlplanung ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerieten, nicht gerade so kaschiert werden können, indem so getan wird, als wäre das nicht eine ureigene Sache der CSU, sondern die von Quertreibern? Wenn es etwas zu leisten galt, dann doch genau dies!

Übrigens: Als dann doch noch ein eingeforderter Untersuchungsbericht zum Eisstadion — an vielen, nicht unwichtigen Stellen geschwärzt — der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war die zunächst aufgeschreckte Öffentlichkeit schnell beruhigt, eine Öffentlichkeit, die eh nicht gerade Kritik als ihr Gütezeichen versteht, die AZ vor allem, jedoch nicht minder die Süddeutsche Zeitung, die in ihrem Bayernteil ab und an über Augsburg berichtet. Wie gut ist es, wenn man wie die CSU in der AZ eine Öffentlichkeit hinter sich weiß, die alle Hebel in Bewegung setzt, selbst mehr als nur anrüchige Angelegenheiten unter den Tisch zu kehren!

SPD
Die Opposition bzw. das, was darunter verstanden wird, gestaltete sich über die letzte Wahlperiode folgendermaßen: Die SPD spielte die beleidigte Leberwurst, da sie sich von Gribl und der CSU ausgegrenzt fühlte, nachdem sie in der Wahlperiode zuvor zusammen mit GRÜNEN und sonstigen Stadträten die CSU ihrerseits von der Macht ausgegrenzt hatte. Ansonsten hatte sie eh keine Alternativen anzubieten, nachdem die in ihrer Regierungsperiode ja bereits schon jämmerlich gescheitert waren (insbesondere ihr Vorschlag zum Kö-Umbau). Und sie bemühte sich auch nicht darum. Ihr OB-Kandidat jammerte tagaus tagein, er fühle sich von der Stadtregierung »schlecht informiert«. Und so fuhr er wie seine Partei — keineswegs verwunderlicherweise — ein, gemessen an den Parteiansprüchen, grottenschlechtes Ergebnis ein (13 Sitze). Das hinderte die Partei jedoch nicht daran, sich an die CSU anzuschleimen und von ihr ein Koalitionsangebot zu verlangen.
Diese Option kam der CSU zupaß, konnte sie doch damit ihre beiden Streitbrüder CSM und Pro Augsburg aufs Abstellgleis befördern. Freilich durfte es keinesfalls dazu kommen, der SPD wirklich Einfluß auf die von ihr besetzte Standortpolitik einzuräumen. Für dieses Ansinnen hat die CSU ihre Seilschaft in der Lokalredaktion der AZ: Da wurde alsogleich gegen SPD-Spitzenkandidat Kiefer geschossen: Er wäre ein Hindernis, weil er sich mit Gribl ja nicht vertrage und vertragen könne. Das hatte eine sowohl an Peinlichkeit nicht zu übertreffende wie erwünschte Reaktion auf Seiten der SPD zufolge: Ein Mediator wurde eingeschaltet und die Sache dahingehend bereinigt, daß die SPD damit zu erkennen gab, daß sie die Koalition wolle, auf welche Ansprüche auch immer sie dabei verzichten müsse. Des weiteren wurde seitens der AZ gegen die lokale SPD-Vorsitzende geschossen, Ulrike Bahr nämlich, die — so vermuteten offenkundig CSU und AZ-Lokalredaktion unisono — gegen die CSU mal auf dem ein oder anderen (Unter)Punkt bestehen könnte. Ihr wurde vorgehalten, daß sie ja schon im Bundestag sitze und dann auch noch im Stadtrat… während gleichzeitig der Bundestagsabgeordnete Volker Ullrich (CSU) in gleicher Situation auf seinen Stadtratssitz großzügigerweise verzichtet habe. Was dazu geführt hat, daß die SPD auch in dieser Frage den Schwanz eingezogen hat und (auf) Frau Bahr verzichtete. So wurde dann die SPD mit ganzen 2 von 7 Stadtministern (Referenten) bedacht: Kiefer ins Sozialreferat hineingelobt, welches der CSU ja sowieso lästig genug ist, zumal man damit keine öffentlichkeitswirksamen Punkte (schon gar nicht in der AZ) macht. Dem zweiten SPD-Mann wurde das Ordnungsreferat zugewiesen. Der angestrebte Zugriff auf das Finanzreferat wurde der SPD vom Koalitionspartner kategorisch verweigert, das Wirtschaftsreferat, nunmehr zusammengeschlossen mit dem Finanzreferat, stand von vorne herein völlig diskussionslos der CSU zu.

GRÜNE
Die zweite Oppositionspartei, die GRÜNEN, legten mit der Wahl leicht zu (auf 7 Sitze). Sie mußten sich darüber selbst am meisten wundern, denn Opposition hatten sie im Grunde nicht gemacht — sie hatten ja ihre wirklichen Baustellen ganz woanders: in Sachen deutschen Regelungsbedarfs auf nationaler und internationaler Ebene —, sieht man von dem Allgemeinplatz in dem ein oder anderen Punkt der Regierung »Versagen« vorzuwerfen ab. Okay, wegen der Situation für die Fahrradfahrer haben sie bisweilen geklagt, auch die Feinstaubbelastung in der Innenstadt war mal kurz Thema. Doch im Grunde war alles nur ein Quidproquo, selber den kapitalistischen Industrie-Standort viel besser und ohne »Nebenwirkungen« hegen und pflegen zu können als die CSU, die ja bekanntlich »nur« die Interessen der Unternehmer [Autoindustrie] umzusetzen gedenkt.
Daß die GRÜNEN sich nun ohne Not an das CSU-SPD-Bündnis anschleimen, welches allein schon über eine satte Mehrheit im Stadtrat verfügt, also unbedingt auch noch dabei sein wollen, wundert nicht: Schließlich gilt es — wenn überhaupt etwas —,  »uns«, den Staat, auch auf seiner untersten Ebene, der Kommune, vor all den umweltschädlichen Folgen seiner durchgesetzten Interessen, seiner kapitalistischen Staatsräson zu bewahren: Ganz so, als hätten diese Folgen nichts, aber auch gar nichts mit dem Interesse einer kapitalistischen Standortpflege zu tun. Der GRÜNEN-Karrierist Erben wird nun den Posten des Kulturreferenten übernehmen, auf den bislang Peter Grab gerade in Augen der GRÜNEN eine so irrschlechte Figur abgegeben hatte. Wobei nie so richtig klar geworden ist, worin denn nun die Kritik der GRÜNEN an Grab bestehen hat sollen. Am immer pompöseren Brecht-Festival hat sich die Kritik jedenfalls nicht (mehr) entzünden können… Und schon gar keine Kritik hatten sie daran, daß Jahr für Jahr Abermillionen für das bourgeoise — daran ändert auch die neu errichtete Brecht-Bühne nichts — Stadttheater verbraten werden.

sonstige Parteien
Den Abgesang der Partei DIE LINKE (2 Sitze) verdeutlicht nichts weniger als ihr Setzen auf schonungslosen Personenkult im Wahlkampf. Einer ihrer Köpfe wurde wohl schlechten Gewissens wegen gar mit einem Brechtzitat gerechtfertigt. Und auf einem der wenigen Text-Plakate stand zu lesen, daß DIE LINKE zu 100% sozial wäre: Die Wahrheit ist, daß sich diese Partei, den deutschen Staat und seine kapitalistische Staatsräson sozial zurechtdenken kann: Dazu wäre freilich Voraussetzung, die richtige Partei in Amt und Würden hineinzuwählen. Was nicht einmal damit gelungen ist, daß ein Gewerkschaftsfunktionär auf ihrer Liste die kapitalistische Anwendung der Arbeitskraft als »gute Arbeit« hat verkaufen wollen…. Wie hätte denn das gelingen sollen? Mit der Schuttelei für's Kapital macht man keine Punkte, auch wenn man ihr auf Teufel-komm-raus etwas Positives andichten will. »Positives« will ja heißen, einen Beitrag zur Stärkung der Nation! Kurzum, selbst in der Kommunalwahl wollten sich diese Linken als alternative Nationalisten, als Steigerer des Bruttosozialprodukts beweisen….
Besser gelungen ist das der »Alternative für Deutschland« die vergleichsweise schnörkellos auf das vorhandene Nationalbewußtsein der Staatsbürger gesetzt und es angestachelt hat; Ausbeutung allenthalben als notwendig für das Wohl der Nation unterstellt. Das brachte dieser Partei vier Sitze, einer Partei, die wie alle Faschisten einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus anstrebt, freilich ohne offen von einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung gegen die deutsche Nation zu reden: Allein das würde sie ja in den Augen der politischen Konkurrenz verdächtig erscheinen lassen. Aber so? Freilich: Faschisten gehören zur Demokratie — das ist nichts Neues — wie die Scheiße zum (biologischen) Verwertungsprozeß.
Ansonsten gibt es noch drei Mini-Parteien, die jeweils einen Sitz gewonnen haben, darunter die FDP, die gegenüber dem Bündnis zwischen Kapital und CSU keine Alternative darzustellen vermag. Ihre anerkannte Rolle als Mehrheitsbeschaffer spielte sie in Augsburg ja sowieso nie. In der entschieden auf die CSU ausgerichteten Tagespresse hatte sie nie Einfluß.

Fazit:
Alles in allem kann man der Binsenweisheit einmal mehr recht geben, daß Wahlen nichts verändern. Das haben mittlerweile fast 60 % gemerkt. Doch das Bewerkenswerte ist, daß der Staat selber die ständige Wählerei mittlerweile für ziemlich lästig hält, gerade weil sie ja seine Ansprüche und Vorhaben eh nicht tangieren kann. Um den schönen Schein der existenen — kapitalistischen — Herrschaftsverhältnisse willen, welche sich — nicht zu Unrecht (schließlich bedeutet der Begriff nichts anderes als Herrschaft mit der Berufung aufs Volk, auf den Freifahrtsschein, den das Volk mittels Stimmzettel der Herrschaft ausstellt) — Demokratie nennen, will man maßgeblicherseits jedoch nach wie vor nicht einfach darauf verzichten.

Eine andere Frage ist die, warum neuerdings so große und breite Koalitionen, angefangen von der Bundesebene bis hinunter auf die kommunalpolitische in Mode kommen. Zwar konnte man sich ja schon lange fragen, warum sich die etablierten Parteien nicht zu einer Deutsch-Demokratischen Einheitspartei zusammenschließen. Eine solche Überlegung freilich haben sie bislang als Diffamierung erzdemokratischer Zustände im Lande weit von sich gewiesen. Daß sie selber mittlerweile aufgrund der Sachzwänge, die ihnen die kapitalistische Staatsräson aufherrscht — bis eben hinunter zur lokalen Standortpflege —, dies für eine ultima ratio halten, unabhängig davon, wie das von ihnen allenthalben abschätzig beurteilte Wahlvolk dies sehen könnte, ist nicht zu übersehen: Auf Wähler können sie sich bekanntlich verlassen. Die kennen eh nichts Besseres, als ihre Stimme abzugeben; d.h. Ein- und Widerspruch ist eh nicht die Sache der Untertanen, die zu vollmündigen Wählern sich haben heranziehen lassen.

(19.04.14) 

bluete

 

welser – fugger

koka

Welser und Fugger und der deutsche Imperialismus 

Als Columbus 1492 (ohne es zu wollen) Amerika entdeckte und 1498 Vasco da Gama — um Afrika herum — den Seeweg nach Indien, da war ein neues Kapitel aufgeschlagen: Im alten Europa war soviel Geld akkumuliert, daß es nach neuen Anlagemöglichkeiten Ausschau hielt, nach neuen rentablen Projekten. Für die Betätigung des Kapitals in Übersee waren denn auch ganz hübsche Summen nötig: Schließlich mußte das Land dort erst erkundet, die Einheimischen aus dem Weg geschlagen, eine verläßliche Statthalterschaft vor Ort installiert und die Verbindungen zu den europäischen Vaterländern gesichert werden. Es versteht sich von selber, daß diese gewaltigen Herausforderungen nur gelingen konnten, insofern und solange die freie Wirtschaft und die politische Gewalt Hand in Hand gingen. Ganz mit vorne dabei waren damals die beiden größten Handels- und Geldhäuser Augsburgs, die Welser und die Fugger [hier ein der Link (pdf) auf einen aller Beschönigung abholden Abhandlung aus dem — leider vergriffenen Buch von Gaby Weber »Krauts erobern die Welt – der deutsche Imperialismus in Südamerika«, 1982; auf diesem Beitrag fußt dieser KoKa-Artikel], welchen diese überseeischen Herausforderungen nicht nur äußerst lukrativ erschienen, sie haben sie auch mit bestem christlichen und deutschen Gewissen in Angriff genommen; all die vielen Menschenopfer, die diese Projekte forderten, scheuten sie nicht: Sie mußten einfach sein. Jene sind, wie die Schüler heute nach wie vor im Heimatkunde- und Geschichtsunterricht lernen, nicht der Rede wert — angesichts des so bewundernswerten gewaltigen Reichtums, den jene »Familienunternehmen« schufen, angesichts des Reichtums, der damit auch für die Stadt Augsburg und nicht zuletzt für die Etablierung einer deutschen Nation von so großem Nutzen war. Der Reichtum war so groß, daß Jakob Fugger der Reiche, ein erzkatholischer Gewissenswurm, selber Bedenken bekam — nicht, daß ihn die in seinen europäischen Bergwerken ausgebeuteten Arbeiter und die abgeschlachteten Indios in Übersee tangiert hätten, keineswegs; doch die in seiner Heimatstadt Augsburg gleichzeitig neben und mit dem Reichtum aufkommende Armut war ihm ein Dorn im Auge. Das hat ihn veranlaßt, eine Armensiedlung zu bauen, ein heute noch gerne vorgezeigtes Projekt, die erste »Sozialsiedlung« der Welt, die Fuggerei, welch großartige Tat!
Diese Geschichtsverklärung, wie sie heute in deutschen Schulen und für Touristen aus aller Welt [z.B. auf neuen (von einer CSU-nahen Werbeagentur im Auftrag der Fugger-Nachfahren) erstellten Websites] betrieben wird, hat ihren guten Grund: Und zwar in den heutigen Projekten des deutschen Imperialismus. Deutsches Geld und deutsche Gewalt sind über 500 Jahre lang nun fast ununterbrochen dabei, sich die Welt zu unterwerfen, sie und ihre Reichtümer auszubeuten, koste es, was es wolle. Da war Reichskanzler Hitler keineswegs ein Sonderfall, ein Mann übrigens, der sich auf die Tradition der Welser und Fugger ausdrücklich berufen hat:

" »Hier (in Brasilien) werden wir ein neues Deutschland schaffen. Hier haben wir alles, was wir nötig haben (…). Wir werden ihnen beides geben, Kapital und Unternehmungsgeist. Wir werden ihnen ein Drittes geben: Unsere Weltanschauung (…). Sie glauben noch, Demokratie spielen zu müssen. Warten wir ein paar Jahre und helfen dabei etwas nach. (…) Wir brauchen zwei Bewegungen im Ausland, eine loyale und eine revolutionäre. (…) Ich glaube, wir haben bewiesen, daß wir das können, sonst säßen wir nicht hier. Wir werden nicht wie Wilhelm der Eroberer Truppen landen und Brasilien mit der Waffe in der Hand erobern. Die Waffen, die wir haben, sieht man nicht. Unsere Conquistadoren haben eine schwierigere Aufgabe als die alten, dafür haben sie diffizilere Waffen.« [Hermann Rauschning, Gespräche mit Hitler, Zürich, Wien, New York 1940, S. 61 und 62]
Die grundsätzliche Berechtigung dieses Vorhabens begründete der Führer so: »Die Fugger und Welser haben hier ihre Besitzungen gehabt.« [ebd., S. 61]
Hitler machte keinen Unterschied zwischen deutschen Staatsangehörigen und naturalisierten Deutschstämmigen. Anläßlich eines Treffens der Auslandsdeutschen im Jahr 1934 stellte er nur eine Bedingung: »Das Bekenntnis zum Deutschtum (geht) der Loyalität gegenüber dem fremden Staat vor.« [ebd., S. 137]" [Aus dem Buch von Gaby Weber, S. 60-61]

Klingt alles gar nicht so undemokratisch — abgesehen davon, daß die Politiker heute statt »Weltanschauung« vorzugsweise von »Werten« schwadronieren, wobei dann natürlich — das erfordert die mit Auschwitz endgültig ge- und bereinigte Weltanschauung — nicht die materiellen gemeint sind.
Und an dieser Jahrhunderte alten Tradition knüpfte das Nachkriegsdeutschland an, sobald es wieder möglich war:

"Als damaliger Außenminister der Großen Koalition erklärte Willy Brandt auf einer Konferenz aller bundesrepublikanischen Botschafter in Lateinamerika (Viña del Mar) 1968, daß man nicht länger eine Politik betreiben könne, »die von anderen formuliert werde«. [zit. nach: Manfred Uschner: Lateinamerika – Schauplatz revolutionärer Kämpfe, Berlin 1975, S. 46]
»Wir haben lange genug so getan, als existieren wir — abgesehen von unseren Bündnissen und unseren Bemühungen in der Deutschlandfrage — politisch gar nicht« — so Brandt und wiederholte einen Ausspruch von Franz-Josef Strauß, daß es für die Bundesrepublik unmöglich sei, »gleichzeitig wirtschaftlicher Riese und politischer Zwerg zu sein«. Der Außenminister entwarf ein Programm der umfassenden wirtschaftlichen und politischen Expansion der bundesrepublikanischen Wirtschaft nach Lateinamerika. [Die Welt vom 28.10.1968]" [Aus dem Buch von Gaby Weber, S. 77]

Und es geht so just weiter: Eben auf dem mittlerweile hohen Niveau eines deutschen Exportweltmeisters: Ein EU-Freihandelsvertrag mit Kolumbien und Peru wurde 2013 geschlossen, einer mit Chile existiert bereits seit 10 Jahren, Brasilien ist darauf aus, einen zu erhalten usw.  Genau so stellt man sich selbstbewußte Statthalterschaften vor Ort vor… Dort, wo diese idealen Verwertungsverhältnisse nicht eingerissen sind, fuhrwerkt das deutsche Militär mittlerweile vielerorts höchstselbst herum, um sie herzustellen oder zu sichern.
Die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU fordert ebenso wie die SPD, die nunmehr wieder den Außenminister — welcher die richtungsweisende Meinung vertritt, Deutschland erscheine der Welt viel zu friedlich — stellt, eine aktive Außenpolitik. D.h. eine noch aktivere, denn daß die bisherige nicht aktiv gewesen sein sollte, dieser Eindruck kann nur dadurch erweckt werden, wenn man die riesigen deutschen Ansprüche zum Maßstab nimmt. Die nehmen Maß an der Weltaufsichtsmacht USA. Gemessen an der und nur an der nehmen sich die deutschen Bestrebungen gering aus. Die Kosten, die bei diesen Bestrebungen anfallen, sei es bei den betroffenen Bevölkerungen, sei es in Sachen Naturzerstörung sind gewaltig. Wem das zu allgemein ist, ein Beispiel: Kolumbien ist der größte Kohlelieferant Deutschlands. Beim Abbau der Kohle gehen der südamerikanische Staat und die beteiligten Konzerne keineswegs zimperlich mit den Arbeitern und der Natur um. Die Kohle, hier angekommen, wird verstromt, um die Energiekosten für das deutsche Kapital niedrig zu halten. Die Natur wird bei der Kohleverstromung ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie die Geldbeutel der kleinen Leute. Die haben nichts davon, denn sie müssen — obschon sie das Geld dafür nicht übrig haben — für die Kilowattstunde weitaus mehr Geld berappen als die Unternehmen, die das Geld zwar berappen könnten, aber aufgrund ihrer maßlosen Ansprüche — vorgetragen immerzu als Sachzwänge, die ihnen die kapitalistische Konkurrenz aufherrscht — nicht berappen wollen. Und zum Hohn aller, welche die Kosten ohnehin zu tragen haben, drohen die Konzerne regelmäßig mit dem Verlust von Arbeitsplätzen! Der Staat gibt ihnen selbstverständlich recht. Die kapitalistische Staatsräson beruht ja darauf, daß der Staat selber von dem unermeßlichen Geldreichtum seiner freien Wirtschaft profitiert.
Verglichen mit den Sachwaltern deutscher Gewalt und deutschen Geschäfts heute waren die Welser und Fugger samt der von ihnen finanzierten Herrschaft damals geradezu Waisenknaben. Aber auch nur so.

(30.01.2014) 

bluete