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Literatur: Tschernyschewskij

koka

Nikolai Tschernyschewskij

Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewskis Roman »Was tun?« wurde 1863 im Sowremennik veröffentlicht, von der Zensur kaum ernstgenommen und so nur unerheblich gekürzt. Ein bürgerlicher Wissenschaftler schrieb schon 1879 über diesen Roman: "Während meiner sechszehnjährigen Universitätstätigkeit ist mir kein einziger Student begegnet, der den berühmten Roman nicht bereits vom Gymnasium her kannte; eine Gymnasiastin der fünften bis sechsten Klasse, die sich nicht mit den Abenteuern der Wera Pawlona bekannt gemacht hätte, wäre als dumme Gans bezeichnet worden." In einem geheimen Zensurbericht wird sorgenvoll vermerkt, der Roman habe großen Einfluß auf das äußere Leben einiger kurzsichtiger und in ihren Moralbegriffen ungefestigter Leute sowohl in der Hauptstadt als auch in der Provinz ausgeübt. Es sei vielfach vorgekommen, daß Menschen, dem Beispiel der Tschernykowschen Helden folgend, ein anderes Leben begannen: "Töchter verließen ihre Mütter und Väter, Frauen ihre Ehemänner, manche gingen noch weiter, bis zu den äußersten Extremen; es gab Versuche, in der Art von Vereinen oder Handwerkerartels [Artels = freiwilliger genossenschaftlicher Zusammenschluß] kommunistische Wohngemeinschaften einzurichten." Als Karl Marx in seinen späten Jahren noch begann, russisch zu lernen, bezeichnete er die Werke Tschernyschewskis als einen Hauptgrund dafür. Er schreibt in einem Brief an Sigfrid Meyer vom 21.01.1971:
"… Ich weiß nicht, ob ich Ihnen mitgeteilt, daß ich seit Anfang 1870 mich selbst im Russischen unterrichten mußte, was ich jetzt ziemlich geläufig lese. Die Sache kam daher, daß man mir von Petersburg Flerowskis sehr bedeutendes Werk über die 
»Lage der arbeitenden Klasse (bes. Bauern) in Rußland« zugeschickt hatte und daß ich auch mit den ökonomischen (famosen) Werken von Tschernyschewski (zum Dank zu den sibirischen Minen seit 7 Jahren verurteilt) bekannt werden wollte. Die Ausbeute lohnt die Mühe, die ein Mensch von meinen Jahren in der Überwältigung einer Sprache hat, die den klassischen, germanischen und romanischen Sprachstämmen so fernab liegt. Die geistige Bewegung, die jetzt in Rußland vorgeht, zeigt, daß es tief unten gärt. Die Köpfe hängen immer durch unsichtbare Fäden mit dem body des Volks zusammen. …" (MEW 33, S. 173)
Er nennt ihn u.a. auch im Nachwort zur zweiten Auflage des
 »Kapitals«"Es ist eine Bankrotterklärung der »bürgerlichen« Ökonomie, welche der große russische Gelehrte und Kritiker N. Tschernyschewski in seinem Werk »Umrisse der politischen Ökonomie nach Mill« bereits meisterhaft beleuchtet hat." (MEW 23, S. 21)
Daß auch Lenin mit seinen Schriften bekannt war und sie geschätzt hat, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden, hat er doch selbst den Titel des Romans für eine seiner Schriften übernommen. Wirklich verbrecherisch ist allerdings, wie diejenigen, die sich auf Lenin berufen, den materialistischen Gesellschaftskritiker Tschernyschewski in ihre moralische Staatsideologie meinten einordnen zu müssen. Tschernyschewskis Roman Was tun? lag schon bald in deutscher Übersetzung vor (KoKa verfügt über die 2. Auflage, die 1890 von F. A. Brockhaus in Leipzig in drei Teilbänden gedruckt wurde). 1947 erschien eine im SWA-Verlag und 1952 dann eine im Aufbau-Verlag der DDR, in dessen Nachwort – in einer Auflage von 1980 ersetzte dieses das Vorwort von Georg Lukács (was einerseits gut ist, weil dieses Werk eines Vorwortes entbehren kann, noch dazu eines mit Frasen aufgeblähten, andererseits schlecht, weil eben nichtsdestoweniger eines Nachworts) – man folgendes Gesülze lesen kann: "Tschernyschewski als revolutionärer Vorkämpfer für die Bauerninteressen war kleinbürgerlicher Demokrat. Die Bedeutung der Arbeiterklasse als einer selbständigen Kraft des gesellschaftlich-politischen Lebens und als der einzigen konsequent revolutionären Klasse erkannte er nicht. … So kann es nicht wundernehmen, daß sein theoretisches Denken, verglichen mit der damaligen Entwicklung des Marxismus, nicht Schritt halten konnte
 [Im Gegensatz dazu hat die DDR samt ihrer ML-Ideologie ja wunderbar Schritt gehalten!]. Er blieb zeit seines Lebens als Anhänger von Ludwig Feuerbach auf dem Standpunkt des anthropologischen philosophischen Materialismus stehen, das heißt, er machte das natürliche und nicht das gesellschaftliche Wesen des Menschen zum Angelpunkt seiner philosophischen Überlegungen. Was die Perspektive der historischen Menschheitsentwicklung anbelangt, kam er über den utopischen Sozialismus nicht hinaus." Offenbar hat der Autor Wolf Düwel den Roman gar nicht gelesen, sonst könnte er solch hahnebüchenen Unsinn wahrlich nicht behaupten! Genau das Gegenteil ist nämlich richtig! Daß er sich im folgenden auch noch auf Lenins Beurteilung der historischen Höhe des Kapitalismus beruft, der Tschernyschewski nicht gerecht werden konnte, weil sie damals noch nicht so weit war, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil. Auch Lenin hätte an (nicht nur) dieser Stelle mal ein klares Kontra verdient: Anstatt die Verhältnisse so zu interpretieren, wie sie einem gerade für's Weltbild in den Kram passen, hätte man mal auf die Überlegungen und Einsichten Tschernyschewskis Rekurs nehmen können – nicht nur über die Psyche des bürgerlichen Individuums – die besonders, aber bei weitem nicht nur:
"
…» Wie sinderbar«, denkt Wjerotschka, »was er von den Armen und von den Frauen gesprochen, und dann das, wie die wahre Liebe beschaffen sei; darüber habe ich auch schon nachgedacht, das habe ich auch schon gefühlt – aber woher habe ich es eigentlich? Stand es etwa in den Büchern, die ich gelesen? – Nein, dort steht es anders, dort werden solche Ideen bezweifelt, bekrittelt, als ob sie etwas Ungewöhnliches, Unglaubliches enthielten, als ob sie Phantasien wären, die an und für sich schon, aber niemals verwirklicht werden könnten. Mir dagegen schienen sie so einfach, so natürlich, mir kam es vor, als ob sie etwas Selbstverständliches wären, als ob es nicht anders sein könnte, als daß sie ins Leben treten müssen. Und doch habe ich diese Bücher für die besten gehalten. Da ist z.B. George Sand – eine so gute, so moralische Schriftstellerin – aber sie erklärt diese Ideen für Hirngespinste. Oder unsere Schriftsteller – doch nein, unsere Schriftsteller sprechen davon gar nicht. Oder Dickens – er spricht zwar davon, aber scheint keine Hoffnung auf einstige Verwirklichung dieser Ideen zu haben. …«…" [Tschernyschewskij, »Was thun?«, 1890, Teil 1, S. 164f, Orthografie im Original]

"…»…Und was ist nothwendig? Ueber jeden Zweig des Wissens gibt es einige Hauptwerke; in den übrigen Werken wird nur das wiederholt, verwässert, verdunkelt, was viel vollständiger und klarer in den wenigen Hauptwerken enthalten ist. Mithin braucht man nur diese zu lesen; das Lesen der andern ist unnöthiger Zeitverlust. Betrachten wir z. B. die russische Belletristik. Ich kenne Gogol's Erzählungen; nehme ich nun die Erzählungen vieler anderer Schriftsteller zur Hand, so ersehe ich schon aus fünf Zeilen auf je fünf Seiten, daß ich nichts darin finden würde als einen verwässerten oder verzerrten Gogol; wozu soll ich sie also lesen? Dasselbe gilt auch von der wissenschaftlichen Literatur, ja hier ist die Grenzlinie noch schärfer gezogen. Habe ich Adam Smith, Malthus, Ricardo und Stuart Mill gelesen, so kenne ich das Alpha und das Omega dieser Wissenschaft und brauche keinen einzigen von den hundert andern Nationalökonomen zu lesen, so berühmt sie auch sein mögen. Aus fünf Zeilen auf je fünf Seiten ersehe ich schon, daß ich da nicht einen ursprünglichen, ihnen eigenthümlich zukommenden Gedanken finde; alles ist entlehnt und breitgetreten. Ich lese nur so weit, als sie wirklich Selbständiges enthalten.« Deshalb ließ er sich auch nicht dazu bewegen, Macaulay zu lesen. Nachdem er eine Viertelstunde darin geblättert hatte, erklärte er: »Ich kenne alle Zeuge, welche die Lappen zu diesem Flickwerk liefern mußten.« Er las mit großem Vergnügen den »Jahrmarkt des Lebens« von Thackeray und begann darauf »Arthur Pendennis« von demselben Verfasser, doch schon bei der 20. Seite legte er das Buch wieder fort. »Alles aus dem 'Jahrmarkt des Lebens', nichts Neues darin – überflüssig zu lesen. Jedes Buch, das ich lese, muß so gehaltvoll sein, daß es mir das Lesen von hundert anderen Büchern erspart.«…" [»Was thun?«, 1890, Teil 2, S. 259ff]
Die Figur, die Tschernyschewski das sprechen ließ, heißt Rachmetow. Er war dann später den antimaterialistisch gesonnenen Realsozialisten überhaupt nicht geheuer – Wie auch! -, weshalb auch er eine entsprechend einordnende Bemerkung im oben bereits erwähnten Nachwort erhielt. Für den DDR-Rezensenten war Rachmetow ein "Ideal des neuen Menschen", er bemerkt gar nicht Tschernyschewskis Kritik an einem falschen Materialismus innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse, weil er einer materialistischen Kritik generell abhold ist. Da der Realsozialist und ML-Ideologe Kritik ja nie anders kennt als eine moralische an den herrschenden Zuständen und Materialismus nur als Staatsmaterialismus – also einem der Gewalt – anerkennt, bezichtigt er Tschernyschewski eines »materialistischen Anthropologismus«, der natürlich als solcher hinter Marx zurückgeblieben sei (was er zu beweisen sich erst gar nicht anheischig macht). 
Im Gegensatz dazu schrieb dazu etwa Plechanow: "Fast jeder unserer bedeutenden Sozialisten der 1860er und 1870er Jahre war zum nicht geringen Teil ein Rachmetow." Ausgerechnet freilich Plechanow, jener begeisterte Schwafler über die 
»dialektische Methode« weist auf Tschernyschewskis Skizzen über die Gogolsche Periode hin [in: Eine Kritik unserer Kritiker, Berlin 1982, S. 82f], indem der den Fortschritt durch Hegel, aber gleichzeitig dessen wesentlichen idealistischen Krückstock zur Sprache, den Widerspruch, die Wahrheit als Abstraktum verurteilen zu müssen, brachte: 
"… Diese Manier, sich nicht um die Wahrheit zu bemühen, sondern um die Bestätigung angenehmer Vorurteile, benannten die deutschen Philosophen (besonders Hegel) 
»subjektives Denken«, Philosophieren zum eignen Vergnügen und nicht aus lebendigem Bedürfnis nach Wahrheit. Hegel ist dieser inhaltlosen und schädlichen Beschäftigung scharf zu Leibe gegangen. Als notwendiges Schutzmittel gegen jede Versuchung, zugunsten persönlicher Wünsche oder Vorurteile von der Wahrheit abzuweichen, stellte Hegel die berühmte »dialektische Denkmethode« auf. Ihr Wesen besteht darin, daß der Denker bei keinem positiven Schlußergebnis stehenbleiben darf, sondern suchen muß, ob es an dem Gegenstand, über den er nachdenkt, nicht Eigenschaften und Kräfte gibt, die im Gegensatz zu dem stehen, was auf den ersten Blick an diesem Gegenstand erkennbar ist; hierdurch war der Denker gezwungen, den Gegenstand von allen Seiten zu betrachten, und die Wahrheit ergab sich ihm nur als Folge des Kampfes aller möglicher gegensätzlicher Meinungen. Auf diese Weise kam man an Stelle der bisherigen einseitigen Auffassungen des Gegenstandes nach und nach zu einer umfassenden, allseitigen Erforschung und zum lebendigen Begriff von allen wirklichen Eigenschaften des Gegenstandes. Die Erklärung der Wirklichkeit wurde zur wesentlichen Pflicht philosophischen Denkens. Hieraus ergab sich eine außerordentliche Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, über die man sich früher keine Gedanken gemacht hatte, indem man sie ungeniert zugunsten der eigenen, einseitigen Vorurteile entstellte. So trat gewissenhafte, unermüdliche Wahrheitssuche an die Stelle der bisherigen, willkürlichen Auslegungen. In der Wirklichkeit hängt aber alles von den Umständen, von den örtlichen und zeitlichen Bedingungen ab, und Hegel erkannte daher, daß die allgemeinen Phrasen, mit denen man bisher über Gut und Böse geurteilt hatte, ohne die näheren Umstände und Ursachen zu untersuchen, unter denen die betreffende Erscheinung entstanden war — daß diese allgemeinen, abstrakten Redereien unbefriedigend seien: jeder Gegenstand, jede Erscheinung hat eigene Bedeutung und muß unter Berücksichtigung der Umstände beurteilt werden, unter denen sie existiert; diese Regel fand ihren Ausdruck in der Formel: »Es gibt keine abstrakte Wahrheit, die Wahrheit ist konkret«, d.h. ein definitives Urteil läßt sich nur über eine bestimmte Tatsache fällen, und zwar nach Untersuchung aller Umstände, von denen sie abhängt. … 
Wir haben jedoch bereits gesagt, daß der Inhalt des Hegelschen Systems durchaus nicht seinen Grundsätzen entspricht, die er selbst verkündete und auf die wir hingewiesen haben. Im Feuer der ersten Begeisterung hatten Belinski und seine Freunde diesen inneren Widerspruch nicht bemerkt, und es wäre auch unnatürlich gewesen, wenn er sich gleich beim ersten Male hätte bemerken lassen: er wird durch die ungewöhnliche Kraft der Hegelschen Dialektik äußerst gut verdeckt, so daß in Deutschland selber nur die reifsten und stärksten Geister — und auch sie nur nach langem Studium — diesen inneren Zwiespalt zwischen den Grundideen Hegels und seinen Schlußfolgerungen bemerkten. Die größten der zeitgenössischen deutschen Denker, die Hegel an Genialität nicht nachstanden, waren selber unbedingte Anhänger aller seiner Auffassungen, und es verging lange Zeit, bis sie ihre Selbständigkeit wiedergewinnen und nach Aufdeckung der Fehler Hegels eine neue Richtung in der Wissenschaft begründen konnten. So pflegt es immer zu gehen: Hegel selber war lange Zeit ein unbedingter Verehrer Schellings, Schelling ein Verehrer Fichtes, Fichte — Kants; Spinoza, der Descartes an Genialität weit überragte, hielt sich lange Zeit für dessen treuesten Schüler.
Wir sagen dies alles, um zu zeigen, wie natürlich und notwendig die unbedingte Anhängerschaft an Hegel war, der Belinski und seine Freunde für einige Zeit verfielen. Sie teilten hierin das Schicksal der größten Denker unserer Zeit. Und wenn Belinski sich später über seine frühere bedigungslose Begeisterung für Hegel ärgerte, so hatte er auch hierin Gefährten, die an Geistesstärke weder ihm noch Hegel nachstanden. …"
 [zitiert aus: Ausgewählte Philosophische Schriften, Moskau, 1953, S. 601 ff] 
Plechanow zitiert nur das, was ihm in den Kram paßt – die Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, über die man sich früher keine Gedanken gemacht hat, indem man sie ungeniert der eigenen, einseitigen Vorurteile entstellte – nicht aber, daß Tschernyschewski darüber hinausgeht. Plechanow bleibt in Hegels Widerspruch verhaftet, wenn er schreibt, "dann sei es nicht schwer, die Rolle der Dialektik in der Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zu verstehen." [Kritik unserer Kritiker, S. 82f.] So einfach kommt man vom Abstraktum zum Konkretum und bleibt eben doch abstrakt!

Nun gut, jetzt ist schon fast zuviel gesagt, jetzt ist der »scharfsinnnige Leser« gefragt, den Tschernyschewski in Was tun? explizit herausgefordert hat!
(01.01.2011)

bluete

Literatur: Brecht

koka

Bertolt Brecht 

»Schlimmer ist, daß bei Meinungsfreiheit nie darüber geredet wird, wie man eine Meinung kriegen kann. Zuerst müßt ich doch instand gesetzt werden, daß ich mir eine Meinung bilde. Wenn es aber Leute gibt, die dagegen sind und die Druckerpressen, den Nachrichtenapparat, die Schreiber und das Papier besitzen, nützt es mir nicht, wenn mir erlaubt wird, daß ich eine Meinung aussprechen darf.« (Flüchtlingsgespräche, Ges. Werke Bd. 14, S. 1509)

 

Der anachronistische Zug oder FREIHEIT und DEMOCRACY (1947)

Früling wurd's in deutschem Land
Über Asch und Trümmerwand
Flog ein erstes Birkengrün
Probweis, delikat und kühn.

Als von Süden, aus den Tälern
Herbewegte sich von Wählern
pomphaft ein zerlumpter Zug
Der zwei alte Tafeln trug.

Mürbe war das Holz von Stichen
Und die Inschrift sehr verblichen
Und es war so etwas wie
FREIHEIT und DEMOCRACY.

Von den Kirchen kam Geläute.
Kriegerwitwen, Fliegerbräute
Waise, Zittrer, Hinkebein –
Offnen Mauls stand's am Rain.

Und der Blinde frug den Tauben
Was vorbeizog in den Stauben
Hinter einem Aufruf wie
FREIHEIT und DEMOCRACY.

Vornweg schritt ein Sattelkopf
Und er sang aus vollem Kropf:
"Allons, enfants, god save the king
Und den Dollar, kling, kling, kling."

Dann in Kutten Schritten zwei
Trugen 'ne Monstranz vorbei.
Wurd die Kutte hochgerafft
Sah hervor ein Stiefelschaft.

Doch dem Kreuz dort auf dem Laken
Fehlen heute ein paar Haken
Da man mit den Zeiten lebt
Sind die Haken überklebt.

Drunter schritt dafür ein Pater
Abgesandt vom Heiligen Vater
Welcher tief beunruhigt
Wie man weiß, nach Osten blickt.

Dicht darauf die Nichtvergesser
Die für ihre langen Messer
Stampfend in geschloßnen Reihn
Laut nach einer Freinacht schrein.

Ihre Gönner dann, die schnellen
Grauen Herrn von den Kartellen:
Für die Rüstungsindustrie
FREIHEIT und DEMOCRACY!

Einem impotenten Hahne
Gleichend, stolzt ein Pangermane
Pochend auf das freie Wort.
Es heißt Mord.

Gleichen Tritts marschiern die Lehrer
Machtverehrer, Hirnverheerer
Für das Recht, die deutsche Jugend
Zu erziehn zur Schlächtertugend.

Folgen die Herrn Mediziner
Menschverächter, Nazidiener
Fordernd, daß man ihnen buche
Kommunisten für Versuche.

Drei Gelehrte, ernst und hager
Planer der Vernichtungslager
Fordern auch für die Chemie
FREIHEIT und DEMOCRACY.

Folgen, denn es braucht der Staat sie
Alle die entnazten Nazi
Die als Filzlaus in den Ritzen
Aller hohen Ämter sitzen.

Dort die Stürmerredakteure
Sind besorgt, daß man sie höre
Und jetzt nicht etwa vergesse
Auf die Freiheit unsrer Presse.

Einige unsrer besten Bürger
Einst geschätzt als Judenwürger
Jetzt geknebelt, seht ihr schreiten
Für das Recht der Minderheiten.

Früherer Parlamentarier
In den Hitlerzeiten Arier
Bietet sich als Anwalt an:
Schafft dem Tüchtigen freie Bahn!

Und das schwarze Marketier
Sagt, befraget: Ich marschier
Auf Gedeih (und auf Verberb)
Für den freien Wettbewerb.

Und der Richter dort: zur Hetz
Schwenkt er frech ein alt Gesetz.
Mit ihm von der Hitlerei
Spricht es sich und alle frei.

Künstler, Musiker, Dichterfürsten
Schrei'nd nach Lorbeer und nach Würsten
All die Guten, die geschwind
Nun es nicht gewesen sind.

Peitschen klatschen auf das Pflaster:
Die SS macht es für Zaster
Aber Freiheit braucht auch sie
FREIHEIT und DEMOCRACY.

Und die Hitlerfrauenschaft
Kommt, die Röcke hochgerafft
Fischend mit gebräunter Wade
Nach des Erbfeinds Schokolade.

Spitzel, Kraft-durch-Freude-Weiber
Winterhelfer, Zeitungsschreiber
Steuer-Spenden-Zins-Eintreiber
Deutsches-Erbland-Einverleiber

Blut und Dreck in Wahlverwandtschaft
Zog das durch die deutsche Landschaft
Rülpste, kotzte, stank und schrie:
FREIHEIT und DEMOCRACY!

Und kam, berstend vor Gestank
Endlich an die Isarbank
Zu der Hauptstadt der Bewegung
Stadt der deutschen Grabsteinlegung.

Informiert von den Gazetten
Hungernd zwischen den Skeletten
Seiner Häuser stand herum
Das verstörte Bürgertum.

Und als der mephitische Zug
Durch den Schutt die Tafeln trug
Treten aus dem brauen Haus
Schweigend sechs Gestalten aus

Und es kommt der Zug zum Halten.
Neigen sich die sechs Gestalten
Und gesellen sich dem Zug
Der die alten Tafeln trug.

Und sie fahrn in sechs Karossen
Alle sechs Parteigenossen
Durch den Schutt, und alles schrie:
FREIHEIT und DEMOCRACY!

Knochenhand am Peitschenknauf
Fährt die Unterdrückung auf.
In 'nem Panzerkarr'n fährt sie
Dem Geschenk der Industrie.

Groß begrüßt, in rostigem Tank
Fährt der Aussatz. Er scheint krank.
Schämig zupft er sich im Winde
Hoch zum Kinn die braune Binde.

Hinter ihm fährt der Betrug
Schwenkend einen großen Krug
Freibier. Müßt nur, draus zu saufen
Eure Kinder ihm verkaufen.

Alt wie das Gebirge, doch
Unternehmend immer noch
Fährt die Dummheit mit im Zug
Läßt kein Auge vom Betrug.

Hängend überm Wagenbord
Mit dem Arm, fährt vor der Mord.
Wohlig räckelt sich das Vieh
Singt: Sweet dreams of liberty.

Zittrig noch gestrigen Schock
Fährt der Raub dann auf im Rock
Eines Junkers Feldmarschall
Auf dem Schoß einen Erdball.

Aber alle die sechs Großen
Eingeseßnen, Gnadelosen
Alle nun verlangen sie
FREIHEIT und DEMOCRACY.

Holpernd hinter den sechs Plagen
Fährt ein riesen Totenwagen
Drinnen liegt, man sieht's nicht recht:
's ist ein unbekannt Geschlecht.

Und ein Wind aus den Ruinen
Singt die Totenmesse ihnen
Die dereinst gesessen hatten
Hier in Häusern. Große Ratten

Schlüpfen aus gestürzten Gassen
Folgend diesem Zug in Massen
Hoch die Freiheit, piepsen sie
FREIHEIT und DEMOCRACY!

—————————————–
 

Brecht wird Klassiker:
Die 
Heimholung eines kommunistischen Dichters in das nationale Kulturerbe (1998)

 

6-bändige Reihe bei suhrkamp im Hosentaschenformat:
1 Georg M. Oswald: Bertolt Brecht – Kapital
2 Charles Schumann: Bertolt Brecht – Rausch  
3 Thea Dorn: Bertolt Brecht – Verbrechen
4 Albert Ostermaier: Bertolt Brecht – Musik
5 Maxim Biller: Bertolt Brecht – Verrat
6 Feridun Zaimoglu: Bertolt Brecht – Verführung

bluete

Literatur: Alberti

koka

Barbara Alberti
Böse Erinnerungen
 

Dieser 1976 geschriebene Roman hat weniger von seiner Aktualität eingebüßt, als es beim ersten Lesen den Anschein hat. Die tief verwurzelten Einstellungen kommen – nicht nur in Italien – in der ein oder anderen Weise immer wieder ans Tageslicht:
 

Barbara Alberti - Böse Erinnerungen"… Großmutter Santina liebte Gott und haßte die Menschen. Sie tat keinem etwas zuleide. Denn nicht einmal der leidenschaftliche Groll, den sie gegen alle hegte, ließ sie ihre Angst vergessen. Nach Großvaters Tod kam kein Fremder mehr ins Haus. Der Vertrauensmann blieb auf der Schwelle stehen, berichtete über die ausgeführten Aufträge und verschwand in Windeseile, während die Haustür hinter ihm zugeschlagen wurde. Die Familie hatte drei Arten von Feinden.
Erster Feind: die Anderen.
Alle anderen. Sie lagen immer auf der Lauer, um sich der häuslichen Geheimnisse zu bemächtigen.
Die Anderen wollten wissen, was gekocht wurde, wieviel Geld wir hatten und ob wir in Eintracht lebten. Sie existierten nur, um diese Dinge herauszubekommen, die sie dann zu geheimnisvollen Zwecken und zu unserem Schaden benützt hätten.
Mit den Anderen durfte man nie sprechen. Und wenn man doch dazu gezwungen war, durfte man nichts verraten.
»Hunde, Hunde«, schimpfte Großmutter sie.
Zweiter Feind: die Bolschewisten.
In einem fernen, mit Schnee bedeckten Land bereiteten die Bolschewisten sich darauf vor, uns zu überfallen. Santina beschrieb ihre schweren Pelze und ihre weißen, augenlosen Masken. Sie waren mit Sensen bewaffnet, wie der Tod. Ihr Weg war mühsam, sie kämpften sich durch Wolfsrudel und Schneegestöber, sie sangen Schimpfworte und lachten über die Madonna. Und all das diente nur dazu, uns umzubringen. Auch die Kinder. Und alles zu stehlen.
Wir beteten viel gegen die Bolschewisten. Damit Gott sie im Boden versinken ließ, hinunter bis in die Hölle.
Auch sie nannte Großmutter »Hunde, Hunde« und spuckte schnell in eine gewisse Richtung, wo sich ihrer Meinung nach Rußland befand.
Außerdem bestand der Verdacht, daß die Anderen auch Bolschewisten sein könnten.
Denn die aus dem fernen Land kommenden hatten heimliche Verbündete unter unseren Leuten. Wer nicht in die Kirche ging, wer sich betrank, wer unordentlich angezogen war, konnte ein Bolschewist sein.
Dritter Feind: der Teufel.
Was für ein schrecklicher Feind war der Teufel.
Gegen die Anderen und die Bolschewisten konnte man sich wehren, indem man die Tür verschloß und einen Rosenkranz betete.
Aber Satan kann vielerlei Gestalt annehmen, Satan ist die Welt.
Keine seiner Erscheinungsformen entging mir. Satan ist die Sonne, in die man schaut, ohne gebetet zu haben, und die versucht, die Seelen mit ihrem lügnerischen Licht zu verwirren.
Satan ist der rotbraune Kater, der die Katzen im Haus schwängert und wollüstig auf den Dächern miaut.
Satan ist der Mond, der hinter der Pappel aufsteigt und die heilige Hostie nachäfft.
Satan ist die Musik, die von der Straße hereindringt und dich ohne Grund zum Lachen bringt.
Satan ist überall, und der Straßenhändler ist sein Sklave, wenn er an die Haustüren pocht, um die ehrbaren Hausfrauen in Versuchung zu bringen. (Die Anderen waren Stammkunden des Straßenhändlers und damit auch des Satans.)
Satan ist in jedem Spiegel. Man braucht sich nur in die Augen zu schauen. Dann muß man sich sofort bekreuzigen, ohne eine Minute zu verlieren, und sein eigenes Spiegelbild verlassen.
Einmal nur war ich nicht schnell genug und konnte gerade noch rechtzeitig wegspringen, als schon ein dünnes, sich hin und her wiegendes Horn aus dem Spiegel wuchs.
Satan ist das Meer, der Himmel, der Tag und die Nacht, Satan ist der Hinkende, der Almosen erbettelt, um sich zu betrinken.
Satan ist der Arme, der keine Geduld hat.
Satan ist in der Kirche auf den roten Lippen der Mädchen. Satan ist im Kino, in der ersten Reihe, wenn der Film für alle verboten ist. Seine Gegenwart ruft die Sünder herbei, wie ein glühender Magnet, und der König der Finsternis lächelt hämisch im dunklen Saal.
Ich kannte alle Tücken des Teufels. Wenn ich allein war und eine große Stille seine Abwesenheit vortäuschte, hörte ich seinen tauben Atem, der vom Uhrenticken übertönt wurde.
In den Winkeln des Hauses, hinter dem Bücherschrank sah man seinen spitzen Schwanz.
Ich lief, um das Licht anzumachen, wenn ich ihn nah bei mir fühlte und er mich schon packen wollte, und dann war er teuflisch schnell und verbarg sich wieder.
Gegen ihn gab es nur zwei Mittel: das elektrische Licht und das Bekreuzigen.
Aber nachts, wenn es dem Teufel gelang, in den Schlaf einzudringen, dann war nichts zu machen. Er lachte, wenn man sich bekreuzigte, er lachte über das Licht. Je vorsichtiger er am Tag war, um so unverschämter wurde er im Traum, wo er sich mit seinem roten Ziegengesicht zeigte und nur ich allein ihn sehen konnte.
Verzweifelt versuchte ich Großmutter zu verständigen, die nicht begriff und mich noch enger an sich drückte, und sie schien mich festhalten zu wollen, damit er mich noch besser quälen konnte.
Ich flehte sie an zu beten, doch sie fing an zu singen. Da begann ich zu ahnen, daß die beiden unter einer Decke steckten.
Und als sie ihren Kopf schüttelte und ihre Nägel sich im Traum zuspitzten, wurde mir eines Nachts plötzlich klar, daß ich einem sehr bösen Betrug erlegen war.
Großmutter Santina und der Teufel waren ein und dieselbe Person. …"

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Literatur: Kubin

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Afred Kubin

Der als bekannte Grafiker und Buchillustrator berühmte Kubin war ein durchaus belesener Mann. Das fantasmagorische seines Denkens war eben dieser seiner Belesenheit geschuldet. In der Überzeichnung der Wirklichkeit spiegelt sich seine Kritik wider, die er in einem, seinem einzigen Roman niedergelegt hat: »Die andere Seite«. Kubin selbst gibt in seiner – der bei Georg Müller 1908 erschienenen Originalausgabe vorangestellten – Autobiografie dem Leser Aufschluß: "Ich gewann während ihrer Verfassung die gereifte Erkenntnis, daß nicht nur in den bizarren, erhabenen und komischen Augenblicken des Daseins höchste Werte liegen, sondern daß das Peinliche, Gleichgültige und Alltäglich-Nebensächliche dieselben Geheimnisse enthält. Das ist der Hauptsinn des Buches. Über die anderen Beziehungen darin – es sind deren noch sehr viele – möchte ich mich hier nicht aussprechen, weil ich nur in grobsten Zügen meine allgemeine Entwicklung schildern will. Suche sie der Leser selbst auf. – Daß ich schrieb anstatt zu zeichnen, lag in der Natur der Sache, das Mittel war gerade passend, mich rascher der drängenden Ideen zu entledigen, als es anders möglich gewesen wäre." (S. XLIV)
Die Illusion, in einem gelobten Land – welches auch immer es sein mag: zu unterschiedlichen Zeiten durchaus verschieden – glücklich zu werden, ist weit verbreitet, nicht nur doch vor allem in den Staaten, die ihren Untertanen nicht den Wohlstand zu bieten in der Lage sind, für den sie sich mit ihrer kapitalistischen Ökonomie gerne feiern lassen. Sofern es an pekuniären Mitteln nicht mangelt, unterliegt man einer schnellen Idee und ausgemalter Verführung… Doch selbst im hintersten Erdenwinkel ist man dem globalisierten »Fortschritt« ausgesetzt. Seltsamerweise hat Kubin schon damals (1908!) an die vorwärtstreibenden Hauptkräfte – um nicht zu sagen: an die zur Zerstörung treibenden Mächte – die USA und Rußland – gedacht…

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Literatur: Istrati

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Panaï​t Istrati

Einmal geriet mir ein altes Buch mit dem Titel »Die Haiduken« in die Hände. Wer nun sind die Haiduken? stellte sich mir sofort die Frage. Mir war ein Sportverein namens »Hajduk Split« in Erinnerung. Die Musikgruppe »Haiducii« mit ihrem Welthit »Dragostea din tei« nicht weniger. Das Buch des rumänischen Autors fesselte mich dann schon nach wenigen Seiten. Im 19. Jahrhundert waren die Haiduken eine Art Robin-Hood-Bewegung auf dem Balkan. Istrati hat uns in diesem Buch einige unumstößliche Erkenntnisse präsentiert, er schreibt u.a. über die Vorurteile der damaligen Zeit, die sich leider noch heute, eingefleischt wie sie sind, finden lassen:
"Man kommt nicht weit mit den Menschen, die sich täglich sagen: »Gar übel geht es mit dem Übel, doch könnte es noch übler ohne das Übel sein!«" (Die Haiduken, Rütten & Loening, 1929, S. 163)

Alle Illusionen über die Zustände des neuen, von Türken- und Griechenherrschaft befreiten Heimat Rumänien, zerstoben bei seinem Besuch in seiner Heimat im Jahre 1925. Er kehrte in sein Exil zurück: "…Ich kehrte mit gemartertem Herzen nach Frankreich zurück, doch ich sagte mir: Ich will angesichts des Westens die Verbrechen gegen die Menschlichkeit verkünden, die sich die Henker des rumänischen Volkes zuschulden kommen ließen. … Ich habe liebenswürdige Aufnahme in einigen Organen zweiten Ranges und bei der »Liga für Menschenrechte« gefunden, ich habe zwei oder drei Aufsätze geschrieben und eines Abends im Saal der »Sociétés Savantes« das Wort ergriffen. Das war alles. Aber ich konnte nur die Schrecknisse streifen und unterrichtete Leute, die wußten, welch urkundlichen Beweis großen Stils ich der »großen Presse« liefern wollte, haben mir gesagt, daß diese »große Presse« viel wichtigere Dinge meiner Ware vorziehe.
Da ließ die Begeisterung zu meinem Werk nach,… Wozu sollte auch die Begeisterung dienen? Um meinen Lesern Zerstreuung zu bieten? – Dazu bin ich nicht gemacht. – Um sie zu packen? – Ja, das möchte ich gern; aber ich sehe, daß der Westen sich mehr packen läßt von den Perlenketten …, von den Fassadenkletterern und den falschen Heilanden, von den Leuten, die sich wegen hunderttausend Franken in der Minute das Gesicht zerschlagen, und von all dem, was die Verdauung der Herren dieser Welt nicht stört. Das hatte ich zu sagen."
(ebenda, S: 178f)

Bald darauf unternahm er eine Reise in die Sowjetunion, wo er sich 16 Monate aufhielt. Das Land bereisend kam er erneut zu einem erschüttertenden Ergebnis. In einem Brief an den Sekretär der GPU [Geheimpolizei der UdSSR], Gerson, schrieb er am 4.12.1928: "Ich bin nicht in die Sowjetunion gekommen, um Stoff für Bücher zu finden, sondern um der Sache des Proletariats zu dienen. Heute weiß ich, daß ich ihr dienen kann – unter einer Bedingung: nicht so zu schreiben wie Barbusse. Wenn ein Schriftsteller auf alle Kritik verzichtet und zum Narren der Idee wird, hört man nicht mehr auf ihn. Er dient nicht der Sache, die er zu verteidigen glaubt, er kompromittiert sie." [Heinrich Stiehler, Panaït Istrati, Büchergilde Gutenberg, 1990, S.271]
In drei Bänden hielt Istrati seine Eindrücke über die Sowjetunion der damaligen Zeit fest: Insbesondere stieß ihm der neue von oben gewünschte und beförderte Opportunismus auf, der in einem so diametralen Widerspruch zu einer revolutionären Haltung zerstörerische Kraft für Land und Leute in sich birgt. 

Literaturhinweise: Das literarische Gesamtwerk von Panaït Istrati ist im Verlag der Büchergilde Gutenberg in 14 Bänden 1990 neu erschienen – darunter ist auch der Band »Die Haiduken«. Es ist ebenso empfehlenswert zu lesen wie die 3 Bände politischer Abrechnung mit dem neuen Rußland, die im Verlag R. Piper & Co. 1930 erscheinen sind.

bluete

Literatur: Mereschkowski

koka

Dmitry Sergejewitsch Mereschkowski

Mereschkowski — was soll der hier? wird sich manch einer fragen, der bei wikipedia etwa unter seinem Namen nachgeschlagen hat.

Doch der Reihe nach: Angesichts dieses Romans ging sein Erstlingsroman der Trilogie, in dem »Leonardo da Vinci« der zweite ist, in den Hintergrund. Und das obwohl er der wohl einzig Lesenswerte dieser Reihe ist: »Julian Apostata«. In diesem historischen, sehr gut recherchierten Roman räumt Mereschkowski mit dem frühen Christentum gehörig auf. Bei vielen heutigen Basischristen steht das sogenannte Urchristentum völlig zu Unrecht in einem guten Ruf und wird oft gegen die römische Amtskirche hochgehalten. Völlig abwegig: Julian war von 360 bis 363 römischer Kaiser und war von der griechischen Kultur in vielerlei Hinsicht so fasziniert, daß er diese gegen die unter Kaiser Konstantin (der Große) — er war von 306 bis 337 Kaiser — erfolgte Christianisierung des Kaiserreichs ins Recht setzen wollte. Daher erhielt Julian den griechischen Beinamen Apostata, der Abtrünnige. Kurz und gut, wie unter Julians Herrschaft sich die Christen benommen haben, spottet jeder Beschreibung: Sowohl das niedrige christianisierte Volk, das nicht davor zurückschreckte, griechische Tempel anzuzünden, wie die christliche Obrigkeit, die Bischöfe, die auf ihren Konzilen stritten, daß sich die Balken bogen: Da ging es zum Beispiel um die essenzielle, schismaträchtige Frage, ob der Galiläer Jesus Christus seinem Gottvater wesensgleich oder nur wesensähnlich gewesen sei. Das war die berühmt gewordene Frage um ein Ιota: Die griechischen Worte unterscheiden sich in geschriebener Weise nur dadurch: ομοούσιος und ομοιούσιος.
Mag sein, daß die Christenheit schon damals eines moralischen Erneuers wie Martin Luther bedurft hätte — dessen Name sich übrigen ebenfalls aus dem Griechischen, der christlichen Ursprache ableitet (von ελεύθερος, frei)—; Mereschkowski war kein Anwalt eines solchen. Wie sehr sich die Christenheit schon damals gespalten hat, sieht man gerade heute wieder, wo die moslemisch dominierte Welt angesichts der dort stattfindenden imperialistischen Kriege in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt: Da entdeckt man Jesiden, Maroniten, Kopten, Orthodoxe…
Was Mereschkowski in dem genannten Roman anhand der damaligen Wirklichkeit dargestellt hat, läßt seine weitere Entwicklung nur schwer begreifen: Schließlich hat er festgestellt, daß für den römischen Staat sich das Christentum der Päpste als äußerst zweckmäßige Religion herausgestellt hat und allein deswegen etabliert worden ist. Die griechische Kultur hingegen, die sich ja bis in die Ära Alexander des Großen auf Stadtstaaten beschränkt hat, reichlich unzweckmäßig: Zum einen ziemlich materialistisch orientiert — man denke an Demokritos, der das Unteilbare (A-tom) entdeckte, man denke an ihre sehr menschlich sich gebenden Götterwelt — zum anderen auf Erkenntnissen bestehend, die im sprichwörtlich finsteren Mittelalter dank des sich ausbreitenden Christentums in Vergessenheit gerieten: Ein Beispiel: Schon der Grieche Aristarchos von Samos (ca. 310 bis 230 v. Chr.) entdeckte, daß sich die Erde um die Sonne dreht — eine Entdeckung, die ein gewisser Kopernikus dann zu Beginn der Neuzeit erneut machte. Galileo Galilei wurde ob seiner Parteinahme für diese Entdeckung von der römischen Kurie dann des Ketzertums geziehen. Im Grunde ist das der ganze Widerspruch einer Religion: Das Denken gegen das Geist, also gegen »die Materie, die denkt«, wie das Marx einmal ausgerückt hat.
Mereschkowski ist deshalb schwer zu begreifen, weil er genau dieses Verdikt, das Christentum gereiche der Herrschaft zum Vorteil sich selber zum Anliegen gemacht hat: In seinem zweiten Band erwähnter Trilogie »Leonardo da Vinci«, der ursprünglich als »Auferstehung der Götter« betitelt war, versuchte er über die Kunst eine Wiederversöhnung mit dem Christentum zu erreichen. Diese gipfelte dann in der Pateinahme für das russische Kaiserreich; Peter dem Großen gilt sein 3. Roman der Trilogie unter dem Titel »Der Antichrist (Peter der Große und Alexej)«. 
Wiewohl Mereschkowski alles aus moralischer Distanziertheit betrachtet hat, hat er nie die Interessen der jeweiligen Herrschaft genauer unter die Lupe genommen, er hielt sie per se für verständlich, mitunter auch vereinbar. An der Frage der Vereinbarkeit divergierender Interessen mußte es schließlich scheitern. Sein Standpunkt war der einer nationalen Macht, jenseits moralischer Bedenken, insofern war er zugleich Gegner des Christentums wie dann aber auch wieder ein funktioneller Bewunderer desselben, wenn und insofern es sich für eine säkularisierte (russische) Macht dienlich erweisen sollte — da war er dann sehr nah an Peter dem Großen.

Während Mereschkowskis andere Romane fast ausschließlich für Studierende der Geschichte interessant sind, ist der Roman »Julian Apostata« ganz allgemein wärmstens zu empfehlen. Sein die Moral ihrer Lüge überführendes Interesse schlägt sich fernerhin nieder in den Kurzgeschichten »Die Liebe ist stärker als der Tod« und »Die Wissenschaft der Liebe«: Wirklich köstlich zu lesen!

bluete

to elliniko zitima

 koka

Το ελληνικό ζήτημα

5 χρόνια κρίσης και τα συγκρούομενα συμφέροντα στο διακανονισμό της

Η Ευρώπη σώζει το χρήμα – η γερμανική πολιτική ηγεσία το ιμπεριαλιστικό Ευρωπαϊκό σχέδιό της

Όλος ο κόσμος γνωρίζει: Η Ελλάδα είναι ένα πρόβλημα. Αλλά τι είδους;
Ένα ανθρωπιστικό; Ένα χρηματοοικονομικό; Ένα πολιτικού σχεδιασμού;
Ένα σχετικά με το Ευρώ; Για τις Βρυξέλλες; Για τη Γερμανία; Για τους Έλληνες;
Ό,τι και να είναι: Όλος ο κόσμος γνωρίζει, αναζητεί, επιθυμεί, απαιτεί μια λύση.

Η παρούσα συλλογή άρθρων αρνείται πεισματικά να διατυπώσει προτάσεις επίλυσης.
Επιχειρεί να εξηγήσει τον ενδοευρωπαϊκό ιμπεριαλισμό που δημιουργεί – όχι μόνο – στους Έλληνες προβλήματα. Θέλει πρωτίστως να αναδείξει τους εγγενείς λόγους για τους οποίους δεν αξίζει να ασχολείται κανείς με προτάσεις επίλυσης.

Πρόλογος

Το 2010 το ελληνικό κράτος βρίσκεται για πρώτη φορά αντιμέτωπο με τη χρεωκοπία. Το 2015 και πάλι. Δεν αποτελεί για το κοινό νου κάποιο μυστήριο το πώς έφτασε αυτό το μέλος της Ε.Ε. στη νότια περιφέρεια να διάγει σε καθεστώς διαρκούς χρεωκοπίας. »Η χώρα και οι κάτοικοι της ζούσαν πέρα από τις δυνατότητες τους« και δε θέλουν να αποχωριστούν αυτή την κατάσταση. Οι πολίτες δεν πληρώνουν φόρους και οι πολιτικοί δεν θέλουν καθόλου να τους εισπράξουν. Τα χρήματα που απαιτούνται για να κυβερνήσουν τα παίρνουν με παραποιημένους ισολογισμούς από τις Βρυξέλλες. Με αυτά πληρώνουν τους συνταξιούχους, εκπαιδευτικούς και πλεονάζοντες δημόσιους υπάλληλους, ενώ παράλληλα κινούν με αυτά την εγχώρια οικονομία.

Μια οικονομία, η οποία συνίσταται κυρίως από διαφθορά και την κλασική νοοτροπία της απραξίας που διακρίνει γενικά τους νότιους Ευρωπαίους. Κάπως έτσι πρέπει να φαντάζεται κανείς πως γινόταν — και εν πολλοίς γίνεται — η οικονομική διαχείριση εκείνου του έθνους.

Πρώτο συμπέρασμα: Εκεί »κάτω« στις νότιες παρυφές της Ευρώπης φώλιασαν — εντέχνως συγκεκαλυμμένα — τόσο στην πολιτική ηγεσία, όσο και στο λαό, ήθη που παραβιάζουν σχεδόν καθολικά τους κανόνες της Ευρωπαϊκής οικονομικής και νομισματικής πολιτικής της Euro-φαμίλιας. Έτσι προκύπτει το δεύτερο συμπέρασμα: Δεν είναι τυχαίο που το κράτος αυτό φλερτάρει με τη χρεωκοπία. Η χρεωκοπία αυτή επέρχεται ως θεία δίκη επί ενός »ξένου σώματος« το οποίο την προκάλεσε με παράξενες ως εγκληματικές μηχανορραφίες. Απ‘ αυτό βγαίνει — το τρίτο συμπέρασμα — ότι και οι συνέπειες τις οποίες επέβαλε η Γερμανία παρά την αντίσταση των ελληνικών κυβερνήσεων (και κυριώς του ΣΥΡΙΖΑ) είναι ανάλογες. Με την απειλή της εξόδου από την ένωση του Ευρώ, με μία αυστηρή δανειακή σύμβαση και με κρατικά προγράμματα λιτότητας φέρνουν ο Σόιμπλε, η Μέρκελ και Σία τους απρόθυμους Έλληνες στα »λογικά« τους…

Αυτό δεν είναι πολύ δίκαιο. 
Πρώτον, ήταν πασίγνωστα στους Ευρωπαίους τα »ιδιαίτερα χαρακτηριστικά« της ελληνικής δημοσιονομικής πολιτικής. Αυτή η — ανυπόφορη για το πολιτικό πρότζεκτ — κατάσταση έπρεπε να εναρμονίζεται βαθμηδόν με τις προθέσεις ενός ισχυρού Ευρωπαϊκού μπλοκ που ήθελε να ενσωματώσει ένα έθνος στη νότια περιφέρειά του. Αυτή η ενσωμάτωση έλαβε χώρα και συντηρείται σύμφωνα με τους απαιτητικούς κανόνες της Ε.Ε. Έτσι θα γινόταν αυτό το κράτος απολύτως ανθετικό και αξιόπιστο. Υπό αυτή την έννοια, ο απαραίτητος έλεγχος για την τήρηση των κριτηρίων του Maastricht δεν έγινε με υπερβολική σχολαστικότητα. Αυτό βέβαια ισχύει και για άλλες χώρες. 
Δεύτερον, πιθανώς στην Ελλάδα ορισμένα πράγματα της πολιτικής και οικονομικής καθημερινότητας ακολουθούν τους δικούς τους κανόνες σε σχέση με άλλα κράτη της Ε.Ε., με αυτά της »πρωτης κατηγορίας« έτσι κι αλλιώς.
Αλλά αυτό δε συνεπάγεται όμως, ότι η Ελλάδα και η κρίση της αποτελούν ένα είδος ανάρμοστης προς τα Ευρωπαϊκά ήθη »ειδικής περίπτωσης«. Κι αυτό γιατί η Ελλάδα είναι αναμφισβήτητα μέλος της Ευρωπαϊκής Ένωσης και όχι το μόνο που έφτασε στα όρια της χρεοκοπίας.
Τρίτον, η αλήθεια είναι ότι η Ευρώπη οδηγεί τις »νότιες παρυφές« της στην καταστροφή. Ως αγορές και οφειλέτες σε κλοιό διαρκών απαιτήσεων αυτές οι χώρες εξωθούνται από τις ηγετικές δυνάμεις της Ε.Ε. στην εξαθλίωση εξαιτίας της υπερχρέωσης . Για την ακρίβεια: Σε μια πολιτική της εξαθλίωσης που χαρακτηρίζεται από δύο ιδιαιτερότητες: Ολοκληρωτικά εξαθλιώνεται ο πληθυσμός, παράλληλα είναι γεγονός ότι η κρατική εξουσία με αυτά δε διορθώνεται αλλά αυτοδιαλύεται. Σε αυτή την οικονομική εξαιρετική επίδοση έρχεται να προστεθεί το εξής δημοκρατικό παράδοξο: Βοήθειες επιβίωσης για τη κρατική εξουσία υπάρχουν μόνο αν η κυβέρνηση της αναφερόμενης χώρας συμφωνεί πρώτα-πρώτα δεσμευτικά στην άνευ όρων αναγνώριση όλων των υποχρεώσεων, τις όποιες επιβάλλει η ηγεσία της Ε. Ε. σε αυτήν.

Η Ευρώπη βεβαίως καταστρέφει τις »νότιες παρυφές« της όχι για πλάκα. Οι ηγέτιδές δυνάμεις σώζουν έτσι το χρήμα τους, πιο συγκεκριμένα την αναγκαιότητα αυτού σαν μέσο διαχείρισης της εργασίας και του πλούτου στην Ευρώπη και πέρα από τα σύνορά της. Για αυτό οργανώνουν με πρόσθετα χρέη »μηχανισμούς διάσωσης« και »βοηθητικά προγράμματα«, για την διατήρηση της εμπιστοσύνης στα χρέη που ήδη τώρα είναι πάρα πολλά. Ως εγγύηση για την ανθεκτικότητα αυτου του χρηματοοικονομικού »έργου τέχνης« τους όμως δε βασίζονται μόνο στην εντύπωση που κάνουν στον οικονομικό κόσμο οι μεγάλοι αριθμοί. Η δημιουργία πολυψήφιων ποσών από το πουθενά συνδέεται με την καθιέρωση ενός καθεστώτος επιτήρησης πάνω από τις χώρες-εταίρους, που διαχειρίστικαν μάλλον λανθασμένα τα οικονομικά τους, όπως αποδεικνύει η χαμηλή χρηματοοικονομική αξιολόγηση. Η αυστηρότητα αυτού του καθεστώτος πρέπει να δημιουργήσει την εμπιστοσύνη, που οπωσδήποτε χρειάζονται τα χρέη, για να ονομάζονται δάνεια και ως κεφαλαίο να βρίσκουν μια εμπορευματική χρήση.

Η υποχρέωση λογοδοσίας που έχουν δημοκρατικά εκλεγμένες κυβερνήσεις έναντι των ψηφοφόρων τους τηρείται στο ακέραιο. Η πράξη σωτηρίας εξηγείται μάλιστα διπλά στους πολίτες. Από τη μία πλευρά ανθρωπιστικά και ανάλογα υποκριτικά: Βοήθεια και ευρωπαϊκή αλληλεγγύη πρέπει να υπάρχουν εξαιτίας της καταστροφής στο νότο, ακόμη κι αν υπαίτιο είναι το ίδιο το κράτος. Έτσι εξηγούν ότι εκεί ζούσε ένα κράτος εις βάρος »μας«. Από την άλλη πλευρά γίνεται αναφορά στον πυρήνα του ζητήματος: η βοήθεια είναι απαραίτητη για τη σωτηρία των χρήματών »μας« και για την διατήρηση της ενότητας της Ευρώπης.

Το τελευταίο είναι κοντά στην αλήθεια: από τι και από ποιον η Ελλάδα έγινε μια ιδιαίτερη περίπτωση σαν αυτή που ταλαιπωρείται η χώρα εδώ και πέντε χρόνια; Οι πρωταγωνιστές της Ευρώπης σώζουν πρώτα το χρήμα τους και μετά το σχέδιό τους μιας ειρηνικής κατάκτησης της Γηραιάς Ηπείρου με την καθοριστική βία του καπιταλιστικού πλούτου. Ακριβέστερα: Η ηγέτιδα δύναμη της Ε.Ε., Γερμανία, αποσπά από τους εταίρους της την προσήλωση στις ντιρεκτίβες μιας »συνετής« χρηματοπιστωτικής πολιτικής, την οποία η Γερμανία καθορίζει. Έτσι η Ευρώπη διέρχεται την κρίση και προχωρά ένα βήμα παρακάτω: Η Γερμανία προωθεί αδυσώπητα την οικονομική κινητοποίηση των εταίρων της για την πραγματοποίηση της μεγάλης ιδέας, της δημιουργίας μιας Ευρωπαϊκής Υπερδύναμης με παγκόσμια ισχύ. Πρότυπο σ‘αυτό το εγχείρημα αποτελούν οι ΗΠΑ με το μοντέρνο ιμπεριαλισμό, ο οποίος ενορχηστρωμένα έτσι φτάνει στην εξολόθρευση κυρίαρχων κρατών.

Το παρόν εγχειρίδιο περιέχει μερικά επεξεργασμένα άρθρα, στα όποια τo τριμηνιαίο πολιτικό περιοδικό »αντί-άποψη« [GegenStandpunkt] επιχείρησε τα τελευταία πέντε χρόνια να επεξηγήσει την κρίση του Ευρώ και τις αλληλεπιδράσεις στα λοιπά ανταγωνιστικά κράτη-μέλη. Στον πυρήνα αυτής της κρίσης βρίσκεται η Γερμανία, που με τη σειρά της έθεσε τη χρεωκοπημένη Ελλάδα στο επίκεντρο μιας »κοινής διαχείρισης των κρίσεων«. Τα κεφάλαια αυτού του εγχειρίδιου αναλύουν βήμα προς βήμα τα στάδια του αγώνα που δίνει η Γερμανία για την ολοκλήρωση του εγχειρήματος »Ευρώπη«. Ένα εγχειρήμα που γίνεται με μόνιμο σημείο αναφοράς και  παραδειγματισμού την Ελλάδα και το οποίο θα την οδηγήσει να εξέλθει από την κρίση δυναμωμένη, ως μια οικονομική και πολιτική υπερδύναμη στους κόλπους της Ε.Ε. και μαζί με αυτή και έναντι όλων των άλλων παικτών παγκόσμιας εμβέλειας.

(συνεχίζεται)

(29.08.16) 

150 Jahre — »Das Kapital«

 koka

150 Jahre — »Das Kapital«

Unverdrossener Kampf gegen Marx‘ Erkenntnisse

Das Kapital selber ist ein gesellschaftlicher installierter Zweck, der sich heute mehr denn je — mehr noch als zu Marx‘ Zeiten — von selbst versteht. Der Zweck — Kapital muß sich als (produktives) Kapital verwerten, um sich als Kapital (in seiner abstrakten Form, als Geldkapital) zu erhalten (was seine Vermehrung einschließt) —, ein Zweck, an dem niemand vorbeikommt. Gerade weil von ihm alles andere abhängig und auf diese Weise anerkannt wird — sogar das Werk selber, eben allein als Verkaufsschlager: "Selbst in optimistischster Stimmung hätte er es nicht für möglich gehalten, daß sein insgesamt 2.200 Seiten starkes Hauptwerk — Band zwei und drei gab Engels erst nach Marx’ Tod heraus — jemals zum internationalen Bestseller avancieren würde.“ (Michael Brackmann im Handelsblatt, 13.04.17, hieraus soweit nicht anders angegeben alle weiteren Zitate) Aber eben allein in dieser Art.

Zweck ist das Kapital dem Staat selber, der seine Mittel aus eben dieser seiner kapitalistischen Ökonomie saugt, schließlich hat er diese ja eben dafür eingerichtet. Und längst tut das jeder Staat auf der Welt, selbst das formal kommunistisch gebliebene China. Der Bevölkerung der Welt solle das Kapital nicht als Not erscheinen, der sie unterworfen ist, sondern als unschlagbares Angebot, selber reich werden zu können. Das Kapital beinhaltet somit keinerlei Vorwurf an und für sich, ganz im Gegenteil: Einen Vorwurf an die Adresse derer, die den Aufstieg nicht schaffen: Ihr wart nicht schlau genug, ihr vermochtet es nicht, zu den Erfolgstypen zu gehören, die als Vorbilder gelten und als solche sogar als nationale Führer Anerkennung finden, wie kürzlich ein Immobilienhai in den USA und ein Investmentbanker in Frankreich, die zu Präsidenten dieser mächtigen Staaten gewählt wurden. 
Das schließt nicht aus, als Angehöriger der Arbeiterklasse in die Sfären der Staatsgewalt aufzusteigen und dann — wie beispielsweise eine deutsche Ministerin für Arbeit & Soziales —, die Arbeiterklasse nach Kräften zu malträtieren: Sei es mit einem (neuen) »Arbeitnehmerüberlassungsgesetz« — es erlaubt und regelt den Verkauf der Ware Arbeitskraft durch fremde Hände, also per se zu zuzüglichen Ungunsten des Arbeiters —, sei es mit »einem Gesetz zur Rechtsvereinfachung SGBII«, das eine Kürzung der Sozialleistung für alleinerziehende Mütter im Rahmen von Hartz IV vorsieht etc.etc. Das schließt freilich ein, daß solch Emporkömmling aus der Arbeiterklasse ebenfalls so denken muß, wie es die kapitalistische Staatsräson erfordert. 
Das schließt fernerhin ein, daß auch ein Gebildeter seine Bildung an eben dieser Erfordernis zu relativieren hat: So treten dann die Intellektuellen an, wenn sie auf Marx‘ Kapital anläßlich eines Jahrestages zu sprechen kommen. Zum einen wissen sie gleich, daß da eine Anstrengung vorliegt, die historisch ist, also für die heutige Moderne gerade mit ihrer so eingeordneten Anerkennung keine weitere Anforderung stellt. Was soll einer, der am Erfolg seiner Nation und deren ins Recht gesetzter kapitalistischen Wirtschaftsweise interessiert ist, also diesbezüglich mit- und weiterdenkt, schon mit einer Analyse anfangen, die eine klare Absage an diese Gesellschaftsordnung impliziert? 
Einer weiteren Einordnung des als historisch apostrofierten Werks liegt für die Vor- und Nachdenker solcher Nation auf der Hand: Was mag den Menschen Marx geritten haben, seinen Verstand zu einem — von jenen Geistern praktisch für unnütz erachtetem — Werk zu veranlassen, das über seinen fehlenden Gebrauchswert hinaus zu unerwünschten und schlimmen Konsequenzen geführt hat, die gar nicht oft genug erwähnt werden können: "War der weltweite Einfluß des »Kapitals« und der Marxschen Theorie nicht geradezu verheerend? Tatsächlich diente Marx vielen Revolutionären als Inspiration und Legitimation für ihre meist brutalen Gesellschaftsexperimente — von Lenin und Stalin in der Sowjetunion über Mao Zedong in China bis hin zu Pol Pots Terrorregime in Kambodscha. Der positive Einfluß, den der Marxismus auf die antikolonialen Befreiungsbewegungen des 20. Jahrhunderts ausübte, kann dieses düstere Gesamtbild kaum aufhellen.“(HB) Einen Zusammenhang mittels Überprüfung des von Marx Gesagtem mit dem, was die realsozialistischen Staaten dann ins Werk gesetzt haben einschließlich der Er- und insbesondere Verklärungen ihrer Führungsriege, herzustellen*, ist für heutige Intellektuelle schon deshalb überflüssig, gerade weil jene sich ja immerzu auf Marx berufen hat. Das jedenfalls macht das HB nicht, wenn es Marx gegen die mutmaßlichen Folgen seiner Intention halbwegs in Schutz nimmt: "Marx allerdings dafür verantwortlich zu machen, was später in seinem Namen geschah, hieße, Geschichtsfälschung zu betreiben.“

Wie kommt ein Mensch wie Marx also auf den Abweg, eine ungewollte Vorlage für unerwünschte Entwicklungen zu liefern, eine politische Ökonomie zu kritisieren, im vorliegenden Werk das Kapital als den Zweck eben dieser politischen Ökonomie. Und die Antwort ist reichlich einfach: Er muß schon ein ziemlich verkorkster Typ gewesen sein. Mit dieser Überlegung kam dann kürzlich gar ein Film in die Kinos: Um den Mann als den Deppen dastehen zulassen, der er ausweislich seiner in jeder Hinsicht konsequenten Ideologiekritik nicht war, legt ihm der Film angesichts des Verdikts des Filmemachers, ihn für den Realsozialismus verantwortlich zu machen, dies in den Mund: "Meine kapitalistische Ideologiekritik ist ja selber eine Ideologie.“ (zit. nach analyse & kritik, 21.03.17) Die Ideologien des Realsozialismus werden als die seinen hingestellt, die er gleichzeitig ebenso unbewußt wie bewußt heraufbeschworen habe: Eine geradezu klischeehaft widergekäute »Erkenntnis«! Und ansonsten nichts als Beziehungskitsch: "Um alle potenziell interessanten Fragen macht der Film einen Bogen.“ (a & k, ebenda) 

Marx als Person abzuschießen, dünkt dem Handelsblatt hingegen nicht genug. Sein Werk selber verdiene es, gesondert diskreditiert zu werden. Das geht zunächst als Diffamierung, indem es dem »Kapital« den Ruf einer Bibel, einer »Bibel der Arbeiterbewegung« (HB) verabreicht, also eines Glaubensmanifests, etwas, was man glauben kann oder auch — im Gegensatz zur richtigen Bibel — lieber nicht, wie der Marxismus bekanntermaßen überhaupt als eine schiere »Ersatzreligion« gilt. Kurzum, dem Werk wird so seine Wissenschaftlichkeit bestritten, als hätte Marx nicht einige Mühe darauf verwendet, der politischen Ökonomie ihren Zweck, den Grund ihrer allenthalben zu Tage liegenden Folgen nachzuweisen, ausgehend von den Erscheinungsformen, in denen sich diese Ökonomie darbietet: Nicht von ungefähr beginnt Marx ja seine Analyse mit der Analyse der Ware. 

Einen wirklich nachvollziehbaren Grund für das Werk kann kein Intellektueller heutzutage in Marx‘ Hauptwerk erkennen. Selbst wenn einer so nah dran ist: "Seine Frau Jenny habe praktisch keinen Cent mehr in der Haushaltskasse, »und die Gläubiger werden täglich unverschämter«, klagte Marx. Jahrzehntelang sollte der Cheftheoretiker der Arbeiterklasse auf die finanzielle Hilfe des Industriellensohns Friedrich Engels angewiesen beleiben.“ (HB) Ist es angesichts einer solchen Lage nicht naheliegend, auf Mittel und Wege zu sinnen, da herauszukommen? Und nicht allein für sich, sondern für eine ganze Klasse zweckmäßig, aus dieser ihrer beschissenen Lage wirklich mal herauszukommen? Und selbst für einen Engels ist es ja nicht gerade erbauend, sich immerzu das Gejammer und die Beschwerden anderer anhören zu müssen, zumal die, wenn sie schon mal auf die Besserung ihrer Perspektive sinnen, sich in aller Regel dafür nicht allzu Zweckmäßiges zusammengedacht haben und nach wie vor zusammendenken — man schaue sich die an, die als Linke oder als Sozialisten/Kommunisten unterwegs sind: Jene sind sich gleichwohl einig mit ihren Gegnern, mit der Betonung von »Praxis« der »Theorie« den Vogel zu zeigen: Der letzte Parteitag der deutschen Linkspartei, einer Partei, die von vielen als kommunistisch angesehen wird, gab davon einmal mehr Zeugnis: Die herrschenden Zustände wurden allesamt als Skandal verhandelt und so ihre systemimmanente Notwendig- und Folgerichtigkeit bestritten. 

Die Marxsche Theorie referiert dann der HB-Autor in grobsten Zügen, in zwei Absätzen, richtig (— übrigens nicht bloß "aufbauend auf Smith und Ricardo“, sondern diese auch so weit wie nötig richtigstellend). Sein Einwand besteht nicht in einer Widerlegung des Referierten, sondern in der Herabsetzung zu einer bloßen Meinung: "Mit der Arbeitswerttheorie meinte Marx, »das Geheimnis der Plusmacherei« gelüftet zu haben.“ (HB): Eine Weitere aus dem Nichts gegriffene Herabstufung und Aburteilung von Marx‘ Erkenntnissen: Zunächst bloß Glaubenssache, dann bloß dessen Meinung, auf die man sich nur dummerweise wirklich einlassen kann.
Und weiter: Mit eben dieser seiner Meinung verstricke sich Marx in einen Widerspruch, der von der Befassung mit dessen Werk — wohl zum Glück! — abschreckt. Marx, so das HB, hätte gegenüber einer seiner Töchter auf Nachfrage erklärt, seine Tugend sei die der Einfachheit. An die freilich habe er sich beim Schreiben seines »Kapitals« nicht gehalten: "Mitunter mutet sein Jonglieren mit den Kategorien Waren-, Gebrauchs-, Tausch- und Mehrwert, sein unentwegtes Drehen und Wenden von Gegenständen und ihre Zerlegung in Einzelbestandteile schon recht kompliziert an. Marx scheint mit seiner Arbeitswerttheorie auch nicht der ganz große Wurf gelungen zu sein. »Mehrwert« und »Surplusarbeitszeit« veranschaulichen zwar in abstrakter Form die konkrete Kluft zwischen der kleinen Luxus-Kapitalistenklasse des 19. Jahrhunderts und dem Massenelend des Proletariats. Letztlich aber sind Lohnkosten nur eine von vielen Rechengrößen eines Unternehmens. Aufwendungen für Investitionen etwa blendet Marx weitgehend aus.“ 
Sicher, beim »Jonglieren« und bei »großen Würfen« kennt sich das dem Kapital verbundene HB aus — in Sachen Marx zeugt das allerdings von der Unkenntnis seines Werks: Klein v (variables Kapital) und klein c (konstantes Kapital) sind die beiden Teile des vorgeschossenen Kapitals, v steht für die Lohnarbeit und c für Fabrikanlagen, Maschinerie, Rohstoffe und alles sonstige. Sie erfahren eine Veränderung — im Laufe eines erreichten neuen Niveaus möglichen Kapitalvorschusses —, zugunsten von c, zuungunsten von v, deren Grund und Notwendigkeit Marx ausführlich erklärt: Somit sollte es unmöglich sein, der wahnwitzigen, heute grassierenden Meinung aufzusitzen, der Mehrwert (als der Unterpfand des Profits) entspringe dem konstanten Kapital aufgrund dessen puren Größe & Notwendigkeit.

Aus welcher anderen Erkenntnis sollte denn sonst die tendenziell sinkende Profitrate abzuleiten sein, die der HB-Autor im dritten Band des Kapitals gefunden hat und die er nicht überlesen wollte? Deshalb nicht, weil eben diese ein Kennzeichen der Krise des Kapitals ist, eine Krise des Kapitals, die sich ja angesichts ihrer Aktualität nicht bzw. nicht mehr (wie Fukuyama 1992) leugnen läßt: Sogar der omnipräsente Hans-Werner Sinn, der dem Kapital nun wirklich nichts Böses will, schreibe dieser Theorie "mit der Null- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank“ (HB) neue Relevanz zu. Und weiter, so wird Sinn zitiert: "Die Profitrate des Kapitals ist derzeit offenbar so stark gesunken, daß die Firmen nur noch zu Investitionen verführt werden können, wenn man härteste Mittel wählt und ihnen das Geld beinahe hinterherwirft, ja, sie irgendwann sogar dafür bezahlt, daß sie das Geld leihen und investieren.“ Der HB-Autor setzt hinzu: "Will man diese »Investitionslücke« verstehen, lohnt sich ein Blick in das »Kapital« allemal.“ Nun, wer will das schon? Offenkundig nicht einmal ein Wirtschaftsexperte des Handelsblatts. Aber gut, wenn ein Konjunkturforscher damit etwas anfangen kann und will, soll er es. Die Zentralisation und Konzentration von Kapital sei jedenfalls sowieso unbestreitbar, dazu brauche man Marx nicht. Als habe der das bloße Faktum festgestellt und nicht seine Notwendigkeit aus dem, dem Kapital inhärenten Grund, der »Plusmacherei«, abgeleitet! 

Selbst eine Krise, die selbstverständlich auf dem Rücken der Lohnabhängigen ausgetragen wird, veranlaßt das HB nicht dazu, der Verelendungstheorie recht zugeben. Mit der Verelendungstheorie sei Marx ja nur der damals offensichtlichen Erscheinung gefolgt; den heutigen "relativen Wohlstand für viele“ (HB), konnte er ja nicht kennen: Als hätte die Erscheinungsform der Armut irgendetwas an den Gründen für sie geändert, nur weil sie sich in den Zentren des Kapitalismus modifiziert hat und ihre sozusagen himmelschreienden »Auswüchse« in die »Dritte Welt« ausgelagert wurden — "Die spätere Entwicklung des Kapitalismus aber lief zumindest in den Industriestaaten nicht auf die materielle Verelendung der Arbeiter hinaus.“ (HB) — und von dort auch schon wieder zurück nach Europa schwappt: Die Hungerlöhne, pardon: die Dumpinglöhne in China und der Welt Nr. 3 bezeugen ja nichts weiter, als daß in Industriestaaten wie der Bundesrepublik D die Löhne (inklusive Nebenkosten) zu hoch sind! Während anderswo das Kapital sich mit seinen Hungerlöhnen als Armutsbekämpfer feiern läßt, gelten hierzulande die Löhne nach wie vor als zu hoch, um von Armut sprechen zu können: Dabei würde das Kapital sicherlich auch hier gerne nichts lieber tun, als Armut bekämpfen!

Damit wäre der HB-Autor auch schon bei einer Fußnote: Sie gilt denjenigen Wenigen, die sich »dogmatisch« auf Marx beziehen. Gesellschaftlich relevant sind sie heutzutage nicht, nichtsdestoweniger sollen sie darauf hingewiesen werden, daß Marx kein Dogmatiker war: "Für die krampfhaften und letztlich auch spaßfreien Versuche heutiger Vulgärmarxisten, jeden Federstrich von Marx wie ein kirchliches Dogma zu verteidigen, hätte der Ökonom, Philosoph, Journalist und Revolutionär wohl ohnehin nur Hohn und Spott übriggehabt. Denn zum einen sollte man den großen Denker Karl Marx nicht für eine Spaßbremse halten. Im Gegenteil: Er liebte das Leben und war den Frauen ebenso zugetan wie einer Flasche guten Weins.“ Ganz nüchtern konstatiert er, worin der Alkoholfreund Marx souverän geirrt habe, nämlich in dem Aspekt, auf den das Handelsblatt schwer Wert legt, dem der Spekulation: "Aber was ist mit seiner Prognose, die Produktivkräfte würden eines Tages die Produktionsverhältnisse sprengen? Nun, dafür gibt es in kapitalistischen Gesellschaften bislang kein Fallbeispiel. In diesem Punkt hat sich der Großmeister offenbar geirrt.“ (Diesen »Irrtum« halten viele andere erfolgshungrige Typen wie z.B. Misik — siehe taz v. 10.09.05 — ebenfalls für zentral und für einen Grund, sich seinem Werk im wesentlichen zu verweigern.) Und wenn das gar keine Spekulation war, sondern eine ebenso notwendige wie keineswegs automatisch eintretende Konsequenz? 

Und überhaupt: Wenn man die Welt schon nicht verändern will, kann man sie dann nicht getrost auch mal einfach anders interpretieren? Was wäre denn von folgender Interpretation einer »Sprengung der Verhältnisse« zu halten: Ist die Welt heute nach über zweihundertjährigem kapitalistischen Fortschritts irgendwie weniger kriegsträchtig geworden? Nationalismus, freilich nicht von unbeauftragten »Rechtspopulisten«, vielmehr recht verstanden, ist nun wirklich nicht das Gespenst — zumal wenn er supranational als EU daherkommt —, das an die Wand gemalt werden kann: "Wenn unter den Proletariern aller Länder heute noch ein Gespenst umgeht, dann jedenfalls nicht das Gespenst des Kommunismus, sondern das Gespenst des Rechtspopulismus.“ (HB
Der Nährboden für das, was als Rechtspopulismus mehr verharmlost als kritisiert wird, ist der allgemein durchgesetzte und kultivierte Nationalismus. Der will von der sozialen Frage, die Marx aufgetischt hat, nichts wissen. Während Marx auf dem Gegensatz dieser Frage zum Nationalismus beharrt hat, überführen nicht nur Proletarier diese in eine rein nationale. Für die Intellektuellen, die der national ins Recht gesetzte Kapitalismus als seine Protagonisten und Apologeten hervorgebracht hat, ist allein die soziale Frage ein wirkliches Fantasma!

Nun gut, der Autor hat ja schon festgestellt, daß Marx kein Dogmatiker gewesen wäre, und er bebildert das erneut, zitiert Marx mit den eigenen Worten, daß ihm jedes wissenschaftliche Urteil willkommen sei, und überhaupt, so der HB-Autor, ließe sich aus seinem Werk keine Weltanschauung ableiten. Schließlich ließe er sich als Vorkämpfer der "Rechte der Arbeiterklasse“ begreifen und sogesehen stünde er "auf der richtigen Seite der Barrikade“(HB). Nämlich auf der im Interesse des Kapitals notwendigen Seite der Fabrikgesetzgebung, eines regelsetzenden Sozialstaats. Ganz so, als hätte er für diese im einschlägigen Kapitel seines »Kapitals« Partei ergriffen, als hätte er überhaupt für den Klassenstaat, für die politische Gewalt zwecks Institutionalisierung und Ausgestaltung ihrer Ökonomie (inklusive einer Tarifautonomie) Partei ergriffen..

Synthetisiert in Form eines Besinnungsaufsatzes bürgerlicher Schule: "Das Verdienst von Marx besteht darin, mit seiner dialektischen Methode den Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung, zwischen Sein und Schein des Kapitalismus an vielen Punkten plausibel herausgearbeitet zu haben. Die klassische Nationalökonomie betrachtet technischen Fortschritt mehr oder weniger als Zufallsprodukt. Marx zeigt hingegen, daß Fortschritt und die damit verbundene Änderung der Produktionsmethoden grundlegende, zugleich zukunftsweisende wie krisenträchtige Züge des Kapitalismus sind. … Marx schuf Mehrwert.“ 
Marx auf ein begriffsloses Beschreiben der Wirklichkeit herunterzubringen und ihn mit einem ganz anders gemeinten Begriff aus dessen eigenem Repertoire zu qualifizieren, ihn mit jenem Begriff letzthin doch der durchgesetzten Ideologie »Wirtschaftswachstum« zu verpflichten, das schließlich ist keine Qualifizierung, sondern eine Abqualifizierung; seine Erkenntnisse gelten als solche nichts, sie sind folgenlos und haben folgenlos zu bleiben: Man interpretiert sie dermaßen begriffslos, wodurch sie entbehrlich sind: Wirklichen Mehrwert schaffen sie nicht. Als Schreiber ebenso realitätsbezogener wie hintergründiger Geschichten, als ebenso grund- wie folgenloser Methodiker mag er durchgehen, aber doch nicht als einer, der ebensowenig interesselos wie unnötigerweise das politökonomische System erklärt hat…

(25.06.17) 

* Wen das Thema Realsozialismus aus Marxscher Sicht interessiert, dem ist dieses Buch zu empfehlen: "Von der Reform des »realen Sozialismus« zur Zerstörung der Sowjetunion", GegenStandpunkt-Verlag

Augsburg Mobilitätsdrehscheibe

koka

Staatliche Rechnungen im Zeitalter des fortgeschrittenen Kapitalismus

Die Ansprüche des Kapitals auf Vermehrung sowie der staatliche Anspruch auf die Erträge des Kapitals haben es mit sich gebracht, daß auch ursprünglich dem Staat unterworfene Bereiche entweder privatisiert worden oder aber, sofern dem Staat verblieben, eben einer Bilanzierung unterworfen worden sind, einer Bilanzierung analog der Gewinnrechnung privaten Eigentums. Letzterer Fall findet sich hauptsächlich auf der unteren staatlichen Ebene, also bei den Kommunen, die zwecks Standortpflege sich genötigt sehen, den »Investoren« Leistungen zur Verfügung zu stellen, für die sich privates Investment kaum lohnt. Dazu gehört der öffentliche Personennahverkehr.

Es hat lange gedauert, bis beispielsweise der städtische Betrieb »Stadtwerke Augsburg« aufgeteilt in GmbHs überführt wurde und überführt werden konnte. Was es dazu brauchte, war ein Konzept zur zügigen Kostenbefreiung chronisch defizitärer Geschäftsbereiche.
Und eine diesbezügliche Entdeckung ließ dann nicht lange auf sich warten: Ganz ohne es bei Marx nachzulesen, kamen die Verantwortlichen darauf, daß der Personalbestand »zu aufgebläht«, d.h. zu leistungsschwach, also die Lohnkosten unerträglich hoch waren, so unerträglich, daß ein als vernünftig zu betrachtender Gewinn nicht herausschauen konnte, ja nicht einmal eine ausgeglichene Bilanz. Die Aufgabenstellung lautete also: Wie beim Personal sparen, ohne die Infrastrukturleistungen infrage zu stellen?

Dazu gab es dann einige Ideen, die nur eines bedurften, nämlich einiger Investitionen.
So verfiel man auf die Idee, neue Straßenbahnen zu kaufen, lange Straßenbahnwürmer, deren Fahrer doppelt und dreifach soviel Fahrgäste befördern können sollten als bisher. Dabei sollten nicht etwa weniger Straßenbahnen durch die Stadt rollen, nein, das Verhältnis von zahlenden Fahrgästen zum Kostenfaktor Fahrer sollte verändert, „produktiver“ werden. Dafür daß die nun viel längeren Bahnen problemlos benutzbar werden konnten, mußten freilich die Gleise in so mancher Kurve neu gebaut werden, was sich über einige Jahre hinzog. Letztes großes Problem war der Königsplatz, der bei seinem letzten Umbau vor 40 Jahren natürlich noch auf die damaligen, kürzeren Bahnen zugeschnitten war. Von ihnen paßten locker zwei hintereinander auf die Länge eines Bahnsteigs, von den neuen natürlich nicht. Der Umbau von Kö (und Hauptbahnhof samt Straßenbahnuntertunnelung!) zur »Mobilitätsdrehscheibe« ist also nicht einem Bedürfnis nach Stadtverschönerung geschuldet, vielmehr einer rein ökonomischen Rechnungsweise.

Hinzu kommt der Ausbau des Straßenbahnnetzes insgesamt: Busse, die in ihrer Fahrgastkapazität nie an die einer dieser neuen Trambahnen heranreichen können, werden von ihnen auf Hauptstrecken ersetzt. Wurden in der Nachkriegszeit Schienen abgebaut, so werden sie nun neu verlegt. Alte Straßenbahnlinien — die Linien 3, 5 und 6 — entstanden bzw. entstehen neu, bestehende — 1, 2, 4 — wurden verlängert.
Ob je das Ideal führerloser, ferngesteuerter Straßenbahnen erreicht wird, steht technisch noch in den Sternen. Ein ortsansässiger Roboterfabrikant würde die Herausforderung sicherlich gerne annehmen. In Nürnberg beispielsweise wurde aus den gleichen Gründen ein U-Bahnnetz geschaffen, auf dem bereits führerlose U-Bahnen verkehren.

Daß die Innovationen nicht dem Kunden als solchem geschuldet sind, ist angesichts nach wie vor anhaltender regelmäßiger Fahrpreiserhöhungen offensichtlich. Die Stadtwerke bedienen sich an den Löhnen der Arbeiterklasse, die in die Firma und von dort wieder nach Hause fahren bzw. auch mal sonstwohin, um Besorgungen zu machen, und an den von ihnen finanzierten Kindern, die zur Schule müssen, um später mal das nötige Geld selber zu verdienen, um dann ebenso geschröpft werden zu können.
Der öffentliche Nahverkehr steht somit in Konkurrenz zur Alternative »Auto«, dessen Vor- und Nachteile für den Nutzer an dieser Stelle nicht durchdekliniert werden sollen: Die privaten »Gewinnrechnungen« der Arbeiterklasse entbehren sowieso nicht selbstbetrügerischer Lügen.

Übrigens: Die Stadtväter haben festgestellt, daß Döner- und ähnliche Imbißbuden nicht zur neuen Mobilitätsdrehscheibe passen, dafür also keine Erlaubnis erteilt wird. Wie man sieht, ist in einer modernen Stadt eine Terrorbande wie die NSU schlichtweg überflüssig: Die CSU regelt alles ohne offensichtliche Leichen. Leben, das auch nur den Anschein erweckt, außerhalb der ökonomisch erwünschten gesamtgesellschaftlichen Gewinnrechnung stattzufinden, zählt nicht (mehr). Dies nachdrücklich klarzustellen, ist der Zweck einer breit angelegten Propaganda für die neue Mobilitätsdrehscheibe.

Kurzum: Ein starkes Stück Kapitalismus: Er soll umso mehr geliebt werden, je mehr er einen ankotzt.
(18.10.12)

bluete

Marx_Augsburger-Allgemeine-Zeitung

koka

Karl Marx
Der Kommunismus und die Augsburger »Allgemeine Zeitung«

»Rheinische Zeitung« Nr. 289 vom 16. Oktober 1842; siehe MEW 1, Seite 105-108

|105| *** Köln, 15. Oktober. Die Nr. 284 der Augsburger Zeitung ist so ungeschickt, in der »Rheinischen Zeitung« eine preußische Kommunistin zu entdecken, zwar keine wirkliche Kommunistin, aber doch immer eine Person, die mit dem Kommunismus phantastisch kokettiert und platonisch liebäugelt.

Ob diese unartige Phantasterei der Augsburgerin uneigennützig, ob diese müßige Gaukelei ihrer aufgeregten Einbildungskraft mit Spekulationen und diplomatischen Geschäften zusammenhängt, mag der Leser entscheiden – nachdem wir das angebliche corpus delicti vorgeführt haben.

Die »Rheinische Zeitung«, erzählt man, habe einen kommunistischen Aufsatz über die Berliner Familienhäuser in ihr Feuilleton aufgenommen und mit folgender Bemerkung begleitet: Diese Mitteilungen »dürften für die Geschichte dieser wichtigen Zeitfrage nicht ohne Interesse sein«; folgt daher nach der Augsburger Logik, daß die »Rheinische Zeitung« »dergleichen ungewaschenes Zeug empfehlend aufgetischt«. Also wenn ich z.B. sage: »folgende Mitteilungen des ›Mefistofeles‹ über den innern Haushalt der Augsburger Zeitung dürften nicht ohne Interesse für die Geschichte dieser wichtigtuenden Dame sein«, so empfehle ich die schmutzigen »Zeuge«, aus denen die Augsburgerin ihre bunte Garderobe zusammenschneidet? Oder sollten wir den Kommunismus schon deshalb für keine wichtige Zeitfrage halten, weil er keine courfähige Zeitfrage ist, weil er schmutzige Wäsche trägt und nicht nach Rosenwasser duftet?

Allein mit Recht grollt die Augsburgerin unserm Mißverstand. Die Wichtigkeit des Kommunismus besteht nicht darin, daß er eine Zeitfrage von höchstem Ernst für Frankreich und England bildet. Der Kommunismus besitzt die europäische Wichtigkeit, von der Augsburger Zeitung zu einer Phrase |106| benutzt worden zu sein. Einer ihrer Pariser Korrespondenten, ein Konvertit, der die Geschichte behandelt wie ein Konditor die Botanik, hat jüngst einmal den Einfall gehabt: die Monarchie müsse die sozialistisch-kommunistischen Ideen in ihrer Weise sich anzueignen suchen. Versteht ihr nun den Unmut der Augsburgerin, die uns nie verzeihen wird, daß wir den Kommunismus in seiner ungewaschenen Nacktheit dem Publikum bloßgestellt; versteht ihr die verbissene Ironie, die uns zuruft: so empfehlt ihr den Kommunismus, der schon einmal die glückliche Eleganz besaß, eine Phrase der Augsburger Zeitung zu bilden!

Der zweite Vorwurf, der die »Rheinische Zeitung« trifft, ist der Schluß eines Referats aus Straßburg über die bei dem dortigen Kongreß gehaltenen kommunistischen Reden, denn die beiden Stiefschwestern hatten sich in die Beute so geteilt, daß der Rheinländerin die Verhandlungen und der Bayerin die Mahlzeiten der Straßburger Gelehrten zufielen. Die inkriminierte Stelle lautet wörtlich also:

»Es ist heute mit dem Mittelstande so wie mit dem Adel im Jahre 1789; damals nahm der Mittelstand die Privilegien des Adels in Anspruch und erhielt sie, heute verlangt der Stand, der nichts besitzt, teilzunehmen am Reichtume der Mittelklassen, die jetzt am Ruder sind. Der Mittelstand hat sich nun heute gegen eine Überrumpelung besser vorgesehen als der Adel im Jahre 89, und es steht zu erwarten, daß das Problem auf friedlichem Wege wird gelöst werden.«

Daß Sieyès' Prophezeiung eingetroffen und daß der tiers état |dritte Stand| alles geworden ist und alles sein will – Bülow-Cummerow, das ehemalige »Berliner politische Wochenblatt«, Dr. Kosegarten, sämtliche feudalistische Schriftsteller bekennen es mit wehmütigster Entrüstung. Daß der Stand, der heute nichts besitzt, am Reichtum der Mittelklassen teilzunehmen verlangt, das ist ein Faktum, welches ohne das Straßburger Reden und trotz dem Augsburger Schweigen in Manchester, Paris und Lyon auf den Straßen jedem sichtbar umherläuft. Glaubt etwa die Augsburgerin, ihr Unwillen und ihr Schweigen widerlegten die Tatsachen der Zeit? Die Augsburgerin ist impertinent im Fliehen. Sie reißt aus vor verfänglichen Zeiterscheinungen und glaubt, der Staub, den sie beim Ausreißen hinter sich aufwirbelt, sowie die ängstlichen Schmähworte, welche sie auf der Flucht zwischen den Zähnen hinmurmelt, blendeten und verwirrten die unbequeme Zeiterscheinung wie den bequemen Leser,

Oder grollt die Augsburgerin der Erwartung unseres Korrespondenten, die unleugbare Kollision werde sich »auf friedlichem Wege« lösen? Oder wirft sie uns vor, daß wir nicht sofort ein probates Rezept verschrieben und |107| einen sonnenklaren Bericht über die unmaßgebliche Lösung des Problems dem überraschten Leser, in die Tasche spielten? Wir besitzen nicht die Kunst, mit einer Phrase Probleme zu bändigen, an deren Bezwingung zwei Völker arbeiten.

Aber liebste, beste Augsburgerin, Sie geben uns bei Gelegenheit des Kommunismus zu verstehen, daß Deutschland jetzt arm ist an unabhängigen Existenzen, daß neun Zehntel der gebildeteren Jugend den Staat anbetteln um Brot für ihre Zukunft, daß unsere Ströme vernachlässigt, daß die Schiffahrt darniederliegt, daß unsern ehemals blühenden Handelsstädten der alte Flor fehlt, daß die freien Institutionen erst auf langsamem Wege in Preußen erstrebt werden, daß der Überfluß unserer Bevölkerung hilflos umherirrt, um in fremden Nationalitäten als Deutsche unterzugehen, und für alle diese Probleme kein einziges Rezept, kein Versuch, »klarer über die Mittel zur Ausführung« der großen Tat zu werden, die uns von all diesen Sünden erlösen soll! Oder erwarten Sie keine friedliche Lösung? Fast scheint ein anderer Artikel derselben Nummer, von Karlsruhe datiert, dahin zu deuten, wo selbst in bezug auf den Zollverein die verfängliche Frage an Preußen gerichtet wird: »Glaubt man, eine solche Krisis würde vorübergehen wie eine Rauferei um das Tabakrauchen im Tiergarten?« Der Grund, den Sie für Ihren Unglauben debütieren, ist ein kommunistischer. »Nun lasse man eine Krisis über die Industrie losbrechen, lasse Millionen an Kapital verlorengehen, Tausende von Arbeitern brotlos werden.« Wie ungelegen kam unsere »friedliche Erwartung«, da Sie einmal beschlossen hatten, eine blutige Krisis losbrechen zu lassen, weshalb wohl in Ihrem Artikel Großbritannien auf den demagogischen Arzt Dr. M'Douall, der nach Amerika ausgewandert, weil »mit diesem königschen Geschlecht doch nichts anzufangen sei«, nach Ihrer eigenen Logik empfehlend nachgewiesen wird.

Eh' wir uns von Ihnen trennen, möchten wir Sie noch vorübergehend auf Ihre eigene Weisheit aufmerksam machen, da es bei Ihrer Methode der Phrasen nicht wohl zu umgehen ist, harmloserweise hie und da einen Gedanken zwar nicht zu haben, aber eben deshalb auszusprechen. Sie finden, daß die Polemik des Herrn Hennequin aus Paris gegen die Parzellierung des Grundbesitzes denselben mit den Autonomen in eine überraschende Harmonie bringt! Die Überraschung, sagt Aristoteles, ist der Anfang des Philosophierens. Sie haben beim Anfang geendet. Würde Ihnen sonst die überraschende Tatsache entgangen sein, daß kommunistische Grundsätze in Deutschland nicht von den Liberalen, sondern von Ihren reaktionären Freunden verbreitet werden?

Wer spricht von Handwerkerkorporationen? Die Reaktionäre. Der Handwerkerstand soll einen Staat im Staat bilden. Finden Sie es auffallend, daß |108| solche Gedanken, modern ausgedrückt, also lauten: »Der Staat soll sich in den Handwerkerstand verwandeln«? Wenn dem Handwerker sein Stand der Staat sein soll, wenn aber der moderne Handwerker, wie jeder moderne Mensch, den Staat nur als die all seinen Mitbürgern gemeinsame Sphäre versteht und verstehen kann, wie wollen Sie anders beide Gedanken synthesieren als in einen Handwerkerstaat?

Wer polemisiert gegen die Parzellierung des Grundbesitzes? Die Reaktionäre. Man ist in einer ganz kurz erschienenen feudalistischen Schrift (Kosegarten über Parzellierung) so weit gegangen, das Privateigentum ein Vorrecht zu nennen. Das ist Fouriers Grundsatz. Sobald man über die Grundsätze einig ist, läßt sich nicht über die Konsequenzen und die Anwendung streiten?

Die »Rheinische Zeitung«, die den kommunistischen Ideen in ihrer jetzigen Gestalt nicht einmal theoretische Wirklichkeit zugestehen, also noch weniger ihre praktische Verwirklichung wünschen oder auch nur für möglich halten kann, wird diese Ideen einer gründlichen Kritik unterwerfen. Daß aber Schriften, wie die von Leroux, Considérant und vor allen das scharfsinnige Werk Proudhons, nicht durch oberflächliche Einfälle des Augenblicks, sondern nur nach lang anhaltendem und tief eingehendem Studium kritisiert werden können, würde die Augsburgerin einsehen, wenn sie mehr verlangte und mehr vermöchte als Glacéphrasen. Um so ernster haben wir solche theoretischen Arbeiten zu nehmen, als wir nicht mit der Augsburger übereinstimmen, welche die » Wirklichkeit« der kommunistischen Gedanken nicht bei Plato, sondern bei ihrem obskuren Bekannten findet, der nicht ohne Verdienst in einigen Richtungen wissenschaftlicher Forschung sein ganzes ihm damals zur Verfügung stehendes Vermögen hingab und seinen Verbündeten Teller und Stiefel nach dem Willen des Vaters Enfantin putzte. Wir haben die feste Überzeugung, daß nicht der praktische Versuch, sondern die theoretische Ausführung der kommunistischen Ideen die eigentliche Gefahr bildet, denn auf praktische Versuche, und seien es Versuche in Masse, kann man durch Kanonen antworten, sobald sie gefährlich werden, aber Ideen, die unsere Intelligenz besiegt, die unsere Gesinnung erobert, an die der Verstand unser Gewissen geschmiedet hat, das sind Ketten, denen man sich nicht entreißt, ohne sein Herz zu zerreißen, das sind Dämonen, welche der Mensch nur besiegen kann, indem er sich ihnen unterwirft. Doch die Augsburger Zeitung hat die Gewissensangst, welche eine Rebellion der subjektiven Wünsche des Menschen gegen die objektiven Einsichten seines eigenen Verstandes hervorruft, wohl nie kennengelernt, da sie weder eigenen Verstand noch eigene Einsichten noch auch ein eigenes Gewissen besitzt.

bluete