Allgemein

literatur-dubowizki

koka

„Die Menschen sagten immer seltener »Futures« und immer häufiger »Scheiße«.“ (S. 207)
 

NAHE NULL von Natan Dubowizki

Wenn ein Autor pseudonym einen Roman schreibt, dann doch wohl deshalb, weil sein Name nichts zur Sache tun soll, die er dem geneigten Leser mitteilen möchte. Dieser schlichte Umstand ist für einen gemeinen bürgerlichen Kopf einfach nicht begreiflich, erst recht, wenn es sich um einen Russen handelt, dem man allerhand zu unterstellen bereit ist, weil ja Rußland als Feindbild keineswegs deswegen beim deutsch denkenden Ideologen aus der Mode gekommen ist, weil es seine Art sonderbaren Sozialismus hinter sich gelassen hat. Im Gegenteil, einem solchen Opportunismus ist ebenso zu mißtrauen wie jeder abweichenden Äußerung aus dem Reich des Bösen, sofern sie nicht aus dem Munde von Leuten kommt, die dem Westen so in den Arsch kriechen wie es der gerne hätte.

Da der im Juli 2009 erschienene Roman – im Original: Околоноля – jedoch nichts an Aufgeschlossenheit zu wünschen übrig läßt, reibt sich die westliche Besprechung denn auch an dem Pseudonym des Autors (siehe z.B. the independent vom 14.08.09 und taz vom 23.03.10). Und die Beurteilung des Romans selber wird auf die angeblich als bescheuert beurteilten Innenansichten Rußlands verkürzt, die – so der demokratische Durchblicker – einzig dafür bebildert zu betrachten sind, wie wenig demokratisch und aufgeklärt es dort drüben zugeht. Also im Grunde nichts Neues, was uns der Russe mitzuteilen hat, sieht man einmal davon ab, daß ein hochrangiger Russe jetzt den Eindruck höchstselbst bestätigt, den man von Land und Leuten im slawischen Osten eh schon gehabt hat.

Die Offenheit des Romans setzt eine Offenheit des Lesers voraus, denn er besteht nicht nur in einer Wiederspiegelung russischer Verhältnisse, wie sie – selbst das ignoriert ja ein westlich-ideologisierter Beobachter – ab 1991 dort unter der ursprünglichen Akkumulation von Kapital entstanden sind und für deren Etablierung – in ihrem Umfang keineswegs geringe – Gewalt allenthalben erforderlich war.
Man ist gut beraten, einmal zur Kenntnis zu nehmen, woran – und nichts weniger ist das Verdienst dieses Romans – sich die neuen russischen Verhältnisse orientieren: Am Westen, vornehmlich am großen Gegenspieler, den USA, von der Literatur angefangen über religiöse Spinnereien bis hin zur Wild-West-Manier der locker sitzenden Pistole und dem Harakiri in Abu Graib [Abu Ghuraib]. 

Der Zusammenschluß der Wirklichkeit mit seiner Fiktion, der im freien Westen immer getrennt erscheint und gemeinhin als zusammenhanglos eingeordnet wird, gelingt dem Autor, indem er das »Business« Film einfach auf seinen Topos der Exzessivität zurückführt und sie auf eine Ebene mit der Exzessivität der Realität stellt, so daß Realität und Fiktion nicht mehr zu unterscheiden sind. Sie sind einzig zwei Seiten derselben Medaille. Und wenn er schon beim Erwähnen us-amerikanischer Autoren nicht geizt, so hat er doch einen vergessen, den, der das »Genre« begründet hat – und der nicht zuletzt deshalb in die science fiction-Ecke gestellt wird – Edgar A. Poe – man denke etwa an den »Doppelmord in der Rue Morgue«. „Es existiert ein Klub von Leuten, die gern zuschauen, wenn andere krepieren. Wie sie sich winden und um Gnade bitten, wie sie ihr menschliches Antlitz verlieren. Und sie möchten nicht nur heimlich dabei zuschauen, sie möchten es offen tun, zusammen mit einem Haufen anderer Leute. Denen allerdings weisgemacht wird, das Ganze sei nur gespielt, Kino, Avantgarde natürlich, Ultra-Avantgarde. Der Naturalismus ist schöpferisch begründet, als Suche nach einer neuen Ästhetik. Und womöglich nach einer neuen Ethik. Im Saal sitzen hundert, zweihundert Leute, und nur zehn, zwölf von ihnen wissen, daß der Film reale Szenen enthält, echter Folterungen und Hinrichtungen. Sozusagen dokumentarische Szenen, Live-Videos. Live-Tod.“ (S.191)

Um mit der geschilderten unerträglichen Wirklichkeit, einer kapitalistischen Wirklichkeit, fertig zu werden, bedarf es freilich einer Suche nach Wahrheit, einer Kritik der politischen Ökonomie – wohingegen sich die Menschen lieber im dunklen Schlamm an den verschmutzten Ufern im Seichten aufhalten (S.46). Daß Rußland nicht einfach solipsistisch für sich steht, wie die imperialistische Sichtweise es nahelegt, wird in dem Buch an vielen Stellen deutlich: In der Hauptsache, im Film, an dem mit ihm einhergehenden Fantasien, die hervorgerufen werden in totalem Kontrast zur Langweiligkeit bürgerlichen (Spießer-)Daseins, was mitunter als Flucht aus der Wirklichkeit kritisiert wird, dann nämlich, wenn dadurch Brauchbarkeit und Funktionalität bürgerlicher Individuen in Frage stehen, ansonsten freilich sehr in Ordnung geht, weil und insofern es die Leute bei Lust & Laune hält. Die Fantasien erreichen ein bislang kaum gekanntes Ausmaß an Perversität – Sex, Drogen (inklusive der Religion), Gewalt und die dazugehörigen Zünder: „Frieden, Freundschaft und den Menschen ein Wohlgevögel! Toleranz und Multikulturalität“ (S. 100) -, wobei deutlich wird, woran man sich in Rußland orientiert und worin man mittlerweile der USA schon gleichwertig, wenn nicht gar einen Schritt voraus ist: realisierte Fantasien, die geradezu eine russische Geheimwaffe im Kampf ums Geschäft die Gesellschaftsidee schlechthin darstellen. Man denke nur an Sarah, die das us-amerikanische Ideal an Klischeehaftigkeit wie Brauchbarkeit [„Bei der Liebesausübung funktionierte sie tadellos, war noch kein einziges Mal weggetreten oder ausgefallen. Nach dem Sex kehrte sie automatisch in den Stand-By-Betrieb zurück,… Kurz – made in USA, Preis-Leistungs-Verhältnis auf höchstem Niveau.“ S.64f] verkörpert, doch sich zuletzt als russischer Prototyp entpuppt – ein eben nicht bloß literarischer Kunstgriff erster Sahne. Der »positiven Dynamik von Krebserkrankungen« (S. 28) wird der Roman so auch im übertragenen Sinne gerecht. Das Resultat drückt diese Dynamik so aus: „User gibt es wenige, Loser haufenweise.“ (S. 144) Aber damit sich aufzuhalten, würde den gesellschaftlichen Diskurs erheblich stören: „Zu hören waren auch die weit positiveren Reaktionen auf das gestern im Restaurant Nachtasyl verzehrte Austerndinner zur Unterstützung der Kleinunternehmer, der Demokratie, getöteter Journalisten, verprügelter Anwälte, verbotener Schriftsteller, eingesperrter Geschäftsleute, der Neuordnung der russisch-amerikanischen Beziehungen und so weiter und so fort. Gesprochen wurde auch über den kollektiven Besuch einer nonkonformistischen Ausstellung von tausend zerschlagenen Gläsern als Zeichen des Protests gegen….“ (S. 121)

Und wer immer noch Tomaten auf den Augen hat, dem sagt es der Roman auch unverblümt: „…Korruption und organisierte Kriminalität sind ebenso tragende Elemente der sozialen Ordnung wie Schule, Polizei und Moral.“ (S. 152) Hier wie dort. Wie sich daneben China, die Chasaren, Afghanistan, Adolf Aloisowitsch und Jossif Wissarionowitsch in die heutige Welt einordnen, hier erfährt man es plastisch und drastisch. Nicht zu vergessen ist die Kirche – wer hätte vermutet, daß selbst das unscheinbare und hochfromme Kloster auf dem Inselchen Trikeri bei Volos (S.75) von der Neuordnung der postsowjetischen Welt sich eine Scheibe abschneidet? 

(07.11.10)

bluete

literatur-rou

koka

Rou Shi
Rou Shi

war ein revolutionärer chinesischer Schriftsteller. Er wurde 1901 in Shimentou (Kreis Ninghai, Provinz Zhejiang) geboren, hieß ursprünglich Pingfu Zhao und widmete sich sein ganzes Leben lang der Bewegung für eine neue Literatur. Im Januar 1931 wurde er mit 4 anderen Schriftstellern aus der Liga der linken Schriftsteller von den reaktionären Behörden verhaftet und am 7. Februar heimlich ermordet.

Sein erster Erzählband trug den Titel Der Verrückte. 1928 wurde er Redakteur der Wochenzeitschrift Yu Si, dann gründete er den Morgenblütenverlag. Er brachte 20 Ausgaben der Morgenblütenzeitschrift, 12 der Zeitschrift Dekade und 5 der Morgenblüten im Kunstgarten heraus. Da ihm die Zeitschriftenhändler kein Geld zahlten, mußte er die weitere Herausgabe einstellen.
Seine literarischen Erfolge umfassen Komödie auf Erden (ein Versdrama); Tod des alten Zeitalters; Drei Schwestern; Februar und Hoffnung. Ferner übersetzte er Werke von Lunatscharskij und Gorki sowie einen Sammelband dänischer Kurzgeschichten.

Februar erschien 1982 in deutscher Sprache (Verlag für fremdsprachige Literatur Beijing), der Band enthält auch die beiden kurzen Abhandlungen: Zerstörung und Ein gedungenes Eheweib.

 

bluete

literatur-zola

koka

Zola Gemälde von Manet
Zola, 1868, Gemälde v. Edouard Manet

Zola,  geboren 1840 in Paris und 1902 ebendort gestorben,  ist hierzulande weitgehend nur dem Namen nach bekannt. Seine Werke gehören nicht zum an den Schulen gelesenen Standard. Das hat sicherlich seinen ebenso guten wie schlechten Grund. Sein Werk ist nämlich ziemlich materialistisch. Seine Beschreibungen der gesellschaftlichen Zustände lassen an Plastizität nichts zu wünschen übrig. Gerade sein wichtigstes Werk, die zwanzigbändige Romanreihe Les Rougon-Macquart, eine Familiengeschichte – jeder Roman ist einzeln verschlingbar, die vorlaufenden familiären Zusammenhänge sind nicht wichtig -, hält der kapitalistischen Gesellschaft den Spiegel vor Augen, reißt ihren schönen Schein in den Abgrund.

Zola war sogleich in Frankreich damals ein Renner. So konnte es nicht unterbleiben, daß schon bald seine Werke ins Deutsche übertragen wurden. Bloß wie!! So wurden als gesellschaftskritisch empfundene Stellen gestrichen, offene Erotik bis hin zum tabulos geschildertem Geschlechtsverkehr zumindest geglättet. Man wollte das deutsche Publikum nicht den Glauben an Ordnung & Moral verlieren lassen. Und so erschienen die ersten Übersetzungen Zolas in verstümmelter Form. So haben z.B. die Übersetzer Carlowitz und Dr. H. Rosé alle Abschnitte über die soziale Lage, die verheerenden Folgen des modernen Handels und die Wirkungen kapitalistischer Wirtschaft herausgekürzt und den Roman Das Paradies der Damen zu einem süßlich-kitschigen Liebesroman entstellt. Die Kapital IV und XIII sind so auf wenige Seiten geschrumpft. Dann haben sie die eigentliche "Liebesgeschichte" verzuckert und "ausgebaut".

In den 1960er Jahren machte sich das Romanische Institut der Humboldt-Universität in (Ost-)Berlin unter Leitung von Rita Schober an eine Neuübersetzung, die sich ungeschönt am Original orientiert. Diese wurde im Verlag Rütten & Loening veröffentlicht und von den westdeutschen Verlagen (Winkler und Goldmann) dann übernommen.

Leider wird Zola, wenn schon einmal von ihm hierzulande die Rede ist, nicht mit seinen fantastisch-realistischen Werken erwähnt. Vielmehr in Sachen Dreyfus-Affäre. Deshalb ein Wort hierzu. Der jüdische Hauptmann Dreyfus – Zola kannte ihn nicht persönlich – war wegen angeblichen Hochverrats zum Tode verurteilt und wurde schließlich zu lebenslanger Haft "begnadigt". Zola machte sich für dessen Freispruch stark, weil er offensichtlich unschuldig angeklagt war, und richtete am 13. Januar 1898 einen diesbezüglichen Brief an den Staatspräsidenten, der mit den Worten j'accuse (ich klage an) begann. 1901 schrieb er zu dessen Verteidigung La vérité en marche (Die Wahrheit auf dem Wege) und zog sich damit endgültig den Haß aller Reaktionäre zu.  Zola kam deswegen selbst vor Gericht, wurde zu einem Jahr Gefängnis und 3000 Francs Geldstrafe verurteilt. Er ging dann in die Verbannung nach England. Sein Tod 1902 – nach seiner Rückkehr – durch eine Kohlenmonoxidvergiftung ist nie wirklich geklärt worden, Freunde vermuteten jedoch einen Anschlag seiner staatlichen Gegner. 
Und  noch ein Wort zu der literarischen Schubladeneinstufung "Naturalismus". Wie schon oben angedeutet, wäre das Wort "Materialismus" besser. Zweifellos finden sich wunderbare Naturbeschreibungen in alle Romane eingeflochten, das Wesentliche sind sie nicht. Auch scheint über diese Einstufung seine kritische Betrachtung der Natur in Folge der gesellschaftlichen, d.h. eben kapitalistischen Einwirkungen auf sie getilgt. Daß Flüsse zweckmäßig begradigt werden und vieles andere mehr, findet sich schon bei Zola en detail. Das Wesentliche freilich ist Zolas Blick auf die Individuen, wie sie unter dem Diktat der Ökonomie und der Politik allenthalben zuschanden werden und ihre Menschlichkeit – mal mehr mal weniger – verlieren bzw.  selber aufgeben oder auch – selten genug – erhalten bzw. wiedergewinnen. 

Übersicht über die spannenden, non-fiction Romane der Rougon-Macquart (Thematik kurz angerissen), allesamt ein empfohlener Genuß zum Schmökern:

Nana greek01  Das Glück der Familie Rougon (Thema: Die bürgerliche Familie in einem kleinen Ort) 
02  Die Beute (Thema: Börsenspekulation)
03  Der Bauch von Paris 
(Thema: Nahrungsmittelversorgung und Essens"gewohnheiten")
04  Die Eroberung von Plassans (Thema:  Der politische Kampf in der Provinz)
05  Die Sünde des Abbé Mouret (Thema: Der Kampf eines Pfaffen mit seinen materiellen Bedürfnissen)
06  Seine Exzellenz Eugène Rougon (Thema: Korruption in der Politik)
07  Der Totschläger (Thema: Arbeiterklasse & Alkoholismus)
08  Ein Blatt Liebe (Thema: Die Zauberkraft der Liebe)
09  Nana (Thema: Prostitution)
10  Ein feines Haus (Thema: Ein Mietshaus und seine Mieter)
11  Paradies der Damen (Thema: Ein modernes Warenhaus und die Verdrängung kleiner Läden)
12  Die Freude am Leben (Thema: Leid)
13  Germinal (Thema: Die Welt der Bergarbeiter)
14  Das Werk (Thema: Der bildende Künstler und seine Ambitionen)
15  Die Erde (Thema: Die Welt der Landarbeiter)
16  Der Traum (Thema: Das Jenseits in der Realität)
17  Das Tier im Menschen (Thema: Die Eisenbahn)
18  Das Geld (Thema: Die Welt der Finanzen)
19  Der Zusammenbruch (Thema: Der Krieg)
20 Doktor Pascal (Thema: Zwischen Glauben und Wissenschaft)
Anmerkung: Frühere Übersetzungen ins Deutsche haben zum Teil anders übersetzte Titel:  So heißt der Roman Die Beute: Die Jagdbeute, Der Totschläger:  Die Schnapsbude,  Ein feines Haus: Am häuslichen Herd, Die Erde:  Mutter Erde, Das Tier im Menschen: Die Bestie im Menschen.

Darüber hinaus hat Zolas weitere Romane und Kurzgeschichten sonder Zahl sowie Literaturkritiken verfaßt. Zum Beispiel die religionskritischen Romane der drei Städte (Lourdes, Paris, Rom) sowie die nach Wegen aus der unwirtlichen Realität suchenden Romane der vier Evangelien (Fruchtbarkeit, Arbeit, Wahrheit – der 4. "Gerechtigkeit" blieb unvollendet), die deutlich machen, daß die schöngeistige Literatur keinen Ausweg finden kann, da eine Beschreibung der Realität keine Erklärung derselben ist. Ein erstes kaum noch bewußtes Wahrnehmen der Realität erheischt deren wirkliche Erklärung, nach der Zola gesucht hat, die er aber an und in der Oberfläche der Wirklichkeit gar nicht finden konnte.

[16 biblifile Bände der Rougon-Marquart sind im  Goldmann-Verlag als Taschenbücher erschienen.]

0102030405060708
0910111314151719

bluete

literatur-bukowski

koka

Charles Bukowski schrieb angesichts des Vietnamkriegs 1969 dieses Gedicht:

Kommunisten

Wir trieben die Frauen in einer
langen Reihe hinunter zum Fluß,
verkrampft von der Angst in ihren
stupiden Reisbauern-Schädeln,
die Kinder krampfhaft an sich gedrückt,
Säuglinge, klein wie Mäuse,
die nach Luft schnappten,
ihre Chancen standen 1:1000;
die Männer mußten in einem Kreis
niederknien, dann erschossen wir sie,
und ihr Tod hatte kaum etwas
von einem Tod, es war eher
wie irgendwas in einem Film,
Männer mit Armen und Beinen wie Spinnen
mit einem Fetzen Tuch über den Genitalien,
Männer, die kaum geboren waren,
konnte man eigentlich kaum töten,
aber da lagen sie nun auf der Erde
und waren tot, und in der grellen Sonne
hatten sie so einen eigenartigen
Ausdruck im Gesicht, als wär ihnen
alles ein Rätsel.

Von den Frauen konnten einige mit
Gewehren umgehen. Wir ließen
eine kleine Abteilung zurück,
die sich mit ihnen befassen sollte.
Dann steckten wir die restlichen
Hütten in Brand und zogen weiter
zum nächsten Dorf.

(aus: Der größte Verlierer der Welt · Gedichte 1968-1972)

bluete

literatur-belli

koka

Sie verfolgten mich

mit ihren Blicken schlecht bezahlter Hunde, verfolgten mich
von Morgengrauen zu Morgengrauen, 
bespitzelten mich,
drückten sich auf der Straße vor dem Haus herum, stellten ihre Autos an der Ecke ab
und gingen mir nach durch die ganze Stadt, 
über alle Straßen, Kreuzungen, Ampeln. 
Sie verfolgten mich
mit ihrem Verdruß, mit ihren
von Verbrechen und Foltergezeichneten Gesichtern. Sie belauerten mich,
meiner Angst sicher,
lauerten darauf, daß mir der Schlaf verginge, 
daß meine Überzeugungen,
daß ich den Kampf und meine Brüder verriete. 
Mit jedem Morgen fühlte ich
ein jedes Mal wütenderen Haß 
und erfand mir Gedärme, ihn unterzubringen,
einen Haß, der nach Kugeln, Pistolen, Maschinengewehren verlangte, 
einen Haß, dessen ich mich niemals fähig geglaubt,
der mich sie hätte umbringen lassen, kaltblütig.
Und verfolgten mich, 
hörten mein Telefon ab, 
überwachten meine Arbeit, 
schickten mir Drohbriefe, 
und ich, die ich mich nie für besonders mutig hielt, spürte jedesmal mehr Mut,
mehr Kraft
weiter zu kämpfen,
wie ich weitergekämpft habe,
zum Teufel sollen sie sich scheren!

© Gioconda  Belli

Gioconda Belli

Bibliofile, zweisprachige Gedichtbände, im Peter Hammer Verlag  zu Wuppertal erschienen:
– Zauber gegen die Kälte – Sortilegio contra el Frío
– Wenn Du mich lieben willst (nur deutschsprachig)
– Feuerwerk in meinem Hafen – Apogeo
– Ich bin die Sehnsucht – verkleidet als Frau – Mi íntima multitud

Romane:
– Bewohnte Frau
– Tochter des Vulkans
– Die Verteidigung des Glücks  
–  Erinnerungen an Liebe und Krieg
– Waslala
– Das Manuskript der Verführung

bluete

Nationalismus-2017

koka

Wahlk(r)ampf, Personenkult(ur), Demokratie pur:

Ein Hochfest des Nationalismus!

So nichts Außergewöhnliches passiert, wird man als Staatsbürger alle 4 Jahre einmal ernst genommen: Als alfabetisierter Analfabet: Er darf zwei Kreuze in zwei Kreise von vielen machen. Er braucht sich dabei nicht bewußt sein, was er damit überhaupt anrichtet, denn es ist ihm unterstellt, daß er — in welche Kreise er die Kreuze auch immer hineinmalt — nichts falsch machen kann: Wie selbstverständlich geht seine Obrigkeit — also die, welche (wieder) gewählt werden wollen — davon aus, daß er dies in nationaler Verantwortung macht: Die Verantwortungsträger sollen dann nämlich »seine« Nation, die deutsche, voranbringen, an allen Fronten, an der der Wirtschaft, der gegenüber dem Ausland, auch an der der Gerechtigkeit im Inneren. 
Die Parteien unterscheiden sich dann sowieso nur in der Schwerpunktsetzung — darin, wo sie Mängel ausmachen, die sie auszubügeln für im nationalen Interesse geboten erachten. In dieses Bemühen, die Nation verbessernd voranzutreiben, wird nun der Bürger eingeschaltet, als quasi maßgebliche Instanz dafür, welche Parteien den Auftrag erhalten, die Geschicke der Nation führend zu bestimmen. Es liegt in der Natur der Sache, daß es dabei sehr auf die Führung ankommt, also auf eine Lichtgestalt der nationalen Führung. So diese schwer ersichtlich — weder Frau Merkel noch dieser Schulz sind mit Kanzlern zu verwechseln, denen nachgesagt wird, eine ruhmvolle Ära begründet zu haben —, weiß selbst so manch eingefleischter Wähler schon nicht mehr recht, wen und weshalb er überhaupt wählen soll. 

Als hätte die SPD diesen Sachverhalt messerscharf erkannt, tut sie das dafür Nötige, der »Wahlverdrossenheit« entgegenzuwirken: Sie proklamiert die nationale Volksgemeinschaft, die selbstredend keine Klassen kennt: Zum Beispiel mit Parolen wie »Alle müssen ran« (zur Rente) oder noch deutlicher: »Wir machen das. Zusammen.«: Hierbei liegt auf der Hand, daß mit dem »Das« nichts anderes gemeint ist als die Nation und deren  Ansprüche. Welche nun wirklich nichts mit einem Anspruchsdenken von unten zu tun haben, ganz im Gegenteil: Sie sind eine knallharte und nicht mißzuverstehende Absage an solche von unten kommenden Ansprüche. (Hier merkt man übrigens, gegen wen diese Partei immerzu zu kämpfen gedenkt: gegen alles, was auch nur den Anschein erhebt, »links« zu sein.)
Von dieser Klarheit gehen auch die anderen Parteien aus. Die CSU beispielsweise gleich so, daß sie im Grunde keine »Probleme« kennt: Wenn sie von »Wohlstand« spricht, denkt sie, daß jeder gut aufgehoben ist in dieser Klassengesellschaft, sich unter jenem Begriff Wohlstand eingemeindet sieht in die Nation: Solch Einbildung hilft tatsächlich; als Zughöriger zu so einer großartigen Nation wie Deutschland — sie hat schon längst wieder stolzes Niveau erreicht — soll und kann man sich über alles hinwegtrösten, was einem im Alltagsleben an Frechheiten widerfährt, über die Zumutungen am Arbeitsplatz, über die verseuchten Geschäftsmittel, die als Lebensmittel in die Läden gelangen, über die dieselgeschwängerte Luft in Großstädten, über die mit LKWs verstopften und von ihnen ramponierten Autobahnen und Straßen, über die Kunden verarschenden, immer teurer werdenden Dienstleistungen privatisierter Unternehmen usw. usf. Über all das darf man sich aufregen, aber als Deutscher in Deutschland hat man es gut getroffen und muß von jenen »Nebensächlichkeiten« absehen können! Als Wahlbeauftragter selbstsicher an die Urne schreiten, um die demokratischen Volksbeauftragten volldemokratisch beauftragen: Nur so läßt sich die Gewalt eines Staates in all ihren Auswirkungen nämlich ertragen: Selbstbewußt! Mit einer Diktatur sind solche Verhältnisse wirklich nicht zu verwechseln!

Bei all dem läßt sich nicht übersehen, daß es da und dort bei den Projekten, die sich die Staatsgewalt vorgenommen hat, anspruchsvoll wie sie sind, nicht so glatt läuft wie gewünscht. Das betrifft das antiamerikanische Projekt EU/Euro in erster Linie. Der Brexit ist ein Schlag gegen die deutschen Ansprüche; Osteuropa liefert nicht wie gewünscht; die Südzone macht nach wie vor wirtschaftspolitische Probleme. Dazu kommt, daß sich die Sanktionen gegen Rußland alles andere als vorteilhaft auswirken; die Türkei querschießt; die Chinesen hierzulande einkaufen als wären sie zuhause. Ganz am Rande landen dann noch Leute hier, die keine Devisen vorzuweisen haben….
Dies hat dazu geführt, daß es eine Partei gibt, welche die herrschende Staatsräson infrage stellt. Ihr, der AfD erscheint das Vorgehen der Politik in all jenen nationalen Herausforderungen nicht konsequent genug. Sie fordert daher eine Neuausrichtung, eine »Rückbesinnung« auf die Nation, so pervers das der Sache nach ist. Denn schließlich ist die Größe der Nation auch ihr Anliegen; daß die Ansprüche der Nation vermessen sind, will sie ja sowieso nicht behaupten; ebensowenig, daß die Ansprüche mit dem Erfolg schrumpfen können, sollten oder müßten. Ihr Anliegen ist vielmehr das Pochen auf dem Opportunismus der Nation, der das Unterpfand ihrer fast 70-jährigen Erfolgsgeschichte ist. Es wäre, so behauptet sie, für den Erfolg der Nation nicht opportun, wirtschaftsschwache Staaten in der Eurozone zu belassen, ja der Euro wäre sowieso ein äußerst zweifelhaftes Erfolgsrezept, es wäre des weiteren kontraproduktiv, Sanktionen gegen Rußland zu verhängen, hungerleidende Flüchtlinge aufzunehmen, andere Glaubensbekenntnisse zu tolerieren etc. 
Diese Position ist ganz schön extrem: Sie verweist darauf, auf welche Weise die Ansprüche der Nation denn sonst durchgesetzt werden sollten: Mit unmittelbarer Gewalt, mit KZs, mit Krieg … (Die Einordnung dieser Partei unter dem Begriff Faschismus geht in Ordnung!)
Aber es gibt noch weitere, die sich von der nationalen Mitte (SPD und CDU/CSU sowie den von ihnen so gut wie nicht mehr zu unterscheidenden Grünen) abzuheben versuchen: Da ist auf der einen Seite die geradezu staatsfeindliche, wirtschaftsradikale FDP zu nennen. Diesen Ideologen des Liberalismus/Neoliberalismus geht die Freiheit der Wirtschaft allen Krisen des Kapitals zum Trotz über alles: Selbst nach der letzten, tiefen, mehr hinausgezögerten als bewältigten Krise fordern sie: Jetzt erst recht! Noch mehr Privatisierungen, noch weniger Staat, noch mehr Reibach für das Kapital, noch bessere, noch schnellere, noch rücksichtslosere Verwertung der natürlichen inklusive der menschlichen Ressourcen. Das ist wirklich nicht minder extrem, allerdings anschlußfähig an die »Mitte«, denn das Wohlergehen des Kapitals betrachtet der Staat seinerseits als seine große Ressource, auf die seine globalen — um nicht zu sagen: imperialistischen — Ansprüche gründen.
Und es gibt dazu auch noch das Gegenstück, die Partei(en), die auf den Staat setzen gegen eine von ihm enthemmte Wirtschaft: Die Linkspartei und auch die MLPD: Sie dichten dem Staat eine prioritäre Obliegenheit an, nämlich die, wohltätig zu sein, die Wirkungen der Wirtschaft auf die Beschäftigten abzumildern, sich auch um die nicht mehr oder nicht wieder Beschäftigten zu kümmern etc. Kurzum, den Kapitalismus seinen Insassen kompatibel, ihn also wirklich funktional zu machen. Diese Parteien sorgen sich auf ihre Weise, nämlich im Vertrauen auf einen starken Staat, um den Zusammenhalt einer nationalen Volksgemeinschaft. Das ist weniger extrem als eben ein wenig arg abseitig (- ein SPDler gebrauchte dafür ebenso falsch wie bezeichnend den Begriff »Verschwörungstheorie« -) und wird deshalb von der Wählerschaft weniger angenommen: Als Deutscher zuzugeben, daß man schlecht dasteht, das ist ein für jedes Selbstbewußtsein unerträglicher Widerspruch. So will sich kein Nationalist gern kategorisiert sehen. Diesem Widerspruch verdankt sich gleichwohl der Staatsfanatismus der Linksparteien, er hat sich dementsprechend gewaschen.

Alle sorgen sich um Deutschland und seine freie Wirtschaft…. 
Liebe Wähler! Wenn hr doch, anständig, wie ihr seid, zur Wahl geht, dann gehört es sich einfach nciht, sich in den folgenden Jahren zu beklagen über das, was einem da widerfährt. Selbst dann nicht, wenn ihr nicht das Regierungslager gewählt habt: Die Unterlegenen legitimieren die Gewinner – so ist das in einer richtigen Demokratie.
(07.09.17)

Wer sich ein klares Bild über die Demokratie verschaffen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen:
Die Demokratie — die perfekte Form bürgerlicher Herrschaft

Wer sich ein klares Bild über die Zustände in der Bundesrepublik Deutschland verschaffen will,
dem helfen folgende Ausgaben der Zeitschrift GegenStandpunkt weiter:
Teil I – II, Teil IIITeil IV-V

bluete

Literatur: Tschernyschewskij

koka

Nikolai Tschernyschewskij

Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewskis Roman »Was tun?« wurde 1863 im Sowremennik veröffentlicht, von der Zensur kaum ernstgenommen und so nur unerheblich gekürzt. Ein bürgerlicher Wissenschaftler schrieb schon 1879 über diesen Roman: "Während meiner sechszehnjährigen Universitätstätigkeit ist mir kein einziger Student begegnet, der den berühmten Roman nicht bereits vom Gymnasium her kannte; eine Gymnasiastin der fünften bis sechsten Klasse, die sich nicht mit den Abenteuern der Wera Pawlona bekannt gemacht hätte, wäre als dumme Gans bezeichnet worden." In einem geheimen Zensurbericht wird sorgenvoll vermerkt, der Roman habe großen Einfluß auf das äußere Leben einiger kurzsichtiger und in ihren Moralbegriffen ungefestigter Leute sowohl in der Hauptstadt als auch in der Provinz ausgeübt. Es sei vielfach vorgekommen, daß Menschen, dem Beispiel der Tschernykowschen Helden folgend, ein anderes Leben begannen: "Töchter verließen ihre Mütter und Väter, Frauen ihre Ehemänner, manche gingen noch weiter, bis zu den äußersten Extremen; es gab Versuche, in der Art von Vereinen oder Handwerkerartels [Artels = freiwilliger genossenschaftlicher Zusammenschluß] kommunistische Wohngemeinschaften einzurichten." Als Karl Marx in seinen späten Jahren noch begann, russisch zu lernen, bezeichnete er die Werke Tschernyschewskis als einen Hauptgrund dafür. Er schreibt in einem Brief an Sigfrid Meyer vom 21.01.1971:
"… Ich weiß nicht, ob ich Ihnen mitgeteilt, daß ich seit Anfang 1870 mich selbst im Russischen unterrichten mußte, was ich jetzt ziemlich geläufig lese. Die Sache kam daher, daß man mir von Petersburg Flerowskis sehr bedeutendes Werk über die 
»Lage der arbeitenden Klasse (bes. Bauern) in Rußland« zugeschickt hatte und daß ich auch mit den ökonomischen (famosen) Werken von Tschernyschewski (zum Dank zu den sibirischen Minen seit 7 Jahren verurteilt) bekannt werden wollte. Die Ausbeute lohnt die Mühe, die ein Mensch von meinen Jahren in der Überwältigung einer Sprache hat, die den klassischen, germanischen und romanischen Sprachstämmen so fernab liegt. Die geistige Bewegung, die jetzt in Rußland vorgeht, zeigt, daß es tief unten gärt. Die Köpfe hängen immer durch unsichtbare Fäden mit dem body des Volks zusammen. …" (MEW 33, S. 173)
Er nennt ihn u.a. auch im Nachwort zur zweiten Auflage des
 »Kapitals«"Es ist eine Bankrotterklärung der »bürgerlichen« Ökonomie, welche der große russische Gelehrte und Kritiker N. Tschernyschewski in seinem Werk »Umrisse der politischen Ökonomie nach Mill« bereits meisterhaft beleuchtet hat." (MEW 23, S. 21)
Daß auch Lenin mit seinen Schriften bekannt war und sie geschätzt hat, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden, hat er doch selbst den Titel des Romans für eine seiner Schriften übernommen. Wirklich verbrecherisch ist allerdings, wie diejenigen, die sich auf Lenin berufen, den materialistischen Gesellschaftskritiker Tschernyschewski in ihre moralische Staatsideologie meinten einordnen zu müssen. Tschernyschewskis Roman Was tun? lag schon bald in deutscher Übersetzung vor (KoKa verfügt über die 2. Auflage, die 1890 von F. A. Brockhaus in Leipzig in drei Teilbänden gedruckt wurde). 1947 erschien eine im SWA-Verlag und 1952 dann eine im Aufbau-Verlag der DDR, in dessen Nachwort – in einer Auflage von 1980 ersetzte dieses das Vorwort von Georg Lukács (was einerseits gut ist, weil dieses Werk eines Vorwortes entbehren kann, noch dazu eines mit Frasen aufgeblähten, andererseits schlecht, weil eben nichtsdestoweniger eines Nachworts) – man folgendes Gesülze lesen kann: "Tschernyschewski als revolutionärer Vorkämpfer für die Bauerninteressen war kleinbürgerlicher Demokrat. Die Bedeutung der Arbeiterklasse als einer selbständigen Kraft des gesellschaftlich-politischen Lebens und als der einzigen konsequent revolutionären Klasse erkannte er nicht. … So kann es nicht wundernehmen, daß sein theoretisches Denken, verglichen mit der damaligen Entwicklung des Marxismus, nicht Schritt halten konnte
 [Im Gegensatz dazu hat die DDR samt ihrer ML-Ideologie ja wunderbar Schritt gehalten!]. Er blieb zeit seines Lebens als Anhänger von Ludwig Feuerbach auf dem Standpunkt des anthropologischen philosophischen Materialismus stehen, das heißt, er machte das natürliche und nicht das gesellschaftliche Wesen des Menschen zum Angelpunkt seiner philosophischen Überlegungen. Was die Perspektive der historischen Menschheitsentwicklung anbelangt, kam er über den utopischen Sozialismus nicht hinaus." Offenbar hat der Autor Wolf Düwel den Roman gar nicht gelesen, sonst könnte er solch hahnebüchenen Unsinn wahrlich nicht behaupten! Genau das Gegenteil ist nämlich richtig! Daß er sich im folgenden auch noch auf Lenins Beurteilung der historischen Höhe des Kapitalismus beruft, der Tschernyschewski nicht gerecht werden konnte, weil sie damals noch nicht so weit war, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil. Auch Lenin hätte an (nicht nur) dieser Stelle mal ein klares Kontra verdient: Anstatt die Verhältnisse so zu interpretieren, wie sie einem gerade für's Weltbild in den Kram passen, hätte man mal auf die Überlegungen und Einsichten Tschernyschewskis Rekurs nehmen können – nicht nur über die Psyche des bürgerlichen Individuums – die besonders, aber bei weitem nicht nur:
"
…» Wie sinderbar«, denkt Wjerotschka, »was er von den Armen und von den Frauen gesprochen, und dann das, wie die wahre Liebe beschaffen sei; darüber habe ich auch schon nachgedacht, das habe ich auch schon gefühlt – aber woher habe ich es eigentlich? Stand es etwa in den Büchern, die ich gelesen? – Nein, dort steht es anders, dort werden solche Ideen bezweifelt, bekrittelt, als ob sie etwas Ungewöhnliches, Unglaubliches enthielten, als ob sie Phantasien wären, die an und für sich schon, aber niemals verwirklicht werden könnten. Mir dagegen schienen sie so einfach, so natürlich, mir kam es vor, als ob sie etwas Selbstverständliches wären, als ob es nicht anders sein könnte, als daß sie ins Leben treten müssen. Und doch habe ich diese Bücher für die besten gehalten. Da ist z.B. George Sand – eine so gute, so moralische Schriftstellerin – aber sie erklärt diese Ideen für Hirngespinste. Oder unsere Schriftsteller – doch nein, unsere Schriftsteller sprechen davon gar nicht. Oder Dickens – er spricht zwar davon, aber scheint keine Hoffnung auf einstige Verwirklichung dieser Ideen zu haben. …«…" [Tschernyschewskij, »Was thun?«, 1890, Teil 1, S. 164f, Orthografie im Original]

"…»…Und was ist nothwendig? Ueber jeden Zweig des Wissens gibt es einige Hauptwerke; in den übrigen Werken wird nur das wiederholt, verwässert, verdunkelt, was viel vollständiger und klarer in den wenigen Hauptwerken enthalten ist. Mithin braucht man nur diese zu lesen; das Lesen der andern ist unnöthiger Zeitverlust. Betrachten wir z. B. die russische Belletristik. Ich kenne Gogol's Erzählungen; nehme ich nun die Erzählungen vieler anderer Schriftsteller zur Hand, so ersehe ich schon aus fünf Zeilen auf je fünf Seiten, daß ich nichts darin finden würde als einen verwässerten oder verzerrten Gogol; wozu soll ich sie also lesen? Dasselbe gilt auch von der wissenschaftlichen Literatur, ja hier ist die Grenzlinie noch schärfer gezogen. Habe ich Adam Smith, Malthus, Ricardo und Stuart Mill gelesen, so kenne ich das Alpha und das Omega dieser Wissenschaft und brauche keinen einzigen von den hundert andern Nationalökonomen zu lesen, so berühmt sie auch sein mögen. Aus fünf Zeilen auf je fünf Seiten ersehe ich schon, daß ich da nicht einen ursprünglichen, ihnen eigenthümlich zukommenden Gedanken finde; alles ist entlehnt und breitgetreten. Ich lese nur so weit, als sie wirklich Selbständiges enthalten.« Deshalb ließ er sich auch nicht dazu bewegen, Macaulay zu lesen. Nachdem er eine Viertelstunde darin geblättert hatte, erklärte er: »Ich kenne alle Zeuge, welche die Lappen zu diesem Flickwerk liefern mußten.« Er las mit großem Vergnügen den »Jahrmarkt des Lebens« von Thackeray und begann darauf »Arthur Pendennis« von demselben Verfasser, doch schon bei der 20. Seite legte er das Buch wieder fort. »Alles aus dem 'Jahrmarkt des Lebens', nichts Neues darin – überflüssig zu lesen. Jedes Buch, das ich lese, muß so gehaltvoll sein, daß es mir das Lesen von hundert anderen Büchern erspart.«…" [»Was thun?«, 1890, Teil 2, S. 259ff]
Die Figur, die Tschernyschewski das sprechen ließ, heißt Rachmetow. Er war dann später den antimaterialistisch gesonnenen Realsozialisten überhaupt nicht geheuer – Wie auch! -, weshalb auch er eine entsprechend einordnende Bemerkung im oben bereits erwähnten Nachwort erhielt. Für den DDR-Rezensenten war Rachmetow ein "Ideal des neuen Menschen", er bemerkt gar nicht Tschernyschewskis Kritik an einem falschen Materialismus innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse, weil er einer materialistischen Kritik generell abhold ist. Da der Realsozialist und ML-Ideologe Kritik ja nie anders kennt als eine moralische an den herrschenden Zuständen und Materialismus nur als Staatsmaterialismus – also einem der Gewalt – anerkennt, bezichtigt er Tschernyschewski eines »materialistischen Anthropologismus«, der natürlich als solcher hinter Marx zurückgeblieben sei (was er zu beweisen sich erst gar nicht anheischig macht). 
Im Gegensatz dazu schrieb dazu etwa Plechanow: "Fast jeder unserer bedeutenden Sozialisten der 1860er und 1870er Jahre war zum nicht geringen Teil ein Rachmetow." Ausgerechnet freilich Plechanow, jener begeisterte Schwafler über die 
»dialektische Methode« weist auf Tschernyschewskis Skizzen über die Gogolsche Periode hin [in: Eine Kritik unserer Kritiker, Berlin 1982, S. 82f], indem der den Fortschritt durch Hegel, aber gleichzeitig dessen wesentlichen idealistischen Krückstock zur Sprache, den Widerspruch, die Wahrheit als Abstraktum verurteilen zu müssen, brachte: 
"… Diese Manier, sich nicht um die Wahrheit zu bemühen, sondern um die Bestätigung angenehmer Vorurteile, benannten die deutschen Philosophen (besonders Hegel) 
»subjektives Denken«, Philosophieren zum eignen Vergnügen und nicht aus lebendigem Bedürfnis nach Wahrheit. Hegel ist dieser inhaltlosen und schädlichen Beschäftigung scharf zu Leibe gegangen. Als notwendiges Schutzmittel gegen jede Versuchung, zugunsten persönlicher Wünsche oder Vorurteile von der Wahrheit abzuweichen, stellte Hegel die berühmte »dialektische Denkmethode« auf. Ihr Wesen besteht darin, daß der Denker bei keinem positiven Schlußergebnis stehenbleiben darf, sondern suchen muß, ob es an dem Gegenstand, über den er nachdenkt, nicht Eigenschaften und Kräfte gibt, die im Gegensatz zu dem stehen, was auf den ersten Blick an diesem Gegenstand erkennbar ist; hierdurch war der Denker gezwungen, den Gegenstand von allen Seiten zu betrachten, und die Wahrheit ergab sich ihm nur als Folge des Kampfes aller möglicher gegensätzlicher Meinungen. Auf diese Weise kam man an Stelle der bisherigen einseitigen Auffassungen des Gegenstandes nach und nach zu einer umfassenden, allseitigen Erforschung und zum lebendigen Begriff von allen wirklichen Eigenschaften des Gegenstandes. Die Erklärung der Wirklichkeit wurde zur wesentlichen Pflicht philosophischen Denkens. Hieraus ergab sich eine außerordentliche Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, über die man sich früher keine Gedanken gemacht hatte, indem man sie ungeniert zugunsten der eigenen, einseitigen Vorurteile entstellte. So trat gewissenhafte, unermüdliche Wahrheitssuche an die Stelle der bisherigen, willkürlichen Auslegungen. In der Wirklichkeit hängt aber alles von den Umständen, von den örtlichen und zeitlichen Bedingungen ab, und Hegel erkannte daher, daß die allgemeinen Phrasen, mit denen man bisher über Gut und Böse geurteilt hatte, ohne die näheren Umstände und Ursachen zu untersuchen, unter denen die betreffende Erscheinung entstanden war — daß diese allgemeinen, abstrakten Redereien unbefriedigend seien: jeder Gegenstand, jede Erscheinung hat eigene Bedeutung und muß unter Berücksichtigung der Umstände beurteilt werden, unter denen sie existiert; diese Regel fand ihren Ausdruck in der Formel: »Es gibt keine abstrakte Wahrheit, die Wahrheit ist konkret«, d.h. ein definitives Urteil läßt sich nur über eine bestimmte Tatsache fällen, und zwar nach Untersuchung aller Umstände, von denen sie abhängt. … 
Wir haben jedoch bereits gesagt, daß der Inhalt des Hegelschen Systems durchaus nicht seinen Grundsätzen entspricht, die er selbst verkündete und auf die wir hingewiesen haben. Im Feuer der ersten Begeisterung hatten Belinski und seine Freunde diesen inneren Widerspruch nicht bemerkt, und es wäre auch unnatürlich gewesen, wenn er sich gleich beim ersten Male hätte bemerken lassen: er wird durch die ungewöhnliche Kraft der Hegelschen Dialektik äußerst gut verdeckt, so daß in Deutschland selber nur die reifsten und stärksten Geister — und auch sie nur nach langem Studium — diesen inneren Zwiespalt zwischen den Grundideen Hegels und seinen Schlußfolgerungen bemerkten. Die größten der zeitgenössischen deutschen Denker, die Hegel an Genialität nicht nachstanden, waren selber unbedingte Anhänger aller seiner Auffassungen, und es verging lange Zeit, bis sie ihre Selbständigkeit wiedergewinnen und nach Aufdeckung der Fehler Hegels eine neue Richtung in der Wissenschaft begründen konnten. So pflegt es immer zu gehen: Hegel selber war lange Zeit ein unbedingter Verehrer Schellings, Schelling ein Verehrer Fichtes, Fichte — Kants; Spinoza, der Descartes an Genialität weit überragte, hielt sich lange Zeit für dessen treuesten Schüler.
Wir sagen dies alles, um zu zeigen, wie natürlich und notwendig die unbedingte Anhängerschaft an Hegel war, der Belinski und seine Freunde für einige Zeit verfielen. Sie teilten hierin das Schicksal der größten Denker unserer Zeit. Und wenn Belinski sich später über seine frühere bedigungslose Begeisterung für Hegel ärgerte, so hatte er auch hierin Gefährten, die an Geistesstärke weder ihm noch Hegel nachstanden. …"
 [zitiert aus: Ausgewählte Philosophische Schriften, Moskau, 1953, S. 601 ff] 
Plechanow zitiert nur das, was ihm in den Kram paßt – die Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, über die man sich früher keine Gedanken gemacht hat, indem man sie ungeniert der eigenen, einseitigen Vorurteile entstellte – nicht aber, daß Tschernyschewski darüber hinausgeht. Plechanow bleibt in Hegels Widerspruch verhaftet, wenn er schreibt, "dann sei es nicht schwer, die Rolle der Dialektik in der Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zu verstehen." [Kritik unserer Kritiker, S. 82f.] So einfach kommt man vom Abstraktum zum Konkretum und bleibt eben doch abstrakt!

Nun gut, jetzt ist schon fast zuviel gesagt, jetzt ist der »scharfsinnnige Leser« gefragt, den Tschernyschewski in Was tun? explizit herausgefordert hat!
(01.01.2011)

bluete

Literatur: Brecht

koka

Bertolt Brecht 

»Schlimmer ist, daß bei Meinungsfreiheit nie darüber geredet wird, wie man eine Meinung kriegen kann. Zuerst müßt ich doch instand gesetzt werden, daß ich mir eine Meinung bilde. Wenn es aber Leute gibt, die dagegen sind und die Druckerpressen, den Nachrichtenapparat, die Schreiber und das Papier besitzen, nützt es mir nicht, wenn mir erlaubt wird, daß ich eine Meinung aussprechen darf.« (Flüchtlingsgespräche, Ges. Werke Bd. 14, S. 1509)

 

Der anachronistische Zug oder FREIHEIT und DEMOCRACY (1947)

Früling wurd's in deutschem Land
Über Asch und Trümmerwand
Flog ein erstes Birkengrün
Probweis, delikat und kühn.

Als von Süden, aus den Tälern
Herbewegte sich von Wählern
pomphaft ein zerlumpter Zug
Der zwei alte Tafeln trug.

Mürbe war das Holz von Stichen
Und die Inschrift sehr verblichen
Und es war so etwas wie
FREIHEIT und DEMOCRACY.

Von den Kirchen kam Geläute.
Kriegerwitwen, Fliegerbräute
Waise, Zittrer, Hinkebein –
Offnen Mauls stand's am Rain.

Und der Blinde frug den Tauben
Was vorbeizog in den Stauben
Hinter einem Aufruf wie
FREIHEIT und DEMOCRACY.

Vornweg schritt ein Sattelkopf
Und er sang aus vollem Kropf:
"Allons, enfants, god save the king
Und den Dollar, kling, kling, kling."

Dann in Kutten Schritten zwei
Trugen 'ne Monstranz vorbei.
Wurd die Kutte hochgerafft
Sah hervor ein Stiefelschaft.

Doch dem Kreuz dort auf dem Laken
Fehlen heute ein paar Haken
Da man mit den Zeiten lebt
Sind die Haken überklebt.

Drunter schritt dafür ein Pater
Abgesandt vom Heiligen Vater
Welcher tief beunruhigt
Wie man weiß, nach Osten blickt.

Dicht darauf die Nichtvergesser
Die für ihre langen Messer
Stampfend in geschloßnen Reihn
Laut nach einer Freinacht schrein.

Ihre Gönner dann, die schnellen
Grauen Herrn von den Kartellen:
Für die Rüstungsindustrie
FREIHEIT und DEMOCRACY!

Einem impotenten Hahne
Gleichend, stolzt ein Pangermane
Pochend auf das freie Wort.
Es heißt Mord.

Gleichen Tritts marschiern die Lehrer
Machtverehrer, Hirnverheerer
Für das Recht, die deutsche Jugend
Zu erziehn zur Schlächtertugend.

Folgen die Herrn Mediziner
Menschverächter, Nazidiener
Fordernd, daß man ihnen buche
Kommunisten für Versuche.

Drei Gelehrte, ernst und hager
Planer der Vernichtungslager
Fordern auch für die Chemie
FREIHEIT und DEMOCRACY.

Folgen, denn es braucht der Staat sie
Alle die entnazten Nazi
Die als Filzlaus in den Ritzen
Aller hohen Ämter sitzen.

Dort die Stürmerredakteure
Sind besorgt, daß man sie höre
Und jetzt nicht etwa vergesse
Auf die Freiheit unsrer Presse.

Einige unsrer besten Bürger
Einst geschätzt als Judenwürger
Jetzt geknebelt, seht ihr schreiten
Für das Recht der Minderheiten.

Früherer Parlamentarier
In den Hitlerzeiten Arier
Bietet sich als Anwalt an:
Schafft dem Tüchtigen freie Bahn!

Und das schwarze Marketier
Sagt, befraget: Ich marschier
Auf Gedeih (und auf Verberb)
Für den freien Wettbewerb.

Und der Richter dort: zur Hetz
Schwenkt er frech ein alt Gesetz.
Mit ihm von der Hitlerei
Spricht es sich und alle frei.

Künstler, Musiker, Dichterfürsten
Schrei'nd nach Lorbeer und nach Würsten
All die Guten, die geschwind
Nun es nicht gewesen sind.

Peitschen klatschen auf das Pflaster:
Die SS macht es für Zaster
Aber Freiheit braucht auch sie
FREIHEIT und DEMOCRACY.

Und die Hitlerfrauenschaft
Kommt, die Röcke hochgerafft
Fischend mit gebräunter Wade
Nach des Erbfeinds Schokolade.

Spitzel, Kraft-durch-Freude-Weiber
Winterhelfer, Zeitungsschreiber
Steuer-Spenden-Zins-Eintreiber
Deutsches-Erbland-Einverleiber

Blut und Dreck in Wahlverwandtschaft
Zog das durch die deutsche Landschaft
Rülpste, kotzte, stank und schrie:
FREIHEIT und DEMOCRACY!

Und kam, berstend vor Gestank
Endlich an die Isarbank
Zu der Hauptstadt der Bewegung
Stadt der deutschen Grabsteinlegung.

Informiert von den Gazetten
Hungernd zwischen den Skeletten
Seiner Häuser stand herum
Das verstörte Bürgertum.

Und als der mephitische Zug
Durch den Schutt die Tafeln trug
Treten aus dem brauen Haus
Schweigend sechs Gestalten aus

Und es kommt der Zug zum Halten.
Neigen sich die sechs Gestalten
Und gesellen sich dem Zug
Der die alten Tafeln trug.

Und sie fahrn in sechs Karossen
Alle sechs Parteigenossen
Durch den Schutt, und alles schrie:
FREIHEIT und DEMOCRACY!

Knochenhand am Peitschenknauf
Fährt die Unterdrückung auf.
In 'nem Panzerkarr'n fährt sie
Dem Geschenk der Industrie.

Groß begrüßt, in rostigem Tank
Fährt der Aussatz. Er scheint krank.
Schämig zupft er sich im Winde
Hoch zum Kinn die braune Binde.

Hinter ihm fährt der Betrug
Schwenkend einen großen Krug
Freibier. Müßt nur, draus zu saufen
Eure Kinder ihm verkaufen.

Alt wie das Gebirge, doch
Unternehmend immer noch
Fährt die Dummheit mit im Zug
Läßt kein Auge vom Betrug.

Hängend überm Wagenbord
Mit dem Arm, fährt vor der Mord.
Wohlig räckelt sich das Vieh
Singt: Sweet dreams of liberty.

Zittrig noch gestrigen Schock
Fährt der Raub dann auf im Rock
Eines Junkers Feldmarschall
Auf dem Schoß einen Erdball.

Aber alle die sechs Großen
Eingeseßnen, Gnadelosen
Alle nun verlangen sie
FREIHEIT und DEMOCRACY.

Holpernd hinter den sechs Plagen
Fährt ein riesen Totenwagen
Drinnen liegt, man sieht's nicht recht:
's ist ein unbekannt Geschlecht.

Und ein Wind aus den Ruinen
Singt die Totenmesse ihnen
Die dereinst gesessen hatten
Hier in Häusern. Große Ratten

Schlüpfen aus gestürzten Gassen
Folgend diesem Zug in Massen
Hoch die Freiheit, piepsen sie
FREIHEIT und DEMOCRACY!

—————————————–
 

Brecht wird Klassiker:
Die 
Heimholung eines kommunistischen Dichters in das nationale Kulturerbe (1998)

 

6-bändige Reihe bei suhrkamp im Hosentaschenformat:
1 Georg M. Oswald: Bertolt Brecht – Kapital
2 Charles Schumann: Bertolt Brecht – Rausch  
3 Thea Dorn: Bertolt Brecht – Verbrechen
4 Albert Ostermaier: Bertolt Brecht – Musik
5 Maxim Biller: Bertolt Brecht – Verrat
6 Feridun Zaimoglu: Bertolt Brecht – Verführung

bluete

Literatur: Alberti

koka

Barbara Alberti
Böse Erinnerungen
 

Dieser 1976 geschriebene Roman hat weniger von seiner Aktualität eingebüßt, als es beim ersten Lesen den Anschein hat. Die tief verwurzelten Einstellungen kommen – nicht nur in Italien – in der ein oder anderen Weise immer wieder ans Tageslicht:
 

Barbara Alberti - Böse Erinnerungen"… Großmutter Santina liebte Gott und haßte die Menschen. Sie tat keinem etwas zuleide. Denn nicht einmal der leidenschaftliche Groll, den sie gegen alle hegte, ließ sie ihre Angst vergessen. Nach Großvaters Tod kam kein Fremder mehr ins Haus. Der Vertrauensmann blieb auf der Schwelle stehen, berichtete über die ausgeführten Aufträge und verschwand in Windeseile, während die Haustür hinter ihm zugeschlagen wurde. Die Familie hatte drei Arten von Feinden.
Erster Feind: die Anderen.
Alle anderen. Sie lagen immer auf der Lauer, um sich der häuslichen Geheimnisse zu bemächtigen.
Die Anderen wollten wissen, was gekocht wurde, wieviel Geld wir hatten und ob wir in Eintracht lebten. Sie existierten nur, um diese Dinge herauszubekommen, die sie dann zu geheimnisvollen Zwecken und zu unserem Schaden benützt hätten.
Mit den Anderen durfte man nie sprechen. Und wenn man doch dazu gezwungen war, durfte man nichts verraten.
»Hunde, Hunde«, schimpfte Großmutter sie.
Zweiter Feind: die Bolschewisten.
In einem fernen, mit Schnee bedeckten Land bereiteten die Bolschewisten sich darauf vor, uns zu überfallen. Santina beschrieb ihre schweren Pelze und ihre weißen, augenlosen Masken. Sie waren mit Sensen bewaffnet, wie der Tod. Ihr Weg war mühsam, sie kämpften sich durch Wolfsrudel und Schneegestöber, sie sangen Schimpfworte und lachten über die Madonna. Und all das diente nur dazu, uns umzubringen. Auch die Kinder. Und alles zu stehlen.
Wir beteten viel gegen die Bolschewisten. Damit Gott sie im Boden versinken ließ, hinunter bis in die Hölle.
Auch sie nannte Großmutter »Hunde, Hunde« und spuckte schnell in eine gewisse Richtung, wo sich ihrer Meinung nach Rußland befand.
Außerdem bestand der Verdacht, daß die Anderen auch Bolschewisten sein könnten.
Denn die aus dem fernen Land kommenden hatten heimliche Verbündete unter unseren Leuten. Wer nicht in die Kirche ging, wer sich betrank, wer unordentlich angezogen war, konnte ein Bolschewist sein.
Dritter Feind: der Teufel.
Was für ein schrecklicher Feind war der Teufel.
Gegen die Anderen und die Bolschewisten konnte man sich wehren, indem man die Tür verschloß und einen Rosenkranz betete.
Aber Satan kann vielerlei Gestalt annehmen, Satan ist die Welt.
Keine seiner Erscheinungsformen entging mir. Satan ist die Sonne, in die man schaut, ohne gebetet zu haben, und die versucht, die Seelen mit ihrem lügnerischen Licht zu verwirren.
Satan ist der rotbraune Kater, der die Katzen im Haus schwängert und wollüstig auf den Dächern miaut.
Satan ist der Mond, der hinter der Pappel aufsteigt und die heilige Hostie nachäfft.
Satan ist die Musik, die von der Straße hereindringt und dich ohne Grund zum Lachen bringt.
Satan ist überall, und der Straßenhändler ist sein Sklave, wenn er an die Haustüren pocht, um die ehrbaren Hausfrauen in Versuchung zu bringen. (Die Anderen waren Stammkunden des Straßenhändlers und damit auch des Satans.)
Satan ist in jedem Spiegel. Man braucht sich nur in die Augen zu schauen. Dann muß man sich sofort bekreuzigen, ohne eine Minute zu verlieren, und sein eigenes Spiegelbild verlassen.
Einmal nur war ich nicht schnell genug und konnte gerade noch rechtzeitig wegspringen, als schon ein dünnes, sich hin und her wiegendes Horn aus dem Spiegel wuchs.
Satan ist das Meer, der Himmel, der Tag und die Nacht, Satan ist der Hinkende, der Almosen erbettelt, um sich zu betrinken.
Satan ist der Arme, der keine Geduld hat.
Satan ist in der Kirche auf den roten Lippen der Mädchen. Satan ist im Kino, in der ersten Reihe, wenn der Film für alle verboten ist. Seine Gegenwart ruft die Sünder herbei, wie ein glühender Magnet, und der König der Finsternis lächelt hämisch im dunklen Saal.
Ich kannte alle Tücken des Teufels. Wenn ich allein war und eine große Stille seine Abwesenheit vortäuschte, hörte ich seinen tauben Atem, der vom Uhrenticken übertönt wurde.
In den Winkeln des Hauses, hinter dem Bücherschrank sah man seinen spitzen Schwanz.
Ich lief, um das Licht anzumachen, wenn ich ihn nah bei mir fühlte und er mich schon packen wollte, und dann war er teuflisch schnell und verbarg sich wieder.
Gegen ihn gab es nur zwei Mittel: das elektrische Licht und das Bekreuzigen.
Aber nachts, wenn es dem Teufel gelang, in den Schlaf einzudringen, dann war nichts zu machen. Er lachte, wenn man sich bekreuzigte, er lachte über das Licht. Je vorsichtiger er am Tag war, um so unverschämter wurde er im Traum, wo er sich mit seinem roten Ziegengesicht zeigte und nur ich allein ihn sehen konnte.
Verzweifelt versuchte ich Großmutter zu verständigen, die nicht begriff und mich noch enger an sich drückte, und sie schien mich festhalten zu wollen, damit er mich noch besser quälen konnte.
Ich flehte sie an zu beten, doch sie fing an zu singen. Da begann ich zu ahnen, daß die beiden unter einer Decke steckten.
Und als sie ihren Kopf schüttelte und ihre Nägel sich im Traum zuspitzten, wurde mir eines Nachts plötzlich klar, daß ich einem sehr bösen Betrug erlegen war.
Großmutter Santina und der Teufel waren ein und dieselbe Person. …"

bluete

Literatur: Kubin

koka

Afred Kubin

Der als bekannte Grafiker und Buchillustrator berühmte Kubin war ein durchaus belesener Mann. Das fantasmagorische seines Denkens war eben dieser seiner Belesenheit geschuldet. In der Überzeichnung der Wirklichkeit spiegelt sich seine Kritik wider, die er in einem, seinem einzigen Roman niedergelegt hat: »Die andere Seite«. Kubin selbst gibt in seiner – der bei Georg Müller 1908 erschienenen Originalausgabe vorangestellten – Autobiografie dem Leser Aufschluß: "Ich gewann während ihrer Verfassung die gereifte Erkenntnis, daß nicht nur in den bizarren, erhabenen und komischen Augenblicken des Daseins höchste Werte liegen, sondern daß das Peinliche, Gleichgültige und Alltäglich-Nebensächliche dieselben Geheimnisse enthält. Das ist der Hauptsinn des Buches. Über die anderen Beziehungen darin – es sind deren noch sehr viele – möchte ich mich hier nicht aussprechen, weil ich nur in grobsten Zügen meine allgemeine Entwicklung schildern will. Suche sie der Leser selbst auf. – Daß ich schrieb anstatt zu zeichnen, lag in der Natur der Sache, das Mittel war gerade passend, mich rascher der drängenden Ideen zu entledigen, als es anders möglich gewesen wäre." (S. XLIV)
Die Illusion, in einem gelobten Land – welches auch immer es sein mag: zu unterschiedlichen Zeiten durchaus verschieden – glücklich zu werden, ist weit verbreitet, nicht nur doch vor allem in den Staaten, die ihren Untertanen nicht den Wohlstand zu bieten in der Lage sind, für den sie sich mit ihrer kapitalistischen Ökonomie gerne feiern lassen. Sofern es an pekuniären Mitteln nicht mangelt, unterliegt man einer schnellen Idee und ausgemalter Verführung… Doch selbst im hintersten Erdenwinkel ist man dem globalisierten »Fortschritt« ausgesetzt. Seltsamerweise hat Kubin schon damals (1908!) an die vorwärtstreibenden Hauptkräfte – um nicht zu sagen: an die zur Zerstörung treibenden Mächte – die USA und Rußland – gedacht…

bluete