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US-Anschlag in Nigeria

koka

 

Ein Anschlag nicht auf, sondern in Nigeria

 

 

1. Ideologisch rechtfertigten die USA die militärische Maßnahme damit, daß islamische Terroristen, insbesondere der berüchtigte Ableger des »Islamischen Staates« in Afrika, die Boko Haram, wahllos Christen ermorden.
2. Die Maßnahme wurde in Absprache mit der nigerianischen Regierung mit Präsident Bola Ahmed Tinubu an der Spitze getroffen.
3. Die Maßnahme wurde in der vergleichsweise dünnbesiedelten Nordwest-Provinz Sokoto durchgeführt. Diese gehört (so gut wie) nicht zum Wirkungsbereich der Boko Haram.
4. Über die Opfer unter Terroristen und/oder Zivilisten wurde weder von seiten Nigerias noch von seiten der USA etwas bekannt gegeben noch wurden gar Beweise offengelegt. Die USA verkündeten nur, sie hätten Terroristen ausgeschaltet und die Aktion sei somit ein voller Erfolg gewesen.
Was veröffentlicht wurde, war im nachhinein lediglich, daß ein Hotelbesitzer sich beklagt habe, drei seiner Angestellten seien von herumfliegenden Raketenteilen verletzt worden. 
5. Man kann davon ausgehen, daß die nigerianische Regierung den USA den Zielort nahegelegt hat, um die Opferzahl gering zu halten. Ebenso sollte über die Opfer nichts Konkretes bekannt werden.
6. Am gleichen Weihnachtstag, als die USA den Christen dieses großzügige Geschenk machten, kam es in der im Nordosten gelegenen Provinzhauptstadt Maiduguri zu einem Anschlag auf eine Moschee, bei dem mindesten fünf Personen getötet und mehrere Dutzend verletzt worden sind.

 

Fazit: Nigeria ist alle Regierungswechsel überdauernd seit Jahren ein verläßlicher Partner der imperialistischen Staaten (und gerade der amtierende Präsident Tinubu hat langjährige gute Beziehungen zu den USA; unter seiner Herrschaft in der Provinz Lagos wurden vor 30 bis 40 Jahren Gelder aus dem Heroinhandel auf US-Konten gewaschen. Über die Niederschlagung dieses den USA nicht in den Kram passenden Skandals – die USA wissen sich ja seit Jahr und Tag der Drogenbekämpfung zutiefst verpflichtet – berichtete sogar die deutsche tagesschau unter dem Titel »Der Pate von Lagos« bei dessen Amtseinführung als Staatspräsident 2023).
Sie, die imperialistischen Staaten, dürfen ihr Öl aus den Quellen des Nigerdeltas abholen, die vom nigerianischen Militär bewacht werden. An der Bereicherung beteiligen sich Konzerne wie Shell (GB), Chevron (USA), TotalEnergies (Frankreich) und ENI (Italien). Im sonstigen Land mit einer Bevölkerung von über 200 Millionen grassiert Armut pur. Diese ist der perfekte Boden für Gewalt. 
Natürlich scheißt sich der »freie Westen« einen Kehricht darum, die Armut zu bekämpfen. Das, was er zu bieten hat, ist das In-Schach-Halten dieser Armut, die Kontrolle mit Waffengewalt. Dafür wird die örtliche Regierung auch kreditiert. (Regierungen, die es anders halten, werden sanktioniert, siehe Venezuela.) Besonders spitzfindige Intellektuelle haben schon vor Jahren herausgefunden, daß Nigeria einseitig von Erdöl (80% der Staatseinnahmen) abhängig ist und eine »Diversifizierung« nötig sei. Dabei haben sie natürlich keineswegs an die Bedürfnisse der dortigen Bevölkerung gedacht, sondern daran, was zum einen dem dortigen Staat zusätzliche Devisen einbringen – um weiterhin verschuldungsfähig zu bleiben – und zum anderen »uns« nützen könnte. Außer Palmöl ist ihnen da nicht viel eingefallen.

Der Blick der USA war freilich weniger auf seinen Vasallen in Abuja gerichtet, vielmehr auf die Weltlage: Nigeria soll ja nicht wie Südafrika, Äthiopien und Ägypten ins Lager der BRICS-Staaten abdriften, sich also dem imperialistischen Zugriff zu entziehen hoffen!
 

24.01.2026 © Kommunikation & Kaffee Augsburg
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Friedrich NIETZSCHE

koka

 

Friedrich Nietzsche
 

Gottesmörder, Hitler-Vordenker, Frauenfresser, Genie, Wahnsinniger, oder was?

Das Bekenntnis zu höheren Werten, das mit ihnen bewerkstelligte Verehren und Verurteilen von sich und anderen, der Wahn von Leuten, die sich moralisch im Recht wissen und denen man nichts recht machen kann, die Ausdeutung dieses Wahns zu einer ganzen Weltanschauung, in der Gut und Böse ihren fiktiven Kampf führen — kurzum, Moral und Religion waren Nietzsche zutiefst zuwider. Die Verlogenheit von Moralisten und Christen hat er so gehaßt, daß er sich zu einer Polemik entschlossen hat, die streckenweise ebenso lehrreich wie unterhaltsam ist. Davon einige Kostproben.

I. Analyse der Techniken des moralischen und religiösen Selbstbetrugs

Die penetrante Tour von moralisch denkenden Zeitgenossen, die Selbstkritik partout mit einem schlechten Gewissen verwechseln wollen und lieber wie die begossenen Pudel durch die Gegend laufen, als einmal einen Fehler einzusehen und dann zu lassen, hat Nietzsche nicht leiden können. Er hat dieses Benehmen überhaupt nicht für selbstverständlich gehalten, sondern mehr für eine "Krankheit" seiner Zeit, von der man sich besser nicht anstecken läßt. Als historisch gebildetem Menschen war ihm geläufig, daß einem vorbürgerlichen Bewußtsein, die Strafe für ein Vergehen kein Anlaß war, sich seines Willens zu schämen.

»(Sklaven sagten) nicht: 'das hätte ich nicht tun sollen' -, sie unterwarfen sich der Strafe, wie, man sich einer Krankheit oder einem Unglücke oder dem Tode unterwirft, mit jenem beherzten Fatalismus ohne Revolte…« (Genealogie, 15)

Bürgerliche Zeitgenossen hingegen schaffen es regelmäßig, das, was sie wollen und tun, zu verurteilen. Sie kennen nicht nur ihr Interesse als Leitlinie ihres Handelns, sondern nennen höhere Rechtsmaßstäbe ihr eigen, denen sie genügen wollen, an denen sie ihr Interesse messen, und sie nehmen sich die immer wieder fälligen Abweichungen von ihrem moralischen Willen schwer zu Herzen.

»In der Moral behandelt sich der Mensch nicht als individuum, sondern als dividuum.« (Menschliches, Allzumenschliches, 57).

Als solcher beurteilt er sich und seine Taten nach einem doppelten Maßstab: Er will etwas, weiß und anerkennt zugleich, daß er das nicht darf, will es trotzdem und macht sich ein Gewissen daraus.
In diesem Fall folgt der Selbstverurteilung die Strafe der Zerknirschung, und mit der Reue ist der inneren Gerechtigkeit auch schon wieder Genüge getan. So ist das schlechte Gewissen der umständliche Weg zu einem guten.
Wer sich so ein gutes Gewissen zurecht gelegt hat, der weiß sich im Einklang mit dem, was Anstand und Sitte verlangen, und ist deswegen zu den Unverschämtheiten fähig, die den bürgerlichen Alltag mit seinen vor Rechtschaffenheit strotzenden Menschen so angenehm macht. So einem ist nicht nur selbstverständlich, daß es in Ordnung geht, wenn er bei der Verfolgung seiner Interessen anderen auf die Füße tritt. Er läuft als Vorbild für die Menschheit durch die Welt und deswegen ist es für ihn geradezu eine moralische Pflicht, sich zum Richter über andere aufzuschwingen; und als solcher allen denen, die nicht von derselben moralischen Güteklasse sind, von Herzen alles Üble an den Hals zu wünschen:

»Da ist ein mißratener Mensch, der nicht genug Geist besitzt, um sich dessen freuen zu können, und gerade Bildung genug, um das zu wissen; … ein solcher, der sich seines Daseins im Grunde schämt – vielleicht beherbergt er dazu ein paar kleine Laster – … gerät schließlich in einen habituellen Zustand der Rache, des Willens zur Rache … was glaubt ihr wohl, daß er nötig, unbedingt nötig hat, um sich bei sich selbst den Anschein von Überlegenheit … zu schaffen? Immer die Moralität, darauf darf man wetten, immer die großen Moralworte, immer das Bumbum von Gerechtigkeit, Weisheit, Heiligkeit, Tugend … und wie alle die Idealistenmäntel heißen, unter denen die unheilbaren Selbstverächter auch die unheilbar Eitlen, herumgehen.«​ (Die fröhliche Wissenschaft, 359)

Dabei war Nietzsche so schlau, das Fänomen, daß Leute mit der Berufung auf die allerhöchsten Titel die banalsten Interessen rechtfertigen, nicht als doppelte Мoral zu 'entlarven' und einem Mißbrauch der Moral zuzuschreiben. Er wußte, daß das Doppelte notwendig zur Moral dazugehört, weil sie ohne Berechnung und Verlogenheit nicht zu haben ist:

»Das Lob des Selbstlosen, Aufopfernden, Tugendhaften …, dieses Lob ist jedenfalls nicht aus dem Geiste der Selbstlosigkeit entsprungen! Der 'Nächste' lobt die Selbstlosigkeit, weil er durch sie Voreile hat! Dächte der 'Nächste' selber selbstlos, so würde er jenem Abbruch an Kraft, jene Schädigung zu seinen Gunsten abweisen, der Entstehung solcher Neigungen entgegenarbeiten und vor allem seine Selbstlosigkeit eben dadurch bekunden, daß er dieselbe nicht gut nennte! – Hiermit ist der Grundwiderspruch jener Moral angedeutet, welche gerade jetzt sehr in Ehren steht: Die Motive zu dieser Moral stehen im Gegensatz zu ihrem Prinzip!
Das, womit sich diese Moral beweisen will, widerlegt sie aus ihrem Kriterium des Moralisten … Sobald … der Nächste (oder die Gesellschaft) den Altruismus um des Nutzens willens empfiehlt, wird der gerade entgegengesetzte Satz: 'Du sollst den Vorteil auch auf Unkosten alles anderen suchen' zur Anwendung gebracht, also in einem Atem ein 'Du sollst' und 'Du sollst nicht' gepredigt!«
 (Die fröhliche Wissenschaft, 21)

Nietzsche wartet hier mit der Entdeckung auf, daß das Ideal der Selbstlosigkeit, das noch zu jeder moralischen Selbstdarstellung gehört, eines ist, mit dem sich allemal Interessen ins rechte Licht setzen; und er weiß, daß dieser Widerspruch notwendig ist. Der pur negative Imperativ der Selbstlosigkeit läßt sich nämlich gar nicht praktizieren. So öd, wie die moralfilosofischen Prediger dieses Ideals meinen, sind nämlich noch nicht einmal Moralisten, daß sie ihr Interesse prinzipiell für null und nichtig erklären würden. Deswegen bedürfen auch die Verfechter dieses Ideals, wenn sie es begründen, der gegenteiligen Maxime – Selbstlosigkeit nützt. Dieser Grund oder das 'Motiv', wie Nietzsche sagt, rückt allerdings die edle Maxime in ein zweifelhaftes Licht. Sie ist eben kein wirkliches Motiv – was die Leute wirklich treibt und treiben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Sondern sie ist Mittel der Selbstdeutung, der moralischen Selbstüberhöhung, für die ein gediegenes Maß an Selbstverleugnung offenbar das 'Argument' abgibt.
Dasselbe gilt übrigens auch für den umgekehrten Fall, in dem ein Schaden in eine selbstlose Tat desjenigen umgelogen wird, der ihn gerade erlitten hat:

»Will jemand ein wenig in das Geheimnis hinab- und hinuntersehen, wie man auf Erden Ideale fabriziert? Wer hat den Mut dazu? … Die Schwäche soll zum Verdienste umgelogen werden, … und die Ohnmacht, die nicht vergilt, zur 'Güte'; die ängstliche Niedrigkeit zur 'Demut'; die Unterwerfung vor denen, die man haßt, zum 'Gehorsam'… Wenn die Unterdrückten, Niedergetretenen, Vergewaltigten aus der rachsüchtigen List der Ohnmacht heraus sich zureden: 'Laßt uns anders sein als die Bösen, nämlich gut! Und gut ist jeder, der nicht vergewaltigt, der niemanden verletzt, der nicht angreift, der nicht vergilt, der die Rache Gott übergibt, der sich wie wir im Verborgenen hält, der allem Bösen aus dem Wege geht und wenig überhaupt vom Leben verlangt, gleich uns, den Geduldigen, Demütigen, Gerechten' – so heißt das, kalt und ohne Voreingenommenheit angehört, eigentlich nichts weiter als: 'Wir Schwachen sind nun einmal schwach; es ist gut, wenn wir nichts tun, wozu wir nicht stark genug sind'; aber dieser herbe Tatbestand, diese Klugheit niedrigsten Ranges, welche selbst Insekten haben, hat sich dank jener Falschmünzerei und Selbstverlogenheit der Ohnmacht in den Prunk der entsagenden stillen abwartenden Tugend gekleidet, gleich als ob die Schwäche des Schwachen selbst – das heißt doch sein Wesen, sein Wirken, seine ganze einzige unvermeidliche, unablösbare Wirklichkeit – eine freiwillige Leistung, etwas Gewolltes, Gewähltes, eine Tat, ein Verdienst sei.« (Genealogie, 13)

*
Diese Tour, sich in der Einbildung zum selbstbewußten Subjekt einer Lage zu stilisieren, deren Subjekt man offenkundig nicht ist, hat Nietzsche insbesondere zu einer Kritik von Religion und Christentum beflügelt. Die Kombination aus freiwilliger Selbsterniedrigung und Selbstgerechtigkeit, die Christenmenschen an den Tag legen, war ihm einfach zuviel. Er hat sich deshalb auch nicht lange mit der lahmen Bestreitung der Existenz Gottes aufgehalten, die doch bloß an Zweifeln herumlaboriert, welche die Christen selber hegen, sondern sich gleich den Inhalt der gläubigen Vorstellungen zur Brust genommen.
Was Christen mit ihrem Verstand anstellen, hielt er für so ziemlich die niederste Art, seinen Geist zu betätigen, und sein Vergleich mit dem Willen, sich durch Drogen zu betäuben, liegt ja nicht ganz fern. Christen beherrschen den Kniff, in ihrem Verhältnis zur Welt, deren Unbill als einen eigens für sie erfundenen Prüfstein zurechtzulügen; so verwandeln sie sich das wirkliche Übel in ein erfundenes Gut:

»Wenn uns ein Übel trifft, so kann man entweder so über dasselbe hinwegkommen, daß man seine Ursache hebt, oder so, daß man die Wirkung, welche es auf unsere Empfindung macht, verändert: also durch ein Umdeuten des Übels in ein Gut, dessen Nutzen vielleicht erst später ersichtlich sein wird. Religion und Kunst (auch die metafysische Filosofie) bemühen sich, auf die Änderung der Empfindung zu wirken, teils durch Änderung unseres Urteils, teils durch Erweckung einer Lust am Schmerz … Je mehr jemand dazu neigt, umzudeuten und zurechtzulegen, umso weniger wird er die Ursachen des Übels ins Auge fassen und beseitigen; die augenblickliche Milderung und Narkotisierung, wie sie z.B. bei Zahnschmerz gebräuchlich ist, genügt ihm auch in ernsterem Leiden. Je mehr die Herrschaft der Religionen und aller Kunst der Narkose abnimmt, umso strenger fassen die Menschen die wirkliche Beseitigung der Übel ins Auge.« (Menschliches, Allzumenschliches, 108)

Nun steht er da, der Christ, vor seinem Prüfstein, und darf sich ob seiner Verfehlungen auf die Brust schlagen:

»Es ist ein Kunstgriff des Christentums, die völlige Unwürdigkeit, Sündhaftigkeit und Verächtlichkeit des Menschen überhaupt so laut zu lehren, daß die Verachtung des Mitmenschen dabei nicht mehr möglich ist. 'Er mag sündigen, wie er wolle, er unterscheidet sich doch nicht wesentlich von mir: Ich bin es, der in jedem Grade unwürdig und verächtlich ist', so sagt sich der Christ. Aber auch dieses Gefühl hat seinen spitzigsten Stachel verloren, weil der Christ nicht an seine individuelle Verächtlichkeit glaubt: er ist böse als Mensch überhaupt und beruhigt sich ein wenig bei dem Satze: wir alle sind einer Art.« (Menschliches, Allzumenschliches, 117)

Der Übergang von der Selbsterniedrigung zur Selbstgerechtigkeit des Christen war Nietzsche also geläufig. Er liegt im Bekenntnis zur eigenen Sündhaftigkeit, mit dem sich Christen auf dem richtigen Pfad wissen und sich über den Rest der Menschheit erheben. Was für eine jämmerliche Figur er dabei abgibt, kann man wieder bei Nietzsche nachlesen. Der Widerspruch vom Maßstab eines antimaterialistischen Jenseits für ein Zurechtkommen mit dem unheiligen Diesseits gebiert den Alltagschristen, dessen Heuchelei Nietzsche als eine sehr folgerichtige, schon fast als seiner Kritik unwürdige Dummheit ansah:

»Wenn das Christentum mit seinen Sätzen vom rächenden Gotte, der allgemeinen Sündhaftigkeit, der Gnadenwahl und der Gefahr einer ewigen Verdammnis recht hätte, so wäre es ein Zeichen von Schwachsinn und Charakterlosigkeit, nicht Priester, Apostel oder Einsiedler zu werden und mit Furcht und Zittern einzig am eigenen Heile zu arbeiten; es wäre unsinnig, den ewigen Vorteil gegen die zeitliche Bequemlichkeit so aus dem Auge zu lassen. Vorausgesetzt, daß überhaupt geglaubt wird, so ist der Alltagschrist eine erbärmliche Figur, ein Mensch, der wirklich nicht bis drei zählen kann, und der übrigens, gerade wegen seiner geistigen Unzurechensfähigkeit, es nicht verdiente, so hart bestraft zu werden, wie das Christentum ihm verheißt.« (Menschliches, Allzumenschliches, 116)

*
Und weil er diese Techniken der moralischen Selbsterniedrigung und gläubigen Selbstgerechtigkeit nicht leiden konnte, kritisierte Nietzsche auch die professionellen Lobhudler dieser Touren. An seinen filosofierenden Kollegen entdeckte er das banale Bedürfnis, die allseits praktizierte Demutshaltung durch gelehrte Frasen zu rechtfertigen.

»Was die Filosofen 'Begründung der Moral' nannten und von sich forderten, war, im rechten Lichte gesehen, nur eine gelehrte Form des guten Glaubens an die herrschende Moral, ein neues Mittel ihres Ausdrucks, also der Tatbestand selbst innerhalb einer bestimmten Moralität, ja sogar, im letzten Grunde, eine Art Leugnung, daß diese Moral als Problem gefaßt werden dürfe – und jedenfalls das Gegenstück einer Prüfung, Zerlegung, Anzweiflung, Vivisektion eben dieses Glaubens.« (Jenseits von Gut und Böse, 186)

Eine eigenartige Wissenschaft, die die Moral zum Gegenstand hat und sich die Analyse ihres Gegenstands versagt, bloß weil sie auf die Moral nichts kommen lassen will. Daß sie sich dabei mordsmäßig ins Zeug legen und der Moral enorme Bedeutung zu verleihen suchen, fand Nietzsche eher lächerlich:

»Alle Ethiken waren zeither bis zu dem Grade töricht und widernatürlich, daß an jeder von ihnen die Menschheit zugrunde gegangen sein würde, falls sie sich der Menschheit bemächtigt hätte.« (Fröhliche Wissenschaft, 1)

*
Schön langsam freilich wäre die Frage fällig gewesen, was vernünftige Wesen zu solchen Meisterleistungen der Unvernunft bringt, wieso Moralisten stets doppelt urteilen, ihre Interessen nur unter dem Vorbehalt höherer Maßstäbe gelten lassen wollen und diese wiederum sehr selbstbewußt ihren eigenen Interessen gemäß zur Anwendung bringen. Die Auflösung dieser Frage hätte an dem Widerspruch weiterzudenken, den Nietzsche den moralisierenden Menschenkindern um die Ohren gehauen hat: Er hielt es für erniedrigend und für eine Schande, daß sie für das eigene Dürfen argumentieren. Dieser Widerspruch ist in der Tat alles andere als selbstverständlich und auch nicht in der Menschennatur angelegt. Er entspringt einer Welt, in der eine rechtsetzende Gewalt die Verfolgung von Privatinteressen konzessioniert; in der im staatlich gesetzten Recht die Bedingungen formuliert sind, die jedes Privatsubjekt anerkennen muß, will es sein Interesse betätigen; und in der deswegen die Frage des Dürfens in allen Überlegungen präsent ist und die Leitlinie vorgibt, nach der sich Interessen begründen. Wer solche Verhältnisse als seine Heimat begreift, der legt sich mit dem Willen, mit ihnen zurechtzukommen, auch den entsprechenden Verstand zu: Er argumentiert im Geist der Rechtfertigung und handhabt selbstbewußt die Maßstäbe des Dürfens, als wären sie auf seinem eigenen Mist gewachsen. Wirkliches Recht und eingebildetes Recht gehen bei ihm nun endgültig durcheinander, was aber nicht weiter von Bedeutung ist, weil er nach wie vor praktisch gezwungen ist, sich an ersteres zu halten, und seine moralischen Überlegungen nur die dazugesetzte Selbsttäuschung mit Inhalt füllen, die Abhängigkeiten, denen er genügen muß, würden auf seiner Einsicht beruhen und er würde in ihnen nur seiner Freiheit nachgehen.
Solch eine Rückführung der Sfäre moralischer Einbildungen auf den Boden der Tatsachen ist dem Autor einer "Genealogie der Moral" überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Im Gegensatz zu seinen Befunden über das merkwürdige Betragen seiner Zeitgenossen bewegt sich seine Erklärung der Moral ganz innerhalb der Vorstellungswelt und Einbildungen, die das moralfilosofische Menschenbild ausmachen. Von wegen: »Jenseits von Gut und Böse«!

II. Antimoral — Der Gegensatz von Vernunft und Interesse umgekehrt

Wo die Morafilosofie den Menschen in ein Tier, das seinen niederen Trieben nachgeht, und ein Vernunftwesen, das zu Höherem befähigt ist, aufspaltet; wo ein Kant das 'Vernunftgesetz' aufstellt, daß der Mensch 'nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht' handeln solle; kurz: wo moralfilosofische Lehrmeister einen prinzipiellen Gegensatz von Vernunft und Interesse behaupten und mit großen Tönen als ihre Wahrheit verkünden – da tritt Nietzsche mit folgendem Standpunkt auf:

»Die Falschheit eines Urteils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urteil: darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten. Die Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Art-erhaltend, vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, daß die falschesten Urteile uns die unentbehrlichsten sind…. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehen: das heißt freilich auf eine gefährliche Weise den gewohnten Wertgefühlen Widerstand leisten; und eine Filosofie, die das wagt, stellt sich damit allein schon jenseits von Gut und Böse.« (Jenseits von Gut und Böse, 4)

Wie kommt man eigentlich darauf? Nietzsches Frage: »Gesetzt wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewißheit? Selbst Unwissenheit?« (Jenseits, 1) ist nämlich gar nicht so schwer zu beantworten: Wer über die Umstände, in denen er steht, nicht Bescheid weiß, der braucht gar nicht erst den Versuch starten, sie seinem Interesse gemäß zu machen. Wem Ungewißheit lieber ist, der kann sein Tun mit frommen Wünschen begleiten, und sich darüber wundern, warum sie immer nicht in Erfüllung gehen. Und wer von falschen Vorstellungen ausgeht, darf nachher seinen Schaden bilanzieren. Nietzsche scheint daran seine Zweifel zu haben. Er wirft die Frage auf, ob nicht die Wahrheit lebensfeindlich ist und vielleicht deswegen das falscheste Urteil viel förderlicher sein könnte. Woran er dabei denkt, ist die »Wahrheit«, »von der alle Filosofen bisher mit Ehrerbietung geredet haben«; ihre »Wahrheit« ist regelmäßig der Standpunkt der moralischen Pflicht, des Geringschätzens des Interesses und einer lebensfeindlichen Einstellung. Nietzsche bezieht sich auf diese moralfilosofische Gleichsetzung von Wahrheit und Lebensfeindlichkeit und kommt zu dem Beschluß: »Wenn das Wahrheit ist, dann bin ich gegen die Wahrheit und für das Leben.« Und das ist ziemlich unkritisch für einen, der sich schon mal lustig macht über das, was Filosofen mit ihrem Wahrheitspathos anpreisen:

»Was dazu reizt, auf alle Filosofen halb mißtrauisch, halb spöttisch zublicken, ist nicht, daß man hin und wieder dahinterkommt, wie unschuldig sie sind – wie oft und wie leicht sie sich vergreifen, kurz ihre Kinderei und Kindlichkeit – sondern, daß es bei ihnen nicht redlich genug zugeht: während sie allesamt einen großen und tugendhaften Lärm machen, sobald das Problem der Wahrhaftigkeit auch nur von ferne angerührt wird.« (Jenseits von Gut und Böse, 5)

Mit seinem Plädoyer für das Leben und gegen die Wahrheit teilt Nietzsche die moralfilosofische Lüge, daß Wahrheit und Leben, Vernunft und Interesse einen Gegensatz bilden. Er schlägt sich nur auf die andere Seite des verkehrten Gegensatzes und das ist auch nicht viel schlauer:

»Der Mensch hat allzulange seine natürlichen Hänge mit 'bösem Blick' betrachtet, so daß sie sich in ihm schließlich mit dem 'schlechten Gewissen' verschwistert haben. Ein umgekehrter Versuch wäre an sich möglich – aber wer ist stark genug dazu? -, nämlich die unnatürlichen Hänge, alle jene Aspirationen zum Jenseitigen, Sinnenwidrigen, Instinktwidrigen, Naturwidrigen, Tierwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesamt lebensfeindliche Ideale, Weltverleumder-Ideale sind, mit dem schlechten Gewissen zu verschwistern.« (Genealogie, 24)

»Wir haben eine Kritik der moralischen Werte nötig, der Wen dieser Werte ist erst einmal in Frage zu stellen – … Man nahm den Wen dieser 'Werte' als gegeben, als tatsächlich, als jenseits aller In-Frage-Stellung; man hat bisher auch nicht im entferntesten daran gezweifelt und geschwankt, 'den Guten' für höherwertig als 'den Bösen' anzusetzen, höherwertig im Sinne der Förderung, Nützlichkeit, Gedeihlichkeit in Hinsicht auf den Menschen überhaupt. Wie? wenn das Umgekehrte die Wahrheit wäre? Wie? wenn im 'Guten' auch ein Rückgangssymptom läge, insgleichen eine Gefahr, eine Verführung, ein Gift? … So daß gerade die Moral daran schuld wäre, wenn eine an sich mögliche, höchste Mächtigkeit und Pracht des Typus Mensch niemals erreicht würde?« (Genealogie der Moral, Vorrede 6)

Das soll also das Gegenstück zum Antimaterialismus der Moralfilosofie sein? Mit seiner 'Umwertung aller Werte' bleibt Nietzsche mittendrin im moralischen Menschenbild. Er votiert für das Tierische, Böse im Menschen und damit für jene erfundenen Eigenschaften, die Moralfilosofen dem Menschen anhängen, um daraus die Notwendigkeit ihrer sittlichen Imperative 'abzuleiten'. Beim Guten will er durchschaut haben, daß es der Sfäre verlogener Idealisierungen angehört, aber das Böse, das bloße Abziehbild davon, hält er für die wirkliche Natur des Menschen, die man besser nicht unterdrücken soll. Und am Ende nimmt er der Moralfilosofie sogar noch ab, daß dieser Geisterkampf zwischen der Moral und dem Bösen auch noch die Weltenläufe und das Geschick der Menschheit bestimmt! Dabei ist das Böse ebensowenig wirklich wie das Gute. Das Prädikat böse zieht man sich zu, wenn man gegen allgemein anerkannte Maßstäbe verstößt. Aber das ist keine Beurteilung eines Interesses, sondern eine Verurteilung: es gehört sich nicht. Es wird also ein Vergleich angestellt mit einem Maßstab, der gelten soll, aber nicht gilt, und die Abweichung davon wird dem 'bösen' Willen als Absicht unterstellt. Dabei geschehen noch nicht einmal Verbrechen geschehen aus dem Motiv, gegen das Recht zu verstoßen. Und wo sie dennoch so beurteilt werden, da ist ein Rechtsfanatismus am Werk, der überhaupt kein anderes Kriterium der Beurteilung mehr kennt, als die Geltung des Rechts. Und Nietzsche will ausgerechnet diese Ausgeburt des moralischen Verfolgungswahns wahr machen. Das mag moralinsaure Gemüter schockieren, mit ihren eigenen Fantasiegebilden konfrontiert zu werden, aber mit Materialismus ist diese Antimoral Nietzsches auch nicht zu verwechseln. Die Figuren, die er sich ausmalt und zu seinem Ideal kürt, sind sehr absichtsvoll den gängigen moralischen Vorstellungen darüber nachgezeichnet, was kategorisch verboten gehört. Ihr Tun zeugt nicht gerade davon, daß der Irrationalismus des Bösen die Kritik an der Interessensfeindlichkeit der Moral ist; mehr als die Spießer-Vorstellung vom Einmal-so-richtig-die-Sau-rauslassen fällt Nietzsche auch nicht als Alternative zur Moral ein:

»… Sie treten in die Unschuld des Raubtier-Gewissens zurück, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändigung, Folterung mit einem Übermute und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei, überzeugt davon, daß die Dichter für lange nun wieder etwas zu singen und zu rühmen haben. Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubtier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; … Diese 'Kühnheit' vornehmer Rassen, toll, absurd, plötzlich, wie sie sich äußert, das Unberechenbare, das Unwahrscheinliche selbst ihrer Unternehmungen, ihre Gleichgültigkeit und Verachtung gegen Sittlichkeit, Leib, Leben, Behagen, ihre entsetzliche Heiterkeit und Tiefe der Lust in allem Zerstören, in allen Wollüsten des Siegs und der Grausamkeit « (Genealogie, 11)

Exkurs:
Nietzsche und Hitler — ein absurder Vergleich

Die Geschichte mit der 'blonden Bestie', sein Schwelgen in der Vorstellung vom zur vollen Pracht gebrachten 'Herrenmenschen', seine Verachtung für die Juden, von deren Moral er die Welt zugrundegerichtet sah — »Alles verjüdelt oder verchristlicht oder verpöbelt sich zusehends« (Genealogie, 192) — all das hat Nietzsche den Vorwurf eingetragen oder ihn mindestens in den Verdacht gebracht, so etwas wie ein geistiger Vorfahre Hitlers gewesen zu sein: »Denker Nietzsche — Täter Hitler« war einmal im Spiegel zu lesen. Dieser Vergleich ist nach beiden Seiten hin absurd. Weder wäre Nietzsche für ein Staatsprogramm zu begeistern gewesen, das von den Volksgenossen die totale Unterordnung verlangt und für diese Forderung mit dem Lob sämtlicher moralischer Knechtstugenden Propaganda gemacht hat. Noch war Hitler für eine Filosofie zu haben, die das losgelassene Individuum predigt und sein Recht, auf alles zu pfeifen, was der Gemeinsinn für heilig erklärt. Aber bitte, wenn er sein soll, der Vergleich, — nachlesen, was bei Hitler steht über den Herrenmenschen:

»Der Arier ist nicht in seinen geistigen Eigenschaften an sich am größten, sondern in dem Ausmaß der Bereitwilligkeit, alle Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Der Selbsterhaltungstrieb hat bei ihm die edelste Form erreicht, indem er das eigene Ich dem Leben der Gesamtheit willig unterordnet und, wenn die Stunde es erfordert, auch zum Opfer bringt … In der Hingabe des eigenen Lebens für die Existenz der Gemeinschaft liegt die Krönung allen Opfersinns.« (Mein Kampf, S.326 f)

Die Idealfigur, die Hitler zum Herrenmenschen stilisiert, ist der totale Untertan, der bis zur Einsatz seines Lebens im Dienst am Staat aufgeht, dem dafür nichts versprochen werden muß, weil er die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst als seinen Lebenssinn auffaßt, ein nützlicher Vollidiot, der sich wahrscheinlich auch noch darüber freut, wenn ihm sein Führer das Lob ausspricht, daß man mit ihr wirklich alles anstellen kann, und ihm dafür gerne den Mangel an geistiger Größe verzeiht. Daß Hitler mit seinem Heldengemälde sich auch nur im mindesten in einen Gegensatz begibt zu den jedermann geläufigen moralischen Idealen, kann man ihm nicht vorwerfen — die Tugend der Selbstlosigkeit, der Wert der Gemeinschaft, von der man nichts hat, und die Einsicht in den Zusammenhang von edlem Charakter und der Bereitschaft zum Opfer kommen ausgiebig zum Zug. Auch daß er in seinen Taten nicht gehalten hat, was er mit der Kundgabe seiner moralischen Absichten versprochen hat, ist nicht wahrscheinlich — bei den Versprechungen! Also von wegen: 'Unmoral' des Dritten Reiches und seines Führers! Eher schon läßt sich an Dokumenten aus dieser Zeit studieren, was sich mit moralischen Idealen alles "begründen" läßt. Wenn Hitler dennoch ausgerechnet in den Verdacht gerät, die moralischen Werte verraten zu haben, so kann man daraus getrost die Lehre ziehen, daß ein moralisches Recht ziemlich genau ebenso weit reicht, wie der Erfolg der Sache, den dieses Recht überhöht; und den vergeigt zu haben, ist die einzige, für Nationalisten allerdings unverzeihliche moralische Fehlleistung Hitlers.
Doch was hat das alles mit Nietzsche zu tun? Erstens: Null! Zweitens kann man dem Totschlägerargument 'Wie Hitler!' entnehmen, zu welcher Radikalität brave Moralisten fähig sind, wenn jemand ihre Moral anpinkelt. Drittens ist es eine ganz andere Sache, zu erklären, was Nietzsche zu seinen rassistischen Ausfällen bewogen hat. Wie jeder, der sich mit seinen Ansprüchen an den Rest der Menschheit enorm im Recht weiß — 'Recht' großgeschrieben 
, und deswegen davon ausgeht, daß sich jedermann nach diesen Ansprüchen richten muß, verfertigt auch Nietzsche aus diesem Recht seine Lehre von der Menschennatur. Wo die als Argument auftritt, ist sie allemal definiert durch die Ansprüche, die einer hat und in sie hineinlegt. Und stehen mit den auf diese Weise deduzierten Eigenschaften 'des Menschen' erst mal seine Fähigkeiten fest, diesen Ansprüchen auch nachzukommen, so ist die sich anschließende Sortierung der Menschheit nach diesem Kriterium in mehr menschliche Artgenossen und in solche, die eher unter das Verdikt unmenschlich und menschenunwürdig fallen, nur konsequent und die Empfehlung eines entsprechenden Umgangs mit ihnen geradezu unausweichlich. Die Rechtfertigung davon ist schließlich der ganze Inhalt des Argumentierend mit der Natur des Menschen.
Es ist schon armselig, den Rassismus nicht an dieser seiner Argumentationsweise festzumachen, sondern ihn am Gebrauch von Vokabeln wie 'Rasse', 'Jude' usf. entlarven zu wollen — gerade so als wären die Rassen selbst und nicht der rechtfertigende Umgang mit ihnen Produkt des Rassismus 
, und ihn dann prompt nicht mehr wiederentdecken zu können, wenn ein Moralfilosof oder ein Bundespräsident von heute die Menschennatur bemüht.
So ist also nicht weiter verwunderlich, daß auch bei Nietzsche das eigentlich Rassistische überhaupt nicht in Verruf geraten ist. Der kompromißlose Kritiker der Charakterlosigkeit von Christen und Moralisten argumentiert immerhin sehr unbefangen mit dem Menschenbild biederer Moralfilosofen. Die sehen des Menschen Natur bestimmt durch einen Konflikt zwischen dem hehren moralischen Sollen und den leidigen Neigungen, die diesem Sollen immer in die Quere kommen. So auch Nietzsche, der eben diesen Konflikt mit umgekehrtem Vorzeichen versieht.

III. Psychologie der Moral — Alles eine Frage des Selbstbewußtseins

Damit jedoch spielt sich alles, was Nietzsche zur Kenntnis nimmt, was er kritisiert und was er als fällige Korrekturen vorschlägt, auf der Ebene des Selbstbewußtseins, der idealisierenden Bilder ab, die sich die Menschheit von ihrem wirklichen Treiben macht. Wenn Nietzsche über die Fabrikarbeit redet, so kommt dabei durchaus vor, daß da Leute ausgenutzt werden, daß ihnen das nicht gut bekommt — aber das ist für ihn das Uninteressanteste; was er daran kritisiert, ist die Charakterlosigkeit, mit der sich die Ausgenutzten ihren Schaden in eine Tugend umlügen. Wenn er auf den Staat zu sprechen kommt, so kommen die Zwecke und Mittel dieser obersten Gewalt gar nicht erst vor — daß er eine Schande ist für so geistreiche Leute, wie Nietzsche einer ist, lautet der Einwand. Und bei der Ehe kommen ihm auch nur die ziemlich vulgären Bilder von Mann und Frau in den Sinn, nach denen der starke Beschützer Haus und Familie behütet und ein zartes Wesen nach Unterordnung ruft.
Er erklärt sich alles psychologisch: Wenn einer nichts zählt im wirklichen Leben, dann kommt das daher, daß er sich dazu erniedrigt hat und deswegen eigentlich auch nichts Besseres verdient hat. Wer hingegen etwas hermacht, beweist damit seine Durchsetzungskraft und hat Charakter. In beiden Fällen gerät ihm die verlogene Selbstrechtfertigung, die nachgereichte idealistische Deutung von Mißerfolg und Erfolg zum wirklichen Grund dafür, wie sich ein Individuum durchzusetzen in der Lage ist. Die beiden Eckpunkte seiner psychologischen Theorie sind haargenau dieselben wie in der Moralfilosofie: Was hier natürliche Selbstsucht heißt, die durch die Tugend beschrankt werden soll, ist bei Nietzsche 'der Wille zur Macht', der darauf zu achten hat, daß er sich nicht durch die Fallstricke moralischer Anmache behindern läßt. Die Erklärungskraft dieser Theorie ist nicht übermäßig. Sie erschöpft sich in der tautologischen Auskunft, daß ein Selbst solange nicht zum Zug kommt, solange es sich verleugnet, und Nietzsche findet letzteres menschlich derart verständlich, daß er sich die Überwindung der Touren moralischer Selbstverleugnung nur als Akt einer außerordentlichen Willensanstrengung vorstellen kann, zu dem nur die wenigen starken Gemüter, nicht aber die Masse der Schwachen fähig sind. So sehr hängt Nietzsche an der Moral. Und so wenig taugt seine Kritik an der Moral.

*
Sein kategorischer Imperativ lautet: 'Mehr Rückgrat, Leute!', er verlangt Ehrlichkeit und einen Willen, der sich seiner nicht schämt, sondern zu dem steht, was er sich vorgenommen hat:

»Während der vornehme Mensch vor sich selbst mit Vertrauen und Offenheit lebt, so ist der Mensch des Ressentiment weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu.« (Genealogie, 194)

Nietzsche verabschiedet sich nicht vom Geist der Rechtfertigung mit seinem doppelten Maßstab des Wollens und Dürfens, dessen Verlogenheit ihm so unangenehm aufgefallen war. Sein 'vornehmer Mensch' verkörpert lauter Ideale, die dem Rechtfertigungsgedanken selbst angehören: Die Heucheleien der Moral wollen schließlich geglaubt werden; Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sind also ihre verlogenen Ideale. In deren Namen fängt Nietzsche das Rechtfertigen an: Wer offen heraussagt, was er will, und dazu steht, der darf:

»… das souveräne Individuum, das nur sich selbst gleiche, das von der Sittlichkeit der Sitte wieder losgekommene, das autonome übersittliche Individuum (denn 'autonom' und 'sittlich' schließt sich aus), kurz den Menschen des eigenen unabhängig langen Willens, der versprechen darf – und in ihm ein stolzes, in allen Muskeln zuckendes Bewußtsein davon, was da endlich errungen und in ihm leibhaft geworden ist, ein eigentliches Macht- und Freiheitsbewußtsein, ein Vollendungsgefühl des Menschen überhaupt. Dieser Freigewordene, der wirklich versprechen darf, dieser Herr des freien Willens, dieser Souverän – wie sollte er es nicht wissen, welche Überlegenheit er damit vor allem voraushat, was nicht versprechen und für sich selbst gutsagen darf, wie viel Vertrauen, wie viel Furcht, wie viel Ehrfurcht er erweckt – er 'verdient' alles dreies – und wie ihm, mit dieser Herrschaft über sich auch die Herrschaft über die Umstände, über die Natur und alle willenskürzeren und unzuverlässigeren Kreaturen notwendig in die Hand gegeben ist.« (Genealogie, 208)

Diese Umkehrung des doppelten Maßstabs — nicht das Dürfen soll das Wollen rechtfertigen, sondern das Wollen das Dürfen — ist eine selten dämliche Alternative zur gängigen Moral, die Nietzsche nicht paßt. Schließlich ist seine Maxime »Ich darf, weil ich will« nichts als die Weigerung, die Vernünftigkeit eines Willens und die Zweckmäßigkeit seines Tuns zu prüfen. So ist jeder Unsinn erlaubt, wenn er nur gewollt wird, und jeder Schaden geht in Ordnung, wenn sich »das souveräne Individuum« dazu entschlossen hat. Vom Irrationalismus des Bösen, mit dem Nietzsche die Menschheit aus ihrer moralischen Befangenheit schrecken wollte, war bereits die Rede. Aber was macht sein vornehmer, von den 'Ketten' der Moral endlich befreiter Mensch, wenn er seine Vornehmheit und Freiheit auslebt? Er wählt sich — Pflichten:

»Zeichen der Vornehmheit: nie daran denken, unsere Pflichten zu Pflichten für jedermann herabzusetzen; die eigene Verantwortlichkeit nicht abgeben wollen, nicht teilen wollen; seine Vorrechte und deren Ausübung unter seine Pflichten rechnen.« (Jenseits von Gut und Böse, 272)

Dasselbe, was beim Moralisten für dessen Menschenunwürdigkeit gesprochen haben soll, seine Untertänigkeit, sein sich Ducken unter Pflichten, zeichnet den Menschen aus, wenn er es als sein frei gewähltes Privileg 'begreift'. Und wo eben noch das Mitleid als geradezu ekelerregende Unart zwischenmenschlichen Umgangs gegeißelt wurde, da gilt das Mitleid nun als Zeichen eines edlen Charakters:

»Ein Mann sagt: 'Das gefällt mir, das nehme ich zu eigen und will es schützen und gegen jedermann verteidigen'; ein Mann, der eine Sache führen, einen Entschluß durchführen, einem Gedanken Treue wahren, ein Weib festhalten, einen Verwegenen strafen und niederwerfen kann; ein Mann, der seinen Zorn und sein Schwert hat, und dem die Schwachen, Leidenden, Bedrängten, auch die Tiere gern zufallen und von Natur zugehören, kurz ein Mann, der von Natur Herr ist … wenn ein solcher Mann Mitleiden hat, nun! dies Mitleiden hat Wert! Aber was liegt am Mitleiden derer, welche leiden! Oder derer, welche gar Mitleiden predigen.« (Jenseits von Gut und Böse, 293)

Der Unterschied zum gewöhnlichen Moralisten, auf den Nietzsche soviel Wert legt, daß er sich gar keinen größeren Gegensatz vorstellen kann, liegt also gar nicht in einer Absage an den Inhalt der Moral, an die Pflichten und Vorschriften, denen sich der Mensch unterordnen soll. Er liegt vielmehr in dem Selbstbewußtsein, mit dem die Pflichten anerkannt werden und die Unterordnung stattfindet. Und selbst dieser Unterschied existiert nur in Nietzsches Einbildung – aber für die ist er ja auch gemacht:

IV. Einbildung für Eingebildete

Es ist nämlich nicht so, daß nur Herr Nietzsche und sein »souveränes Individuum« zu diesem Akt der Freiheit fähig wären. Noch der verstaubteste Moralfilosof preist nicht die Knechtung der Menschheit an, sondern die Freiheit des Willens, in der er die Fähigkeit sieht, Pflichten anzuerkennen und sich ihnen unterzuordnen. Und noch nicht einmal studiert muß man haben, um sich mit dem Bewußtsein der Freiheit in seine Pflicht zu fügen. Der Witz an der Selbstverleugnung und Selbsterniedrigung, die Nietzsche an den Christen und Moralisten so wenig leiden konnte, besteht gerade in dem »Selbst-«. Das moralische Individuum geht gerade nicht auf in der praktischen Unterordnung unter die Sachzwänge des Geldverdienens und die Gewalt des Rechts. Es leistet sich eine Interpretation seiner Unterordnung, legt sich für alles, was es tun muß, gute Gründe zurecht und verfügt so über ein Weltbild, in dem alles, was ihm begegnet, den Anschein erweckt, als würde es auf seiner Einsicht beruhen. An seiner Lage ändert das gar nichts; in seiner Einbildung spielt er jedoch den Herrn seiner Lage. Daß es sich bei der Moral um ein Bewußtsein der Abhängigkeit handelt, ist dem Inhalt dieser Einbildungen durchaus zu entnehmen – daher der doppelte Maßstab von Wollen und Dürfen; aber sie ist ein verkehrtes Bewußtsein dieser Abhängigkeit, in dem sich die abhängige Variable als Souverän über seine Abhängigkeit fingiert: Es selbst entscheidet über Dürfen und Nicht-Dürfen, läßt sich von niemandem etwas vorschreiben, außer seiner freien Einsicht in die Notwendigkeit und läßt sich nicht beugen, sondern weiß eine ganze Latte höherer Werte aufzuzählen, vor denen es sich erniedrigt. Diese Dummheit macht das Bewußtsein seiner Freiheit aus und ausgerechnet die hält Nietzsche der Verlogenheit der Moral entgegen:

»Das stolze Wissen um das außerordentliche Privilegium der Verantwortlichkeit, das Bewußtsein dieser seltenen Freiheit, dieser Macht über sich und das Geschick …« (Genealogie, 209)

Ein Unterschied ist bei alledem doch nicht zu übersehen. So großkotzig, aristokratisch und elitär, wie Nietzsche es tut, traut sich so schnell niemand mit dieser Dummheit anzugeben. Das liegt allerdings nicht am Argument, sondern daran, daß sich »die Masse« mit dieser Angeberei blamieren würde. Auch hier entscheidet sich einiges am Erfolg und an der wirklichen Stellung im Leben. Die dazu gehörenden Einstellungen – ob einer mehr auf Mitleid und Gnadengesuch macht oder ein anderer seine Durchsetzungskraft beschwört – geschmacklich bewerten zu können, gehört deswegen zu den niedersten Instinkten, über die bürgerliche Individuen verfügen.

(Erstveröffentlichung 1990)

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Staatsverschuldungskrise

koka

 

Staatsverschuldungskrise
 

Aus guten Gründen weiß der Staat seiner profitorientierten Wirtschaft zu helfen, wann immer sie ihn benötigt und das ist bekanntlich gerade in Krisenzeiten nicht selten. Wenn eine Firma in Zahlungsschwierigkeiten steckt und die Geschäftsbanken mit der Kreditvergabe zögern, dann springt er ein. Auch ansonsten hilft er auf diese Weise ohne Nachsicht. Er versorgt »die Wirtschaft« mit Liquidität, mit Staatsgeld. Klar, einen Preis hat das wie alles in der Geschäftswelt und es liegt auf der Hand, daß von seiten eines Kapitals aus gesehen, dieser Zins möglichst niedrig sein soll. Weshalb ein Präsident, der aus der Wirtschaft kommt, mit dem Zentralbankchef unzufrieden ist, wenn der einen für zu hoch erachteten Zins nicht senkt. Von Seiten des Staates, der seine eigene Verschuldung im Blick hat, können sich gar nicht genug Firmen bei ihm Kredit nehmen, zumal wenn man dann noch den ein oder anderen potenziellen Zahlungsausfall einkalkulieren muß.
Woher nun nimmt der Staat das Geld für seine Wirtschaft? Er verschuldet sich seinerseits, er gibt Staatspapiere aus, mit denen er Geld, Liquidität einsammelt. Gleichzeitig verspricht er den Käufern eine Vergütung in Höhe eines Zinssatzes für eine festgelegte Frist der Geldanlage. Diese Staatsanleihen werden jedoch in der Regel weniger von Firmen gekauft, weil die ja vor allem an flüssigem Geld interessiert sind und außerdem an ihren Ansprüchen gemessen die Zinssätze zu niedrig sind (die Sicherheit der Geldanlage fällt da weniger ins Gewicht, weshalb auch Staaten mit höheren Zinssätzen ihre Papiere verkaufen können). Diese Schuldverschreibungen werden hauptsächlich von anderen Staaten und deren Institutionen gekauft, die sie in ihrer Bilanz als Aktiva verbuchen können. Damit steigern sie ihre eigene Kreditfähigkeit. So hat zum Beispiel Japan jede Menge Dollaranleihen aufgehäuft und gleichzeitig die Staatsverschuldung auf über 200% des BIP hinaufgetrieben. Nun ist es dahin gekommen, daß der japanische Staat, um seine Schulden refinanzieren zu können, sich genötigt sieht, seine Dollaranleihen zu verkaufen. Da kann man bemerken, daß die Krise Japans gegen den Wert des Dollars selbst ausschlägt. Solange es freilich auf dem Kapitalmarkt einen Käufer der Kreditpapiere gibt, sind sie nicht wertlos. Und so verrückt wie die kapitalistische Welt nun einmal ist, hat vor allem Großbritannien zugeschlagen. Braucht dieser Staat braucht dringend (günstig erhältliche) Aktiva, um sich verschulden zu können? Einerseits ja, andrerseits ist da unverkennbar die politische Implikation: Man möchte sich beim großen Bruder – Trump hin, Trump her – rückversichern, zumal ja man auf eine solche Rückversicherung durch die EU nicht bauen will (der Brexit steht ja nicht wirklich infrage).

Doch zurück zu den USA. Diese haben also das Problem, ihre auf ihre über 38 Billionen USD angewachsenen Staatsschulden zu bedienen und nicht zuletzt deshalb, sie auch nicht weiter anwachsen zu lassen. Und gleichzeitig das andere Problem, ihre Wirtschaft mit jeder Menge Kredit am Laufen, konkurrenzfähig zu halten. Außerdem müssen sie das Land wieder für ausländische Kapitalanleger wieder attraktiv herrichten. All daran arbeiten sich die USA derzeit ab. Dabei haben sie einen gewaltigen Vorteil. Sie haben nämlich Werte in Form von Kapitalreichtum. Die USA sind zwar nicht mehr ganz unangefochten aber immer noch die Weltwirtschaftsmacht Nr. 1. Es ist nicht so wie beispielsweise in Argentinien, wo jedes Stück Reichtum im Land – seien es seine Bodenschätze oder seine landwirtschaftlichen Güter – ausländischen, vor allem US-Firmen gehört. 
US-Firmen machen also Geschäfte im In- und Ausland, wenngleich für die staatlichen Ansprüche bei weitem nicht genügend. Das kann man noch jeder Aktion der Regierung entnehmen, die direkt oder indirekt auf die Ökonomie bezogen ist. Gerade die seit knapp einem Jahr nun im Amt befindliche Trump-Regierung hat sich ja zu einer gründlichen Bestandsaufnahme gezwungen gesehen. Das Ideal ihrer Maßnahmen ist, das Kapital zu entlasten, gleichzeitig die Staatsschulden und damit den Haushaltsposten ihrer Bedienung zu senken, kurzum all das zu tun, was im Rahmen eines kapitalistischen Staates nun einmal getan werden kann. Bei all den Überlegungen und Maßnahmen hat man allerdings eine blöde Schranke vor sich und das ist das Ausland, genauer: die Abhängigkeit von ihm. Es soll ja die US-Staatspapiere kaufen, es soll die US-Waren kaufen, es soll selber Waren in die USA zu günstigen Preisen liefern, es soll in den USA investieren, also Geschäfte machen, an denen die USA verdienen können. 
Die gewaltigen Staatsaufgaben sind nicht anders einlösbar, als daß der Staatskredit strapaziert wird. Klar, die Regierung will die Verschuldung in den Griff bekommen, aber es gelingt einfach nicht. Der Dollar entwertet sich, was kein Wunder ist, allenfalls für die, die sich eine kapitalistische Wirtschaft ohne Geldentwertung wünschen. Solche Leute haben nämlich keine Ahnung davon, daß Geld nicht bloß eine Tauschmittel (Zahlungsmittel) ist, sondern Tauschwert, also Kapital, das in sich einen Anspruch besitzt, verwertet zu werden und damit mehr zu werden. In jedem Augenblick, wo das Kapital diesen seinen Daseinszweck verfehlt, entwertet es sich. Und das bekommt auch jeder Staatsangehörige zu spüren, für den Geld einzig und allein ein Zahlungsmittel ist und eben kein Lebenszweck, sondern eben nur Mittel, um weiterhin sein Leben fristen zu können. Deshalb ist das Gejammere nicht nur jenseits des Atlantiks über die »affordibility« (Erschwinglichkeit) so verständlich wie dumm.

 

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der kapitalistische Aufstieg Chinas

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Der kapitalistische Aufstieg Chinas

Ein Freund, der lange Jahre in China (für eine westliche Firma) gearbeitet hat, sagte mir: In China ist alles Business. Business, business, business! Da findest Du nichts hinsichtlich Deiner marxistischen Überlegungen. Dem ist sicherlich nicht zu widersprechen.
Seit nun etwa 50 Jahren hat China die kapitalistische Ökonomie des Westens geradezu perfekt adaptiert. Die Einsicht von Deng Xiaoping und Genossen war die, daß China dem Westen mit den vorhandenen Mitteln nur unzureichend standzuhalten in der Lage sei. China habe zwar ein enormes Potenzial, aber dieses liege brach und könne so nicht in die Waagschale geworfen werden.
Dazu trat ein antimarxistisches Element aus der Mottenkiste der ML-Ideologie: Der Vergleich mit dem Westen vermittels der ökonomischen Produktivität. Ursprünglich dachten ja diejenigen, die eine Revolution gemacht hatten – das gilt gleichermaßen für die UdSSR –, daß eine zentral organisierte und geplante Wirtschaft quasi automatisch produktiver sein müsse als eine mit- und gegeneinander konkurriender Kapitalgesellschaften. Kurzum, man wollte also mit einer alternativen Ökonomie die fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten ein- und überholen. Nun gestand man sich ein, daß dieser Plan nicht aufgegangen ist. Man hat sich allerdings dabei die Frage erspart, warum. Stattdessen griff man auf die ML-Geschichtsteleologie zurück, nach der der Sozialismus nicht eine Stufe der Entwicklung überspringen könne, daß also eine kapitalistische Entwicklung in einem so unterentwickelten Land wie China nachgeholt werden müsse, bevor ein Übergang (ein Übergang, kein Bruch!) zum Sozialismus erfolgen könne. Freilich war man in China nicht so radikal wie in Rußland, gleich die ganze einstige sozialistische Revolution ad acta zu legen. Behutsam öffnete die Kommunistische Partei Chinas also das Land für die Anlage von ausländischem Kapital, um selbst an den Früchten kapitalistischer Mehrwertproduktion teilhaben zu können. Den Preis dafür, die eigenen Landsleute der Ausbeutung zu unterwerfen, war die Partei bereit zu bezahlen. Schließlich erblickte man eine Notwendigkeit für das Überleben des Staates selber (samt all seiner rosigen Zukunftsperspektiven), erbrächte man nicht die dafür nötigen Opfer.
Daß dieses Programm ein ziemlicher Erfolg war, läßt sich heute nicht bestreiten. Man könnte einwenden, China habe sich damit der Feindschaft der imperialistischen Staaten keineswegs entledigt. Nur: Darauf war es auch nicht berechnet – es war ja wie gesagt, dem Standhalten geschuldet¹ —, wie sollte es auch? Es ist ja vielmehr so – gerade aus westlicher Sicht! –, daß Chinas ökonomischer Fortschritt ein Fortschritt der global wirkenden kapitalistischen Ökonomie selber ist: China mußte sich anpassen, nicht der Westen!
Und mit der Ökonomie ist es überdies nicht getan. Einher mit der Kapitalisierung Chinas gingen und gehen allenthalben die schönen Nebenwirkungen des Kapitalismus. Die Arbeiterklasse wird über ihre materielle Lage mit allerhand ebenso hübschen wie praktischen Gebrauchswerten nicht nur bei (Kauf-)Laune gehalten, sondern überhaupt darüber getäuscht, daß sie dafür in die Pflicht genommen, dafür mit der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft zu bezahlen hat. Diese für die meisten schier unbezahlbare bunte Warenwelt schlägt sich im Bewußtsein dermaßen nieder, daß man sich gar nicht mehr als Angehöriger der Arbeiterklasse fühlt und auch nicht fühlen möchte. Und nicht nur das. Ein weiteres Element der Kompensation – auch das kein Unterschied zum kapitalistischen Westen – ist die Verdrängung des eigenen individuellen materiellen Zustands mit dem Kompensationangebot, nun Mitglied einer erfolgreichen Nation zu sein. So hat der Nationalismus alle früher einmal vorhandenen Gedanken, als Arbeiterklasse keine nationalen Grenzen zu kennen, aufs Abstellgleis geschoben. Dem alten Kommunistenspruch »Proletarier aller Länder vereinigt euch!« wird man in China wohl wirklich nicht mehr begegnen.
Irgendwie spürt die geistige Entgleisung und Entgleitung auch die Parteiführung in Beijing. Doch soll man nun bei aller Adaption des Westens chinesische Traditionen bewahren oder aber doch irgendwie an den ursprünglichen kommunistischen Auftrag erinnern – für den Mao Zedong und seine Genossen ja einst eine Revolution für notwendig erachtet hatten – oder aber am besten irgendwie beides? Und gleichzeitig einer mittlerweile eingerissenen Wohlfühllaune der Bevölkerung nicht zu nahe zu treten? Von außen betrachtet hat man den Eindruck, daß die KPCh am liebsten gar nicht über solche Fragen nachdenken möchte. Im Grunde lasten die tagesaktuellen politischen Fragen ohnehin viel zu sehr auf den verantwortlichen Politikern. Außenpolitisch machen dem chinesischen Staat ja nach wie vor die USA, aber auch ein sich wieder erstarkt fühlendes und immer unverschämter auftretendes Japan zu schaffen und zwar mehr als China lieb sein kann. Unzweifelhaft treiben die USA den Preis für den erreichten Status Chinas weiterhin in die Höhe: Was ist alles nötig, um China vor den USA zu schützen, es gegen die USA abzusichern?
Und es ist ja bei der geistigen Verwahrlosung, die der Kapitalismus in seinen Zentren (den USA, Japan und Westeuropa) angerichtet hat, keineswegs so, daß sich dort eine Arbeiterbewegung bilden würde, die China zupaß käme. Umgekehrt ist es ja vielmehr so, daß China aufpassen muß, daß solche Verwahrlosung nicht im eigenen Lande Fuß faßt, so sie nicht schon Fuß gefaßt hat. Ein bloßes Bekenntnis zum Sozialismus hilft ja da nicht wirklich. Wie man an der Sowjetunion gesehen hat, war solch Bekenntnis – unter Stalin propagandistisch eingerissen – nichts wert. Man kann es jederzeit austauschen gegen ein anderes Bekenntnis. Das heutige Bekenntnis zum Sozialismus in China fußt auf dem Bekenntnis zu einer kapitalistischen Ökonomie. Sobald der ökonomische Erfolg ins Wanken gerät, gerät wohl auch das Bekenntnis zum »Sozialismus chinesischer Prägung« ins Wanken. Das ist zwar nicht abzusehen, allerdings wäre das dann kaum ein Schritt zu Marx' Kapital-Analyse.
Es war Deng Xiaoping nur in sehr abstrakter Form klar, was ein kapitalistischer Weg zum Sozialismus – so hat er ja die Richtung vorgegeben – alles impliziert². Der Angriff einer kapitalistischen Produktionsweise tangiert ja nicht nur die Ökonomie als solcher. Sie erfaßt den ganzen Menschen. Sie zerstört seine Persönlichkeit, wie er alle Natur zerstört. Gerade heute wird das so offensichtlich, wo der Mensch durch Roboter ersetzt werden soll, seine Begriffsbildung, die Sprache durch »künstliche Intelligenz«. Das auf die Programmierbarkeit reduzierte Individuum existiert ja mittlerweile als solches, als allen Klischees affines Ding, als die komplette austausch- und ersetzbare staatsbürgerliche Charaktermaske, als der Spießer schlechthin. So zugerichtet ist das Individuum und, wie man sieht, ja auch nicht zu knapp in der VR China. Jeder äfft nur noch das nach, was die staatlichen Propagandamaschinen vorsprechen, so sie das überhaupt für angebracht halten (was zumindest dann der Fall ist, wenn jemand aus der Reihe tanzt). 
________

¹ » … Dennoch möchte ich betonen, daß wir uns in einem Wettlauf mit der Zeit befinden. Selbst wenn ein Kriegsausbruch verzögert werden kann, dürfen wir nicht nur diese Möglichkeit sondern sollten uns im Gegenteil auch darauf vorbereiten, daß manche Staaten durchaus einen großen Krieg wollen, und zwar bald. Denn die Hegemonisten sind in einer verzweifelten Lage, und niemand kann mit Gewißheit vorhersehen, wann oder wo einige der von ihnen angezettelten kleinen Zwischenfälle einen Krieg auslösen. Selbst wenn ein Weltkrieg verzögert werden kann, sind zufällige und lokale Ereignisse schwer vorherzusagen. …« (Deng Xiaoping, Rede auf der Plenartagung der Militärkommission, 28.12.1977)
² » … Letztes Endes lautet der allgemeine Grundsatz für unseren Wirtschaftsaufbau immer noch so, wie ihn der Vorsitzende Mao formulierte, nämlich, daß wir uns vor allem auf unsere eigenen Kräfte stützen und Hilfe von außen lediglich als Ergänzung betrachten. In welchem Maße wir uns auch nach außen öffnen und ausländisches Kapital zulassen – sein Anteil bleibt gering, und es kann unser System des sozialistischen Gemeineigentums an den Produktionsmitteln nicht beeinträchtigen. Wenn wir Kapital und Technologien aus dem Ausland aufnehmen, ja selbst wenn wir Ausländern erlauben, in China Fabriken zu bauen, so kann das alles doch höchstens eine ergänzende Rolle spielen in unseren Bemühungen um eine Entwicklung der sozialistischen Produktionskräfte. Natürlich werden damit ein paar dekadente kapitalistische Einflüsse nach China hereinkommen. Wir sind uns dieser Möglichkeit bewußt; dafür brauchen wir uns nicht zu fürchten. … (Deng Xiaoping im Interview mit Oriana Fallaci, 21.+23.08.1980)

 

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Finanzimperialismus — Die USA und ihre Strategie

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Weltgeld: Der Widerspruch einer gewaltsam durchgesetzten nationalen Ökonomie

Finanzimperialismus — Die USA und ihre Strategie des globalen Kapitalismus
 

Die Dedollarisierung, die voranschreitet und welche die Mainstreammedien vergeblich in den Hintergrund zu drücken, herunterzuspielen versuchen, macht den Widerspruch deutlich zwischen einem nationalen Geld, einer Währung, die gleichzeitig eine internationale Währung ist, also Weltgeld. Diesen Anspruch, Weltgeld zu sein, konnte die USA in Folge des 2. Weltkriegs durchsetzen und mit ihrer überlegenen Militärmacht, die dafür weltweit auf- und ausgebaut wurde, etablieren und bis heute erhalten. Wenn heute diese dominante Stellung des US-Dollars in Frage gestellt ist, ist es durchaus wichtig zu wissen, wie es dazu kommen konnte. Und vor allem, welche Vorteile dem us-amerikanischen Staat erwachsen waren, die er heute unter Führung von Präsident Trump zu verteidigen beabsichtigt, mit Zöllen, mit Sanktionen, mit neuen Kriegen, mannigfarbigen Regierungsumstürzen sowie milliardenschwerem Durchfüttern von Vasallenregierungen (wie zuletzt in Argentinien). Es versteht sich von selber, daß diese Anfechtung der US-Dominanz von Staaten und deren Bevölkerung kommt, die unter dem US-Imperialismus gelitten haben und dieser Misere überdrüssig geworden sind. So ist auch der Aufstieg des BRICS-Blocks zu verstehen, dessen Mitglieder angetreten sind, die US-Währung konsequent aus dem Welthandel zurückzudrängen.

Michael Hudson, unter anderem Professor für politische Ökonomie in den USA, hat die Geschichte des US-Finanzimperialismus aufgeschrieben und erläutert, aufgrund welcher Ansprüche und mit welchen Berechnungen die USA den dafür anfallenden Notwendigkeiten entsprachen. 
Die einzelnen Kapitel:
  1. Ursprünge der zwischenstaatlichen Schulden (1917-1921)
  2. Der Zusammenbruch des globalen Gleichgewichts (1921-1933)
  3. Die Vereinigten Staaten verschmähen die globale Führungsrolle 
  4. Das Leih-Pacht-System und der Zerfall des britischen Weltreichs (1941-1945)
  5. Bretton Woods: Der Triumf des staatlichen amerikanischen Finanzkapitals
  6. Der kommunistische Block wird isoliert
  7. Die amerikanische Strategie in der Weltbank
  8. Der Imperialismus der US-Auslandshilfe
  9. GATT und der doppelte Standard
10. Die Vorherrschaft des Dollars durch den IWF (1945-1946)
11. Wie Amerika seine Kriege mit den Finanzmitteln anderer Staaten finanzierte (1964-1968)
12. Macht durch Bankrott (1968-1970)
13. Das Imperium durch eine Währungskrise vervollkommnen (1970-1972)
14. Die monetäre Frühjahrsoffensive von 1973

16.11.2025 

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Die Kosten der Freiheit steigen rapide

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Die USA zwischen Prinzipien und notwendig gewordenem Opportunismus  für die bombenfesten Europäer ein Skandal

Die Kosten der Freiheit steigen rapide
 

Die derzeit die USA regierende Partei der Republikaner war bis noch vor nicht allzu langer Zeit eine Partei, deren Staatsräson in möglichst wenig Staatseingriffen in die Wirtschaft und in einem harten Plädoyer für Freihandel bestand. Das hat sich mittlerweile unter der Führung des Präsidenten Trump umgekehrt. Nun gebietet ihnen die Staatsräson das glatte Gegenteil: Sie ist zum Protektionismus umgeschwenkt, weil ihre Wirtschaft in der internationalen Konkurrenz Federn hat lassen müssen. Die überbordende Rolle des Finanzkapitals kann nicht verhindern, daß die Warenproduktion und damit auch die Exporte schrumpfen. Kürzlich gab es in den städtischen Zentren der USA Großdemonstrationen vornehmlich gegen die Selbstherrlichkeit des »Diktators« Trump. Allein seiner Arroganz wurde attestiert, für die Folgen seiner Politik verantwortlich zu sein. Die resultiert in einer Geldentwertung einerseits bei vielfach gleichzeitig stattfindendem Einkommensausfall andrerseits. Es gelang der demonstrierenden Masse mühelos, diesen materiellen Grund in eine verfehlte Politik einer allzu dummen Charaktermaske zu übersetzen. Dabei wissen die Aktivisten selber nicht — und die oppositionelle Partei der Demokraten ebensowenig — wie denn eine »vernünftige Politik«, eine attraktive Charaktermaske stattdessen aussehen könnte.
Doch so ist es eben: Leute, die kein Geld mehr haben, können nichts mehr kaufen und so zieht das Land auch keine Geschäftemacher, pardon: Investoren mehr an, welche vorhandene Kaufkraft auf ihre Mühlen zu lenken versteht. Ja, die USA leben trotz aller wirtschaftlichen Misere auf großem Fuß, was ihrem Weltmachtstatus und ihrem -anspruch entspricht. Allein für die weltumspannenden Militärbasen und die auf die Weltmeere zu deren Überwachung beorderten Flugzeugträger geben sie Milliarden aus, ökonomisch gesehen völlig unproduktive Kosten. Das »Wirtschaftswunder« der BRD nach dem Krieg war dadurch begünstigt, daß der NS-Nachfolgestaat solche Ausgaben erst einmal nicht zu tragen hatte und sodann sie noch — vergleichsweise zu heute — moderat ausfielen. Wenn also Trump ein Wirtschaftswunder für die USA anstrebt, dann ist er sicher der letzte, der aus der Historie des eigenen oder eines anderen Staates Lehren zu ziehen gedenkt. Er interessiert sich in Sachen Geschichte allein für die fänomenalen Taten großer Staatsmänner. Sein überragendes Vorbild, in dessen Fußstapfen er schon alsbald zu treten gedachte, ist sein damaliger Parteifreund Ronald Reagan. Dieser hatte es vollbracht, die Sowjetunion zur Abdankung zu bewegen. Ähnliches wie Ronald wollte auch Donald vollbringen, als es den russischen Präsidenten nach Alaska eingeladen hatte: Jener sollte in Sachen Ukraine einen Rückzieher machen. Blöderweise ließ sich Putin nicht über den Tisch ziehen und so mißlang die Abwicklung des Konflikts im Sinne der USA. Vorteilhafterweise soll ja das Kapital nicht aus und in der Ukraine, sondern im eigenen Land Kapital schlagen. dazu kommt, daß der europäischen Konkurrenz ist die Ukraine als Kapitalanlagemöglichkeit entzogen ist — nicht zu reden vom Geschäftsausfall mit Rußland. Der EU halsen die USA die Kosten für einen fortgesetzten Krieg, was zwangsläufig zu einer weiteren Schädigung ihrer Ökonomie führen muß. Damit entledigen sich die USA der leidigen europäischen Konkurrenz, ohne das ausdrücklich in ihrem Programm zu haben. Der Krieg nützt den USA sogesehen durchaus. Freilich Geld für Investitionen in den USA hat das deutsche Kapital nicht übrig. Rätselhaft ist, wie die Präsidentin der EU-Kommission den USA Investitionen in Höhe von 600 Milliarden USD nebst 750 Milliarden USD für US-Energieträger in einem Abkommen mit Donald zusagen konnte. Herr Schäuble würde sich sicher im Grabe umdrehen, wenn er mitbekäme, was aus seiner »schwarzen Null« geworden ist. Nicht nur die US-Republikaner haben sich den Staatsnöten angepaßt, auch die europäischen Politiker. Und man mag sich streiten, wer die Ökonomie seines Staates nun besser managt.
Eines darf jedoch dabei nicht vergessen werden: Es sind ja nicht allein die knallharten ökonomischen Tatsachen, die beim politischen Management zusätzlich zu Buche schlagen. Es ist die Ideologie. Für deutsche und andere europäische Politiker kommt eine Verständigung und ein Interessenausgleich mit Rußland einfach nicht in die Tüte. Soviel Flurbereinigung muß sein: Die Ukraine gehört »uns« und nicht Rußland, koste es, was immer es wolle; ebenso Georgien und andere exsowjetische Staaten. Die Ukraine und Rußland haben den Preis zu zahlen — was für die EU offenkundig in Ordnung geht —, aber — und über diesen Zusammenhang wollen die Führungsfunktionäre nicht reden — nicht alleine! Das bleibt den Politikern zwar nicht verborgen, doch ihren eigenen kostenträchtigen Aufwand halten sie einfach für drängend notwendig.
Auch die USA wollen sich nicht zu den Dilemmata der EU-Staaten äußern, für die sie ja nicht unwesentlich verantwortlich sind. Den Opportunismus der EU-Staaten ihnen gegenüber, der sich in dem genannten Abkommen zeigt, halten sie für völlig ausreichend, um sich nicht weiter in deren inneren Belange einzumischen. Allüberall sind schließlich die Politiker an der Macht, die die USA völlig zu Recht für ihre Parteigänger halten können. Es ist ein Stück Sicherheit, das die USA zugebilligt erhalten, während für ihre »Partner« nichts abfällt, da mögen die sich einbilden, was immer sie wollen.

Interessant wird es, wenn die arroganten Staatsfiguren imperialistischer Staaten sich miteinander auseinandersetzen (müssen). Neulich, im Anschluß an den Alaska-Gipfel, kamen in Washington DC die Wichtigsten zusammen, der Trump, der Macron, der Starmer, der Merz, die Meloni und die Von der Leyen, der niederländische NATO-Chef. Die europäischen Figuren wollten, Trump möge am gemeinsamen NATO-Projekt festhalten, die Ukraine einzugemeinden, ein Projekt, das ohne maßgebliche Unterstützung der USA nicht möglich ist. Trump hingegen wollte und will, daß die Europäer die Lasten schultern , welche die USA bislang im wesentlichen für sie getragen haben. In diesem schönen Dialog war selbstverständlich unterstellt, daß die Ukraine — wenn man sie denn schon Rußland überlassen muß — so zugerichtet ist, daß Rußland damit wenig glücklich sein kann, daß ein ökonomischer Nutzen, eine kapitalistische Verwertbarkeit von Land und Leuten in der Ukraine auf längere Sicht sich nicht einstellt. Außerdem unterstellt ist, daß der Rußland zugefügte Schaden gar nicht groß genug sein kann. Offiziell wird am gemeinsamen strategischen Plan festgehalten, die Ukraine vor Rußland zu retten, ihm also gar befreite Gebiete über kurz oder lang wieder zu entreißen.

Wie in kapitalistischen Staaten üblich stehen für das nun fällige, voranzutreibende Projekt die Kosten und ihre Verteilung im Mittelpunkt. Der Streit geht darum, wer die immensen Kosten für die Gewaltmittel übernimmt, ohne die ein imperialistisches Projekt solcher Größe nun einmal nicht durchzuführen ist. In einer Hinsicht freilich stehen diese Kosten nicht zur Debatte: Insofern nämlich, als diese Kosten der jeweiligen staatlichen Manövriermasse aufgebürdet werden. Also daß die nationalen Arbeiterklassen all das auszuhalten haben, was an — in zwischenimperialistischer Konkurrenz zementierten — kostenintensiven Ansprüchen beschlossen wurde, steht außer Frage!

Die deutsche Öffentlichkeit weiß alsogleich, was sie zu propagieren hat. Das muß an dieser Stelle nicht dargestellt werden, der Leser schlage einfach eine x-beliebige Zeitung auf: Die Fakten sind immer in die Staatsräson, in deren Ideologie eingebettet. In dieser Weise werden sie dem Leser verabreicht — man könnte auch sagen: angedreht. Der etablierte Journalismus geht nämlich davon aus und er kann das erfahrungsgemäß, daß der Leser sich auf der Höhe des nationalen Zeitgeistes befindet. Gerade deshalb können die Medien davon ausgehen, weil sie dieses Nationalbewußtsein schaffen und täglich schüren. Das ist die Essenz einer »freien Presse«!

11.11.2025 

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Die Zentralisation des Kapitals und die Zertrümmerung des Proletariats

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Eine realistisch erdachte Antizipation der kapitalistischen Entwicklung

Die Zentralisation des Kapitals und die Zertrümmerung des Proletariats

 

Claude Farrère¹ schrieb 1921 einen Zukunftsroman, der möglichst realistisch wirken sollte, dessen Geschehnisse heute allerdings schon wieder rund 30 Jahre zurückliegen. Indessen war dieser Roman selbst der heutigen Zeit in mancherlei Hinsicht um das ein oder andere voraus.
Die Zentralisation des Kapitals war weit fortgeschritten. In einer einzigen Fabrik, gelegen auf einer Insel im Mississippi-Delta, wurde das gesamte Brot für den amerikanischen Doppelkontinent hergestellt. Selbstredend war auch die Technik atemberaubend. Kleine Flugzeuge, landbar auf Flachdächern, eröffneten zumindest den Wohlhabenden bislang ungeahnte Mobilität. Nicht in dieses epochale Bild paßte da ein nach wie vor existentes Proletariat. Doch die Besitzer der Brotfabrik zeigten Herz und setzten es nicht einfach außer Brot². Das wäre nämlich möglich gewesen, da schon neueste Maschinerie eingetroffen war, die dies ermöglicht hätte. Die Schiffe mit dieser beladen wurden der Arbeiterschaft zuliebe und für sie außer Sichtweite weitab bei New Orleans verankert. Kurzum, die Arbeiter wußten davon nichts. Sie lebten in einer standardisierten Mustersiedlung mit mehrstöckigen Blocks, von der Firma für sie errichtet. In dieser gab es das für ihre Reproduktion nötige, Lebensmittelläden, Kneipen, Kinos, Kindergärten etc. Viele der Arbeiter fühlten sich durch die Eintönigkeit in dieser Wohngegend ebenso wie von der stumpfsinnigen Fabrikarbeit borniert und niedergedrückt. Manch einer versuchte sich durch Sabotage an den Backmaschinen Luft zu verschaffen, allenthalben erfolglos. Doch es gab auch einen, der den großen Aufstand plante. Dieser wurde ins Werk gesetzt, die Fabrik zu stürmen versucht. Mit brutaler Polizeigewalt wurde die Revolte niedergeschlagen. Schon anderntags langten die Schiffe mit den – den allergrößten Teil der Arbeiter ersetzenden – Maschinen an und so konnte die Produktion geradezu verzögerungslos fortgesetzt werden.

Aus Farrères Zeit heraus verständlich: Seinerzeit gab es noch eine Arbeiterbewegung. Die Arbeiterbewegung wurde über die Jahre vom demokratischen Staat, von seiner Bildungspolitik und den auf ihn verpflichteten Gewerkschaften sang- und klanglos abgewickelt. Ebensowenig konnte sich Farrère vorstellen, wieviele Arbeitskräfte als Selbstständige ausgelagert werden würden beziehungsweise zunehmend von vorneherein sind, Arbeitskräfte, die für das Kapital de facto zum Stücklohn – also jenseits einer geregelten Arbeitszeit – produzieren oder ihm anderweitig dienstbar sind.
Der Aktionismus der Arbeiterklasse, der – wie der Autor zeigt – an und für sich der Blindheit bedarf, wird im fatalen finalen Ansturm auf die Fabrik vorgeführt. Aktivisten handeln aufgrund einer rein moralischen Gesinnung. Wissen erübrigt sich für sie in aller Regel – nach der Devise: Man sieht doch, was Sache ist, und die ist zutiefst ungerecht. Diejenigen³ jedoch, die, wie sie glauben, mit Wissen unterwegs sind, behaupten gerne, daß Klassenbewußtsein und -kampf in Aktionen entwickelt werden können, diese also Voraussetzungen seien, die schließlich in einer grundsätzlichen Umwälzung der Verhältnisse münden sollten und müßten. Aber: So ein angedachter Übergang entbehrt der Logik, entbehrt jeder zwangsläufigen Notwendigkeit! Solch in Aktionismus resultierendes Klassenbewußtsein zeigt nur eines: Es ist ein beschränktes, die Kritik der Ökonomie ist nur eine sehr oberflächliche, obendrein fehlt überhaupt die Kritik der politischen Ökonomie, der Staatskritik. Schließlich ist es ja die Wirtschaft des Staates, der hat sie mit seiner puren Gewalt als private freigesetzt, ent- und beschränkt sie, kontrolliert sie also, er steht ihr ja vor.
Die kapitalistische Ökonomie hat sich für den Staat letzthin als die ihm zweckdienlichste und zuträglichste für die Schaffung nationalen Reichtums erwiesen. Die kapitalistische Wirtschaftsform verdankt sich.gewissermaßen der Ökonomisierung des Staates. Ebenso wie die Staatsform namens Demokratie sich für die Staat zu seiner Rechtfertigung und Legitimation sich als probateste erwiesen hat.⁴
Der Anspruch auf Profit wird aufgrund der im Kapital liegenden Notwendigkeit seiner permanenten Verwertung immer maßloser, entfernt sich immer weiter von seiner ökonomischen Grundlage. Auf diese Weise wird die Welt zugrunde gerichtet, ganz ohne Kriege, die.zu allem Überfluß keineswegs fehlen, ist der globale Kapitalismus doch in Form konkurrierender Nationen organisiert. Die versuchen ihre ökonomische Grundlage durch den Zugriff auf und gegen andere Staaten zu erweitern.

________________________
¹ Claude Farrère (1876-1957) in seinem Roman »Die Todgeweihten« [»Les condamnés à mort«], Drei Masken Verlag, 1922. Farrère war insbesondere an moderner Technik wie an der Psyche der Individuen interessiert.
² Sicher hat sich Farrère wohlwollend darin getäuscht, daß die Kapitalistenklasse gerade nach dem 1. Weltkrieg ein Mitgefühl für die Arbeiterklasse haben könnte oder aber einen blassen Schimmer, worauf ihr Profit beruht. Daß das Kapital auf die Gewalt des Staates zählen kann, war Farrère natürlich umso klarer.
³ Konsequenterweise führte das zu all den Beispielen in Sachen Ökonomie, die in der Sowjetunion und ihren Anhängerstaaten zu dem schnöden Nationalismus – und damit zur Westorientierung – geführt hat, an dem die Nachfolgestaaten bis heute zu ihrem eigenen Ruin leiden; in China zu einer Rekapitalisierung der Gesellschaft im Namen der Arbeiterklasse, des Sozialismus. Der Übergang von einer Teilrepublik der UdSSR zu einem heutigen faschistischen, pardon: demokratischen Staat wie der Ukraine ist nicht weit – deren Nationalismus hatte Chrustschow, zuvor Republikchef, mit der Angliederung der Ukraine gar noch honoriert.
⁴ Die Unklarheiten bezüglich des Klassenbewußtseins haben freilich schon ihren Anfang bei Lenin: »Der Staat ist eine Maschine zur Aufrechterhaltung der Herrschaft einer Klasse über eine andere.« [»Über den Staat«, Vorlesung an der Swerdlow-Universität, 11.07.1919] Er definiert den Staat als Mittel der Ausbeuterklasse. Er sieht den Staat nicht als Souverän an, der sich selber seine Zwecke setzt, eben auch und gerade in seiner Ökonomie. Lenin legt den Fehlschluß nahe, daß der Staat befreit werden müsse, aus den Händen der Bourgeoisie und in die des Proletariats überführt werden müsse. Der Staat ist nach Lenin also nicht ein Klassenstaat, ein Staat, der über den Klassen steht, sondern der Staat einer Klasse. Aus diesem Dogma heraus erschließen die Revisionisten, daß mit dem Klassenkampf der Staat von der Besetzung durch eine Klasse in die Besetzung der bisher unterdrückten überzugehen hat. Es handelt sich also um eine brutale Affirmation staatlicher Gewalt!
 

24.10.2025
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Kapitalismus 2025: Eine ungeheure Datensammlung

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Kapitalismus 2025: Eine ungeheure Datensammlung
Die Unterhaltungsindustrie auf der Überholspur

 

Das Profitinteresse des Kapitals war historisch betrachtetet von vorne herein nicht auf eine einzelne oder eine bestimmte Anzahl von Segmenten der Produktion beschränkt. Alle gesellschaftlichen Bedürfnisse wurden bedient und selbst das war nicht ausreichend. Immer mehr Gegenstände wurden erfunden, die einen nützlichen Gebrauchswert hatten. Oft und immer öfter rief erst die produzierte und auf dem Markt feilgebotene Ware die Nachfrage danach hervor. Die Fantasie der Menschen war schnell zu erregen, zu begeistern. So rasch, daß auch viel Zeug verkauft werden konnte, mit dem zwar ein gutes Geschäft zu machen war, dessen Qualität und/oder Halbwertszeit jedoch schwer zu wünschen übrig ließ, deren »Neben«wirkungen nicht unbeträchtlich waren. So ist das alles natürlich bis heute geblieben.

Immer schon war eine Wertschöpfung für den rein intellektuellen Raum vorhanden. Waren die Waren diesem Feld ursprünglich auf Zeitungen und Bücher ausgerichtet, kamen im Laufe des 20. Jahrhundert eine technikbasierte Ausweitung gigantischen Ausmaßes hinzu: Grammofon, Film, Radio, Fernsehen, CD/DVD, Computer, internetfähige mobile Geräte…
All dies benötigt jenseits von Hard- und Software Inhalte.¹ 
Diese Inhalte beschäftigen den menschlichen Geist und haben mit der täglichen Arbeit für Geld herzlich wenig zu tun. Diese Inhalte besetzen die sogenannte Freizeit. Das ist die Zeit, die das Individuum jenseits seiner täglichen Arbeitszeit zur Reproduktion seiner Kräfte nötig hat. Doch nur ein Teil dieser freien Zeit widmet das Individuum notwendigerweise dem Schlaf. Seit Erfindung des elektrischen Lichts ging diese Ruhezeit zurück
derzeit haben ca. 40% in der BRD nicht ausreichend Schlaf (dabei ist die Definition von »ausreichend« ohnehin schon auf ein Minimum hin definiert!) , Schlafstörungen hingegen nehmen zu. Nicht deswegen, weil das Individuum ausreichend Schlaf nicht mehr in diesem Ausmaß nötig hat, vielmehr einfach deshalb, weil das Hirn über die tägliche Arbeit hinaus immer mehr beladen, ja belastet wird. Unterhaltung verspricht dem Individuum nämlich eine Kompensation für seine Defizite im Arbeitsleben und überhaupt für all die, die er in der kapitalistischen Gesellschaft erleidet.

Das Kapital hat im Verlauf seiner Entwicklung immer mehr im Unterhaltungssektor investiert. Soviel, daß dieser Sektor, die technischen Voraussetzungen dazugezählt, eine schier unglaubliche Zugkraft entwickelt hat. Im Jahre 2024 setzte die Unterhaltungsindustrie in der BRD 111,6 Mrd. € um, Tendenz steigend zum Vergleich: Der Umsatz der Lebensmittelhersteller belief sich auf 232,8 Mrd. €, Tendenz fallend. Und selbst im globalen Süden hat allem dort herrschendem Hunger zum Trotz das Smartfon seinen Siegeszug angetreten (und zuvor schon das Fernsehen). 

Das Individuum ist gerade über diese Schiene selber zum Produkt des Kapitalinvestments geworden. Dies wird perfektioniert durch eine ungeheure Datensammlung² der  Bedürfnisse, die bei Kauf oder auch nur online beim Betrachten einer Ware erhoben werden. Diese Daten werden unmittelbar in die Produktion, nicht zuletzt in virtuelle Produktion, überführt, und deswegen allein schon sind  die Daten werthaltig. Die Waren fluten die Märkte massenweise, sogar jenseits des gesamtgesellschaftlichen Bedarfs. Die Daten sind unentbehrlich nicht nur für Erfindung und Herstellung der Waren, sondern erst recht für deren Versilberung, für die letzte Transaktion, der Verwandlung von Ware in Geld.³
Die Unterhaltungsbranche hat das Individuum sicher im Griff: Gerade weil sie seine Bedürfnisse sozusagen rund um Uhr und Raum dominiert. Im Gegensatz zu Nahrungsmitteln etwa, deren Genuß seine natürliche Schranke hat, unwesentlich mehr gegessen und
die Alkoholabhängigen mal beiseite gelassen  getrunken werden kann und damit der Umsatz beschränkt ist, ist der der Sfäre der Unterhaltung schier grenzenlos. Sicher, man kann sich immer nur einem Medium gleichzeitig widmen, jeder leistet sich jedoch schrankenlos viel Zeug zur Unterhaltung. Wie oben bereits gesagt, verlangt das die Hoffnung auf Kompensation, das Bedürfnis nach Kompensation aller Unannehmlichkeiten, die das Individuum so erleidet. Und die Unannehmlichkeiten sind erfahrungsgemäß sonder Zahl.

Doch wenn es bloß das wäre! Mit den Medien werden ihm ja die Inhalte vermittelt, mit denen er weiterhin gesellschaftlich brauchbar gehalten bzw. gemacht wird. Ihm werden all die Klischees, Stereotypen, Gewußt-Wie-Rezepte bis hin zu politischen Freund- und Feindbildern also die moralischen Orientierungspunkte  nahegebracht. So nahe, daß jeder automatisch aufs Abstellgleis geschoben wird, wenn er solchen Angeboten inhaltlich widerspricht, sich ihnen verweigert.

Die gesamten Entscheidungen von Politik und Wirtschaft werden dem Leser, Hörer, Zuschauer auf ein Unterhaltungsangebot so zugeschnitten, daß der alles eben so wahrnimmt, wie es dargestellt ist: Oberflächlich, leicht konsumierbar. Tatsachen sollen ebensowenig wie Maßnahmen nicht nach ihrem Grund befragt werden, Fragen überhaupt sind schon durch die Darstellung ausgeschlossen, es zählen Fakten  auch wenn nur allzu oft etwas nur als Faktum dargestellt wird, also erlogen ist. Daraus folgt jedenfalls: Kein Widerspruch erlaubt! Spekulationen, Wunschdenken obendrein sowieso uferlos.

Überhaupt ist die durchgesetzte Maxime in den führenden kapitalistischen Staaten: Alle Welt will belogen sein. Ohne Frage, gilt es doch stets, den Gegenüber über den Tisch zu ziehen, in der Wirtschaft wie in der Politik. Natürlich muß man diese Verlogenheit adaptieren, wenn man Karriere machen will. So erklärt es sich, daß die größten Halunken die besten Chancen haben und konsequenterweise auch ganz oben stehen: Sie pflegen die hohe Kunst der Verstellung. Den Oberhäuptern der Gesellschaft ist sie in Fleisch und Blut übergegangen.

Das macht es im übrigen gerade den Staaten schwer, die diese Maxime nicht kapiert haben oder nicht kapieren wollen. Das ist oftmals ein desaströser Lernprozeß, wie beispielsweise an Rußland zu sehen ist.

Die Verlogenheit, die gerade in der unhinterfragbaren, geradezu kindergerechten Vereinfachung eines Sachverhalts steckt, macht Politik so überaus kompatibel mit dem Märchenland der Unterhaltungsindustrie.
_____________________________
¹ Was die konkreten Inhalte sind, wie umfassend sie in den Alltag eingreifen, das kann sich leicht jeder selber ausmalen, ja an sich selber sehen. Eine Aufzählung wäre ohnehin nie vollständig.
² Es ist gerade so, als würde auf Marx' Einstieg in seine Kapitalanalyse noch eins draufgesetzt:
»Der Reichtum der Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine 'ungeheure Warensammlung', die einzelne Ware als seine Elementarform.« (Karl Marx, Das Kapital, Band 1, S. 49)
³ Zu Umschlaggeschwindigkeit und Umschlagzahl des Kapitals und dessen Bedeutung im Fortschreiten der Entwicklung siehe Marx, Das Kapital, Band 2

 

01.09.2025
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Politische Psychologie: Das Amerikanertum

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Das Amerikanertum
Nationaler Erfolg schlägt sich im Bewußtsein politisierter Staatsbürger nieder, Mißerfolg nicht minder.

 

Es gibt zweifellos so etwas wie »Völkerpsychologie«. Allerdings nicht in dem herkömmlichen Sinn wie sie einstige und heutige Politiker in Deutschland und die mit ihm verbündeten Staaten geprägt haben: In ihrer Herrenmensch-Arroganz haben diese Figuren die Unterschiede der Menschen in den verschiedenen Ländern auf die Natur zurückgeführt und tun dies weiterhin. Diesen Rassismus können sie in ihrem politischen Denken und Handeln nicht verleugnen. Um Beispiele anzuführen: Warum durfte und darf die Türkei nicht der EU beitreten? Oder warum darf das »gemeinsame Haus Europa« nicht mit Rußland und Weißrußland gebaut werden, aber mit den Bandera-Nazis der Ukraine? Warum ist ein Damm gegen Flüchtlinge aus Afrika gebildet worden? Warum distanzieren sich Von der Leyen, Merz, Klingbeil und Co. nicht von Israels Genozids? Warum weifert sich Deutschland hartnäckig, im Krieg überfallenen Staaten wie Griechenland für Überfall und Gräueltaten zu entschädigen? Warum rehabilitiert Deutschland Offiziere der Nazi-Wehrmacht und stellt sie als Vorbild hin¹? Usw. usf. Niemand kann behaupten, daß all das politisch und ökonomisch wirklich zweckmäßig ist für die Staatsräson einer kapitalistischen Gesellschaft. Klar, es wird dennoch mit verräterischen Vehemenz! — glauben gemacht. Doch keiner der vielzitierten »Experten« prüft diese Behauptungen und wagt, Einwände zu erheben; nicht einmal die Leute der Wirtschaft. Es könnte immer aufs neue überraschend sein  so man nicht um die Dringlichkeit kurzfristigen Profits wüßte —, schlägt man das Zentralorgan der Investoren, das Handelsblatt, auf, wie dort speziell der deutschen Außenpolitik aus dem Hirn gefressen wird: Dabei muß man kein tieferes Verständnis der Wirtschaft haben, um zu sehen, wie kontraproduktiv Wirtschafts- und Außenpolitik nicht nur aber gerade die der derzeitigen Regierung ist.
Aus Marxscher Sicht muß man sie gar als noch destruktiver einschätzen: Schließlich sind Investitionen ins Militär totes Kapital, Kapital, das dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird: Waffen, die nicht eingesetzt werden, rosten vor sich hin, entwerten sich ohne irgendwem irgendetwas gebracht zu haben; werden sie eingesetzt, zerstören sie die Ökonomie erst recht.

Also was kann unter Völkerpsychologie im Gegensatz zu dieser zutiefst rassistischen Auffassung verstanden werden. Der Grieche Nikos Dhimu hat ein aufschlußreiches (auch auf deutsch erschienenes) Büchlein geschrieben: »Über das Unglück, ein Grieche zu sein«.² Dhimu ist ein politisierter Bürger, Anhänger seiner Nation. Als solcher hat er ein Riesenproblem: Griechenland stellt in der heutigen Welt einen abgehängten, schwachen Staat dar. Kein Vergleich zur Macht der griechischen Stadtstaaten in der Antike, in der die griechische Ökonomie mit ihrem weit verzweigtem Handel und die geistigen, wissenschaftlichen Errungenschaften so zentral waren, daß sich gar die griechische Sprache zur Weltsprache entwickelt hatte. Was Dhimu also so anschaulich vor Augen führt, ist, daß ein politisierter Bürger sein persönliches Image auf die Zugehörigkeit zu einer Nation zurückführt, genauer: zu deren Rang unter den Staaten: Wie selbstverständlich mißt er die Nation am Anspruch, Weltmacht zu sein. Immerhin vermeidet die NATO-, EU- und €-Mitgliedschaft dann seinen intellektuellen Selbstmord…

Kein Wunder, daß die Weltmacht USA in Sachen Nationalismus die Nr. 1 sind. Dieser so qua Erfolg gut begründete Nationalismus macht gleichwohl nicht Halt an den Grenzen einer Nation:
»… Je nachdem die politischen Formen eines fremden Landes denen der Vereinigten Staaten entsprechen, wird dieses Land, bei Gleichstand auf andern Gebieten, als dem Amerikanertum nahekommend erachtet. Doch wenn von diesem politischen Moment die Rede ist, wird gewöhnlich ein Synonym für den Begriff Amerikanertum gebraucht, und dieses lautet: Demokratie. …
Der Glaube an das Hinstreben der ganzen Welt zum Amerikanertum ist ihnen [den US-Amerikanern] so in Fleisch und Blut übergegangen, daß es nur sehr schwer aufgegeben werden wird; und wenn die Umstände sie zum Aufgeben zwingen, so besteht die Gefahr, daß sie die ganze internationale Zusammenarbeit aufgeben. Menschen, die so verdreht sind, daß sie Ausländer bleiben wollen, verdienen eben keine Hilfe. …
«³
Aufzugeben kommt für die politische Führung natürlich nicht einfach dann infrage, wenn sie (zeitweise) mit ihren nationalen Ansprüchen nicht durch- oder vorankommt. Sie setzt alles daran, diesen ihr unerträglichen Zustand zu beenden. Sofern Wirtschaftskriege dazu nicht ausreichend sind, kommt der Einsatz des Militärs in Betracht.

Das nationale Programm, die Staatsräson ist unberührt, ungeachtet welche Personen und welche Partei die nationalen Spitzenämter bekleiden. Die Charaktermasken der Politik konkurrieren darüber gegeneinander: Wer ist der konsequenteste Anwalt der Nation.
Das ist Demokratie. Das ist us-amerikanisches Vorbild. Politisierte Bürger in aller Welt haben daran einen Narren gefressen. Und das ganz jenseits des Rangs ihres Staates im Konzert der Nationen.
__________________

¹ Im August 2024 unter Regie des Bundesverteidigungsministerium, vom SPD-Militaristen Pistorius geführt. Halbherzig wurde das dann doch wieder zurückgenommen, nachdem die taz getitelt hatte: »Mehr Wehrmacht wagen!« Aber allein wieviel Leute dafür bezahlt wurden, von der Politik beauftragt, solchen Scheiß auszuarbeiten und als ernsthaft und wichtig zu präsentieren, wirft ein schlagendes Licht darauf, was der demokratische deutsche Staat unter »Vergangenheitsbewältigung« versteht. Ganz abgesehen davon, daß der Nazi Stauffenberg, der sich als besserer Hitler verstand, nach wie vor in hohen Staatsehren steht..
² Νίκος Δήμου, Η δυστυχία του να είσαι Έλληνας
³ Geoffrey Gorer, Die Amerikaner – Eine völkerpsycholgische Studie, 1949, dt. 1956, S. 163

 

30.08.2025
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Die Leiden der linken Opposition

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Der Haken, an dem linke Oppositionelle leiden

 

Sie leiden gerade insofern schwer, als sie in Wahlen ein Mittel sehen, um ihren menschenfreundlichen Anliegen zum Erfolg zu verhelfen.

»Die Leute, die Kerzen auf dem Altar des Ideals anzünden, haben immer eine Kerzenfabrik hinter sich.« (Dino Segre alias Pitigrilli in »Vegetarier der Liebe«) Das Perverse ist, daß sozial gesinnte, also links orientierte Leute weder eine Kerzenfabrik noch sonst eine Fabrik hinter sich haben, wenn sie Idealen huldigen. Sie wollen mit ihrem Idealismus ganz grundsätzlich gegen den Materialismus schlechthin ankämpfen, den sie für des Teufels halten. Ja, damit nehmen sie Abstand auch von ihrem eigenen Marterialismus: En vogue kam diese Haltung mit der Hippiebewegung in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Jene an sich sympathischen Typen damals empfahlen ein einfaches Leben, eine Flucht aus der kapitalistischen Konsumwelt. Doch diese hat die Bewegung alsbald wieder aufgesogen, allzu verlockend waren die Angebote der Warenwelt. Bunte, oft überaus praktische Gebrauchswerte hatten die ideellen »Werte«, mit denen man ja nichts anfangen konnte und kann, in den Schatten gestellt. Und nicht allein das. Die Idealismen wurden denen überlassen, die als Kapitäne der Wirtschaft, als Führer der Politik und als amtliche Schullehrer der Staatsräson sie zur Beschönigung ihrer gewaltbasierten Taten benutzen wollten und benutzt haben und weiterhin mit diesen Idealen propagandisch hausieren gehen. 

Nichtsdestotrotz erheben die mittellosen, unbedarften Idealisten immer erneut ihr Haupt, messen Herrschaft und Wirtschaft an ihren — man kann getrost sagen — Utopien einer heilen Welt, einer antimaterialistischen Welt — ganz ohne irre zu werden. Sicher, der insbesondere unter der Jugend zirkulierende Idealismus legt sich in aller Regel im Laufe der Alterung seiner Protagonisten. Das kann man sehr deutlich sehen, an denen, die bei Wahlen »links« wählen. Also hierzulande an Parteien wie »Die Linke«, die Piratenpartei, »Die Partei« von Martin Sonneborn oder MeRA25 von Janis Warufakis [Γιάνης Βαρουφάκης].¹ Sehr gut bemerken sie mitunter, daß alle anderen Parteien nichts mit einem antimaterialistischen Idealismus am Hut haben, hingegen den Idealismus für ihren kapitalistischen Staat als dessen Rechtfertigung und zu dessen Verklärung benutzen.

Die Haltung all der idealistisch infizierten Opposition ist selbstredend keine der Arbeiterklasse. Diese Klasse (aus-)verkauft vermittels ihrer gewerkschaftlichen Organisationen ihre materiellen Interessen an ihre Gegner. Dabei ist unterstellt, daß sie mit diesen in einem Boot sitzt und Gegensätze deshalb zu unterbleiben hätten. Das Dementi eines fundamentalen Gegensatzes materieller Interessen also! 
Manchem derer, die idealistisch unterwegs sind, fällt diese Trennung von der Arbeiterklasse störend ins Auge: Denn eigentlich, so meint ein solcher, gehörte gerade auch diese Klasse, die ja offenkundig wirklich nicht viel zu lachen hat, doch auch zur Opposition und es wäre erfolgversprechender, man zöge gemeinsam an einem Strick. Dieses Wunschdenken ist vor allem in der Partei »Die Linke« beheimatet. Dort macht man sich allerdings keinen Gedanken darüber, warum das nur ein Wunschdenken ist und bleiben muß. Denn weder dem eigenen Idealismus von einer Gesellschaftsordnung noch der sozialverträglichen nationalen Gesinnung der Arbeiterklasse möchte man zu nahe, auf die Füße treten. Und so gehen politische Opposition und die materielle Durchsetzung von Arbeiterinteressen gegen das Establishment eben nicht zusammen, zumal letztere eben gar nicht als wirklicher Gegensatz genommen werden.²

Natur- und Klimaschützer bringen ein materielles Interesse vor, da es sich um menschliche Lebensgrundlagen handelt, die tagaus tagein von einer kapitalistischen Wirtschaft zerstört werden. Freilich nur allzuoft wollen diese Schützer damit keine Gegnerschaft zu den gesellschaftlich obwaltenden Interessen eröffnen. Ganz im Gegenteil, sie meinen, daß ihre und jene Interessen im Grunde gar nicht auseinanderfallen dürften und schon gleich nicht sollten. Insofern machen sie einen Übergang vom materiellen Interesse hinweg zu einem Idealismus. Denn in der Tat liegt Natur- und Klimaschutz nur bedingt und sehr sehr untergeordnet im Interesse eines kapitalistischen Staates. Solch Schutz ist ja logischerweise ein nachgeordneter: Wie kommt man denn darauf, etwas schützen zu wollen, wenn es zuvor nicht verwundet worden ist? 
Kein Wunder, daß sich also auch Klima- und Naturschützer im Kreise einer linken Idealistenpartei am ehesten wohlfühlen. 

Noch etwas muß gesagt werden: Eine gewisse Naivität lassen Linksidealisten gegenüber anderen Staaten erkennen. Wenn irgendwo in der Welt oppositionelle Demonstranten unterwegs sind, dann wollen sie nicht herausfinden, welches Interesse jene überhaupt vertreten, was sie auf die Straßen treibt. Oft genug sind die Ansprüche doch nichts anderes als die, die westliche Einmischung in ihre Länder gutheißen und fordern, ja bis hin zu einem in völliger Ignoranz gegenüber den Interessen der imperialistischen Staaten — geforderten Umsturz. Mit solchen Demonstranten sich hierzulande solidarisch zu erklären, ist die Perversion jeglichen materiellen Interesses, paßt also ausgezeichnet zu einem radikalisierten Idealismus. 

Mit einem auf die Spitze getriebenen Idealismus glauben seine Protagonisten doch gleichwohl bei der Herrschaft früher oder später Gehör finden zu müssen. Und in diesem Vorhaben entdecken sie nicht ihrer Täuschung, lassen sich nicht so leicht ent-täuschen. Im Gegenteil, dieser Irrtum verführt sie mitunter zu immer noch radikalerem Protest. Sicher, nur wenige werden Anarchospontis, doch auch diese Sackgasse eröffnet sich allen Idealisten. 
_______
¹ Auch DIE GRÜNEN starteten als Idealistenpartei. Der Abschied vom Idealismus erforderte die Ermordung ihrer damaligen Parteichefin Petra Kelly.
² Die Gewerkschaften ködern ihr Arbeiterklientel regelmäßig mit einem Ideal von Gerechtigkeit. Sie verstehen sich auf die gleichen Heucheleien wie die Politik. Bei denen, die vorgeben, sich um die materiellen Interessen ihrer Klasse zu kümmern, ist das besonders gemein.

 

27.08.2025
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