Das euroimperialistische Projekt mit aller Macht aufrechterhalten!
Zwei »Vordenker«¹ lassen sich über die europäische Krise aus. Wie alle Nationalisten suchen und finden sie den Grund der Krise auswärts.
»Die Welt ist aus den Fugen geraten. Das Recht weicht der Macht. Die Imperien sind zurück. China und die Vereinigten Staate inszenieren ihre Rivalität und erwarten, daß sich der Rest der Welt unterordnet. Die Giganten der neuen Technologien liefern sich einen Wettlauf um grenzenlose Investitionen. Zwischen zwei Großmächten eingeklemmt, sind wir Europäer in einer passiven Rolle. Unsere Industrie verliert an Stärke. Militärisch bleiben wir schwach und gespalten – angesichts einer weiterhin bestehenden russischen Bedrohung. Bei der künstlichen Intelligenz liegen wir Jahre zurück.«
Soweit also die einführende Diagnose. Nun, in einer Krise ist sich jeder selbst der Nächste, das gilt gerade auch für die USA, deren Verantwortliche ebenso denken, nämlich die Krise von außen bedingt wahrnehmen. Und welcher Staat reklamiert das Recht nicht für sich? Im Falle, dieses läßt sich international nicht vermittels ökonomischer Erpressung durchsetzen, was liegt dann näher, als vorhandene Gewaltmittel einzusetzen? So denken ja auch die beiden Vordenker, wenn sie die unzureichenden Mittel Europas beklagen. Sie wünschen wohl, die EU-Führungsmächte könnten ökonomisch und militärisch eben so um sich schlagen, also eine aktive Rolle spielen, wie das die USA tun, um ihre Ökonomie aus der Krise zu befördern.
Sie fühlen sich von Rußland bedroht, ohne zu bemerken, daß sie diese Bedrohung selber geschaffen haben mit ihrem Krieg dafür, die Ukraine der urrussischen Einflußsfäre zu entziehen und auf diese Weise Rußland zu degradieren.
Gerade dieses antirussische Projekt sollte ja der Industrie zugutekommen, die in der Krise steckt. Okay, von Krise wollen sie nicht reden, also reden sie – sprachpsychologisch versiert – schönfärberisch von verlierender Stärke. Das Zurückbleiben in Sachen KI empfinden sie ziemlich unverständlich: Daher sehen sie sich veranlaßt, Alarm zu schlagen – zu wessen Gehör?
Sodann erwähnen sie das Erstarken der Rechtsextremen, deren Vorstellungen von europäischer Integration nur »Lippenbekenntnisse« seien.
Kurzum, aus all diesen »Gefahren« leiten sie die Verantwortung der »deutsch-französischen Union« ab: »Wie können wir auf dem Weg dieser deutsch-französischen Union voranschreiten?«
»… Wir müssen vier zentrale Fragen klären: Welche politischen Beziehungen wollen wir zu den Vereinigten Staaten aufrechterhalten? Welche Handelsbeziehungen wollen wir mit China aufbauen? Wie schützen wir unsere europäischen Grenzen angesichts von Migrantenströmen, die in den kommenden Jahren wieder stark zunehmen können? Wie diversifizieren wir unsere Handels- und politischen Beziehungen in einer Welt im Umbruch?«
Das Interessante an diesen Fragen ist, was ihnen unterstellt ist. In keiner Weise profitiert der europäische Standort und seine Herrschaft von der Lage (»der Welt im Umbruch«), so daß sie den USA und China weder Angebote machen können noch gar etwas diktieren können. Und zu allem Verdruß sollen sie sich auch noch mit den Opfern – auch ihrer – kapitalistischen Ökonomie und – auch ihrer – Kriege herumschlagen müssen. Das verspricht alles weder ökonomischen noch politischen Profit. Über das in Gaza, der Westbank und im Libanon durch das israelische Terrorregime geschaffene Elend verlieren sie natürlich kein Wort. Es interessiert die feinen Herren der gesellschaftlichen Elite schlicht nicht! Es sei denn, es sei denn, die als menschlicher Müll Betrachteten kommen zu »uns«!
Da ist es kaum ein Wunder, daß sie an dieser Stelle gleich den Übergang zur Gewaltfrage machen: »Zweitens müssen wir dringend eine enge Zusammenarbeit im militärischen Bereich und bei großen Verteidigungsprogrammen wiederbeleben. … Wir sollten uns das Ziel einer gemeinsamen Landstreitkraft setzen – als Vorstufe zu einer europäischen Armee, die eines Tages unsere Sicherheit und Unabhängigkeit garantieren wird.«
Offenbar bedürfen die eingangs erwähnten Gefahren über kurz oder lang einer militärischen Aktion, da man offenkundig ja nicht klein beizugeben gewillt ist. Aus diesem Grund bleiben auch die Beziehungen zu den Großmächten USA, China und Rußland² so gespannt und die Interessen ihnen gegenüber so abhängig wie sie sind.
Nichtsdestotrotz sollen da zunächst ökonomische Aufgaben bewältigt werden. »Die Vollendung der europäischen Kapitalmarktunion muß innerhalb von zwei Jahren erfolgen. Ab 2027 werden Frankreich und Deutschland alle technischen Schwierigkeiten auf diesem Weg überwunden haben. Sie werden ein deutsch-französisches Sparprogramm einführen. Sie werden einen deutsch-französischen Staatsfond schaffen. Wir wollen eine einfache Regel festlegen: Das Geld der Europäer muß in Europa investiert werden – in europäische Unternehmen, für europäisches Wachstum.«
Ob das das Kapital gerne hört, wenn es in seiner unternehmerischer Superfreiheit des Investments beschränkt wird? Sollen auf diese Weise die Profite europäischer Unternehmen begrenzt und damit ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit beschnitten werden? Und woran soll gespart werden? Doch nicht an den Geldern für das Kapital, die es als Ersatz von staatlicher Seite fordern wird, wenn es im Ausland nicht investieren darf? Im übrigen: Hört sich das nicht so an, als würden das die Rechtsextremen – von denen man sich eingangs gleich mal abgrenzen wollte – nicht Ebensolches fordern?
Weiter:
»Harmonisierung muß zum Leitmotiv unserer [zwischenstaatlichen] Beziehungen werden. Bei Hochschulabschlüssen, bei der Besteuerung, bei Umweltfragen und industriellen Investitionen wollen wir dieselben Normen: einfach, klar und effizient. Um auf diesem Weg … voranzukommen, schlagen wir einen großen Zehnjahrespakt vor: »Schulden gegen Schulden«. Innerhalb von 10 Jahren verpflichtet sich Frankreich, seine Verschuldung im Rahmen der Maastricht-Kriterien zu senken, während Deutschland zustimmt, gemeinsam 1000 Milliarden Euro europäischer Schulden aufzunehmen. Diese gemeinsamen Schulden sollen Investitionen in Verteidigung, künstliche Intelligenz und die Dekarbonisierung der europäischen Wirtschaft finanzieren. Sie werden [sollen?] die internationale Rolle des Euro stärken. Sie werden [sollen?] der europäische Produktivität und dem europäischen Wachstum neuen Schwung verleihen.«
Einen Automatismus für die Umsetzung solcher Vorstellung gibt es natürlich nicht. Deshalb fahren sie – filosofisch wie sie denken – fort, die Bedingungen der Möglichkeit dafür zu eruieren: »Keines dieser Projekte kann ohne einen tiefgreifenden Wandel der Arbeitsmethoden zwischen unseren beiden Regierungen und ohne besseres gegenseitiges Verständnis unserer Völker gelingen.«
Man fragt sich, was »die Völker« in diesem Überlegungen zu suchen haben? Sollen sie sich positiv auf die Belastungen und Zumutungen einstellen, auf die Kosten, die sie zu tragen haben und die nicht ohne Grund hier nur angedeutet werden sollen? In diesem Zusammenhang ist der Begriff »Produktivität« beachtenswert: So als ob sich die nicht in Abhängigkeit der Kapitalverwertung einstellt oder eben nicht: Wohl denken sie in dieser Hinsicht ähnlich wie die derzeitige Politik ohnehin: Der Grad der Ausbeutung läßt zu wünschen übrig! Längere Arbeitszeiten, niedrigere Entlohnung und überhaupt schlechtere Bedingungen für die Arbeiterklasse, der es im internationalen Vergleich einfach zu gut gehen soll. Und wenn das die Wirtschaft nicht schafft, dann soll der Staat da nachhelfen – was ja nun auch diesbezüglich in die faschistische Richtung driftet.
Fazit: So schwierig konstruktiv nationalistisches Denken für ein supranationales Projekt auch ist, so zermartern sich tatsächlich sich für befugt Haltende die Köpfe. Heraus kommt ziemlich viel unausgegorenes Zeug, das einzig von dem Wunsch getragen wird, mit aller politisch-ökonomischen Gewalt (die die militärische selbstredend einschließt) dem Projekt zu einem Erfolg zu verhelfen, den man gewiß nicht der Zustimmung der breiten Masse überlassen möchte. Eine breite gesellschaftliche Diskussion wird explizit ausgeschlossen: »… der deutsch-französische Ministerrat zu einem echten Entscheidungsgremium wird. … künftig einmal im Monat zusammentritt. … die Ernennung eines ständigen deutsch-französischen Ministers in jeder unserer Regierungen...« So beinhaltet die staatskonforme Denkfabrik der Vordenker zu guter Letzt auch noch ein mehr an Bürokratie.
Auf keinen Fall erlauben sich solche Experten über die durch und durch verfahrene Lage kapitalistischer Staatsräson hinaus zu denken: Zeigt sich nicht gerade mit derlei Gedankengebäuden, daß unterm Strich nichts vernünftiger wäre als die komplette Beseitigung der ganzen Scheiße, des Kapitalismus?
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¹ Es handelt sich bei denen von den beiden Zeitungen, die jenen Aufsatz veröffentlicht haben, als Vordenker bezeichneten Autoren zum einen um Christoph Hausgen, einen ehemaligen Berater der Bundesregierung und Vertreter der BRD bei der UN. Er sorgte für Schlagzeilen, als er seiner Frau einen hoch dotierten UN-Posten verschaffte. (Korruption gehört bekanntlich zum politischen Geschäft.) Zum anderen um Bruno Le Maire, Ex-Verteidigungsminister sowie Ex-Finanz- und Wirtschaftsminister Frankreichs. Die veröffentlichenden Zeitungen waren am 05.06.2026 die Augsburger Allgemeine und am 04.06.2026 Les Echoes. – Alle Zitate sind in fetter Schrift.
² Ob sie etwa Rußland in ihrem ideologisch festgefahrenen Wunschdenken gar nicht wirklich zu den Großmächten glauben zählen zu müssen?
05.08.2026 © Kommunikation & Kaffee Augsburg
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