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Das Elend der Bedürfnisse im Kapitalismus

 

Im Kapitalismus werden permanent neue Bedürfnisse geschaffen. Und zwar sowohl hinsichtlich der Verwertung des Kapitals und der dafür notwendigen politischen Entscheidungen wie hinsichtlich der Reproduktion seiner Grundlagen. Ob diese Bedürfnisse illusionär sind oder nicht, ist erst einmal nicht die Frage, das entscheidet sich ja sowieso in der Praxis ihrer Bedienung und der Möglichkeit ihrer Bedienung.
Marx hat im ersten Kapitel des ersten Abschnitts des Kapitals darauf hingewiesen, daß die Bedürfnisse die Zwecke menschlichen Handelns erschließen.
An dieser Stelle soll sich nun nicht mit den Bedürfnissen des Kapitals — sowohl des produktiven Kapitals, des Handelskapitals wie des Geldkapitals — befaßt werden, mit seinem unermeßlichen Bedürfnis nach immer neuem Kredit und (Re-)Finanzierung seines Geschäftsgangs. Dies ist bei Marx ausführlich zu studieren. Ebenso wenig soll an dieser Stelle auf das Bedürfnis der politischen Gewalt, des Staates an einer für ihn nützlichen Wirtschaft(sordnung) eingegangen werden.
Wenden wir uns den Bedürfnissen der »einfachen Leute« zu, also derjenigen, die ihre Arbeitskraft zu Markte tragen müssen, um ihre (Lebens-)Bedürfnisse befriedigen zu können. Diese scheinen ja gerade unter kapitalistischen Umständen vielfältiger zu sein denn je.
Eine weit verbreitete Meinung ist die, daß es Bedürfnisse gibt, die in Ordnung gehen und welche, die nicht in Ordnung gehen. Diese moralische Sortierung der Bedürfnisse leugnet ihre — systemimmanente — Notwendigkeit. Inwiefern? Die Abschaffung des Kapitalismus würde zweifellos vom penetrant permanenten Druck befreien, Entscheidungen bezüglich der Erfüllung seiner Bedürfnisse zu fällen. Bedürfnisse, die zum guten Teil unmittelbar dem System geschuldet sind und zum anderen unter es subsumiert sind, insofern sie einem Umgang mit und einem Zurechtkommen in ihm geschuldet sind und sich ganz praktisch in dem Verfügen über allzu wenig Zeit und Geld geltend machen.
An diesem Punkt sind Bedürfnisse in zweierlei Hinsicht festzuhalten: In die unmittelbar der Reproduktion geschuldeten und in die einer — dem Individuum als solche oftmals kaum bewußte — Entschädigungserwartung, welche, solange das System andauert bzw. solange man ihm nicht auskommt, gleichzeitig zu Tage treten, die aber auseinanderfallen, sobald das nicht mehr der Fall ist. Gebunden sind die Bedürfnisse allenthalben an ein Bewußtsein eines der kapitalistischen Gesellschaftsordnung verhafteten Individuums, der Art, daß es sich immer um sich dreht (und drehen muß) und daher — dieser Schluß ist kein notwendiger! — der Meinung ist, die Welt drehe sich um das eigene Ich. Dabei pfeift die Welt auf das Individuum: Was man zumal daran sieht, daß jeder Euro »Anpassung« der Renten oder des Arbeitslosengeldes an das Existenzminimum als »Erhöhung« verstanden wird und so schwerste Bedenken ob seiner nationalen Verantwortung hervorruft. Doch sobald das wahrgenommen wird, wird sich das Individuum nicht mehr in dieser Weise wichtig empfinden. Solche Wahrnehmung ist dem Individuum in aller Regel fremd, das einmal etablierte Bewußtsein des Individuums empfindet eigene Unwichtigkeit — die sich oft genug nicht verleugnen läßt — als Defizit und kämpft mit allen Mitteln dagegen an. Es kämpft also in aller Regel eben nicht gegen die Ursache seiner Lage, der gegenüber weiterhin Ignoranz herrscht, und, insofern nicht Ignoranz herrscht, ihr gar die Bescheinigung ausgestellt wird, die Sache von Geschäft & politischer Gewalt ginge schon in Ordnung. Das Individuum kümmert sich also vornehmlich um seinen Status und die Symbole, die es dafür braucht, als gesellschaftlich anerkannt zu gelten. Deshalb ist Angeberei das allerselbstverständlichste: In seiner Rede stellt das Individuum permanent sich heraus — im ausgesprochenen und unausgesprochenen Vergleich mit anderen und der Welt.
Dafür gibt es wirklich keine Notwendigkeit, aber das Individuum macht es trotzdem, es hat in all seiner Freiheit einfach ein Bedürfnis danach, ein Bedürfnis nach Anerkennung [— ein Gipfel scheint mit facebook im Moment einmal mehr erreicht]. Dies unterstellt, daß das Individuum in der kapitalistischen Gesellschaft dieser nichts wert ist. Diese schafft ihre Opfer, ja geht, wie ja sogar der römisch-katholische Papst bemerkt
hat, kaltlächelnd über jede Menge Leichen. Die freilich sind das notwendige Produkt kapitalistischer Verhältnisse. Daß wegen dem blödsinnigen Bezug der Individuen auf das kapitalistische System, durch ihren Konkurrenzkampf um Anerkennung, noch mehr unschöne Zurichtungen, ja Leichen anfallen — nämlich die aus den zwischenmenschlichen Beziehungen — als ohnehin, soll damit natürlich keineswegs entschuldigt werden. Die sind quasi eine »Extraakkumulation« des Kapitalismus auf Seiten seiner Opfer.
So wie die kapitalistische Gesellschaft stets Bedürfnisse über die unmittelbarsten Lebensbedürfnisse hinaus hervorbringt, so grundverkehrt wäre es deshalb jedenfalls, den Kapitalismus abzuschaffen, das in seiner Bürgerlichkeit befangene Bewußtsein aber unangetastet zu lassen — so wie sich das Altlinke vorstellen, welche dem existenten falschen Bewußtsein des Proletariats ein (moralisches) Gütesiegel ausstellen —. Denn die Entschädigungshaltung jenes (untertänigen) Bewußtseins wirkt ebenso nach, wie überhaupt die Einstellung, daß sich die Welt um das eigene Ich drehe beziehungsweise zu drehen habe.
Die unmittelbaren Bedürfnisse, die für die Reproduktion unentbehrlichen Bedürfnisse, werden unter kapitalistischen Verhältnissen folgendermaßen definiert: Für Arbeiter, die keine Arbeit finden werden sie stofflich festgehalten und danach — wie in der BRD — die Arbeitslosengelder bemessen; je länger einer arbeitslos, desto wertloser wird er, mit desto weniger wird er gezwungen, auskommen.
Für niedrige Beschäftigungen gibt es Mindestlöhne, welche die Tarifpartner vereinbaren. Diese Löhne gibt oftmals der Staat als Untergrenze vor und daran haben sich die Tarifparteien zu orientieren. So keine solchen Festsetzungen gibt, gilt das Gebot des Staates, das »unsittliche« Löhne unterbindet. — Nur im Falle solch unsittlicher Löhne ist in der kapitalistischen Gesellschaft von »Ausbeutung« die Rede. Ausbeutung also als moralischer Begriff und nicht als sachlicher, einer Bezahlung der Arbeitkraft unter ihrem Wert, wie bei Marx. — Diese Schicht von Arbeitern hat also für ihre Reproduktion mehr zur Verfügung als unmittelbar nötig zu sein scheint. Schließlich wird hier nicht bloß ein Malocher entlohnt, sondern ein (steuerzahlender) Staatsbürger belohnt.
Natürlich obliegen Ent- und Belohnung nicht den Interpretationen der Lohnabhängigen selber. Ihr Daseinszweck kann ja auch unmöglich mit dem übereinstimmen, für den sie vorgesehen sind. Dennoch interpretieren sie dauernd an ihrem Lohn herum und kommen damit nie weiter, als sich mit ihrem »Schicksal« abzufinden*. Daß dafür einige interpretatorische Kunststücke vonnöten sind, liegt auf der Hand. Alles, was mit Angeberei zu tun hat, beruht darauf und knüpft an dem bereits erwähnten Bedürfnis nach Anerkennung an.
Die Befriedigung der Bedürfnisse ist nie sichergestellt, geschweige denn je gesättigt. Wie sollte sie auch! Schließlich schafft der Kapitalismus zu den bestehenden immerzu neue Bedürfnisse, knüpft ihre Befriedigung an einen zu entrichtenden Preis und schließt so ihre Befriedigung mangels Zahlungsfähigkeit weitgehend aus. Und dennoch gibt es eine Sehnsucht eben danach, also ein Bedürfnis hinwiederum, welches diese ewige Jagd nach einem andauernden Zustand der Befriedigung beendet. Dieses Bedürfnis freilich wendet sich nur selten und ausnahmsweise der Realität so zu, wie es diese erfordern würde, um dem Problem endlich einmal Herr zu werden.
Viel eher betätigt sich dieses Bedürfnis übersetzt in das Bedürfnis eines Staatsbürgers. Der Staat selber wäre ihm die Erfüllung dieses Bedürfnisses schuldig. Zum Beispiel in dem er Arbeitsplätze schafft bzw. die Bedingungen für das Kapital so verbessert, daß es Arbeitsplätze schaffen kann — ganz so, als ob das sein Existenzzweck wäre. Dafür, daß er, der Vater Staat, die Arbeit an den Arbeitsplätzen dann für die
Lohnarbeiter per Gesetz erträglich und dauerhaft macht und so das Kapital dazu verpflichtet. Daß, wenn der verehrte Staat schon den »Arbeitgebern« hinsichtlich einer flexiblen Aus- und Abschöpfung der Arbeitskräfte Freiheiten einräumt, er auch ihnen, den Lohnarbeitern, die Möglichkeiten eröffnet, ihre Reproduktionsnöte und die ihrer Familie von der Kindertagesstätte bis zu den Ladenöffnungszeiten angemessen bewältigen können.
Der Abschuß allerdings ist es, wenn jemand, der zum Prekariat (der moderne Ausdruck für Subproletariat) gehört, also jemand, der hinten und vorne seine Bedürfnisse nicht befriedigen kann, weil er der Mittel dazu entbehrt, wenn so jemand anderen Bescheidenheit und Verzicht predigt. Wenn so jemand seine Ansprüche auf einen letzten Aufschrei an den Staat reduziert, er, der Staat möge ihn in seiner Notlage wenigstens in Ruhe lassen, in Ruhe leben lassen, als ob das ein Leben wäre!
Zu solchen Typen gehören die Vertreter eines bedingungslosen Grundeinkommens (nicht jedoch ein Götz Werner, der als Unternehmer dies aus ganz anderen Gründen propagiert — er hängt ja dem Bedürfnis nach, Lohnkosten einsparen). Sie geben mit dem Ruf nach ihm kund, daß sie, so mies ihre Existenz auch ist, sie unbedingt mit dem kapitalistischen System in Frieden auskommen wollen. Und dabei, so widerlich opportunistisch ist ihr Antrag, wollen sie sich mit dem Staat nicht im geringsten anlegen: Denn daß sie Kapitalismuskritiker werden wollen, dazu wollen sie sich ja gerade nicht bequemen. Ganz im Gegenteil, sie wollen ja gerade denjenigen, welche sich zu einer Gegnerschaft gegen ein System unwirtlicher Verhältnisse entschlossen haben, beweisen, daß es völlig überflüssig und deplatziert ist, Gegner des Kapitalismus zu werden: Beweis: Man könne ja mit ihm auskommen, wenn man seine Bedürfnisse auf das unmittelbar Notwendige bescheide & beschränke. Soviel gesunden Opportunismus, so ihre Berechnung müsse der Staat einfach honorieren!
Die Qualität einer Ware zeigt sich in ihrem Gebrauchswert (vgl. Marx, Das Kapital, erster Abschnitt, erstes Kapitel). Bezogen auf die Ware Arbeitskraft heißt das, ihr Gebrauchswert besteht in ihrer Verwertbarkeit.
Diese Vernutzbarkeit lebendiger Materie (sie ist im Gegensatz zu allen anderen Waren nicht im Besitz eines Kapitaleigners, also frei und aller Selbstbestimmung zum Trotz fast uneingeschränkt frei verfügbar) diese Ausbeutbarkeit wird an ihr durch Schule und Erziehung — also das, was die kapitalistische Gesellschaft unter »Bildung« versteht — hergestellt. Und nicht nur das: Das Individuum muß sich um die Herstellung seiner Verwertbarkeit selber kümmern. Was anfangs in der Schule noch einen äußeren (staatlich eingerichteten) Zwangsrahmen (Schulpflicht) hat, das obliegt später im Berufsleben (einschließlich den Zeiten von Arbeitslosigkeit) dem Individuum unter dem stummen Zwang der kapitalistischen Verhältnisse weitgehend selber. Eine Anstalt für (Lohn-)Arbeit sorgt da dann schon für den gehörigen (Nach-)Druck.Diese Vernutzbarkeit trägt das Individuum zu Markte und muß sie zwecks eigener Reproduktion, die an die Verfügung über Geld gebunden ist, zu Markte tragen. Ob die Arbeitskraft dann wirklich einer Verwertung anheimfällt, ob sie tatsächlich gebraucht wird, das ist damit noch nicht gesagt. Und es ist noch nicht einmal gesagt, daß ein höherer Grad an hergestellter Verwertbarkeit gebraucht wird, da nutzt all guter Wille der zu Markte getragenen Verwertbarkeit mittels Ausbildungszeugnissen nichts. Das Nicht-Gebrauchwerden der Arbeitskraft an sich hielten die ja lässig aus, wenn gleichzeitig ihre Reproduktion umfassend und zwanglos gewährleistet wäre. Ist sie aber nicht, weil der Staat den Druck auf die Herstellung von Verwertung aufrecht erhalten will. Er legt es nämlich dem Individuum zur Last, wenn es nicht in einem Arbeitsprozeß ge- und verbraucht wird. Diese Unverfrorenheit sei den hochmoralischen Befürwortern eines Grundeinkommens ins Gehirn geschrieben, damit sie wissen, an wen sie ihre Bitte richten. Kann man denn vom kapitalistischen Staat solch uneigennützige Hilfe erwarten?

Und wahrscheinlich, weil in der kapitalistischen Gesellschaft kein Blödsinn zirkuliert, der nicht noch übertroffen werden kann und muß und soll, gibt es Leute, die das Verhältnis — das, wer was verwertet — auf den Kopf stellen: Sie behaupten allen Ernstes, nicht sie werden vernutzt als Lohnabhängige, die sie sind; nein, sie selber wären die Schweine, welche die — ansonsten allenthalben genießbare kapitalistische — Gesellschaft verheizen! Ihnen ist es wichtig, daß die Gesellschaft an ihrem eigenen Verhalten gesundet: Also essen sie kein Fleisch. Und gehen damit auf Mission!
Solche Idioten braucht der Kapitalismus nicht wirklich, sie sind, wenn es sie denn schon gibt, jedoch nicht schädlich. Mit deren Quatsch versuchen übrigens die Protagonisten des Kapitalismus Opposition überhaupt zu diskreditieren, indem sie ihn adaptieren (»Veggie-Day« und dergleichen).
Kurzum, während die Bedürfnisse des Staates und seiner Wirtschaft auf ihre Kosten kommen, bleiben die Bedürfnisse derer, die ihre Arbeitskraft zwecks Gelderwerb verausgaben müssen, eine Dispositionsmasse der anderen Seite.

05.05.2024
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* zum »subjektiven Faktor« und zur proletarischen Moral siehe ausführlicher: P. Decker/K. Hecker: Das Proletariat, 2002, S. 253ff

 

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