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Dmitry Sergejewitsch Mereschkowski

Mereschkowski — was soll der hier? wird sich manch einer fragen, der bei wikipedia etwa unter seinem Namen nachgeschlagen hat.

Doch der Reihe nach: Angesichts dieses Romans ging sein Erstlingsroman der Trilogie, in dem »Leonardo da Vinci« der zweite ist, in den Hintergrund. Und das obwohl er der wohl einzig Lesenswerte dieser Reihe ist: »Julian Apostata«. In diesem historischen, sehr gut recherchierten Roman räumt Mereschkowski mit dem frühen Christentum gehörig auf. Bei vielen heutigen Basischristen steht das sogenannte Urchristentum völlig zu Unrecht in einem guten Ruf und wird oft gegen die römische Amtskirche hochgehalten. Völlig abwegig: Julian war von 360 bis 363 römischer Kaiser und war von der griechischen Kultur in vielerlei Hinsicht so fasziniert, daß er diese gegen die unter Kaiser Konstantin (der Große) — er war von 306 bis 337 Kaiser — erfolgte Christianisierung des Kaiserreichs ins Recht setzen wollte. Daher erhielt Julian den griechischen Beinamen Apostata, der Abtrünnige. Kurz und gut, wie unter Julians Herrschaft sich die Christen benommen haben, spottet jeder Beschreibung: Sowohl das niedrige christianisierte Volk, das nicht davor zurückschreckte, griechische Tempel anzuzünden, wie die christliche Obrigkeit, die Bischöfe, die auf ihren Konzilen stritten, daß sich die Balken bogen: Da ging es zum Beispiel um die essenzielle, schismaträchtige Frage, ob der Galiläer Jesus Christus seinem Gottvater wesensgleich oder nur wesensähnlich gewesen sei. Das war die berühmt gewordene Frage um ein Ιota: Die griechischen Worte unterscheiden sich in geschriebener Weise nur dadurch: ομοούσιος und ομοιούσιος.
Mag sein, daß die Christenheit schon damals eines moralischen Erneuers wie Martin Luther bedurft hätte — dessen Name sich übrigen ebenfalls aus dem Griechischen, der christlichen Ursprache ableitet (von ελεύθερος, frei)—; Mereschkowski war kein Anwalt eines solchen. Wie sehr sich die Christenheit schon damals gespalten hat, sieht man gerade heute wieder, wo die moslemisch dominierte Welt angesichts der dort stattfindenden imperialistischen Kriege in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt: Da entdeckt man Jesiden, Maroniten, Kopten, Orthodoxe…
Was Mereschkowski in dem genannten Roman anhand der damaligen Wirklichkeit dargestellt hat, läßt seine weitere Entwicklung nur schwer begreifen: Schließlich hat er festgestellt, daß für den römischen Staat sich das Christentum der Päpste als äußerst zweckmäßige Religion herausgestellt hat und allein deswegen etabliert worden ist. Die griechische Kultur hingegen, die sich ja bis in die Ära Alexander des Großen auf Stadtstaaten beschränkt hat, reichlich unzweckmäßig: Zum einen ziemlich materialistisch orientiert — man denke an Demokritos, der das Unteilbare (A-tom) entdeckte, man denke an ihre sehr menschlich sich gebenden Götterwelt — zum anderen auf Erkenntnissen bestehend, die im sprichwörtlich finsteren Mittelalter dank des sich ausbreitenden Christentums in Vergessenheit gerieten: Ein Beispiel: Schon der Grieche Aristarchos von Samos (ca. 310 bis 230 v. Chr.) entdeckte, daß sich die Erde um die Sonne dreht — eine Entdeckung, die ein gewisser Kopernikus dann zu Beginn der Neuzeit erneut machte. Galileo Galilei wurde ob seiner Parteinahme für diese Entdeckung von der römischen Kurie dann des Ketzertums geziehen. Im Grunde ist das der ganze Widerspruch einer Religion: Das Denken gegen das Geist, also gegen »die Materie, die denkt«, wie das Marx einmal ausgerückt hat.
Mereschkowski ist deshalb schwer zu begreifen, weil er genau dieses Verdikt, das Christentum gereiche der Herrschaft zum Vorteil sich selber zum Anliegen gemacht hat: In seinem zweiten Band erwähnter Trilogie »Leonardo da Vinci«, der ursprünglich als »Auferstehung der Götter« betitelt war, versuchte er über die Kunst eine Wiederversöhnung mit dem Christentum zu erreichen. Diese gipfelte dann in der Pateinahme für das russische Kaiserreich; Peter dem Großen gilt sein 3. Roman der Trilogie unter dem Titel »Der Antichrist (Peter der Große und Alexej)«. 
Wiewohl Mereschkowski alles aus moralischer Distanziertheit betrachtet hat, hat er nie die Interessen der jeweiligen Herrschaft genauer unter die Lupe genommen, er hielt sie per se für verständlich, mitunter auch vereinbar. An der Frage der Vereinbarkeit divergierender Interessen mußte es schließlich scheitern. Sein Standpunkt war der einer nationalen Macht, jenseits moralischer Bedenken, insofern war er zugleich Gegner des Christentums wie dann aber auch wieder ein funktioneller Bewunderer desselben, wenn und insofern es sich für eine säkularisierte (russische) Macht dienlich erweisen sollte — da war er dann sehr nah an Peter dem Großen.

Während Mereschkowskis andere Romane fast ausschließlich für Studierende der Geschichte interessant sind, ist der Roman »Julian Apostata« ganz allgemein wärmstens zu empfehlen. Sein die Moral ihrer Lüge überführendes Interesse schlägt sich fernerhin nieder in den Kurzgeschichten »Die Liebe ist stärker als der Tod« und »Die Wissenschaft der Liebe«: Wirklich köstlich zu lesen!

bluete