koka

Nikolai Tschernyschewskij

Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewskis Roman »Was tun?« wurde 1863 im Sowremennik veröffentlicht, von der Zensur kaum ernstgenommen und so nur unerheblich gekürzt. Ein bürgerlicher Wissenschaftler schrieb schon 1879 über diesen Roman: "Während meiner sechszehnjährigen Universitätstätigkeit ist mir kein einziger Student begegnet, der den berühmten Roman nicht bereits vom Gymnasium her kannte; eine Gymnasiastin der fünften bis sechsten Klasse, die sich nicht mit den Abenteuern der Wera Pawlona bekannt gemacht hätte, wäre als dumme Gans bezeichnet worden." In einem geheimen Zensurbericht wird sorgenvoll vermerkt, der Roman habe großen Einfluß auf das äußere Leben einiger kurzsichtiger und in ihren Moralbegriffen ungefestigter Leute sowohl in der Hauptstadt als auch in der Provinz ausgeübt. Es sei vielfach vorgekommen, daß Menschen, dem Beispiel der Tschernykowschen Helden folgend, ein anderes Leben begannen: "Töchter verließen ihre Mütter und Väter, Frauen ihre Ehemänner, manche gingen noch weiter, bis zu den äußersten Extremen; es gab Versuche, in der Art von Vereinen oder Handwerkerartels [Artels = freiwilliger genossenschaftlicher Zusammenschluß] kommunistische Wohngemeinschaften einzurichten." Als Karl Marx in seinen späten Jahren noch begann, russisch zu lernen, bezeichnete er die Werke Tschernyschewskis als einen Hauptgrund dafür. Er schreibt in einem Brief an Sigfrid Meyer vom 21.01.1971:
"… Ich weiß nicht, ob ich Ihnen mitgeteilt, daß ich seit Anfang 1870 mich selbst im Russischen unterrichten mußte, was ich jetzt ziemlich geläufig lese. Die Sache kam daher, daß man mir von Petersburg Flerowskis sehr bedeutendes Werk über die 
»Lage der arbeitenden Klasse (bes. Bauern) in Rußland« zugeschickt hatte und daß ich auch mit den ökonomischen (famosen) Werken von Tschernyschewski (zum Dank zu den sibirischen Minen seit 7 Jahren verurteilt) bekannt werden wollte. Die Ausbeute lohnt die Mühe, die ein Mensch von meinen Jahren in der Überwältigung einer Sprache hat, die den klassischen, germanischen und romanischen Sprachstämmen so fernab liegt. Die geistige Bewegung, die jetzt in Rußland vorgeht, zeigt, daß es tief unten gärt. Die Köpfe hängen immer durch unsichtbare Fäden mit dem body des Volks zusammen. …" (MEW 33, S. 173)
Er nennt ihn u.a. auch im Nachwort zur zweiten Auflage des
 »Kapitals«"Es ist eine Bankrotterklärung der »bürgerlichen« Ökonomie, welche der große russische Gelehrte und Kritiker N. Tschernyschewski in seinem Werk »Umrisse der politischen Ökonomie nach Mill« bereits meisterhaft beleuchtet hat." (MEW 23, S. 21)
Daß auch Lenin mit seinen Schriften bekannt war und sie geschätzt hat, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden, hat er doch selbst den Titel des Romans für eine seiner Schriften übernommen. Wirklich verbrecherisch ist allerdings, wie diejenigen, die sich auf Lenin berufen, den materialistischen Gesellschaftskritiker Tschernyschewski in ihre moralische Staatsideologie meinten einordnen zu müssen. Tschernyschewskis Roman Was tun? lag schon bald in deutscher Übersetzung vor (KoKa verfügt über die 2. Auflage, die 1890 von F. A. Brockhaus in Leipzig in drei Teilbänden gedruckt wurde). 1947 erschien eine im SWA-Verlag und 1952 dann eine im Aufbau-Verlag der DDR, in dessen Nachwort – in einer Auflage von 1980 ersetzte dieses das Vorwort von Georg Lukács (was einerseits gut ist, weil dieses Werk eines Vorwortes entbehren kann, noch dazu eines mit Frasen aufgeblähten, andererseits schlecht, weil eben nichtsdestoweniger eines Nachworts) – man folgendes Gesülze lesen kann: "Tschernyschewski als revolutionärer Vorkämpfer für die Bauerninteressen war kleinbürgerlicher Demokrat. Die Bedeutung der Arbeiterklasse als einer selbständigen Kraft des gesellschaftlich-politischen Lebens und als der einzigen konsequent revolutionären Klasse erkannte er nicht. … So kann es nicht wundernehmen, daß sein theoretisches Denken, verglichen mit der damaligen Entwicklung des Marxismus, nicht Schritt halten konnte
 [Im Gegensatz dazu hat die DDR samt ihrer ML-Ideologie ja wunderbar Schritt gehalten!]. Er blieb zeit seines Lebens als Anhänger von Ludwig Feuerbach auf dem Standpunkt des anthropologischen philosophischen Materialismus stehen, das heißt, er machte das natürliche und nicht das gesellschaftliche Wesen des Menschen zum Angelpunkt seiner philosophischen Überlegungen. Was die Perspektive der historischen Menschheitsentwicklung anbelangt, kam er über den utopischen Sozialismus nicht hinaus." Offenbar hat der Autor Wolf Düwel den Roman gar nicht gelesen, sonst könnte er solch hahnebüchenen Unsinn wahrlich nicht behaupten! Genau das Gegenteil ist nämlich richtig! Daß er sich im folgenden auch noch auf Lenins Beurteilung der historischen Höhe des Kapitalismus beruft, der Tschernyschewski nicht gerecht werden konnte, weil sie damals noch nicht so weit war, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil. Auch Lenin hätte an (nicht nur) dieser Stelle mal ein klares Kontra verdient: Anstatt die Verhältnisse so zu interpretieren, wie sie einem gerade für's Weltbild in den Kram passen, hätte man mal auf die Überlegungen und Einsichten Tschernyschewskis Rekurs nehmen können – nicht nur über die Psyche des bürgerlichen Individuums – die besonders, aber bei weitem nicht nur:
"
…» Wie sinderbar«, denkt Wjerotschka, »was er von den Armen und von den Frauen gesprochen, und dann das, wie die wahre Liebe beschaffen sei; darüber habe ich auch schon nachgedacht, das habe ich auch schon gefühlt – aber woher habe ich es eigentlich? Stand es etwa in den Büchern, die ich gelesen? – Nein, dort steht es anders, dort werden solche Ideen bezweifelt, bekrittelt, als ob sie etwas Ungewöhnliches, Unglaubliches enthielten, als ob sie Phantasien wären, die an und für sich schon, aber niemals verwirklicht werden könnten. Mir dagegen schienen sie so einfach, so natürlich, mir kam es vor, als ob sie etwas Selbstverständliches wären, als ob es nicht anders sein könnte, als daß sie ins Leben treten müssen. Und doch habe ich diese Bücher für die besten gehalten. Da ist z.B. George Sand – eine so gute, so moralische Schriftstellerin – aber sie erklärt diese Ideen für Hirngespinste. Oder unsere Schriftsteller – doch nein, unsere Schriftsteller sprechen davon gar nicht. Oder Dickens – er spricht zwar davon, aber scheint keine Hoffnung auf einstige Verwirklichung dieser Ideen zu haben. …«…" [Tschernyschewskij, »Was thun?«, 1890, Teil 1, S. 164f, Orthografie im Original]

"…»…Und was ist nothwendig? Ueber jeden Zweig des Wissens gibt es einige Hauptwerke; in den übrigen Werken wird nur das wiederholt, verwässert, verdunkelt, was viel vollständiger und klarer in den wenigen Hauptwerken enthalten ist. Mithin braucht man nur diese zu lesen; das Lesen der andern ist unnöthiger Zeitverlust. Betrachten wir z. B. die russische Belletristik. Ich kenne Gogol's Erzählungen; nehme ich nun die Erzählungen vieler anderer Schriftsteller zur Hand, so ersehe ich schon aus fünf Zeilen auf je fünf Seiten, daß ich nichts darin finden würde als einen verwässerten oder verzerrten Gogol; wozu soll ich sie also lesen? Dasselbe gilt auch von der wissenschaftlichen Literatur, ja hier ist die Grenzlinie noch schärfer gezogen. Habe ich Adam Smith, Malthus, Ricardo und Stuart Mill gelesen, so kenne ich das Alpha und das Omega dieser Wissenschaft und brauche keinen einzigen von den hundert andern Nationalökonomen zu lesen, so berühmt sie auch sein mögen. Aus fünf Zeilen auf je fünf Seiten ersehe ich schon, daß ich da nicht einen ursprünglichen, ihnen eigenthümlich zukommenden Gedanken finde; alles ist entlehnt und breitgetreten. Ich lese nur so weit, als sie wirklich Selbständiges enthalten.« Deshalb ließ er sich auch nicht dazu bewegen, Macaulay zu lesen. Nachdem er eine Viertelstunde darin geblättert hatte, erklärte er: »Ich kenne alle Zeuge, welche die Lappen zu diesem Flickwerk liefern mußten.« Er las mit großem Vergnügen den »Jahrmarkt des Lebens« von Thackeray und begann darauf »Arthur Pendennis« von demselben Verfasser, doch schon bei der 20. Seite legte er das Buch wieder fort. »Alles aus dem 'Jahrmarkt des Lebens', nichts Neues darin – überflüssig zu lesen. Jedes Buch, das ich lese, muß so gehaltvoll sein, daß es mir das Lesen von hundert anderen Büchern erspart.«…" [»Was thun?«, 1890, Teil 2, S. 259ff]
Die Figur, die Tschernyschewski das sprechen ließ, heißt Rachmetow. Er war dann später den antimaterialistisch gesonnenen Realsozialisten überhaupt nicht geheuer – Wie auch! -, weshalb auch er eine entsprechend einordnende Bemerkung im oben bereits erwähnten Nachwort erhielt. Für den DDR-Rezensenten war Rachmetow ein "Ideal des neuen Menschen", er bemerkt gar nicht Tschernyschewskis Kritik an einem falschen Materialismus innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse, weil er einer materialistischen Kritik generell abhold ist. Da der Realsozialist und ML-Ideologe Kritik ja nie anders kennt als eine moralische an den herrschenden Zuständen und Materialismus nur als Staatsmaterialismus – also einem der Gewalt – anerkennt, bezichtigt er Tschernyschewski eines »materialistischen Anthropologismus«, der natürlich als solcher hinter Marx zurückgeblieben sei (was er zu beweisen sich erst gar nicht anheischig macht). 
Im Gegensatz dazu schrieb dazu etwa Plechanow: "Fast jeder unserer bedeutenden Sozialisten der 1860er und 1870er Jahre war zum nicht geringen Teil ein Rachmetow." Ausgerechnet freilich Plechanow, jener begeisterte Schwafler über die 
»dialektische Methode« weist auf Tschernyschewskis Skizzen über die Gogolsche Periode hin [in: Eine Kritik unserer Kritiker, Berlin 1982, S. 82f], indem der den Fortschritt durch Hegel, aber gleichzeitig dessen wesentlichen idealistischen Krückstock zur Sprache, den Widerspruch, die Wahrheit als Abstraktum verurteilen zu müssen, brachte: 
"… Diese Manier, sich nicht um die Wahrheit zu bemühen, sondern um die Bestätigung angenehmer Vorurteile, benannten die deutschen Philosophen (besonders Hegel) 
»subjektives Denken«, Philosophieren zum eignen Vergnügen und nicht aus lebendigem Bedürfnis nach Wahrheit. Hegel ist dieser inhaltlosen und schädlichen Beschäftigung scharf zu Leibe gegangen. Als notwendiges Schutzmittel gegen jede Versuchung, zugunsten persönlicher Wünsche oder Vorurteile von der Wahrheit abzuweichen, stellte Hegel die berühmte »dialektische Denkmethode« auf. Ihr Wesen besteht darin, daß der Denker bei keinem positiven Schlußergebnis stehenbleiben darf, sondern suchen muß, ob es an dem Gegenstand, über den er nachdenkt, nicht Eigenschaften und Kräfte gibt, die im Gegensatz zu dem stehen, was auf den ersten Blick an diesem Gegenstand erkennbar ist; hierdurch war der Denker gezwungen, den Gegenstand von allen Seiten zu betrachten, und die Wahrheit ergab sich ihm nur als Folge des Kampfes aller möglicher gegensätzlicher Meinungen. Auf diese Weise kam man an Stelle der bisherigen einseitigen Auffassungen des Gegenstandes nach und nach zu einer umfassenden, allseitigen Erforschung und zum lebendigen Begriff von allen wirklichen Eigenschaften des Gegenstandes. Die Erklärung der Wirklichkeit wurde zur wesentlichen Pflicht philosophischen Denkens. Hieraus ergab sich eine außerordentliche Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, über die man sich früher keine Gedanken gemacht hatte, indem man sie ungeniert zugunsten der eigenen, einseitigen Vorurteile entstellte. So trat gewissenhafte, unermüdliche Wahrheitssuche an die Stelle der bisherigen, willkürlichen Auslegungen. In der Wirklichkeit hängt aber alles von den Umständen, von den örtlichen und zeitlichen Bedingungen ab, und Hegel erkannte daher, daß die allgemeinen Phrasen, mit denen man bisher über Gut und Böse geurteilt hatte, ohne die näheren Umstände und Ursachen zu untersuchen, unter denen die betreffende Erscheinung entstanden war — daß diese allgemeinen, abstrakten Redereien unbefriedigend seien: jeder Gegenstand, jede Erscheinung hat eigene Bedeutung und muß unter Berücksichtigung der Umstände beurteilt werden, unter denen sie existiert; diese Regel fand ihren Ausdruck in der Formel: »Es gibt keine abstrakte Wahrheit, die Wahrheit ist konkret«, d.h. ein definitives Urteil läßt sich nur über eine bestimmte Tatsache fällen, und zwar nach Untersuchung aller Umstände, von denen sie abhängt. … 
Wir haben jedoch bereits gesagt, daß der Inhalt des Hegelschen Systems durchaus nicht seinen Grundsätzen entspricht, die er selbst verkündete und auf die wir hingewiesen haben. Im Feuer der ersten Begeisterung hatten Belinski und seine Freunde diesen inneren Widerspruch nicht bemerkt, und es wäre auch unnatürlich gewesen, wenn er sich gleich beim ersten Male hätte bemerken lassen: er wird durch die ungewöhnliche Kraft der Hegelschen Dialektik äußerst gut verdeckt, so daß in Deutschland selber nur die reifsten und stärksten Geister — und auch sie nur nach langem Studium — diesen inneren Zwiespalt zwischen den Grundideen Hegels und seinen Schlußfolgerungen bemerkten. Die größten der zeitgenössischen deutschen Denker, die Hegel an Genialität nicht nachstanden, waren selber unbedingte Anhänger aller seiner Auffassungen, und es verging lange Zeit, bis sie ihre Selbständigkeit wiedergewinnen und nach Aufdeckung der Fehler Hegels eine neue Richtung in der Wissenschaft begründen konnten. So pflegt es immer zu gehen: Hegel selber war lange Zeit ein unbedingter Verehrer Schellings, Schelling ein Verehrer Fichtes, Fichte — Kants; Spinoza, der Descartes an Genialität weit überragte, hielt sich lange Zeit für dessen treuesten Schüler.
Wir sagen dies alles, um zu zeigen, wie natürlich und notwendig die unbedingte Anhängerschaft an Hegel war, der Belinski und seine Freunde für einige Zeit verfielen. Sie teilten hierin das Schicksal der größten Denker unserer Zeit. Und wenn Belinski sich später über seine frühere bedigungslose Begeisterung für Hegel ärgerte, so hatte er auch hierin Gefährten, die an Geistesstärke weder ihm noch Hegel nachstanden. …"
 [zitiert aus: Ausgewählte Philosophische Schriften, Moskau, 1953, S. 601 ff] 
Plechanow zitiert nur das, was ihm in den Kram paßt – die Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, über die man sich früher keine Gedanken gemacht hat, indem man sie ungeniert der eigenen, einseitigen Vorurteile entstellte – nicht aber, daß Tschernyschewski darüber hinausgeht. Plechanow bleibt in Hegels Widerspruch verhaftet, wenn er schreibt, "dann sei es nicht schwer, die Rolle der Dialektik in der Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zu verstehen." [Kritik unserer Kritiker, S. 82f.] So einfach kommt man vom Abstraktum zum Konkretum und bleibt eben doch abstrakt!

Nun gut, jetzt ist schon fast zuviel gesagt, jetzt ist der »scharfsinnnige Leser« gefragt, den Tschernyschewski in Was tun? explizit herausgefordert hat!
(01.01.2011)

bluete