
Die Gesundheit – was ist das denn? Irgendwie ist das das Gegenteil von Krankheit. Also wie krank müssen die Mitglieder einer Gesellschaft sein, wenn dauernd von Gesundheit geredet wird und an sie gedacht werden soll? Selbst gesunde Menschen sollen ja dauernd an ihre Gesundheit denken. Sie sind, so sie nicht viel Geld haben und das nicht müssen, zwangsweise zur Finanzierung der Krankenkassen verpflichtet, gleich automatisch per Lohn- oder Rentenabzug. Krankenkassen, die sich mittlerweile Gesundheitskassen nennen!
Was ist da los?
Schauen wir uns den Menschen mal biologisch an. Im Laufe seines Lebens baut er ab, das ist ziemlich natürlich. Seine Lebenskräfte bauen natürlich schneller ab, wenn er kapitalistischer Ausbeutung unterworfen ist. Wie sollte es auch anders sein. Das, was Marx über Maschinerie [Das Kapital, Bd. 1, Kap. 13] feststellt, läßt sich auch vom Menschen sagen: Er verschleißt durch Gebrauch, durch Nichtgebrauch und das, was er »moralischen Verschleiß« nennt. Gebrauch ist gleich Verbrauch, gerade im Kapitalismus: Ausbeutung der Arbeitskraft. Nichtgebrauch macht das Sprichwort deutlich: Wer rastet, der rostet. Anders ausgedrückt, wer keine eigenen Interessen entwickelt, auch nicht sich anderen Interessen dienstbar macht, vielmehr nur auf der faulen Haut liegt – was unter kapitalistischen Verhältnissen nicht zulässig ist und sanktioniert wird – der verkümmert schlechthin. Der »moralische Verschleiß« besteht darin, daß die körperliche Leistungsfähigkeit im Laufe des Lebens nachläßt. Ein Alter kann nicht mehr so schnell laufen wie ein Junger, nicht mehr so flink arbeiten wie ein Junger. Das fällt insbesondere in der kapitalistischen Arbeitswelt ins Gewicht. Da erhält eher ein Junger einen Arbeitsplatz als einer, der verpflichtet ist oder aus purer Not gezwungen ist, auch jenseits der 60 seine Arbeitskraft zu verkaufen.
An dieser Stelle wird schon deutlich, daß die kapitalistische Wirtschaftsweise rücksichtslos gegen den menschlichen Organismus arbeitet. Anders ausgedrückt, daß dieses auf staatlicher Gewalt beruhende gesellschaftliche Programm die Menschen krank macht und unvermeidbar krank machen muß. Dieses Programm erfordert aber auf der anderen Seite, daß die Menschen nicht einfach als Aus- und Abfall abgeschrieben werden können und sollen. Das heißt, die Kranken müssen wieder hergestellt werden, zumindest soweit, so daß sie der Gesellschaft weiterhin nützlich sein können. Aber das ist noch nicht alles. Jetzt kommt der Zynismus des Staates und seiner diesbezüglichen Unterstellen (Krankenkassen, Krankenhäuser, Ärzte, Farmaindustrie) ins Spiel: Den Menschen wird erklärt, es liege zum Gutteil, wenn nicht überhaupt an ihnen selber, daß sie krank werden und schließlich krank vorzeitig sterben. Sie sollen doch gefälligst »gesund leben«! Dafür sollen sie einiges tun. Und der Gipfel des Zynismus ist, (noch) nicht kranken Menschen vorbeugende Untersuchungen anzubieten – Krebs kann ja jeder kriegen, »weil« statistisch gesehen es ja sehr viele kriegen! Eine wirklich absurde Begründung! – und auch jede Menge Zusatzversicherungen. Auf alle Fälle wird versucht, den Menschen auf solche Weisen, Angst zu machen und jede Menge Geld aus der Tasche zu ziehen. Allein der psychische Druck, der mit solch üblich gewordenen Kampagnen erzeugt wird, muß die Menschen kränker machen als sie vielleicht ohnehin schon sind.
Der kapitalistische Staat leistet sich ein schier uferloses Gesundheitssystem, einerseits aus der Notwendigkeit heraus, die Menschen weiterhin verschleißbar zu halten, andrerseits natürlich nicht minder, weil darauf ein wahnsinnig weitläufiges System der Geschäftemacherei aufbaut. Die Speichellecker dieses Geschäftswesens finden sich ganz von selber: die Krankenkassen, Ärzte, die zur High-Society gehören wollen, und auch ganz normale Angestellte des Staates, die mit Gesundheitspolitik und angrenzenden Bereichen befaßt sind.
Nicht vergessen, daß dieses ganze Gesums, das um das Thema gemacht wird, breitesten Gesprächsraum in allen Schichten der Gesellschaft einnimmt. Keiner wagt, Schluß! zu sagen, wenn jemand wieder damit anfängt, über das allenthalben zum »Problem« aufgeblasene Thema zu reden. Ganz abgesehen von dieser gesellschaftlich breitgetretenen Diskussion, braucht es auch niemand zu interessieren, wie krank man selber ist oder andere es sind. Warum unterhält man sich nicht darüber, was Spaß macht. Oder gibt es kaum noch etwas, was einem Spaß macht??
Es wird wohl so sein, daß man in einer kapitalistischen Gesellschaft tendenziell immer weniger zu lachen hat! Und da braucht man noch gar nicht daran zu denken, wenn die ge- und erwählte Obrigkeit einen Übergang zum Krieg für geboten hält!
Wer sich zum Thema ein Buch zumuten will, dem sei dieses empfohlen: Gesundheit und sein Preis
19.03.2026 © Kommunikation & Kaffee Augsburg
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Das Zukunftsprojekt Future Combat Air System (FCAS)¹, ein Gemeinschaftsprojekt von Frankreich, Deutschland und Spanien steht vor dem Aus: Streitigkeiten zwischen den Staaten seien, wie es hieß, nicht mehr auszuräumen. Das ist eine gute Nachricht für all die friedliebenden Menschen in all diesen Staaten und in allen anderen ebenso – und zwar einerlei worin diese Nachricht begründet ist. Denn der gewöhnlich friedliebende Mensch leidet sehr darunter, den kriegsträchtigen Machenschaften seiner jeweiligen Obrigkeit ohnmächtig ausgeliefert zu sein.
Nun gehören ausgerechnet die Funktionäre der Arbeiterschaft, die Gewerkschaften, offenkundig nicht zu diesen friedliebenden Menschen. Die IG Metall hat sowohl in Augsburg wie in Manching dazu aufgerufen, mit Staatshilfe einen Neustart dieses Rüstungsprojekts auf den Weg zu bringen. Ihr Argument dabei ist wie immer: »Arbeitsplätze«. Von diesen hängt das Einkommen der Beschäftigen ab, auf deren Ausbeutung beruht der Profit des Kapital und darüber hinaus hängt auch die Existenz einer Gewerkschaft und ihrer sich an den Mitgliedsbeiträgen der Beschäftigten sich satt bedienenden Funktionäre ab.
Diesen Funktionären ist völlig klar, daß Rüstungsprojekte vom Staat abhängen. Sie scheuen sich deshalb nicht, vor den Politikern auf die Kniee zu fallen, um »Arbeitsplätze« bettelnd. Dafür wissen sie auch ihre Mitglieder zu Demonstrationen zu veranlassen, Mitglieder, die daran gewöhnt wurden, ihrer Gewerkschaft unbesehen zu folgen, wie eine Schafherde dem Leithammel. Und das obwohl jeder im Grunde weiß, daß eine kapitalistische Wirtschaftsordnung ihm sowieso nie etwas anderes anzubieten hat als die geniale Alternative zwischen Ausbeutung² und Arbeitslosigkeit. Und daß es außerdem völlig zwecklos ist, sich um die Perspektive einer Firma Gedanken zu machen, denn auf deren Wohl und Wehe hat auch die Gewerkschaft keinen Einfluß. Der beste Beweis dafür ist der, daß sie immer so tun muß, als hätte sie einen. Das gleiche gilt für den Einfluß auf die Politik. Ihre Funktionäre, die in die Politik eingestiegen sind und als Abgeordnete in den Parlamenten hocken, gehen mit den nationalen Entscheidungen konform.
Hier was die IG Metall anläßlich ihrer »Aktionstage« veröffentlicht hat:
»Die Beschäftigten von Airbus Aerostructures in Augsburg haben sich deutlich für die Fortführung und Neuausrichtung des europäischen Luftkampfsystems FCAS ausgesprochen. Bei einer Aktion im Werksteil in der Weddigenstraße machten sie unter dem Motto „FCAS – aber besser!“ auf die Bedeutung des Projekts für die langfristige Sicherung ihrer Arbeitsplätze aufmerksam.
Hintergrund ist der seit einem Jahr andauernde Stillstand im Projekt, verursacht durch Streitigkeiten zwischen den beteiligten Ländern und Unternehmen. IG Metall und BDLI [Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie] sprechen sich deshalb für einen Neustart aus, bei dem im Rahmen von FCAS zwei Flugzeuge entwickelt werden sollen – eines davon unter deutscher Federführung.
IG Metall-Geschäftsführerin Ferdije Rrecaj betonte, daß FCAS auch in Augsburg Arbeitsplätze sichern könne, „dafür braucht es jetzt einen Neustart“. Auch Betriebsratsvorsitzender Sebastian Kunzendorf [Airbus Aerostructures] unterstrich die Bedeutung des Projekts für den Standort und warnte davor, daß deutsche Steuermittel ohne klare Ausrichtung zu einem Abwandern von Technologie und Arbeitsplätzen führen könnten.« (Augsburg, 05.03.2026)
»Das milliardenschwere Luftkampfsystem FCAS droht an Streitigkeiten zwischen Frankreich und Deutschland zu scheitern. Die Beschäftigen von Airbus in Manching fürchten mittelfristig um ihre Jobs. Sie fordern Politik und beteiligte Unternehmen auf, das gesamte Projekt auf neue Füße zu stellen, um so auch die Arbeitsplätze vor Ort zu sichern. Bei einer Kundgebung am Standort unterstrichen knapp 4000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lautstark diese Forderung unter dem Motto „FCAS – aber besser!“. Die Veranstaltung am größten Standort der militärischen Luftfahrtindustrie in Deutschland ist der Höhepunkt des gleichnamigen Aktionstages, ausgerufen von der IG Metall gemeinsam mit dem BDLI. Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter betonten gemeinsam die Dringlichkeit einer Entscheidung der Bundesregierung. Thomas Pretzl, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Airbus Defence and Space, rief Bundeskanzler Merz auf, das Drama mit Dassault endlich zu beenden. Er forderte gleichzeitig den Startschuß für ein neues Kampfflugzeug und betonte die Bereitschaft der Airbus Belegschaft: „Die Bundesregierung muß die Lufthoheit über Deutschland gewährleisten. Unabhängig von den Launen der US-Politik, unabhängig von den Launen eines französischen Flugzeugherstellers. Das nennen wir Souveränität. Heute geschieht das durch den Eurofighter morgen durch seinen Nachfolger. Wir stehen bereit!“« (Manching, 05.03.2026)
Des weiteren wurden ein CEO von Airbus, die Hauptgeschäftsführerin vom BDLI, der Leiter der bayerischen Staatskanzlei (CSU) und natürlich der stellvertretende Chef der IGM, Jürgen Kerner, im gleichen Sinne zitiert: Für eine Deutsche Arbeitsfont (DAF) braucht es sichtlich keine Nazis!
Nicht nur, aber gerade wenn es um Rüstungsprojekte geht, sind »Arbeitsplätze« überhaupt kein Argument. Da geht es um nationale Interessen schlechthin. Da spielen allein die Machtambitionen des Staates eine Rolle. Wenn das mit dem deutsch-französischen Imperialismus-Projekt EU kombiniert werden kann und dieses Projekt damit vorangebracht wird, umso besser. Wenn nicht, dann ist das auch kein Beinbruch, schließlich gibt es Alternativen wie zum Beispiel den Kauf von US-Kampfflugzeugen. Klar, im Grunde möchte sich der weltmachtambitionierte deutsche Staat von der militärischen Abhängigkeit von den USA lösen. Genau darauf pocht die IGM, wenn sie das nationale Aufrüstungsprogramm voranbringen will und dem deutschen Staat dafür seine für arbeitswütig erachteten Mitglieder anpreist. Der Nationalismus der IG Metall löst sich vom EU-Projekt und buchstabiert sich rein deutsch!³
Zum größeren Rahmen des Themas Weltpolitik und Gewerkschaft siehe die Zeitschrift GegenStandpunkt 1-2026.
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¹ Future Combat Air System (FCAS), dt. etwa: Zukünftiges Luftkampfsystem, frz. Système de combat aérien du futur (SCAF), ist ein deutsch-französisch-spanisches Programm zur Entwicklung eines fliegenden Waffensystems der nächsten Generation (Next Generation Weapon System, NGWS), bestehend aus einem optional unbemannt einsetzbaren Mehrzweckkampfflugzeug der sechsten Generation (New Generation Fighter), unbemannten Begleitflugzeugen (Remote Carrier) sowie neuen Waffen und Kommunikationssystemen.
Bei der deutschen Luftwaffe soll es ab etwa 2040 den Eurofighter Typhoon (und ggf. später auch den Tornado-Nachfolger, die F-35) ersetzen, bei den französischen Luftstreitkräften die Rafale. Die beteiligten Unternehmen sind Dassault Aviation, Airbus Defence and Space und Indra Sistemas. Ein Prototyp soll im Jahr 2028 fertig sein.
Vorgesehen ist ein integriertes System, das Drohnen, Kampfflugzeuge, Satelliten sowie Kommando- und Kontrollflugzeuge verbindet. Die benötigte Technologie soll, nach Aussage von Dirk Hoke (ehem. CEO von Airbus Defence and Space), mehrheitlich in Europa entwickelt werden. Zusätzlich wird laut Hoke eine hohe Autarkie von den USA angestrebt. Vor allem regulierte Güter nach US-Richtlinie ITAR (International Traffic in Arms Regulations) sollen gemieden werden. Als Kampfflugzeug der sechsten Generation soll es mit Tarnkappentechnik, einem adaptiven Vielseitigkeitstriebwerk (ADVENT), Netzwerkfähigkeit ausgerüstet sein, möglicherweise auch mit Cyberkriegfähigkeiten und mit Energiewaffen. Das Triebwerk „New Generation Fighter Engine“ wird vom Gemeinschaftsunternehmen EUMET (European Military Engine Team) entwickelt. (nach wikipedia.de)
² Davon, daß der produzierte Reichtum auf dem Teil der Arbeitsleistung beruht, den ein Unternehmen nicht entlohnt, das nennt man Ausbeutung. Davon will eine Gewerkschaft nichts wissen, das entzöge ihr ja auch die Geschäftsgrundlage, die Verwaltung der arbeitenden Manövriermasse.
³ Gerade in der Rüstungsfrage offenbart die IGM selber, daß sie die Grundlage für all die EU-Kritiker von rechtsaußen ist.
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Jene Auffassung, die in Geschichtsbüchern verbreitet wird, stellt die Wahrheit auf den Kopf: Dort wird behauptet, der japanische Sieg im Krieg gegen Rußland 1904/1905 wäre der erste bedeutende Sieg einer asiatischen über eine europäische Großmacht in der Moderne gewesen.
Eine Richtigstellung liefert der japanische Kommandeur eines Panzerkreuzers, Graf Yorisaka, der mitsamt seinem englischen Berater und Beobachter, Schiffskommandant und Adjutant seiner königlichen Majestät, auf eben jenem Schiff in der Seeschlacht bei Tsuschima im Oktober 1904 ums Leben gekommen ist. Tage zuvor tönte der Japaner gegenüber dem Briten: »Wer Russe sagt, sagt Asiate und wir Japaner behaupten, bald Europäer zu sein. Unser Sieg kommt Ihnen soviel wie uns zu, weil es ein Sieg Europas über Asien ist. Nehmen Sie für alles unsere ganz untertänigste Dankbarkeit an.«¹
Und in der Tat fand Japan in England einen Unterstützer in seinen den europäischen Großmächten nachgeahmten Ambitionen auf dem asiatischen Festland, auf die es viel mehr Anspruch erhob, war dies doch ihm nahegelegen. Insbesondere ging es um Korea, die damals unter russischer Verwaltung stehende Mandschurei und das von den Kolonialmächten geschwächte China. Japan hatte schon im Krieg gegen die Qing-Dynastie 1894/95 darauf den Blick gerichtet.²
»Bereits Ende Januar 1902 wurde auf fünf Jahre ein Vertrag zur Aufrechterhaltung des bestehendes Zustandes in Ostasien zwischen England und Japan abgeschlossen, worin sich beide Seiten gegenseitig versprachen, neutral zu bleiben, falls der andere von einem einzelnen Gegner angegriffen wurde und einander beizustehen, sobald eine Macht dem Gegner zu Hilfe komme.«³ »Der englische Imperialismus … nahm an dem zwei Jahre später ausbrechenden Russisch-Japanischen Krieg nicht unmittelbar teil, doch gewährte England Japan bedeutende materielle und technische Hilfe. Vor allem räumten englische Banken der japanischen Regierung Kredite zur Finanzierung der Aufrüstung bei.«⁴
»Rußland gab darauf [auf den Vertrag von 1902] bekannt, daß sein Bündnis mit Frankreich auch für Ostasien Geltung habe und suchte durch einen Scheinvertrag mit China, der die baldige Räumung der Mandschurei in Aussicht stellte, die Gegner zu beruhigen. … Die Befürchtungen, die durch die Vollendung der sibirischen Eisenbahn erweckt wurden, das Heranströmen russischer Kolonialisten, die Verstärkung der ostasiatischen Truppen und der ostasiatischen Flotte Rußlands, alles das bewog die japanischen Staatsmänner zu sofortigem Handeln. Im August 1903 eröffnete Japan mit Rußland die Verhandlungen über die Räumung der Mandschurei und die Sicherung Koreas gegen den russischen Einfluß; denn es war bereits der Plan aufgetaucht, die Mandschureieisenbahn durch eine Zweiglinie nach Söul und den koreanischen Hafen Mosampo zu ergänzen. Dagegen wollte Rußland den Japanern die militärische Besetzung irgend welcher Punkte Koreas nicht gestatten und verlangte im Interesse der Verbindung zwischen seinen ostasiatischen Häfen Wladiwostok und Port Arthur die vollständige Freiheit der Schiffahrt in der Straße von Korea. Das äußerste, was Rußland zugestehen wollte, war die Festsetzung einer neutralen Zone in Korea; nördlich von dieser sollte der russische, südlich davon der japanische Einfluß vorherrschen. Über die Abgrenzung der Zone konnte man sich jedoch nicht einigen. Die Japaner erkannten aus diesen Verhandlungen, daß sie auf friedlichem Wege ihre Forderungen nicht würden durchsetzen können. Sie stellten daher im Januar 1904 ein Ultimatum; Rußland solle die Mandschurei räumen und dem freien Handel aller Nationen öffnen, und es solle die Vorherrschaft Japans in Korea anerkennen. An eine Annahme dieser Bedingungen durch den Zaren war natürlich nicht zu denken; das würde die Aufgabe aller während des letzten Jahrzehnts gewonnenen Positionen bedeutet haben. Da von russischer Seite auf die japanischen Forderungen keine Antwort erteilt wurde, erklärte Marquis Ito die Verhandlungen für abgebrochen, und der japanische Gesandte verließ Petersburg. Damit war, wenn auch keine formelle Kriegserklärung erfolgte, der Kriegszustand zwischen beiden Mächten eingetreten.«³
Soweit in Kürze und auf Japan konzentriert die Tatsachen. Was sich jedoch in Japan zu dieser Zeit abspielte, das beleuchtet das Werk Claude Farrères »Die Schlacht«, womit die bei Tsuschima im Oktober 2004 gemeint ist. Darin ist auch das obige Zitat enthalten. Die Handlung spielt sich freilich vornehmlich vor der Schlacht ab und zwar in Nagasaki und Umgebung. Nagasaki, später international einem breitem Publikum bekannt durch den us-amerikanischen Atombombenabwurf im August 1945, der zur Kapitulation Japans führte und damit das Ende des Weltkrieges in Ostasien besiegelte, wo er ja auch mit der japanischen Aggression gegen China 1931 – mit der Besetzung der Mandschurei – und dann im Juli 1937 gegen das übrige China begonnen hatte.
Nagasaki war schon lange ein Zentrum der Schwerindustrie, insbesondere des Schiffsbaus (der Konzern Mitsubishi) und seine Nebenbucht Sasebo japanischer Kriegshafen, also ein wichtiger militärischer Ort, zumal er gegenüber Korea und der Zufahrt zum Gelben Meer günstig liegt. In Nagasaki war die englischsprachige Zeitung »Nagasaki Press«⁵ allgemeines Informationsorgan – es war in, englisch zu lernen und zu sprechen! Diese Zeitung veröffentlichte zum Beispiel eine Depesche der Nachrichtenagentur Reuter »Tokio, 22. April 05. Man bestätigt das Erscheinen von vierundvierzig russischen Schiffen vor Singapur am Sonnabend den 8. d. M. Der Vizeadmiral Rodjestvensky befehligte sie. Die Division des Konteradmirals Nebagatof ist noch nicht signalisiert. Es geht das Gerücht, daß der Vizeadmiral Rodjestvensky die Richtung nach der französischen Küste von Indo-China eingeschlagen hat. – Die Weisungen des [japanischen] Admirals Togo bleiben geheim.«⁶ Die Nachrichtenübermittlung lag also ebenfalls nicht in japanischen Händen.
Die Geschichtsschreibung stellt ihrem Bericht gleich folgendes voran: »Der unter us-amerikanischer Vermittlung ausgehandelte Friedensvertrag von Portsmouth vom 5. September 1905 besiegelte den ersten bedeutsamen Sieg einer asiatischen über eine europäische Großmacht in der Moderne.«⁷
In Farrères Werk hat es einen Franzosen in diese japanische Stadt verschlagen, als Porträtmaler bestellt begab er sich privat auf die Suche nach dem ursprünglichen Japan, nachdem er gleich bei seiner Ankunft überrascht worden war: Die Gastfamilie, der der Kapitän eines Schlachtschiffes vorstand, war vollkommen europäisiert. Das betrifft die Inneneinrichtung des Hauses bis hin zur mit neuester Pariser Mode bekleideten Ehefrau. Ein englischer Beobachter und Berater war ebenfalls zugegen. England hatte die Schiffskanonen geliefert, allerdings erstmal nicht die neuesten. Man weiß ja aus dem aktuellen antirussischen Krieg, was für die Erledigung der Russen gut genug sein muß! So wurde denn auch der Engländer gebeten, das Empire möge doch gefälligst die besten Maschinen liefern, wenn schon Japan den Krieg schultere, was ja nicht zuletzt im Interesse der Briten sei. Sowohl der Japaner wie der Brite kamen dann bei der entscheidenden Schlacht von Tsushima ums Leben. Aber der Witz des Buches sind ganz und gar nicht die Kriegshandlungen an sich.⁸ Vielmehr ist die Beschreibung der japanischen Welt in Nagasaki und Umgebung, das völlige Aufgehen der oberen Schicht in den westlichen Vorbildern. Das Ankern der us-amerikanischen Luxusjacht Yseult in Nagasaki und die dort stattfindenden Parties beeindruckten allein den Franzosen nicht.
Japans Ambitionen hat sich dieses Land vom Westen abgeschaut. Dies läßt sich nicht bestreiten. Dafür hat es Anleihen aller Art aus dem Westen bezogen. Die imperialistischen Ziele hat es sich selber ausgesucht, wofür es einer westlichen Absicherung bedarf. Das zaristische Rußland zu bekriegen, schien Japan eine lösbare Aufgabe. Korea war ohnehin schon unter japanische Kontrolle. Und das Hauptziel war das angrenzende heutige Nord-China, damals als Mandschurei weitgehend unter russischer Kontrolle.
Die offiziellen Opferzahlen auf japanischer Seite wurden sicher im Überschwang des Sieges geschönt, nicht nur die russischen waren erheblich. Der Sieg stieg den Japanern dermaßen zu Kopf, daß der von den USA vermittelte Friedensvertrag als Betrug an Japan empfunden wurde. Farrères Fazit war der, daß im Grunde keine Seite den Schlagabtausch wirklich gewonnen hat, insbesondere weil Japan seine urspüngliche Façon endgültig verloren habe.
Der als eingeschränkt empfundene Sieg hatte Japan lange gewurmt und den Nationalismus immens angestachelt, allerdings war es lange nicht in der Lage, wieder kriegsfähig zu werden, zumal die überseeischen Imperialisten das Interesse an Japan zurückgestellt hatten, waren sie selber doch in Europas großen Krieg (1. Weltkrieg) eingebunden. Wie oben bereits erwähnt hat Japan sich dann 1931 die Mandschurei gesichert. Im Juli 1937 hielt es die Zeit für gekommen, sich ein durch innere Zerwürfnisse geschwächte übrige China einzuverleiben. Das Vorgehen der Japaner dort war so barbarisch, als hätten sie dies von den Yankees übernommen (vielleicht haben sie das ja auch!). So begann der 2. Weltkrieg in Ostasien. Japan hat dann Frankreich beschuldigt und die USA verdächtigt, die aus seiner Sicht »berechtigten Ordnungsinteressen« in China zu hintertreiben. Das führte dann (neben den Auseinandersetzungen mit Frankreich in und um Indochina) zu dem berühmten Überfall auf den us-amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Habour auf der zum Hawaii-Archipel gehörigen Insel O'ahu im Dezember 1941. Diese Inselgruppe sollte einem »imperium japonicum« zugehörig werden.
Nach den beiden Atombombenabwürfen war es dann mit dem japanischen Großmachtstreben vorbei, Japan mußte kapitulieren. Allerdings wurde es damit erst recht zu einem westlichen Produkt. Die seit 1950 so gut wie ununterbrochen herrschende Liberaldemokratische Partei (LDP) war von Anfang an eine us-amerikanische Kreatur.
Und heute, 75 Jahre später, schlägt die jüngst ins Amt gekommene Premierministerin Sanae Takaichi wieder imperialistische Töne gegen China an⁹, diesmal eben mit us-amerikanischer Rückendeckung und mit der eisernen Lady Margaret Thatcher als ihrem Vorbild. Offenbar hat Japan die Weltkriegsniederlage gegen das Nachbarland und keineswegs gegen die USA nach wie vor nicht verschmerzt… Auf alle Fälle zeigt dies, daß der Aufbau eines Feindbildes zur Rechtfertigung eigener Ansprüche dringend notwendig ist. Auch hierin ist der Westen für Japan eine Richtschnur. Kurzum: Die Aufrüstung Japans ist sowohl politisch wie militärisch und medial in vollem Gange. Eine atomare Bewaffnung Japans ist von der Partei Sansei ins Gespräch gebracht worden – allein damit ist die Regierung außenpolitisch noch von rechts zu kritisieren.
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¹ Claude Farrère, Die Schlacht (dt. Erstveröffentlichung, Xenien Verlag, Leipzig, 1913), S. 25
² Entscheidend für die Ambitionen Japans war die politische Wende nach dem Putsch von 1868, die «Meiji-Restauration« (benannt nach dem Kaiser). Die Putschistenregierung nahm sich definitiv die europäischen Kolonialmächte zum Vorbild. −
Die von den Portugiesen im 16. Jahrhundert erstmals ins Land gebrachten Feuerwaffen wurden von den Eingeborenen zunächst abgelehnt, sie wollten nach wie vor mit ihren Samurai-Schwertern kämpfen. Es dauerte über ein Jahrhundert, bis die Einheimischen die Nützlichkeit der neuen Waffen bei der Austragung ihrer Stammesrivalitäten zu schätzen lernten. Diesem westlichen Einfluß verdankt sich übrigens im weiteren der gewaltsame Zusammenschluß der drei Inseln Honschu, Schikoku und Kiuschu zu einem einheitlichen Staat (die nördlich gelegene Insel Hokkaido kam erst nach der genannten Meiji-Wende hinzu, offiziell 1869).
³ »Der Kampf um die Vorherrschaft in Ostasien« in: »Weltgesschichte, Geschichte der Neuzeit – das nationale und soziale Zeitalter seit 1815«, Ullstein Verlag, 1908, S. 545ff
⁴ J. M. Shukow u.a., Weltgeschichte, Band 7, 1965, S. 489
⁵ Seit wann die heute noch erscheinende Zeitung eine japanische Ausgabe hat, ist ebensowenig bekannt wie die Einstellung der englischsprachigen.
⁶ Claude Farrère, Die Schlacht, S. 59
⁷ deutschsprachiges wikipedia, Stand 01/2026, Hervorhebung durch KoKa
⁸ Die Neuauflage des Farrère-Buches im Georg Müller Verlag – er legte nach WK I eine ganze Serie von seinen Werken wieder auf – wurde denn auch mit »Marquise Yorisaka«, der europäisierten Japanerin, betitelt.
⁹ »Während einer Anhörung im japanischen Parlament, der Diet, am 7. November behauptete Takaichi, daß eine Notlage auf Taiwan, die den Einsatz von Kriegsschiffen und militärischer Gewalt vom chinesischen Festland beinhaltet, eine überlebensbedrohliche Situation für Japan darstellen könnte. Laut Gesetz können die Selbstverteidigungskräfte Japans das Recht auf kollektive Selbstverteidigung ausüben, wenn eine solche Situation als überlebensbedrohend anerkannt wird.« (Global Times, 13.11.2025) Diese Position hat sie gegenüber der japanischen Zeitung Mainichi Shimboun am 11.11.2025 noch einmal bekräftigt.
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1. Ideologisch rechtfertigten die USA die militärische Maßnahme damit, daß islamische Terroristen, insbesondere der berüchtigte Ableger des »Islamischen Staates« in Afrika, die Boko Haram, wahllos Christen ermorden.
2. Die Maßnahme wurde in Absprache mit der nigerianischen Regierung mit Präsident Bola Ahmed Tinubu an der Spitze getroffen.
3. Die Maßnahme wurde in der vergleichsweise dünnbesiedelten Nordwest-Provinz Sokoto durchgeführt. Diese gehört (so gut wie) nicht zum Wirkungsbereich der Boko Haram.
4. Über die Opfer unter Terroristen und/oder Zivilisten wurde weder von seiten Nigerias noch von seiten der USA etwas bekannt gegeben noch wurden gar Beweise offengelegt. Die USA verkündeten nur, sie hätten Terroristen ausgeschaltet und die Aktion sei somit ein voller Erfolg gewesen.
Was veröffentlicht wurde, war im nachhinein lediglich, daß ein Hotelbesitzer sich beklagt habe, drei seiner Angestellten seien von herumfliegenden Raketenteilen verletzt worden.
5. Man kann davon ausgehen, daß die nigerianische Regierung den USA den Zielort nahegelegt hat, um die Opferzahl gering zu halten. Ebenso sollte über die Opfer nichts Konkretes bekannt werden.
6. Am gleichen Weihnachtstag, als die USA den Christen dieses großzügige Geschenk machten, kam es in der im Nordosten gelegenen Provinzhauptstadt Maiduguri zu einem Anschlag auf eine Moschee, bei dem mindesten fünf Personen getötet und mehrere Dutzend verletzt worden sind.
Fazit: Nigeria ist alle Regierungswechsel überdauernd seit Jahren ein verläßlicher Partner der imperialistischen Staaten (und gerade der amtierende Präsident Tinubu hat langjährige gute Beziehungen zu den USA; unter seiner Herrschaft in der Provinz Lagos wurden vor 30 bis 40 Jahren Gelder aus dem Heroinhandel auf US-Konten gewaschen. Über die Niederschlagung dieses den USA nicht in den Kram passenden Skandals – die USA wissen sich ja seit Jahr und Tag der Drogenbekämpfung zutiefst verpflichtet – berichtete sogar die deutsche tagesschau unter dem Titel »Der Pate von Lagos« bei dessen Amtseinführung als Staatspräsident 2023).
Sie, die imperialistischen Staaten, dürfen ihr Öl aus den Quellen des Nigerdeltas abholen, die vom nigerianischen Militär bewacht werden. An der Bereicherung beteiligen sich Konzerne wie Shell (GB), Chevron (USA), TotalEnergies (Frankreich) und ENI (Italien). Im sonstigen Land mit einer Bevölkerung von über 200 Millionen grassiert Armut pur. Diese ist der perfekte Boden für Gewalt.
Natürlich scheißt sich der »freie Westen« einen Kehricht darum, die Armut zu bekämpfen. Das, was er zu bieten hat, ist das In-Schach-Halten dieser Armut, die Kontrolle mit Waffengewalt. Dafür wird die örtliche Regierung auch kreditiert. (Regierungen, die es anders halten, werden sanktioniert, siehe Venezuela.) Besonders spitzfindige Intellektuelle haben schon vor Jahren herausgefunden, daß Nigeria einseitig von Erdöl (80% der Staatseinnahmen) abhängig ist und eine »Diversifizierung« nötig sei. Dabei haben sie natürlich keineswegs an die Bedürfnisse der dortigen Bevölkerung gedacht, sondern daran, was zum einen dem dortigen Staat zusätzliche Devisen einbringen – um weiterhin verschuldungsfähig zu bleiben – und zum anderen »uns« nützen könnte. Außer Palmöl ist ihnen da nicht viel eingefallen.
Der Blick der USA war freilich weniger auf seinen Vasallen in Abuja gerichtet, vielmehr auf die Weltlage: Nigeria soll ja nicht wie Südafrika, Äthiopien und Ägypten ins Lager der BRICS-Staaten abdriften, sich also dem imperialistischen Zugriff zu entziehen hoffen!
24.01.2026 © Kommunikation & Kaffee Augsburg
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Friedrich Nietzsche
Gottesmörder, Hitler-Vordenker, Frauenfresser, Genie, Wahnsinniger, oder was?
Das Bekenntnis zu höheren Werten, das mit ihnen bewerkstelligte Verehren und Verurteilen von sich und anderen, der Wahn von Leuten, die sich moralisch im Recht wissen und denen man nichts recht machen kann, die Ausdeutung dieses Wahns zu einer ganzen Weltanschauung, in der Gut und Böse ihren fiktiven Kampf führen — kurzum, Moral und Religion waren Nietzsche zutiefst zuwider. Die Verlogenheit von Moralisten und Christen hat er so gehaßt, daß er sich zu einer Polemik entschlossen hat, die streckenweise ebenso lehrreich wie unterhaltsam ist. Davon einige Kostproben.
I. Analyse der Techniken des moralischen und religiösen Selbstbetrugs
Die penetrante Tour von moralisch denkenden Zeitgenossen, die Selbstkritik partout mit einem schlechten Gewissen verwechseln wollen und lieber wie die begossenen Pudel durch die Gegend laufen, als einmal einen Fehler einzusehen und dann zu lassen, hat Nietzsche nicht leiden können. Er hat dieses Benehmen überhaupt nicht für selbstverständlich gehalten, sondern mehr für eine "Krankheit" seiner Zeit, von der man sich besser nicht anstecken läßt. Als historisch gebildetem Menschen war ihm geläufig, daß einem vorbürgerlichen Bewußtsein, die Strafe für ein Vergehen kein Anlaß war, sich seines Willens zu schämen.
»(Sklaven sagten) nicht: 'das hätte ich nicht tun sollen' -, sie unterwarfen sich der Strafe, wie, man sich einer Krankheit oder einem Unglücke oder dem Tode unterwirft, mit jenem beherzten Fatalismus ohne Revolte…« (Genealogie, 15)
Bürgerliche Zeitgenossen hingegen schaffen es regelmäßig, das, was sie wollen und tun, zu verurteilen. Sie kennen nicht nur ihr Interesse als Leitlinie ihres Handelns, sondern nennen höhere Rechtsmaßstäbe ihr eigen, denen sie genügen wollen, an denen sie ihr Interesse messen, und sie nehmen sich die immer wieder fälligen Abweichungen von ihrem moralischen Willen schwer zu Herzen.
»In der Moral behandelt sich der Mensch nicht als individuum, sondern als dividuum.« (Menschliches, Allzumenschliches, 57).
Als solcher beurteilt er sich und seine Taten nach einem doppelten Maßstab: Er will etwas, weiß und anerkennt zugleich, daß er das nicht darf, will es trotzdem und macht sich ein Gewissen daraus.
In diesem Fall folgt der Selbstverurteilung die Strafe der Zerknirschung, und mit der Reue ist der inneren Gerechtigkeit auch schon wieder Genüge getan. So ist das schlechte Gewissen der umständliche Weg zu einem guten.
Wer sich so ein gutes Gewissen zurecht gelegt hat, der weiß sich im Einklang mit dem, was Anstand und Sitte verlangen, und ist deswegen zu den Unverschämtheiten fähig, die den bürgerlichen Alltag mit seinen vor Rechtschaffenheit strotzenden Menschen so angenehm macht. So einem ist nicht nur selbstverständlich, daß es in Ordnung geht, wenn er bei der Verfolgung seiner Interessen anderen auf die Füße tritt. Er läuft als Vorbild für die Menschheit durch die Welt und deswegen ist es für ihn geradezu eine moralische Pflicht, sich zum Richter über andere aufzuschwingen; und als solcher allen denen, die nicht von derselben moralischen Güteklasse sind, von Herzen alles Üble an den Hals zu wünschen:
»Da ist ein mißratener Mensch, der nicht genug Geist besitzt, um sich dessen freuen zu können, und gerade Bildung genug, um das zu wissen; … ein solcher, der sich seines Daseins im Grunde schämt – vielleicht beherbergt er dazu ein paar kleine Laster – … gerät schließlich in einen habituellen Zustand der Rache, des Willens zur Rache … was glaubt ihr wohl, daß er nötig, unbedingt nötig hat, um sich bei sich selbst den Anschein von Überlegenheit … zu schaffen? Immer die Moralität, darauf darf man wetten, immer die großen Moralworte, immer das Bumbum von Gerechtigkeit, Weisheit, Heiligkeit, Tugend … und wie alle die Idealistenmäntel heißen, unter denen die unheilbaren Selbstverächter auch die unheilbar Eitlen, herumgehen.« (Die fröhliche Wissenschaft, 359)
Dabei war Nietzsche so schlau, das Fänomen, daß Leute mit der Berufung auf die allerhöchsten Titel die banalsten Interessen rechtfertigen, nicht als doppelte Мoral zu 'entlarven' und einem Mißbrauch der Moral zuzuschreiben. Er wußte, daß das Doppelte notwendig zur Moral dazugehört, weil sie ohne Berechnung und Verlogenheit nicht zu haben ist:
»Das Lob des Selbstlosen, Aufopfernden, Tugendhaften …, dieses Lob ist jedenfalls nicht aus dem Geiste der Selbstlosigkeit entsprungen! Der 'Nächste' lobt die Selbstlosigkeit, weil er durch sie Voreile hat! Dächte der 'Nächste' selber selbstlos, so würde er jenem Abbruch an Kraft, jene Schädigung zu seinen Gunsten abweisen, der Entstehung solcher Neigungen entgegenarbeiten und vor allem seine Selbstlosigkeit eben dadurch bekunden, daß er dieselbe nicht gut nennte! – Hiermit ist der Grundwiderspruch jener Moral angedeutet, welche gerade jetzt sehr in Ehren steht: Die Motive zu dieser Moral stehen im Gegensatz zu ihrem Prinzip!
Das, womit sich diese Moral beweisen will, widerlegt sie aus ihrem Kriterium des Moralisten … Sobald … der Nächste (oder die Gesellschaft) den Altruismus um des Nutzens willens empfiehlt, wird der gerade entgegengesetzte Satz: 'Du sollst den Vorteil auch auf Unkosten alles anderen suchen' zur Anwendung gebracht, also in einem Atem ein 'Du sollst' und 'Du sollst nicht' gepredigt!« (Die fröhliche Wissenschaft, 21)
Nietzsche wartet hier mit der Entdeckung auf, daß das Ideal der Selbstlosigkeit, das noch zu jeder moralischen Selbstdarstellung gehört, eines ist, mit dem sich allemal Interessen ins rechte Licht setzen; und er weiß, daß dieser Widerspruch notwendig ist. Der pur negative Imperativ der Selbstlosigkeit läßt sich nämlich gar nicht praktizieren. So öd, wie die moralfilosofischen Prediger dieses Ideals meinen, sind nämlich noch nicht einmal Moralisten, daß sie ihr Interesse prinzipiell für null und nichtig erklären würden. Deswegen bedürfen auch die Verfechter dieses Ideals, wenn sie es begründen, der gegenteiligen Maxime – Selbstlosigkeit nützt. Dieser Grund oder das 'Motiv', wie Nietzsche sagt, rückt allerdings die edle Maxime in ein zweifelhaftes Licht. Sie ist eben kein wirkliches Motiv – was die Leute wirklich treibt und treiben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Sondern sie ist Mittel der Selbstdeutung, der moralischen Selbstüberhöhung, für die ein gediegenes Maß an Selbstverleugnung offenbar das 'Argument' abgibt.
Dasselbe gilt übrigens auch für den umgekehrten Fall, in dem ein Schaden in eine selbstlose Tat desjenigen umgelogen wird, der ihn gerade erlitten hat:
»Will jemand ein wenig in das Geheimnis hinab- und hinuntersehen, wie man auf Erden Ideale fabriziert? Wer hat den Mut dazu? … Die Schwäche soll zum Verdienste umgelogen werden, … und die Ohnmacht, die nicht vergilt, zur 'Güte'; die ängstliche Niedrigkeit zur 'Demut'; die Unterwerfung vor denen, die man haßt, zum 'Gehorsam'… Wenn die Unterdrückten, Niedergetretenen, Vergewaltigten aus der rachsüchtigen List der Ohnmacht heraus sich zureden: 'Laßt uns anders sein als die Bösen, nämlich gut! Und gut ist jeder, der nicht vergewaltigt, der niemanden verletzt, der nicht angreift, der nicht vergilt, der die Rache Gott übergibt, der sich wie wir im Verborgenen hält, der allem Bösen aus dem Wege geht und wenig überhaupt vom Leben verlangt, gleich uns, den Geduldigen, Demütigen, Gerechten' – so heißt das, kalt und ohne Voreingenommenheit angehört, eigentlich nichts weiter als: 'Wir Schwachen sind nun einmal schwach; es ist gut, wenn wir nichts tun, wozu wir nicht stark genug sind'; aber dieser herbe Tatbestand, diese Klugheit niedrigsten Ranges, welche selbst Insekten haben, hat sich dank jener Falschmünzerei und Selbstverlogenheit der Ohnmacht in den Prunk der entsagenden stillen abwartenden Tugend gekleidet, gleich als ob die Schwäche des Schwachen selbst – das heißt doch sein Wesen, sein Wirken, seine ganze einzige unvermeidliche, unablösbare Wirklichkeit – eine freiwillige Leistung, etwas Gewolltes, Gewähltes, eine Tat, ein Verdienst sei.« (Genealogie, 13)
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Diese Tour, sich in der Einbildung zum selbstbewußten Subjekt einer Lage zu stilisieren, deren Subjekt man offenkundig nicht ist, hat Nietzsche insbesondere zu einer Kritik von Religion und Christentum beflügelt. Die Kombination aus freiwilliger Selbsterniedrigung und Selbstgerechtigkeit, die Christenmenschen an den Tag legen, war ihm einfach zuviel. Er hat sich deshalb auch nicht lange mit der lahmen Bestreitung der Existenz Gottes aufgehalten, die doch bloß an Zweifeln herumlaboriert, welche die Christen selber hegen, sondern sich gleich den Inhalt der gläubigen Vorstellungen zur Brust genommen.
Was Christen mit ihrem Verstand anstellen, hielt er für so ziemlich die niederste Art, seinen Geist zu betätigen, und sein Vergleich mit dem Willen, sich durch Drogen zu betäuben, liegt ja nicht ganz fern. Christen beherrschen den Kniff, in ihrem Verhältnis zur Welt, deren Unbill als einen eigens für sie erfundenen Prüfstein zurechtzulügen; so verwandeln sie sich das wirkliche Übel in ein erfundenes Gut:
»Wenn uns ein Übel trifft, so kann man entweder so über dasselbe hinwegkommen, daß man seine Ursache hebt, oder so, daß man die Wirkung, welche es auf unsere Empfindung macht, verändert: also durch ein Umdeuten des Übels in ein Gut, dessen Nutzen vielleicht erst später ersichtlich sein wird. Religion und Kunst (auch die metafysische Filosofie) bemühen sich, auf die Änderung der Empfindung zu wirken, teils durch Änderung unseres Urteils, teils durch Erweckung einer Lust am Schmerz … Je mehr jemand dazu neigt, umzudeuten und zurechtzulegen, umso weniger wird er die Ursachen des Übels ins Auge fassen und beseitigen; die augenblickliche Milderung und Narkotisierung, wie sie z.B. bei Zahnschmerz gebräuchlich ist, genügt ihm auch in ernsterem Leiden. Je mehr die Herrschaft der Religionen und aller Kunst der Narkose abnimmt, umso strenger fassen die Menschen die wirkliche Beseitigung der Übel ins Auge.« (Menschliches, Allzumenschliches, 108)
Nun steht er da, der Christ, vor seinem Prüfstein, und darf sich ob seiner Verfehlungen auf die Brust schlagen:
»Es ist ein Kunstgriff des Christentums, die völlige Unwürdigkeit, Sündhaftigkeit und Verächtlichkeit des Menschen überhaupt so laut zu lehren, daß die Verachtung des Mitmenschen dabei nicht mehr möglich ist. 'Er mag sündigen, wie er wolle, er unterscheidet sich doch nicht wesentlich von mir: Ich bin es, der in jedem Grade unwürdig und verächtlich ist', so sagt sich der Christ. Aber auch dieses Gefühl hat seinen spitzigsten Stachel verloren, weil der Christ nicht an seine individuelle Verächtlichkeit glaubt: er ist böse als Mensch überhaupt und beruhigt sich ein wenig bei dem Satze: wir alle sind einer Art.« (Menschliches, Allzumenschliches, 117)
Der Übergang von der Selbsterniedrigung zur Selbstgerechtigkeit des Christen war Nietzsche also geläufig. Er liegt im Bekenntnis zur eigenen Sündhaftigkeit, mit dem sich Christen auf dem richtigen Pfad wissen und sich über den Rest der Menschheit erheben. Was für eine jämmerliche Figur er dabei abgibt, kann man wieder bei Nietzsche nachlesen. Der Widerspruch vom Maßstab eines antimaterialistischen Jenseits für ein Zurechtkommen mit dem unheiligen Diesseits gebiert den Alltagschristen, dessen Heuchelei Nietzsche als eine sehr folgerichtige, schon fast als seiner Kritik unwürdige Dummheit ansah:
»Wenn das Christentum mit seinen Sätzen vom rächenden Gotte, der allgemeinen Sündhaftigkeit, der Gnadenwahl und der Gefahr einer ewigen Verdammnis recht hätte, so wäre es ein Zeichen von Schwachsinn und Charakterlosigkeit, nicht Priester, Apostel oder Einsiedler zu werden und mit Furcht und Zittern einzig am eigenen Heile zu arbeiten; es wäre unsinnig, den ewigen Vorteil gegen die zeitliche Bequemlichkeit so aus dem Auge zu lassen. Vorausgesetzt, daß überhaupt geglaubt wird, so ist der Alltagschrist eine erbärmliche Figur, ein Mensch, der wirklich nicht bis drei zählen kann, und der übrigens, gerade wegen seiner geistigen Unzurechensfähigkeit, es nicht verdiente, so hart bestraft zu werden, wie das Christentum ihm verheißt.« (Menschliches, Allzumenschliches, 116)
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Und weil er diese Techniken der moralischen Selbsterniedrigung und gläubigen Selbstgerechtigkeit nicht leiden konnte, kritisierte Nietzsche auch die professionellen Lobhudler dieser Touren. An seinen filosofierenden Kollegen entdeckte er das banale Bedürfnis, die allseits praktizierte Demutshaltung durch gelehrte Frasen zu rechtfertigen.
»Was die Filosofen 'Begründung der Moral' nannten und von sich forderten, war, im rechten Lichte gesehen, nur eine gelehrte Form des guten Glaubens an die herrschende Moral, ein neues Mittel ihres Ausdrucks, also der Tatbestand selbst innerhalb einer bestimmten Moralität, ja sogar, im letzten Grunde, eine Art Leugnung, daß diese Moral als Problem gefaßt werden dürfe – und jedenfalls das Gegenstück einer Prüfung, Zerlegung, Anzweiflung, Vivisektion eben dieses Glaubens.« (Jenseits von Gut und Böse, 186)
Eine eigenartige Wissenschaft, die die Moral zum Gegenstand hat und sich die Analyse ihres Gegenstands versagt, bloß weil sie auf die Moral nichts kommen lassen will. Daß sie sich dabei mordsmäßig ins Zeug legen und der Moral enorme Bedeutung zu verleihen suchen, fand Nietzsche eher lächerlich:
»Alle Ethiken waren zeither bis zu dem Grade töricht und widernatürlich, daß an jeder von ihnen die Menschheit zugrunde gegangen sein würde, falls sie sich der Menschheit bemächtigt hätte.« (Fröhliche Wissenschaft, 1)
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Schön langsam freilich wäre die Frage fällig gewesen, was vernünftige Wesen zu solchen Meisterleistungen der Unvernunft bringt, wieso Moralisten stets doppelt urteilen, ihre Interessen nur unter dem Vorbehalt höherer Maßstäbe gelten lassen wollen und diese wiederum sehr selbstbewußt ihren eigenen Interessen gemäß zur Anwendung bringen. Die Auflösung dieser Frage hätte an dem Widerspruch weiterzudenken, den Nietzsche den moralisierenden Menschenkindern um die Ohren gehauen hat: Er hielt es für erniedrigend und für eine Schande, daß sie für das eigene Dürfen argumentieren. Dieser Widerspruch ist in der Tat alles andere als selbstverständlich und auch nicht in der Menschennatur angelegt. Er entspringt einer Welt, in der eine rechtsetzende Gewalt die Verfolgung von Privatinteressen konzessioniert; in der im staatlich gesetzten Recht die Bedingungen formuliert sind, die jedes Privatsubjekt anerkennen muß, will es sein Interesse betätigen; und in der deswegen die Frage des Dürfens in allen Überlegungen präsent ist und die Leitlinie vorgibt, nach der sich Interessen begründen. Wer solche Verhältnisse als seine Heimat begreift, der legt sich mit dem Willen, mit ihnen zurechtzukommen, auch den entsprechenden Verstand zu: Er argumentiert im Geist der Rechtfertigung und handhabt selbstbewußt die Maßstäbe des Dürfens, als wären sie auf seinem eigenen Mist gewachsen. Wirkliches Recht und eingebildetes Recht gehen bei ihm nun endgültig durcheinander, was aber nicht weiter von Bedeutung ist, weil er nach wie vor praktisch gezwungen ist, sich an ersteres zu halten, und seine moralischen Überlegungen nur die dazugesetzte Selbsttäuschung mit Inhalt füllen, die Abhängigkeiten, denen er genügen muß, würden auf seiner Einsicht beruhen und er würde in ihnen nur seiner Freiheit nachgehen.
Solch eine Rückführung der Sfäre moralischer Einbildungen auf den Boden der Tatsachen ist dem Autor einer "Genealogie der Moral" überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Im Gegensatz zu seinen Befunden über das merkwürdige Betragen seiner Zeitgenossen bewegt sich seine Erklärung der Moral ganz innerhalb der Vorstellungswelt und Einbildungen, die das moralfilosofische Menschenbild ausmachen. Von wegen: »Jenseits von Gut und Böse«!
II. Antimoral — Der Gegensatz von Vernunft und Interesse umgekehrt
Wo die Morafilosofie den Menschen in ein Tier, das seinen niederen Trieben nachgeht, und ein Vernunftwesen, das zu Höherem befähigt ist, aufspaltet; wo ein Kant das 'Vernunftgesetz' aufstellt, daß der Mensch 'nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht' handeln solle; kurz: wo moralfilosofische Lehrmeister einen prinzipiellen Gegensatz von Vernunft und Interesse behaupten und mit großen Tönen als ihre Wahrheit verkünden – da tritt Nietzsche mit folgendem Standpunkt auf:
»Die Falschheit eines Urteils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urteil: darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten. Die Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Art-erhaltend, vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, daß die falschesten Urteile uns die unentbehrlichsten sind…. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehen: das heißt freilich auf eine gefährliche Weise den gewohnten Wertgefühlen Widerstand leisten; und eine Filosofie, die das wagt, stellt sich damit allein schon jenseits von Gut und Böse.« (Jenseits von Gut und Böse, 4)
Wie kommt man eigentlich darauf? Nietzsches Frage: »Gesetzt wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewißheit? Selbst Unwissenheit?« (Jenseits, 1) ist nämlich gar nicht so schwer zu beantworten: Wer über die Umstände, in denen er steht, nicht Bescheid weiß, der braucht gar nicht erst den Versuch starten, sie seinem Interesse gemäß zu machen. Wem Ungewißheit lieber ist, der kann sein Tun mit frommen Wünschen begleiten, und sich darüber wundern, warum sie immer nicht in Erfüllung gehen. Und wer von falschen Vorstellungen ausgeht, darf nachher seinen Schaden bilanzieren. Nietzsche scheint daran seine Zweifel zu haben. Er wirft die Frage auf, ob nicht die Wahrheit lebensfeindlich ist und vielleicht deswegen das falscheste Urteil viel förderlicher sein könnte. Woran er dabei denkt, ist die »Wahrheit«, »von der alle Filosofen bisher mit Ehrerbietung geredet haben«; ihre »Wahrheit« ist regelmäßig der Standpunkt der moralischen Pflicht, des Geringschätzens des Interesses und einer lebensfeindlichen Einstellung. Nietzsche bezieht sich auf diese moralfilosofische Gleichsetzung von Wahrheit und Lebensfeindlichkeit und kommt zu dem Beschluß: »Wenn das Wahrheit ist, dann bin ich gegen die Wahrheit und für das Leben.« Und das ist ziemlich unkritisch für einen, der sich schon mal lustig macht über das, was Filosofen mit ihrem Wahrheitspathos anpreisen:
»Was dazu reizt, auf alle Filosofen halb mißtrauisch, halb spöttisch zublicken, ist nicht, daß man hin und wieder dahinterkommt, wie unschuldig sie sind – wie oft und wie leicht sie sich vergreifen, kurz ihre Kinderei und Kindlichkeit – sondern, daß es bei ihnen nicht redlich genug zugeht: während sie allesamt einen großen und tugendhaften Lärm machen, sobald das Problem der Wahrhaftigkeit auch nur von ferne angerührt wird.« (Jenseits von Gut und Böse, 5)
Mit seinem Plädoyer für das Leben und gegen die Wahrheit teilt Nietzsche die moralfilosofische Lüge, daß Wahrheit und Leben, Vernunft und Interesse einen Gegensatz bilden. Er schlägt sich nur auf die andere Seite des verkehrten Gegensatzes und das ist auch nicht viel schlauer:
»Der Mensch hat allzulange seine natürlichen Hänge mit 'bösem Blick' betrachtet, so daß sie sich in ihm schließlich mit dem 'schlechten Gewissen' verschwistert haben. Ein umgekehrter Versuch wäre an sich möglich – aber wer ist stark genug dazu? -, nämlich die unnatürlichen Hänge, alle jene Aspirationen zum Jenseitigen, Sinnenwidrigen, Instinktwidrigen, Naturwidrigen, Tierwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesamt lebensfeindliche Ideale, Weltverleumder-Ideale sind, mit dem schlechten Gewissen zu verschwistern.« (Genealogie, 24)
»Wir haben eine Kritik der moralischen Werte nötig, der Wen dieser Werte ist erst einmal in Frage zu stellen – … Man nahm den Wen dieser 'Werte' als gegeben, als tatsächlich, als jenseits aller In-Frage-Stellung; man hat bisher auch nicht im entferntesten daran gezweifelt und geschwankt, 'den Guten' für höherwertig als 'den Bösen' anzusetzen, höherwertig im Sinne der Förderung, Nützlichkeit, Gedeihlichkeit in Hinsicht auf den Menschen überhaupt. Wie? wenn das Umgekehrte die Wahrheit wäre? Wie? wenn im 'Guten' auch ein Rückgangssymptom läge, insgleichen eine Gefahr, eine Verführung, ein Gift? … So daß gerade die Moral daran schuld wäre, wenn eine an sich mögliche, höchste Mächtigkeit und Pracht des Typus Mensch niemals erreicht würde?« (Genealogie der Moral, Vorrede 6)
Das soll also das Gegenstück zum Antimaterialismus der Moralfilosofie sein? Mit seiner 'Umwertung aller Werte' bleibt Nietzsche mittendrin im moralischen Menschenbild. Er votiert für das Tierische, Böse im Menschen und damit für jene erfundenen Eigenschaften, die Moralfilosofen dem Menschen anhängen, um daraus die Notwendigkeit ihrer sittlichen Imperative 'abzuleiten'. Beim Guten will er durchschaut haben, daß es der Sfäre verlogener Idealisierungen angehört, aber das Böse, das bloße Abziehbild davon, hält er für die wirkliche Natur des Menschen, die man besser nicht unterdrücken soll. Und am Ende nimmt er der Moralfilosofie sogar noch ab, daß dieser Geisterkampf zwischen der Moral und dem Bösen auch noch die Weltenläufe und das Geschick der Menschheit bestimmt! Dabei ist das Böse ebensowenig wirklich wie das Gute. Das Prädikat böse zieht man sich zu, wenn man gegen allgemein anerkannte Maßstäbe verstößt. Aber das ist keine Beurteilung eines Interesses, sondern eine Verurteilung: es gehört sich nicht. Es wird also ein Vergleich angestellt mit einem Maßstab, der gelten soll, aber nicht gilt, und die Abweichung davon wird dem 'bösen' Willen als Absicht unterstellt. Dabei geschehen noch nicht einmal Verbrechen geschehen aus dem Motiv, gegen das Recht zu verstoßen. Und wo sie dennoch so beurteilt werden, da ist ein Rechtsfanatismus am Werk, der überhaupt kein anderes Kriterium der Beurteilung mehr kennt, als die Geltung des Rechts. Und Nietzsche will ausgerechnet diese Ausgeburt des moralischen Verfolgungswahns wahr machen. Das mag moralinsaure Gemüter schockieren, mit ihren eigenen Fantasiegebilden konfrontiert zu werden, aber mit Materialismus ist diese Antimoral Nietzsches auch nicht zu verwechseln. Die Figuren, die er sich ausmalt und zu seinem Ideal kürt, sind sehr absichtsvoll den gängigen moralischen Vorstellungen darüber nachgezeichnet, was kategorisch verboten gehört. Ihr Tun zeugt nicht gerade davon, daß der Irrationalismus des Bösen die Kritik an der Interessensfeindlichkeit der Moral ist; mehr als die Spießer-Vorstellung vom Einmal-so-richtig-die-Sau-rauslassen fällt Nietzsche auch nicht als Alternative zur Moral ein:
»… Sie treten in die Unschuld des Raubtier-Gewissens zurück, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändigung, Folterung mit einem Übermute und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei, überzeugt davon, daß die Dichter für lange nun wieder etwas zu singen und zu rühmen haben. Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubtier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; … Diese 'Kühnheit' vornehmer Rassen, toll, absurd, plötzlich, wie sie sich äußert, das Unberechenbare, das Unwahrscheinliche selbst ihrer Unternehmungen, ihre Gleichgültigkeit und Verachtung gegen Sittlichkeit, Leib, Leben, Behagen, ihre entsetzliche Heiterkeit und Tiefe der Lust in allem Zerstören, in allen Wollüsten des Siegs und der Grausamkeit « (Genealogie, 11)
Exkurs:
Nietzsche und Hitler — ein absurder Vergleich
Die Geschichte mit der 'blonden Bestie', sein Schwelgen in der Vorstellung vom zur vollen Pracht gebrachten 'Herrenmenschen', seine Verachtung für die Juden, von deren Moral er die Welt zugrundegerichtet sah — »Alles verjüdelt oder verchristlicht oder verpöbelt sich zusehends« (Genealogie, 192) — all das hat Nietzsche den Vorwurf eingetragen oder ihn mindestens in den Verdacht gebracht, so etwas wie ein geistiger Vorfahre Hitlers gewesen zu sein: »Denker Nietzsche — Täter Hitler« war einmal im Spiegel zu lesen. Dieser Vergleich ist nach beiden Seiten hin absurd. Weder wäre Nietzsche für ein Staatsprogramm zu begeistern gewesen, das von den Volksgenossen die totale Unterordnung verlangt und für diese Forderung mit dem Lob sämtlicher moralischer Knechtstugenden Propaganda gemacht hat. Noch war Hitler für eine Filosofie zu haben, die das losgelassene Individuum predigt und sein Recht, auf alles zu pfeifen, was der Gemeinsinn für heilig erklärt. Aber bitte, wenn er sein soll, der Vergleich, — nachlesen, was bei Hitler steht über den Herrenmenschen:
»Der Arier ist nicht in seinen geistigen Eigenschaften an sich am größten, sondern in dem Ausmaß der Bereitwilligkeit, alle Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Der Selbsterhaltungstrieb hat bei ihm die edelste Form erreicht, indem er das eigene Ich dem Leben der Gesamtheit willig unterordnet und, wenn die Stunde es erfordert, auch zum Opfer bringt … In der Hingabe des eigenen Lebens für die Existenz der Gemeinschaft liegt die Krönung allen Opfersinns.« (Mein Kampf, S.326 f)
Die Idealfigur, die Hitler zum Herrenmenschen stilisiert, ist der totale Untertan, der bis zur Einsatz seines Lebens im Dienst am Staat aufgeht, dem dafür nichts versprochen werden muß, weil er die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst als seinen Lebenssinn auffaßt, ein nützlicher Vollidiot, der sich wahrscheinlich auch noch darüber freut, wenn ihm sein Führer das Lob ausspricht, daß man mit ihr wirklich alles anstellen kann, und ihm dafür gerne den Mangel an geistiger Größe verzeiht. Daß Hitler mit seinem Heldengemälde sich auch nur im mindesten in einen Gegensatz begibt zu den jedermann geläufigen moralischen Idealen, kann man ihm nicht vorwerfen — die Tugend der Selbstlosigkeit, der Wert der Gemeinschaft, von der man nichts hat, und die Einsicht in den Zusammenhang von edlem Charakter und der Bereitschaft zum Opfer kommen ausgiebig zum Zug. Auch daß er in seinen Taten nicht gehalten hat, was er mit der Kundgabe seiner moralischen Absichten versprochen hat, ist nicht wahrscheinlich — bei den Versprechungen! Also von wegen: 'Unmoral' des Dritten Reiches und seines Führers! Eher schon läßt sich an Dokumenten aus dieser Zeit studieren, was sich mit moralischen Idealen alles "begründen" läßt. Wenn Hitler dennoch ausgerechnet in den Verdacht gerät, die moralischen Werte verraten zu haben, so kann man daraus getrost die Lehre ziehen, daß ein moralisches Recht ziemlich genau ebenso weit reicht, wie der Erfolg der Sache, den dieses Recht überhöht; und den vergeigt zu haben, ist die einzige, für Nationalisten allerdings unverzeihliche moralische Fehlleistung Hitlers.
Doch was hat das alles mit Nietzsche zu tun? Erstens: Null! Zweitens kann man dem Totschlägerargument 'Wie Hitler!' entnehmen, zu welcher Radikalität brave Moralisten fähig sind, wenn jemand ihre Moral anpinkelt. Drittens ist es eine ganz andere Sache, zu erklären, was Nietzsche zu seinen rassistischen Ausfällen bewogen hat. Wie jeder, der sich mit seinen Ansprüchen an den Rest der Menschheit enorm im Recht weiß — 'Recht' großgeschrieben —, und deswegen davon ausgeht, daß sich jedermann nach diesen Ansprüchen richten muß, verfertigt auch Nietzsche aus diesem Recht seine Lehre von der Menschennatur. Wo die als Argument auftritt, ist sie allemal definiert durch die Ansprüche, die einer hat und in sie hineinlegt. Und stehen mit den auf diese Weise deduzierten Eigenschaften 'des Menschen' erst mal seine Fähigkeiten fest, diesen Ansprüchen auch nachzukommen, so ist die sich anschließende Sortierung der Menschheit nach diesem Kriterium in mehr menschliche Artgenossen und in solche, die eher unter das Verdikt unmenschlich und menschenunwürdig fallen, nur konsequent und die Empfehlung eines entsprechenden Umgangs mit ihnen geradezu unausweichlich. Die Rechtfertigung davon ist schließlich der ganze Inhalt des Argumentierend mit der Natur des Menschen.
Es ist schon armselig, den Rassismus nicht an dieser seiner Argumentationsweise festzumachen, sondern ihn am Gebrauch von Vokabeln wie 'Rasse', 'Jude' usf. entlarven zu wollen — gerade so als wären die Rassen selbst und nicht der rechtfertigende Umgang mit ihnen Produkt des Rassismus —, und ihn dann prompt nicht mehr wiederentdecken zu können, wenn ein Moralfilosof oder ein Bundespräsident von heute die Menschennatur bemüht.
So ist also nicht weiter verwunderlich, daß auch bei Nietzsche das eigentlich Rassistische überhaupt nicht in Verruf geraten ist. Der kompromißlose Kritiker der Charakterlosigkeit von Christen und Moralisten argumentiert immerhin sehr unbefangen mit dem Menschenbild biederer Moralfilosofen. Die sehen des Menschen Natur bestimmt durch einen Konflikt zwischen dem hehren moralischen Sollen und den leidigen Neigungen, die diesem Sollen immer in die Quere kommen. So auch Nietzsche, der eben diesen Konflikt mit umgekehrtem Vorzeichen versieht.
III. Psychologie der Moral — Alles eine Frage des Selbstbewußtseins
Damit jedoch spielt sich alles, was Nietzsche zur Kenntnis nimmt, was er kritisiert und was er als fällige Korrekturen vorschlägt, auf der Ebene des Selbstbewußtseins, der idealisierenden Bilder ab, die sich die Menschheit von ihrem wirklichen Treiben macht. Wenn Nietzsche über die Fabrikarbeit redet, so kommt dabei durchaus vor, daß da Leute ausgenutzt werden, daß ihnen das nicht gut bekommt — aber das ist für ihn das Uninteressanteste; was er daran kritisiert, ist die Charakterlosigkeit, mit der sich die Ausgenutzten ihren Schaden in eine Tugend umlügen. Wenn er auf den Staat zu sprechen kommt, so kommen die Zwecke und Mittel dieser obersten Gewalt gar nicht erst vor — daß er eine Schande ist für so geistreiche Leute, wie Nietzsche einer ist, lautet der Einwand. Und bei der Ehe kommen ihm auch nur die ziemlich vulgären Bilder von Mann und Frau in den Sinn, nach denen der starke Beschützer Haus und Familie behütet und ein zartes Wesen nach Unterordnung ruft.
Er erklärt sich alles psychologisch: Wenn einer nichts zählt im wirklichen Leben, dann kommt das daher, daß er sich dazu erniedrigt hat und deswegen eigentlich auch nichts Besseres verdient hat. Wer hingegen etwas hermacht, beweist damit seine Durchsetzungskraft und hat Charakter. In beiden Fällen gerät ihm die verlogene Selbstrechtfertigung, die nachgereichte idealistische Deutung von Mißerfolg und Erfolg zum wirklichen Grund dafür, wie sich ein Individuum durchzusetzen in der Lage ist. Die beiden Eckpunkte seiner psychologischen Theorie sind haargenau dieselben wie in der Moralfilosofie: Was hier natürliche Selbstsucht heißt, die durch die Tugend beschrankt werden soll, ist bei Nietzsche 'der Wille zur Macht', der darauf zu achten hat, daß er sich nicht durch die Fallstricke moralischer Anmache behindern läßt. Die Erklärungskraft dieser Theorie ist nicht übermäßig. Sie erschöpft sich in der tautologischen Auskunft, daß ein Selbst solange nicht zum Zug kommt, solange es sich verleugnet, und Nietzsche findet letzteres menschlich derart verständlich, daß er sich die Überwindung der Touren moralischer Selbstverleugnung nur als Akt einer außerordentlichen Willensanstrengung vorstellen kann, zu dem nur die wenigen starken Gemüter, nicht aber die Masse der Schwachen fähig sind. So sehr hängt Nietzsche an der Moral. Und so wenig taugt seine Kritik an der Moral.
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Sein kategorischer Imperativ lautet: 'Mehr Rückgrat, Leute!', er verlangt Ehrlichkeit und einen Willen, der sich seiner nicht schämt, sondern zu dem steht, was er sich vorgenommen hat:
»Während der vornehme Mensch vor sich selbst mit Vertrauen und Offenheit lebt, so ist der Mensch des Ressentiment weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu.« (Genealogie, 194)
Nietzsche verabschiedet sich nicht vom Geist der Rechtfertigung mit seinem doppelten Maßstab des Wollens und Dürfens, dessen Verlogenheit ihm so unangenehm aufgefallen war. Sein 'vornehmer Mensch' verkörpert lauter Ideale, die dem Rechtfertigungsgedanken selbst angehören: Die Heucheleien der Moral wollen schließlich geglaubt werden; Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sind also ihre verlogenen Ideale. In deren Namen fängt Nietzsche das Rechtfertigen an: Wer offen heraussagt, was er will, und dazu steht, der darf:
»… das souveräne Individuum, das nur sich selbst gleiche, das von der Sittlichkeit der Sitte wieder losgekommene, das autonome übersittliche Individuum (denn 'autonom' und 'sittlich' schließt sich aus), kurz den Menschen des eigenen unabhängig langen Willens, der versprechen darf – und in ihm ein stolzes, in allen Muskeln zuckendes Bewußtsein davon, was da endlich errungen und in ihm leibhaft geworden ist, ein eigentliches Macht- und Freiheitsbewußtsein, ein Vollendungsgefühl des Menschen überhaupt. Dieser Freigewordene, der wirklich versprechen darf, dieser Herr des freien Willens, dieser Souverän – wie sollte er es nicht wissen, welche Überlegenheit er damit vor allem voraushat, was nicht versprechen und für sich selbst gutsagen darf, wie viel Vertrauen, wie viel Furcht, wie viel Ehrfurcht er erweckt – er 'verdient' alles dreies – und wie ihm, mit dieser Herrschaft über sich auch die Herrschaft über die Umstände, über die Natur und alle willenskürzeren und unzuverlässigeren Kreaturen notwendig in die Hand gegeben ist.« (Genealogie, 208)
Diese Umkehrung des doppelten Maßstabs — nicht das Dürfen soll das Wollen rechtfertigen, sondern das Wollen das Dürfen — ist eine selten dämliche Alternative zur gängigen Moral, die Nietzsche nicht paßt. Schließlich ist seine Maxime »Ich darf, weil ich will« nichts als die Weigerung, die Vernünftigkeit eines Willens und die Zweckmäßigkeit seines Tuns zu prüfen. So ist jeder Unsinn erlaubt, wenn er nur gewollt wird, und jeder Schaden geht in Ordnung, wenn sich »das souveräne Individuum« dazu entschlossen hat. Vom Irrationalismus des Bösen, mit dem Nietzsche die Menschheit aus ihrer moralischen Befangenheit schrecken wollte, war bereits die Rede. Aber was macht sein vornehmer, von den 'Ketten' der Moral endlich befreiter Mensch, wenn er seine Vornehmheit und Freiheit auslebt? Er wählt sich — Pflichten:
»Zeichen der Vornehmheit: nie daran denken, unsere Pflichten zu Pflichten für jedermann herabzusetzen; die eigene Verantwortlichkeit nicht abgeben wollen, nicht teilen wollen; seine Vorrechte und deren Ausübung unter seine Pflichten rechnen.« (Jenseits von Gut und Böse, 272)
Dasselbe, was beim Moralisten für dessen Menschenunwürdigkeit gesprochen haben soll, seine Untertänigkeit, sein sich Ducken unter Pflichten, zeichnet den Menschen aus, wenn er es als sein frei gewähltes Privileg 'begreift'. Und wo eben noch das Mitleid als geradezu ekelerregende Unart zwischenmenschlichen Umgangs gegeißelt wurde, da gilt das Mitleid nun als Zeichen eines edlen Charakters:
»Ein Mann sagt: 'Das gefällt mir, das nehme ich zu eigen und will es schützen und gegen jedermann verteidigen'; ein Mann, der eine Sache führen, einen Entschluß durchführen, einem Gedanken Treue wahren, ein Weib festhalten, einen Verwegenen strafen und niederwerfen kann; ein Mann, der seinen Zorn und sein Schwert hat, und dem die Schwachen, Leidenden, Bedrängten, auch die Tiere gern zufallen und von Natur zugehören, kurz ein Mann, der von Natur Herr ist … wenn ein solcher Mann Mitleiden hat, nun! dies Mitleiden hat Wert! Aber was liegt am Mitleiden derer, welche leiden! Oder derer, welche gar Mitleiden predigen.« (Jenseits von Gut und Böse, 293)
Der Unterschied zum gewöhnlichen Moralisten, auf den Nietzsche soviel Wert legt, daß er sich gar keinen größeren Gegensatz vorstellen kann, liegt also gar nicht in einer Absage an den Inhalt der Moral, an die Pflichten und Vorschriften, denen sich der Mensch unterordnen soll. Er liegt vielmehr in dem Selbstbewußtsein, mit dem die Pflichten anerkannt werden und die Unterordnung stattfindet. Und selbst dieser Unterschied existiert nur in Nietzsches Einbildung – aber für die ist er ja auch gemacht:
IV. Einbildung für Eingebildete
Es ist nämlich nicht so, daß nur Herr Nietzsche und sein »souveränes Individuum« zu diesem Akt der Freiheit fähig wären. Noch der verstaubteste Moralfilosof preist nicht die Knechtung der Menschheit an, sondern die Freiheit des Willens, in der er die Fähigkeit sieht, Pflichten anzuerkennen und sich ihnen unterzuordnen. Und noch nicht einmal studiert muß man haben, um sich mit dem Bewußtsein der Freiheit in seine Pflicht zu fügen. Der Witz an der Selbstverleugnung und Selbsterniedrigung, die Nietzsche an den Christen und Moralisten so wenig leiden konnte, besteht gerade in dem »Selbst-«. Das moralische Individuum geht gerade nicht auf in der praktischen Unterordnung unter die Sachzwänge des Geldverdienens und die Gewalt des Rechts. Es leistet sich eine Interpretation seiner Unterordnung, legt sich für alles, was es tun muß, gute Gründe zurecht und verfügt so über ein Weltbild, in dem alles, was ihm begegnet, den Anschein erweckt, als würde es auf seiner Einsicht beruhen. An seiner Lage ändert das gar nichts; in seiner Einbildung spielt er jedoch den Herrn seiner Lage. Daß es sich bei der Moral um ein Bewußtsein der Abhängigkeit handelt, ist dem Inhalt dieser Einbildungen durchaus zu entnehmen – daher der doppelte Maßstab von Wollen und Dürfen; aber sie ist ein verkehrtes Bewußtsein dieser Abhängigkeit, in dem sich die abhängige Variable als Souverän über seine Abhängigkeit fingiert: Es selbst entscheidet über Dürfen und Nicht-Dürfen, läßt sich von niemandem etwas vorschreiben, außer seiner freien Einsicht in die Notwendigkeit und läßt sich nicht beugen, sondern weiß eine ganze Latte höherer Werte aufzuzählen, vor denen es sich erniedrigt. Diese Dummheit macht das Bewußtsein seiner Freiheit aus und ausgerechnet die hält Nietzsche der Verlogenheit der Moral entgegen:
»Das stolze Wissen um das außerordentliche Privilegium der Verantwortlichkeit, das Bewußtsein dieser seltenen Freiheit, dieser Macht über sich und das Geschick …« (Genealogie, 209)
Ein Unterschied ist bei alledem doch nicht zu übersehen. So großkotzig, aristokratisch und elitär, wie Nietzsche es tut, traut sich so schnell niemand mit dieser Dummheit anzugeben. Das liegt allerdings nicht am Argument, sondern daran, daß sich »die Masse« mit dieser Angeberei blamieren würde. Auch hier entscheidet sich einiges am Erfolg und an der wirklichen Stellung im Leben. Die dazu gehörenden Einstellungen – ob einer mehr auf Mitleid und Gnadengesuch macht oder ein anderer seine Durchsetzungskraft beschwört – geschmacklich bewerten zu können, gehört deswegen zu den niedersten Instinkten, über die bürgerliche Individuen verfügen.
(Erstveröffentlichung 1990)

Der US-Präsident Donald J. Trump mischt sich militärisch in Venezuela ein.
Auch die Augsburger Kaufmannsfamilie der Welser wollte sich Venezuela als Kolonie einverleiben.
Die Verbindung zwischen Augsburg und Venezuela ist historisch einmalig. Im Jahr 1528 schloß die Augsburger Bankiersfamilie Welser einen Vertrag mit Kaiser Karl V. ab [Die Abbildung zeigt den Boss Bartholomäus V. Welser 1484-1561]. Sie erhielten die Kolonie Klein-Venedig in Südamerika als Pfand für Schulden der Krone. Das Gebiet entspricht weiten Teilen dem heutigen Venezuela. Die Welser schickten Gouverneure und deutsche Siedler über den Ozean. Ihr Ziel war die Suche nach dem sagenumwobenen Goldland »El Dorado«. Die Verwaltung war jedoch von Konflikten und Gewalt geprägt.
Nach knapp 30 Jahren endete dieses Kapitel deutscher Kolonialgeschichte. Die spanische Krone entzog den Augsburgern 1556 schließlich die Rechte an dem Territorium. Ein prominentes Mitglied der Familie Welser wurde in Venezuela getötet. Bartholomäus VI. Welser, auch bekannt als Bartholomäus Welser der Jüngere, fand dort ein gewaltsames Ende. Am 17. Mai 1546 wurde er zusammen mit dem Generalkapitän Philipp von Hutten hingerichtet. Ihr spanischer Rivale Juan de Carvajal ließ die beiden Männer heimtückisch gefangen nehmen und enthaupten. Die Tat ereignete sich in der Nähe des heutigen Quíbor, als sie von einer mehrjährigen Expedition ins Landesinnere zurückkehrten. Carvajal wurde später für diesen Mord selbst zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Die wirtschaftlichen Ziele und Tätigkeiten der Welser in Venezuela waren vielfältig, wobei viele Vorhaben letztlich an den harten Bedingungen vor Ort scheiterten. Geplante und getätigte Geschäfte:
Suche nach Edelmetallen: Das Hauptmotiv war die Suche nach Gold und dem legendären »El Dorado«. Die Welser schickten eigens etwa 150 deutsche Bergleute in die Kolonie, um Minen zu erschließen. Diese Expeditionen ins Landesinnere waren jedoch oft verlustreich und brachten nicht den erhofften Reichtum.
Sklavenhandel: Ein wesentlicher Bestandteil der Verträge (Asiento) war das Monopol auf die Verschleppung und den Verkauf von versklavten Menschen. Die Welser hatten die Erlaubnis, rund 4.000 afrikanische Menschen nach Venezuela zu bringen. Zudem wurden indigene Bewohner gefangen genommen und als Sklaven verkauft.
Landwirtschaft und Plantagen: Es gab Versuche, Zuckerrohrplantagen aufzubauen. Diese sollten durch die Arbeitskraft versklavter Menschen bewirtschaftet werden, um Erträge für den Export zu generieren.
Handelsmonopole und Steuervergünstigungen: Die Familie genoß weitreichende Privilegien, darunter Steuererleichterungen und das Recht, Beamte sowie Gouverneure einzusetzen. Sie gründeten Siedlungen wie »Neu-Augsburg« (heute Coro) und »Neu-Nürnberg« (heute Maracaibo) als Handelsstützpunkte.
Die wirtschaftlichen Ziele der Welser konnten nur teilweise realisiert werden. Die hohen Kosten für die Expeditionen, tropische Krankheiten und Konflikte mit der indigenen Bevölkerung sowie spanischen Konkurrenten führten dazu, daß die Kolonie unrentabel blieb. 1556 endete die formale Herrschaft der Welser in diesem Gebiet endgültig.
06.01.2026
Ein Beitrag von Arno Löb, Augsburg
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Aus guten Gründen weiß der Staat seiner profitorientierten Wirtschaft zu helfen, wann immer sie ihn benötigt und das ist bekanntlich gerade in Krisenzeiten nicht selten. Wenn eine Firma in Zahlungsschwierigkeiten steckt und die Geschäftsbanken mit der Kreditvergabe zögern, dann springt er ein. Auch ansonsten hilft er auf diese Weise ohne Nachsicht. Er versorgt »die Wirtschaft« mit Liquidität, mit Staatsgeld. Klar, einen Preis hat das wie alles in der Geschäftswelt und es liegt auf der Hand, daß von seiten eines Kapitals aus gesehen, dieser Zins möglichst niedrig sein soll. Weshalb ein Präsident, der aus der Wirtschaft kommt, mit dem Zentralbankchef unzufrieden ist, wenn der einen für zu hoch erachteten Zins nicht senkt. Von Seiten des Staates, der seine eigene Verschuldung im Blick hat, können sich gar nicht genug Firmen bei ihm Kredit nehmen, zumal wenn man dann noch den ein oder anderen potenziellen Zahlungsausfall einkalkulieren muß.
Woher nun nimmt der Staat das Geld für seine Wirtschaft? Er verschuldet sich seinerseits, er gibt Staatspapiere aus, mit denen er Geld, Liquidität einsammelt. Gleichzeitig verspricht er den Käufern eine Vergütung in Höhe eines Zinssatzes für eine festgelegte Frist der Geldanlage. Diese Staatsanleihen werden jedoch in der Regel weniger von Firmen gekauft, weil die ja vor allem an flüssigem Geld interessiert sind und außerdem an ihren Ansprüchen gemessen die Zinssätze zu niedrig sind (die Sicherheit der Geldanlage fällt da weniger ins Gewicht, weshalb auch Staaten mit höheren Zinssätzen ihre Papiere verkaufen können). Diese Schuldverschreibungen werden hauptsächlich von anderen Staaten und deren Institutionen gekauft, die sie in ihrer Bilanz als Aktiva verbuchen können. Damit steigern sie ihre eigene Kreditfähigkeit. So hat zum Beispiel Japan jede Menge Dollaranleihen aufgehäuft und gleichzeitig die Staatsverschuldung auf über 200% des BIP hinaufgetrieben. Nun ist es dahin gekommen, daß der japanische Staat, um seine Schulden refinanzieren zu können, sich genötigt sieht, seine Dollaranleihen zu verkaufen. Da kann man bemerken, daß die Krise Japans gegen den Wert des Dollars selbst ausschlägt. Solange es freilich auf dem Kapitalmarkt einen Käufer der Kreditpapiere gibt, sind sie nicht wertlos. Und so verrückt wie die kapitalistische Welt nun einmal ist, hat vor allem Großbritannien zugeschlagen. Braucht dieser Staat braucht dringend (günstig erhältliche) Aktiva, um sich verschulden zu können? Einerseits ja, andrerseits ist da unverkennbar die politische Implikation: Man möchte sich beim großen Bruder – Trump hin, Trump her – rückversichern, zumal ja man auf eine solche Rückversicherung durch die EU nicht bauen will (der Brexit steht ja nicht wirklich infrage).
Doch zurück zu den USA. Diese haben also das Problem, ihre auf ihre über 38 Billionen USD angewachsenen Staatsschulden zu bedienen und nicht zuletzt deshalb, sie auch nicht weiter anwachsen zu lassen. Und gleichzeitig das andere Problem, ihre Wirtschaft mit jeder Menge Kredit am Laufen, konkurrenzfähig zu halten. Außerdem müssen sie das Land wieder für ausländische Kapitalanleger wieder attraktiv herrichten. All daran arbeiten sich die USA derzeit ab. Dabei haben sie einen gewaltigen Vorteil. Sie haben nämlich Werte in Form von Kapitalreichtum. Die USA sind zwar nicht mehr ganz unangefochten aber immer noch die Weltwirtschaftsmacht Nr. 1. Es ist nicht so wie beispielsweise in Argentinien, wo jedes Stück Reichtum im Land – seien es seine Bodenschätze oder seine landwirtschaftlichen Güter – ausländischen, vor allem US-Firmen gehört.
US-Firmen machen also Geschäfte im In- und Ausland, wenngleich für die staatlichen Ansprüche bei weitem nicht genügend. Das kann man noch jeder Aktion der Regierung entnehmen, die direkt oder indirekt auf die Ökonomie bezogen ist. Gerade die seit knapp einem Jahr nun im Amt befindliche Trump-Regierung hat sich ja zu einer gründlichen Bestandsaufnahme gezwungen gesehen. Das Ideal ihrer Maßnahmen ist, das Kapital zu entlasten, gleichzeitig die Staatsschulden und damit den Haushaltsposten ihrer Bedienung zu senken, kurzum all das zu tun, was im Rahmen eines kapitalistischen Staates nun einmal getan werden kann. Bei all den Überlegungen und Maßnahmen hat man allerdings eine blöde Schranke vor sich und das ist das Ausland, genauer: die Abhängigkeit von ihm. Es soll ja die US-Staatspapiere kaufen, es soll die US-Waren kaufen, es soll selber Waren in die USA zu günstigen Preisen liefern, es soll in den USA investieren, also Geschäfte machen, an denen die USA verdienen können.
Die gewaltigen Staatsaufgaben sind nicht anders einlösbar, als daß der Staatskredit strapaziert wird. Klar, die Regierung will die Verschuldung in den Griff bekommen, aber es gelingt einfach nicht. Der Dollar entwertet sich, was kein Wunder ist, allenfalls für die, die sich eine kapitalistische Wirtschaft ohne Geldentwertung wünschen. Solche Leute haben nämlich keine Ahnung davon, daß Geld nicht bloß eine Tauschmittel (Zahlungsmittel) ist, sondern Tauschwert, also Kapital, das in sich einen Anspruch besitzt, verwertet zu werden und damit mehr zu werden. In jedem Augenblick, wo das Kapital diesen seinen Daseinszweck verfehlt, entwertet es sich. Und das bekommt auch jeder Staatsangehörige zu spüren, für den Geld einzig und allein ein Zahlungsmittel ist und eben kein Lebenszweck, sondern eben nur Mittel, um weiterhin sein Leben fristen zu können. Deshalb ist das Gejammere nicht nur jenseits des Atlantiks über die »affordibility« (Erschwinglichkeit) so verständlich wie dumm.
28.12.2025 © Kommunikation & Kaffee Augsburg
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Ein Freund, der lange Jahre in China (für eine westliche Firma) gearbeitet hat, sagte mir: In China ist alles Business. Business, business, business! Da findest Du nichts hinsichtlich Deiner marxistischen Überlegungen. Dem ist sicherlich nicht zu widersprechen.
Seit nun etwa 50 Jahren hat China die kapitalistische Ökonomie des Westens geradezu perfekt adaptiert. Die Einsicht von Deng Xiaoping und Genossen war die, daß China dem Westen mit den vorhandenen Mitteln nur unzureichend standzuhalten in der Lage sei. China habe zwar ein enormes Potenzial, aber dieses liege brach und könne so nicht in die Waagschale geworfen werden.
Dazu trat ein antimarxistisches Element aus der Mottenkiste der ML-Ideologie: Der Vergleich mit dem Westen vermittels der ökonomischen Produktivität. Ursprünglich dachten ja diejenigen, die eine Revolution gemacht hatten – das gilt gleichermaßen für die UdSSR –, daß eine zentral organisierte und geplante Wirtschaft quasi automatisch produktiver sein müsse als eine mit- und gegeneinander konkurriender Kapitalgesellschaften. Kurzum, man wollte also mit einer alternativen Ökonomie die fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten ein- und überholen. Nun gestand man sich ein, daß dieser Plan nicht aufgegangen ist. Man hat sich allerdings dabei die Frage erspart, warum. Stattdessen griff man auf die ML-Geschichtsteleologie zurück, nach der der Sozialismus nicht eine Stufe der Entwicklung überspringen könne, daß also eine kapitalistische Entwicklung in einem so unterentwickelten Land wie China nachgeholt werden müsse, bevor ein Übergang (ein Übergang, kein Bruch!) zum Sozialismus erfolgen könne. Freilich war man in China nicht so radikal wie in Rußland, gleich die ganze einstige sozialistische Revolution ad acta zu legen. Behutsam öffnete die Kommunistische Partei Chinas also das Land für die Anlage von ausländischem Kapital, um selbst an den Früchten kapitalistischer Mehrwertproduktion teilhaben zu können. Den Preis dafür, die eigenen Landsleute der Ausbeutung zu unterwerfen, war die Partei bereit zu bezahlen. Schließlich erblickte man eine Notwendigkeit für das Überleben des Staates selber (samt all seiner rosigen Zukunftsperspektiven), erbrächte man nicht die dafür nötigen Opfer.
Daß dieses Programm ein ziemlicher Erfolg war, läßt sich heute nicht bestreiten. Man könnte einwenden, China habe sich damit der Feindschaft der imperialistischen Staaten keineswegs entledigt. Nur: Darauf war es auch nicht berechnet – es war ja wie gesagt, dem Standhalten geschuldet¹ —, wie sollte es auch? Es ist ja vielmehr so – gerade aus westlicher Sicht! –, daß Chinas ökonomischer Fortschritt ein Fortschritt der global wirkenden kapitalistischen Ökonomie selber ist: China mußte sich anpassen, nicht der Westen!
Und mit der Ökonomie ist es überdies nicht getan. Einher mit der Kapitalisierung Chinas gingen und gehen allenthalben die schönen Nebenwirkungen des Kapitalismus. Die Arbeiterklasse wird über ihre materielle Lage mit allerhand ebenso hübschen wie praktischen Gebrauchswerten nicht nur bei (Kauf-)Laune gehalten, sondern überhaupt darüber getäuscht, daß sie dafür in die Pflicht genommen, dafür mit der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft zu bezahlen hat. Diese für die meisten schier unbezahlbare bunte Warenwelt schlägt sich im Bewußtsein dermaßen nieder, daß man sich gar nicht mehr als Angehöriger der Arbeiterklasse fühlt und auch nicht fühlen möchte. Und nicht nur das. Ein weiteres Element der Kompensation – auch das kein Unterschied zum kapitalistischen Westen – ist die Verdrängung des eigenen individuellen materiellen Zustands mit dem Kompensationangebot, nun Mitglied einer erfolgreichen Nation zu sein. So hat der Nationalismus alle früher einmal vorhandenen Gedanken, als Arbeiterklasse keine nationalen Grenzen zu kennen, aufs Abstellgleis geschoben. Dem alten Kommunistenspruch »Proletarier aller Länder vereinigt euch!« wird man in China wohl wirklich nicht mehr begegnen.
Irgendwie spürt die geistige Entgleisung und Entgleitung auch die Parteiführung in Beijing. Doch soll man nun bei aller Adaption des Westens chinesische Traditionen bewahren oder aber doch irgendwie an den ursprünglichen kommunistischen Auftrag erinnern – für den Mao Zedong und seine Genossen ja einst eine Revolution für notwendig erachtet hatten – oder aber am besten irgendwie beides? Und gleichzeitig einer mittlerweile eingerissenen Wohlfühllaune der Bevölkerung nicht zu nahe zu treten? Von außen betrachtet hat man den Eindruck, daß die KPCh am liebsten gar nicht über solche Fragen nachdenken möchte. Im Grunde lasten die tagesaktuellen politischen Fragen ohnehin viel zu sehr auf den verantwortlichen Politikern. Außenpolitisch machen dem chinesischen Staat ja nach wie vor die USA, aber auch ein sich wieder erstarkt fühlendes und immer unverschämter auftretendes Japan zu schaffen und zwar mehr als China lieb sein kann. Unzweifelhaft treiben die USA den Preis für den erreichten Status Chinas weiterhin in die Höhe: Was ist alles nötig, um China vor den USA zu schützen, es gegen die USA abzusichern?
Und es ist ja bei der geistigen Verwahrlosung, die der Kapitalismus in seinen Zentren (den USA, Japan und Westeuropa) angerichtet hat, keineswegs so, daß sich dort eine Arbeiterbewegung bilden würde, die China zupaß käme. Umgekehrt ist es ja vielmehr so, daß China aufpassen muß, daß solche Verwahrlosung nicht im eigenen Lande Fuß faßt, so sie nicht schon Fuß gefaßt hat. Ein bloßes Bekenntnis zum Sozialismus hilft ja da nicht wirklich. Wie man an der Sowjetunion gesehen hat, war solch Bekenntnis – unter Stalin propagandistisch eingerissen – nichts wert. Man kann es jederzeit austauschen gegen ein anderes Bekenntnis. Das heutige Bekenntnis zum Sozialismus in China fußt auf dem Bekenntnis zu einer kapitalistischen Ökonomie. Sobald der ökonomische Erfolg ins Wanken gerät, gerät wohl auch das Bekenntnis zum »Sozialismus chinesischer Prägung« ins Wanken. Das ist zwar nicht abzusehen, allerdings wäre das dann kaum ein Schritt zu Marx' Kapital-Analyse.
Es war Deng Xiaoping nur in sehr abstrakter Form klar, was ein kapitalistischer Weg zum Sozialismus – so hat er ja die Richtung vorgegeben – alles impliziert². Der Angriff einer kapitalistischen Produktionsweise tangiert ja nicht nur die Ökonomie als solcher. Sie erfaßt den ganzen Menschen. Sie zerstört seine Persönlichkeit, wie er alle Natur zerstört. Gerade heute wird das so offensichtlich, wo der Mensch durch Roboter ersetzt werden soll, seine Begriffsbildung, die Sprache durch »künstliche Intelligenz«. Das auf die Programmierbarkeit reduzierte Individuum existiert ja mittlerweile als solches, als allen Klischees affines Ding, als die komplette austausch- und ersetzbare staatsbürgerliche Charaktermaske, als der Spießer schlechthin. So zugerichtet ist das Individuum und, wie man sieht, ja auch nicht zu knapp in der VR China. Jeder äfft nur noch das nach, was die staatlichen Propagandamaschinen vorsprechen, so sie das überhaupt für angebracht halten (was zumindest dann der Fall ist, wenn jemand aus der Reihe tanzt).
________
¹ » … Dennoch möchte ich betonen, daß wir uns in einem Wettlauf mit der Zeit befinden. Selbst wenn ein Kriegsausbruch verzögert werden kann, dürfen wir nicht nur diese Möglichkeit sondern sollten uns im Gegenteil auch darauf vorbereiten, daß manche Staaten durchaus einen großen Krieg wollen, und zwar bald. Denn die Hegemonisten sind in einer verzweifelten Lage, und niemand kann mit Gewißheit vorhersehen, wann oder wo einige der von ihnen angezettelten kleinen Zwischenfälle einen Krieg auslösen. Selbst wenn ein Weltkrieg verzögert werden kann, sind zufällige und lokale Ereignisse schwer vorherzusagen. …« (Deng Xiaoping, Rede auf der Plenartagung der Militärkommission, 28.12.1977)
² » … Letztes Endes lautet der allgemeine Grundsatz für unseren Wirtschaftsaufbau immer noch so, wie ihn der Vorsitzende Mao formulierte, nämlich, daß wir uns vor allem auf unsere eigenen Kräfte stützen und Hilfe von außen lediglich als Ergänzung betrachten. In welchem Maße wir uns auch nach außen öffnen und ausländisches Kapital zulassen – sein Anteil bleibt gering, und es kann unser System des sozialistischen Gemeineigentums an den Produktionsmitteln nicht beeinträchtigen. Wenn wir Kapital und Technologien aus dem Ausland aufnehmen, ja selbst wenn wir Ausländern erlauben, in China Fabriken zu bauen, so kann das alles doch höchstens eine ergänzende Rolle spielen in unseren Bemühungen um eine Entwicklung der sozialistischen Produktionskräfte. Natürlich werden damit ein paar dekadente kapitalistische Einflüsse nach China hereinkommen. Wir sind uns dieser Möglichkeit bewußt; dafür brauchen wir uns nicht zu fürchten. … (Deng Xiaoping im Interview mit Oriana Fallaci, 21.+23.08.1980)
27.12.2025 © Kommunikation & Kaffee Augsburg
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Die Öffentlichkeit neigt allenthalben dazu, die Politik so zu personalisieren, daß der Staat und dessen Räson einer Beleuchtung gar nicht erst anheimfällt. Dabei machen sich die Politiker an den Prämissen, die der Staat als solcher vorgibt, zu schaffen, sie wollen sie zum Wohle der Nation per (schier uferlosen) Erweiterung des Rechts, der Legitimierung der Gewalt, vorantreiben. Für die Medien dreht sich also alles um den (Miß)Erfolg des Personals an den unterstellten, vorgegebenen Staatsaufgaben. Die regelmäßigen Umfragen bezüglich der Beliebtheit von Politikern sagen da schon alles über den allgemeinen politischen Geisteszustand einer Republik aus.
US-Präsident Trump, wie man so schön sagt, »kommt aus der Wirtschaft«. Das ist heutzutage nichts Besonderes, fast überall in den führenden westlichen Demokratien, versuchen Magnaten des Kapitals auch in der Politik erfolgreich zu sein. Sie wissen um die Abhängigkeit des Kapitals vom Staat. Nur allzu oft stöhnen sie über die Maßregelungen des Klassenstaats, seine Beschränkungen empfinden sie als Zumutung, denn schließlich sind sie es ja, die mit ihren nicht selten riskanten Investitionen für den nationalen Reichtum — den abstrakten, in Geld gemessenen — sorgen. Solch ein Wirtschaftskapitän denkt nur allzu gern darüber nach, wie insbesondere Wirtschaftspolitik besser ginge. Und er neigt dazu, selber besser Politik machen zu können als die augenblicklichen Amtsinhaber.
Vor allem in den USA ist das durchaus eine große Herausforderung, Als Staat mit dem weltweit größten Inlandsprodukt und der Weltreservewährung verfügen die USA über die ökonomischen Mittel, ihre Vormachtstellung gezielt zum eigenen Vorteil einzusetzen: Die Wirtschaft als Quidproquo aller Politik. Dem hat kein Staat — das aufstrebende China ausgenommen — etwas entgegenzusetzen. Dies erlaubt einem Staatsführer allenthalben über die Gründe einer Wirtschaftskrise — vor der auch die Weltmacht Nr. 1 nicht gefeit ist — hinwegzusehen. Stattdessen beschuldigt — im aktuellen Fall — Präsident Trump andere Staaten, unfaire Handelspraktiken gegenüber den USA anzuwenden, die zu dem vorliegenden Zahlungsbilanzdefizit und einer hohen Staatsverschuldung geführt hätten. Daraus folgt zum einen mittels Steuersenkungen das eigene nationale Kapital in eine verbesserte Konkurrenzsituation zu versetzen; zum anderen gegenüber anderen Staaten Zölle als passable Waffe zu erachten, eben zum Schaden derer Wirtschaft. So andere Staaten das nicht auf sich sitzen lassen können — und welcher kann das schon? —, taugt diese Waffe zu Handelsabkommen, die für die USA vorteilhafter ausfallen als bisherige. Daß US-Finanzminister Scott Bessent — auch er kommt selbstverständlich aus der Wirtschaft — die von den erpreßten Partnern zugesagten Investitionen gleich ins Verhältnis zur US-Staatsverschuldung setzt, zeigt, daß man auch als Politiker genau so spekulativ denken kann wie als ganz gemeiner Kapitaleigner oder -manager.
Nun ist Finanz- und Wirtschaftspolitik nicht alles, was den Wirtschaftsstandort, den Staat ausmacht. Schließlich handelt es sich beim Staat um ein Gewaltmonopol, das zum Einsatz kommt, wo ökonomische Maßnahmen nicht ausreichen. Das gilt erst einmal im Lande selber. Dort existieren tatsächlich Leute, die nichts zum Erfolg der Nation beitragen. Dies erscheint einem, der als Wirtschaftsführer schon so viel geleistet hat, geradezu als eine Unverschämtheit. Und deshalb schaut er genauer hin: Er stellt fest, daß es sich zu einem großen Teil um Ausländer handelt, die sich schmarotzender- und verbrecherischerweise im Lande eingenistet haben. Als Politiker sieht er es also als vordringlich an, diesen unökonomischen Ballast wieder loszuwerden und erst recht keinen neuen Ballast dieser Sorte hereinzulassen. Aber auch die untätigen Inländer, die als Obdachlose die amerikanischen Großstädte beleben, sind einem verantwortungsvollen Politiker ein Dorn im Auge. Er läßt die Nationalgarde aufziehen, um zumindest die Innenstädte als Flanier- und Verkaufsmeilen wieder attraktiv zu machen. Vor allem in der international repräsentativen Hauptstadt Washington scheint das ja besonders vordringlich gewesen zu sein.
So manches Ausland allerdings fällt einem Präsidenten nicht weniger unangenehm ins Auge. Da gibt es doch tatsächlich Staaten, die nicht nach der Pfeife des USA tanzen. Deren Staatsführer widersetzen sich allen Vorschlägen, zugunsten der von den USA protegierten, somit einzig demokratischen Opposition abzutreten. Dabei meinen es die USA ja nur gut: Welch supertolle Wirtschaftsbeziehungen stellen die USA auch solchen Staaten in Aussicht. Die USA wissen doch sehr gut, daß es doch auch anders geht: Gerade in Europa bemühen sich doch fast alle, — um es einmal salopp auszudrücken — einen Wohlfühlplatz im Arsch der USA zu finden, der einzige wirkliche Platz an der Sonne. Es ist also sehr frustrierend, wenn ein verantwortungsvoller Staatsmann zum letzten Mittel greifen, sein Militär auffahren lassen muß. Allerdings ist es noch frustrierender, wenn selbst Luftschläge nicht auf Verständnis stoßen, sondern in jenen Staaten eine Verhärtung ihrer Haltung hervorrufen. Nun hat der Präsident schon in seiner ersten Amtszeit ein erstes Exempel mit einem massiven Luftschlag gegen Syrien (am 07.04.'17 mit 59 Tomahawk Cruise Missiles) gezeigt. Auch wenn der Erfolg nicht unmittelbar eintrat, so konnte der US-Präsident in seiner zweiten Amtszeit den Erfolg begrüßen, in Person von al-Julani, den vormals als Terrorist gesuchten Führer von al-Qaida-Ableger Hayat Tahrir al-Sham (HTS), nun Präsident Syriens, welchem Trump die Ehre erwies, ihn im Weißen Haus zu empfangen.
Dieses Erfolgsrezept sieht sich der Präsident gezwungen, auch in seiner zweiten Amtszeit anzuwenden: Die Luftschläge gegen den Jemen und den Iran haben demonstriert, zu welchen Schäden der dort ansässigen Bevölkerung eine falsche Herrschaft gereicht. [Bei einer Ehrung beteiligter Militärs (am 29.22.'25) rühmte sich Trump, obschon der Schlag gegen den Iran seit 22 Jahren vorbereitet worden war, habe er ihn endlich ausführen lassen.] Noch freilich haben es weder die Huthis noch die Perser verstanden. So stellt sich die Frage, ob die USA da noch nachlegen müssen. Im Irak hat ja seinerzeit der Sohn George W. Bush das nachgeholt, was sein Vater George H.W. Bush als Präsident noch offen gelassen hat: Nämlich den Wechsel an der Staatsführung und damit in der Staatsräson des Irak zu erreichen. Die damalige Begründung des Krieges, es handele sich um einen Staat mit Massenvernichtungswaffen, die einem so unzuverlässigen nicht zustehen, flog erst dann in vollem medialen Umfang als Lüge auf, als der Erfolg schon sichergestellt war.
Einen Wechsel in der Staatsführung zugunsten der USA fordern diese seit langem auch in Venezuela. Die Sanktionen gegen diesen Staat — Trump hatte 2017 die staatliche Erdölgesellschaft Petróleos de Venezuela S.A. sanktioniert — haben noch nicht zu einem Erfolg geführt, was doppelt ärgerlich ist, weil Venezuela den USA das — so sehen sie es — hauptsächlich ihnen zustehende Erdöl verweigern und damit auch für die als für zu hoch empfundenen Energiekosten verantwortlich sind. Auch wenn die Regierung in Caracas über Handelsfragen nach eigenem Bekunden mit sich reden läßt, soll sich der Erfolg endlich viel grundsätzlicher und gründlicher einstellen. Doch wer glaubt, die USA befänden sich darüber in einer Verlegenheit, täuscht sich. Was liegt näher, als einem südamerikanischen Staat vorzuwerfen, die USA mit Drogen destabilisieren zu wollen? Und so ließ Trump seine Armada vor Venezuela aufkreuzen. Und sie hat sogleich einige mutmaßliche Drogenboote versenkt, so daß der Präsident einen Rückgang des Drogenimports über die Karibik von 85% konstatieren konnte (am 28.11.'25) — wahrscheinlich hat er einfach die Zahl der dabei Getöteten, die sich auf ungefähr 85 belief, dafür hergenommen. Damit ist er freilich nicht zufrieden. Ein ökonomisch Denkender macht ja nichts unter 100%, bevor er seine Mission als erfüllt ansieht. Das bedeutet, daß die Armada noch ein ganzes Weilchen vor Venezuela bleiben muß. Solange jedenfalls, bis die CIA, die den Befehl erhalten hat, im Feindeslande selbst nach Zielen zu suchen, Bescheid geben kann, was wiederum heißt, daß dann ein Befehl zum Einsatz der Streitkräfte erfolgen kann. Es sei denn, Präsident Maduro überlegt sich das noch einmal anders und tritt ab. Er hat also noch eine Galgenfrist (Stand: 30.11.'25). Allerdings ist die auch noch durch einen anderen unglücklichen Umstand bedingt. Kaum jemand — weder in den USA noch sonstwo auf der Welt — nimmt der US-Regierung die Lüge ab, es handle sich bei Venezuela um einen Drogenhändlerstaat. Doch auch da setzen die USA alles auf eine Karte. Und die hieß in diesem Falle »Friedensnobelpreis«. Mit dieser carte blanche wurde bekanntlich eine venezuelanische US-Vasallin beglückt. Da konnten die staatshörigen Medien des freien Westens kaum umhin, dies zu begrüßen. Der US-Aufmarsch gilt nun als legitime Bekräftigung einer Kriegsnobelpreisträgerin (angepaßte Bezeichnung à la »Kriegsministerium«). Wie Venezuela so haben die USA mit Nigeria ein weiteres wichtiges Ölförderland ins Visier genommen und zwar unter der verlogenen Anschuldigung, die dortige Regierung würde die christliche Bevölkerung gegen terroristische Übergriffe der islamischen Fundamentalistenmiliz Boko Haram nicht zu schützen wissen.
Im übrigen weist auch der Ukraine-Krieg darauf hin, daß die USA alle Gewalt unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachten: Der Vorwurf, dieser Krieg sei allein der Vorgängerregierung unter Biden geschuldet, heißt ja im Klartext: Alle Mittel für diesen Krieg seien umsonst aufgewandt worden, da sich der Erfolg nicht eingestellt hat. So etwas kann selbstverständlich einem Trump nicht passieren! Das ist ihm Grund genug, sich dieses Krieges entledigen zu wollen. Den hatte er in seiner ersten Amtsperiode mit einer drastischen Aufrüstung des antirussischen Vasallenstaates eingeleitet.
Kleiner Zusatz:
Eine Meinung, die man immer wieder hört, ist, Trump sei ein Faschist. Auch der sich selbst als »demokratischer Sozialist« bezeichnende, frisch gewählte Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani nannte ihn so. An dieser Stelle sei ein Vergleich erlaubt: Wie gesagt, Trump kommt aus der Wirtschaft, ein gemachter Mann mit viel Geld. Hitler hingegen entstammte dem Subproletariat; aus purer Not verpflichtete er sich bei der Wehrmacht und entwickelte ein positives, völlig unökonomisches Verhältnis zur staatlichen Gewalt. Deshalb setzte er sich, als er Kanzler geworden war, auch vorsätzlich über alle ökonomischen Belange hinweg und schlug ganz unmittelbar den Weg der Gewalt ein. Im weiteren Verlauf seiner Politik verfolgte er diesen umso intensiver, je weniger der ökonomisch rationell war. Viel eher als Trump haben sich in dieser Hinsicht Bundeskanzler Merz, der bekanntlich ja auch aus der Wirtschaft kommt, und sein Vorgänger Scholz auf diesen Pfad begeben. [Das soll jetzt nicht heißen, ein Reicher könne kein Faschist werden und ein Elender wäre prädestiniert, Faschist zu werden.]
30.11.2025 © Kommunikation & Kaffee Augsburg
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Weltgeld: Der Widerspruch einer gewaltsam durchgesetzten nationalen Ökonomie
Die Dedollarisierung, die voranschreitet und welche die Mainstreammedien vergeblich in den Hintergrund zu drücken, herunterzuspielen versuchen, macht den Widerspruch deutlich zwischen einem nationalen Geld, einer Währung, die gleichzeitig eine internationale Währung ist, also Weltgeld. Diesen Anspruch, Weltgeld zu sein, konnte die USA in Folge des 2. Weltkriegs durchsetzen und mit ihrer überlegenen Militärmacht, die dafür weltweit auf- und ausgebaut wurde, etablieren und bis heute erhalten. Wenn heute diese dominante Stellung des US-Dollars in Frage gestellt ist, ist es durchaus wichtig zu wissen, wie es dazu kommen konnte. Und vor allem, welche Vorteile dem us-amerikanischen Staat erwachsen waren, die er heute unter Führung von Präsident Trump zu verteidigen beabsichtigt, mit Zöllen, mit Sanktionen, mit neuen Kriegen, mannigfarbigen Regierungsumstürzen sowie milliardenschwerem Durchfüttern von Vasallenregierungen (wie zuletzt in Argentinien). Es versteht sich von selber, daß diese Anfechtung der US-Dominanz von Staaten und deren Bevölkerung kommt, die unter dem US-Imperialismus gelitten haben und dieser Misere überdrüssig geworden sind. So ist auch der Aufstieg des BRICS-Blocks zu verstehen, dessen Mitglieder angetreten sind, die US-Währung konsequent aus dem Welthandel zurückzudrängen.
Michael Hudson, unter anderem Professor für politische Ökonomie in den USA, hat die Geschichte des US-Finanzimperialismus aufgeschrieben und erläutert, aufgrund welcher Ansprüche und mit welchen Berechnungen die USA den dafür anfallenden Notwendigkeiten entsprachen.
Die einzelnen Kapitel:
1. Ursprünge der zwischenstaatlichen Schulden (1917-1921)
2. Der Zusammenbruch des globalen Gleichgewichts (1921-1933)
3. Die Vereinigten Staaten verschmähen die globale Führungsrolle
4. Das Leih-Pacht-System und der Zerfall des britischen Weltreichs (1941-1945)
5. Bretton Woods: Der Triumf des staatlichen amerikanischen Finanzkapitals
6. Der kommunistische Block wird isoliert
7. Die amerikanische Strategie in der Weltbank
8. Der Imperialismus der US-Auslandshilfe
9. GATT und der doppelte Standard
10. Die Vorherrschaft des Dollars durch den IWF (1945-1946)
11. Wie Amerika seine Kriege mit den Finanzmitteln anderer Staaten finanzierte (1964-1968)
12. Macht durch Bankrott (1968-1970)
13. Das Imperium durch eine Währungskrise vervollkommnen (1970-1972)
14. Die monetäre Frühjahrsoffensive von 1973
16.11.2025
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