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Der japanische Imperialismus – nichts als Aneignung westlicher Ideologie
 

 

Jene Auffassung, die in Geschichtsbüchern verbreitet wird, stellt die Wahrheit auf den Kopf: Dort wird behauptet, der japanische Sieg im Krieg gegen Rußland 1904/1905 wäre der erste bedeutende Sieg einer asiatischen über eine europäische Großmacht in der Moderne gewesen.
Eine Richtigstellung liefert der japanische Kommandeur  eines Panzerkreuzers, Graf Yorisaka, der mitsamt seinem englischen Berater und Beobachter, Schiffskommandant und Adjutant seiner königlichen Majestät, auf eben jenem Schiff in der Seeschlacht bei Tsuschima im Oktober 1904 ums Leben gekommen ist. Tage zuvor tönte der Japaner gegenüber dem Briten: »Wer Russe sagt, sagt Asiate und wir Japaner behaupten, bald Europäer zu sein. Unser Sieg kommt Ihnen soviel wie uns zu, weil es ein Sieg Europas über Asien ist. Nehmen Sie für alles unsere ganz untertänigste Dankbarkeit an.«¹

Und in der Tat fand Japan in England einen Unterstützer in seinen den europäischen Großmächten nachgeahmten Ambitionen auf dem asiatischen Festland, auf die es viel mehr Anspruch erhob, war dies doch ihm nahegelegen. Insbesondere ging es um Korea, die damals unter russischer Verwaltung stehende Mandschurei und das von den Kolonialmächten geschwächte China. Japan hatte schon im Krieg gegen die Qing-Dynastie 1894/95 darauf den Blick gerichtet.²
»Bereits Ende Januar 1902 wurde auf fünf Jahre ein Vertrag zur Aufrechterhaltung  des bestehendes Zustandes in Ostasien zwischen England und Japan abgeschlossen, worin sich beide Seiten gegenseitig versprachen, neutral zu bleiben, falls der andere von einem einzelnen Gegner angegriffen wurde und einander beizustehen, sobald eine Macht dem Gegner zu Hilfe komme.«³ »Der englische Imperialismus … nahm an dem zwei Jahre später ausbrechenden Russisch-Japanischen Krieg nicht unmittelbar teil, doch gewährte England Japan bedeutende materielle und technische Hilfe. Vor allem räumten englische Banken der japanischen Regierung Kredite zur Finanzierung der Aufrüstung bei.«⁴ 
»Rußland gab darauf [auf den Vertrag von 1902] bekannt, daß sein Bündnis mit Frankreich auch für Ostasien Geltung habe und suchte durch einen Scheinvertrag mit China, der die baldige Räumung der Mandschurei in Aussicht stellte, die Gegner zu beruhigen. … Die Befürchtungen, die durch die Vollendung der sibirischen Eisenbahn erweckt wurden, das Heranströmen russischer Kolonialisten, die Verstärkung der ostasiatischen Truppen und der ostasiatischen Flotte Rußlands, alles das bewog die japanischen Staatsmänner zu sofortigem Handeln. Im August 1903 eröffnete Japan mit Rußland die Verhandlungen über die Räumung der Mandschurei und die Sicherung Koreas gegen den russischen Einfluß; denn es war bereits der Plan aufgetaucht, die Mandschureieisenbahn durch eine Zweiglinie nach Söul und den koreanischen Hafen Mosampo zu ergänzen. Dagegen wollte Rußland den Japanern die militärische Besetzung irgend welcher Punkte Koreas nicht gestatten und verlangte im Interesse der Verbindung  zwischen seinen ostasiatischen Häfen Wladiwostok und Port Arthur die vollständige Freiheit der Schiffahrt in der Straße von Korea. Das äußerste, was Rußland zugestehen wollte, war die Festsetzung einer neutralen Zone in Korea; nördlich von dieser sollte der russische, südlich davon der japanische Einfluß vorherrschen. Über die Abgrenzung der Zone konnte man sich jedoch nicht einigen. Die Japaner erkannten aus diesen Verhandlungen, daß sie auf friedlichem Wege ihre Forderungen nicht würden durchsetzen können. Sie stellten daher im Januar 1904 ein Ultimatum; Rußland solle die Mandschurei räumen und dem freien Handel aller Nationen öffnen, und es solle die Vorherrschaft Japans in Korea anerkennen. An eine Annahme dieser Bedingungen durch den Zaren war natürlich nicht zu denken; das würde die Aufgabe aller während des letzten Jahrzehnts gewonnenen Positionen bedeutet haben. Da von russischer Seite auf die japanischen Forderungen keine Antwort erteilt wurde, erklärte Marquis Ito die Verhandlungen für abgebrochen, und der japanische Gesandte verließ Petersburg. Damit war, wenn auch keine formelle Kriegserklärung erfolgte, der Kriegszustand zwischen beiden Mächten eingetreten.«³
Soweit in Kürze und auf Japan konzentriert die Tatsachen. Was sich jedoch in Japan zu dieser Zeit abspielte, das beleuchtet das Werk Claude Farrères »Die Schlacht«, womit die bei Tsuschima im Oktober 2004 gemeint ist. Darin ist auch das obige Zitat enthalten. Die Handlung spielt sich freilich vornehmlich vor der Schlacht ab und zwar in Nagasaki und Umgebung. Nagasaki, später international einem breitem Publikum bekannt durch den us-amerikanischen Atombombenabwurf im August 1945, der zur Kapitulation Japans führte und damit das Ende des Weltkrieges in Ostasien besiegelte, wo er ja auch mit der japanischen Aggression gegen China 1931 – mit der Besetzung der Mandschurei – und dann im Juli 1937 gegen das übrige China begonnen hatte. 
Nagasaki war schon lange ein Zentrum der Schwerindustrie, insbesondere des Schiffsbaus (der Konzern Mitsubishi) und seine Nebenbucht Sasebo japanischer Kriegshafen, also ein wichtiger militärischer Ort, zumal er gegenüber Korea und der Zufahrt zum Gelben Meer günstig liegt. In Nagasaki war die englischsprachige Zeitung »Nagasaki Press«⁵ allgemeines Informationsorgan – es war in, englisch zu lernen und zu sprechen! Diese Zeitung veröffentlichte zum Beispiel eine Depesche der Nachrichtenagentur Reuter »Tokio, 22. April 05. Man bestätigt das Erscheinen von vierundvierzig russischen Schiffen vor Singapur am Sonnabend den 8. d. M. Der Vizeadmiral Rodjestvensky befehligte sie. Die Division des Konteradmirals Nebagatof ist noch nicht signalisiert. Es geht das Gerücht, daß der Vizeadmiral Rodjestvensky die Richtung nach der französischen Küste von Indo-China eingeschlagen hat. – Die Weisungen des [japanischen] Admirals Togo bleiben geheim.«⁶ Die Nachrichtenübermittlung lag also ebenfalls nicht in japanischen Händen.

Die Geschichtsschreibung stellt ihrem Bericht gleich folgendes voran: »Der unter us-amerikanischer Vermittlung ausgehandelte Friedensvertrag von Portsmouth vom 5. September 1905 besiegelte den ersten bedeutsamen Sieg einer asiatischen über eine europäische Großmacht in der Moderne.«⁷
In Farrères Werk hat es einen Franzosen in diese japanische Stadt verschlagen, als Porträtmaler bestellt begab er sich privat auf die Suche nach dem ursprünglichen Japan, nachdem er gleich bei seiner Ankunft überrascht worden war: Die Gastfamilie, der der Kapitän eines Schlachtschiffes vorstand, war vollkommen europäisiert. Das betrifft die Inneneinrichtung des Hauses bis hin zur mit neuester Pariser Mode bekleideten Ehefrau. Ein englischer Beobachter und Berater war ebenfalls zugegen. England hatte die Schiffskanonen geliefert, allerdings erstmal nicht die neuesten. Man weiß ja aus dem aktuellen antirussischen Krieg, was für die Erledigung der Russen gut genug sein muß! So wurde denn auch der Engländer gebeten, das Empire möge doch gefälligst die besten Maschinen liefern, wenn schon Japan den Krieg schultere, was ja nicht zuletzt im Interesse der Briten sei. Sowohl der Japaner wie der Brite kamen dann bei der entscheidenden Schlacht von Tsushima ums Leben. Aber der Witz des Buches sind ganz und gar nicht die Kriegshandlungen an sich.⁸ Vielmehr ist die Beschreibung der japanischen Welt in Nagasaki und Umgebung, das völlige Aufgehen der oberen Schicht in den westlichen Vorbildern. Das Ankern der us-amerikanischen Luxusjacht Yseult in Nagasaki und die dort stattfindenden Parties beeindruckten allein den Franzosen nicht.
Japans Ambitionen hat sich dieses Land vom Westen abgeschaut. Dies läßt sich nicht bestreiten. Dafür hat es Anleihen aller Art aus dem Westen bezogen. Die imperialistischen Ziele hat es sich selber ausgesucht, wofür es einer westlichen Absicherung bedarf. Das zaristische Rußland zu bekriegen, schien Japan eine lösbare Aufgabe. Korea war ohnehin schon unter japanische Kontrolle. Und das Hauptziel war das angrenzende heutige Nord-China, damals als Mandschurei weitgehend unter russischer Kontrolle. 
Die offiziellen Opferzahlen auf japanischer Seite wurden sicher im Überschwang des Sieges geschönt, nicht nur die russischen waren erheblich. Der Sieg stieg den Japanern dermaßen zu Kopf, daß der von den USA vermittelte Friedensvertrag als Betrug an Japan empfunden wurde. Farrères Fazit war der, daß im Grunde keine Seite den Schlagabtausch wirklich gewonnen hat, insbesondere weil Japan seine urspüngliche Façon endgültig verloren habe. 
Der als eingeschränkt empfundene Sieg hatte Japan lange gewurmt und den Nationalismus immens angestachelt, allerdings war es lange nicht in der Lage, wieder kriegsfähig zu werden, zumal die überseeischen Imperialisten das Interesse an Japan zurückgestellt hatten, waren sie selber doch in Europas großen Krieg (1. Weltkrieg) eingebunden. Wie oben bereits erwähnt hat Japan sich dann 1931 die Mandschurei gesichert. Im Juli 1937 hielt es die Zeit für gekommen, sich ein durch innere Zerwürfnisse geschwächte übrige China einzuverleiben. Das Vorgehen der Japaner dort war so barbarisch, als hätten sie dies von den Yankees übernommen (vielleicht haben sie das ja auch!). So begann der 2. Weltkrieg in Ostasien. Japan hat dann Frankreich beschuldigt und die USA verdächtigt, die aus seiner Sicht »berechtigten Ordnungsinteressen« in China zu hintertreiben. Das führte dann (neben den Auseinandersetzungen mit Frankreich in und um Indochina) zu dem berühmten Überfall auf den us-amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Habour auf der zum Hawaii-Archipel gehörigen Insel O'ahu im Dezember 1941. Diese Inselgruppe sollte einem »imperium japonicum« zugehörig werden.
Nach den beiden Atombombenabwürfen war es dann mit dem japanischen Großmachtstreben vorbei, Japan mußte kapitulieren. Allerdings wurde es damit erst recht zu einem westlichen Produkt. Die seit 1950 so gut wie ununterbrochen herrschende Liberaldemokratische Partei (LDP) war von Anfang an eine us-amerikanische Kreatur. 
Und heute, 75 Jahre später, schlägt die jüngst ins Amt gekommene Premierministerin Sanae Takaichi wieder imperialistische Töne gegen China an⁹, diesmal eben mit us-amerikanischer Rückendeckung und mit der eisernen Lady Margaret Thatcher als ihrem Vorbild. Offenbar hat Japan die Weltkriegsniederlage gegen das Nachbarland und keineswegs gegen die USA nach wie vor nicht verschmerzt… Auf alle Fälle zeigt dies, daß der Aufbau eines Feindbildes zur Rechtfertigung eigener Ansprüche dringend notwendig ist. Auch hierin ist der Westen für Japan eine Richtschnur. Kurzum: Die Aufrüstung Japans  ist sowohl politisch wie militärisch und medial in vollem Gange. Eine atomare Bewaffnung Japans  ist von der Partei Sansei ins Gespräch gebracht worden – allein damit ist die Regierung außenpolitisch noch von rechts zu kritisieren. 

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¹ Claude Farrère, Die Schlacht (dt. Erstveröffentlichung, Xenien Verlag, Leipzig, 1913), S. 25
² Entscheidend für die Ambitionen Japans war die politische Wende nach dem Putsch von 1868, die «Meiji-Restauration« (benannt nach dem Kaiser). Die Putschistenregierung nahm sich definitiv die europäischen Kolonialmächte zum Vorbild. −
Die von den Portugiesen im 16. Jahrhundert erstmals ins Land gebrachten Feuerwaffen wurden von den Eingeborenen zunächst abgelehnt, sie wollten nach wie vor mit ihren Samurai-Schwertern kämpfen. Es dauerte über ein Jahrhundert, bis die Einheimischen die Nützlichkeit der neuen Waffen bei der Austragung ihrer Stammesrivalitäten zu schätzen lernten. Diesem westlichen Einfluß verdankt sich übrigens im weiteren der gewaltsame Zusammenschluß der drei Inseln Honschu, Schikoku und Kiuschu zu einem einheitlichen Staat (die nördlich gelegene Insel Hokkaido kam erst nach der genannten Meiji-Wende hinzu, offiziell 1869).
³ »Der Kampf um die Vorherrschaft in Ostasien« in: »Weltgesschichte, Geschichte der Neuzeit – das nationale und soziale Zeitalter seit 1815«, Ullstein Verlag, 1908, S. 545ff
⁴ J. M. Shukow u.a., Weltgeschichte, Band 7, 1965, S. 489

⁵ Seit wann die heute noch erscheinende Zeitung eine japanische Ausgabe hat, ist ebensowenig bekannt wie die Einstellung der englischsprachigen.
⁶ Claude Farrère, Die Schlacht, S. 59
⁷ deutschsprachiges wikipedia, Stand 01/2026, Hervorhebung durch KoKa
⁸ Die Neuauflage des Farrère-Buches im Georg Müller Verlag – er legte nach WK I eine ganze Serie von seinen Werken wieder auf – wurde denn auch mit »Marquise Yorisaka«, der europäisierten Japanerin, betitelt. 
⁹ »Während einer Anhörung im japanischen Parlament, der Diet, am 7. November behauptete Takaichi, daß eine Notlage auf Taiwan, die den Einsatz von Kriegsschiffen und militärischer Gewalt vom chinesischen Festland beinhaltet, eine überlebensbedrohliche Situation für Japan darstellen könnte. Laut Gesetz können die Selbstverteidigungskräfte Japans das Recht auf kollektive Selbstverteidigung ausüben, wenn eine solche Situation als überlebensbedrohend anerkannt wird.« (Global Times, 13.11.2025) Diese Position hat sie gegenüber der japanischen Zeitung Mainichi Shimboun am 11.11.2025 noch einmal bekräftigt.

 

07.02.2026 © Kommunikation & Kaffee Augsburg
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