Kann Bildungspolitik den Faschismus verhindern?
Offenkundig eine Frage, die gerade junge Leute bewegt, denn sie wurde von ihnen hier in Augsburg anläßlich einer Bildungsdiskussion gestellt.
Ob es sich dabei um die etablierte oder eine zu verbessernde bzw. zu veränderte Bildungspolitik handelt, sei einmal dahin gestellt. Zunächst einmal: Der Staat hat seine Schulen und Ausbildungsstätten nicht mit dem Zweck, den Faschismus zu bekämpfen, eingerichtet. Das Bildungssystem taugt dazu, die jungen Menschen auf und für das Berufsleben vorzubereiten. Dafür werden sie selektiert und sortiert – nach Schularten und Benotungen. Dabei versteht es sich für den Staat ganz von selbst, daß die jungen Leute sich dazu positiv zu verhalten haben, denn ihr weiteres Leben hängt schwer davon ab, einen Beruf abzubekommen, der jedem von ihnen die existenziellen Sorgen zu nehmen hat. Dabei ist unterstellt, daß man als Arbeitsloser im Grunde kein Recht auf Leben hat: Der Wert des Lebens also ohne Beruf und damit verbundenem Einkommen also gegen Null geht, da mag in der Verfassung die Unantastbarkeit der Menschenwürde ganz vorne stehen, egal.¹ Mit einem Beruf ist man dann schließlich ein Zahnrädchen in der famosen kapitalistischen Gesellschaft, entweder als Staatsdiener und damit als unmittelbare Manövriermasse des Staates selber, oder als Verwertungsmasse des Kapitals, als Arbeiter in einem Betrieb, auch als aus- oder vorgelagerter Arbeiter. Hat ein Individuum einmal als solches Zahnrädchen sein Leben eingerichtet, gilt sein besonderer Dank dafür dem Staat, der einem diese Möglichkeit, diese Wahnsinnschance geboten hat. So ist es eben für den Staat selbstverständlich, daß es sich nicht gehört, über eine alternative Staatsräson nachzudenken, schon gleich nicht über eine, die sich in seinen Augen dermaßen moralisch diskreditiert hat, daß sie schon aufgrund dessen den Weltkrieg verlieren mußte.
Kurzum, die deutsche Bildungspolitik war nicht darauf gefaßt, daß eine Nazi-Partei wie die AfD sich in einer als ziemlich aller Kritik enthobenen Gesellschaft etabliert, schon gleich nicht in der Ostzone, die ja besonders dankbar dafür sein soll und muß, nunmehr zur Bundesrepublik zu gehören, also dahin, wo ihre Bewohner ja zuhauf hin wollten²; gleichfalls gehört es sich, dankbar zu sein, für die, welche aus Osteuropa und den Ländern der früheren Sowjetunion zugezogen sind³.
Nun gibt es diesbezüglich eine Kritik des Staates selber: Er zeiht sich eines Versäumnisses: Er habe bei der Bildung es an genügender Agitation für den Staat und seine verfassungsmäßig niedergelegte Räson fehlen lassen. Das Bundesland Bayern, seit Jahren von einer Partei regiert, die eine Abgrenzung nach rechts nie so genau genommen hat⁴, hat den Schulen eine Verfassungsviertelstunde verordnet. Offenbar glaubt eine dogmatisch veranlagte Landesregierung, ein dermaßen eingehämmertes Glaubensbekenntnis zur etablierten Staatsräson verfehle nicht seine Wirkung. Fragt sich bloß, ob die AfD-Wähler, die ja zu einem nicht unbeträchtlichen Teil der CSU selber entstammen, auf diese Weise wieder eingesammelt werden. Denn jene Wähler sind ja weit überwiegend längst dem Schulalter entwachsen. Und nicht nur das: Die Nazis von heute sehen sich ja selber auf dem Boden der Verfassung, für die sie agitiert werden. Nebenbei bemerkt: Hitler ließ sich auf die Weimarer Verfassung vereidigen, die er selber dann gehörig transformiert hat. Der heutige Staat hält jener deshalb »Konstruktionsfehler« vor; dergleichen möchte er sich selber nicht vorwerfen lassen.
So waren die Meinungen bei der eingangs erwähnten Diskussion sehr geteilt darüber, ob und wie Bildungspolitik den Faschismus verhindern kann oder könnte. Der Gedanke, ein in politisch-historischer Hinsicht verbesserter Unterricht könnte dazu beitragen, mutet an, fast zu schön zu sein, um ihn glauben zu können. Gerade die Ära des Faschismus nimmt ja auch breiten Raum im Geschichtsunterricht ein, ohne daß daraus ein Begriff jener Ideologie sich herauskristallisieren ließe, mit dem man eine Diskussion bestreiten, Faschisten widerlegen könnte. Das Einzige, was ein schulpflichtmäßiger Besuch etwa im KZ Dachau leistet, ist ja die absolute Verwerflichkeit faschistischer Politik zu zeigen und ebensolche der AfD ohne weiteres Argument nachzusagen.
Auf diese Weise, mit dem Zeigen des Grauens läßt sich allerdings nicht begründen, daß eine radikalisierte nationale Einstellung in ihrer Konsequenz ein Genozid nach sich zieht; das ist ja durchaus keine singuläre Erscheinung, ganz aktuell beispielsweise ja von den Zionisten in Gaza, Palästina und im Libanon seit Jahr und Tag vorgeführt. Aber genau diese Begründung aus dem Nationalismus heraus vermeidet eine Bildungspolitik. Denn damit gäbe sie ja mit ihrem (nicht ganz so radikalen bzw. jedenfalls nicht in dieser Form radikalen) Nationalismus zu, selber den besten Nährboden für den Faschismus abzugeben.
Ja, gebildete Menschen sehen immerzu bessere Optionen, wie der Staat zu Erfolg kommt, zu Machtgewinn. Sie legen sich auch in Pose, selber ihm dazu zu verhelfen. Im Extremfall ringen sie sich sogar dazu hindurch, Politiker zu werden, also Verantwortung für den Staat zu übernehmen. Das wollen die von der AfD nicht minder. Der Unterschied ist lediglich der, daß die auf dem Standpunkt stehen, daß mit der gegenwärtigen Staatsräson kein Blumentopf (mehr) zu gewinnen ist: Daß also aufgeräumt werden müsse mit all der Bürokratie und dem politischen Geschachere, weil es den Blick auf die nationalen Notwendigkeiten verstelle, auf die einzig senkrechte Aufgabe, den deutschen Staat wieder großartig zu machen. Jene Partei wirft also der amtierenden Obrigkeit vor, seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein, und schlägt einen radikalen Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel vor, die Nation wieder erfolgreich und respektabel zu machen. Allerdings mutet das als ziemliche Luftschlägerei an: Denn schließlich läßt es der demokratische Staat nicht an Migrantenfeindlichkeit fehlen, läßt es ebensowenig fehlen Druck auf die auszuüben, die aus dem Erwerbsleben herausgefallen oder noch gar nicht eingetreten sind. Und auch am Einsatz unmittelbarer Gewalt läßt er es nicht fehlen. Die Polizei ist ohne wirklich existierenden Grund zu einer Bürgerkriegsarmee hochgerüstet worden. Das Militär wird aufgerüstet, was das Zeug hält, ein Stellvertreterkrieg um den Einflußbereich in Europa wird mit Milliarden geführt. Für Faschisten wahrlich kein leichter Stand, aber so soll es ja nach maßgeblicher Meinung durchaus sein. Es soll gleichsam einen produktiver Wettbewerb stattfinden, in dem die Faschisten den kürzeren ziehen.
Auch daraus läßt sich ein Schluß ziehen: Zwischen den herrschenden Demokraten und den Faschisten gibt es ziemlich viel Übereinstimmung. Der Weg zum nationalen Erfolg ist gar nicht so verschieden. Späne fallen allenthalben da ab, wo gehobelt wird. Unterm Strich entscheidet der Erfolg.
Bekanntlich zeichnen sich Demokratien dadurch aus, daß Wahlen über die Personen (direkt oder vermittels Parteien) darüber befinden, wer die Staatsgewalt ausüben darf. Und es scheint ja gerade so, daß die Demokraten die Faschisten als die nützlichen Idioten brauchen, welche sie per Wahl besiegen können. Ansonsten erscheinen die Wahlen so witzlos, daß sie bis vor kurzem noch nicht von ungefähr zu »Richtungswahlen« hochstilisiert werden mußten (und dann haben Union und SPD doch stets gemeinsame Sache gemacht, wenn sie nicht gerade mal Parteien wie die Grünen oder die FDP einbinden konnten). Kurzum, als Salz in der Suppe, zur Unterstreichung der Wichtigkeit des Ganges zur Wahlurne – und das kann man den medialen Meinungsmachern sowie den ständig erhobenen Meinungsumfragen lässig entnehmen⁵ – kommen die AfD-Faschisten gerade recht.
Nochmal zurück zu der oben genannten Diskussion: Es stellte sich die Frage, ob die Bildungspolitik die Dummheit hervorbringt, die die Rechtsaußenpolitiker kennzeichnet. Es wurde festgestellt, daß die Abgeordneten jener Partei durchaus nicht selten höhere Bildungsabschlüsse vorzuweisen haben. Es ist also bei aller politischen Dummheit möglich, sich durchaus für den ein oder anderen Beruf in der Gesellschaft zu qualifizieren. Das kann die Bildungspolitik offenkundig nicht ausschließen. Und will sie sicherlich auch nicht. Was sie will, ist, daß solche Gestalten nicht an einflußreiche Stellen, insbesondere im öffentlichen Dienst gelangen. Da wird dann allenthalben ganz anders vorgegangen, da wird dann die staatliche Gewalt in Form des Rechts ins Spiel gebracht: Der Bewerber muß die Treue zu Staat und Staatsform unter Beweis stellen, ansonsten kann einem der Job verweigert werden. Bislang ist das gegen die AfD nicht geschehen. Eine Beobachtung durch die Staatssicherheitsbehörden freilich soll durchaus eine Abschreckung entfalten, für jene Partei etwas übrig zu haben. Viel mehr als das Pochen auf die Staatsgewalt fällt übrigens auch einem Professor für Didaktik der Sozialkunde und für Politische Bildung nicht ein.⁶
Fazit:
Bildung ist funktionelle Bildung, die für die Aufgaben, die der Staat und seine Wirtschaft haben, qualifizieren. Ein affirmatives Staatsbürgerbewußtsein wird unterstellt und im Ausbildungswesen fast ausschließlich moralisch begleitet, sofern dafür Raum bleibt (wie im Geschichtsunterricht) oder geschaffen wird. Eine Staatskritik als solche, also eine, die den etablierten Gewaltgebrauch einschließlich dem stummen Zwang der kapitalistischen Verwertung als Ursache für den faschistischen »Auswuchs« aufs Korn nimmt, ist dabei selbstverständlich nicht vorgesehen.
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¹ Die Menschenwürde darf zwar nicht von den Bürger angetastet werden, wohl aber offenbar vom Gesetzgeber selber.
² Dabei sei nicht verschwiegen, daß die DDR mit ihrem Nationalismus, die sie allenthalben ihrem Sozialismus vorangestellt hat – ihre Bürger sollten sich zu ihrem Vaterland bekennen –, eine günstige Grundlage für einen radikalisierten Nationalismus geschaffen hat. Der hat sich zunächst in dem Wunsch geäußert, einem größeren und mächtigeren Staat anzugehören als es die DDR zu sein vermocht hatte. Enttäuscht davon, dort im Westen als Underdog angekommen, rekurrieren national Gesonnene auf ihren Anspruch, doch (auch) etwas Besseres zu sein und zu einer besseren Staatsräson zu gehören, als ihnen die BRD offenbart hat.
³ Dies zeigen die Ergnisse in den Wahlkreisen, in denen sie hauptsächlich wohnen.
⁴ Die CSU hat beansprucht, daß rechts von ihre keine weitere Partei entstehen darf. Das heißt, alles, was sich als weiter rechts als sie selber für angemessen hält, versteht, soll sich gefälligst dieser Partei unterwerfen.
⁵ Eine gewisse Ausnahme stellen die Meinungsmacher der Springer-Medien (Bild, Welt, ntv) dar, die gerne die AfD verantwortungsvoll eingebunden sehen möchten. Ebenso Sahra Wagenknecht, die mittlerweile ihrer Website zufolge die »Brandmauer« im Interesse einer wahren Volksgemeinschaft einreißen möchte. Im Dezember 1922 bereits hatte sie es nicht zufällig auf den Titel des faschistischen Magazins Compact gebracht, welches sie für »die beste Kanzlerin« hielt.
⁶ siehe Interview mit Prof. Andreas Petrik in der Süddeutschen Zeitung vom 29.12.2025
15.03.2026 © Kommunikation & Kaffee Augsburg
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