Was fehlt der Welt?
Im Grunde nichts. Alles, was man zum Leben braucht, ist vorhanden. Sogar im Übermaß. Nicht zuletzt ist alldieweil von einer Wohlstandsgesellschaft die Rede. Was fehlt – zumindest den allermeisten Individuen –, ist der Zugriff darauf. Denn wie jedem Kind schon frühzeitig eingebläut wird, man darf nicht »stehlen«! Dafür sorgt bekanntlich die staatliche Gewalt mit ihren Sanktionen im Falle einer Mißachtung. Saublöde Sache! Man will eine Sache und kriegt sie nicht!
Also was verhindert die Erfüllung eines Wunsches? Dafür braucht es ja in aller Regel keine Sicherheitskraft, die ein Kaufhaus, ein Warenlager bewacht. Dies verhindert ganz schlicht und simpel ein abschreckendes Preisschild, das den Begehrenden einer Sache darüber aufklärt, wie viel er zu berappen hat, um sie sich zu übereignen. Man muß also ein Mittel haben, mit dem man es gegen das gewünschte Gut eintauschen kann. Dieses Tauschmittel, auch Zahlungsmittel genannt, ist, wie alle wissen, das Geld. Ohne über das zu verfügen, schiebt sich nichts herüber. Doch man gibt, so man es hat, das Geld gerne hin, was soll man denn sonst damit anfangen? Ziemlich frustrierend ist es freilich, wenn man immerzu zuwenig Geld hat und man sich deshalb seine Ausgaben überlegen und einteilen muß.
Das versteht sich nur deshalb von selber, weil man es nicht anders weiß: Es ist der Staat, der den Wert qua seiner Geldhoheit garantiert. Somit ist das Geld kein wertloses Zeug, kein Zettel Papier oder online verfügbarer Betrag, den man selber herstellen kann. Wer das trotzdem tut, riskiert selbstverständlich eine gehörige Bestrafung.
Von der anderen Seite aus, von Seiten des Verkäufers sieht die Sache ganz anders aus. Der verfügt über Sachen, an deren Gebrauchswert er kein Interesse hat. Sein Interesse besteht darin, diese seinerseits einzutauschen, um damit an das Tauschmittel, das Geld des Käufers zu gelangen. Denn im Gegensatz zum Käufer kann er mit diesem von jedem unmittelbaren Gebrauchswert losgelöstem Ding, dem Geld etwas anfangen. Für ihn ist Geld kein bloßes Tauschmittel, sondern wesentlich Wertäquivalent der veräußerten Ware, Tauschwert, Kapital. Damit nämlich kann und will er Geschäfte machen. Er will also das eingenommene Geld gewissermaßen für sich ausbeuten, arbeiten lassen, damit es sich vermehrt.
So unterscheiden sich zwischen denen, die Geld ausgeben, und denen, die Geld einnehmen, die Interessen und somit ist unleugbar eine Gesellschaft von Klassen konstituiert, deren Vorstand und Garant der Staat ist.
Der Staat sorgt in seinem eigenen Interesse dafür, daß das so bleibt und sich entwickelt. Denn seinerseits hat er das Interesse, von diesem Zustand zu profitieren. Er schustert sich einen nicht unerheblichen Teil des Geldes zu, das in seiner Gesellschaft verdient wird. Die Geschäftemacherei ist also nicht allein für die Geschäftswelt profitabel, sondern soll einem höheren Zweck dienen, dem Staatsinteresse. Das besteht selbstredend nicht darin, Geld zu erwirtschaften, für den Staat ist Geld Mittel zum Zweck, seine Macht einerseits aufrecht zu erhalten und andererseits sie auszubauen. Was diesen Ausbau anbelangt, so schließt dieser die Notwendigkeit ein, seiner Geschäftswelt neue Profitmöglichkeiten zu erschließen, von denen selbstredend der Staat dann seinerseits wieder seinen Anteil nehmen kann. Bei allem gegensätzlichen Interesse von Staat und Geschäftswelt besteht gerade jenseits der geografischen Grenzen eines Landes eine fundamentale Symbiose zwischen Gewalt und Geschäft.
Was macht der Staat nun mit dem eingenommenen Geldern? Er unterhält damit zu den bereits genannten Zwecken seiner mit Geld eingerichteten Gesellschaft einen Staatsapparat, der umso unfangreicher ausfällt, je erfolgreicher seine Wirtschaft ist. Denn mit dem Erfolg wachsen die Ansprüche. Zu diesem Staatsapparat gehören in erster Linie die Gewaltmittel, die ja überhaupt einen Staat ausmachen. Das ist kein Geheimnis. Jeder Idealismus über den Staat blamiert sich an dieser Realität.¹
Angesichts seiner Lage und gemäß seinen Ansprüchen wird der Staat notwendigerweise selbstkritisch. Er entdeckt allenthalben Lücken und Versäumnisse, kurzum, er ist immerzu unzufrieden, gerade hinsichtlich seiner unmittelbaren Gewaltmittel, für die sein eingenommenes Geld nie ausreicht. Vorteilhaft ist allenthalben seine schier grenzenlose Verschuldungsmöglichkeit. Das liegt daran, daß viele Investoren seine Staatspapiere gerne nehmen, weil ihnen die Sicherheit staatlicher Gewalt ein gewaltiges Gütesiegel für lässige Profite ist, auf die jene aus ihrem Sachzwang – der Kapitalverwertung heraus – nicht verzichten können. (Mit seiner Verschuldung subventioniert der Staat somit die Nöte des Kapitals. Eine in der Tat bewundernswerte Effizienz!)
Damit auch das auf der vorwärtstreibenden Schiene bleibt, legt sich der Staat mächtig ins Zeug. Nach innen filtert er seine Auf- und Ausgaben nach Vordringlichkeiten und Einsparmöglichkeiten, Entbehrlichkeiten zumal. Daraus ergibt sich so manche gnadenlose Härte gegen jene Bürger, die er als unzureichend produktiv, so überhaupt produktiv erachtet. Bei den Produktiven kennt er Unterschiede: Wer »nur« Konsumgüter herstellt und davon viel zu viele, so daß sie schwerlich noch länger Abnehmer finden, denen bietet er an, doch unmittelbar für den Staat Gewaltmittel zu produzieren. Er ist davon überzeugt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Zum einen hebt er seine Militärmacht auf ein neues und damit vollauf kriegsfähiges Niveau, zum anderen dient er einem notleidenden Geschäftswesen (wie der deutschen Autoindustrie). Über den eigenen Bedarf hinaus lassen sich mit dem Verkauf von Waffen Abhängigkeiten und Einnahmen verschaffen, die ebensowenig zu verachten sind.
Nach außen versucht der Staat, anderen Staaten seine Bedingungen zu diktieren. So die nicht spuren – und welcher Staat macht das schon so ohne weiteres? –, setzt er seine ökonomischen und gegebenenfalls seine militärischen Machtmittel ein. Der Staat ist der letzte, welcher hier nicht offensiv zu Werke geht. Gerade deshalb gelten die USA als geliebtes, großes Vorbild (ganz unabhängig von bisweilen weniger beliebten Präsidenten).
Wie nie zuvor steht die Welt heute da, wo die Protagonisten der relevanten Staaten insbesondere die des »freien Westens« sie hinmanövriert haben: Am Rand eines globalen nuklearen Schlagabtausches.
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¹ Gerade linksorientierte, sozial eingestellte Leute sind ja oft der Meinung, der Staat hätte doch zumindest auch für die Schlechtgestellten einer Gesellschaft »angemessen« (da gibt es viele Interpretationsmöglichkeiten!) zu sorgen. Sozial Bewegte übergehen die Frage, warum jene schlecht gestellt sind, vom Reichtum der Gesellschaft ausgeschlossen sind und ausgeschlossen bleiben.
22.10.2026 © Kommunikation & Kaffee Augsburg
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Übrigens: Dieser Artikel wirft einigen sicher weitergehende Fragen auf. Wer Interesse an deren Klärung hat, kann sich jederzeit zu einem Kapital-Lesekreis in Augsburg anmelden.
